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Jüdische Rundschau · 1929-11-22 · Heft 92 (22.11.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 92 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 92. 22. XI. 1929 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seit« 017 Den größten Schlag gegen jeden Versuch einer jüdischnationalen Autonomie hat jedoch die Regierung durch die Abänderung des Kultusgesetzes geführt, trotzdem diese Ab- Änderung die einmütige Ablehnung aller maßgebenden iüdisehen Faktoren im ganzen Reiche gefunden hat. Das Kultusgesetz, wie es noch von der liberalen Regierung gesenaffen wurde, gab den Juden die Möglichkeit, die Kultusgemeinden ganz im Sinne von jüdischen Volksgemeinden zu organisieren. Das wesentliehe aber war, daß das liberale Kultusgesetz das Prinzip der Einheitlichkeit der jüdischen Kultusgein e i n d e als Zwangsgemeinde aussprach. — Durch das neue, von den Nrftionalzaranisten beschlossene Gesetz werden alle früheren Vorteile aufgehoben, das neue Gesetz gestattet die Bildung von unbeschränkt vielen Kultusgemeinden an einem und demselben Orte und hat so alle Hoffnungen auf eine Zusammenfassung der jüdischen Kräfte und aut einheitliche Organisierung der jüdischen Wohltätigkeit zunichte gemacht. Der Unwille der jüdischen Bevölkerung gegen diese unaufrichtige schädliche Taktik der rumänischen Regierung wächst von Tag zu Tag. Der jüdisch-nationale Pariamentsklub hat sich bisher in seinem Verhalten von der Hoffnung leiten lassen, daß die nationalzaranistische Regierung ihre Versprechungen doch einmal erfüllen wird. — Er wird zukünftig seine Einstellung zur Regierung grundsätzlich ändern müssen, da das letzte Jahr zur Genüge den Beweis erbracht hat, wie wenig ernst die gegenwärtige Regierung an die Erfüllung ihrer Versprechungen denkt. in der letzten Zeit haben in Rumänien in einigen Städten Kultusratswahlen stattgefunden. So vor wenigen Monaten in Czernowitz und jetzt vor einigen Tagen in Chisinau (Kischenew). In beiden Fällen hat sich die betrübende Erscheinung gezeigt, daß die Zersplitterung unter der jüdischen Bevölkerung ganz ungeheuerliche Dimensionen angenommen hat. ln Cernauti gab es acht verschiedene Listen, in Chisinau bewarben sich sogar 14 Listen um die Stimmen der Wähler. Die Folge davon war in beiden Fällen eine weitgehende Zer- Splitterung der Stimmen, wozu noch kommt, daß große Teile der jüdischen Bevölkerung überhaupt nicht zur Urne gehen, wahrscheinlich, weil sie durch die unerträglichen jüdischen Zwistigkeiten jedes Interesse an der jüdischen Gemeinde verloren haben. — In Cernauti und in Chisinau haben sieh nahezu 50 »י״ der Stimmberechtigten von der Wahlbeteiligung enthalten. Eine weitere betrübende Erscheinung ist die, daß es der Zionistischen Organisation (oder der jüdisch-politischen Organisation, welche das zionistische Programm vertritt), nicht gelungen ist, diese Zersplitterung zu verhindern und große Wählermassen mit Hilfe ihres Programmes auf ihre Liste zu vereinigen. — Die Folge davon ist, daß die zionistische Gruppe viel zu schwach ist, daß sie nicht viel anders ist, als eine Gruppe unter vielen andern und daß es durch die Zer- Splitterung unmöglich erscheint, die gewählte Kultusvertretung arbeitsfähig zu machen und so die Zeit der aufreibenden Wahlpropaganda durch fruchtbare konstruktive Arbeit abzulösen. — Das bereits erwähnte neue Kultusgesetz leistet dieser innerjüdischen Zersplitterung noch weiteren Vorschub, und es ist bedauerlich, daß das rumänische Judentum nicht die Kraft findet, aus eigenem Willen und im Interesse der jüdischen Gemeinschaft auf diesen häßlichen inneren Kampf zu verzichten. * Bukarest, 14. November. (J.T.A.) Am 2. November, dem 12. Jahrestage der Verkündung der Balfour-Deklaration, fand in Bukarest die provisorische Konstituierung eines rumanischen Pro Palästina-Komitees statt. Dem Iniüativ-Komitee gehören an der Dekan der Advokatenkammer und frühere Minister Florescu, der frühere Minister Universitäts- 'pfbftssor Tratfcti-L'ifiil''UÄrversitätspf6'ftSs’or‘OE!Päth8ny Ädvö- Kat Birnberg, Rabbiner Dr. Halevy u. a. m. Das hebräische Schulwesen in Litauen. Vor kurzem fand im Beth Am Iwri unter Vorsitz des Herrn Jehoschuah Gutmann ein Vortrag des Herrn Dr. M. Jardeni Sak heim, Direktor des Hebräischen Gymnasiums in Wilkowischki, über das hebräische Schulwesen in Litauen statt. Hebräische Schulen gebe es auch in anderen Ländern, sagte der Vortragende, aber in Litauen si nd sie eine normale, gewöhnliche Erscheinung. DO 0/0 aller jüdischen Schüler werden in hebräischen Schulen erzogen. In den hundert hebräischen Volksschulen bekommen fast 10 000 jüdische Kinder, in 15 hebräischen Mittelschulen fast 2000 jugendliche ihre Ausbildung. Außerdem existieren viele hebräische Kindergärten und ein hebräisches Lehrerseminar. Die Volksschulen werden vom Litauischen Bildungsministerium, die Mittelschulen, die privaten Charakter tragen, von Eltern- oder gesellschaftlichen Komitees erhalten, Die Mittelschulen werden auch von der Regierung teilweise subventioniert. In den meisten Schulen herrscht das Koedukationssystem.Nach zehnjähriger Ent- Wicklung hat das hebräische Schulwesen eine gewisse Höhe erreicht und unablässig wird daran gearbeitet, das allgemeine und umfangreiche jüdische Lehrprogramm zu vervollkommnen. Der Vortragende schilderte den Einfluß der hebräischen Schulen auf das jüdische Leben. 30 °/0 der jüdischen Bevölkerung Litauens versteht hebräisch. Trotz innerem Aufstieg hat slcn die materielle Lage der hebräischen Schulen in den letzten Jahren sehr verschlechtert. Infolge der wirtschaftlichen Krise, ln welcher sich die litauische Judenheit befindet, ist es vielen Eitern nicht mehr möglich, das Schulgeld zu bezahlen. Dank dem Enthusiasmus der hebräischen Lehrerschaft lind der enerfischen Tätigkeit der Tarbuth-Organisation, der das hebräische chulwesen untersteht, schloß der Redner, werde es aber bestimmt gelingen, der vielfachen Schwierigkeiten, die einer gedeihlichen Entwicklung der hebräischen Schulen im Wege stehen, Herr zu werden. Dr. A. R. Zeitschrift ״Palästina“. Soeben erschien Nr. 10/U dieser von Adolf Böhm (Wien) redigierten Zeitschrift als S o n י dernummer: Sani tat Dr. A. Karnelson, Jerusalern, gibt ein umfangreiches Referat über die Bevölkerungs- Statistik Palästina, zum Teil mit nlcht-publiziertem Material. Chefarzt Dr. B. Ortinfelder, Jerusalem, schreibt über die Säuglingskleinkinder und Schwangerschaftsfürsorge. Er beschreibt eingehend die großen Leistungen der jüdischen Organisationen. So hat z. B• das Infant Welfare Work im Jahre 1922 zwei Stationen mit 486 versorgten Säuglingen, 1927 deren 17 mit 5235; die Sterblichkeit ging von 7,8 0(׳ auf 3,7 »A> zurück. Dr. Sig. Peiler (Wien) schreibt über das Malariaproblem in den jüdischen Siedlungen. Dr. Josef Majer (Tel-Awiw) schreibt über die Aroeiterkrankenkasse (Kupath Cholim) und «mreißt ihre Stellung innerhalb der Krankenfürsorge. Wunderlich (Jerusalem) gibt aus der Medizinalstatisfik die Daten für 192/ und betont die starke Inanspruchnahme der sanitären Einrichtungen durch Juden. In einer Uebersicht über die Unruhen in Palästina wird eine knappe Zusammenfassung der Tatsachen und eine vollkommene Liste der Schäden gegeben. Ueber die politische Seite der Unruhen schreibt Dr. Ernst Simon (Jerusalem). Ueber die Landwirtschaft und ihre Ergebnisse Dr. KarlSchwager. Eine reichhaltige Rubrik ״Nachrichten und Daten“ und eine Bücherschau beschließen das Heft 9 Zionisten und Nichtzionisten Eine nichtzioniatische Aeaßerting Wir veröffentlichen nachstehend die wichtigsten Teile der Rede, die Ministerialrat Dr. Otto Hirsen in der Ver• Sammlung in Berlin am 17. d. M. gehalten hat Diese Rede scheint uns darum besonders bemerkenswert» weil hier in überaus sachlicher und vornehmer Form die Anschauung eines Nichtzionisten, der sich dem Palästinawerk angeschlossen hat, dargelegt wird. Wir glauben, daß es der geistigen Auseinandersetzung im deutschen Judentum nur förderlich sein kann, wenn auch Zionisten die Anschauungen vati Nichtzionisten kennen lernen, zumal wenn sie mit ihnen von nun an in der Palästinasache Zusammenarbeiten. Ueber den ersten Teil des Abends mit den Reden von Herrn Tietz und Dr. Brodetsky haben wir schon berichtet. Vor der Rede Dr. Hirschs Weit der Vorsitzende des Abends, Kurt Blamenfeld eine Ansprache, worin er ungefähr folgendes äusführte: Die Ereignisse in Palästina haben uns dem Leben unseres Werkes, das nun in seiner ganzen Wirklichkeit vor uns stand, nähergebracht Die erweiterte Jewish Agency hat sich in dieser Zeit glänzend bewährt Aber sofern es zu einer Auseinandersetzung kommt, macht es oft nach außen hin den Anschein wie in manchen Wissenschaften, als ob die Terminologie wichtiger sei als die Sache. Auch in der Politik ist aber die Terminologie weniger wichtig als die wirkliche Substanz, die eine Sache tragt. Politik ist eine Funktion von Lebensmächten, bei der man nicht mit statischen, sondern mit dynamischen Faktoren rechnen muß. Wenn man z. B. die Frage aufwirft, ob die Juden die ״Majorität“ im Lande werden sollen, so ist dies eine Ueberlegung, die nicht durch eine Formel gefaßt werden kann, sondern im Zusammenhang steht mit den Kräften, die das Werk tragen. Einem werdenden Werk kann man keine Begrenzungen anlegen. Es wird erzeugt durch die seelische Spannung im Judentum, dadurch, daß es Juden gibt, die, ohne zu fragen, nach Erez-lsrael gehen, weil diese jüdische Welt sich imstande fühlt, etwas Unbegrenzbares zu tun. In der Erkenntnis, daß solche Kräfte im Judentum am Werke sind, haben wir die Jewish Agency gebildet, eine neutrale Organisation, paritätisch, ein wahres Bündnis. Es gibt zwei Sorten von Neutralität. Die eine bedeutet: Keiner darf etwas sagen; die andere aber, die echte Neutralität, bedeutet: jeder darf alles sagen, soll sogar alles sagen, was er meint, mit einer Einschränkung: Keiner darf dem anderen eine Gestnnung vorschreiben. Jeder Nichtzionist hat das Recht und die Pflicht, seine Anscnauung ungehindert darzulegen, sowie jeder Zionist das Recht hat, seine Anschauung zu vertreten. Aus vielen und verschiedenen Quellen ist der Strom entstanden, der heute dieses Werk trägt. Es sind viele Quellen, aber e i n Ziel: das ״Jewish National Home“ in Palästina. Für dieses Ziel stehen wir zusammen, Menschen verschiedener Gesinnung, die untereinander auch um ihre Gesinnung kämpfen. Erscheinungen, wie wir sie heute erleben, daß einige Juden glauben, der Augenblick sei gekommen, wb man mit Schaden- Freude herfallen kann über das Werk der Jewish Agency, sind ganz interessant für die seelische Verfassung weiter Teile der deutschen Judenheit, aber unerheblich für aas Werk, das wir durchführen wollen. Wenn wir das Werk in Palästina bewerten, so müssen wir uns darüber klar sein, daß es in jeder menschlichen Gemeinschaft Gewöhnliches und Unzuiängliches gibt, aber nicht dies macht das Charakteristische aus. Wir müssen uns vielmehr fragen, was es dort Außerordentliches gibt, an Mut, an Leistung, an Charakter, an menschlicher Hingabe, an Schaffung neuer Werte. Dies ist das Wesentliche, und nicht die Untersuchung, was es auch Unzulängliches dort gibt. Man soll sich vor SelbstQber- Schätzung hüten, aber man soll den Mut haben, ja zu sagen zu dem Werdenden und mit Entschlossenheit sich hinter die Sache zu stellen. Daß wir vereint sind in diesem Ziel, macht uns glücklieh, und wir begrüßen es, wenn wir mit unseren nichtzionistischen Freunden zusammen sind, und wenn auch sie, deren Terminologie zum großen Teil anders ist als die unsere, ihre Anschauungen frei darlegen. Ministerialrat Otto Hirsch (Stuttgart): Ich bin als Ni ch tzi on i s t gebeten worden, zu Ihnen zu sprechen. Ich glaube, das hat einen guten Sinn. Denn es scheint mir nützlich, einmal in diesem Kreis, in dem ja nach den Worten des Herrn Vorsitzenden kein Gesinnungszwang geübt werden soll, zu sagen, was Zionisten und Nichtzionisten in Deutschland trennt, um umso klarer dazu zu kommen, was uns eint. Das deutsche Judentum befindet sich zurzeit in einem beklagenswerten Zustand, nicht deshalb, weil uns Gefahren von außen drohen, nicht wegen der Ereignisse in Palästina, sondern wegen der Art, wie wir das alles aufnehmen. Eine steigende Flut des Antisemitismus umgibt uns. Ich verweise nur auf zwei Beispiele, den zunehmenden wirtschaftlichen Boykott und die Verschärfung des Judenhasses an den Hochschulen. Gleichzeitig treffen uns die tragischen Vorfälle in Palästina. Man hätte erwarten können, daß die Vereinigung von Nichtzionisten und Zionisten in der Agency einen Auftneb bildet für das Einheitsb ewu ßtsein der deutschen Juden unter sich und mit den Juden der ganzen Welt. Statt dessen ist der Zustand eingetreten, den wir jetzt vor uns sehen, ein Krieg von Juden gegen Juden, ein Kampf der ״Erklärungen", der jeden Juden der es ernst meint mit deutschem Judentum und deutscher Judenheit, aufs tiefste erschüttern muß. Darüber muß offen gesprochen werden, weil ich glaube, daß Vertuschung der Gegensätze unserem Werk nichts nützt. Wir Nichtzionisten haben die wichtige Aufgabe, Anhänger zu werben für den Aufbau des jüdischen Palästina unter den deutschen Nichtzionisten, und dies können wir nur, indem wir klar sagen, was uns vom Zionismus unterscheidet, wenn es uns auch nicht hindert, am Aufbau Palästinas mitzuarbeiten. Was trennt uns deutsche Nichtzionisten vom Zionismus? Ich möchte nicht in die Begriffsspalterei über Nation, Volk usw. verfallen, sie hat keinen Wert, da das lebendige Leben über solche Begriffe hinweggeht. Der Zionist sieht in Palästina seine jüdische und menschliehe Hauptaufgabe, der Nichtzionist sieht in der Mitarbeit an Palästina eine seiner Aufgaben; eine wichtige und wertvolle, aber nicht die Aufgabe. Der Zionismus glaubt, daß Eren- Israel d i e Lösung der Judenfrage sei. Wir glauben, daß der Aufbau Palästinas einer der Wege zur Erhaltung und Entfaltung des Judentums ist. Der Zionist sieht in Palästina den Mittelpunkt des Judentums, in kultureller oder in religiöser und jedenfalls in politischer Hinsicht Wir deutschen Juden sehen den Mittelpunkt unseres politischen und kulturellen Lebens ln" Deutschland; Deutschland Ist uns nicht Galutli, sondern Heimat, und wir wollen, daß auch unsere Kinder und Kindeskinder In Deutschland ihre Heimat behalten. Wir glauben, daß es eine Vereinigung von Deutschtum und Judentum gibt, und daß es wichtig ist, sie festzuhalten, auch für die Zukunft. Wir glauben, daß diese Vereinigung fruchtbar ist für Deutschtum und Judentum. Aber wir glauben nicht, daß die Güte des Deutschtums darin zum Ausdruck gebracht werden muß, daß man den Zio* »Ismus ״eine üble Dekadenzerschdmuig“ nennt, so wenig, wie man umgekehrt die Güte seines Judentums dadurch beweist, daß man die ״Erklärung deutscher Juden“, die auch ich verurteile, als ״unter dem Volksbegehren stehend“ bezeichnet Ich glaube, daß man gut deutsch sein und doch mit ganzem Herzen mitarbeiten kann an dem Palästina-Werk. Ich glaube aber auch, daß man sogar ein guter Jude sein und es doch unter den gegenwärtigen Verhältnissen ablehnen kann, am Palästina-Aufoau mitzuarbeiten. Man kann ein guter Jude sein, aber wir iricbtzionistischen Anhänger der Agency wünschen, daß diese guten Juden bessere Juden dadurch werden, daß sie für den Palästina-Aufbau gewonnen werden. Dazu brauchen wir die Mithilfe der Zionisten. Sie sollen dem Nichtzionisten nicht die gute jüdische Gesinnung absprechen. Wir wollen uns nicht entgegenhalten lassen: ihr seid nur Anhängsel der Zionisten. Wir wollen das auch deshalb nicht, weil wir glauben, daß gerade unter den heutigen Verhältnissen es von außerordentlicher Bedeutung ist, daß die Welt und vor allem die arabische Welt sich klar darüber wird, daß für den Palästina-Aufbau auch Menschen eintreten, die es nach ihrer ganzen Einstellung weit von sich weisen können, Chauvinisten zu sein. Nicht als ob ich glaubte, daß der zionistische Partner der Agency, die offizielle Vertretung des Zionismus, den Vorwurf des Chauvinismus verdiente, aber im Kampfe gegen die Behauptung, der Palästina-Aufbau sei ein Ausfluß des jüdischen Chauvinismus, ist niemand ein besserer Bundesgenosse als der, der sogar den jüdischen Nationalismus ablehnt und von jeher abgelehnt hat. Die Feststellung der Trennungslinien zwischen Zionisten und Nichtzionisten geschieht nicht aus Taktik, sondern um der Wahrheit willen. Wir wollen uns klar sein über das trennende Denken, um darüber hinweg zu gemeinschaftlichem Handeln zu kommen. Dieses gemeinschaftliche Handeln gilt einem Werk, dem man verbunden ist, wenn man auch aus verschiedenen Motiven dazu gelangt ist Nichts hat mich so gepackt bei der Gründungsversammmng der Jewish Agency in Zürich als die Worte Usslschkins, mit denen er sein Kind, das Kind des Zionismus, der erweiterten Agency überantwortet hat. Er sprach aus: ״Wir bringen Euch die Balfour-Deklaration, wir bringen Euch über hundert Kolonien, große Mengen Grund und Boden, die Chaluzim-Bewegune, wir bringen Euch die lebende hebräische Sprache, die jüdische Universität, die Begeisterung der jüdischen Welt" Diese große, unvergängliche Leistung ist es, vor der wir Nichtzionisten uns neigen, auch dann, wenn wir uns ganz klar sind über die ungeheuren Schwierigkeiten, denen dies« Werk begegnet und weiter begegnen wird, Schwierigkeiten, von denen wir glauben, daß sie nur dazu da sind, um von uns Juden bewältigt zu werden. Was wir wünschen, ist nicht nur, daß dieses Werk Bestand hat, daß es nicht untergeht, weil damit ein Stack, vielleicht das beste Stück Judenheit und Judentum unterginge — zum Schaden auch aller anderen Teile — nicht nur deshalb arbeiten wir mit, sondern weil wir wünschen, daß es fortgesetzt werde, blühe und gedeihe, daß es auch tür uns deutsche Juden ein Quell jüdischer Erneuerung und jüdischer Zukunft werde. Denn wir glauben allerdings, daß es eine Einheit des Judentums gibt, die auch das deutsche Judentum umfaßt und daß es nicht wohlgetan ist, diese Einheit zu leugnen, auch nicht von den deutsehen Juden, die nicht auf dem Boden der Mitarbeit an Palästina stehen. Aber die Einheit von Judentum und Judenheit ist keine homogene, sie ist vielgestaltig, und innerhalb ihrer ist das deutsche Judentum nicht der schlechteste Teil, und auch die Erhaltung dieses deutschen Judentums in seiner Art für die Zukunft von Judentum und Judenheit Das ist die Auffassung, die ich und meine Freunde von diesem schweren Problem haben, dessen Schwere auch diejenigeq von Ihnen erkennen müssen, die nicht auf diesem Boden stehen. Die Zionisten dürfen nicht glauben, daß es nur Mangel an jüdischer Gesinnung, Bequemlichkeit, bewußte oder unbewußte Furcht um die Erhaltung des bürgerlichen Daseins in Deutschland ist, was so viele zu Gegnern der Jewish Agency und des Palästina-Aufbaus macht. Gewiß gibt es auch alle diese Beweggründe, aber es gibt auch ernste, gewissenhafte, verantwortungsvolle und sehr jüdische Menschen, die mit sich ringen, weil sie dieses Werk in der Hand und Im Geist von Menschen geleitet sehen, die in anderer Beziehung ihren Anschauungen nicht entsprechen. Es ist ein Problem, mit dem jeder einzelne ringen muß, wenn er ein wertvoller Mitarbeiter werden soll Ich halte nichts von denen, die durch bloße Ueberredung ge- Wonnen werden; wirklich wertvoll sind die, denen diese Probleme Gegenstand innerer Kämpfe sind. Deutschtum und Judentum lassen sich vereinigen in dem lebendigen Menschen, der sich seiner Verantwortung vor Deutschtum und Judentum bewußt ist. Wenn es gelingt, über die verschiedene Herkunft, die verschiedenen Vorstellungen hinweg sich zu gemeinschaftlichem Werk die Hände zu reichen, dann ist unendlich viel gewonnen, nicht nur für Palästina, sondern auch für die Welt um uns, als ein Beispiel dafür, daß man verschieden denken und doch gemeinschaftlic h handeln kann. Daß es größere Dinge gibt als die eigene Meinung, nämlich das Werk. Um dieses Werk ist es auch uns zu tun, nicht weil es Palästina heißt, sondern weil es sich um die Erhaltung des Judentums ln der Welt handelt. Wenn sich von solchen Gedankengängen auch das Zionisten und Nichtzionisten gemeinschaftliche Organ der Agency leiten läßt, woran es in der kurzen Zeit des Bestehens der Agency noch da und dort gefehlt hat, — wenn es uns dann gelingt, die noch abseits stehenden Massen der deutschen Juden zu gewinnen, dann wäre außer jenem Beispiel für die anderen und außer der Förderung Palästinas das wichtigste gewonnen: das Bewußtsein und die Förderung der Einheit des Judentu ms. Bibel in Urtexc und Uebertiagung. Daß eine Bibelvor- Iesung in hebräischem Urtext und uebertragung vor dem Berliner Publikum kein Risiko bedeutet, zumai wenn sie von zwei so guten Interpreten wie Irene Triesch und Manfred Geis gesprochen wurde, das bewies der Rezitationsabend der Beniner Zionistischen Vereinigung am Sonntag im Logenhaus. Mit großer Freude begrüßte das Publikum Irene Triesch, diese ernste große Künstlerin, die wir leider seit langem nicht bewundern konnten, die uns aber wieder einen Beweis ihrer großen Künstlerschaft brachte. Diese, mit ungeheurer Kraft der Gestaltung gebotene Erzählung von Simson und Daliiah aus dem Buche der Richter, das Siegeslied der Debora aus einem mit ungeheurem Jubel und Rache erfüllten _ den Zuhörern ein Erlebnis, ein Staunen vor dem ewig großen Werk der Bibel. Den Zweck dieses Abends, das Verständnis für die Bibel in hebräischer Sprache zu erneuern, erfüllte in höchstem Maße Manfred Gels, der mit ungewöhnlich schöner und klangvoller Stimme und vielem Können die Schön• helfen der Bibel Im Hebräischen voll zum Bewußtsein bracht«. Sein Programm, unter dem er besonders die Psalmen mit viel Innigkeit sprach, zog auch die Nichtkönner des Hebräischen in seinen Bann. Den Kennern des Hebräischen gingen von neuem die Schönheiten der hebräischen Sprache der Bibel auf.

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