Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 92 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 610 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 92, 32. XI. 1929 Aussprache zum Deleglertentag zu überzeugen sein, daß in diesem Augenblick jede Politik, die sich lediglich auf Demonstrationen, auf leere Drohungen stützt, eine Politik der Schwäche und eine Politik der Ohnmacht ist. Sie hat von HerzI, auf den sich die Opposition zu Unrecht beruft, gelernt, daß wir vor allem uns selbst helfen müssen, daß es daher entscheidend darauf ankommt, unsere eigene Machtposition zu stärken. Die Mehrheit des deutschen Zionismus hat nicht vergessen, daß die bedeutende Verstärkung der zionistischen Position seit der Balfour-Deklaration -־• die Er- Weiterung der Jewish Agency — gegen den erbitterten Widerstand der Revisionisten und der Radikalen durchgesetzt wurde, und daß in diesem jahrelangen Kampfe Weizmann von der Leitung des deutschen Zionismus entscheidend unterstützt wurde. Man ist im deutschen Zionismus mit dem Vorwurf des Landes- Verrats schnell bei der Hand. Daß Balfour-Deklaration und Mandat die Grundlage unserer Arbeit bilden müssen, daß es eine Hauptaufgabe zionistischer Politik ist, in andauernden Verhandlungen mit England die Erfüllung seiner Verpflichtungen zu verlangen — wer wäre von dieser Erkenntnis nicht durchdrungen? Wer aber keine Illusionspolitik treibt — und das ist glücklicherweise die Mehrheit des deutschen Zionismus —, der muß sich sagen, daß den dritten Grundpfeiler der zionistischeu Politik — neben unserer tatsächlichen Machtposition und neben den Rechten, die uns Balfour-Deklaration und Mandatsvertrag einräumen — der unbeirrbare Wüle zur Verständigung mit den Arabern bilden muß. Diese Verständigung läßt sich gewiß nicht heute und morgen, auch nicht durch ProMamationen und Beteuerungen herbeiführen. Aber der Zionismus arbeitet ja überhaupt nicht für heute und morgen, seine Ziele sind auf ferne Sicht gesteckt und nur in langwieriger, zäher Arbeit erreichbar. Er darf sich daher auch von den Schwierigkeiten, die im Augenblick einer Verständigung mit den Arabern entgegenstehen, nicht abschrecken lassen. Wenn Verständigung mit den Arabern als Ziel ernster Bemühungen feststeht, dann kann man über den Weg auch einmal verschiedener Meinung sein, ohne daß dies genügenden Grund zu einer parteipolitischen Trennung bietet. Es gibt sicher auch unter den allgemeinen Zjonisten nicht wenige, die sich manchen Artikel der ״Jüdisehen Rundschau“ anders im Ton gewünscht hätten, sie sehen darin aber keinen Grund, der Redaktion oder gar der Leitung des deutschen Zionismus das Vertrauen zu versagen, weil sic die Grundlinien ihrer Politik billigen und ihre Leistungen für den deutschen Zionismus anerkennen. ln keinem Lande Ist so viel für die Ausbreitung und Durch- Setzung des zionistischen Gedankens in den letzten Jahren geleistet worden, wie in Deutschland. Weite Kreise des deutsehen Judentums, weite Kreise der jüdischen Jugend sind heute von zionistischen Gedankengängen erfaßt und tief beeindruckt. Welche Umschichtungen sich im deutschen Judentum vollziehen, beweisen ja die Vorgänge der letzten Monate und Wochen zur Genüge. Die übertriebene Kritik, welche — insbesondere von der Gruppe um Dr. Kollenscher — an der Leitung geübt wurde, empfand man dabei in der Tagung vom 10. November als äußerst ungerecht, zumal da Dr. Kollenscher selbst jahrelang der Leitung der Z.V. f. D. angehörte. Vergebens hoffte man von ihm oder den übrigen Führern der Opposition auf der letzten Tagung ein Programm zu hören, das neue Methoden einer fruchtbaren Arbeit gezeigt hätte. IV; * ' Der Delegiertentag ist beschlossen. Die bevorstehenden Auseinandersetzungen un Wahlkampf und auf dem Delegiertentag werden eine weitere Klärung der Meinungen bringen. Wahre und vermeintliche Gegensätze werden hoffentlich klar herausgearbeitet werden und die Gruppen, denen entscheidende zionistische Voraussetzungen gemeinsam sind, werden sich erneut zu fruchtbarer Arbeit zusammenfinden. Der Delegiertentag muß der schweren Stunde, in der sich der Zionismus befindet, gerecht werden. Er wird über kleinlichen Zank und über Nörgeleien zur Tagesordnung übergehen müssen. Er wird eine zionistische Neuorientierung vorzunehmen und die Fragen unserer konkreten Arbeit sowohl in Deutschland als auch im Welt- Zionismus in den Mittelpunkt seiner Beratungen zu steilen haben. Dann, und nur dann kann aus diesem Delepertentag ein Nutzen für unsere Arbeit erwachsen. Siegen hingegen Kleinlichkeit und Parteiggezänk, dann wird er eine Schwächung des deutschen Zionismus bringen und damit eine empfindliche Schwächung des Zionismus überhaupt. Organisatorische Forderungen Von Dr. Georg Weißmann, Beuthen. Der Delegiertentag ist beschlossen. Es ist müßig zu erörtern, ob er notwendig war. Wir müssen sehen, das Beste aus ihm zu machen, d. h. das Beste im Sinne aller derjenigen, weiche die' Erhaltung der Z. V. f. D. für eine Lebensfrage des deutschen Zionismus ansehen. Mit Bedauern haben wir auf der letzten Landesvorstandssitzung festgestellt, wie der an sich vielleicht notwendige Prozeß der Fraktionierung Formen angenommen hat, die geeignet sind, die Z.V.t. D. in ihrem Lebenskern zu treffen. Es Ist keine Frage: Die überwältigende Mehrheit der deutschen Zionisten war gegen diesen Delegiertentag. Und hätten wir statt des ausschließlich nach Parteien zusammengesetzten Landesvorstandes einen Landesvorstand gehabt, der nach dem Vorbild des früheren Zentrai-Komitees sich auf die verantwörtlichen Träger der Arbeit im Lande stützte, wir hätten diesen Delegiertentag nicht nötig gehabt. Damit sollen die Gründe derer, die ihn gefordert haben, durchaus nicht bagatellisiert werden. Es jpbt ernste Meinungsverschiedenheiten in kongreßpolitischen Fragen, und die Art, wie die ״Jüdische Rundschau“ im Anfang auf die Ereignisse in Palästina reagiert hat, entsprach weder der Stimmung der überwiegenden Mehrheit der deutschen Zionisten, noch, wie sich gezeigt hat, des Jischuw, dem man als dem unmittelbar Betroffenen in dieser Frage schließlich die Entscheidung zuerkennen muß. Aber die Z. V. f. D, als solche hat ja nicht Kongreßpolitik zu treiben, und die Erörterung kongreßpolitischer Fragen — und das gilt auch für ihr offizielles Organ — darf niemals dazu fuhren, sie zum Kampfobjekt der Parteien werden zu lassen und sie dadurch ihren eigentlichen Aufgaben der zionistischen Arbeit in Deutschland zu entziehen. Alle diejenigen, welche — unabhängig von ihrer besonderen fraktionsmäßigen Einstellung — der Meinung sind, daß die Z. V. f. D. auch in der Zukunft besondere, durch keinen Dachverband zu lösende Aufgaben zu erfüllen hat — Aulgaben der Gemeindepolitik, im Kampfe gegen die gerade in Deutschland organisierte Assimilation, auf dem Gebiete der Gewinnung neuer Menschen usw. — sollten sich zusammenschließen, um auf dem kommenden Delegiertentag diejenigen organisatorischen Aenderungen durchzusetzen, die eine wiederkehr der heutigen Lage verhindern. Dazu gehört einmal, daß an Stelle des bisherigen geschäftsführenden Ausschusses eine Leitung tritt, in welcher durchaus nicht sämtliche Parteien vertreten zu sein brauchen, die aber durch die darin vertreten«! Persönlichkeiten die Gewähr reibungsloser sachlicher Arbeit bietet. Eine «Kombination, wie sie kurz vor der entscheidenden Abstimmung auf der letzten L,andesvorstandssifzung den Beifall BhimenfeWs und maßgebender Fraktion?־ ftthrer gefunden bat, würde diesen Bedingungen durchaus gerecht werden. Weiterhin ist es aber auch notwendig, einen Landesvorstand zu schaffen, der nicht nach dem Fraktious- Prinzip zusammengesetzt ist, sondern aus den verantwortlichen Trägern der Arbeit im Lande und den Vertretern der großen Ortsgruppen. Die Verwirklichung dieser Forderung, welche angesichts des Verlaufs der letzten Landesvorstandssitzung einer weiteren Begründung nicht bedarf, wird dazu führen, die Z. V. f. D. wieder ihren eigentlichen Aufgaben zuzuführen. Wenn der Delegiertentag zu einem solchen Ergebnis fährt, braucht man es nicht zu bedauern, daß er stattfindet. llll1n1llHllllllllllllllllllllllHBIIIIIIIIllllll[|)lllllll|HllHlllllH1mHllllHIIIHIIlllllllHIHMWlllllllllllMnill1n1llllllHlllltllllll(tn11n1lllll|llll1n1l1m1M1m1IIIWHm1IIH1m1WMIllllHllllti1m1MllllllllllllllHHWIIIItlllllHHHHIIIIIHtHIIIIHIt«IHI»IIUBIIWMIIBIHIHiHWllWI ״Hamered hagermani“ Voh Dr. Meinhold Nußbau m, Nürnberg. 'IL Ueber die ״Revolte im deutschen Zionismus“ berichtete kürzlich eine palästinensische Zeitung. Der Verfasser hatte offenbar aus den Aeußerungen der zionistischen Opposition in Deutschland den Eindruck gewonnen, daß sich im deutschen Zionismus ein Sturm der Empörung erhoben habe, der die Leitung hinwegfegen werde. Wer diese Auffassung geteilt hat, muß sie nach der Tagung vom 10. November 1029 gründlich berichtigen. Der Geschäftsführende Ausschuß hatte für Sonntag, den 10. November, eine Sitzung des Landesvorstandes unter Hinzu- Ziehung der Ortsgruppenvertreter einberufen, um eine Be- Schlußfassung über seinen Antrag zur Einberufung eines Delegiertentages für den 29. und 30. Dezember herbeizuführen. Eier Geschäftsführende Ausschuß hatte seinen Antrag auf Einbcrufung eines Delegiertentages einstimmig gefaßt. Er war davon ausgegjingcn, daß es notwendig sei, eine Klärung und Entscheidüng über die aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten herbeizuführen, um eine gedeihliche und erfolgreiche Fortführung unserer zionistischen Arbeit in Deutschland zu ermöglichen. Auf dieser Landesvorstandssitzung, die von annähernd 200 Zionisten besucht war — es war fast ein Delegiertentag — ergab sich ein Bild, das wahrscheinlich für die Vertreter der oppositionellen Gruppen selbst am überraschendsten war: Der überwiegende Teil der deutschen Zionisten steht auch heute hinter der Leitung der Z. V. f. D., billigt grundsätzlich ihre Politik, hält einen Delegiertentag für überflüssig, erklärte, daß die im deutschen Zionismus vorhandenen Meinungsverschiedenheiten nicht ausreichten, um in diesen so entscheidenden Monaten die Arbeit durch den Delegiertentag zu stören. Der Verlauf dieser Landesvorstandssitzung ergab, daß die Leitung der Z. V. f. D. keineswegs wie ihre Gegner behaupten, durch ihre ״Volksfremdheit“ und ihre verfehlte Politik den Kontakt mit dem deutschen Zionismus verloren hat. Sämtliche anwesenden Vertreter der zionistischen Ortsgruppen wandten sich gegen einen Delegiertentag, Weil sie in den vorliegenden Differenzen einen hinreichenden Grund für eine Neuordnung im deutschen Zionismus nicht sehen. Wenn der Vorsitzende der Z. V. f. D. trotzdem auf der Einberufung des Delegiertentages bestand, so tat er es offenbar aus dem Gefühl heraus, daß in diesem Stadium der Auseinandersetzung nur noch ein Delegiertentag Klärung und Befriedigung bringen könne. Jede Lösung, die ohne Befragung der Wähler zustande gekommen wäre, hätte der Opposition jederzeit die Möglichkeit gegeben, ihre Kampagne tortzusetzen unter ständigem Hinweis auf eine angebliehe Verschiebung der Mehrheats- und Machtverhältnisse im deutschen Zionismus. Diesen Erwägungen konnte sich die Mehrheit des Landesvorstandes, der an sich die Einberufung des Delegiertentages ebenso unerwünscht erschien wie den Vertretern der Ortsgruppen, nicht verschließen, so daß sie sich für den Delegiertentag entschied. So sehr die damit verbundene Störung der Arbeit zu bedauern ist, so muß sie doch in Kauf genommen werden, muß um dieses größeren Zieles willen: dem deutschen Zionismus erneut eine Leitung zu geben, deren Legitimität nicht aogezweifÄ werden kann, uiid endgültig die Atmosphäre im deutschen Zionismus za bereinigen. 111. Es herrscht heute noch Unklarheit darüber, worum elgentauf dem Delegiertentag der Kampf gehen soll. Die Forderungen der Opposition sind durchaus uneinheitlich. Die Revisionisten wünschen die Ersetzung der jetzigen Leitung der Z. V. f. D. durch eine von ihnen geführte und bestimmte. D1>se Parole ist zwar klar, hat aber keinerlei Aussicht auf Erfolg. Denn der deutsche Zionismus wird sich in absehbarer Zeit gewiß nicht einer revisionistischen Führung anvertrauen. Viel komplizierter und weniger einleuchtend ist die Forderung der Oppositionsparteien, die eine Entpolitisierung der Z. V. f. D. herbeiführen wollen und zu diesem Zweck eine Koalitionsleittmg vorschlagen. Wenn in der Arbeit der Z. V. f. D. strittige kongrelpolitische Fragen überhaupt keine Rolle mehr spielen sollen, dann ist nicht ohne weiteres einzusehen, warum für die Führung einer so neutralisierten Z. V. f. D. eine Koalition aus kongreßpolitischen Parteien überhaupt notwendig sein soll. Was aber das Wesentliche Ist — die Forderung nach Entpolitisierung — erscheint als lebensfremd und mit den wahren Aufgaben des Zionismus nicht vereinbar, es sei denn, sie wird nur in dem selbstverständlichen Sinne aufgefaßt, daß die Z. V. f. D. die ihr angehörenden Oruppen in kongreßpolitischen Fragen durch Majoritätsbeschlüsse nicht binden und in Verhandlungen nach außen festiegen kann. Mit der Ausscheidung der Kongreßpolitik aus dem Arbeitsgebiet der Landesverbände würde man dieses in unnatürlicher Weise einengen und vor allem die nicht fraktionierten Zionisten von der aktiven Teilnahme an den Fragen des Weltzionismus abschniiren. Kurt Bktmenfeld wies in seiner Ansprache mit Recht darauf hin, wie unrichtig es ist, eine Theorie daraus zu machen, daß Kongreßpolitik die Einheit der Landesverbände zerstöre, ln Polen seien cs gerade die Differenzen in der Landes- Politik, die eine einheitliche zionistische Organisation nicht zulassen. Der deutsche Zionismus hat wie jeder andere Zionismus das Recht und die Pflicht, an den großen Meinungskämpfen in der zionistischen W'elt teilzunehmen, eine Meinungsbildung herbeizuführen, und die Leitung der Z. V. f. D. muß eine Vor- Steilung davon haben, in weiche Richtung sie diesye Meinungsbildung im deutschen Zionismus lenken will, j Eine Führung des deutschen Zionismus durch eine Koalition kann also nur den Sinn haben, daß sich die stärksten Parteien im deutschen Zionismus auf eine kongreßpolitische Linie zu einigen suchen, die sie im deutschen Zionismus vertreten wollen. Innerhalb dieser Koalition wird es naturgemäß noch sehr verschiedene Auffassungen geben, die dann auch ungemindert als Aeußerungen von Einzelnen oder Parteien ihren Ausdruck finden sollen. Als offizielle Politik der Z. V. t. D. hingegen soll nur das gelten, was gemeinsamer Ausdruck der Komitionsparteien darstellt. Eine Koalition hingegen wird wieder nur denkbar sein unter Gruppen, die sich in den wesentliehen Fragen des Zionismus auf eine gemeinsame Linie einigen können. Es erscheint kaum denkbar, daß in Deutschland etwa die Linken und weite Teile der Allgemeinen Zionisten zusammen mit den Revisionisten einen gemeinsamen politischen Kurs steuern können. Dagegen ist damit zu rechnen, daß sich auf dem kommenden Delegiertentag eine Mehrheit für eine Koalition finden wird, die in den grundsätzlichen Fragen zionistischer Politik zu einer Einigung kommen wird. Eine solche Koalition muß dann auch das Recht haben, innerhalb des deutschen Zionismus die kongreßpolitische Orientierung zu erstreben, die ihr entspricht. III. Auf welches Programm wird sich eine Koalition einigen können? Die Mehrheit der deutschen Zionisten wird — lind das bewies der Beifall, den die Rede von Weltsch fand — davon Brief aus Rumänien (Von unserem Korrespondenten.) h. Bukarest, den 15. November 1929. Der Widerhall, den die blutigen Ereignisse in Palästina in Rumänien gefunden haben, hat am besten gezeigt, wie tief die Liebe für Palästina und das Verständnis für die Notwendigkeiten der Aufbauarbeit in der jüdischen Bevölkerung verankert sind. — Dies beweist nicht nur die Tatsache, daß die Juden in fast allen Städten in großen Versammlungen gegen die Ereignisse in Palästina protestiert und auf Grund einer Parole der Zionistischen Organisation an einen! bestimmten Tage zum Zeichen der Trauer die Geschäftsläden geschlossen haben, sondern vor allem die Tatsache, daß weite Kreise das Unglück in Palästina so empfunden haben, als wäre es ihnen persönlich zugestoßen, und daß viele, die bisher der Aufbauarbeit in Palästina verständnislos gegenüberstanden, sich in hohem Maße für die zionistische Arbeit zu interessieren begannen. interessant ist auch, daß die reinrumänische Presse dem jüdischen Standpunkt und den jüdischen Forderungen vollstes Verständnis entgegenbrachte. Das Interesse der führenden rumänischen Presse war so groß, daß die meisten Zeitungen eigene Korrespondenten nach Palästina schickten, 11m ihre Leser aus erster Quelle über die Stimmung in Palästina und über die Ursachen der Augustereignisse informieren zu können. Auch die Berichte dieser Speziallcorrespondenten waren, mit verschwindend kleinen Ausnahmen, für die zionistische Sache günstig. Gestützt auf diese allgemeine Stimmung im Lande, ist es den Keren Hajessod-Leitungen in den einzelnen Provinzen Großrumäniens gelungen, eine erfolgreiche Nach• kampagne durchzuführen. Besonders gut war die Nachkampagne in Altrumänien organisiert und hat hier nicht nur zur Einbringung aller Rückstände geführt, sondern in vielen Städten das ursprüngliche Ergebnis «och bedeutend erhöht. in allen Provinzen wurden unter dem Eindrücke der Ereigniss* in Palästina spontan Hilfssammlungeit veranstaltet. Die Keren Hajessod-Leitungen bemühten sich jedoch mit Erfolg, Im Einverständnis mit der Zionistischen Exekutive in London, diese Hilfssammlungen in eine großzügige Aktion für den Keren Hajessod hinüber zu leiten. Nur in der Bukowina wurde die Aktion für den Hilfefonds längere Zeit durchgeführt und hat auch einen größeren Betrag ergeben, der dann im Wege des Keren Hajessod nach Palästina *überschickt wurde. Jetzt steht die Keren Hajessod-Arbeit im Zeichen des Eintreffens von NaJium Sokolovv, der für den 21. November in Bukarest erwartet wird, um hier die Aktion für den Keren Hajessod mit großem Elan einzuleiten, und der dann auch die Städte Jassy, Chisinau, Cemauti und Cluj besuchen soll. — Trotz der Krise, von der fast alle Teile Rumäniens in gleicher Weise heimgesucht weiden, Ist die Stimmung für den Keren Hajessod gut. Man erwartet, daß dieses Jahr den Notwendigkeiten in Palästina entsprechend, eine bedeutende Erhöhung der Keren Hajessod-Eingänge bringen wird. — Auch glaubt man, daß die durch die Erweiterung der Jewish Agency heraus ezogenen jüdischen Kreise die künftige Kereu Hajessod-Arbeit und ihr Resultat in günstiger Weise beeinflussen werden. Was die innere politische Lage der Juden in Rumänien anbelangt, war das letzte Jahr besonders reich an Enttäuschungen. Die Tatsache, daß die Nationalzaranisten vor einem Jahre die Regierung übernommen hatten, die Tatsache ferner, daß die durch die Nationalzaranisten durchgeführten Parlamentswahlen einige jüdisch-nationale Vertreter in die ge* setzgebenden Körperschaften (Kammer und Senat) brachten, Heß die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß wenigstens die minimalen Forderungen der jüdischen Gemeinschaft durch die gegenwärtige Regierung erfüllt werden würden. — Das vergangene Jahr natsonalzaranistischer Regierung hat jedoch nicht nur Keine Verbesserung gebracht, sondern in vieler Beziehung die Lage noch sehr verschlechtert. Es besteht eine tiefgehende Diskrepanz zwischen den demokrati sehen Versprechungen der Regierung aut Erfüllung der Min orltä ten fo rderun ge n, also auch der jüdischen Forderungen und ihrer faktischen Geschäftsführung, blicht nur, daß alle Versprechungen der Regierung, wie die Abänderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes oder die Erfüllung der jüdisehen Forderungen auf dem Gebiete der Schule nicht durchgeführt wurden, die gegenwärtige Regierung hat sogar in vieler Hinsicht das zurückgezogen, was bei 3er letzten liberafen Regierung durch langsame Arbeit an Konzessionen erzielt werden konnte. — So wurde den jüdischen Schulen aufetragen, nur staatlich geprüfte Lehrer zu verwenden, trotzem nie Regierung das wiederholt versprochene Lehrerseminar bisher noch nicht eröffnet hat; auf »diese Weise werden die jüdischen Schulen gezwungen, christliche Lehrer zu beschattigen. In jüdischen Pnvatschulen, in denen die Unterriclitssprache rumänisch ist, wurde durch einen Runderlaß die hebräische Sprache als fremde Sprache erklärt und die Zahl der Unterrichtsstunden auf wöchentlich sechs festgesetzt, trotzdem unter der vorangegangenen liberalen Regierung an den jüdischen Schulen Hebräisch 18 Stunden wöchentlich unterrichtet wurde. — Die wiederholt feierlich versprochenen staatlichen Volksschulen und Mittelschulen für die jüdische Bevölkerung wurden bisher nicht geschaffen, es besteht auch keine Aussicht, daß dies in absehbarer Zeit geschieht — Die vorhandenen Tarbutschulen erhalten nicht die staatliche Autorisation und die Lage ist so, daß ihr Weiterbestand jeweils vom guten Willen jedes Schulinspektors abhängig ist.