Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 92 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92, 22. XL 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite QIS Ideologische Diskussion Deutsche Juden in Erez- Israel Eine Erwiderung von Siegfried Weitzmann. Moses Calvary hat in Nr. 83 der ״Jüdischen Rundschau“ die deutschen Zionisten so erbittert und so grundsätzlich angegriffen, daß man schwer entscheiden kann, was denn seiner Meinung nach von ihrem Zionismus noch übrig bleibt. Zwar möchte er ״nicht anklagen, nur verstehen“, aber sein Verstehen ist eine einzige Anklage, und er richtet nicht bloß die deutschen Juden in Erez-fsrael, sondern ebenso streng den ganzen ״luftleeren und wärmeleeren Raum des deutschen Judentums“, der ihm besonders aus den Blättern dieser Zeitung entgegenstarrt. Gemeint sind also wir alle, und wir wollen uns um so herzhafter dazu bekennen, als wir für jeden unserer palästinensischen Freunde ein Stück Verantwortung tragen. Auch für den deutschen Juden Calvary, der genau wie wir der Bewegung in Deutschland seine zionistische Existenz verdankt. Deshalb, und nicht etwa um eine geistreiche Analyse durch eine andere auszustechen, nehmen wir uns das Recht, nach den Gründen dieses unerwarteten Angriffs zu fragen. Wäre Calvary nur gegen unsere Araber- Politik, man könnte einfach eine sachliche Ansicht sachlieh widerlegen. Aber seine Polemik sieht anders aus: Sie meint gar nicht unsere Haltung in dieser bestimmten Frage, sondern unsere Haltung überhaupt, sie ist voll von aufgespeichertem Ressentiment und kommt aus so abweisendem Herzen, daß ihm der aktuelle Streit kaum mehr als ein Anlaß gewesen sein kann, sich endlich einmal Luft zu machen. Sein eigentliches Thema ist denn auch die zionistische Entwicklung unserer Generation, die er ausführlich analysiert. Er benutzt dabei leider die Methode, sich halb mit uns zu identifizieren, halb von uns zu unterscheiden, so daß erst allmählich klar wird, wen er eigentlich angreift. Die Heimatlosigkeit des Westjuden, die im Zionismus, in der Rückkehr zUm Volk den einzigen Ausweg sieht, — das ist gewiß auch Calvarys Erlebnis. Aber schon die ״Vereinzelung und Ueberheblichkeit“, die er uns nachsagt und die uns den Weg zur ostjüdischen Masse versperren soll, scheint er nicht mehr ganz auf sich selbst zu beziehen. Dagegen lehnt er unsere angebliche ״Heidenangst, wir könnten einer Massensuggestion erliegen“, für sich jedenfalls ab, und ganz offenbar verachtet er die Vorliebe für ״reinen Geist und Pazifismus“ und setzt ihr den ״Mut zu Kampf und Macht“ entgegen. Calvarys Mut auf der einen, die Feigheit unseres blassen, instinktlosen, volksfremden Aesthetentums auf der anderen Seite: So verstehen wir seinen Angriff. Oder sollten wir ihn doch nicht gut genug verstehen? Wollte er doch nicht uns alle treffen, obwohl er mit einer Analyse des ganzen deutschen Judentums begann? Ich komme zu diesem Schluß, weil seine Kritik unserer zionistischen Physiognomie so gar nicht dem Eindruck entspricht, den wir selbst von uns haben. Die Vereinzelung, ja die ueberheblichkeit unserer Jugendjahre zugegeben: Wer sagt ihm, daß wir die gleichen ichsüchtigen Einzelgänger, dieselben blassen Sinnierer geblieben sind, als die er uns auch heute noch ansieht? Wir glauben im Gegenteil, einen festeren Zusammenhang mit unserem Volk gefunden zu haben als selbst die heftigste Massen- Verehrung geben kann. Es kommt nämlich gar nicht darauf an, wie ,er uns eimrede!1;Mijl, mjllen, §s^|sWe|!;ch^s.‘^llffiS.,,WM|zeL zu fassen. Das ist schon bei normalen Nationen unmöglich, geschweige denn bei uns, wo vorläufig noch jeder einzelne Volksteil — auch der ostjüdische! — einer anderen Assimilation verfallen bleibt, die sich in hundert Differenzierungen äußert. Sondern unsere Verbundenheit mit dem Volk beruht auf der nicht mehr zu erschütternden Gewißheit, daß auch wir, auch die Westjuden, auch die scheinbar erloschensten Nachfahren, zu diesem Volk gehören, und daß Ost und West, beide zusammen erst ״das Volk“ sind. Was Calvary Verbundenheit nennt, ist in Wahrheit ein gesellschaftliches oder höchstens ein kulturstoffiiches Problem: Es kann schon sein, daß das Milieu unserer Erziehung und mangelnde jüdische Atmosphäre uns ein Leben unter Ostjuden erschweren. (Was ״die tiefen irdischen Kräfte der Masse“ betrifft, ohne die allerdings keine schöpferische Leistung möglich ist, — so weit sind wir auch in Palästina noch lange nicht, denn dann wäre ja die Kulturidee des Zionismus schon verwirklicht.) Niemand von uns ist so überheblich, den Ostjuden die größere Nähe zum Zentrum des jüdischen Geistes abzusprechen. Aber mit dem eigentlichen Volksgefühl, mit dem, was den zionistischen Teil unseres Lebens von dem vorzionistischen, die nationale Einkehr von der assimilantischen Zer• Streuung unterscheidet, — mit dieser radikalen Umwertung, mit diesem unzerstörbaren Glück des Zusammenhanges haben solche Gruppenerfahrungen im Grunde nichts zu tun. Die Verbundenheit, die wir meinen, ist viel unmittelbarer erlebbar, sie wird durch das Faktum divergierender Volksteile überhaupt nicht berührt, weil sie ihre Existenz aus dem Volksganzen herleitet. Sie erkennt keinen anderen Richter über sich an, und sollten wirklich unsere ostjüdischen Brüder die deutschen Zionisten als ״Fremdgeist“ ablehnen, so würde uns Aas Trostwort aller wahren Liebenden genügen: Wenn ich dich liebe, was gehts dich an? Man kann gewiß auch das für ideologisch halten. Aber uns scheint solche Ideologie allerdings realer und der Praxis des Zusammenlebens förderlicher zu sein, als ein für Menschen unserer Zone doch immer erquältes Massenerlebnis, dem man die Furcht ansieht, den Anschluß zu verlieren. Calvary hält es für kalte Instinktlosigkeit, wenn man im Angesicht arabischer Ueberfälle von Versöhnung spricht. Aber ich versichere ihm, daß wir ganz spontan, in der Erschütterung der ersten Nachrichten, ohne alles Schielen nach Prinzipien, einfach aus der Sorge um unser Volk zu dieser Forderung gekommen sind. Sollen wir darum ״nicht nur der Masse und der Partei, auch der Nation fremd“ geworden sein, weil wir den Mut haben, unseren doch ebenso unleugbar vorhandenen Instinkt gegen den Instinkt der Masse zu setzen? Ist es wirklich ein so wünschenswerter Zustand, wenn die Kraft der Nation durch den immer krasseren Auftrieb der Parteien zermürbt wird? Und sind wir nicht Partei genug, indem, wir Zionisten sind, eingespannt in diese eine Idee, unzugänglich allen Strömungen, die ihr nicht dienen? Calvary freilich begreift unseren Verständigungswillen nur als volksfremden Pazifismus, er kommt gar nicht darauf, daß gerade die Verbundenheit mit dein Volk es wagen darf, auch einmal anders zu reagieren, eben weil sie eine Bestätigung durch den Aulom entbehren kann. Für ihn gilt nur der ״Mut zu Kampf und Macht“, der jeden Ausbruch der Masse als Ernanation des Volksgeistes bejubelt. Wäre er selbst wenigstens entschlossen genug, diesen Mut zu besitzen! Aber je gründlicher ich seine erstaunlichen Ausführungen lese, um so klarer sehe ich, daß er auf dem Umweg über uns eigentlich nur sich porträtiert. Nicht zufällig braucht er das gemeinsame ״wir“, auch wo er die heftigste Ablehnung; ausdrücken will. Nur wer selbst eine so versprengte Individualität geblieben ist, so ausgeliefert allen Anfechtungen des Intellekts, nur dem konnte es gelingen, uns Andere im gleichen Bild zu sehen. Und nur die Angst um das eigene Gleichgewicht, die Furcht, schwach zu erscheinen, konnte seine Abwehr so unsachlich übersteigern. Ich will Calvary nicht anklagen, ich wiU ihn verstehen. Wie soll ich mir seine ungeheuerliche Anmerkung erklären, bei den deutschen Zionisten brauche man ״hundert Erschlagene, um die Geister auf kurze Zeit aus Ihrem Schlafe zu stören“? Sie ist unlogisch, denn eben hat er noch unsere ״Abgeklärtheit“ auch angesichts dieser Erschlagenen festgestellt. Aber sie ist außerdem so maßlos verletzend, sie widerspricht so der einfachsten zionistischen Loyalität, daß wir sie nur als den Aufschrei einer gequälten Seele entschuldigen können, die Ihre eigenen Zweifel auf Andere zu entladen sucht. Es ist schmerzlich zu sehen, wie unser Freund Calvary, ein Pionier des deutschen Zionismus, der stark genug war, die Idee an der Wirklichkeit zu erproben, doch nicht Kraft genug besitzt, die Wirklichkeit an der Idee zu korrigieren. Instinkt und Geist oder Der Intellektuelle und die Assimilation. (Eine prinzipielle Antwort an Moses Calvary.) Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Die Ausführungen von Moses Calvary über ״Deutsche Zionisten in Erez-Israel“ haben ein lebhaftes Echo hervorgerufen, nicht so sehr wegen des in ihnen unternommenen Lösungs- Versuches, wie wegen des Problems selber, das heute nicht nur die deutschen Zionisten in Palästina und Deutschland beschäftigt, sondern auch eines der Hauptthemen der hebräischen Presse des Landes ist. Auch die innerzionistische Auseinander- Setzung in Deutschland, die sich um die Namen Kollenscher- Blumenfeld gruppiert, findet ein sehr lebhaftes Echo in der palästinensischen Presse, und so wurden die Calvaryschen Ausführungen mit zustimmenden Vorbemerkungen und Kommentaren, ganz oder teilweise, sowohl im ״Dawar“ wie im ״Doar Hajom“ wiedergegeben. Es ist deshalb an der Zeit, diesem Problem, das den Zionismus ja seit seiner Entstehung beschäftigt hat, wieder einmal eine prinzipiell durchdachte, nicht nur an Affekten und Stimmungen haftende Darstellung zu geben. Wir werden in diese Auseinandersetzung auch den Brief Calvarys an Weltsch einbeziehen, der in positiverer Form die geistige Grundlage bioßiegt, von der seine Polemik gegen einzeine deutsche Zionisten in Palästina ausging. I. ״Man findet ja jene fromme Nachtschwärmerei, jenen Josef Görres-Komplex von Erde, voll Natur, Vergangenheit und Tml... .“ (Thomas Mann in der Münchener Rede ״Reaktion und und Fortschritt", Die neuo Rundschau, Augustheft 1g2g, S. 207.) Der jüdische Intellektuelle in Deutschland befindet sich in einer doppelten Einsamkeit: als Jude und als Intellektueller. Der Zionismus kann nur den Versuch machen, die erstgenannte Einsamkeit aufzuheben und dem nunmehr Zionist Gewordenen den Anschluß an sein Volk — was dies zu bedeuten hat, werden 'wir noch erörtern — zu erleichtern suchen. Die,zweite Einsam-!keil,910 י» 'emeifl hohen Sinne’ zfgleich schicksafsbäfte und selbstgewählte des Intellektuellen, kann niemand aufheben: sie zu erhalten und kämpfend fruchtbar zu machen, ist ja gerade die tragische Pflicht des erkennenden Menschen. Nur von Jenen, die sie tapfer auf sich genommen haben, ist jeweils der Fortschritt der Menschheit ausgegangen; niemals von den anderen, die sich in gewährender Sehnsucht in den Mutterschoß der Masse haben zurückgleiten lassen. Die Konzeption Calvarys macht den Fehler, beide Einsamkeiten in eins zu setzen und sie gemeinsam, in krampfhafter Bemühung, überwinden zu wollen. Sie gerät damit bereits in gefährliche, wenn auch nicht vollkommene Nähe jenes Zustandes, den ein zweites Thomas Mann- Zitat wie folgt kennzeichnet: ״Wer versteht diese Eitelkeit? Denn Eitelkeit ist es, An- Schlußbedürfnis, der Wunsch, sich, wenn auch nur verdrehungsweise, mit dem Leben im Bunde zu fühlen, sich keineswegs und um keinen Preis gottverlassen Vorkommen zu müssen.“ (Ebenda, S. 213.) II. ״Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos» im Vergleich rum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch.“ Siegmund Freud. Wir haben zugegeben, daß die eine Art der Vereinsamung des jüdischen Intellektuellen in Europa durch den Zionismus zu überwinden versucht wird. In welcher Weise kann dies geschehen? Was ist jenes ״Volk“, an das wir Einzelne den verlorenäi Anschluß wiedergewinnen müssen? Es gibt nur zwei Maßstäbe zur Beantwortung dieser Frage: einen geistigen und einen instinktiven. Der geistige geht von einem strengen Beriff des Judentums aus, der sich aus der Werthaltung der ibel — die man meinetwegen bibelkritisch die ״prophetische Redaktion“ nennen mag; sie verliert dadurch nichts von ihrem religiösen und sittlichen Wert — sowie aus der Lebensauswahl des gesetzlichen Judentums und aus dem weltanschaulichen Ringen der jüdischen Religionsphilosophie bis zu Hermann Cohen und Franz Rosenzweig eindeutig ergibt. Dieser Maßstab ist, bei allen Unterscheidungsmöglichkeiten der Anwendung im Einzelnen, absolut und ein sicherer Führer; wer ihn sich erworben hat, ist Jude und hat seine Vereinzelung überwunden, oder, genauer gesagt: ist aus der Einsamkeit des assimilierten Intellektuellen 1n die ihm anerschaffene Einsamkeit des jüdischen Intellektuellen hcrübergewechselt; er befindet sich pnnzipiell — unbeschadet von tausend menschlichen Schwachheiten und Irrtümern — im Stande der Ordnung und kann auf die jüdische Gegenwart jüdisch reagieren. Der zweite Maßstab, der eine bindende geistige Form ablehnt, kann sich nur auf den instinkthaften Zusammenhang seines (vorhandenen oder erstrebten) Gefühls mit dem (häufig wechselnden) Massengefühl der jeweiligen Mehrheit stützen. Er wird deshalb, in unserem Falle, den Ostjuden schlechthin mit dem jüdischen Idealtyp identifizieren und das, was als ״jüdisch“ zu gelten hat. an seinem, gleichfalls von mannigfacher Assimilation beherrschten und von vielen trüben Affekten verzerrten Bilde messen, statt an der reinen Gestalt des jüdischen Geistes, für deren Ausprägung der Westjude Hermann Cohen nicht weniger getan hat als der Ostjude Achad Haam, vor deren forderndem Antlitze aber diese Unterschiede überhaupt belanglos werden. Calvarys Stellungnahme zeigt, daß er auf ein solches geistiges Bild des Judentums, sicherlich aus tieferlebter schmerzlicher Resignation, glaubt verzichten zu müssen. Deshalb kommt er zu seiner Hochschätzung der Masse und zu seiner Verherr- Iichung des Instinktes. m. «in Element geistiger Gesinnung, da» .... ihren Antimtellektualismus auf die Erkenntnis beschränkt, ohne ihm zu gestatten, auf den Willen überzugreifen.“ (Thomas Mann, ebenda.) Nicht nur in der Einschätzung des Judentums, auch erkennt* nistheoretisch unterliegt Calvary einem Irrtum. Er glaubt wohl, Romantiker zu sein, und ist in Wahrheit viel intellektualistischer als wir. In dem Sinne nämlich, daß jeder vorzeitige Dogmatiker Intellektualist ist, da er ja rational noch faßbare Fragen in den Nebel der Unerkennbarkeit rückt und so sich selbst den Weg versperrt zu der wirklichen, letzten Realität des Unerkennbaren, nämlich Gottes. Calvary spricht vom Volke, wie man nur von Gott sprechen dürfte; er hört zu früh auf, sich seiner gottgegebenen Vernunft zu bedienen, und verlangt die gleiche geistige Selbstkastration auch von anderen. Die Gegnerschaft zwischen zwei Völkern hat zwar fast immer einen letzlich 1111auflösbaren tragischen Kern, aber bis dieser sich wirklich der Geschichte eindeutig entblößt hat, sollte man noch nicht von ״Verhängnis“ reden. Man tut es in allen historischen Krisen fast immer zu früh und schafft dadurch jenem tragischen Kern schuldhafte Hüllen der Willkür. Diese erkenntnistheoretische Verwechslung, nämlich die An- Wendung göttlicher Attribute auf das Volk, ist natürlich kein gedanklicher Zufall, sondern entspringt aus einem Erlebnis, das leider eines der Grunderlebnisse des modernen Zionismus ist und nur ganz allmählich überwunden werden kann: der Identifizierung des Volkes mit Gott, des nationalen Erlebnisses mit dem religiösen Erlebnis, der vorletzten Bindungen mit den letzten. Dadurch geht der Maßstab verloren, nach dem Geschichte und Politik des Volkes beurteilt werden kann, weil er in es hineingeschlungen und nur als Spiegelbild wieder hervorgebracht wird. An diesem Punkte enthüllt sich, warum jene Auffassung auf efn geistiges Bild des Judentums nicht freiwillig verzichtet, sondern: verzichten muß urid zu dem Massenideaf ihre Zuflucht nimmt. IV. ״Der Nationalismus ist natürlich ein äußerstes Beispiel für glühende Ueberteugung anläßlich einer zweifelhaft« Sache. Ich glaube, man kann es ruhig amsprechen: Jeder Historiker, der heute eine Geschichte des großen Krieges schreibt, ist zu Fest- Stellungen genötigt, die, hätte er sie während des Krieges gemacht, in jedem der feindlichen Lager, auf beiden Seiten, ihn ins Gefängnis gebracht hätte□. Wiederum mit Ausnahme Chinas gibt es kein Land, in welchem ein Volk die WahrJ1eit über sich selbst erträgt. In normalen Zeiten bedeutet Wahrheit nur Mangel an Lebensart, in Kriegs Zeilen gilt sie als Verbrechen. Heftigste Ueberzeugungen werden m gegensätzliche Systeme gebracht, deren Falschheit aus der Tatsacno erhellt, daß sie nur bei solchen Glauben finden, welche sich auf 4er gleichen nationalen Ebene befinden. Die Anwendung der Vernunft auf diese Ueberzeugungssyateme gilt für genau so vernicht wie einstens die Anwendung der Vernunft auf religiäse Dogmen. Und wenn man von den Leuten eine Erklärung herausforderte, warum Skeptizismus in solchen Dingen für vernicht gelte, so «!hielte man nur die Antwort, Mythen helfen 1 ''״-•/*'Kri<*e“g«winAÄ1 iMowri%<׳:daß!!#iA״Wi#Äd«-»Vt»ft*rlMj׳ebraeht würde, anstatt selber umzubringen .... wenn man *infließen läßt, eine rationale Nation möchte Mittel und Wege finden, Kriege ganz zu vermeiden, fällt die Antwort gewöhnlich recht beleidigend ans.“ (Bertrand Rüssel, ״der Wert des Skeptizismus'‘, Neue Rundschau, Juli 193g, S. 5 f.) Wir zitieren nicht nur deshalb 80 viel und so lang, well andere das besser formulieren können, was wir meinen, sondern auch, um Moses Calvary und die, welche ihm zustimmen, davon zu überzeugen, daß sein Problem keineswegs nur das des deutschen Zionisten in Palästina ist, sondern ein unabweisbares Weltproblem, das heute allenthalben die Geister beschäftigt. Zu ihm gilt es Stellung zu nehmen, und zwar gleichgültig, wo man sich befindet. Nur insofern kommt auch von hier aus gesehen wieder eine spezifisch jüdisch-zionistische Note hinzu, als man vielfach den auch von Calvary herabsetzend zitierten jüdisch-radikalen Intellektuellen vom Weltbühnen-Typus den Vorwurf gemacht hat, daß sie in eigener Sache nicht ebenso radikal sein würden und es als Juden etwas zu bequem haben, es in nicht ganz eigener Sache zu sein. Nun ist aber die HaP tung der von Calvary bekämpften Gruppe gerade umgekehrt: Sie gerade macht im eigenen Lager Ernst mit den Forderungen, die bei ihren innerjüdischen Gegnern immer nur für die anderen, da aber durchaus, gelten, insofern darf der Vorwurf eines literatenhaften Unernstes in aller Ruhe und Bestimmtheit zu* rückgewiesen werden. Wie viel oder •wie wenig Mut zu dieser unserer Haltung gehört, soll uns indessen gleichgültig bleiben; mögen wir immerhin Feiglinge oder Schwächlinge sein, wenn wir nur auf der richtigen Seite kämpfen. VorlSnflge Bemerkung Mir liegt daran, ein paar in der Erwiderung von Robert Weltsch vorkommende Punkte in aller Kürze sofort richtig zu stellen, damit es nicht, wie es in diesen Tagen der seelisehen Gespanntheit zu fürchten ist, zu neuen Mißverstandnissen kommt. 1. Des Ausdrucks ״volksfremd“ habe ich mich nicht bedient. Es scheint mir ein wesentlicher Unterschied zu sein, nicht dem Inhalt, wohl aber der Wertung nach, ob ich einen Andersdenkenden kurzerhand volksfremd nenne, oder ob ich schreibe: ״wir sind der Nation fremd geworden und ihren tiefsten Kräften unzugänglich.“ Das wort ״volksfremd“ zitierte ich einmal in dem Aufsatz, und zwar ablehnend. 2. Der Behauptung, man müsse den Mut haben, Frieden zu predigen, hielt ich entgegen, daß heute wahrscheinlich mehr Mut dazu gehöre, sich zum Kampf, zu bekennen, als zum Pazifismus, da dessen Ideen auf der Straße lagern, was nichts gegen aber auch wenig für sie besage. Ausschließlich m diesem Zusammenhang mit der Frage des Mutes ist meine ״seltsame Feststellung über den auf der Straße lagernden Pazifismus“ zu verstehen, und nur so ist sie gemeint; ich wundere mich, daß Robert Weltsch sie, wie mir scheint, anders aufgefaßt hat. 3. Ein Unterschied zwischen dem Pazifismus in Deutschland und in Erez-Israel wurde von mir ganz deutlich n u r in dieser unwesentlichen und nicht von mir aufgeworfenen Frage des ״Mutes“ gemacht, indem ich zugab, daß in Palästina vielleicht und in gewissem Maße mehr Mut dazu gehöre, sich zum Pazifismus zu bekennen, als in Europa. Moses Calvary.