Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 89 (12.11.1929)
- Date
- 1929-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 89, 12. XI. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 505 Habimah wieder in Deutsdiland Dieser Tage beginnt ״Hablmah“ ihr Gast• spiel in mehreren deutschen Städten. Als vor fünf Jahren ״Habimah“ zum ersten Male im westliehen Europa erschien, war das die Bestätigung einer Legende, in hebräischer Sprache und mit iltr als Kunstmittel war etwas Außergewöhnliches geschaffen worden und bezwang die geistig-kunstlerische Welt des jüdischen und nichtjüdischen Europa. Eine Welle der Erschütterung und Begeisterung begleitete ״Habimah“ auf ihren Fahrten. Die Legende hatte nicht gelogen: was da im Rußland des Bürgerkrieges von einigen jüdischen jungen Menschen reinen Glaubens und echter Hingabe gegen die Zeit und leibliche Not geleistet worden war, das Werk, das sie geschaffen hatten, war von der Art, daß man ihm widerspruchslos anheimfiel. Es war weit mehr als das Theater, dem man sich angepaßt hatte, die Offenbarung eines Neuen, dessen das Theater sich also auch in dieser Zeit fähig erwies — und das alles hebräisch und aus dem Rußland kommend, das Hebräisch mit Konterrevolution gleichgesetzt hatte. Cie Triumphfahrt durch Europa und Amerika, begeisternd wie sie für die Genießenden war, bedeutete für ״Habimah“ den schweren Weg in die Heimlosigkeit. Jahre vergingen ohne Studium neuer Stücke, es fehlte der Nährboden, von dem aus neues Wachstum, der Ausbau des wunderbaren Anfangs, möglieh gewesen wäre. Dann kam die Ucbersiedlung nach Palästina Die Sehnsucht nach einem Publikum, das die Sprache der Bühne spricht, nach einem Stück Boden, auf dem man fest steht, überwand alle berechtigten Bedenken, ob denn dieses kleine, um den Aufbau ringende Land ein Theater mit solchen Ansprüchen würde nähren können: leiblich und geistig. Die Antwort auf diesen Entschluß ist bekannt: die erste, sechs Wochen dauernde Palästina-Tournee brachte ״Habimah“ 70 000 Zuschauer aus dem Jischuw. Die Freude kannte keine Grenzen. Dann kam die neue Arbeit auf palästinensischem Boden: nach vielen Jahren wieder neue Arbeit. Es war schwer. Die kleinen Verhältnisse des Landes, die Schwierigkeiten, passende Stücke zu finden und zu bearbeiten, das Fehlen eines eigenen, mit ״Habimah“ und ihrer Aufgabe verbundenen Regisseurs unu nicht zuletzt die lange Produktivitätspause beschwerten den Neubeginn mit dem Charakter des Experimentellen. Zwei neue Stücke sind das Ergebnis der Arbeit in Palästina: Eine Komödie nach Scholem Alejchem und eine Bearbeitung der Calderonschen ״Locken Absaloms“ unter dem Titel ״Die Krone Davids“. Das Gefühl der Sicherheit, der Glaube an noch viel größere zukünftige Leistungen und der Wille, sie zu vollbringen, sind der neue Besitz. In diesem Augenblicke ist ״Habimah“ wieder zu einer Gastspielreise nach Europa gekommen, um sich die Bestätigung ihres neu eingeschlagenen Weges zu holen. Der bisherige Verlauf der Tournee in Italien, Frankreich und der Schweiz (״Habimah“ spielt seit September in Europa) hat sie schon gebracht. Es ist ein entscheidender Augenblick in der Entwicklung von ״Habimah“, vergleichbar nur dem des Exodus aus Rußland. Denn die Rückkehr nach Palästina, das jetzt zur endgültigen Heimat des Theaters geworden ist, wird den Anfang einer neuen, systematischen inneren Aufbautätigkeit bedeuten müssen. Und mit ihr sind schwierige Fragen verbunden. Sie alle lassen sich in der einen konzentrieren: welche Aufgabe hat ein hebräisches Theater vom Niveau der ״Habimah“ in diesem Augenblick? Die Frage kann ״Habimah“ nicht allein beant- Worten, sie wünscht die Mitarbeit all der Geistigen im Judentum, die von der Leistung des Theaters überzeugt, ihr eine Funktion zuerkennen. Als Exponent seiner echten geistigen und künstlerischen Kräfte wird ״Habimah“ das sein, was sie zu werden bemüht ist, das künstlerische Sprachrohr des lebendigen Judentums. Chajim Nachman B i a I i k s Anwesenheit in Berlin gab dem ,,Kreis der Freunde der Habimah“ die erwünschte Gelegenheit, diese Frage einem Kreise vorzulegen, von dem ein Beitrag zu ihrer Lösung erwartet werden konnte. Eine sehr große Zahl führender Köpfe folgte der Einladung in das gastliche Haus des Herrn Julius Klausner, um Bialiks Vortrag zu hören und die Aussprache gestaltete sich zu einem bemerkenswerten Symposion. Arnold Zweig, dessen glänzender Leitung ein guter Teil des Erfolges zu verdanken ist, den der Abend hatte, analysierte einleitend die Problemlage des europäischen Theaters: glän- /ende artistische Kultur, hohe schauspielerische Leistung, auf Stücke verwandt, deren Inhalt nicht zureicht, das macht ihm die Krise des Theaters aus. B i a 1 i k sprach erst über das Theater im Judentum. Wer die Propheten zu lesen versteht, weiß, daß theaterähnliche Darstellungen zum Rüstzeug ihres Wirkens gehörten. Bemerkenswerte Beispiele beleben diese Behauptung. Eine starke Neigung zum Theater besteht also im Judentum von alters her. Zur ״Habimah“ übergehend, erzählt Bialik von ihren heroischen Anfängen in Rußland, bei denen er Pate gestanden hatte. Nur der unendlich aufopferungsvollen Arbeit der jungen Menschen, die eine Berufung in sich fühlten, und des ersten Regisseurs Wachtangoff, eines nichtjüdischen Armeniers, konnte.das Werk gelingen. Er erörterte die Schwierigkeiten eines jüdischen Repertoirs: Das palästinensische Leben ist noch zu jung, zu sehr in der Gestaltung begriffen, als daß es dramatisch gestaltet werden könnte, Bleibt also das Leben der Galuth und das Altertum als dramatischer Stoff. Beides hat ״Habimah“ zu gestnlten versucht. Bei der Darstellung der Galuth ergibt sich die Schwierigkeit, daß die hebräische Sprache eine gewisse Ferne schafft. Das Galuthmilieu, wie es sich etwa im Lebenskreis des Chassidismus ausprägt, ist mit der jiddischen Sprache verbunden. Und was die Gestalten der Antike angeht, ist die biblische Darstellung und die Atmosphäre, die sie erzeugt, von zeitgenössischer Gestaltung nicht zu überbieten. Eine realistisch-arcbäologische Darstellung der biblischen Gestalten verkleinert sie, statt sie zu erheben — was doch die Aufgabe der Kunst ist — weil dann all das ohne Ausdruck bleiben muß, was die Jahrtausende jüdischen Erlebens und Erdenkens in diese Gestalten an Schönstem und Bestem hineingelegt haben. Will man dies aber mitgestalten, dann heißt das, Galuth darstellen mit all den damit verbundenen Problemen. Hier gibt es ein schwieriges Problem, dessen Lösung weitgehende Mitarbeit der jüdischen Künstler und Intellektuellen in der ganzen Welt erfordert und auch verdient. Denn ״Habimah“ ist für Palästina ״nötig wie Brot“. Das Publikum ist kultur- und theaterhungrig und stellt hohe Ansprüche. Das Theater, alle Kunstgattungen synthetisch vereinigend, hat eine führende Mission. Er schließt mit einem warmen Appell zu geistiger und künstlerischer Mitarbeit am Aufbau der ״Habimah“. Den Gang der Debatte bestimmte weitgehend Martin B u b e r, der nach Bialik zu Worte kam. Er wandte sich gegen die Verengung des Repertoire einer hebräischen Bühne aut jüdische Stoffe. Man schafft nationale Kultur nicht durch fortgesetzte Selbstreflexion. So wie es im persönlichen Leben zwei Arten gibt derer, die ihr Leben aus sich heraus gestalten und derer, die sich am Spiegelbild der fremden Augen orientieren, so ist es auch beim Leben der Gemeinschaften. Im selbstverständlichen, unmittelbaren Leben gestaltet sich die Kultur einer Nation. Jn der Galuth ist das jüdische Leben nicht frei und verkrampft; es ist ihr Merk׳es. hui, dal! das Judentum selbst immer Frage, Gegenstand der Re;,exnn ist. Das aber ist die Glückschance Palästinas, daß dort das Jüdische unbefangen gelebt wird. So soll auch ״Habimah ‘ nicht der jüdischen Reflexion dienen, sondern in die Weit greifen und darstellen, was lebenswichtig ist, ohne Rücksicht darauf, ob der Stoff jüdisch ist oder nicht. So wird man es vermeiden, wenn man zu Calderon greift, sein schwächstes Stück zu wählen, nur weil das Sujet ein biblisches ist Und wenn man Shakespeare spielt, soll man sich nicht etwa auf den ״Kaufmann von Venedig“ beschränken, man sollte ״Hamlet“, ״Macbeth“, Goethes ״Faust“, ins Judentum einführen, das hebriische ״Stehgreif“-Theater schaffen. Hier steht der jüdischen Künstlerschaft noch eine große Aufgabe bevor. Dabei wird auch das Tiefe geleistet werden, was Bialik meinte, wenn er dem hebräischen Theater die Aufgabe stellte, der neuen jüdisehen Gesellschaft im Intimen Führer zu sein, Sprache, Geste, ja sogar die Art sich m kleiden zu beeinflussen. So wird ״Habimah“ Wichtiges für die Schaffung einer echten jüdischen und zugleich welthaften Lebenswirklichkeit leisten. Die folgende, vier Stunden dauernde Aussprache ergab die folgenden Gesichtspunkte: ״Habimah“ soll als Tendenztheater im Sinne der im Palästina-Aufbau wirksamen jüdischen Tendenzen seine Existenz fortsetzen. Diese Auffassung war am radikalsten durch Alfred Döblin vertreten, der sich darauf stützte, daß es eine tendenzfreie Kunst nicht gäbe und die heutige Kunst zu wirk• licher Größe und Wirksamkeit nur durch freudige Bejahung ihrer soziologisch-politischen Funktion kommen könne, wie die russische Kunst zeigt. Eine Abwandlung dieser Auffassung vertrat Holitscher, indem er, am Gelingen des Palästina-Auf- 111!:11<111111!11n11n111111111111111111!1111111111n11w111m11111n1111n1nnmm1m11u11111111111111mH1111HM1nm111111m1111111m11!111 Palästina-Abend veranstaltet von den deutschen Mitgliedern der Jewish Agency und dem Präsidium des Keren Hafessod am 17. November, abend* 8,50 Uhr im großen Festaaal bei Kroll (Eingang Große Querallee) Redner: Prof. Dr. S. Brodetsky, London Mitglied der Executive der Jewish Agency Alfred Leonhard Tietz, Köln Mitglied des Präsidiums des Keren Hajessod Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, Stuttgart Stellv. Mitglied des Councils der Jewish Agency Dunkler Anzug erbeten Gedeck Mk. 3,30 Es wird höfl. gebeten, Eintrittskarten sofort beim Sekretariat des Keren Hajessod, Berlin W 15, Meinekestr. 10, zu bestellen; nur rechtzeitig einlaufende Kartenbestellungen können berücksichtigt werden. Die auf den Namen lautenden Eintrittskarten werden gegen Voreinsendung des Betrages auf Postscheckkonto Keren Hajessod, Berlin Nr. 153342, zugesandt 111(11n11111111111n11111[11[1111u1111(111111111111*11n11111[(111muu1111111t11un1111111u11111111u11u1111n11m11111111111u11111111t11111111u1 baus verzweifelnd, der Kunst die Aufgabe zusprach, das Große zu verewigen, das hier, seiner Meinung nach vergeblich, zur Verwirklichung strebt. (Bubers schlagende Antwort aut Holitschers Unheilprophetie war. eia ganz großer Augenblick des. Abends.) Emil Cohn verlangte von ,,Habimah“ ebenfalls die Durchdringung jüdischer Stoffe, sie habe eine Aufgabe der hebräischen Sprache gegenüber, die noch nicht ״verlacht und verweint“ sei, wie die jiddische. Arno Nadel wünscht, daß ״Habimah“ vom Jüdischen zum Menschlichen komme. Gronetnann und Nachum Goldmann stellten ״Habimah“ die Aufgabe, palästinensisches Landestheater zu sein. Das würde vielleicht eine Minderung des künstlerischen Niveaus bringen, aber das wäre die Chance und dasjenige, was Palästina von ihr verlangt. Vorher hatte Bernhard Die boid ״Habimah“ bejaht, wie sie ist. Ihre überragende Größe komme aus der fast kultischen Hingabe an das Spiel, und diese würde nur bei jüdischen Stoffen möglich sein. Steinberg findet jüdisehe Stoffe nicht nur in der Bibel und in Palästina, die biblisehen Ereignisse waren zu ihrer Zeit klein und sind durch die Intensität groß geworden, mit der sie erlebt wurden. Die Tragödie der jüdischen Gegenwart hat Stoffe genug, die in großer künstlerischer Verarbeitung über den Tag hinauswachsen werden. Eine interessante Note brachte Rudolf Kays e r durch seine Unterscheidung von Stoff und Gegenstand in die Debatte. Nicht das Sujet ist maßgebend, sondern der Gehalt. In der jüdischen Schicksalsgemeinscliaft sind Werte wirksam, die gegenständlich auch außerhalb der jüdischen Stoffe darzustellen sind. Auf diese sollte sich ״Habimah“ einstellen, hier ist ihre Aufgabe. Vielleicht ist der europäische Erfolg der ״Habimah“ eine Gefahr für sie, weil er sie dazu führen könnte, sich statt an den echten Aufgaben an den Erfolgschancen bei einem unverbundenen Publikum zu orientieren. Hermann Swet wies darauf hin, daß die besprochenen Probleme nicht nur für das jüdische Theater Wirksamkeit haben, sondern für alle Zweige der jüdischen Kunstbetätigung, Musik, Malerei, ja sogar die Dichtung. Erich Engel besprach das Problem der Darstellung als solches, Dr. S. Hildesheimer drückt den Gastgebern und Frau Dr. Rosner für ihre Tätigkeit zum besten der ״Habimah“ den Dank aus. Die Diskussion endete mit einem Schlußwort Bialiks, in dem er zum Ausdruck brachte, daß in Palästina die Distanz des Menschlichen und Jüdischen, die es in der Galuth gibt, aufgehoben sei. Arnold Zweig schloß den Abend, indem er Bialik auf seine Rückreise nach Palästina die Versicherung mitgab, er könne mit der Mitarbeit der Anwesenden rechnen. Der Abend habe seinen Zweck besser erreicht, als man erwarten konnte: Es ist um ״Habimah“ eine Atmosphäre der Nähe und des Verständnisses geschaffen worden. Sie soll sich in konkreten, im engeren Kreise fortzusetzenden Beratungen auswirken. Außer denen, die zu Worte gekommen waren, war eine große Zahl bekannter Persönlichkeiten anwesend, unter ihnen Tschcrnichowski, Klatzkin, die Professoren Mittwoch, Weil, Zondek und Torczyner, Hartung, Granach, Ida Roland, Graf Condenhove-Kalergi, Arnim T. wegner und Frau (Lola Landau) und viele andere. Frau Ellas, ein früheres Mitglied der ״Habimah“, trug zwei Stücke aus dem Dybuk vor. Hoffentlich ist der Abend der Anfang einer immer Intensiver werdenden tätigen Verbundenheit der jüdischen Geistigen Berlins rnit ״Habimah“, deren Bedeutung der Abend auch Skeptikern neuen Aufschluß gab. Mosche Chadad. Am 11. November vollendet Herr J. Dreyfus- Brodsky, Präsident des Schweiz. Isr. Gemeindebunaes und der isr. Gemeinde Basel sein 70. Lebensjahr. Herr Dreyfus- Brodsky vertritt mit Energie die Interessen des schweizerischen Judentums und ist Vertreter der schweizerischen Judenheit in der J e w i s h A g e n c y. Herr J. Dreyfus-Brodsky ist aus Anlaß seines 70. Geburtstages Gegenstand vieler Ehrungen seitens der schweizerischen Judenheit Freie Jüdische Volkshochschule Vortrag Martin Buber Ober Religion. Die ״Freie Jüdische Volkshochschule“ eröffnete Ihr Semester mit einem Vortrag von Dr. Martin Buber über das Thema ״Wie steht der moderne Mensch zur Re- 1 i g i 0 n“? Unter ״modernem“ Menschen versteht Buber den Menschen einer bestimmten unserer Zeit eigentümlichen Not: den Menschen, der an dem Sinn des Lebens und der Oeschichte zweifelt. Dieser Mensch möchte eine Beziehung zur Religion haben, aber aus diesem Wunsch entsteht oft eine Schein-beziehung, die in unserer Zeit in einigen besonders charakteristischen Formen auftritt, z. B. im Begriff des rellgiösen ״Erlebnisses“, das ohne Rücksicht auf die Frage def Wirklichkeit des Geglaubten sich mit einem psychologischen Faktum begnügt, oder aber die Anschauung, die die Religion als ein oberstes Stockwerk im Gebäude der Kultur gelten lassen will, u. a. Ganz ähnlich verhält es sich mit jenen, die Religion um der Religion willen pflegen wollen. In Wahrheit aber ist Religion nur dazu da, um über sich hinaus zu leben: Religion will Leben werden, Alltag, nicht eine Spezialität. Sie ist Glaube nicht im Sinne eines Meinens, daß etwas ist, sondern ein reales Verhältnis zu dem, woran man glaubt Die Möglichkeit, ein solches Verhältnis zu dem Geglaubten zu finden, ist nicht etwa bestimmten ״Begabten“ Vorbehalten, sondern etwas Allgemeines. Wie der Mensch in der Oebundenjieit des Alltags den Begebenheiten standhält, antwortet, .. ’ . daß das Volk antwortete: ״Na'äßeh we nischma“, d. h.: Wir hören, was wir unserem Tun ablauschen: Durch Ant- Worten wird uns das Wort. Religiös sein heißt im Angesichte Gottes leben. Der Mensch lebt dem Geheimnis gegenüber. Diese Situation gilt es zu akzeptieren. Darum heißt es: ״die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit“. Aber nur der Anfang; das religiöse Leben in seiner Wirklichkeit ist ein Zwiegespräch. Religion ist also eine alles umfassende Ganzheit, die Antwort in der Breite und Fülle des gelebten Lebens, Stunde um Stunde, d. h. Ver-antwortung. Die Not des modernen Menschen kann nur überwunden werden durch Religion als Wirklichkeit. Der Zugang zu ihr ist ein schmaler, vom verschütteten persönlichen Leben aus, an dem wir vorbeileben und das wir nur in einer tiefen Selbstbesinnung wiederzufinden vermögen, aber diese Selbstbeslnnung fürchtet und flieht der moderne Mensch am meisten. Von dieser Grundanschauung ausgehend, erörterte Buber die Frage, wie für uns Juden der Zugan g zur jüdisehen Glaubens-Situation beschaffen ist. Man erfaßt sie am ehesten durch den Dreiklang: Schöpfung, Offenbarung, Erlösung. Das sind die Stadien eines Zwie* gesprächs, das identisch ist mit der Geschichte der Welt (Nicht so im Christentum, wo Offenbarung und Erlösung zusammenfallen als ein historisches Faktum.) Im Judentum bedeutet die Schöpfung die reine Anrede Oottes, die Offenbarung die Rede Gottes zu einem seienden Oeschöpf, das diese Rede wirklich aufzunehmen vermag, und schließlich Erlösung, nur geahnt, die wirkliche selbständige Entgegnung des Geschöpfes, die Verwandlung des Antlitzes der Welt ist Für den modernen Menschen ist es furchtbar schwer geworden, im letzten Emst an Schöpfung, Offenbarung und Erlösung zu glauben. Dennoch gibt es einen Zugang dazu: Die Schöpfung wird begriffen durch das Faktum der Person, der Kreatur in ihrer geheimnisvollen Einzigkeit. Offenbarung kann nur in dem Sinn erfaßt werden, der jede Begebenheit des Lebens als eine Antwort heischende Ansprache aufnimmt Und was Erlösung ist, vermag der Mensen zu ahnen, der in finstersten Stunden auf dem Boden des Lebens angelangt ist und dem eine helfende Hand sich darreichte. Wir alle, so schließt Buber, stehen in der Situation Adams, der sich entscheiden kann, ob er Gott wählt oder Gott verwirft. Der Sinn der Geschichte und des Lebens ist nicht abstrakt zu umschreiben, er erschließt sich jedem Menschen nur in den echten Entscheidungen seines Lebens, d. h. in seiner echten Teilnahme an dem Geschehen zwischen Gott und Mensch. Die große Zuhörerschaft folgte dem zweistündigen Vortrag, der schwierige Gedanken in leuchtender Klarheit darzustellen verstand, mit größter Aufmerksamkeit. Die Volkshochschule kann diese Veranstaltung als einen verdienten Erfolg ihrer ernsten Bestrebungen buchen. * Dem Bedürfnis nach lebendiger Erörterung religiöser Probleme wird die Volkshochschule auch gerecht durch einen Versuch, der die Aufmerksamkeit und Teilnahme weiterer Kreise verdienen würde. Im Rahmen des gegenwärtigen Semesters findet ein Kurs unter Leitung von Rabb. Dr. Max Wiener statt, der der freien Diskussion gewidmet ist. Dr. Wiener geht von der richtigen Anschauung aus, daß religiöse Vorstellungen nicht nur Gegenstand historischer Unter- Buchungen sein sollen, sondern daß ihre Realität und Aktualität für uns und unsere Zeit einer Erörterung bedarf. Der erste dieser stets Dienstag 9—10 Uhr abends in der Fasanenstr. 80 stattfindenden Diskussionsabende war dem Problem der Offenbarung gewidmet. Die Aussprache, die sich an Dr. Wieners einleitendes Referat anschloß, war vielleicht noch etwas zaghaft, doch ist anzunehmen, daß sich bei zunehmendem Interesse für diese vielleicht noch zu wenig bekannten Veranstaltungen auch der Charakter der Diskussionen ausgestalten wird. Komnuinalwahlen In Berlin Anläßlich der letzten Reichstags- und Landtagswalilen im Mai 1928 haben wir geschrieben: ״Als jüdische Gesamtheit repräsentieren wir bei den Wahlen in Deutschland keine geschlossene Partei. Jeder Jude möge nach seiner Ueberzeugung oder nach seinen wirtschaftlichen Interessen der Partei seine Stimme zuwenden, die ihm entspricht. Keineswegs kann ein bewußter Jude ohne Verrat an seiner Gemeinschaft zu üben und ohne der Würdelosigkeit zu verfallen, direkt oder indirekt einer judenfeindlichen Partei seine Unterstützung leihen. Im übrigen aber soll sich jeder Jude darüber klar sein, daß die jüdischen Fragen in den parlamentarischen Körperschäften nicht gelöst werden können, und daß seine Anteilnähme an den Wahlen in erster Linie eine Angelegenheit seiner Stellungnahme als Bürger in Stadt, Land und Reich Ist“ Auch bei den am 17. N'ov. stattfindenden Berliner Koi.’.munalwahleh sollten sich die Juden von diesem Ocsichh־.*v.tn';te leiten lassen, wobei allerdings darauf hinzuweisen Lt, daß in gegenwärtigen Zeitpunkte mit Rücksicht auf das Anwachsen der radikal antisemitischen Parteien ln Deutschland eine noch bewußtere Stellungnahme vom jüdischen Standpunkt aus geboten ist. Das gilt besonders für die Berliner Kommune, deren Funktionen vielfac! in das jüdische Gemeindeleben eiligreifen- Als Aufslchtsbehi 1c: für das gesamte Schulwesen in Berlin übt sie direkten;influß auf rein jüdische Institutionen. Es ist darum notwendig, daß im Berliner Stadtpariament mit jüdischer Hilfe auch solche Vertreter sitzen, die geeignet und bereit sind, spezifisch jüdischen Angelegenheiten Verständnis entgegenzubrtogeo und sie kräftig zu fördern. "•!: '1:I li 1:׳At $4 t * J|{.v?!4