Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 88 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 588 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 8. XI. 1929 Frankfurter Brief Von unserem Berichterstatter. Die letzten Wochen standen auch in Frankfurt unter der Wirkung der Ereignisse in Palästina, und die Differenzen, die sich in der Zionistischen Weltorganisation in der Beurtei- 1 u n g dieser Ereignisse zeigen, wurden auch hier ausgetragen. Die Gruppe der Revisionisten war äußerst tätig. Zwei Vorträge des Herrn Levanon und ein Vortrag von justizrat Bodenheimer führten die Freunde des Revisionismus, aber auch viele sonst an zionistischen Dingen nicht sehr Interessierten zusammen. Es war dabei natürlich, daß die revisionistischen Redner stark auch an das Gefühl appellierten, und es ist bezeichnend, daß die Rede, die Justizrat Bodenheimer im übrigen von einem Manuskript ablas, mit einigen frei gesprochenen Versen schloß. Es kann nicht geleugnet werden, daß die Revisionisten gewisse Erfolge erzielten, wenn die neu gewonnenen Mitglieder allerdings auch aus zionistischen Kreisen stammen. Somit hat sich die eigentliche Werbekraft doch wieder auf diejenigen bezogen, die letzten Endes nicht mehr gewonnen werden mußten. — Es mag mit Bedauern konstatiert werden, daß die a n d e r e n Gruppen als solche nicht in entsprechender Weise werbend nach außen aufgetreten sind. Andererseits jedoch kann man feststellen, daß die Wirkung der revisionistischen Propaganda die Mehrzahl der Ortsgruppenmitglieder nicht von ihren bisherigen Ueberzeugungen, die sich in der Tendenz ungefähr mit der Politik der Zionistischen Vereinigung für Deutschland decken, ohne mit jeder Einzelheit einverstanden zu sein, abgebracht hat Am 15. Oktober sprach nun in einer Veranstaltung der Frankfurter Zionistischen Vereinigung vor einigen hundert Mensehen Dr. Fritz G o i t ei n, Jerusalem. Ohne Einzelheiten dieses Vortrages anführen zu können, seien die Hauptpunkte erwähnt: Der t he okratische Anspruch der Mohammedaner aut Beherrschung der nicht mohammedanischen Völker bedient sich heute des Mittels der Demokratie und des Parlamentarismus. Unsere Antwort auf diese Forderungen kann nicht lauten: Kein Parlament, sondern wir müssen versuchen, zum mindesten dieses Problem zu diskutieren, um in irgendeiner Weise unter Sicherstellung aller unserer Rechte zu einer befriedigenden Lösung zu gelangen. Es sei, das war der zweite Punkt des Vortrages, noch nicht möglich, zu trennen zwischen den Fellachen una ihren bisherigen Fünrern, den Effendis. Diese werden noch von jenen anerkannt, und darum sei es möglich und notwendig, zu versuchen, den sozialen und wirtschaftlichen Ausgleich dadurch herbeizuführen, daß man auch die arabischen Gruppen kapitalistisch an unsere großen Unternehmungen beteiligt. Was schließlich die nationale Spannung zwischen den beiden Völkern angehe, so bliebe uns nichts übrig, als diesen arabischen Nationalismus, wie man ihn auch heute Bewerte, anzuerkennen, und dementsprechend unsere Handlungen, unter Betonung al'er unserer Rechte und Notwendigkeiten, zu führen; d. h. aber, man rufe nicht in die Welt hinaus extreme Losungen, man greife nicht zum Mittel der unbedachten Anklage gegen die Regierung in einer unbedachten Form. Diese Art der übertriebenen Propaganda sei schädlich. Auch Resolutionen müssen so gehalten sein, daß sie in einem Verhältnis zu den Tatsachen stehen. Es kommt darauf an, daß endlich einmal die zionistisehe Wirklichkeit über die zionistische Losung hinausgehe. Dies zum Kernstück der Politik und des Auftretens gemacht, werde man mehr erreichen als bisher möglich war. lamit werde mehr erreicht nach außen, den Arabern und der Welt gegenüber und auch nach innen uns selbst gegenüber. . ... An diese Rede knüpfte sich eine heftige Diskussion, wobei insbesondere die Frage des Parlaments auch von denen als unerfüllbar hingestellt wurde, die im übrigen den Standpunkt Goiteins teilten. Wir möchten hoffen, daß in den nächsten Monaten trotz des bevorstehenden Delegiertentages die Arbeit innerhalb der Ortsgruppe durchgeführt werden kann, die in Aussicht genommen ist: 1. Ein Zyklus über Grundfragen der Politik und der jüdisehen und zionistischen Politik, unter einheitlicher Leitung mit der Aufgabe, alle Schichten des Frankfurter Zionismus zur Beherrschung der politischen Welt und des politischen Denkens zu erziehen, sodann 2. einige Aussprache-Abende über gemeindepolitische Fragen, die wir auch jetzt nicht vergessen sollen. 3. Ein im Januar 1930 beginnender Zyklus über geistesgeschichtliche Fragen des jüdischen Mittelalters. 4. Schließlich die Veranstaltungen anläßlich aktueller Ereignisse und zur laufenden Berichterstattung über politische Dinge. — Ob und in welcher Form auch in diesem Jahr eine zionistische Woche durchgeführt werden kann, darüber werden noch nähere Beschlüsse gefaßt werden müssen. J. Z. Die Schulimgswoche des Bar Kodiba, Berlin Infolge der glücklichen Auswahl der Referenten und Themen und des starken Interesses der Bar Kochbaner war die Schulungswoche ein über Erwarten großer Erfolg. Die Ausspracheabende nahmen einen programmäßigen Verlauf und erfreuten sich durchweg eines guten Besuches. Die bedeutenden Fragen und Probleme der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in den einzelnen Vorträgen bchandelt wurden, lösten bei den Zuhörern eine angeregte und lebhafte Diskussion aus. In seiner Begriißungsansprachse am ersten Abend wies der Vorsitzende des Bar Kochba, X>r. H. Leie wer, auf die Bedeutung und den Zweck dieser Bildungswoche hin. Bildung heiße im Sinne eines Ausspruches von Goethe Nachdenken lernen, was andere vor uns gedacht haben. Hieraut ergriff der Vorsitzende des Z. V. f. D., Kurt Blumenfeld, das Wort zu seinen eindrucksvollen und glänzenden, durch Beispiele aus dem Leben veranschaulichten Ausführungen über zionistische Erziehung, deren Aufgabe es ist, einen neuen, der jüdischen Gemeinschaft verbundenen Mensehen heranzubilden. Die lebhafte Diskussion ergab ein Bild der im Bar Kochba herrschenden zionistischen Stimmungen und Gärungen. Diese Aussprache hat viel zur Hebung des zionistischen Bewußtseins unter den Bar Kochbanern beigetragen. Am darauffolgenden Abend sprach Dr. Joachim Prinz über Wege zu jüdischem Wissen und Erleben. Er ging vom Wissenserlebnis der Juden aus und entwarf in fesselnder Darstellung Programm und Methode des Unterrichtes in Hebräisch, Bibel und jüdischer Geschichte. Die Aussprache ergab wertvolle Winke für das Studium der jüdischen Vergangenheit, die der Redner in einzelnen Ausschnitten lebendig den Herzen der Jugend näherzubringen verstand. Für seine temperamentvollen, der Jugend angepafiten Ausführungen erntete der Vortragende großen Beifall. Am dritten Abend behandelte Dr. Georg Lubinsky in klarer, logischer und allgemein verständlicher Form das Verhältnis zwischen Zionismus und Sozialismus. Im Sozialismus erblicke er keinen Gegensatz zum Nationalismus; im Gegenteil, durch den Sozialismus werde erst der vergeistigte Nationalismus seine Aufgaben erfüllen können. Die Antworten des Vortragenden auf manche schwierige Fragen der Politik und der Wirtschaft haben viel zu deren Klärung beigetragen, wofür ihm die interessierten Zuhörer zu Dank verpflichtet sind. Am vierten Abend sprach Prof. Dr. Heinrich Loewe über die Lage des jüdischen Volkes in der Vergangenheit und Gegenwart. In gedrängten und lehrreichen Darlegungen behandelte der Referent in erster Linie die bevölkerungspolitischen Probleme der Judenheit. Infolge seiner souveränen Beherrschung der umfangreichen Materie gelang es dem Redner in meisterhafter Weise ein Bild des heutigen Judentums vor dem geistigen Auge der Zuhörer aufzubauen. Aus der heutigen Lage des Judentums ergebe sich mit zwingender Notwendigkeit aic Schaffung der Heimstätte in Palästina. Am Donnerstag sprach der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Herr Direktor Oeorg Kareski, über die jüdische Gegenwartsarbeit und die jüdische Gemeinde zu Berlin. Seine Berliner Zlonlsllsflie Vereinigung Sonntag, den 10. November, abends 8 Uhr Logenhaus Kleiststrafee 10 (grober Saal) Rezitationsabend: Bibel in Urtext tun! Übertragung Irene Triesch Manfred Geis Karten 2.— bis M. 4.— an der Abendkasse klaren, instruktiven und schwungvollen Ausführungen über die großen Aufgaben der jüdischen Großgemeinde zogen alle Zuhörer in seinen Bann. Die großartigen Leistungen der Gemeinde auf dem Gebiete der sozialen Wohlfahrtspflege, der Bevölkerungspolitik und der jüdischen Erziehungsarbeit machten auf alte Anwesenden den stärksten Eindruck. Die Bar Kochba-Jugend verließ diesen überaus wertvollen Abend mit dem freudigen Bewußtsein, daß die jüdische Gemeinde Berlins dank der klaren und überlegenen Führung eines Mannes, der aus den Reihen des Bar Kochba hervorgegangen ist, wahrhaft vorbildliche Volksarbeit leistet. Am Ende der Aussprache kam der Wunsch der Bar Kochbaner zum Ausdruck, an dieser zionistischen Gegenwartsarbeit mit allen Kräften teilzunehmen. Am letzten Abend sprach der Jugendleiter des Bar Kochba Hans Eger über die Technik der Heimabende. An Hand seiner reichen Erfahrungen beleuchtete er vom jugendpsychologischen Gesichtspunkte aus die mit der Abhaltung eines Heimabends zusammenhängenden Fragen. Er sprach über die Wahl der Themen, die Rolle des Singens, und insbesondere über das Führerproblem. Sodann sprach Fritz Mauthner über das Studium des Hebräischen. Er forderte zu einem intensiven Erlernen der hebräischen Sprache, der Kultursprache unseres Volkes, die den Schlüssel zu den geistigen Schätzen des Judentums bildet, auf. In der darauffolgenden Aussprache wurden die Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls betont und die Mittel zur Intensivierung des Gemeinschaftslebens innerhalb des Bar Kochba besprochen. Die Bildungswoche hat ihren Zweck, das jüdische Bewußtsein seiner Mitglieder zu wecken und der geistigen Erziehung wichtige Anregungen zu geben, voll und ganz erfüllt Der als Abschluß gedachte Bar Kochba-Tag wird am 17. November stattfinden, und soll der Auftakt zu einer systematischen und planmäßigen Erziehungsarbeit im Bar Kochba werden. Die Vorträge sollen demnächst in gedruckter Form erscheinen und als wichtige Grundlage für die Bildung 1׳ und Vertiefung der Bar Kochba-Jugend dienen. \ Dr. A. Rosen feld. Jüdische Mnsik aal SchaUplatten Die Zeit, in der jüdische Musik die Angelegenheit einiger standhafter Enthusiasten war, scheint endgülng vorüber zu sein. Wer die Sonderveranstaltung der ״Freien Jüdisehen Volkshochschule Berlin" im Logenhaus miterlebt hat, wird bestätigen, daß ein ebenso zahlreiches wie glänzendes Publikum sich zu dieser Darbietung drängte. Alice jacob-Löwenson hielt einen Vortrag über ״Jüdische Musik auf Schallplatten". Alice Jacob-Löwenson bewies in fein pointierten Ausführungen nicht nur ihr Verständnis für die charakteristische Note der jüdischen Melodie, sondern auch eine ungewöhnliche Klarheit des Geistes und der Form. Aus dem historischen Sprechgesang, dem freien, monotonen Rezitativ mit seiner virtuosen Ornamentik, mit einem unsymmetrischen Rhythmik, entwickeln sich allmählich verschiedene Typen des Synagogalgesanges, der orientalische, der chassidische und der spaniolische Typus. Sie spiegeln die ekstatische Andacht eines tief religiösen Sinnes und gehören zu der ehrwürdigen Familie homojahoner Melodien, Ihnen zu gesellt sich der außersynagogale Gesang, der aber in stetiger Abhängigkeit von dem religiösen Kult bleibt. Einen anderen Weg gebt die jüdische Musik innerhalb Deutschlands. Hier ist der Wille zur Mimikry, zur Anpassung an die Umgebung besonders stark. Die Werke eines Sulzer, Naumbourg, Lewandowsky verflachen das spezifisch Jüdische. Die Vortragende schätzte daher den Wert dieser Musik, besonders der Lewandowskys, sehr gering ein. Ich stimme dieser Auffassung nicht restlos bei. Zwar ist die Minderung der jüdischen Eigenart bei Lewandowsky nicht zu verkennen. Aber ihn beherrschte vor allem die Frage nach einer künstlerischen Tempeltnusik im deutschen Zeitfeschmack. Als standhafter Nutznießer der Mendelssohnschen chreibweise kopierte er deren angenehme Rundungen. Immerhin hat er in verschiedenen Stücken eine Tempelmusik von künstlerischem Rang geschaffen. Nicht nur in der synagogalen Musik spielt das Rezitativ eine bedeutsame Rolle. Auch aas jüdische Volkslied, mit seiner nicht immer wählerischen Melodik, die jüdische Theater- und moderne Kunstmusik basieren auf ihm. Durch sorgsam gewählte Beispiele aus der Grammophonliteratur wurden die feinsinnigen Ausführungen der Vortragenden unterstützt Sehr glücklich war die Einbeziehung des Öregorianischen Gesanges ln das Programm. Denn der älteste Bestandteil der christlichen Liturgie ist die hebräische Psalmodie in den Stundenoffizien. Daher nimmt die mittelalterliche Kirchenmusik den Gegensatz zwischen responsioralem und antiphonischem Gesang. Sehr eindrucksvoll das chassidische Gebet ,.Oschamnu" mit dem volksliedartigen Ritornell. Neben der Grammophonmusik spielte Alice Jacob-Löwenson Klavierstücke von Alcan und Weprik und begleitete Ra 11 cl E r m o 1 n i k o.f f zu selbstbearbeiteten orientalischen Liedern. Erich-Walter Sternberg. Warum innerzionistischer Kampf? Von Max Jacobsohn, Breslau. Wir stehen vor folgendem Sachverhalt: Kollenschcr hat sein Amt als Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Z. V. f. D. niedergelegt. Dieser Schritt erfolgte am 16. Sentember (die Daten sind nicht unwichtig) unter Hinweis darauf, daß der Entschluß zur Amtsniederlegung bereits in Zürich — also vor den Unruhen in Palästina — entstanden und nur infolge der Unruhen zurückgestellt worden sei. Am 20. September, also nach der Amtsniederlegung, wurden die Be- Schlüsse des Aktions-Comites bekannt. Am 4. Oktober veröffentlichte Kollenschcr in der ״Jüdischen Rundschau“ einen Aufsatz, in dem er die Gründe für seinen Rücktritt darlegt und zum Kampf gegen die Leitung der Z. V. f. D. und gegen die ״Rundschau“ aufruft. Der Aufsatz legt vor allem dar, daß die Haltung der leitenden zionistischen Instanzen in Deutschland nicht mit den Beschlüssen des Aktions-Comites in Einklang stehe. Blumenfeld erwidert darauf, daß Köllenschers Aufsatz nicht eine einzige sachliche Forderung «nthalte, für die nicht auch er, Blumenfeld, eintrete. Hierauf erwidert Dr. A. Barth in der ,,Jüdischen Rundschau“ vom 11. Oktober mit einer Auseinandersetzung darüber, worin die Unterschiede zwischen Blumenfelds und Kollenschers Meinung bestehen. Merkwürdig ist an diesem Vorgänge mancherlei: 1. Den in Zürich gefaßten Beschluß und den am 16. September erklärten Rücktritt begründet Kollenseher im wesentliehen damit, daß die leitenden Instanzen der Z. V. f. D. nicht nach den Beschlüssen gehandelt hätten, die Herrn Kollenseher erst am 20. September, also nach Erklärung des Rücktritts bekannt wurden. 2. Kollenseher weist nach, daß die Beschlüsse des Landes- Vorstands der Z. V. f. D. vom 1. September nicht alles enthalten, was in den Beschlüssen des Aktions-Comites vom 20. September gesagt ist. Er hätte nicht vergessen sollen, daß dem Aktions-Comite weitere zwei Wochen für die Vorbereitung seiner Beschlüsse zur Verfügung standen, daß jeder Zionist in diesen zwei Wochen seine Meinung genauer und ausführlicher durchdacht hat, daß am 20. September manches gesagt werden durfte, was zu sagen am 1. September teils unmöglich, teils aber voreilig gewesen wäre, und daß Herr Kollenseher selbst bei den Beschlüssen vom 1. September mitgewirkt und ihnen zugestimmt hat, ohne Zusatzanträge zu stellen. 3. Wer mit der Leitung nicht einverstanden ist, pflegt, zumal wenn er selbst der Leitung angehört, zunächst dieser Leitung seine Forderungen zur Stellungnahme vorzulegen. Statt dessen geschieht folgendes: Kollenseher stimmt am 1. September mit dieser Leitung. Kollenseher stellt keinerlei abweichende Anträge im Landesvorstand oder im Geschäftsführenden Ausschüsse (er gehört beiden Gremien an). Er zieht es vor, auszutreten und einen oppositionellen Aufsatz (nämlich einen Aufsatz, den er für den Ausdruck einer Opposition gegen die ״Leitung“ hält) in der Zeitung zu veröffentlichen. Blumenfeld bestreitet, daß sachliche Meinungs- Verschiedenheiten vorliegen. Er »lädt Kollenseher zu einer persönlichen Aussprache ein, um die Differenzen festzustellen und aufzuklären. Kollenseher lehnt die Einladung ab. 4. Nunmehr tritt Dr. Barth auf. Mit einem großen Aufwand von Scharfsinn beweist er, welche Unterschiede es zwischen Blumenfelds und Kollenschers Ansichten gibt. Ich bin übrigens der Meinung, daß Dr. Barth Punkt für Punkt unrecht hat. Aber hierüber müßte man einen besonderen Aufsatz schreiben. Es genügt einstweilen die Feststellung, daß es sich offenbar um Nuancen der politischen Abwägung handelt, die nur bei schärfster und zugespitztester Formulierung überhaupt erkennbar werden. Für Nuancierungen aber gründet man nicht neue Parteien. Durch Nuancen unterscheide ich mich wahrscheinlich von jedem einzelnen deutsehen Zionisten. Wäre es nicht so, so brauchte man nicht innerhalb jeder einzelnen Fraktion täglich Abstimmungen durchzuführen. Parteien unterscheiden sich durch Grundanschauungen. Wo sind die Grundsatz e, in denen sich Kollenseher von Blumenfeld unterscheidet? Welches sind die grundlegenden Anschauungen, die ihn zu dieser Trennung zwingen? Jeder Staat und jede politische Partei "hätte im Augenblick schwerster politischer Kämpfe folgenden Standpunkt eingenommen: Es bedarf In der Stunde der Gefahr eines Zusammenschlusses aller Kräfte. Untergruppen haben die Austragung ihrer Differenzen zurückzustellen. Die gesch’ossene Einheit aller Gesinnungsgenossen ist zu wahren. Das Einigende ist herauszuarbeiten, das Trennende auf ruhigere Zeiten zu verschieben. Wer opponieren will, muß seine Forderungen vor allem zunächst an zuständiger Stelle vertreten und versuchen, ob nicht eine einigende Formel zu finden ist. Das Gegenteil ist bei uns geschehen: Daß die Opposition unter Führung von Kollenseher den einzigen legalen Weg, den es gibt, nicht beschütten hat, scheint niemand bemerkt zu haben. Daß Kollenseher sogar die Einladung, an einer Ausspräche im G. A. teilzunehmen, zurückgewiesen hat, wird kaum der Beachtung für wert gehalten. Man sucht nicht nach einer einigenden Formel, man bringt überhaupt keine Anträge ein, man verhandelt gar nicht, sondern — man versucht (vergleiche den Aufsatz von Barth) das Trennende mit möglichst scharfer Herausarbeitung der Gegensätze und mit Zuspitzung dessen, was vorher höchstens Nuance war, zu markieren. Und nunmehr verlangt man die Einberufung eines außerordentlichen Delegiertentages. Es war ein Fehler von Blumenfeld, daß er in falsch verstandener Loyalität im Geschäftsführenden Ausschüsse für die Einberufung des Delegiertentages eingetreten ist. Er als Führer der Organisation hatte die Pflicht, alles für die Erhaltung der Einheit in dieser schweren Zeit zu tun. Wir haben jetzt andere Aufgaben, als innerzionistische Kämpfe auszutragen. Wer uns zumutet, Wahlen für ein Parlament in dem Augenblick zu arrangieren, wo alle Kräfte auf die Bekämpfung der Assimilation, auf die Stärkung unserer Fonds, auf die konstruktive Arbeit in Palästina, auf die Verstärkung der Aliah, auf die Geschlossenheit der zionistischen und jüdisehen Welt zu richten sind, der handelt falsch, selbst wenn er durch eine ״oppositionelle“ Gruppe noch so sehr gedrängt wird. Am wenigsten aber durfte diesem Drängen nachgegeben werden, wenn es von einer Gruppe ausgeht, die den einzigen "legalen Weg nicht gegangen ist. Darum: Verschont uns mit diesem Außerordentlichen Delegiertentage, der uns nur in unserer Arbeit stören wird. Laßt uns für Palästina arbeiten und zwingt uns nicht, unsere Kräfte in der Stunde schwerster Sorge in populistischen Kämpfen um Nuancen zu verschwenden.