Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 88 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 88» 8. XI. 1920 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 587 Notizen vom Tage V°r dem Nürnberger Schwurgericht hatten sich Landtagsabgeordneter Streicher, Stadtrat Holz und der Buchdruckcr H il z wegen Religionsvergehens, begangen durch die Presse, zu verantworten. Der von den Angeklagten hcrausgegebene bzw hergestellte ״Stürmer“ veröffentlichte im Anschluß an den Gladbecker Primanermord Beschuldigungeri gegen die jüdische Religion und stützten tlicse Verkamdüngen auf angebliche Aussprüche von Talmud und Sc!1ulchan Aruch. Ein großer Apparat von Sachverständigen, von denen allerdings die meisten als befangen abgelehnt wurden, wurde von der Anklage und den Angeklagten aufgeboten. Als ein- *jger vom Gerichtshof als unbefangen anerkannter Sachverständiger blieb der katholische Professor Goettsberger, München. Auf Grund seines Gutachtens wurden die Angeklagten Streicher und Holz zu zwei bzw. drei Monaten Gefängnis verurteilt. Hiiz wurde freigesprochen. Die ganze Verhandlung war eigentlich ein Ritualmordprozeß. * Der neu ernannte Dezernent für das Volksschufwesen beim Berliner Provinzialschulkollegium, Regierungsdirektor König, ein Sozialdemokrat, hat seine Amtstätigkeit damit begonnen, daß er eine Verordnung erließ, die den Schulunterric htan Sonntagen verbietet Dadurch sind die bestehenden jüdischen Volksschulen auf das schwerste betroffen, da bei einem nur fünftägigen Unterricht in der Woche das Lehrziel nicht erreicht werden kann. Diese Ver- Ordnung muß auf jüdischer Seite stärkste Ablehnung erregen, weil in ihr eine Verletzung der konfessionellen Gleichbcrechtigung liegt. Um so peinlicher wirkt diese Provokation der Juden, als sie von sozialistischer Seite kommt Schließlich handelt es sich bei der ganzen Frage darum, daß ein Ruhetag in der Woche innegehalten werde. Das aber geschieht bei den jüdischen Schufen durch die Beobachtung des Sabbat. * Am 7. November sind zehn Jahre verflossen, daß Hugo Haase, der langjährige Führer der deutschen Sozialdemokratie, in Berlin von einem fanatisierten Arbeiter erschossen wurde. Hugo Haase, dessen Kinder der Zionistischen Organisation angehören, repräsentierte den Typus des von leidenschafthcher Gerechtigkeitsliebe erfüllten 'jüdischen Arbeiterführers, dessen Ueberzeugungstreue und Unentwegtheit in allen Wechselfällen der Ereignisse unbeirrbar blieben. Das traurige Jubiläum der Ermordung Haases findet in der sozialistisenen Presse ausführliche Erwähnung. Naumann als Helfer des Multi Nummer 7 der englischen Ausgabe der arabischen Zeitung ״F e I e s t i n“ bringt auf der ersten Seile die große Ueberschritt ״Zwei Erklärungen deutscher Juden“. Darunter folgt zuerst die bekannte Erklärung der von den Herren Ostberg und Naumann organisierten Protestler. Das zweite Dokument ist eine Zuschrift des ״Verbandes nationaldeutscher Juden“, die in der ״S c h f e s isc h e n Zeitun g“ (Breslau) erschienen ist und worin der arabische Aufstand begrüßt wird als eine Abschreckung des Zionismus. Die Zeitung benutzt diese Dokumente zur Unterstützung ihrer These, daß auch die Juden eigentlich gegen die Besied- Iung Palästinas sind und darin eine englisch-imperialistische Aktion gegen die mohammedanische Welt erblicken. Mit diesem Material sucht die Partei des!Mufti, deren Organ ״Feiestin“ ist, die blutigen Abschlachtungen von Juden in Palästina zu rechtfertigen und wagt bereits in immer kühnerer Weise anzudeuten, daß auch in Zukunft derartiges Blutvergießen stättfipden wird, Wtnri England dem arabischen Druck nicht nacligibt. Die Herren Naumann, Ostberg und Konsorten können also den schönen Ruhm für sich in An- Spruch nehmen, einer Propaganda, die Vergießen jüdischen Blutes zum Ziel hat, wertvolle Dienste geleistet zu haben. Die englische Ausgabe des ״Felestin“ ist ganz und gar darauf angelegt, auf tue Untersuchungskpmmission, die jetzt die Ursachen der palästinensischen Unruhen untersucht, Eindruck zu machen. Zu diesem Zweck schildert sie vor allem die ungeheuren Vorteile, die die Regierung angeblich den Zionisten zugewandt hat; damit soll bewiesen werden, daß diese Entwicklung unvermeidlich zur Vernichtung des Arabertums in Palästina führen muß. Das Blatt betont, daß die Araber lieber eine internationale Kommission gewünscht hätten. Sie hätten sich aber auch mit der britischen Kommission abgefunden im Vertrauen auf die traditionelle britische Gerechtigkeit. Charakteristisch ist auch das Bestreben der Araber, als ihr Ziel eine enge englisch-arabische Freundschaft hinzustellen, wozu jedoch die Ausmerzung des Zionismus nötig wäre. Ihre Aeußerungen, die für englische Leser bestimmt sind, sind eine eigentümliche Mischung von Drohungen und Heuchelei. ״Der Nationa!deutsche Jude“, monatliches Mitteilungsblatt des ״Verbandes nationaldeutscher Juden“, enthält in der November-Ausgabe ein Gedicht ״Z w i s c h e n f e I d über Palästina“ von Hans Neusachs, das in seiner mauschelnden Geschmacklosigkeit einen Gipfelpunkt der von dieser Seite ja bereits gewohnten Verhöhun״ einer großen Sache darstellt. ״Herr Zwischenfeld“ gehört offenbar zu dem Publikum, auf das die Agitation des Verbandes nationaldeutscher Juden Eindruck macht, denn er findet den richtigen T011 zur Zusammenfassung von Naumanns Argumenten in einer dieser Geisteshöhe entsprechenden Reimerei. Wir sind gespannt, wie lange eine jüdische Oeffentlkhkeit sich derartiges noch wird bieten lassen. EröBnang des transjordamscüien Parlaments Jerusalem, 5. November. (J. T. A.) Emir A b - d u 11 a h hat das transjordanische Parlament in Amman mit einer Ansprache eröffnet, in weicher er den Inhalt seines Brief- Wechsels mit dem Oberkommissar Sir John Chancellor mitteilte und hinzufügte, daß seine Haltung hinsichtlich Palästinas nach wie vor die gleiche sei. Er wies auf die zwischen Großbritannien und Transjordanien herrschenden guten Be- Ziehungen hin und sprach die Hoffnung aus, daß Trans- Jordanien in ,absehbarer Zeit seine völlige nationale Souveränität erhalten werde. Der Emir sprach auch über seinen Besuch beim König Feisal in Bagdad, der dem transjordanisehen Parlament seine Grüße sendet. Die arabische Presse berichtet über eine Demonstration gegen den transjordanisch-englischen Vertrag, die bei der Ankunft von Sir John Chancellor in Amman stattgefunden hat. Eine von mehreren Deputierten geführte Menschenmenge versammelte sich vor dem Palast des Emirs Abdullah und stieß laute Protestrufe gegen den Vertrag mit England und gegen die zionistische Politik in Palästina aus. Chancellor hat Amman früher als beabsichtigt verlassen. Zwei Juden wegen Valutaspekulation hingerichtet. Moskau, 29. Oktober. (j.T.A.) Abraham Kleiner und Samuel Taitz, die im September unter der Beschuldigung, mit ausländischer Valuta spekuliert zu haben, vorn Gericht zum Tode verurteilt wurden, sind am 26. Oktober hingerichtet worden. Das Präsidium des Zentralexekutivkomitees hat die von den Verurteilten eingelegte Berufung abgelehnt. Buber über die jüdisch-arabische Frage . ■Am 31. Oktober fand in Berlin, wie bereits kurz gemeldet, eine Kundgebung des ״Brith Schalom“ statt. Namens der Einberufer erklärte Dr. Robert Weftsch die Ziele dieser Veremigung und fügte hinzu, daß es sich hier keineswegs um eine neue Partei handelt, sondern um eine Gruppe von Einzelnen, die verschiedenen zionistischen Parteien angehören und keinesvvegs für ihre Gruppe Propaganda machen wollen, sondern für eine Idee. Der B.Sch. erstrebe die Verwirklichung des Zionism«s im Rahmen eines binationalen Palästina, in welchem beiden Völkern ihre Rechte international garantiert sind. Dieses Programrn werde heute schon in weiten zionistischen Kreisen als das einzig mögliche erkannt und nichts sei falscher als der häufig dem B. Sch. gemachte Vorwurf, er wolle diesen Gedanken als sein Monopol hinstellen. Wenn man zu Einzelheiten übergeht, so vertrete selbstverständlich jeder seine individuelle Ansicht. — Der Redner macht dann noch die Mitteilung, daß sich in Deutschland eine ״Arbeitsgemeinschaft für zionistische Realpolitik“ gebildet hat, die sich zur Aufgabe setzt, die Realitäten der zionistischen Verwirklichung zu studieren und den Sinn für richtige Erkenntnis der Tatsachen innerhalb der Bewegung zu stärken, da nur auf dieser Basis eine erfolgreiche Politik gemacht werden könne.!llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMIlllllllllinilllllllllllllllllllllllllllllllllimilHIIIIllllllllUllllllDimillimilllllmi Palästina -Abend veranstaltet von den deutschen Mitgliedern der Je'wish Agency und dem Präsidium des Keren Hajessod am 17. November, abends 8,30 Uhr im großen Festsaal bei Kroll (Eingang Große Querallee) Redner: Prof. Dr. S. Brodetsky, London Mitglied der Executive der Jewish Agency Alfred Leonhard Tietz, Köln Mitglied des Präsidiums des Keren Hajessod Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, Stuttgart Stellv. Mitglied des Councils der Jewiih Agency Dunkler Anzug erbeten Gedeck Mk. 3,30 Es wird höfl. gebeten, Eintrittskarten sofort beim Sekretariat des Keren Hajessod, Berlin W 15, Meinekestr. 10, za bestellen; nur rechtzeitig einlaufende Kartenbestellungen können berücksichtigt werden. Die auf den Namen lautenden Eintrittskarten werden gegen Voreinsendung des Betrages auf Postscheckkonto Keren Hajessod, Berlin Nr. 153342, zugesandt!iniiiiiinmiiiimiiiiniiiiiiiiiminiiMmniiiiiiniiiMiiiiiinmiiiminiiiimiiimniiimiiiinitmmimmiiiiiiiiiniiiiinimiiim Der Vortragende des Abends, Dr. Ma rtin Bub er betont, daß er kein Programm geben sondern nur seine persönliehen Gedanken Vorbringen wolle. Unser Anspruch auf Erez- Israel, so führt er aus, beruht auf der eigentümlichen, einzigartigen Verbindung von Volk und Land, die ein Verhältnis von großer geschichtlicher und übergeschichtlicher Notwendigkeit ist. Dies ist nicht in eine der ,gebrfuchliche!!. nationalistischen Formeln zu fassen, sondern das jüdische Volk blieb in völlig unvergleichbarer Weise erhalten, weil es in seiner Existenz, in seiner Substanz, eine A u f g a be trug, für die es sich aufgespart fühlte, eine Aufgabe, die vielleicht nicht formulierbar, aber tubar und lebbar ist, und zwar nur im Gemeinschaftsleben. Der Zionismus hatte einen doppelten Sinn: die Erhaltung eines Volkstums, aber auch den Wiederbeginn der Erfüllung dieser Aufgabe. So beruht unser Recht auf das Land auf dreifachem Grunde: Erstens auf unserer Urverbundenheit mit dem Lande, zweitens auf der Tatsache unserer Leistung im Lande während des letzten halben Jahrhunderts, und drittens auf der spürbaren zu erfüllenden Aufgabe. Uebergehend auf unsere Beziehungen zu England betont der Redner, daß unsere Kolonisation nicht Expansion bedeutet, wie bei imperialistischen Mächten, sondern Konzentration. Aber auch der englische Imperialismus wandelt sich in seinen Methoden immer deutlicher im Sinne einer Zusammenfassung selbständiger Gebilde. Unsere Parole in Palästina hatte zu sein: echte Selbstbestimmung. Statt dessen machten wir zu unserer Losung das Wort ״Majorität“, d. h. wir bestimmten unser Ziel nicht für sich selbst, sondern im Verhältnis zur andern Bevölkerung Palästinas. Wir haben aber zu fragen: Wie muß die Verfassung des Landes aufgebaut sein, damit unsere Selbstbestimmung verbürgt ist? Wir wollen möglichst schnell möglichst viele Menschen ins Land bringen und sie zu einer wirklichen Siedlung zusammenschließen, wir kommen aber in ein bewohntes Land, dessen Bevölkerung ein ebenso reales Lebensrecht hat wie wir. Darin liegt sicher ein gewisses Unrecht, so wie in jedem Leben, aber es gilt, nicht mehr Unrecht zu tun als unbedingt nötig ist. Das ist viel schwerer als unschuldig sein wollen, aber dieses Schwere ist die eigentliche Aufgabe jedes Lebens. Unser Verhältnis zu den Arabern müßte auf allen Gebieten positiv aufgebaut werden. Wir müssen dazu einen Weg suchen. Wenn wir z. B. in Verwirklichung der Idee des binationalen Staates unsere Zustimmung zu einer Art parlame ntarischer Institution geben sollten, dann muß eine BürgschaftfürunsereLebensrechte gegeben werden, etwa in der Form einer Magna Charta , einer dauernden Urverfassung. die garantiert ist von den internationalen Instanzen und die vor allein das Recht der Juden auf Einwanderung proklamiert. Buber skizziert dann weiter die Möglichkeiten einer Annäherung auf den verschiedenen Lebensgebieten, persönlich, kulturell, wirtschaftlich, religiös. Den Islam, der — viel mehr als bei den Juden das Judentum — eine wirkliche Lebensgrundlage ist, müssen wir kennen lernen, und mit seinen religiösen Instanzen Beziehungen schaffen. Bisher war unsefe Aufbau-Arbeit viel zu wenig ,.Landespolitik“, viel ztt wenig rechnend mit der ganzen Landes- Bevölkerung. Was stand einer solchen Aktivität auf unserer Seife entgegen? Erstens ein gewisser Nationaldünkel, den wir bei ehrlicher Ueberlegung als unberechtigt erkennen müssen; und zweitens ein mißverstandener Macht-Standpunkt. Wir luden sind zweifellos eine Macht, aber wenn wir in unserer Politik unsere Macht manchmal zu einem Bluff aufbauschen, täuschen wir nur uns selbst. Schließlich setzt sich Buber noch mit dem — besonders von der Arbeiterschaft oft vertretenen — ״Umschwung“-Standpunkt auseinander, der davon ausgeht, daß der soziale Gegensatz zwischen Effendis und Fellachen eine nationale arabische Bewegung unmöglich mache. Die Unrichtigkeit dieser Ansicht ergibt sich sofort, wenn man bedenkt, daß auch wir Zionisten in unsern Reihen verschiedene soziale Schichten haben, die trotzdem durch die nationale Idee geeint sind; und bei den Arabern gibt es darüber hinaus in den meisten Fällen die für sie sehr wichtige religiöse Einheit, die dem Nationalismus zugute kommt In diesem Moment, schließt der Redner, sei der Karren verfahren. Niemand könne ein Rezept zur Entwirrung der Lage geben. Man könne nur Anfangs-Aktionen Vorschlägen. Auch wenn es bescheiden klingt, darf man das wenige, das jetzt zu tun ist, nicht verabsäumen. In diesem Sinne schlägt der Redner vor allem zwei Aktionen vor: 1. Wir Juden sollen vor der Oeffentlichkeit der Welt er- Wären, daß es unser Wille ist, daß die ausgesprochenen Todesurteile nicht vollstreckt werden. 2. Die Frage der Klagern auer muß zu einer Sache werden, über die Menschen der beiden Lager miteinander reden, und zwar Repräsentanten des allweltlichen Islam und des allweltlichen Judentums. Gelingt es, in dieser Frage zu einer Vereinbarung zu gelangen, dann wäre ein erster Schritt getan. Im Anschluß an das anderthalbstündige Referat Btibers entspann sich eine Aussprache, in der Dr. Steinberg (Freier Sozialist), K I i n o w (Revisionist), Blumenfeld, Klatzkin, ferner der zum Islam übergetretene Deutsche H 0 f m a n n , der vor einigen Wochen auch in der arabischen Versammlung geredet hat, und ein Araber namens Zeine d d i n. Hofmann erklärte, kein Araber sei gegen eine Verständigung, und in den Worten Btibers liege eine Möglichkeit zur Verständigung, aber die Zionisten hätten den Fehler gemacht, mit der Einwanderung zu beginnen, ohne vorher mit den Arabern zu verhandein. Solange die Juden nicht einsehen, sagte Hofmann, daß es kein Recht auf Palästina gibt, das nicht von den Juden mit den Arabern geschaffen worden ist, solange müssen sie sich gefaßt machen auf die Auseinandersetzung von Macht zu Macht lm Gegensatz zu Hofmann, der einen höflichen Ton wahrte, erlaubte sich der arabische Redner die Unverschämtheit, in dieser Versammlung von den Anschlägen der Juden gegen die Omar-Moschee zu sprechen und sagte» die Araber würden dem Zionismus mit Blut'und Eisen entgegentreten. Die Versammhing hörte in großer Disziplin auch diese Rede an, worauf Dr. Buber sich in seinem Schlußwort mit einigen Argumenten der Diskussionsredner auscinandersetzte. * Die ״Arbeitsgemeinschaft für zionistische Realpolitik“ bittet alle Interessenten, ihr ihre Adressen mitzuteilen, insbesondere da infolge des großen Gedränges bei der Buber-Versammlung nur ein kleiner Teil der Formulare eingesammelt werden konnten. Die Adresse der Arbeitsgemeinschaft ist: Berlin-Charlottenburg 2, Uhlandstraße 20—21. Vor den KoItosgemelndewaMen ln Prag Von unserem Korrespondenten. ’ hl, Prag, 4. November 1929. Sontag, den 10. d. M., finden die Waiden in die Prager Kultusgemeinde statt. Der Wahlkampf zu diesen Wahlen wird viel intensiver betrieben als je zuvor, was schon allein aus dem Umstande ersichtlich ist, daß neben den bisherigen vier Parteien (deutsche und tschechische Assimilanten, Orthodoxe Mittelstandspartei und Jüdischnationale) noch drei weitere Parteien (Poale Zion, eine assimilatorische Fortschrittspartei und die Gruppe des jüdischnationalen Dissidenten Insp. Slonitz) sich um die Stimmen der Kultusgemeindewähler bewerben. In dem eigenartigen Wahlrechte, das, im Prinzipe durchaus demokratisch, allen volljährigen Juden und Jüdinnen Stimmrecht zuerkennt, aber die Stimmabgabe durch Uebertragung zuläßt, so daß der Wähler nicht persönlich zur Wahl erscheinen muß, ergibt es sich, daß sich die eigentlichen Wählen lfe'röts'* in der Vorwahlwoche abspielen. Die Hauptarbeit der Parteien besteht in dem Absammeln der Wahllegitimationen, die von ihnen dann Sonntag mit der entsprechenden Anzahl von Stimmzetteln im Wahllokale abgegeben werden. Unter diesen Umständen tritt die eigentliche ideelle Wahlpropaganda, der Wahlkampf in Schrift und Wort, ganz in den Hintergrund und der Ausgang der Wahlen hängt einzig und allein von der Emsigkeit der ״Stimmsammler“ ab. ln der bisherigen Gemeindestube bildeten die Assimilanten beider Schattierungen die Majorität. Zionistische Fordeningen wurden insbesondere von tschechischer Seite aus auf das hartnäckigste bekämpft. Es wäre darum sehr zu begrüßen, wenn die beiden zionistischen Gruppen gestärkt in die Kultusgemeindestube einziehen würden. Eine Prognose läßt sich bei dieser Art von Wahlen freilich nicht stellen. Bei dem heute stattgefundenen 2. Skrutinium der Haupt- Wahlkommission für die Parlamentswahlen wurden die beiden jüdischnationalen Mandate des Dr. Ludwig Singer und Dr. Julius Reiß verifiziert. Bei den schwierigen Mehrheitsverhältnissen im künftigen Parlamente kommt den kleinen Parteien diesmal eine erhöhte Bedeutung bei. Die Aufgabe der jüdischnationalen Abgeordneten wird es vor allem sein, das hebräische Schulwerk in Karpathoruß- I a n d unter staatliche Verwaltung zu bringen, tausenden, jüdischen Staatenlosen im Osten der Republik, um die sich bisher niemand kümmerte, die Erlangung der Staatsbürgerschaft zu verschaffen und überhaupt das möglichste zu tun» um die materielle Lage des karpathorussischen Judentums zu heben. Weltkongreß für die Wissenschaft des Judentums geplant Die zum Jubiläum des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau erschienenen Vertreter jüdischer wissenschaftlicher Institute verschiedener Länder kamen nach einer Aussprache, die am 4. November unter Vorsitz Prof. Dr. L. Blau-Budapest stattfand, zu folgenden Beschlüssen: 1. Die Anwesenden erklären es als eine dringende Aufgäbe, daß möglichst bald ein Zusammenschluß aller bestehenden jüdischen wissenschaftlichen Institute herbeigeführt werde, 2. daß die bestehenden jüdischen wissenschaftlichen Institute von Zeit zu Zeit zu einer Aussprache über die allen gemeinsamen Aufgaben Zusammenkommen, 3. daß die von anderer Seite bereits angeregte Einberufung eines Weltkongresses für die Wissenschaft des Judentums in die Wege geleitet werde. Die Einwandernngstrage Jerusalem, 3. November. (J. T. A.) Auf Ansuchen der Zionistischen Exekutive wegen Bewilligung neuer Einwanderungs-Zertifikate hat die Palästina-Regierung eine offizieile Antwort bisher nicht erteilt, es verlautet aber, daß die Regierung nicht viel weniger als d i e Hälfte der von der Exekutive angeforderten Zahl der Zertifikate zu bewilligen bereit ist, wobei die Regierung in drei Monaten die Frage erwägen will. lm September sind 603 Juden in Palästina eingewandert, 13Q Juden sind ausgewandert :,:I; ’%W■ '־; :1;/ 4 I V. W: f r