Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 86 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653140--21140-2679202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 570 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80,!.30.!029 | Simon Schochen Ein unerbittlich«* Schicksal hat uns Simon Schocken früh• zeitig entrissen. Wenige mag es geben, die diesen vielseitigen Mann in der Totalität seines Wirkens überblicken können. Jeder kennt nur einen Ausschnitt, eine Seite seiner intensiven Lebensarbeit. Aber die hohen Vorzüge seines Wesens, unge- Wohnliche Entschlußfähigkeit und Tatkraft verbunden mit gütiger Herzlichkeit und feinem Verständnis für alles Menschliehe, konzentriertes modernes Lebensgefühl, gebändigt durch eine natürliche seelische Beziehung zu dem Guten-Alten — offenbarten sich wohl in allen Aeußerungen und Taten dieses außerordentlichen Mannes. Es ist hier nicht der Ort, die Bedeutung seines Wirkens für das allgemeine Wirtschafts- und Kulturleben Deutschlands darzustellen. Ein wahrhaft großartiges Bild dieses seines Wirkens entwarfen seine Freunde und die Vertreter kultureller, Wirtschaft icher und kommunaler Institutionen und Körperschaften Deutschlands, die zu einer »einem Andenken geweihten Trauerfeier herbeigeeilt waren, um Simon Schocken ihren letzten Gruß und ihren Dank für seine Freundschaft, Mitarbeit und Förderung zu entbieten. Nicht weniger vielseitig und unmittelbar war seine Tätigkeit auf fast allen Zweigen jüdischen Lebens. Er• war ein vorbildlicher Vorsteher der Zwickauer Jüdischen Gemeinde, die unter seiner Führung den Bedürfnissen aller ihrer Mitgüeder gerecht wurde. Sein Trieb nach konstruktivem Aufbau, dem sich in seiner Berufsarbeit ein weites Feld großer Möglichkeiten eröffnete, lenkte seine Vorliebe und Neigung auf die architektonischen Probleme jüdischer Bauten, Insbesondere des ״Ohel“ (Versammlungshalle) jüdischer Friedhöfe. Dabei waren ihm Fragen der ornamentalen Schriftaus- Schmückung und der Wahl geeigneter Bibelverse nicht weniger wichtig als die des Baues selbst. Der ״Ohel“ des jüdischen Friedhofs zu Wesermünde ist beredter Ausdruck seiner künstkrischen Intentionen. Es ist wohl auch kein Zufall, daß mit diesem Bau der Versuch gemacht ist, altes architektonisches Kulturgut (das Grab Rahels diente als Vorbild) als den Forderungen moderner Baukunst entsprechend erscheinen zu lassen. Dieser innere Hang zu organischem Aufbau, die Freude am natürlich Wachsenden hat Simon Schocken wohl auch der Idee jüdischer Landwirtschaft und jüdischen Handwerks nahegebracht und gewonnen. Auch hier hat er es nicht bei theoreäschen Erwägungen und der Wortpropaganda bewendet sein lassen. Was er für die Ausbildung jüdischer Landwirte und Handwerker gewirkt hat, ist hier schon von berufener Seite gewürdigt worden. Von hier aus war der Weg zum palä* stlnensischen Aufbauwerk wie selbstverständlich. Simon Schocken hat der zionistischen Bewegung großes und inneres Interesse entgegengebracht und dem Palästinaaufbau seine großzügige Förderung angedeihen lassen. Wir verlieren in ihm einen jener herzhaften Freunde, die von ihrer wirksamen Mithilfe nicht viel Redens machen. * Am Beerdigungstage fand nachmittags im Berliner Meistersaal eine Trauerfeier statt, zu der sich die Angehörigen und ein großer Kreis der Freunde und Bekannten des Verstorbenen eingefunden hatten. Ein Bild der vielseitigen Wirksamkeit Simon Schocken* ergab sich aus den Ansprachen der Trauerredner, von denen ein jeder eine neue Seite dieser Persönlichkeit und ihres Wirkens aufzeigte. Im Namen der Familie sprach Dr. Kaufmann Leipzig Worte tiefer Trauer. Direktor Manasse drückte im Namen des Schocken-Konzerns den Schmerz aller Mitarbeiter des Verstorbenen aus, denen er allzeit Freund und Berater war. Den Verband Israelitischer Religionsgesellschaften im Freistaat Sachsen ver* trat Rabbiner Prof. Dr. Winter, Dresden, während Rabbiner Dr. Gärtner im Namen und Auftrag der Zwickauer Israelitischen Religionsgesellschaft die Verdienste des Verblichenen um seine Gemeinde, deren Vorsteher er war, würdigte. Im Auftrag des Verbandes der Waren- und Kaufhäuser sprach Direktor Bach der zugleich im Namen der Saxonialoge des Bne-Brith-Ordens dem Toten die letzten Grüße seiner Logenbrikler überbrachte. Als Vertreter der Stadt Zwickau sprach in tiefster Rührung Stadtrat Hassingcr, der hervorhob, daß es seit den Tagen des Mittelalters Reinen eifrigeren und tatkräftigeren Förderer der Stadt Zwickau gegeben hat. Die erschütternden Worte des Vorsitzenden der vereinigten technischen Schulen Zwickaus Förster, in denen er die unersetzbare Mitarbeit Simon Schockens im Kuratorium der Schule schilderte, machten tiefen Eindruck. Zum Zeichen der Trauer, so teilte der Redner mit, haben die Schulen auf Halbmast feflaggt. Prof. Eskuchen sprach im Namen des Zwickauer reundeskreises und der Zwickauer Ortsgruppe der Liga für Menschenrechte. Architekt Erich Mendelsohn würdigte Schockens Bedeutung für den modernen Kaufhausstii und hob die konstruktive Kraft seines Wesens hervor. Zum Schluß zeichnete Kurt Blumenfeld namens des Deutschen Komitees Pro-Palästina, des Initiativkomitees für die Erweiterung des Jewish Agency in Deutschland und des Deutschen Keren Hajessod ein packendes Bild der jüdischen Persönlichkeit des Verstorbenen. Harmonium- und Cellospiel, das ״El mole rachamim“ und Psalmen, gesungen von Gollanin, umrahmten die würdige Feier. * Zwickau. Die Synagogengemeinde Zwickau veranstaltete am Schemini Azereth eine Trauerfeier für ihren verstorbenen Vorstizenden, Herrn Simon Schocken. Herr Rabbiner Dr. Gärtner gab in kurzen ergreifenden Worten ein Bild des Mensehen und Juden Simon Schocken. Güte, liebevolle Hilfsbereitschaff, Sorge für sein Volk, dessen Probleme ihn gerade in letzter Zeit sehr stark beschäftigten, zeichneten den Verstorbenen in besonders starkem Maße aus. Die Gemeinde Zwickau in allen ihren Teilen verliert mit dem Verstorbenen nicht nur den Führer, sondern einen Vater, der jedem zu jeder Zeit selbstlos mit Rat und Tat zur Seit*»stand. Franz Werleis Austritt aas dem Judentum Seitens der Wiener Isr. Kultusgemeinde wird mitgeteilt, daß der Dichter Franz Werfel seinen Austritt aus dem Judentum angemeldet hat. Dieser Schritt Werfels hat um so mehr Aufsehen erregt, als der Dichter vor nicht langer Zeit gelegentlich der Aufführung seines Dramas ״Paulus unter den Juden“ in Zuschriften an jüdische Zeitungen sein jüdisches Nationalbewußtsein besonders betonte und sich gegen die Verdächtigtjng, er sei getauft, wandte. Saal Tseherniehowski in Wien Der hebräische Dichter Saul Tseherniehowski weilte auf Einladung der zionistischen Jugendvereine einige Tage in Wien, wo er in den verschiedensten Kreisen des Judentums sehr gefeiert wurde. Im Rahmen eines große!» Vorlesungsabends las der Dichter, nachdem er durch einleitende Vorträge des Dozenten der Jerusalemer Universität Dr. Diesendruck und des Schriftstellers David Rothbium begrüßt wurde, eigene Poeme vor. Dieser Veranstaltung schloß sich ein großes Bankett in einer Sukkah an. Dem Andenken Hermann Ungars Als wir uns vor etwa drei Wochen hier in Berlin voneinander verabschiedeten und vom Wiedersehen im November bei der Premiere seines Lustspiels sprachen, da streifte keinen von uns der Gedanke, daß aas Schicksal bis dahin das Zufallsgeschenk des Lebens von Hermann Ungar zurückgefordert haben würde. Unsere Unterhaltung hatte im wesentliehen die letzten Ereignisse in Palästina und ihre Konsequenzen für den Zionismus zum Gegenstände gehabt. Der Angriff auf den Jischuw hatte ein merkwürdiges und ieidenschaftliches Aufflammen seines Nationalgefühls bewirkt. Er, der sonst oft Zweifel an dem moralischen Fundament des Zionlsmus geäußert hatte, weil damit vielleicht nur ein neuer intoleranter und aggressiver Nationalismus in die Welt gerufen werde, fühlte sich plötzlich ins Herz getroffen. Es drängte ihn nach zionistischer Betätigung; er wollte wissen, wie und wo er der Bewegung mit seinen Fähigkeiten am meisten nützen könne, und wir!«rieten den Plan, ihm eine Palästina-Reise zu ermöglichen, deren literarische Ergebnisse in der ihm jfugängliehen großen Presse erscheinen und Sympathie und Interesse für unsere Arbeit wecken sollten. Wir durften hoffen, dab ein Mann, in dem sich Liebe zur Sache mit der Fähigkeit zum scharfen und klaren Beobachten und Darstelien vereinigten, maßgeblichere Dinge sagen würde als wir sie zu unserem Bedauern sonst als Quellen der öffentlichen Meinung geboten sehen. Ungar war ein Künstler. Zu untersuchen, was an seiner Kunst jüdisch war, ist nicht meine Aufgabe. Stofflich war die Judenfrage Gegenstand seines ersten Dramas, des Roten Generals. Er zeigte an einem Trotzki-Rathenau-Schicksal das Scheitern des Assimilationsjuden (in seiner ursprünglichen Fassung noch tiefer und ergreifender als mit dem Bühnen- Schluß, der eine Konzession an einen Schauspieler war). Was aber in ■dieser Stunde — wie immer wenn man von Ungar sprach — gerühmt werden muß und was für die die ihn kannten, der bestimmende Zug dieses Menschen war, das War seine Echtheit. In eine Welt, in der man sich oft fragt, ob sie nicht doch im wesentlichen aus Larven bestehe, trat dieser Mann heiter, frei und unbefangen als ein Stück Natur. Kein falscher Strich war an ihm und a!1 seinen Büchern. Er gab sich wie er war, er bekannte sich zu seinen Schwächen mit der gleichen Freiheit wie zu seinen Stärken, unbekümmert darum wie diese Freiheit auf andere wirkte. Und waren diese Schwächen noch Schwächen, da sie doch die Quellen seines künstlerischen Schaffens wurden? Dieser Schriftsteller, der so gern und so lange im CafS saß, war das Gegenteil eines Kaffeehausliteraten, eines Literaten überhaupt. EHe Literatenwelt, die er bis ins kleinste kannte, war ihm ekelhaft. Er durchschaute und verachtete diese Herrscher einer papierenen Scheinwelt, mochten sie noch so großen Zeitungsruhm genießen. Auch die sonstige ״große Welt“, die er durch seine Stellung in der Berliner Diplomatie kennenlernte, fesselte ihn nicht. Es ist bezeichnend, daß seinen wirklich intimen Kreis seine zionistischen Jugendfreunde bildeten. Ihnen war er der treueste und verläßlichste Freund. Seine Gestalt wird ihnen lebendig bleiben, solange sie selber leben. Sein nun entschwundenes Gesicht, das Gesicht eines Kindes mit den Erfahrungen eines Mannes, wirij ihnen freundlich-verschmitzt zulächeln wie aus einer besseren Welt. Erich Cohn. Aby Warburn in seiner Wohnung in Hamburg verstarb an Herzschlag im Alter von 63 Jahren Herr Professor Dr. AbyWarburg, der hervorragende Kunsthistoriker und Kulturforscher. Als Gründer der über Hamburg und Deutschland hinaus bekannten kulturwissenschaftlichen Bibliothek und als Kunsthistoriker an der Hainburgischen Universität genoß er weit über die Grenzen Hamburgs hinaus hohes wissenschaftliches Ansehen. Die von ihm mit Hilfe des Herrn Max M. Warburg und anderen MHgliedern der Familie Warburg geschaffene viele tausend Bände umfassende Bibliothek Warburg bietet eine einzigartige Uebersicht über die Kunst in Vergangenheit und Gegenwart, namentlieh über die Kunst der asiatischen Völker. Professor Dr. Aby Warburg war ein Abkömmling einer der ältesten jüdischen Patrizierfamilien Deutschlands, er war ein Sohn des verstorbenen Herrn Moritz Warburg und seiner Gattin Charlotte Esther, geb. Oppenheim und der älteste Bruder der Herren Dr. Max M. warbürg und Dr. Fritz Warburg in Hamburg und der Herren Felix M. Warburg und Paul Warburg in New York. Im Gegensatz zu seinen Brüdern, die in der Weltwirtschaft eine führende Rolle einnehmen, und die sich große Verdienste um die Behebung der Weltfinanzkrisis nach dem Kriege und um die Wiederherstellung der normalen Funktionen des Finanzverkehrs zwischen den Ländern erworben haben, betätigte sich Prof. Aby Warburg nicht auf dem Felde der Wirtschaft, sondern auf dem der Wissenschaft und der Kulturforschung. Im vergangenen Frühjahr besuchte Aby Warburg mit Frau und Tochter Pa- 1 ä s t i n a und zeigte großes Interesse für das jüdische Siedlungswerk. Briefe an die Redaktion Die TodesnrteUe Berlin N 24, den 27. Oktober 1929. An die Redaktion der Jüdischen Rundschau Berlin. Im Safeder Mordprozeß sind die ersten Todesurteile gefällt worden. Die zionistische Oeffentlichkeit steht nun vor der Frage, ob und wie sie zu ihnen Stellung nehmen soll. Meiner Meinung nach kann dies nur so geschehen, daß sie schärfstens gegen ihre Vollstreckung protestiert und sie mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Man mag auch hier wieder von ״Volksfremdheit“ und ״Ueberheblichkeit“ reden oder von der ״Notwendigkeit einer Abschreckung“ faseln (ich weiß allerdings nicht, wie sich jemand im Bewußtsein seiner eigenen so vielgestaltigen Bedingtheit das Recht nimmt, seine Stimmung mit der eines Volkes zu identifizieren zumal bei dem jüdischen Volke); wer fegen die Todesstrafe ist — und die Kulturwelt kommt endcn nach und nach zu dieser Einstellung — darf seine Anschauung auch dann nicht ändern, wenn Angehörige des eigenen Volkes gemordet worden sind. Außerdem haben wir es nicht nötig, Märtyrer zu schaffen, zumal ja wir immer in solchen Fällen die Kleinen gehängt werden sollen, während man die Großen, die wahren Schuldigen, laufen läßt. Mit Zionsgruß Dr. J. Schereschewsky. Luxemburg. Die Jewish Agency, Landesgruppe Luxembürg, sendet uns ihre Statuten und den von ihr herausgegebenen Aufruf ״Hilfe durch Aufbau“. Die Gruppe hat bereife einen Vortrag des Herrn Dr. Emil Bernhard Cohn aus Berlin veranstaltet. Die Geldaktion erbrachte bisher 1000 Dollar für den Keren Hajessod (64 Zeichner), 125 Dollar für Jemeniten und 125 Dollar für den Keren Kajemeth. Die Aktion wird fortgesetzt. Im Lande gibt es etwa 1600 jüdische Seelen. Forderungen der Stunde Eine Entgegnung von Dr. HubertPoIIack, Berlin. I. Burgfrieden ist nicht immer ein Gebot der politischen Vernunft. In jenen schweren Tagen, als die Unruhen in Palästina tobten, kam es darauf an, alle zionistischen Kräfte zu geschlossener und entschlossener Abwehr und Aktion zusammenzufassen. Damals war Burgfriede das Gebot der Stunde. Und wäre damals von allen zionistischen Gruppen eine zielklare und einheitliche Politik getrieben worden, dann hätte man heute — nach Wiederherstellung der äußeren Ruhe im Lande — vielleicht auch in Deutschland auf eine scharfe innerzionistische Auseinander- Setzung verzichten können. Damals war der Augenblick gekommen, in dem die Leitung der Z. V. f. D. eine Revision ihrer politischen Haltung hätte vornehmen können. Sie hat diesen Augenblick nicht genutzt. Es ist alles beim alten geblieben. Die spontane Erregung der deutschen Zionisten wurde nicht zu einer politischen Aktion ausgenutzt, sondern abgewiegelt. Die Berichterstattung und Stellungnahme der ״Jüdischen Rundschau“ war unverändert akademisch-pazifistisch. Die erregte Stimmung der Masse der deutschen Zionisten fand keinerlei Ventil. Die Haltung aller offiziellen Vertreter der Z.V.f. D. im kleinen Kreise und in großen Versammlungen war so unpsychologisch wie nur möglich. Es ist alles ceim alten geblieben, und es soll — so sieht Blumenfeld* die Forderung der Stunde — auch in Zukunft alles beim alten bleiben. II. Das bedeutet ein Verkennen der Lage. Ein inneräonistischer Kampf ist in diesem Augenblick notwendig. Denn die Politik der Z. V. f. D. muß grundsätzlich geändert werden. Was wir in den letzten neun Jahren in Deutshland erlebt haben, war eine verhängnisvolle Verwechslung von Politik und Propaganda. Einflußreiche und vermögende Nichtzionisten wurden durch persönliche propagandistische Bearbeitung für die Mitarbeit am Palästina-Aufbau gewonnen, d. h. sie wurden Keren Hajessod-Zeichner und neuerdings auch Mitglieder der erweiterten Jewish Agency. Niemand bestreitet, daß diese Ver- Stärkung unserer Finanzkraft ein wesentlicher Faktor der Aufbauarbeit ist und daß sie mit allem Nachdruck weiter betrieben werden muß. Aber sie ist eben nur ein Faktor. Ein anderer sind die Menschen, die Menschen mit dem Glauben an die Idee und dem Willen zu ihrer Verwirklichung. Um diese Mensehen, die Zionisten, hat man sieh in den letzten Jahren herzlich wenig gekümmert. Man hat sie allenfalls durch die Fonds zu finanziellen Leistungen herangezogen. Eine Intensivierung der zionistischen Impulse und eine Verstärkung der Zionistischen Organisation durch ernsthafte und beharrliche Ortsgruppenarbeit, Jugendarbeit, Kultur- und Gemeindearbeit unterblieb. Und doch bedarf gerade der deutsche Zionismus, der kein lebendiges jüdisches Milieu um sich hat, in sehr viel höherem Maße solcher organisatorischen Untertützung als etwa der polnische oder amerikanische. Vor allem aber hat man die deutschen Zionisten in ihrem zionistischen Willen unsicher gemacht. Man hat eine Diskussion über das Ziel des Zionismus begonnen, die an Pilpulistik und politischer Sinnlosigkeit wohl kaum je durch irgendeine Diskussion übertroffen worden ist. Man hat aus der Tatsache der Anwesenheit von 750000 Arabern in Palästina eine Ideologie gemacht, die kein Mensch versteht. Daß die jüdische Einwanderung nach Palästina mit dieser arabischen Bevölkerung als einem politischen Faktum rechnen muß, ist eine Banalität. Und daß man sich mit den palästinensischen Arabern auf die eine oder andere Weise verständigen muß, wenn unsere Arbeit im Lande fortgeführt werden soll, bestreitet auch kein vernünftiger Mensch. Daß aber in der zionistischen und in der Tagespresse angestellte Untersuchungen über jüdische Mitschuld au den Unruhen —• zumal in einem Augenblick, in dem Juden von fanatisierten Araberhaufen gemordet werden — nicht gerade sehr intelligente und würdevolle Verständigungsmethoden sind, dürfte einleuchten. Und daß Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“, in denen man von Berlin aus dem Jischuw politische Verhaltungsmaßregeln im Sinne des Brith Schalom gibt, nicht gerade geeignet sind, die deutschen Zionisten in politisch ernsten Augenblicken zu beruhigen und ihnen Vertrauen zur Sache und zur — Leitung zu geben, dürfte auch klar sein. Es kommt nicht nur darauf an, ob die Ueberlegungen, die wir seit Jahren in den Leitartikeln der ״Jüdischen Rundschau“ lesen una die auch Blumenfeld im zweiten und vierten Abschnitt seines programmatischen Aufsatzes anstellt, in sich durchdacht, folgerichtig und weise sind. Es kommt auch entscheidend daraut an, wie die Leitung der Z. V. f. D. und ihr offizielles Organ auf das politische Verständnis und die politische Willensbildung der aeutsehen Zionisten wirken. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß sie in den letzten Jahren verwirrend, entnervend und deshalb schädlich gewirkt haben. Man hat den deutschen Zionisten komplizierte und differenzierte Untersuchunf " diger, echter Leidenschaft, niemals eine einfache Einsicht des gesunden Menschenverstandes auszusprechen gewagt. Man war zu weise, um klug, zu nachdenklich, um politisch zu sein. Aber Zionismus läßt sich nicht im Stile Hamlets betreiben. Dazu ist diese Sache zu schwer und zu wirklich. III. Mit Hamlets Weisheit kann man wohl Propaganda machen, kann man Nichtzionisten und Nichtjuden für das Palästina-Werk gewinnen — die geistig höchststehenden von ihnen vielleicht am nachhaltigsten —, aber man kann mit ihr keine Massen in Bewegung setzen und in Bewegung halten. Gerade wenn man weiß, daß Zionismus eine politische Bewegung aut lange Sicht ist, muß man alles tun, um den zionistischen Elan derer, für die und auf die gestützt man Politik treibt, zu erhalten und zu verstärken. Die derzeitige Leitung der Z. V. f. D. hat dazu, wie gesagt, nichts getan, weil sie seit Jahren ihre ganze Kraft für propagandistische Außenwirkung eingesetzt hat. Man kann einwenden, daß diese Propaganda zu einem großen politischen Erfolg geführt habe, zur Gewinnung fast aller repräsentativen deutschen Juden für die Jewish Agency und zur Lahmlegung antizionistischer Kräfte. Man soll diesen Erfolg nicht bagatellisieren. Man soll ihn in politischer Hinsicht auch nicht überschätzen. Und man soll vor allen Dingen nicht vergessen, was er gekostet hat: Es gibtin Deutschland heute zwar zionistische Sondergruppen, aber keine einheitliche lebendige zionistische Bewegung! Das vergißt Blumenfeld, wenn er am Schlüsse seiner Ausführungen die zionistische Einheitsfront nach außen verlangt. Man kann keine E i n h e i t s front aus Sonder verbänden herstellen. Und die Sonderverbinde sind das einzige, was vom politischen Zionismus in Deutschland heute noch intakt ist. Die wiederherstellungderorganisatorlschenEinheit und der ideologischen Integrität des Zionismus in Deutschland, das sind die Forderungen, welche die Stunde an die deutschen Zionisten stellt. Man wird ihnen nur gerecht werden können, wenn die innerzionistische Auseinandersetzung mit allem Nachdruck durchgekämpft und vom Delegiertentag eine Leitung der Z. V. f. D. eingestezt wird, welche alle wesentlichen politischen Gruppen innerhalb der Z. V. f. D. repräsentiert und anders als die gegenwärtige Leitung Politik und Propaganda auseinander zu halten versteht. *) Vgl, ״Jüdische Rundschau“ Nr. 77.