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Jüdische Rundschau · 1929-11-01 · Heft 86 (1.11.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 86 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 89, 1. XI. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 57S Die Palästina-Debatte in der Gemeinde - Stube Von unserem Berichterstatter. Die Sitzung der Repräscntanten-Versammlung vom 24. Oktober (die w ir bereits in der vorigen Nummer besprochen haben) sollte eine reichhaltige Tagesordnung erledigen. Es kam jedoch nicht zur Durchführung der sachlichen Beratung, da die Liberalen eine Reihe von Anfragen an den Vorstand der Oemeinde gerichtet hatten, deren Erledigung zu einer umfangreichen sich bis gegen 1 Uhr nachts hinziehenden Debatte Anlaß gab. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten und einem kurzen Gedenken an den verstorbenen Repräsentanten Gustav Losser begründete R.-A. Heinrich Stern eine Anfrage der liberalen Fraktion folgenden Wortlauts: Wir fragen den Gemeinde-Vorstand an: Aus einem Inserat in den Tageszeitungen ersehen wir daß das ״Rabbinat der Jüdischen Gemeinde“ einen Fasttag anläßlich der Palästinaunruhen angeordnet hat. I. Wer ist das ״Rabbinat der Jüdischen Gemeinde“? 2. Wer bezahlte das Inserat? 3. Sind die Trauergottesdienste in den orgellosen Synagogen mit Genehmigung des Ocmeindevorstandes angeordnet und warum nur in orgellosen Synagogen? Der Interpellant betonte, daß die Rabbiner selbstverständlieh das Recht zur Ansetzung eines Fasttages besitzen Ein Rabbinat der Berliner Gemeinde als Körperschaft bestehe jedoch nicht, man habe den Gemeindevorstand nicht ordnungsmäßig befragt und habe den Fasttag merkwürdigerweise auf die orgel losen Synagogen beschränkt, obwohl die Gefühle aller Berliner Juden in dieser Frage einig waren. Für den Gemeindevorstand antwortete Dr. K ollenscher: Die Rabbiner der Orgel-Synagogen konnten den Fasttag deshalb nicht ansetzen, weil kaum eine genügend zahlreiche Beteiligung an den Gottesdiensten zu erwarten gewesen wäre Die Formulierung der Inserat-Texte stammt von den Gemeinderabbinern, die in dieser eiligen Angelegenheit rasch handeln mußten. Gewisse formelle Ungenauigkeiten sind vorhanden, jedoch nicht belangreich. In der Aussprache wünschte Dr. Alfred Klee (Volkspartei) die baldige Wiederherstellung des Berliner Rabbinats als einer autoritativen Körperschaft. Eine zweite Anfrage der Liberalen Fraktion betraf die Be- Setzung der freien Kantor en-und Chordirigentenstellen. Nach diesen beiden Vorspielen begann jedoch erst das eigentliche Stück mit der dritten Interpellation der Liberalen folgenden Wortlauts: Am 2. Tage des Neujahrs-Festes hat Herr Dr. Freund von der Kanzel der Synagoge Lützowstraße am Ende seiner Predigt heftige Angriffe gegen die Unterzeichner eines in den Tageszeitungen erschienenen Aufrufes erhoben, unter denen sich auch Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Repräsentanten-Versammlung befinden; das gleiche wird auch von anderen Predigten berichtet. Was gedenkt der Gemeinde- Vorstand zu tun, um zu verhindern, daß die Kanzel zu politischen und polemischen Predigten mißbraucht wird? Die Anfragen wurden wiederum von R.-A. Heinrich Stern begründet. Er führte an, daß Dr. Freund in seiner Predigt die Unterzeichner des Aufrufes gegen die Jewish Agency Friedensstörer genannt und sie der Unverantwortlichkeit geziehen hätte. Der Rabbiner habe zwar volle Gewissensfreiheit und solle seiner Weltanschauung-entsprechend tedejwJEtdaciaber nicht Steelpersonen angreifen, die sieh nicht verteidigen können, insbesondere seine Kollegen aus dem Gemeindevorstand und Rabbinat. Dies verstoße gegen Grundsätze des Taktes. Der Interpellant schilderte nunmehr die Vorgeschichte des Aufrufes. Die Verhandlungen über den Eintritt seiner Gruppe in die Jewish Agency hätten sich seinerzeit leider zerschlagen. Ke Aufbauarbeit in Palästina liege jedem liberalen Juden am Herzen. Man wünschte daher einen gemeinsamen Arbeitsweg. Ke Entwicklung der Verhältnisse in Palästina selbst hänge nicht von uns ab. Die Liberalen wünschten allein festzulegen, daß für ihre Einstellung zur Diaspora keine Schlüsse aus der Beteiligung am Palästina-Aufbau zu ziehen seien. Man habe leider seinerzeit eine gemeinsame Erklärung in diesem Sinne von zionistischer Seite zurückgewiesen. Damit war die Angelegenheit für die liberale Gruppe erledigt, da eine gesinnungsmäfiig gebundene Mitarbeit nicht in Frage kam. Nun kamen die Palästina-Ereignisse. An einer gemeinsamen Hilfsaktion für die Notleidenden hätten sich die Liberalen sämtlich gern beteiligt Man hat die Sammelaktion jedoch bewußt nicht als Hilfsaktion aufgezogen, sondern unter der Devise: Hilfe durch Aufbau, und hierdurch war für die Liberalen eine Beteiligung unmöglich gemacht Im Aufruf für die Aktion, der in der Presse veröffentlicht wurde, war gesagt, daß die jüdischen Gemeinschaften aller Länder eine Verpflichtung zur Teilnahme an der Jewish Agency und damit am Aufbau Palästinas übernommen hätten. Diese Behauptung treffe zumindest für Deutschland nicht zu. Gegen sie mußten die Gegner der Agency in ihrer jetzigen Form protestieren. Im Namen des Gemeindevorstandes erwiderte Kr. Kareski; er betonte, daß der Interpellant sich eigentlich selbst die Antwort gegeben habe, wenn er die G e w 1 s s e n s f r e i - heit des Rabbiners anerkenne. Gerade der Kanzelredner muß oft polemisieren. Ueber Fragen des Taktes lassen sich eindeutige Urteile nicht abgeben. Der Gemeindevorstand sehe jedenfalls keinen Grund zum Einschreiten. Für die Jüdische Volkspartei ergriff hierauf Dr. Alfred Klee das Wort zu einer groß angelegten Rede, in der er sich mit den Argumenten der Liberalen auseinandersetzte. Er betonte, daß in zahlreichen Predigten das Verhalten der Aufrufunterzeichner mißbilligt wurde. Kein einziger Rabbiner hat etwas gesagt, worin eine Rechtfertigung des Aufrufes erblickt werden könnte. Warum habe man also gerade Dr. Freund angegriffen? Der Rabbiner ist geradezu verpflichtet, gegenüber seinen Vorstehern die religiös-sittliche Rügepflicht auszuüben. Der Versuch zu sagen: ״Sie sind bei uns in Lohn und Brot und haben unsere Auffassung zu vertreten!“, muß aufs energischste zurückgewiesen werden. Der Redner beschäftigt sich sodann eingehend mit dem Aufruf der Agency-Gegner, und weist u. a. darauf hin, daß einige Unterzeichner das Dokument vorher gar nicht gelesen haben. Es wird behauptet, daß verschiedene religiöse Richtungen den Aufruf unterzeichnet hätten. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß kein Konservativer, Orthodoxer oder Miitelparteiler darunter zu finden sei. Es sind Indifferente, Naumannianer und radikale Liberale von der Richtung der Berliner Reform, die sich hier zusammengefunden haben. Der Aufruf betone den ״deutschen Gedanken“. Das Recht hierzu hätten selbstverständlich nur Deutsche. Ostjuden oder Kinder von Ost- Juden könnten uns wohl über Judentum belehren, nicht aber über Deutschtum, wie es hier einige ostjüdische Unterzeichner des Aufrufes versuchen. Damit soll nichts gegen unsere ostjüdischen Brüder gesagt sein, wohl aber gegen die Unwahrhaftigkeit des Aufrufes. Typisch sei auch, daß die Herren sich mit Naumann verständigt hätten. Der Weg der Aufrufunter- Zeichner führe aus dem Judentum hinaus: die Kinder mehrerer Unterzeichner seienbereits getauft. Auch ihre bedeutenden Rabbiner haben es abgelehnt, ihren Namen dazu herzugeben. Ke Tendenz des Reformjudentums gehe im Grunde auf eine Trennung hin. Man habe in dem Aufruf von ,,einem“ jüdischen Volke gesprochen. Wie dürften die Unterzeichner es wagen, die Existenz des jüdischen Volkes zu leugnen! Der Aufruf sei eine Denunziation der Agency-Anhinger in der nichtjüdischen ©Öffentlichkeit gewesen und werde innerjüdisch als Provokation empfunden. Von liberaler Seite verteidigte hierauf Kr. Ostberg die Unterzeichner des Aufrufs gegen den Vorwurf der Entjudung. Man mußte, sagt er, gegen eine Irreführung der öffentlichen Meinung protestieren und habe durch den Aufruf eine Reihe von Elementen, die dem Judentum den Rücken kehren wollten, hei uns erhalten. Der Zionismus sei im Momente seiner Verwirklichung gescheitert. Trotzdem wachse seine Anhänger- Schaft weiter. Die Zionisten hätten durch Zellcnbildung eine Reihe großer jüdischer Gemeinschaften zersetzt, z. B. den neutraien Jugend-Verband und die Logen. Prof. Heinrich Loewe (Voikspartei) zog einen scharfen Grenzstrich zwischen dem positiven Liberalismus und dem Reform-Judentum. Er schilderte die Ereignisse in Palästina in ihren großen Zusammenhängen und stellte die Leistungen der Juden beim Aufbau des Landes dar. Dr. Fleischer (liberal) kam nochmals auf den sachlichen Inhalt der Interpellation zurück. Dir. K a reski betonte im Namen des Gemeindevorstandes, daß in einer Einheitsgemeinde die Möglichkeit bestehen muß, daß alle Ansichten von der Kanzel zum Worte kommen. Dr. F r e u n d wies darauf hin, daß er bereit sei, jedes Wort der Predigt aufrecht zu erhalten. Er berichtete über den Inhalt derselben und sagte, daß Märtyrerblut früher das Judentum geeint habe, während heute die Verblendung zu derartigen Erscheinungen wie den Aufruf der Protestler führe. Ke Wirkung des Aufrufes in der großen Welt sei außerordentlich schädlich gewesen. Damit fand diese Aussprache ein Ende. Vorher war Herr Leser als Repräsentant-Stellvertreter in die Versammlung eingeführt worden. In den Krankenhaus-Vorstand wurden die Herren Dr. Lustig und Dr. Isaak Zwirn hinzugewählt. Brief aus Palästina Das Problem der Klagemauer. — Die arabischen Aktionen. (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) A. G. Tel-Awiw, den 22. Oktober 1929. Während der letzten vier Wochen, in denen sich die jüdisehen Feiertage in kurzen Abständen folgten, hat die Regierung eine neue provisorische Verordnung nach der andern herausgebracht, um den Gottesdienst an der Klagemauer zu regeln. Sie hat das Schofarblascn am Jom Kippur verboten, die freie Benutzung der Lulowim am Sukkoth beschränkt, den Gottesdienst in den Halbfeiertagen von Chafomoed an der Klagemauer verboten usw. Diese Maßnahmen haben verschiedene Reaktionen im arabischen und jüdischen Lager ausgeiöst. Bei den Arabern Proteste, die von dem Moslemischen Rat initiiert und geschürt wurden und so weit führten, daß man bei der Regierung um die Erlaubnis bat, Demonstrationen in allen Städten abzuhaltcn, um gegen die ״Tendenz der Regierung, den Raum vor der Klagemauer zu einer jüdisehen Synagoge umzuwandeln“ anzukämpfen. Die Behörden haben die Demonstrationen nicht gestattet. Ke Masse• der*-A1#ep'1»^*־bt"da«m,l-׳d«i-brf*#er -Regterang״ diese Tendenz besteht, obwohl die Regierung bisher nichts anderes getan hat, um diese Synagoge zu schaffen als die bisher bestehenden Rechte der Juden zu beschneiden. Bei den Juden haben diese letzten Schritte der Regierung lind der Araber dazu beigetragen, die Frage der Klagemauer noch einmal gründlich zu überlegen. Man ist im jüdischen Lager sehr viel vorsichtiger und überlegter geworden und bemüht sich, die Reibungsfläche in diesem Punkte zu verkleinern, soweit sich das durchführen läßt. Es ist in den letzten Tagen ein Vorschlag aufgetaucht, der darauf hinzielt, die Frage der Klagemauer gewissermaßen zu ״vertagen“, d. h. sie aus der täglichen praktischen Politik Pa'ästinas herausmlösen und sie wieder dahin zu verweisen, wohin sie gehört, nämlich vor ein internationales Forum, das sie ein für allemal regeln soll. Es wird vorgeschlagen, daß die Juden als Protest gegen die immer neu auftauchenden Beschränkungen des Gottesdienstes an der Mauer ihre Gebete dort einstelien sollen bis die Frage durch die zuständige internationale Instanz geklärt und geregelt ist. Dieser Vorschlag hat vieles für sich. Er würde für den Moment einen der kompliziertesten Konflikte verschwinden lassen oder besser gesagt vertagen und damit uns die endlosen schwierigen Reibereien ersparen, die in der jetzigen Atmosphäre unweigerlich mit der Klagemauer verbunden sind. Er würde außerdem einen würdevollen Ausweg aus einer Situation bieten, die unsere Kraft in kleinen Protesten gegen die Regierung verzettelt, ohne daß wir irgend etwas dabei erreichen als neue Beschränkungen und neue Proteste der Araber. Das Verlassen der Mauer bis zur endgültigen Regelung der Verhältnisse würde einen viel wirkungsvolleren Protest vorstellen als noch so häufige Interpellationen bei der Regierung über diese und jene Einzelheit, die bisher keinerlei Nutzen gebracht haben. Bisher hat noch keine der nationalen Instanzen diesen Vorschlag aufgenommen. Er kam aus dem Publikum und wird auch in einem Teil der Presse verfochten. Besteht die Hoffnung, daß er sich durchsetzen wird und damit einen gefährliehen und sinnlosen Guerillakrieg beendet, ihn durch eine großzügige Erörterung des Gesamtproblems ersetzend? * Ke ersten Todesurteile für Teilnehmer an den Unruhen, die in dieser Woche über drei der Angeklagten aus Safed gefällt wurden, haben die Erregung im arabischen Lager, die in den letzten Wochen immer deutlichere Formen annahm, noch gesteigert. Die arabische Führerschaft tut alles, was irgend in ihrer Macht sjeht, um diese Erregung zu erhalten und zu verschärfen. Es hat in der letzten Woche eine ganze Reihe von Protesten gegeben, angefangen von den Regelungen an der Mauer bis zur Vorbereitung neuer Streiks, Bekämpfung der Todesurteile und der Gerichte überhaupt. Wenige Tage vor der Fällung der drei Urteile von Safed kam das Gerücht auf, daß das Oberkommissariat allen Gerichten Anweisung gegeben hätte, von Todesurteilen Abstand zu nehmen. Wese Nachricht, die schon aus rein formalen Gründen* unbegründet sein mußte — * Unabhängigkeit der Justiz! — erwies sich dann auch als falsch. Die arabischen Anwälte hatten seit längerem mit Sabotage der Gerichte gedroht, und in der Tat ist gestern in Haifa ein Urteil für zehn Jahre Zuchthaus gefällt worden, ohne daß ein Anwalt für die Angeklagten eingetreten wäre und ohne daß diese selbst sich zur Anklage geäußert hätten. Daß die arabische Presse sich aufs schärfste gegen die Urteile wendet, ist selbstverständlich. Sie überträgt ihre Argumentation auf das politische Gebiet und verlangt von der Regierung die Behandlung der Unruhen und der Ucbcrfälle a's einen Aufstand. Das bedeutet, daß sie die Bestrafung Einzelner, die an den Ausschreitungen beteiligt sind, für absurd hält und eine rein politische, also nichtjuristische Behändlung der Einzelfälle, verlangt. Wie diese Behandlung in praxi aussehen soll, darüber verlautet weiter nichts. Im übrigen beginnt sich das Bild der arabischen Aktion in der letzten Woche etwas zu verändern. Bisher hatten wir es mit Unternehmungen zu tun, die von einer bzvv. zwei Steilen ausgingen, nämlich vom Moslemischen Rat und der arabischen Exekutive, die 1m engsten Kontakt miteinander arbeiteten. Die Befehle kamen von einem Zentrum von oben und wurden entsprechend den Anweisungen ausgeführt. Ein Beispiel dafür bildet der Proteststreik der vorigen Woche. Jetzt mehren sich auch verschiedene unabhängige Einzelbewegungen. So hatten wir in der letzten Woche eine Konferenz der moslemischen Jugend zu verzeichnen,. die einen politischen Charakter trug, während die moslemischen Jugendverbände noch auf ihrer letzten Konferenz im Vorjahre die Ausschaltung politischer Betätigung beschlossen hatten. Andere, wenn auch kleine, so doch charakteristische Zwischenfälle sind die Beteiligung von Schülern am Proteststreik an einigen Orten. In Nablus hatte dieser Schulstreik ein etwas unangenehmes Nachspiel, indem einer der englischen Beamten aus dem Erziehungsdepartement, der gerade in der Stadt war, sich daran machte, die Kinder durch Prügel politische Abstinenz zu lehren. Dieses Vorgehen hat in Nablus große Aufregung hervorgerufen und die Folge war Verlängerung des Streiks, neue Proteste, die Forderung, daß die Regierung sich schriftlich entschuldigen müsse und ähnliches mehr. Im allgemeinen erkennt man heute im arabischen Lager eine gewisse Verwirrung und vielleicht auch Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Mittel zur Ausübung des politischen Druckes geeignet seien. Ke glückliche Durchführung des ersten Proteststreiks macht augenblicklich dieses Mittel sehr beliebt. Es gibt Vorschläge, einen dreitägigen Streik a'.s Protest gegen die Todesurteile zu arrangieren, einen Vorschlag, die Ankunft der Untersuchungskom mission durch einen Streik zu erschweren, es wird über eine Streikpropaganda in den umliegenden Ländern berichtet. Diese hat in Syrien nicht Boden gefaßt, in Transjordanien aber, wo die Verhältnisse in Palästina eine Stärkung der nationalen Opposition bedeuten, ist die Stimmung weit kampflustiger und der Emir Abdullah, der sich offiziell als ein Gegner der zionistischen Aspirationen erklärt hat, ist nichtsdestoweniger in Sorge, w> er den nationalistischen erneuten Vorstoß dämpfen soll, der sich gegen ihn selbst, als den von England gestützten Fürsten richtet.... Unter den vielen, oft nur von Einzelnen getragenen Vorschlagen der Araber ist der der Einberufung der arabischen Konferenz von einem gewissen Interesse. Es würde durchaus einleuchten, daß die intransigenten Elemente, die jetzt wieder stark geworden sind, — während ihre Macht auf der letzten Konferenz empfindlich beschnitten wurde —, die Gelegenheit benutzen wollten, tun sich ihr? alte Machtstellung wieder zu erobern. Jedoch bleibt abzuwarten, ob sie Erfolg haben wird und ob sich in den nächsten Wochen, die im Zeichen der Untersuchung stehen, überhaupt eine technische Möglichkeit zur Durchführung des Kongresses bietet Ortsgruppen Breslau. Die hiesige Ortsgruppe der H i t a c h d u t h eröffnete ihre Winterarbeit am 29. Oktober mit einer — besonders von der Jugend — sehr gut besuchten Versammlung in den ״Vier Jahreszeiten“. Der Referent des Abends, war Dr. Georn Landauer aus Berlin, das Thema lautete: ״Was eht im deutschen Zionismus vor?“ Dr. Landauer ehandelte zunächst die grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten, die zwischen den verschiedenen Gruppen des deutschen Zionismus vorhanden sind und die sich an dem Anlaß der Unruhen in Palästina neu entzündet haben. Es handelt sich einerseits um Menschen, die an den Formulierungen des Vorkriegs- Zionismus festhalten wollen und andererseits um die, die bereit sind, auf Formulierungen, Dogmen und Doktrinen zu verzichten, wenn diese die Verwirklichung des Zionismus, sein kolonisatorisches Werk hindern oder gar zur Katastrophe treiben und wenn erst der Verricht auf diese Dogmen den Aufbau des neuen Gemeinwesens in Palästina ermöglicht. Er zeigte, daß dieser Gegensatz sowohl in der Behandlung des arabischen Problems, wie auch in unserer auswärtigen Politik gegenüber England wiederkehrt, ln Deutschland haben sich zu diesen Gegnern der Gruppen, die heute die Geschäfte des deutschen Zionismus führen, noch andere gesellt, die vielleicht heute ähnliche Formein aussprechen, aber bei denen der Gegensatz zur heutigen Leitung in Wirklichkeit auf ganz anderen Gebieten liegt, z. B, ein Teil der Gruppe der Gemeindepolitiker. Auch der Gegensatz des Misrachi oder genauer gesagt, des älteren Misraeni liegt vielmehr auf einem ganz anderen Gebiete, als dem der auswärtigen Politik; hier handelt es sich vielmehr um Fragen der Organisation, um den Territorial verband u. a. Es wird sich für die Hitachdutli in den kommenden Monaten darum handeln, aufs neue ihre Anschauungen im deutschen Zionismus durchzusetzen. •— In der Diskussion sprach zunächst Herr Dr. Fritz Becker ziemlich, wenn auch nicht völlig im Sinne des Revisionismus. Ihm folgte Herr Dr. G. Levy für den Misrachi. Dr. Franz Meyer unterstrich die Ausführungen Landauers und forderte einen energisch durchgeführten Wahlkampf zum kommenden Delegiertentag. Herr Bones, ein allgemeiner Zionist, sprach gegen die Abhaltung eines Delegiertentages während der Winterzeit. In einem ausführlichen und temperamentvollen Schlußwort setzte sich Dr. Landauer mit der Diskussion auseinander. Er zeigte an Beispielen aus der Kskussion, daß zwar alle Gruppen behaupten, Verständigung mit den Arabern zu wollen, in Wirklichkeit aber die Einleitung einer solchen Politik zu verhindern trachten. Eine falsche Araberpolitik kann das Werk des Zionismus endgültig zum Scheitern bringen. Die Haltung der großen Mehrheit im Zionismus hat zur Folge, daß niemand es wagt, an verantwortlicher Stelle den ersten Schritt einer aktiven Verständigungspolitik zu tun, so daß unsere politische Situation immer ernster und bedrohlicher wird. Ke Politik der Verständigung beginnt jetzt ihre Freunde zu sammeln. Redner wies dabei auf die Gründung einer überparteilichen ״Arbcitsgemeinschaft für zionistische Realpolitik“ hin, in der sich Angehörige aller zionistischen Parteien zusammengefunden haben, um der Sache der Vernunft zum Vormarsch zu verhelfen. In Wilna hat in diesen Tagen die erste Konferenz des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts stattgefunden, llr| kpiii'l iilv :!;■Jl W י.;*׳.!ו¬ ו■ i" ' ׳...

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