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Jüdische Rundschau · 1929-11-01 · Heft 86 (1.11.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 86 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 574 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8«, 1. XI. 1029 Ein Briefwechsel Ben-Schemen, den 11. Oktober 1929. Lieber Dr. Weltsch, ich beeile mich, auf Ihren Brief, den Ich heute bekommen habe, zu antworten. Meine Gedanken sind noch nicht geordnet, wenn es anders wäre, so hätte ich mich schon irgendwie in einer hiesigen Zeitschrift geäußert Ich stehe vom Anfang der Ereignisse an unter dem dumpfen Gefühl, —■ ich schrieb das schon einigen meiner’ Freunde in Europa der Zwang der Geschichte hat uns angerührt eine dunkle, schwere, beängstigende, blutschwangere Wolke lagert ungeheuer über uns. Ich weiß, ihr wollt das nicht hören. Seitdem wir wissen, wie leicht es 1914 Berchtold oder Bethmann oder Qrey gewesen wäre, in einem bestimmten Augenblick den Krieg zu verhindern, sind wir alle etwas mißtrauisch gegen den Ausdruck ״Zwang der Geschichte“. Zwang der Natur, ja, den müssen wir anerkennen, aber Zwang der Geschichte, nein, sondern Torheit oder Unwissenheit oder böser Wille, ich glaube, jetzt, seit diesen Tagen, an das Verhängnis. Der Ausdruck ist reichlich mythologisch, aber ich finde keinen besseren. Ich glaube auch an das Verhängnis im persönlichen Schicksal des Einzelnen, um wieviel mehr im Leben der Völker. Das heißt um Gottes willen nicht, daß wir nicht Kritik, schärfste Kritik an jedem Einzelnen üben sollen. Daß wir die Araberfrage beschämend leichtsinnig an gefaßt haben, ist klar. Daß ein großer Teil des jüdischen Volkes, hier und bei euch, aber besonders hier, den Arabern mit einer lädierliehen und unwürdigem Verachtung gegenübersteht, ist mir auch bekannt. Die Gründe der Verachtung und Fremdheit sind leicht zu durchschauen. Zunächst: Egozentrismus der Gruppe (ich las, daß in Arnold Zweigs Caliban darüber Grundlegendes gesagt ist). Dann, aber nur in kleinen Kreisen, jüdischer Hochmut dem Goj gegenüber. Endlich: zwei entgegengesetzte Kulturen. Darüber haben wir ja schon einmal korrespondiert. Entscheidend der Unterschied in der Stellung der Frau. Bei uns bis zu einem gewissen Grade Freiheit der Frau, damit auch Freiheit, über ihren Körper zu verfügen, Libertinismus und Prostitution, bei jenen Hörigkeit der Frau, keine Prostiiiiiioii, Knabenliebe. Wer von beiden ״Recht“ hat, wer wollte das entscheiden! Es gibt keine Objektivität in solchen Fragen. Soll hier der Verstand herrschen, der uns sagt: non liquet? Unmöglich und nicht wünschenswert Auch zum Raub, zu Ueberfall, zur Frage der ״Sekurität“ stehen wir anders. Eine wahre Geschichte: zwei Araber begegnen sich nachts zu Pferde. Der eine: ״Sei gegrüßt, Bruder“. Der andere: ״Bei Nacht gibt es keine Brüder“, und reitet in weitem Bogen an ihm vorbei. Verschiedene Entwicklungsstufe? Vielleicht, aber vielleicht auch nicht, vielleicht Gegensatz von Asien und Europa — denn wir werden doch nicht glauben, daß Sekuritat, eine so angenehme Frucht der Zivilisation sie ist, einen absoluten Kulturwert bedeutet. Die Einstellung zur Arbeit. Hier glaube ich sogar, daß der Araber recht hat, wenn er das Nichtstun liebt, glaube, daß unser Kultus der Arbeit an sich falsch ist und auch nicht recht für Palästina paßt, auf alle Fälle ist die Einstellung verschieden. Das führt zw Fremdheit. Verachtung sollte nicht sein und brauchte nicht zu sein, ist z. &. in der Schweiz zwischen Deutschen und Franzosen trotz der Fremdheit im wesentlichen nicht vorhanden. , Aber, und hier beginnt das eigentliche Problem: wir glauben an das tiefe sittliche Gesetz: Werde, der Du bist. Das gilt auch für das jüdische Volk. Und nur aus ganz tiefen, ungebrochenen Instinkten heraus kann ein Volk sein Gesetz, seine Idee entwickeln. Nicht aus Logik. Dazu aber ist eine starke Einwanderung nötig. Nicht in Konventikeln schafft ein Volk sich selbst Wir wollen kein jüdischer Orden werden. Hier der ungeheure Irrtum des Pseudo-Achad-Haamismus. Hier unser Verhängnis, das ich segne, segnen muß, wenn ich will, daß wir Juden werden, die wir sind. Und das können wir nur in Erez-lsraeL Aber dieser Auftrag des ״Werde, der Du bist“, ist schon beim Einzelnen mit schweren Konflikten behaftet. Ein Beispiel der Konflikt der modernen Ehe, zu der freie Menschen sich verbinden. Man stößt sich aneinander, man stört einander, man vernichtet einander. Oder der Stärkere den Schwächeren. Wie tief hat das Aeschylos empfunden: Solange ein Gott ist, bleibt es bestehen: Wer tut, der sündigt; das ist das Gesetz. Gesetz itn Leben des Einzelnen, Gesetz im Leben der Völker. Ein schweres Oesetz, ein ungeheures, ein tragisches, das Gesetz aller Tragik. Das Gesetz alles Handelns, Goethe: Der Handelnde hat kein Gewissen, Gewissen hat nur der Betrachtende. Wer tut, der sündigt, — das ist kein Freibrief für Betrüger und Mörder, für Diplomaten und Kriegshetzer. Das nimmt uns nicht das Gefühl schwerer Verantwortung, vor uns, vor der Menschheit. Der Edle leidet unter dem Zwang dieses Gesetzes, aber er kann es in seinem Leben nicht ausschalten. Nicht der Einzelne und nicht das Volk. Mit zusammengebissenen Zähnen, mit ständigem Aufbegehren, ~~ müssen wir es dennoch erfüllen. Und von hier ans, glaube ich, resultiert mein tiefster Gegensatz zu vielen unserer deutschen Freunde. Ich meine damit nicht 4prade die Brith-Schalom. Der Gegensatz geht tiefer. Diese unsere Freunde bagatellisieren unser Verhängnis, indem sie zum Ausgangspunkt nicht unser ״Wir-Werden“ r ■'::nen, sondern den notwendigen, aber sekundären Konflikt mit dem arabischen Volk. Sie nehmen unser Verhängnis im letzten Sinne nicht ernst. Sie machen daraus etwas Zufälliges, das wir so oder so ordnen können, aus objektiver Betrachtung heraus. Sie sehen nicht, daß wir Schaffende sind, daß der Schaffende immer wieder vor der Aufgabe steht, sich zu schaffen, und daß es niemals Sache des Schaffenden ist, objektiv zu sein, sondern in erfülltestem Sinne subjektiv. Es gilt Ja sagen zu unserem Verhängnis. Ein tiefes und leuchtendes, ein instinktgetragenes Ja. Und in Verbindung mit diesem Ja, aber nur in Verbindüng mit ihm, heißt es einen Weg zu finden zum arabischen Volk. Wir werden ihn finden, weil wir ihn finden müssen. Ich warte auf den Mann, er ist nicht da, nennen Sie ihn meinetwegen den Vorboten des Messias, der uns aus der Tiefe unseres Volkes heraus den Weg weist. Und bis er kommt? Ich bin kein Politiker. Ich lehre um Gottes willen keinen nationalen Hochmut, sondern leiden- *chaftliche demütige — demütige — Hingabe an das Sein unseres Volkes, — an Demut fehlt es, — nicht gerade an »eine Bücher und Lehren, sondern an sein Leben, an sein vom Verhängnis gebildetes So-Sein. Wir müssen einen Weg finden, uns mit den Arabern auszusprechen, uns ihnen zu nähern, aber die Annäherung von Mensch zu Mensch wird erschwert und fast unmöglich durch die tiefe und woWbegrüadete Fremdheit, die wir nicht negieren können, wenn wir uns treu bleiben wollen. Und nicht nur persönliche Annäherung ist schwer. Auch Sie sprechen ja in Ihrem schönen und von mir durchaus gebilligten Artikel vom 30. August (Nr. 68) wie von einer anzuerkennenden Tatsache von dem bestehenden ״Gegensatz in den nationalen Zielen der Araber und Juden“. Trotzdem: einen Weg zu ihren Instanzen, Goitein schrieb vor kurzem in der ״Rundschau“ darüber, heißt es zu suchen. Nur vergessen wir eines nicht! Unser Ruf ist nicht: Frieden in erster Linie und um jeden Preis. Wir wissen von Rolland, wenn wir es nicht von Spinoza wissen: Frieden ist nicht Negation des Krieges, das wäre eine brave, notwendige, aber schwächlich« Angelegenheit, Frieden ist eine positive Kraft, die aus der Tapferkeit der Seele strömt. Diese Kraft werden wir entwickeln, entwickeln müssen, wenn wir ernsthaft den Willen entfalten, zu werden, was wir sind. Herzlichst Ihr Moses Calvary. Erwiderung Berlin, 22. Oktober. Lieber Herr Calvary, Ihr Brief bietet mir willkommene Gelegenheit zu einigen kurzen Bemerkungen, die «ich auch auf Ihren Artikel in Nr. 83 der ״Jüdischen Rundschau“ beziehen. Der Abdruck dieses Artikels hat manche unserer Freunde befremdet Ich habe ihn gebracht, weil ich der Meinung bin, daß es besser ist, die Dinge, die Sie sagen, offen auszusprechen, als daß sie unterirdisch im allgemeinen Tratsch und Klatsch weiterwirken und die Atmosphäre durch dauernde Verhetzung vergiften. Ich weiß auch sehr wohl, daß Sie nicht das meinen, was manche aus Ihrem Artikel herauslesen möchten, und Ihr Brief macht das noch deutlicher. Ich werde aber hier auf diesen Artikel nicht erwidern, weil sich sofort mehrere andere Mitarbeiter der ״Jüdischen Rundschau“ zu Worte gemeldet haben und ich diesen nicht vorgreifen will. Ohne also auf die ganze Problematik einzugehen, will ich mich auf einige persönliche Worte beschränken. Zunächst glaube ich, daß die Selbstanklage, die Sie als deutscher Judo gegen die deutschen Juden in Erez-Israel richten, zwei grundverschiedene Probleme miteinander vermengt. Einmal handelt es sich um den schicksalgegebenen Gegensatz, der uns nicht neu ist und den Blumenfeld einmal glücklich formuliert hat als den Gegensatz von ״präassimilatorischem und postassimilatorischem“ Zionistnus. Den anderen Gegensatz aber, um den ea geht, deuten Sie selbst an durch Ihre seltsame Feststellung über den ״auf der Straße liegenden“ Pazifismus. Sie nehmen die Vorwürfe auf, die in einem großen Teil der palästinensischen Presse und Oeffentlichkeit gegen eine relativ kleine Gruppe von Mensehen, die auch nicht ausschließlich, aber doch vielleicht in ihrer Mehrheit Westjuden sind, gemacht werden. Das Wort ״volksfremd“, das gegen diese Leute gebraucht wird und auch von Ihnen wiederholt wird, meint nicht die eigentümliche Kulturmischung des Westjuden, sondern wird, obwohl Sie «Res ausdrücklich «blehne®, in genau;deinaelhsi» ״ ginne g§g»n die Vertreter einer im Augenblick unpopulären Meinung gebraucht, wie im Kriegs-Deutschland gegen Menschen, die gegen die Annexion Belgiens waren oder zur Zeit der Ruhrbesetzung gegen jeden, der an der Weisheit dieses Abenteuers zweifelte. Westjuden, die sieh der Dogmatik einer bestimmten ״Masse" fügen, werden ja nicht als Fremdgeist empfunden. Ich erinnere daran, wie man vor zwei Jahren die neugewählte Exekutive in Palästina als ״volksfremd“ empfangen hat; heute wird es wohl nur sehr kleine Gruppen im Jischuw geben, die diese ״volksfremden“ Persönlichkeiten in der Exekutive missen möchten. Auf der andern Seite brauche ich Sie, der Sie Gordon und Brenner zitieren und auch Aehad Haam nennen könnten, kaum daran zu erinnern, welchen blindwütigen Angriffen diese drei großen Lehrer, deren Lehren man leider bis heute bei uns noch nicht rezipiert hat, ausgesetzt waren, weil sie es wagten, die Wahrheit zu sagen. 11t Brenner'a ״Mikaan umikaan“ sind über dieses Problem der unbequemen Wahrheit erleuchtende Stellen nachzulesen, Ich erinnere ferner an A. D. Gordon’s mutige Worte gegen den Legionismus und gegen die seelischen Wirkungen der Balfour-Deklaration. Diese Männer haben gewußt, daß es darauf ankommt, menschliche Gesinnungen, die man hat, im eigenen Volk und nicht anderswo zu vertreten. Was ist das für ein komischer Pazifismus eines Juden, dem Sie in Deutschland Existenzberechtigung zugestehen, bei dem Sie aber, wenn er sich in Palästina äußert, von einem ״Mangel an Schicksalsverbundenheit“ sprechen! Bemerken Sie denn nicht, daß Sie damit eine glänzende Rechtfertigung jener antisemitisehen Theorien liefern, die behaupten, die Juden seien in Deutschland paaifistisch, weil sie eben hier — ״volksfremd“ sind? Wieso hat jemand das Recht, weil er in politischen Einzelfragen anderer Meinung ist, den andern als ״volksfremd“ zu bezeichnen? Ich nehme ein Beispiel, das Sie selbst an* führen. Ein Zionist hat in einer Zeitung im Rahmen eines großen, der englischen Politik im Orient und besonders in Indien gewidmeten Artikels der Meinung Ausdruck gegeben, eine Lösung der palästinensischen Schwierigkeiten sei nicht möglich durch eine Politik der starken Hand, wie sie sich in der Proklamation des High Commissioners vom 2. Septemher ankündigt. Ich gebe zu, daß man auch einer andern Meinung sein kann. Aber vom zionistischen Standpunkt ist es zumindest zweifelhaft, ob jene Proklamation, die vielleicht im Augenblick dem Jischuw ge faden hat, nützlich war. Denn abgesehen davon, daß sie nach zwei Tagen unter dem Druck der Araber — die dadurch ihre Macht bestätigt fanden — zurückgezogen wurde, hat sie die nationale Einheitsfront der Araber, die vor dem 2. September nicht bestand, erst geschaffen. Dies zu erkennen und auszusprechen, selbst wenn es ein Irrtum wäre, soll einem Zionisten verwehrt sein? Und wenn er es tut, ist er unverantwortlich und ״volksfremd“? Ich will die Beispiele nicht vermehren. Das fortwährende Betonen des eigenen Verwurzeln-Wallens im Volke betrachte ich bei einem Zionisten als ein Zeichen der inneren Unsicherheit, ganz ähnlich wie die fortwährende Beteuerung des deutschen Patriotismus bei unseren deutschen Juden, über die wir uns stets lächelnd erhaben gefühlt haben. Ich brauche meine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke nicht fortwährend zu beloneu, und wenn Herr Lamdaa oder irgendein anderer Volksgenösse aus diesem oder jenen Lager mir das wahre jüdische Volkstum oder den wahren Zionismus abspricht, so läßt mich das ebenso kalt wie das Geschwätz deutsch-völkischer Anti- * Semiten.. Diese Kategorie von Nationaljuden ist ja psychologisch genau dasselbe wie die ״nationaldeutschen“ Juden, die wir hier haben, und es lohnt sich nicht, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich weiß natürlich, daß diese Art Hetze ihre Wirkung tut, in Palästina ebenso wie in Deutschland, aber es gibt für jemanden, der es verschmäht, sich selbst seinen eigenen Patriotismus dauernd zu attestieren, kein Mittel, sich gegen derartige Verunglimpfungen zur Wehr zu setzen. Auch das ist ein Verhängnis unseres Zeitalters. Man wagt nicht, die Gegensätze auf der Ebene auszutragen, wo sie wirklieh vorhanden sind, sondern verketzert den Gegner im Namen eines höchst fragwürdigen Nationalismus. Merken Sie denn nicht, in welcher jämmerlichen Weise sich bei uns alles wiederholt, bis hinunter zu den blutbegeisterten Professoren (Gott verzeihe ihnen, sie wissen nicht was sie tun), die gerade in dieser Zeit nach weisen zu müssen glauben, daß auch die Zeit des Messias eigentlich eine Apotheose blutiger Kämpfe sei? Demgegenüber behaupten wir und nehmen für uns die gleiche Legitimation in Anspruch: Nicht dies ist j ü discher Nationalismus! Gerade weil wir an den jüdischen Nationalismus glauben, benehmen wir uns manchmal so, daß man ans diskreditieren will, Indem man uns ״Volksfremd“ nennt. Sie sehen, das alles bezieht sich nicht auf die arabische Frage und nicht auf das ״Verhängnis“ des Zusammentreffens zweier nationaler Aspirationen, das allerdings, wie ich glaube, gerade uns als den in Palästina neu Hinzukommenden besondere Pflichten auferlegt Ueber Einzelheiten des Araber- Problems sind wir ja weitgehend einig. Auch über die Notwendigkeit der Erneuerung des jüdischen Volkes aus der Tiefe schöpferischer Instinkte. Gerade dieses ״Wir-Wexden“, das uns innere Festigkeit geben kann, verpflichtet uns freilich zu einer kritischen Ausscheidung illegitimer Massentriebe. Fürchten Sie sich nur nicht vor dem unsinnigen Schlagwort des ״Friedens um jeden Preis“! Kein Mensch will ״Frieden um jeden Preis", aber die Warnung vor dem Frieden um jeden Preis darf nicht dazu führen, jeden Frieden zu verhindem. Wer die Verwirklichung des Zionismus will, darf nicht nur von ״Verhängnis“ sprechen, das in den Abgrund führt, sondern muß die Realitäten sehen, innerhalb derer unsere zionistische Politik geführt werden muß, immer der Tatsache eingedenk, daß unsere einzige Waffe die Berufung auf die Gerechtigkeit und politische Ethik ist. Und wenn man, was Sie besonders hervorheben zu müssen meinen, für Einwanderung ist, dann sollte man Verständnis dafür haben, daß in erster Linie jenes jüdische Verhalten und jene jüdische Politik bekämpft werden muß, die zwar vielleicht der ״Masse“ gefällt, dafür aber geeignet ist, jede Einwanderung in Zukunft unmöglich zu machen. Ihr Robert Weltsch. Die Parlamenftswahlen in der Tschechoslowakei Die ersten jüdisch-nationalen Abgeordneten. (Von unserem Prager Korrespondenten.) hl. Prag, 28. Oktober 1929. Die am Ti. d. Mts. stattgefundenen Wahlen in das tscheehoslowakische Parlament haben die von den Zionisten seit einem Jahrzehnt mit der größten Mühe und schweren Opfern betriebenen Anstrengungen, den Juden dieses Staates eine pariamentarische Vertretung zu verschaffen, mit Erfolg gekrönt: Der jüdisch-polnische Block hat im Mähr.-Ostrauer Wahlkreise die Wahlziffer erreicht und so werden im zweiten Skrutinium alle im Staatsgebiete für die Jüdische Liste abgegebenen Stimmen für die Zuerkennung von weiteren drei Abgeordnetenmandaten eingerechnet werden. Die ״jüdische Partei“ ist in diese Wahlen unter wesentlich anderen Voraussetzungen gegangen, als bei den Wahlen in den Jahren 1920 und 19S. Die Juden, die über das ganze Gebiet der Republik verstreut siedeln, bilden nur in einem einzigen Wahlkreise, in Karpathorußland, eine geschlossene Masse. Hier bestünde theoretisch die Möglichkeit, gleich im ersten Wahlgange ein jüdisches Mandat zu gewinnen. In Wirklichkeit jedoch wußte es bei beiden Parlamentswahlen die agudistische Orthodoxie zu verhindern, die, als der Erfolg der ״Jüdischen Partei“ einzig und allein von der Haltung der karpathorussischen Juden abhing, Trutzkandidaturen aufstellte und durch eine bloße Zersplitterung der jüdischen Stimmen die Wahl jüdischer Abgeordneter verhinderte. So kam es, daß beide Male die ״Jüdische Partei“ fast 100000 Stimmen im gesamten Gebiete der Republik erhielt, was einer Zahl von vier Mandaten entsprochen hätte, ihr aber in Karpathorußland einige hundert Stimmen zur Erreichung der Wahlzahl fehlten — eben jene, welche ihr die Agudisten unter allen möglichen Bannflüchen entrissen hatten — und 100000 jüdische Stimmen ohne jeden greifbaren Effekt verloren gingen. Eine wertvolle Erfahrung hatten allerdings damals die Zionisten gewonnen: daß es verfehlt sei, unter diesen Umständen alle Karten auf Karpathorußland zu setzen, und daß es nötig sei, sich nach einem anderen außerhalb des jüdischen Lagere stehenden Partner umzusehen. Dieser wurde auch in der polnischen Minorität gefunden, die geschlossen im Ostrauer Wahlkreis siedelt. Dem Wahlpakte traten die polnischen Sozialdemokraten und bürgerlichen Gruppen, auf jüdischer Seite die allgemeinen Zionisten und Poale-Zionisten bei. Unter diesen geänderten Voraussetzungen, nämlich daß die jüdische Einheit nicht Vorbedingung, sondern erst das Ergebnis der jüdischen Politik sejn müsse, gingen die Juden in die heurigen Wahlen. Und siehe da: diesmal, da keine Möglichkeit mehr bestand, den Erfolg der ״Jüdischen Partei“ zu verhindern, hielt es die Agudas Jisroel nicht mehr für nötig, eine eigene Kandidatur einzureichen. Immerhin, sie tat ihr möglichstes und empfahl wenigstens ihren Anhängern die Wahl zweier tschechischen durchaus antisemitischen Parteien. Die ״Jüdische Partei“ hat, wie zu erwarten war, aber auch eine Stimmeneinbuße erlitten, denn nicht unbeträchtlich ist die Zahl jener, die sich von den zwei bisherigen Mißerfolgen hatten abschrecken lassen. Andererseits fällt auch ins Gewicht, daß der Wahltag auf Sirnchath Thora fiel und darum die Wahlbeteiligung auf jüdischer Seite besonders im Osten der Republik eine ziemlich schwache war. Der Sieg der. ״Jüdischen Partei“ wird beträchtlich zur Gesundung des jüdisch-politischen Lebens in der Tschechoslowakei beitragen. Der Handel mit jüdischen Stimmen und Interessen muß in dem Augenblick aufhören, da die Juden ins Parlament einziehen und selbst die .Wahrung der jüdischen Interessen in die Hand sehnten.

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