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Jüdische Rundschau · 1929-11-01 · Heft 86 (1.11.1929) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 86 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 572 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 1. XI. 1929 fragen England, ob wir weiter vertrauen dürfen. Der Auf• stand in Palästina hat die Balfour-Deklaration noch einmal rur Diskussion gestellt, Im Bereiche der internationalen Politik und in England seihst Das jüdische Volk erwartet, daß auch nach Abschluß dieser politischen Krise die Baifour-Deklaration die unverbrüchliche Richtschnur der eng- Eschen Palästina-Politik bleiben wird. Hier ist nicht die Rede von noch einer Bestätigung und formellen Zusiche• mng. Sondern wir wollen Gewißheit haben, daß die Balfour-Deklaration so durchgeführt werden soll, wie sie gemeint war, ohne ״Aenderungen der Verwaltungspraxis“ und Interpretationen, die sich vielleicht in ihren einzelnen Buchstaben hineinzwängen lassen, die aber ihren Geist ersticken können. Der Geist der Balfour-Deklaration verlangt die Errichtung der Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina — also die Möglichkeit einer Entwicklung, die das Land zur Heimat, zum Mittelpunkt des Lebens, zur Garantie der Existenz unseres Volkes machen soll. Wir schließen gewiß nicht die Augen vor der Tat- Sache, daß der Tag der Balfour-Deklaration auch uns an die Verpflichtung erinnert, lrrtümer zu erkennen und Fehler m korrigieren. Diejenigen, die es noch nicht wußten, müßten in diesen Wochen gelernt haben, daß unsere Politik nicht nur darin bestehen kann, die Formel der Balfour-Deklaration zu zitieren. Wenn andere junge Völker den Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung feiern, dann begehen sie ein Ereignis, das einen schon vorhandenen Tatbestand — die Existenz eines Volkes, das seine Freiheit verdient, in seinem Lande — lediglich in einer politischen Form bestätigte. Wir haben die Er« klärung bekommen, um auf ihrer Grundlage diesen Tatbestand erst zu schaffen. An diesem Unterschied wird unsere eigentliche Aufgabe klar: die allgemeine Formel der Balfour-Deklaration mit dem ihr gemäßen Leben auszufüllen. Das bedeutet die Verpflichtung zur Steigerung unserer Kräfte, das bedeutet auch die Erkenntnis, daß es für uns nicht darauf ankommt, irgendwelche theoretisch denkbaren Möglichkeiten aus der Formel der Balfour- Deklaration herauszukonstruieren, sondern diese Erklärung auf die vorhandenen Tatsachen des Lebens anzuwenden. Deswegen verstehen wir, wenn England unserem Hinweise auf die Balfour-Deklaration jetzt regelmäßig mit der Frage zu antworten pflegt, wie wir uns das Zusammenleben mit den Arabern dächten. Diese Frage wird uns vom Leben gestellt, wir können ihr nicht ausweichenj wir glauben, daß man sie lösen kann, ohne auf die Realisierung der Balfour-Deklaration zu verzichten. Gerade wenn England sich auch in Zukunft — und vielleicht mehr als in der Vergangenheit — an die Verpflichtung der Baifour-Deklaration halt, werden wir, gestützt auf die dann vorhandene effektive Macht der Balfour-Deklaration, zu $1ter Behandlung des arabischen Problems kommen ktehfiöi, die eitii VerstlnSigttn^ eüu* Einlösung aller, Teile da־ Balfour-Deklaration möglich macht Gegen die Protestler In der ״Jüd. Zeitung für Ostdeutschland“ (Breslau) veröffentlicht R.-A. Ludwig Förder (Breslau), der bekannte nichtzionistische Palästinafreund, eine ausführliehe Abrechnung mit den Unterzeichnern der ״Erklärung deutscher Juden“. Der Verfasser analysiert Inhalt und Form des Dokumentes, bezeichnet es als Anmaßung und Kränkung und zitiert Eugen Fuchs’ Antwort an Naumann: ״Sie sind Deutsche im Sinne des deutschen Chauvinismus, wir Deutsche in dem weltgeschichtlichen, universalen, dem Chauvinisten abholden Sinne des Deutschtums.“ — Dr. Förder stellt weiter fest, daß Dr. S e 1 i g m a n n, der Vorsitzende des liberalen Rabbinerverbandes, an die Protestler einen Absagebrief gesandt hat und wendet sich im einzelnen gegen die Befürchtungen und Anwürfe der Unterzeichner. Er sagt dann als einer der nicht zionistischen Unterz eichner des Agency-Aufruf es: ״Unbeabsichtigt wird endlich noch die Wirkung sein, daß wir gerade wegen der Hindernisse, die man uns in den Weg zu legen sucht, mit verdoppelter Kraft und Zähigkeit arbeiten werden. Die Jugend steht hinter uns. Wer sie hat, hat auch die Zukunft. Die Protesterklärung wirkt unjugendlich, entbehrt jeden Elans, erschöpft sich im Negieren. Ihre Verkünder leben in veralteten Vorstellungen, die der drängenden Gegenwart fremd und verständnislos gegenüberstehen. Viele mögen heute die Unterzeichnung bedauern, sofern sie die Erklärung vorher überhaupt richtig gelesen und ihre Tragweite überlegt haben. Ueber die speziellen Wirkungen in Breslau schreibt der Verfasser weiter: ״Die Synagogengemeinde B r e s fa u ist wohl die einzige Gemeinde, bei der sich die eine geistliche und beide weltlichen Spitzen an der Erklärung beteiligten. Das muß notwendig ein falsches Bild hervorrufen. Es bedarf keiner Hervorhebung, daß alle orthodoxen, konservativen und zionistisch eingestefiten Kreise unserer Gemeinde sich aufs peinlichste berührtfühlen und an der Unterzeichnung gerade durch diese Persönlichkeiten Anstoß nahmen, und zwar mit vollem Recht. Denn gerade die Spitzen einer E inheitsgemeinde bedürfen des uneingeschränkten Vertrauens aller Kreise, ohne Rücksicht auf die religiöse oder parteimäßige Ein- Stellung. Deshalb gibt es für sie, ungeachtet des selbstverständlichen Rechts ihre Meinung frei zu äußern, doch gewisse Grenzen, die eine zu starke Exponierung und den Anschluß an radikalisierende Tendenzen verbieten. Diese Grenzen sind hier überschritten. Von solcher Ueberzeugung sind aber nicht nur die zionistischen, orthodoxen und konservativen Kreise unserer Gemeinde erfüllt, sondern — und das ist außerordentlich bedeutungsvoll — bis fief hinein in den Liberalismus herrscht Erstaunen, ja Enörung. Gerade wir liberalen Juden, die wir niht im Parteiann der seit einigen Jahren in der Jüdisch-liberalen Vereinigung eingebrochenen ״naumannisierenden“ Doktrinen stehen, vermögen uns nicht vorzustellen, daß ein Manuel Joel, ein Jacob Guttmann, ein Eduard Sachs, ein Wollstein das Gleiche getan haben würden. Es herrscht eine Bestürzung in unseren Reihen, die sich wohl in allernächster Zeit auch nach außen hin bemerkbar machen wird.“ Die Todesurteile von Safed Von J. K11 n o w. Der nachfolgende, erfreulicherweise von einem revisionistischen Autor stammende Artikel wird, wie uns bekannt ist, innerhalb aller zionistischen Gruppen Zustimmungen finden. (Red.) Drei Araber haben in Safed während des Massakres schützlose Juden getötet. Ihre Schuld wurde Im Prozeß bewiesen und das Gericht hat sie zum Tode verurteilt. Diese ersten Todesurteile haben sofort die Frage aufgeworfen: Sollen die Urteile vollstreckt werden, soll der Buchstabe des Gesetzes in aller Strenge Anwendung finden, oder soll man die Mörder begnadigen? Von einer Gruppe Juden in Palästina ist die Initiative ausgegangen und bald darauf hat man schon in allen zionistischen Gruppen über diese Frage gesprochen: Soll von jüdischer Seite in dieser Sache interveniert werden? Wenn ja, wer soll es tun und wie soll es geschehen? Für mich ist die Antwort klar und selbstverständlich: Wir sind gegen jede Todesstrafe, und wir sind daher auch gegen die Vollstreckung der Todesurteile von Safed. Wir sind gegen die Hinrichtung der drei arabischen Menschen, weil wir gegen die Hinrichtung von Menschen überhaupt sind. Niemand hat das Recht, einem Menschen das zu nehmen, was er ihm nicht zurückgeben kann. Die Todesstrafe ist, welche Auslegung man auch dafür finde, im Grunde ein Racheakt. Die Todesstrafe ist barbarisch und sinnlos. Die spezielle jüdische Auffassung der Todesstrafe ist bekannt. Das Synhedrion, welches seit 1000 Jahren ein Todesurteil gefällt hat, eines in 70 Jahren, ist als ein ״Mörder- Gericht“ gebrandmarkt worden. Aber auch abgesehen von geschichtlichen Beispielen, die ganze moderne Welt steht jetzt un Zeitalter des friedlichen Aufbaus und unsere Rechtsbegriffe beruhen auf den einzig möglichen Grundlagen der Humanität. Wir kennen keine zweifache Moral Was wir von anderen fordern, fordern wir auch von uns selbst. Wir sind nicht von Raehegefühlen beherrscht, auch heute nicht, wo das Blut der jüdischen Opfer noch nicht getrocknet ist. Wir wollen aus dem Ausnahmezustand, in welchem sich das palästinensische Judentum befindet, keinen Vorwand machen. Keine Ausrede wird uns nützen: Die Todesstrafe darf es in der menschlichen Gesellschaft nicht geben. Und darum sollen die Urteile von Safed nicht vollstreckt werden. Nicht unsere Richter haben geurteilt, nicht nach unseren Gesetzen wurde der Prozeß geführt, nicht wir sind verantwortlich für das Urteil und nicht von uns hing es ab, den Spruch aufzuheben. Aber wenn auch unsere Stimme eine moralische und faktische Wirkung haben kann, dann ist unsere Stellung eine klare: Gegen die T odesstrafe auch in Safed! Aber auch ohne diese prinzipiellen Erwägungen sind Todesurteile gegen drei zufällige arabische Mörder aus der ganzen Masse absurd. Sind diese drei Mörder nicht bloß einer der unwichtigsten Teile der teuflischen Maschine, die gegen die Juden losgelassen worden ist? Sind denn diese Mörder mehr als ein Werkzeug in der Hand der Anstifter, in «der Hand des Mufti und der übrigen arabischen und englischen Notabein, auf deren Kopf das unschuldig vergossene Blut in erster Reihe fällt? Natürlich darf kein Mörder freigesprochen werden und auch die Safeder Verbrecher mußten die Härte des Gesetzes spüren. Aber ein gerechtes Urteil wäre es nur gewesen, wenn auch die Führer zur Verantwortung gezogen worden wären, die Hetzer, die mit dem Koran In der Hand zu Blutvergießen aufrufen, die Beamten, #efehe'4־hre ■"Bflteht'verabsttnnt vund, .:das haben. Der arabische ״Felestin“, das Organ, welches nicht wemger als die Mörder von Safed die Verantwortung für die Geschehnisse trägt, nennt die Massakres von Hebron, Mozah und Safed eine ״nationale Revolution“! Keine Spur von Reue oder Bedauern, SDrtdern im Gegenteil Aufforderung zu weiteren Angriffen, Räubereien und Morden. Damit, daß Achmed Jabod und Raneim geköpft werden, ist die Lage nicht verbessert. Nicht einmal, wenn es sich um hundert Achmeds handelte. Die Redaktion des ״Felestin“, der Mufti, Mr. Luke ־— sind gefährlicher als alle Beduinen. Die Mörder von Safed dürfen also auch aus sachlichen Gründen nicht getötet werden. Wer von den Juden sollte diese Ueberzeugung zum Ausdruck bringen? Jeder, der das Bedürfnis danach fühlt: einzelne, Gruppert, politische Organisationen. Sogar die Zionistische Organisation, sogar die Jewish Agency. Die Geschichte der letzten Jahre gibt ein Beispiel, das auf die ganze tragische Größe unseres Daseinsrechtes ein Licht wirft: das Beispiel der Mutter Walter Rathenaus. Rathenau ist von antisemitischen Rowdies ermordet worden, die ganze Welt wurde erschüttert, und die Mutter des Ermordeten schrieb an die Mutter der Mörder: ״Ich verzeihe Ihren Kindern“. Jeder von uns muß seinen Schmerz und seinen Zorn beherrschen und sich von Racheinstinkten befreien. Und was die politischen Organisationen betrifft, so darf auch ihnen Menschlichkeit nicht fremd sein. Aber sie — und gerade sie — haben noch einen anderen Gedanken zum Ausdruck zu bringen: den politischen Unsinn derartiger Hinrichtungen. Ist es die Sache der Jewish Agency, sich in diese Sache zu mischen? Sicherlich. Aber mit einer Bedingung: daß sie bei ihrer Bemühung zugunsten einer Begnadigung der Mörder außer den allgemeinen Gründen gegen die Todesstrafe auch die Unwürdigkeit eines Verfahrens betont, bei welchem die Hauptschuldigen unangefochten auf ihren Posten bleiben und weiter hetzen. Dies wäre eine Intervention von politischem Wert und die Entlarvung eines unerträglichen Zustandes. Wir alle werden weiter gegen die Todesstrafe kämpfen sowie wir gegen jede Art Mittelalter und barbarischer Gesetzgebung im Lande kämpfen. Wenn man uns angreift, werden wir uns mit allen Mitteln wehren und verteidigen. Aber wir brauchen nicht drei Araberköpfe als Satisfaktion. Wir sind nicht blutdürstig. Sollen wir uns selbst verraten? Auf der ganzen Welt stehen wir in der Front der Humanität und kämpfen gegen das Gesetz über die Todesstrafe. Der Kampf wird nicht erst seit gestern geführt und wird nicht morgen zu Ende sein, aber wir werden nicht ermüden. Auch nicht — in Erez-lsrael. Grandsteinlepsg der Kolonie ״Natania“ J e r u s ate m, 27. Oktober. (J. T. A.) Der in diesen Tagen erfolgten Grundsteinlegung für die nach dem großen jüdischen PWlantropen Nathan Straus benannte Kolonie ״Natania“ in der Nähe von Henliah am Strand nördlich von Tel- Awiw wohnten mehrere Araber aus der Umgebung als Gäste bei. Der Sekretär der aus jüdischen Kolonistensöhnen sich zusammensetzenden Organisation Bnei Benjamin wies in seiner Ansprache auf die ausgezeichneten nachbarlichen Beziehangen zwischen Juden und Arabern in dieser Gegend hin und würdigte die große Persönlichkeit von Nathan Straus, dessen cbaritaüve Werke Juden wie Nichtjuden zugute kommen. Amerikanische Stimmen Die Oktobernummern der großen amerikanischen Zeit- Schriften enthalten mehrere bemerkenswerte Artikel zu den blutigen Ereignissen in Palästina, ln der Wochenschrift ״The Outlook and Independent“ behandelt Marion Weinstein in einem längeren Aufsatz ״Das palästinensische Paradoxon“. Nach einem Jahrzehnt der bloßen Augenblickspolitik und der Kompromisse von Fall zu Fall sähen sich jetzt sowohl die englischen Mandatsträger wie die Juden und Araber endlich gezwungen, das Grundproblem anzupacken, d. h. sich über die Herstellung eines erträglichen Arbeitsverhältnisses zwischen dem jüdischen und dem arabischen Bevölkerungsteil, deren Geschicke unlöslich miteinander verknüpft seien, Idar zu werden. Die bisherige Vogel-Strauß-Politik sei nach den blutigen Ereignissen nicht mehr möglich. Hätten die drei beteiligten Parteien das dornige jüdisch-arabische Problem rechtzeitig, d. h. bald nach der Balfour-Deklaration in Angriff genommen, so hätten nicht 1920, 1921 und 1929 jüdische Märtyrer ihr Blut vergießen müssen. Aber England habe sich aut seine bewährte Methode des Durchwurstelns (muddling through) verlassen, und die zionistische Leitung habe einfach die Linie des geringsten Widerstandes verfolgt. Die Wurzel des Jüdisch-arabischen Miß verhältnisses sieht die Verfasserin in der mangelhaften Orient- Kenntnis der jüdischen und englischen Urheber der Balfour- Deklaration; diese hätten sich die Araber Palästinas, Syriens, Mesopotamiens und Arabiens als ein Volk unter einem Führer (Emir Feisul) vorgestellt, während tatsächlich die Araber all dieser Länder ihre besonderen Unabhängigkeitsbestrebungen hätten. Bei genügender Sachkenntnis ihrer Urheber hätte sich die Balfour-Deklaration als eine höchst wohltätige, konstruktive Maßnahme erweisen können. Ke Verfasserin schildert dann die Fülle der palästinensischen Gegensätze: die Unterschiede zwischen christlichen und mohammedanischen, reichen und armen Arabern usw., und vor allem die mannigfachen, sprachlichen, kulturellen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb des Jischuw. Während sich ' nun die Araber mit den altansässigen orthodoxen Juden immer gut verstanden hätten, empfänden sie den neuen Typus des freigeistigen, nationalistischen und hochzivilisierten westjüdischen Einwanderers als unverständlich, und die tönenden Phrasen eiuier Extremisten über ״jüdische Rechte und Forderungen“, deren edeutungslosigkeit man in westlichen Ländern sofort erkennen würde, würden von den politisch ungeschulten Arabern als wirkliehe Bedrohung empfunden. Auch das Schlagwort vom ״Juden- Staat“ und dergleichen habe die arabischen Befürchtungen, aus dem Lande getrieben zu werden, genährt, während man den entgegengesetzten Beteuerungen der verantwortlichen zionistisehen Leitung nicht geglaubt habe. Die englischen Militärs und Beamten hätten von der Struktur des jüdischen Volkes und den wirklichen Absichten der zionistischen Bewegung vielfach ebensowenig Ahnung wie die Araber. Die jüdischen Einwanderer selbst aber kämen zum großen Teil eben erst aus dem judenfeindlichen Osteuropa, und wären, voller Angst, Nervosität und Minder- Wertigkeitsgefühle, kaum imstande, Engländer und Araber in der richtigen Weise aufzuklären. Diese Aufgabe fiele vor allem der einflußreichsten jüdischen Gemeinschaft, der amerikanis c h e n J u d e n h e i t, zu, die im Lande der Freiheit und wirkliehen Gleichberechtigung die innere Sicherheit und Ruhe erworben hätte, um die Welt über den Zionismus aufzuklären. Es sei Hoffnung vorhanden, daß der Großmufti von Jerusalem seinen Einfluß bald verlieren und eine versöhnlichere Richtung sich bei den Arabern durchsetzen werde. * ln der Zeitschrift ״R e v i e w o f R e v i e w s“ wird in einem Artikel .-VSiFSTiiWa s'‘däs:’Blifverfießen ilf Paläsffha däüräfi# zurückgeführt, daß England im Kriege drei einander völlig widersprechende Abkommen getroffen hätte: den Arabern habe es ein alle Linder mit arabischer Majorität umfassendes arabisches Königreich versprochen, mit den Franzosen habe es deit Sykes-Picot-Vertrag abgeschlossen, der den traditionellen franzosischen Anspruch auf Syrien anerkannte, und den Juden habe es die Balfour-Deklaration gegeben. Nachdem die Okkupation Syriens durch die Franzosen zu dem Drusenkrieg und dem Bombardement von Damaskus geführt habe, hätten sich die Araber getäuscht gefühlt, und seien um so mißtrauischer gegen die jüdische Einwanderung in Palästina gewesen, die sie m die Minorität zu bringen drohe. England habe, vor der schwierigen Alternative, entweder durch eine Förderung der jüdischen Ein- Wanderung die arabische Welt bis nach Indien hinein zu verärgern, oder aber durch eine araberfreundliche Politik die Weltjudenheit gegen sich einzunehmen, in letzter Zeit anscheinend dazu geneigt, die proarabische Politik als das,kleinere Uebei zu betrachten. Die letzten blutigen Ereignisse seien als bloßer Anfangdauernder Oewaltanwendungzu betrachten, die bezwecke, die Judenheit soweit zu terrorisieren, und England derartige Kosten zu verursache(!, daß das Balfour- Programm aufgegeben werde. Obwohl England des Prestiges wegen die jüdische Einwanderung schätzen müsse, sei es sehr die Frage,* wie lange der englische Steuerzahler für Palästina — ebenso wie der französische für Syrien — schwere Lasten zu tragen bereit sei. So beurteilt Simonds, der die jüdischen Leistungen aufs höchste bewundert, doch die Zukunftsaussichten des Zionismus pessimistisch. * In der vorzüglichen Halbmonatsschrift ״Graphic Survey“ schreibt der bekannte Pazifist J. Haynes Holmes sehr zionistenfreundlich über die ,,Neuen Pilger in Israel“. Der Verfasser hält den Engländern mit scharfen Worten ihre Verantwortlichkeit für die Greueltaten in Palästina vor. Obwohl Art. 2 des Völkerbundsmandats die Engländer verpflichte, ״das Land unter politische, wirtschaftliche und administrative Bedingungen zu versetzen, die die Schaffung einer Jüdischen Nationalen Heimstätte sichern“, hätten die Engländer es zugelassen, daß das ״Heim“ überfallen, sein Inhalt geplündert und seine Insassen getötet wurden. Die englische Regierung sei gewiß nicht direkt der Begünstigung dieser Mordtaten anzuklagen. Aber sie habe nicht ihre Pflicht getan, und zwar aus Sympathie mit den Arabern und aus Antipathie gegen die Juden. Holmes schließt aus dem enormen Interesse der Engländer an einem guten Einvernehmen mit den Arabern, daß die zionistische Bewegung ein Hindernis für jede weise englische Politik sei; außerdem aber betrachteten die englischen Imperialisten den Zionismus als eine sentimentale Don Quichoterie, die doch zu nichts führen könne. Infolgedessen neigten die Engländer dauernd zu einer zionistenfeindlichen Haltung. Außerdem seien die Araber empört über den Bruch der englischen Versprechungen im Kriege, und gerade ihre Intransigenz gegenüber der englischen Mandatsverwaltung treibe diese zu immer weiteren Konzessionen. Holmes gibt die eigentliehe Schuld an den Mordtaten nicht den ansässigen Arabern, sondern den Beduinen. Nach einer begeisterten, auf eigenem Augenschein beruhenden Beschreibung der Arbeit der Chaluzim, besonders in En Charod, betont Holmes, es hätten wohl nie zwei kulturell so himmelweit verschiedene Völkerschaften nebeneinander gewohnt wie die mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln arbeitenden Juden und die fast barbarischen Araber. Die hingebungsvolle Arbeit der Juden habe schon wahre Wunder verrichtet und bringe nicht nur den Juden, sondern auch den Arabern großen Segen, ja sie zeige überhaupt, was die modernen Errungenschaften für alle Menschen, die guten Willen* seien, bedeuten könnten. J, P.

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