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Jüdische Rundschau · 1929-11-01 · Heft 86 (1.11.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 86 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 025 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienetag u. Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark, Audandnboiuwnain ««da» ta dm Wümm* dm •fawln«,, tfad«, b««du>«. An/eig»nprg|g: 8 twp. NM|'«r«Üi.zail. «,50 G.-M. SwlWwidi• 0,25 G-M. Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: J1 Bismarck 7165-70. Nummer 86 Berlin, 1. XI. 1929 w—3L Anrei^rmchluR: Dienstag und Freitag nachmittag* 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Po.t.ebrck-KoBt•»: B«1J» 17392, Bml V 9355, B«lgr»d 680 32, Brüml 394 33, Bodapat 596 93, Danzlf 1973. Hm« 140 470, Prag 59410, Straaabtirg '64 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank - K o n « B : P«rtn*1Sd1« und Natiopatbamk, Depoaliin» Km«*# Berlin, Kurfüratrndamta 52: Baoca de Eat, Cernauti (Bumiinien): Anglo Palestine Cev (n Haifa, 'aruaalrm, Tel-Aviv 3כ״ח תשרי' חר״ | xxxiv. jahrg. Per Zionismus erstreM tOr da» jüdische Volk dl» Schaffung einer Öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In Pallsllna. ״Baseler Proflraww,“ Die Untersuchung Der Polizeidief Saunders im Kreuzverhör Vier Pressevertreter zngelassen Montag, den 28. Oktober, trat die britische Untersucht״«- kommission unter dem Vorsitz von Sir Walter Shaw in ihre erste Arbeitssitzung ein. Die Arbeitssitzungen finden im alten Zollhaus statt und sind vertraulich. Als Vertreter der Presse sind vier Personen zugelasscn, je ein Vertreter der jüdischen, arabischen, englischen und der übrigen Presse. Die erste Arbeitssitzung war ausgefüllt mit der Einvernähme von Major Saunders, dem Seilvertreter des Polizeikommandanten von Palästina, der zunächst in zusammenhängender Darstellung, gestützt auf die polizeilichen Berichte aus dem ganzen Lande, ein Bild der Ereignisse aufrollt. Die Darlegungen Major Saunders lassen deutlich erkennen, daß die Regierung Palästinas und die Polizeibehörden im ganzen Lande sich votl den Geschehnissen haben v o 11 k 0 mmen überraschen lassen. Die Ereignisse trafen die Regierung und alle ihr unterstehenden Behörden vollkommen unvorbereitet, so daß eine Intervention der Polizei erst möglich wurde, als die Unruhen bereits in vollem Gange waren. An dem verhängnisvollen Freitag, dem 23. August, an dem die Ueberfälle der Araber begonnen haben, — so erzählte Major Saunders — befanden sich am Damaskustore im ganzen zwei Polizisten zu Pferde. Diese Polizisten waren gegenüber der aus der Moschee strömenden arabischen Masse vollkommen machtlos. Als die Unruhen bereits einige Stunden angedauert hatten, wurde der Polizei der Befehl erteilt, gegenüber den Angreifern von den Schußwaffen Gebrauch zu machen. Major Saunders rühmte die Tapferkeit der Juden, die aus eigener Kraft und ohne jede behördliche Hilfe den moslemitischen Angriff auf das Mea Schearim-Viertel zurückwiesen. Entwaffnung der Juden, die als Sonderpolizisten eingestellt worden waren, sei nur mündlich von der Regierung erteilt worden, nachdem die Regierung angenommen hatte, das Militär gewähre ״ein gewisses Maß“ von Schutz. Im Kreuzverhör, das den ganzen Tag dauerte, versuchte der Anwalt der arabischen Exekutive, Mr. Stoker, zu zeigen, daß die Juden für die Agitation wegen der Klagemauer verantwortlich seien. Er zitierte einen Artikel von Prof. Klausner im ״Pal. Weekly“ vom 8. August und suchte die jüdische Demonstration vom Tischa-be’aw als sehr bedeutsam für die Entwicklung hinzustellen. Sir Boyd Merriman, der Anwalt der Zionistischen Exekutive, führte dem Zeugen den Hergang der Ausschreitungen in Jerusalem vor Augen. Unter anderem mußte der Polizeikommandant Im Kreuzverhör bestätigen, das vom Balkon des Regierungsgebäudes am Damaskustor verschiedene Zuschauer die arabische Attacke auf das Viertel der georgischen Juden verfolgten. Ebenso mußte er zugeben, daß britische Juden, die in die Sonderpolizei eingestellt worden waren, entwaffnet wurden, obzwaar Not an Mann war. Sir Boyd Merriman suchte nachzuweisen, daß die Angriffe in verschiedenen Teilen des Landes, wenn vielleicht nicht vorbereitet, so von der Partei des Mufti jedenfalls organisiert waren. Die jüdische Prozession zur Klagemauer sei in Ordnung verlaufen. Der Anwalt der Regierung, Mr. Preedy, versprach Information beizubringen, ob der Mufti tatsächlich ein Visum für Syrien unmittelbar vor dem Ausbruch angesucht habe. Sir Boyd Merriman verlas auch einen Polizeibericht aus N a b 1 u s, wonach der — angeblich gefälschte — Brief mit der Unter¬ Im weiteren yfr|f WäJJIÄSC, A11SS3 ,fjöMJ >¥lTW%#s 'dlt* Umstände, die eine weitere Ausbreitung der Ausschreitungen verhindert haben, sowie die Schutzmaßnahmen, die von der Regierung ergriffen wurden. Die Order zur schnft des Mufti die Ara beraufgef ordert b#«, ■m .«in«!». Das Kreuzverhör des Polizeikommandanten würde auch am zweiten Tag fortgesetzt. Weitere Einzelheiten aus den ersten Verhandlungstagen werden nachträglich berichtet werden. Palästina - Anfragen im Unterhaus Eine jüdisch-arabische Round Table-Conferenz geplant? London, 30. Oktober. (J. T. A.) Am Dienstag, dem 29. Oktober, nachmittags, traten das britische Unterhaus und Oberhaus zu ihren ersten Sitzungen nach den Sommerferien zusammen. Gleich in dieser ersten Sitzung, in der Snowden in Abwesenheit MacDonalds als Chef der Regierung fungierte und Henderson eine Erklärung über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Rußland abgab, kam es im Unterhaus zu einer kurzen Aussprache über die Lage in Palästina, die die gespannte Aufmerksamkeit des Hauses gefunden hat Lord Winterton stellte an die Regierung die Frage, ob die Untersuchungskommission, die eben ihre Arbeit in Palästina begonnen hat, in der Lage sein wird, ihren Bericht noch vor Ende dieses Jahres dem Parlament vorzulegen; ferner ob den Mitgliedern des Unterhauses Gelegenheit gegeben wird, mit ihren Kollegen von der Kommission über die Lage in Palästina eine Aussprache zu pflegen. Der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Herr William Lunn, erwiderte, er könne unmöglich sagen, ob der Bericht der Palästina-Kommission vor Weihnachten fertig §ein und noch in diesem Jahre dem Parlamente wird unterbreitet werden könne. Sobald aber der Bericht vorliegen wird, werden die Mitglieder des Unterhauses selbstverständlich in der Lage sein, ihn im Parlament zu erörtern. Der Sekretär der Unabhängigen Arbeiterpartei, Herr Fenner Brockway, ersuchte die Regierung, die Möglichkeit einer Konferenz repräsentativer jüdischer und arabischer Führer zur Beilegung des Konfliktes ln Erwägung zu ziehen. Unterstaatssekretär William Lunn erwiderte, diese Möglichkeit werde gerade im jetzigen Augenblick von der Regierung erwogen, aber angesichts der schwebenden Untersuchung solle die Anfrage vertagt werden. Major Nathan, der bekannte jüdische Parlamentarier, ersuchte die Regierung um eine Information über die äugen- Wickliche Lage in Palästina. Unterstaatssekretär Lunn erklärte, was an Informationen vorliegt, wird schon durch das Kolonialamt veröffentlicht. Im Hinblick darauf, daß die Untersuchungskommission eben erst ihre Arbeit in Palästina begonnen hat, würde die Regierung es vorziehen, irgendeine allgemeine Erklärung über die Lage in Palästina heute noch nicht abzugeben, sondern sie für einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Wardlaw Mil ne stellte die Frage, ob angesichts des Ernsteg der Lage in Palästina und im Hinblick darauf, daß die Kompetenzen der Untereuchungskommission begrenzt seien, es nicht wünschenswert sein würde, eine allgemeine Aus- Sprache über Palästina im Parlament stattfinden zu lassen. Lunn erklärte, seiner Meinung nach sei die Lage in Palästina nicht so ernst, wie der Vorredner es meinte; er glaube, es wäre ebensowenig für' Palästina wie für das Unterhaus von irgendeinem Vorteil, im gegenwärtigen Augenblick eine Diskussion über die Lage in diesem Lande heraufzubeschvvören. Konferenz der arabischen Exekntlve Für Steuerstreik — Generalstreik am 2. November Jerusalem, 28. Oktober. (J.T.A.) Die Palästinensisch- Arabische Exekutive hielt am Sonntag eine Konferenz ab, der Vertreter nationalistischer Araber aus Syrien, Libanon und Transjordanien beiwohnten. Aus Aegypten langten Zustimmungstelegramme ein. Die Konferenz nahm Beschlüsse gegen die neuen Bestimmungen an der Klagemauer, gegen Kollektivbestrafungen und gegen die jüdische Einwanderung an, wobei gesagt wurde, daß die Zionistische Exekutive ״junge Leute zu Verteidigungszwecken ln das Land bringe“. Es wurde beschlossen, für den Fall der Nichterfüllung der arabischen Forderungen auf Zurückziehung der Balfour-Deklaration und Schaffung eines Parlamentes in den S t e u e r s t r e i k zu treten und auch britische Waren zu boykottieren. Andere Beschlüsse betreffen den Nichtverkauf von Land an die Juden, ln einem Telegramm an die britische Regierung wurde die Abberufung Chancellors und No r man B e nt w ich s gefordert. Mit der britischen Untersuchungskommission soll vorläufig zusammengearbeitet werden. Für den 2. Novemb e r, den Jahrestag der Balfour-Deklaration, wurde für ganz Palästina der Generalstreik proklamiert, dem sich auch die Schulen anschließen sollen. Am Sonnabend fand eine Kundgebung arabischer Frauen statt, in der die bekannten arabischen Postulate angenommen wurden. Die Palästina-Hilfsaktion in England London, 23. Oktober. (J.T. A.) Das Palästina-Nothilfs- Komitee (Palestine Emergency Fund) hat in einer im Büro von Lord Melchett abgehaltenen Sitzung, der Lord Melchett, der Marquis of Reading, d'Avigdor Goldsmid und Simon Marks beiwohnten, den Beschluß gefaßt, die Nothilfsaktion als abgeschlossen zu erklären. Die Aktion in England hat einen Bareingang von über 90 000 Pfund ergeben. Gleichzeitig wurde beschlossen, dringend die Arbeit für den Keren H a j e s s 0 d, die seit den Unruhen in Palästina geruht hat, mit erhöhter Energie, wieder aufzunehmen. Zum 2. November Von Dr. Moritz B i l e s k i. Die Balfour-Deklaration, deren 12. Jahrestag wir am 2. November begehen, ist die erste feierliche und formelle Bestätigung der historischen Bewegung, die wir mit Zionismus bezeichnen, im Gebiete der großen Politik. Das jüdische Volk wird als Träger eigener politischer Rechte von einer Großmacht anerkannt, diese Großmacht bekennt sich zu der Antwort des Zionismus auf die Judenfrage, der Ansiedlung von Juden in Palästina mit dem Ziele eines politisch freien, national-eigenbestimmten Lebens, — der Errichtung einer Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk. So wird durch die Balfour- Deklaration zum erstenmal in einer formell verbindlichen und weithin sichtbaren Art die zionistische Anschauung der Judenfrage durch einen politischen Machtträger ersten Ranges als richtig anerkannt. Aber neben dieser bedeutsamen Bestätigung der zionistischen Theorie, beginnt mit der Balfour-Deklaration eine neue Epoche unserer politischen Praxis. Seit der Balfour-Deklaration ist der Inhalt unserer Politik nicht mehr das Bestreben, in die politische Arena eintreten und darin mitwirken zu dürfen; von jetzt an machen wir selbst mit unseren Kräften auf dem uns zugewiesenen Raum Politik, wir haben unser selbständig wirkendes, unmittelbares politisches Gewicht Wir sind ein realer Machtfaktor geworden durch den praktischen Inhalt der Balfour-Deklaration, durch die Verbindung der Großmacht England mit unserer Sache. Auf der Grundlage dieses Inhalts der Balfour-Deklaration beginnt jetzt eine wirtschaftliche Entwicklung unseres Werkes in Palästina im größeren Stile. Trotz aller Enttäuschungen, trotz alter und neuer Hindernisse wissen wir, was die zehn Jahre Aufbauarbeit nach der Balfour-Deklaration auch an politischem Machtzuwachs für unsere Sache und für das jüdische Volk bedeuten. Der Zionismus ist heute 1)611» Tfitip* it l»t itef‘A11fch.nleht:wi#w4»»,:או ׳'»MisBaS,' di« Auf-' rüttelung des ganzen jüdischen Volkes, die mit ihren Aufbau verbunden war, haben uns diese Sicherheit geschaffen. Käme cs nur noch darauf an, daß der Zionismus den Gleichgültigen und Feinden aus allen Lagern Widerstand leistet, die heute gegen ihn in vollem Angriff sind, so könnten wir ganz beruhigt sein: Zum Widerstande sind wir stark genug. Und wenn es unsere Gegner vielleicht deswegen leichter haben als wir, weil der Inhalt ihrer Politik die Organisierung eines Widerstandes ist, weil ihre Aufgabe lediglich ist, sich unseren neu einströmenden Kräften entgegenzustellen und ihre Ausdehnung zu verhindern, so wissen wir, daß diese Kraft des Widerstandes heute auch uns zur Verfügung steht Denn der jüdische Jischuw in Palästina ist eine reale und politische Tat- Sache, und ebenso die Verbindung des jüdischen Volkes mit seinem Schicksal. Aber wir brauchen mehr als diese Kraft zum Widerstände. Wir müssen vorwärts kommen, wir müssen wachsen, wir brauchen die Möglichkeit friedlicher Arbeit, deren Früchte das Land Palästina entwickeln und auf diese Weise das palästinensische Judentum zahlenmäßig verstärken sollen. In diesem Zusammenhänge erscheint gerade heute der Hinweis notwendig, daß die Balfour- Deklaration nicht nur eine historische und politische Tat- Sache, sondern auch eine noch nicht eingelöste Verpflichtung ist. Damals, vor 12 Jahren, beim Erlaß der Balfour- Deklaration, ergriff eine Woge des Enthusiasmus das jüdische Volk, und zugleich entstand ein Vertrauens verhältnis der Juden zu Emgland. Es war sicher eine zu einfache Beurteilung der politischen Situation, wenn von da ab manche Zionisten aljps Heil in jeder Lage von England erwarteten, und mit Selbstverständlichkeit eine Art begeisterter Hingabe für unser Unternehmen bei unserem englischen Partner voraussetzten, die in dieser Stärke nicht erwartet werden konnte. Aber auch ruhig denkende Beurteiler unserer politischen Aussichten konnten ihre Meinungen auf das Vertrauen stützen, daß unser Unternehmen — in seinem vollen Sinne, ohne Abzüge — einen Rückhalt und damit eine sichere Grundlage seiner Entwicklung an der politischen Macht Englands fände. In den 12 Jahren seit der Balfour-Deklaration hat die Regierung uns durch eigene Aktivität nicht in der Weise unterstützt, wie wir es beim Erlaß der Deklaration erwartet haben und auf Grund das Mandates erwarten durften. Es wäre müßig, heute die innerzionistische Streitfrage weiter zu diskutieren, ob es mehr oder weniger plausible Gründe für diese Haltung Englands gab, und ob die Verstärkung der unmittelbaren Regierungshilfe für unsere Kolonisation die allein entscheidende, oder nur eine, wenn auch sehr wichtige, Chance unseres Vorwärtskommens bedeutete. Denn heute leben wir mitten in dem großen Angriff auf unser Werk in Palästina, dessen Anlaß die Klagemauer war, dessen Ziel die Balfour-Deklaration ist. Heute weisen wir, an ihrem Jahrestage, auf diese historische Erklärung und

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