Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 85 (29.10.1929)
- Date
- 1929-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 564 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 85, 29. X. 1929 Die November -Tagung der Mandatskommission Von unserem Oenfer Mitarbeiter. K-y, Genf, 23. Oktober, Die 16. Tagung■ der Ständigen Mandatskommission, die am 6. November zu ihren regelmäßig um diese Zeit abgehaltenen Verhandlungen Zusammentritt, wird, wie alle Herbsttagungen, die Jahresberichte der Mandatarmächte nachstehender Gebiete zu prüfen haben: Irak (britisches ״A“-Mandat), Kämerun (britisches ״B“־Mandat), Togo (britisches ״B“-Mandat), Ruanda-Urundi (belgisches ״B“-Mandat), einstens deutsche Insein nördlich des Aequators (japanisches ״C“-Mandat), Inseln Samoa (neuseeländisches ״C“-Mandat). Wie uns bereits berichtet wurde, ist es kaum anzunehmen, daß die Mandatskommission während dieser Tagung sich irgendwie mit dem Palästina-Problem beschäftigt. Sie wird dies erst auf Grund des ihr nach Beendigung der eingeleiteten Untersuchung in Palästina, von der britischen Regierung vorgelegten Berichtes wohl in einer außerordentlichen, einzig zu diesem Zwecke einberufenen Tagung tun können. Wie der arabischen Presse zu entnehmen war, wurden bisher arabischerseits dem Völkerbund keine richtigen Petitionen vorgelegt. Es waren dies vielmehr Protesttelegramme und Protestschreiben, größtenteils außerpalästinensischer Herkunft, die sowohl ihrer Form, wie auch ihres Inhaltes (Verlangen der Abschaffung der Balfour-Deklaration) wegen wohl kaum vom Vorsitzenden der Kommission als ״annehmbar“ anerkannt und der Mandatarmacht zwecks Stellungnahme weitergeleitet werden konnten. Dies bedeutet natürlich nicht, daß die Kommission an ihrer Novembertagung die Palästina-Unruhen wird ganz mit Schweigen übergehen können. Schon in der Eröffnungssitzung, die immer öffentlich ist, legt ein Mitglied der Kommisson — in jeder Herbsttagung — ihr einen Bericht über die letzte Aussprache und die Beschlüsse des Rates sowie der Ver- Sammlung des Völkerbundes in Mandatsangelegenheiten vor. Diese Rolle wird diesmal dem belgischen Mitglied, Herrn Orts, zufallen, der die Kommission in der letzten Ratstagung — in Abwesenheit des diese Pflicht sonst erfüllenden stellvertretenden Vorsitzenden van Rees — vertreten hat, ln seinem Bericht wird Herr Orts natürlich die über die Palästina-Unruhen sowohl im Rate, wie in der Versammlung durchgeführten Aussprachen und angenommenen Resolutionen in zusammengefaßter Form wiedergegeben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es bei dieser Gelegenheit zu einem kurzen und selbstverständlich äußerst reservierten Meinungsaustausch der Mitglieder der Kommission über diese Be- Schlüsse und über die Notwendigkeit der Abhaltung einer außerordentlichen Tagung kommt. Ansonsten werden die Mitglieder, der Kommission wohl nur in Gesprächen untereinander ihre Meinungen über die Vorgänge in Palästina und über die diesbezüglichen Aufgaben der Kommission austauschen können. Das Hauptinteresse dieser Tagung wird sich der Aus• spräche der Kommission und den Erklärungen des britischen Regierungsvertreters über Irak zuwenden. Wie bekannt, hat die britische Regierung dem Rat des jüngst verstorbenen Hohen Kommissärs für Irak, Sir Gilbert Clayton, folgend, ah die Regierung Iraks ein Schreiben gerichtet, das nach einem am 10. September veröffentlichten Communique nachstehende Erklärungen enthält: 1. Großbritannien ist bereit, die Kandidatur Iraks zum Eintritt in den Völkerbund im Jahre 1032 zu unter• stützen. 2. Großbritannien wird den Rat des Völkerbundes d. h. also zunächst die Kommission) anläßlich seiner nächsten Tagung von seinem Entschluß den anglo-irakischen Vertrag vom Jahre 1027 nicht mehr aufrechtzuerhalten, benach. richtigen. 3. Großbritannien wird dem Rat des Völkerbundes in seiner nächsten Tagung mitteilen, daß es, gemäß Art. 3 des anglo-irakischen Vertrages vom Jahre 1926, die Aufnahme Iraks in den Völkerbund für das Jahr 1932 empfehlen will. Als britischer Regierungsvertreter wird Mr. Bourdillon, Beirat des Hohen Kommissärs für Irak, nach Genf kommen. Palästina in der deutschen Presse In der letzten Woche hat auch die deutsche Presse wieder eine ganze Reihe Veröffentlichungen über die Lage in Palästina gebracht. Die ״V o s s i s c ft e Zeitung“ hat ihr Redaktionsmitglied Dr. Richard Lewinsohn (Morus) nach Palästina entsandt, der in der Nummer vom 25. Oktober eine Schilderung des Versöhnungstages an der Klagemauer gibt. Den Gottesdienst an der Klagemauer beschreibt auch der Sonderberichterstatter des ״Berliner Tageblatt“ Theodor Berkes in der Nummer vom 26. Oktober. Die ״Frankfurter Zeitung“ bringt im Abendblatt vom 24. Oktober einen objektiven Situationsbericht ihres lerusalemer Korrespondenten über die Lage bei Ankunft der Untersuchungskommission. Der Korrespondent des ״Berliner Tageblatts“ Theodor Berkes berichtet ausführlich über die antizionistische arabische Propaganda und die terroristische Kampagne der Araber zwecks Einschüchterung der Regierung. Nach einer Darstellung dieser Art, die am 17. d, M. im Abendblatt veröffentlicht war und in welcher auch der Protest des Emir Abdullah gegen die neue provisorische Regelung der Verhältnisse an der Klageraauer mitgeteilt wurde, sendet Bcrkd^nunmehr einen Bericht über seinen Besuch in Amman bei Emir Abdullah. Herr Berkes hat dort bei den Arabern Erklärungen gegen die Baifour-Dcklaration gesammelt, und er stellt mit unverhohlenem Bedauern fest, daß sich der Emir ״ungemein diplomatisch“ ansgedrückt habe, in Wirklichkeit geht aus den Worten des Emir und auch seines Ministerpräsidenten klar hervor, daß sie den Weg zu einer Verständigung offen lassen. So sagte der Ministerpräsident Chalid Pascha, der Friede zwischen den Arabern und Juden sei nur möglich, wenn die Juden die nationalen Rechte der Araber unangetastet ließen. Sn einem weiteren Gespräch mit dem Stammeshäuptling der Beni Sachar will Herr Berkes erfahren haben, daß auch Ibn Saud sich gegen den Zionismus erheben werde. Die Vermutung lugt nahe, daß der Beduinenhäuptling hier auf eine Suggestivfrage geantwortet hat. Zum Schluß spricht Berkes noch die Meinung aus, daß auch die Reise des Emir Abdullah nach Bagdad zu seinem Bruder Feisal der Palästina-Frage gewidmet sein wird. Jerusalem, 23. Oktober. (J.T. A.) Vor dem Gericht in Jaffa wurden sieben Araber aus Gaza, die wegen Aufreizung zu Gewalttaten und Teilnahme an den Angriffen auf die Juden in Gaza ln den Unruhetagen angeklagt waren, wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. Justin Godart Iber seine PalSstinareise Von unserem Pariser Korrespondenten. ar. Paris, 26. Oktober 1929. Justin Godart, der Präsident der ״France-Paiestine“ (fran• zösische« ״Pro Palästina-Komitee“) hatte die Güte, mir knapp nach seiner Rückkehr aus Palästina seine Eindrücke in foigender Weise zusammenzufassen: Die positiven Leistungen der zionistischen Aufbauarbeit müssen jedem Besucher des Landes Bewunderung abzwingen; was hier Verwirklichung gefunden hat, übertrifft jede Erwartung. Doch scheint, so fährt Godart fort, daß bei der Konzentration aller Kräfte auf die Koionisationsarbeit — und damit erklärlich und begreiflich — ein anderer Teil des Gesamtwerkes vernachlässigt wurde, das nötige Wirken für eine Zusammenarbeit mit den Arabern. Hier sind von zionistischer Seite Fehler und Unterlassungen geschehen, auf die hinzuweisen im Interesse der Sache wichtig ist. Es kann kein Zweifel bestehen, daß die große Masse der arabischen Bevölkerung nicht gegen die Juden ist und die Ausschreitungen lediglich aus rein politischen Gründen von einer beschränkten Zahl von Mitgliedern der herrsehenden Oberschicht angestiftet wurden. Im Interesse der ruhigen Fortführung des Kolonisationswerkes liegt es, daß diesen Kreisen nicht durch fortwährendes Reden über ein ״Jüdisches Palästina“ usw. Vorwand und Anlaß zu Verhetzungen geboten wird. Sicher ist auch, daß von der jüdischen Einwanderung das anze Land kulturell urfd wirtschaftlich utzen gezogen hat und zieht. Hierin liegt die Stärke des jüdischen Aufbauwerkes; hier ist die Basis, auf der Verständigung gesucht und gefunden werden kann. Bedauerlicherweise ist die große Masse der Araber sich dieser Vorteile nicht bewußt; von zionistischer Seite ist viel zu wenig geschehen, um sie darüber aufzuklären. Der Araber ist, «ntsprechend unterrichtet, fähig, diese Vorteile zu erkennen, und seiner Mentalität nach bereit, ein Zusammenwirken auf dieser Grundlage aufzubauen. Hier müßte planmäßige Aufklärungsarbeit in den verschiedensten Formen — Godart nennt unter anderem eine zionistische Zeitung in arabischer Sprache — einsetzen. Das zionistische Aufbauwerk ist, so betont Godart, in keiner Weise getroffen; er glaubt fest an sefne Zukunft. Nötig ist jedoch eine Politik der Näherung und verständnisvoiler Zusammenarbeit mit den Arabern. Voraus- Setzung dieser Politik ist Ausschaltung der ״extremistischen“ Tendenzen der Bewegung einerseits, Wohlwollen und Aufklärungsarbeit andererseits. Eingehendere Berichte Godarts werden demnächst in der französischen und in der deutschen Presse erscheinen. Die französische Presse za den Vorgängen in Palästina Die Mitverantwortung der Kulturwelt für das jüdische Aufbauwerk, Von unserem Korrespondenten. ar. Paris, 26. Oktober. Die französischen Blätter beschäftigen sieb andauernd in einer weit eingehenderen Weise mit der zionistischeu Frage als die englische Presse. — Edouard Hefsey, den das ״Journal“ als Sonderberichterstatter nach Palästina entsandt hat, schließt die Reihe von einundzwanzig Aufsätzen, in denen er.sfin® Eindrücke niedergelegt Jhat, mit folgenden Ausführungen: ״Wir tragen mit einen Teil der Verantwortung, da wir unsere Stimme mij abgegeben haben. Von allen Verbündeten gemeinsam war England beauftragt worden, die Geschicke Palästinas zu regeln . . . Der Z i 0 - nismus besteht nun einmal als historische Tatsache, würdig der größten Beachtung, ob er nun dahinsiecht und zugrunde geht oder Kraft und Stärke annimmt. Es muß ihm Gelegenheit geboten sein, sein Schicksal zu erfüllen; fällt er, darf er nur durch sich selbst fallen. Schmach ist es für die Männer, die die Geschicke der Welt bestimmen, wenn jene Juden, die den Pogromen entkommen sind, innerhalb der Grenzen eines Staatsgebildes, das rechtlich dem Völkerbund untersteht, abgeschlachtet werden wie Vieh . . . Das Recht der in Palästina angesiedelten Juden ist unwiderruflich. Sie haben sich nicht heimlieh eingeschlichen. Sie sind dort nunmehr auf eigenem Boden, gleichberechtigt den Arabern. Man kann von ihnen Besonnenheit und Mäßijpng fordern, doch hat man unbedingt die Pflicht, Ihnen wirksamen Schutz zu bieten. Und die ultra-nationale Presse: Henri de K e r i 11 is, Redakteur des ״E c h o d e Pari s“, schreibt in seinem Blatte (neben der ״Action Franpise“, die einzige Tageszeitung der Hauptstadt, in der mitunter judenfeindliche Aeußerungen zu finden sind) im fünften Bericht seiner Eindrücke aus Palästina: ״In einer Frage haben die Araber zweifellos recht, in der Frage der Legitiniitat der jüdischen Forderungen. Es ist unmöglich, Rechte aus einer Vergangenheit von zweitausend Jahren geltend zu machen .. . Doch außer diesem angeblichem jüdischen Recht, besteht noch das Reciit der Eroberung auf Grund zivliisatorischer Leistungen. Die Araber sind tausend Jahre zurück. Sie bewohnen ein Land, das sie ■weder zu bebauen, noch auszunutzen verstehen; sie sind arm. Es ist ein zurückgebliebenes Volk, das für den Rest der Menschheit verloren ist. Israel bringt Banken, Gold, Fortschritt, Wissen, die ganze Kultur des Westens. Von diesem Gesichtspunkt sind die Juden ebenso berechtigt, Jerusalem zu besetzen, wie Frankreich berechtigt ist, Fez zu besetzen oder England Alexandrien. — Es ist nur abzuwarten, ob die Juden ihre. Kräfte nicht überschätzt haben, ob sie sich nicht in ein aussichts- und hoffnungsloses Abenteuer gestürzt haben; ... Es ist abzuwarten, ob sie nicht einen furchtbaren Fehler begangen haben, indem sie die arabische Stärke nicht richtig erkannt haben; — ein neuer Irrtum neben manchem anderen? — Ich glaube es.“ — Ucber den Großmufti schreibt Kerilüs: ״Ueber den rätselhaften jungen Herrn voll Liebenswürdigkeit und Vornehmheit möchte ich nicht viel sagen. Auch hätte ich Angst, ihn allzu nahe zu betrachten. Es muß noch frisches Blut an seinen Händen kleben. Früher hat er die Drusen zur Ermordung der Franzosen aufgehetzt. Er ist ein Großer seines Volkes; Krieg und Mord sind hier Tradition.“ Die Auffassung des bekannten chauvinistischen Politikers ist zumindest interessant; sie stammt aus einer Politik der ״Starken Hand“ und des Imperialismus. Die zionistische Ideelogie wird sie als dem jüdischen Wesen widersprechend ablehnen, auch dann, wenn sie fallweise scheinbar zionistischen Interessen sich nähert. Fünf Araber, die der Teilnahme an der Ermordung der jüdischen Familie Abouchdid und Guzlan in Hebron beschuldigt waren, sind durch Spruch des Hebroner Untersuchungsrichters wegen Mangels an Beweisen aus der Haft entlassen worden. — in Jerusalem wurde ein arabischer junger Mann unter dem Verdachte der Ermordung des alten Juden Jacob Cohen verhaftet Wetterleuchten Zu den Vorgängen in der Berliner Gemeinde Wo es wetterleuchtet, dort ist kein echter Sturm. Wetterleuchten ist stets nur ein Hinweis darauf, daß es an einer anderen Stelle einen Aufruhr der Elemente gibt. Auch die große Debatte in der letzten Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde (heraufbeschworen durch eine Interpellation wegen einer Festtagpredigt Dr. Ismar Freunds, die auf die ״Erklärung deutscher Juden“ Bezug nahm) ist kein echter Sturm gewesen, sondern nur ein Echo der schweren Auseinandersetzungen, die innerhalb der Judenheit in Deutschland im Anschluß an die ״Erklärung“ vor sich gehen. Die Schaffung der erweiterten Jewish Agency in Zürich und die Ereignisse in Palästina haben die Juden in der ganzen Welt aufgewühlt, und das bisher in der Galuth noch nicht so scharf zutage getretene Phänomen einer gcsamtjüdischen aktiven Bereitschaft erzeugt Diese Stimmung der Judenheit schuf den Hintergrund, durch den allein die Belanglosigkeit der Erklärung der deutschen Juden eine, allerdings nur für Deutschland gültige, Bedeutung erlangte. Diese Erklärung wurde von der Judenheit in der ganzen Welt und von der erdrückenden Mehrheit der Juden in Deutschland als ein unverzeihlicher Fehler empfunden, wobei der fast einmutig abgelehnte Inhalt der Deklaration kaum eine ernste Bcachtemg erfuhr. Die Erklärer hatten in ihrer jüdischen Weltfremdheit ein so ungeheures Ausmaß von Ablehnung nicht erwartet. Anstatt nun durch Stillschweigen die Aufregung verebben und über den faux pas Gras wachsen zu lassen, entschlossen sie sich zu einem Schritt, den man psychopathologisch als eine Ueberkompensation eines Minderwertigkeitsgefühles bezeichnet. Sie ließen sich in Diskussionen ein, empörten sich in dem einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Organ der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ über den angeblieh ״unfeinen Ton“, in dem man sie zurechtwies und provozierten auch in der Jüdischen Gemeinde Berlins eine lange Debatte, um den Anschein zu erwecken, als ob es sidi um einen noch unentschiedenen Kampf handeln würde. Das aber ist eine arge Selbsttäuschung, wenn nicht gar ein Täuschungsversuch der jüdischen Oeffentiichkeit. in Sachen der ״Erklärung deutscher Juden“ ist in der öffentlichen jüdischen Meinung das Urteil gesprochen, und zwar ein vernichtendes gegen die Erklärer ähnlich wie in der Abstimmung in Deutschland gegen die Volksbegehrer. Die Debatte in der Jüdischen Oemeinde ist ein Nachhutgefecht einer geschlagenen Gruppe gewesen. Die vielstündige Sitzung der Repräsentantenversammlung war mit Reden zum Thema Zionismus, Jewish Agency und Palästinaaufbau ausgefüilt. Den Reigen führte auf seiten der Interpellanten Direktor Ostberg, der seinen Wechselbalg, die Erklärung, zu schützen versuchte. Er tat es in einer Weise, die kaum seinen Parteifreunden gefallen konnte und ging vor Schluß der Debatte fort, offenbar nicht aus Aerger über seine Gegner, sondern über seine Freunde. Die Gegner aber sagten sich im stillen, daß der verstorbene Führer der Liberalen, Prof. Türk, selbst diese verlorene Sache besser, würdiger und klüger geführt hätte. Von den Liberalen sprachen noch Dr. Heinrich Stern und Dr. Kurt Fleischer, in Ton und Inhalt von der Art Ostbergs angenehm ^bstechend. Namens der Zionisten sprachen Dr. Klee und froC Vo e w e. Sie“ redeten die Sprache von Juden, die mit dem jüdischen Klal verbunden sind und dessen Leiden und Hoffnungen teilen. Für den Gemeindevorstand sprachen — die interpellation mußte ja auch formell beantwortet werden — Direktor Kareski und der angegriffene Dr. Ismar Freund. Kareski erklärte, daß dem Vorstand kein Zensurrecht hinsichtlich der Kanzel zustehe. Dr. Freund führte aus, daß er zu jedem verurteilenden Worte seiner Predigt auch in der Sitzung der Repräsentantenversammlung, also nicht mehr unter dem Schutze der Immunität als Prediger, stehe und nichts zurückzunehmen oder zu mildern vermöge. Die Lehre, die aus der fünfstündigen Debatte zu ziehen ist, lautet: Weltanschauliche Klärungen können in der Gemeindestube nicht Zustandekommen. Diese vollziehen sich im Fluß der historischen Entwicklung. Der Kampfplatz für die Austragung derartiger Gegensätze ist das jüdische Leben selbst. Dort werden die Schlachten zwischen nationalem und antinationalem Judentum geschlagen. Bei den kommenden Wahlen in die Jüdische Gemeindeverwaltung werden die Wähler ihre Stellungnahme bekunden. Bis dahin aber werden sich die verantwortlichen Männer aller Riehtungen in der Oemeinde nicht durch derartige Debatten in ihren dringenden Arbeiten zur Befriedigung der Bedürfnisse der großen Berliner Gem e i n d e stören lassen. s. n. Chancellors Antwort an Abdullah Emir Abdullah erklärte dem Korrespondenten des ״Bcri. Tageblatts“, Theodor Berkes, er habe vom Oberkommissär Sir John Chancellor auf seinen Brief, der nicht zur Vcröffcnt• lichung bestimmt und von der Presse auch unrichtig wiedergegeben worden sei, eine Antwort erhalten, worin dieser erkläre, daß die Erhaltung der Ordnung in Palästina und das Wiederherstellen freundschaftlicher Be- Ziehungen zwischen Juden und Arabern seine Hauptsorge sei. Er danke für die Vorschläge und Ratschläge des Emirs, die ja für den gleichen Zweck bestimmt seien. Bei den neuen Anordnungen für die Klagemauer handle es sich nur um vorläufige zeitweilige Anordnungen, die den Status quo nicht verletzten und hestimmt seien, ebensowohl die Mohammedaner als die Juden zu befriedigen. Die Juden hätten jedoch aufs schärfste gegen sie protestiert, weil nicht auch die Anbringung von Scheidewänden, Vorhängen, Bänken und Teppichen erlaubt worden sei. — Die Neuordnung werde, schreibt der Oberkotmuissär. nur so lange in Kraft bleiben, bis eine Sachversiändigenkommtssion, deren Einsetzung der Oberkommisrii! beim Kolonialminister in London beantragt habe, endgültige Bestimmungen über die Klagemauer getroffen habe. Der Oberkommissär hofft, daß Abdullah auf Grund dieser Tatsachen imstande sein werde, die Herzen der transjordanischen Bevölkerung zu beruhigen und Mißverständnisse zu beseitigen. Auch er sei der Meinung, daß die Unterdrückung der Unruhen durch Gewaltmaßnahmen nicht genüge, sondern daß solche Maßnahmen getroffen werden mögen, welche die Befürchtungen und die Entrüstung wegen Verletzung der Rechte der Araber aus den Herzen der arabischen Bevölkerung• bannen. Solchen Maßnahmen wende der Oberkommissär au* seine Aufmerk־ samkeit und Sorge zu.