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Jüdische Rundschau · 1929-10-22 · Heft 83 (22.10.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 83 (22.10.1929)
Date
1929-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 83, 22. X. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 537 Bialik «Feier in Berlin Der diesen Sonntag vom Beth Am Iwri zugunsten des Verbandes hebräischer Schriftsteller veranstaltete Bialik-Vortrag zog eine derartige Zahl von Verehrern Bialiks heran, daß der große Saal des Logenhauses in der Kleiststraße alle, die Einlaß begehrten, nicht mehr fassen konnte. Dem Dichter wurden beim Betreten des Saales lang anhaltende Ovationen bereitet In1 Namen des Beth Am Iwri begrüßte dessen Vorsitzender, Dr. M. S 01 o w e i t s c h i k, in schwungvollen Worten den Dichter und die zahlreich Versammelten. Er habe das Empfinden, sagte der Redner, daß zugleich mit dem Dichter auch der Schatten des von ihm in Erez-Israel cingeführten Oneg-Sabbath in dieser Versammlung weile. Er gab der Freude über die Genesung des Dichters warmen Ausdruck. In voller körperlicher Frische, begann BialLk seine Ausfüllrungen über die moderne Kultur Ercz-Israels mit einem Hinweis auf den Unterschied, der zwischen dem Kulturbegriff in Erez-Israel und der Galuth bestehe. Trotz der geringen Zahl von Juden habe Erez-Israel mehr jüdische Kultur als die Länder der Qaiuth. Die Juden der Galuth nahmen eine fertige von anderen geschaffene Kultur an und genießen sic, arbeiten sogar daran mit, aber in Erez-Israel schaffen die Juden eine eigene Kultur; sie werden in dem Maße ein Kulturvolk, als cs ihnen gelingt, mit ihren eigenen Kräften und Fähigk eiten Neues zu schaffen. Eine jüdische Volksschule von einem jüdischen Ardiitekten entworfen, von jüdischen Händen erbaut, mit jüdischen Lehrern und Lehrbüchern, ist ein höherer und vollkommenerer kulturschöpferischer Akt als alles, was Juden an fremden Universitäten leisten. Der Begriff der jüdischen Kultur ist in der Qaiuth sehr umstritten worden. Der Kreis der Lebensinhalte, die dieser Begriff deckte, wurde immer enger gezogen. Man baute die jüdische Kultur einseitig auf Glauben oder auf Ethik auf. Der Dichter illustrierte diesen Gedanken mit einem Bilde eines Symphonieorchesters auf einer Eisdecke, von dem jedes Instrument seinen eigenen Tonfall hat. Plötzlich bricht das Eis und jedes einzelne Instrument wird von einer Eisscholle fortgetragen; die getrennten Teile ergeben keine Symphonie mehr. Jeder Teil muß, um die Illusion einer Fortselzung der Symphonie zu bilden, Solo spielen. In früheren Zeiten unserer Volksexistenz war der Begriff der jüdischen Kultur viel breiter und stützte sich nie auf eines seiner Eiemente. Es gab Meinungsverschiedenheiten aber keine Dogmen. Es gab Parteien, aber es herrschte kein Fanatismus, der wie heute etwa die Agudas Jisroel Juden aus der Gesamtheit Israels ausschließen wollte. Der engherzige Fanatismus ist eine Frucht der Qaiuth. Jeder hielt fest an seinem Bruchstück, seiner Eisscholle. Das Judentum verlor seine konkreten Lebensinhalte und verflüchtigte sich in gedankliche Abstraktion. Die abgerissenen Teile paßten sich fremden Lebensformen, fremden Symphonien an und verloren den eigenen Habitus, die besondere Note. In Erez-Israel aber soll alles, was entsteht, den Stempel eigener Kultur tragen. In Erez-Israel ist bereits ein Muster, ein Modell geschaffen worden. Nadi diesem Muster wird auch 1111 Galuth weitergebaut werden. Bei schöpferischer Arbeit ist Qualität und ein kleines vielseifiges Muster die Hauptsache. In geistsprühender, lebensvoller Art spricht der Dichter von dem Neuen, das in Erez-Israel unter mannigfachen Wehen geboren wird; besonders von der hebräischen Sprache. In der Vergangenheit war die hebräische Sprache aus dem Leben verdrängt worden und wurde schließlich zu einer Buchsprache, entbehr«;r|d der frischen Lebensquellen, wie sie den lebendigen Sprachen durch die Dialekte Zuströmen. Wie das Judentum wurde auch die Sprache ihres konkreten Inhalts beraubt Die vielen Synonyme, die die hebräische Sprachwissenschaft findet, sind dadurch zu erklären, daß durch die Ablösung vom wirkliehen Leben auch der spezifische Inhalt konkreter Begriffe verloren ging und nur der allgemeine, typisierende Inhalt zurückblieb. Vielleicht aber war es für die Wiedergeburt der hebräischen Sprache sehr nützlich, daß sie sich nicht als die Sprache des täglichen Lebens erhalten hat. Sie wäre sonst infolge der Wanderungen auch großen Veränderungen unterlegen und schließlieh zerstört worden. Da sic aber in der Literatur konserviert wurde, haben wir sie heute, wo die Sprache ihre Renaissance erlebt, als Schriftsprache vorgefunden. Vom Jiddisch erhielt die hebräische Sprache Intimität und Leben. Beide Sprachen haben sich wie in einer Ehe durch das Zusammenleben manche gemeinsame Züge angeeignet. In Erez-Israel hörte Hebräisch auf, eine heilige Sprache zu sein, d. h. sic verlor ihre Besrhränkung auf einzelne Gebiete des Lebens und wurde die Sprache des Alltags. Jiddisch dagegen verliert den Lebens- Hoden unter seinen Füßen und flüchtet sich wie einst das Hebräische in die Literat!^ Hebräisch wird die Sprache des Lebens, Jiddisch eine Ideologie. Die Sprache ist nur ein einziger, wenn auch wichtiger Bestandteil der Kultur. In Erez-Israel ist Hebräisch nicht mehr ein Ideal und das Zeichen einer Weltanschauung, sondern eine ganz natürliche Erscheinung. In den letzten 30 Jahren ist sie um mehr Worte bereichert worden als in den letzten 2000 Jahren. Freilich lehnt Bialik viele dieser Neuschöpfungen, besonders die von Ben Jehuda, ab. Nach einer Skizzicrung der großen Aufgaben, die des Waad Halaschon harren, besonders auf dem Gebiete der Herausgabe von Wörterbüchern, geht der Redner zum zweiten Teil seines Vortrages, der Beschreihung der neuen Lebensformen in Palästina über, und verweilt — wegen der vorgeschrittenen Zeit •— ausführlich nur noch bei der "von ihm ins Leben gerufenen Institution des 011 c g - S a b b a t h. Er berichtet von der Entstehung und dem allmählichen Ausbau dieser Einrichtung und den neuen PJänrn iin Zusammenhang mit dem soeben errichteten (jehaude. Der an Zahl verhältnismäßig kleine Jischuw schafft trotz den im Verhältnis zur Schwere der Aufgabe geringfiigigen Mitteln für die ganze Nation neue Formen des Lebens. Es ist die unabweisbare Pflicht der ganzen Judenheit, den Jischuw in dieser seiner schweren Mission zu unterstützen. Für seine in einer meisterhaften, an Reichtum der Worte unübertrefflichen Sprache vorgetragenen Gedanken, die der Dichter infolge des im Anschluß an den Vortrag stattfindenden Banketts zu kürzen sich veranlaßt sah, erntete Bialik stürmischen Beifall. Dr. Soloweitschik gab in seinem Schlußwort dem lebhaften Bedauern Ausdruck, daß diese unerschöpfliche Quelle, die Bialik heiße, in ihrem Weiterfluß gehemmt werden muß. Jeder Gedanke Bialiks, sagte er mit Recht, ist nur der Anfang eines Kapitels, ja, eines ganzen Vortrages. Er forderte die Teilnehmer auf, das Beth Am Iwri öfter zu besuchen und sprach aus dem Herzen aller, als er dem Dichter den Dank für die großen Schätze des Geistes, mit denen er alle an diesem Festabend beschenkt hatte, aussprach. Das von der Z. V. f. D. gemeinsam mit dem Beth Am Iwri veranstaltete Bankett unter der sachkundigen Leitung von Dr. Hildesheimer nahm einen glänzenden Verlauf. Etwa 200 Personen nahmen daran teil. Nach den Begrüßungsansprachen von Dr. H. Torczyner und Rabb. Dr. M. Wiener, die Bialik in geistvollen Worten feierte, sprach Bialik in Fort- Setzung seiner im Vortrag dargelegten Gedanken über die he- Bräische Literatur in Palästina. Er schilderte die Lage und die Leistungen der hebräischen Schriftsteller und deren Bcstrebun- Sen, das geistige Leben zu organisieren. Er forderte die Juden Berlins auf, die hebräischen Schriftsteller in ihrem Kampfe um die Existenz des hebräischen Schrifttums zu unterstützen. Nachdem noch Dr. N. Go Id mann an die Bankcttcilnehmer einen warmen Appell gerichtet hatte, wurden größere Beträge für den Verband der hebräischen Schriftsteller Palästinas gezeichnet. Zum Schlüsse feierten Dr. Alexander Goldstein und Professor B. Brutzkus — letzterer Im Namen der russischen Juden — Bialik als Wiedererwecker des Geistes der Makkabäer und Führer der russischen und jetzt palästinensischen Judenheit Mit besten Wünschen für den Dichter schloß Dr. Hildeslieimer das in allen Beziehungen gelungene Bankett. Dem Beth Am Iwri gebührt der größte Dank für diesen unauslöschlichen Festabend. Dr. A. Ro senfe Id. Drei Briefe aus Rußland Die furchtbaren Ereignisse in Erez-Israel haben die ganze jüdische Welt aufgerüttelf, von den größten jüdischen Zentren in New York und Warschau bis zum entferntesten kleinsten Städtchen in Galizien, Litauen oder Kanada. ״Noch nie war die Judenheit so vereinigt, noch nie waren wir einander so nahe“, so kennzeichnet Schalom Asch in seinem Brief an den Jischuw in Erez-Israel die gegenwärtige Lage in der Judenheit. Noch niemand erinnerte sich in diesen Tagen daran, daß ein großer Teil des jüdischen Volkes uns fehlt, der Teil, der vor nicht langer Zeit die Hauptrolle im Judentum gespielt hat: die drei Millionen zählende jüdische Bevölkerung in Ruß- I a n d. Sie sind wie ausgelöscht, vergessen im Buche des Lebens des Volkes. Die luden von Rußland sind aber mit uns. Sie haben nicht aufgehört, ein organischer Teil des ganzen Volks- Organismus zu sein; sie haben nie aufgehört, an den Freuden und Leiden des Volkes teilzunehmen. Der Möglichkeit beraubt, öffentlich und frei ihre Solidarität mit der Gesamtjudenheit zum Ausdruck zu bringen, da dies in Rußland als konterrevolutionäre Handlung aufgefaßt und verfolgt wird, hat die russische Judenheit, insbesondere ihr aktivster Teil, die verfolgte illegale zionistische Bewegung, es verstanden, auf eine eigenartige Weise scharf und kühn ifiren Profest gegen die Ereignisse in Erez-Israel und gleichzeitig gegen die verräterische Jewsekzia, die sich bekanntlich ganz und gar mit den arabischen Pogromhelden solidarisch erklärt hat, zum Ausdruck zu bringen. Es liegen uns drei Briefe aus Rußland vor, die wir in der letzten Zeit erhalten haben. Wir bringen sie in chronologischer Reihenfolge: Brief 1: ״Wir sind erschüttert über das im Heiligen Lande vergossene unschuldige jüdische Blut. Mit unserer Anteilnahmc an dem Schmerz des ganzen jüdischen Volkes, bringen wir unsere tiefe Erbitterung und unseren scharfen Protest gegen die Raub- und Mordtaten im Lande zum Ausdruck. Die Nachrichten, die uns durch die Presse der Jewsekzia erreichen, sind unzusammenhängend und durchdrungen von provokatorischem Geist und offenem Haß. Die wilden Ueberfälle von Räubern und Mördern auf den Jischuw in Erez-Israel, die Verleumdungen und die provokatorische Taktik unserer Feinde, der Jewsekzia und ihrer Genossen, werden uns nicht erzittern machen und unseren Mut nicht schwächen, Den Kampf um die Rechte der zionistischen und der hebräischen Bewegung in Rußland werden wir bis zu unserem letzten Blutstropfen fortsetzen. Wir sind jederzeit bereit, uns an die Stelle unserer gefallenen Helden an die Front zu stellen.“ Brief 2: ״Wenn Ihr meint, daß das öffentliche Leben bei uns auf einem niedrigen Niveau steht, daß unsere Rätemacht uns nicht die Freiheit gibt, gegen die Ereignisse in Erez-Israel zu protestieren, dann seid Ihr im Irrtum. Am 1. September veranstaltete die Jewsekzia im Saale der Staats-Universität in Moskau ein Protest-Meeting ״gegen den Pogrom , den die Diener des englischen Imperialismus, die Zionisten, gegen die Revolutionäre, die Beduinen, organisiert haben". Es traten auf Petrowsky und andere Redner, unter ihnen auch zwei Araber. Pech und Schwefel regnete es gegen die Zionisten, die an allem Schuld seien, die die Unruhen hervorgerufen haben usw., und darum, hieß es, muß man die Zionisten ausrotten, verfolgen und vernichten. Einer der Redner erlaubte sich sogar die Meinung auszudrücken, daß in noch größerem Maße die arabischen Priester und Effendis schuldig seien; doch wer hörte auf solch eine Rede eines ״Kleinbürgers“? In der Versammlung waren ungefahr 300 bis 400 Menschen und, wie. es sich zeigte, war der größte Teil von ihnen Zionisten. Während der Reden hörte das Publikum nicht auf zu pfeifen, mit den Füßen zu stampfen, so daß es oft nicht möglich war, den Redner zu verstehen. Als die Reden zu Ende waren und es Zeit war, die Resolutionen anzunehmen, erhob sich das Publikum und drängte zu den Ausgangen. Der Saal blieb fast leer und es bestand die Gefahr, daß aas Meeting resultatlos verlaufen würde. Es blieb nichts anderes übrig, als die Türen schließen zu lassen und das Publikum gewaltsam zurückzuhalten. Das Präsidium begann auf das Publikum zu schimpfen, das keine ernste Beziehung zu diesen! Profest habe. Man stimmt ab: ״Wer ist gegen die Resolution?“ Und da sich keine Narren fanden, die es hier wagten, offen dagegen zu sein, wurden die Resolutionen einstimmig an genommen.“ Dieselbe Geschichte, aber in einer schärferen Form, wiederholte sich am 1. September im Klub ״Kommunist“ in Moskau. Darüber meldet der dritte Brief: ״Chaschin hielt einen Vortrag über das Thema: ״Der XVI. Zionistenkongreß, die Jewish Agency und die Ereignisse in Palästina“. Das Publikum bestand aus zirka 500 Menschen. Die Billetts waren vorher durch die professionellen Gewerkschaften verteilt, daher war das Publikum ein rein proletarisch-jüdisches. Es trat auch P. Nowack auf, der Korrespondent der jüdischkommunistischen Zeitung ״Die Freiheit“ in New York, der auch auf dem Zionistenkongreß in Zürich gewesen war. Beide Redner beschimpften aufs heftigste den Zionismus. Nowack erzählte, daß man das Kontor der ״Freiheit“ in New York gcstürmt hätte und sagte, daß der sich in Agonie befindliche Zionismus glaube, sich damit retten zu können. A. Reisin und Lewick bekamen dort ebenfalls ihren Teil ab, da sie die proleiarische Front verlassen hätten. Nach den Reden ergoß sich ein Meer von Fragezetteln an das Präsidium, Der Tisch war voll, es gab ungefähr 300 Fragezettel. Hier zeigte es sich, daß der größte Teil des proletarischen Publikums zionistisch war. Einer, der die Zette! vorlas, sagte, sie seien von solchem Inhalt, daß man sie direkt an die Nationalbibliothek in Jerusalem senden könnte. So sehr standen diese Zettel im Widerspruch zu den Vorträgen. Chaschin teilte in seiner Antwort die Fragen in drei Gruppen: 1, Fragen von . Schreibern, 2. Fragen von Zionisten (״Zionistlach“), 3. von englischen Imperialisten (״englische imperialistlach“). Geantwortet hat er nur auf zwei oder drei Fragen, z. B. welchen Anteil nahm die Kompartei an den Massakers gegen die Juden in Palästina? Charakteristisch war vor allem, daß er in seiner Erwiderung auf die Fragen sich an das Publikum mit der Anrede ״Ihr“ wandte, so, als ob Publikum und Redner zwei getrennten Lagern zugehörten, während er in seinem Vortrag immer von ״wir“ gesprechen hatte. Vor der Annahme der Resolutionen stürzten das Präsidium und das Publikum zu den Türen, das Publikum, um rasch den Saal zu verlassen, das Präsidium — um die Türen zu schließen und das Publikum nicht herauszulassen, bis die Resolutionen angenommen waren. Hier gab es einen sehr intercssantcn Moment: Der Inhalt der Zettel und das nicht diszipünierte Benehmen des Publikums hatte das Präsidium so sehr in Wut versetzt, daß einer der Klugen des Präsidiums sich nicht zurückhalten konnte und ausrief: ״Wartet doch bis nach der Resolution! Warum wollt Ihr so demonstrativ davon laufen? Haben wir Euch doch eingefangen, meine Vögelchen! Bleibet im Saale sitzen und merket Euch, daß man sich aut fremden Meetings ein bißchen besser zu benehmen hat.“ In Minsk kam cs bei einen! solchen Meeting zu einem Zusammenstoß. Das Telegramm im ״Haint“ erzählt kurz und sehr naiv, daß man das Meeting nicht abhalten konnte, bis man die Zionisten nicht aus dem Saale entfernt hatte. Der Korrcspondent vergaß nur eine Kleinigkeit zu erwähnen: Wohin man die Zionisten aus dem Saale herausgeführt hat.... Wir haben diese Briefe so ausführlich behandelt, um zu zeigen, in welcher Umgebung, in welcher Atmosphäre, in welch schrecklichen Bedingungen sich die zionistische Bewegung in Sowjetrußland seit 12 Jahren befindet. Nur ein ganz klein wenig haben wir hier den Vorhang gelüftet, um auf das zionistische Leben dort einen Blick zu werfen. 12 Jahre wird dieser Kampf auf Leben und Tod geführt 12 Jahre lang erträgt die von der ganzen übrigen jüdischen Welt isolierte zionistische Bewegung in Rußland die schrecklichsten inquisitorischen Verfolgungen seitens der kommunistischen Diktatur, seitens der G. P.Ü. 6000 bis 7000, vielleicht noch mehr (wir haben keine genaue Statistik) Arrestierte; 18 Fälle von Selbstmord und Tod in den Gefängnissen und in der Verbannung — und der Zionismus lebt. Mehr als 1000 (wir haben keine genaue Statistik) schmachten heute in den Gefängnissen, in den entferntesten, grausamsten Verbannungsorten und den Poiit-Isolatoren. Doch die Bewegung lebt. 12 Jahre lang trägt die jüdische Jugend auf ihren Scnultern die ganze Schwere eines ungewöhnlichen Kampfes — und wir leben. Hört Ihr es, Brüder und Schwestern in der ganzen Welt: Wir leben! Löscht uns nicht aus aus dem Lebensbuch des Volkes! Wir leben und werden leben und kämpfen für unsere Bewegung trotz allem. Die letzten Ereig-!risse in Erez-Israel haben unsere Reihen verstärkt, unseren Mut gehoben. Stark halten wir die Fahne der jüdischen Wiedergeburt aufrecht, und wir werden sie nicht aus der Hand geben. Der Jischuw in Erez-Israel und die zionistische Bewegung in Rußland haben gezeigt, daß es keine Kraft gibt, die uns zerbrechen könnte. Einsam aber stehen wir russische Zionisten im Kampfe. Ihr habt uns vergessen. Ihr habt uns bisher nicht geholfen. Ihr habt uns nicht, wie cs sich gehört, verteidigt. Ihr steht beiseite. 12 Jahre haben wir gewartet. Noch länger können wir nicht warten. Längeres Schweigen ist schändlich, längeres Beiseitestehen ist ein Verbrechen. Die Zionisten in Rußland haben ihr Wort gesagt. Das Wort hat nun die allweltliche zionistische Bewegung. Das Wort hat die allweltllche Judenheit! _ Ben M elf. Die ,,Siebente Dominion ■Liga“ Am Freitag, dem 18. d. M., fand In London, wie wir einem Bericht der ״Times“ entnehmen, im Victoria-Hotel eine Presse-Versammlung statt, bei welcher führende Mitglieder der ״Seventh (Palestine) Dominion League“ sprachen. Col, Wedgw 00d betonte, zu den Aufgaben der Liga gehöre die Förderung des Jüdischen Nationalen Heims unter britischem Beistand, mit dem Ziele, Bedingungen zu schaffen, die die Bevölkerung Palästinas veranlassen, den Status eines sich selbst verwaltenden Dominion innerhalb des britischen Reiches anzustreben. Bisher hat die Verwaltung die britischen Versprechungen nicht erfüllt. Weil die arabische Bevölkerung leichter zu regieren ist als die Juden, wird sie von den Beamten begünstigt. Die Verwaltung hat den Arabern Grund zu der Annahme gegeben, daß sie die Juden mit Argwohn betrachtet, und dadurch wurden die Araber zu ihren antijüdische» Ausbrüchen ermutigt, Es sei daher eine neue Politik erforderlich, wenn schwerere Unruhen verhindert werden sollen• — Nach Wedgwood sprach noch Commander Kenworthy, der ״als Pazifist“ die strategische Bedeutung Palästinas für Großbritaanien hervorhob, und Sir Robert Hamilton, der sagte, man müsse sich bemühen, gute Beziehungen zwischen Engländern, Arabern und Juden in Palästina herzusteüen. Antisemitisches ans Rußland Eine in Kiew abgehaltene Versammlung kommunistischer Studenten stellte die Forderung auf, daß für jüdische Hörer an den Sowjet-Hochschulen ein Numerus clausus eingeführt werde. 25 Arbeiter des Schiffbauhafens in Murom überfielen am. hellichten Tage unter den Rufen ״Schlagt die Judeu und rettet Rußland!“ vier jüdische Ingenieure und verprügelten sie schwer. Konzert Jehndi Menuhin . . . . werden wir sein wie die Träumenden — und dennoch sollte man endlich aufhören, von dem ״Wunderkind“ zu snrechen. Wir haben es hier doch mit einem absolut ausgereirten Genie zu tun — nicht mit einem Genie in der Anlage. Man weiß nicht, wovor man sich mehr beugen soll: vor der vollkommenen Reinheit, Schlichtheit, Größe, mit der er eine Bach* sehe Solofuge aufbaut, vor der letzten Versunkenheit, mit der er den Nigun der eigens für ihn komponierten ״Awodah“ von Ernest Bloch vergeistigt oder vor dem restlos entfalteten Sstliehen Temperament, vor dieser Kraft der Rasse, die aus der Gestaltung etwa eines Dvorak-Konzcrtes aufbricht. — Da versagen alle Maßstäbe und man sollte sich scheuen, mit Worten die doch nur verkleinern können — dieses Gnadengeschenk aus den oberen Welten anzurühren. A. J.-L. Für das arbeitende Palästina. Der vorläufige Arbcitsausschuf! der ״Liga für das arbeitende Palästina“ in Rheinland und Westfalen beruft für den 3. November in Duisburg eine Konferenz sämtlicher an unserer Arbeit 111teressierten ein. Die Konferenz beginnt mit einer großen sozialistischen Kundgebung am Vormittag um 11 Uhr, in der sprechen werden: Landtagsabgeordneter Dr. Hamburger (Berlin), Dr. Erich Mendelsohn (Berlin), Leiter der Forschungsstelle für Wirtschaftspoliiik, Dr. Josef Neuberger (Düsseldorf) über das Thema: ״Im Kampf um das sozialistische Palästina.“ Anschließend findet nachmittags mit denselben Referenten eine Arbeitskonferenz statt. Es ward erwartet, daß Zionisten aller Parteien, insbesondere aber der Linken, in Rheinland und Westfalen zu ditescr Kundgebung und der anschließenden Konferenz erscheinen. Insbesondere geht der Ruf an die jüdischen Mitglieder der sozialdemokratischen Partei, an die K. J. V.er, J. J. W. B.er, Mitglieder des Makkabi, kurz an die gesamte Jugend, die an der Arbeit der Liga für das arbeitende Palästina interessiert ist. Die zionistischen Organisationen werden gcbeten, auf diesen Tag keine Veranstaltungen zu legen. Nähere Anfragen sind zu richten an: Edit Ledermann, Düsseldorf, Kronprinzenstraße 62 a. Ort und Zeit der Tagung wird noch angegeben. Sterbefall. Vergangenen Sonntag ist in Berlin der bekannte jüdische Verleger Jakob Seid mann jäh aus dem Leben geschieden. Seidmann, der seit Jahren im jüdischen Buchwesen tätig und ein großer Liebhaber der jüdischen Literatur war, erfreute sich großer Beliebtheit auch in Berliner zionistischen Kreisen, in denen die Nachricht von seinem Ableben große Bestürzung hervorrief. Seidmanns Frau ist die bekannte IIlustratorin Tom Freud.

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