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Jüdische Rundschau · 1929-10-18 · Heft 82 (18.10.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 82 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 82, 18. X. 1029 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 547 Wahre und falsche Judenemanzipation Eine Abrechnung mit den Protest •IsraeUten Mittwoch, den 16. Oktober, fand in den Spichernsälen eine von der B. Z. V, einberufene, von Dr. Werner Bloch geleitete Versammlung statt, in der Dr. Siegfried K a n 0 w i t z, Dr. Al* fred Klee und Dr. Nahum Ooldraann zur ״Erklärung der deutschen Juden“ Stellung nahmen, die als Annonce in den führenden demokratischen Zeitungen Deutschlands erschienen waren. Dr. Kanowitz behandelte das Thema vom historischen Standpunkte aus und legte dar, daß die Deklaranten nach keiner Richtung hin repräsentativ für das deutsche Judentum gelten können. Das von ihnen veröffentlichte Dokument sei ein Schandfleck, und man schäme sich dieser Juden, deren Handlungsweise einen Rückfall in Zeiten darstelle, die längst überwunden schienen. Ins Jüdische übertragen sind diese Kreise geistesverwandt mit jenen Oruppen, welche gegenwärtig das ״Volksbegehren“ in Deutschland betreiben. In der Deklaration der deutschen Juden fehlt nur noch ein Zuchthausparagraph für jene Menschen, die sich der Jewish Agency angeschlossen haben, um den Paralklismus zwischen Deklaration und Volksbegehren in volles Licht zu rücken. Diese Deklaration ist der letzte verzweifelte Schrei von Menschen, die das Mittelalter nicht überwunden haben. Wir haben Schlimmeres erlebt als dieses Dokument der deutschen Juden und sind nicht entmutigt worden. Von dieser Gesellschaft ist dem Judentum noch kein produktiver Gedanke geschenkt worden. Dieses Dokument trifft uns in unserer jüdisehen Würde; wir schämen uns. Wir müssen durch positive Taten jüdischer Aufbauarbeit eine Gesellschaft zum Schweigen bringen, die «durch ihr Verhalten sich selbst gerichtet hat. Dr. Alfred Klee bedauert, daß er noch unter der Stimmung des Versöhntingstages stehend, gezwungen sei, sich kämpferisch mit den Deklaranten auseinanderzusetzen. Er verliest einen Brief einer e v a ngelischen Kirchengemeinde, welche unter dem Eindruck der Ereignisse in Palästina dem Fonds ״Hilfe durch Aufbau“ eine Spende überweist. In derselben Zeit, in der auch Christen ihr Verständnis für das Große, das von den Juden in Palästina geplant ist, bezeugen, fallen Menschen, die sich noch Juden nennen, diesem Aufbauwerk in den Rücken. Die famose Erklärung der deutschen Juden hatte ursprünglich eine Fassung, in der ausgedrückt war, daß das Streben der Deklaranten der Aufgabe gelte, die Grundsätze der jüdischen Religion in der ganzen Welt verbreitet zu sehen. Dieser Satz ist jedoch in einer Besprechung im ״Kaiserhof“ auf Einspruch eines radikalen Atheisten (Kurt Hiller? — Red.) gestrichen worden. Und diese Leute haben den Mut, als religiöse Gruppe in jüdischen Dingen das Wort ergreifen zu wollen. Klee erklärt, er sei in der Analyse der Unterschriften bis zum Buchstaben N gekommen und habe drei Namen gefunden, deren Nachkommen sich im Wege der Taufe vom Judentum gelöst haben. Ob diese Herrschaften noch berechtigt sind, im Namen des Judentums zu reden, müsse bezweifelt werden. Es gehört doch eine gewisse Aktiv-Legitimation dazu, um im Namen des Judentums auftreten zu dürfen. Mit welchem Rechte erklären die Unterzeichner, das d e u t * sehe Judentum zu vertreten? Unter den Unterzeichnern finden sich Personen, die entweder selbst aus L o d z oder deren Eltern aus dem Osten zugewandert sind. Dr. Klee müsse nicht erst betonen, daß das ihm fern liegt, in j ü d i s c h e n Dingen zwischen Ost- und Westjudentum zu unterscheiden, aber als deutscher Jude müsse man es sich doch verbitten, von Menschen aus Lodz Lektionen in Deutschtum entgegenzunehmen. (Heiterkeit.) Wer sind die Unterzeichner? Die eine Gruppe sind na ioraldeutsche Führer, wenn man überhaupt bei diesem Häufchen von Führern reden kann. Denn zum Begriffe Führer gehören ja auch Geführte. Die zweite Gruppe sind Reform־! srae- Uten, Sonntagsjuden, die weder die mündliche noch die schriftliehe Lehre anerkennen. Und diese Gesellschaft, deren Kinder getauft sind, die ein belangloses Grüppchen darstellen, aus dem Osten zugewandert sind, bzw. eine völlig unjüdische Sekte bilden, nehmen sich heraus, die große Mehrheit der deutschen Juden in Judentum und Deutschtum belehren zu wollen. Vor einer Reihe von Jahren haben wir auch eine Protestkundgebung deutscher Juden erlebt (die Aktion der ״Protest-Rabbiner“ — Red.). Auch jene Erklärung war gegen uns, aber sie trug die Namen der Repräsentanten des deutschen Judentums. Heute ist es Gott sei Dank anders. Die letzte Erklärung kann keinen einzigen wirklich repräsentativen jüdischen Namen aufweisen. Es sind ״Gladiatoren“, denn als Morituri beugen sie ihr Haupt unter das kaudinische Joch der nur Negativen. Bei den Unter- Zeichnern herrscht schon jetzt ein großer Katzenjammer. Einige der Unterzeichner haben die Deklaration vor der Unterzeichnung überhaupt nicht gelesen. Wenn die Deklaranten Feingefülil besessen hätten, so würden sie in der Zeit, da die Ereignisse in Palästina noch nicht liquidiert sind, achtungsvoll geschwiegen haben. Wir werden uns daran erinnern, wenn wir im nächsten Jahre in Berlin zu den Wahlen in die Jüdische Gemeinde und in den Landesverband preußischer Gemeinden schreiten werden. Diese Deklaration hat einen Auftakt in der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ gehabt. In dieser Zeitung wird in einem Artikel ״Kanonenfutter“ Bezug genommen auf einen Passus, den der Redner, Klee, in einer früheren Versammlung gebraucht hatte, und in der er ausführte, daß man durch die Ereignisse in Palästina im tiefsten getroffen sei, aber unter dem Gesichtspunkte der jüdischen Geschichte, in der Tatsache, daß Juden für ihre Freiheit gestorben sind, kein niederschmetterndes nationales Unglück erblicken könne. Die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ verlangt, daß die Juden auf die Arbeit in Palästina verachten, weil sie bei dieser Arbeit auf Widerstände stoßen und weil ihne Anwesenheit manchen arabischen Kreisen nicht genehm ist. Nun hat es vor einigen Jahren in Beuthen einen Pogrom, glücklicherweise ohne Menschenopfer und in Berlin pogromähnliche Ereignisse gegeben, weil die Anwesenheit von Juden in diesen Städten die Antisemiten gereizt hat. Will etwa die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ daraus den Schluß ziehen, daß die Juden, obwohl sie deutsche Staatsbürger sind, Beuthen und Berlin verlassen? Wir sind in Palästina auf Grund unseres historischen und auf Grund des Völkerrechtes, der Balfour- Deklaration und des Palästina-Mandats. Wenn wir Widerstände finden, so haben wir das Recht, unser Recht zu vertreten, und wir wollen das mit friedlichen Mitteln tun. Wir wünschen den Frieden mit den Arabern, mit denen zusammen wir einmal in Spanien eine der kulturell bedeutsamsten Epochen der Menschheit geschaffen haben. Am Schlüsse seiner Ausführungen zitierte Dr. Klee Aussprüche der Teilnehmer an der Beratung im ״Kaiserhof“, in der die Deklaration beschlossen wurde. Einer der Redner erklärte dort, daß die Juden in Palästina eigentlich eines viel sanfteren Todes gestorben seien, als wenn sie im Gaskrieg umgekommen wären, ein zweiter Redner sagte, daß ihn die Ereignisse in Palästina gar nichts angehen. Was soll man zu solchen Anschauungen sagen? Theodor Herzl vergleicht einmal seine Arbeit, die Juden im Zionismus zu sammeln, mit der eines Küchenunteroffiziers, in seine Schürze grüne Bohnen zusammenzulesen. Trotz größter Sorgfalt fallen doch einige grüne Bohnen daneben. Was soll man mit diesen Bohnen tun? Wegfegen. Was sollen die Juden mit den Unterzeichnern der famosen Deklaration machen? Beiseitefegen. (Stürmischer Beifall.) Dr. Nahum Goldmann versuchte, die Psychologie dieser Gruppe zu erklären, die vom jüdischen Standpunkte aus nicht als Subjekt jüdischer Aktionen, sondern nur als Objekt jüdischer Betrachtung ln Frage komme. Sie sind keine Machtfaktoren im Gesamtjudentum und auch nicht im deutschen Judentum. Sie haben nur eine Bedeutung als Studien objekte. Eine derartige Deklaration war,nur in Deutschland möglich. Wese Einzigkeit ist ein inter* essautes Phänomen, das nur mit den Mitteln der Pathologie zu begreifen sei. Keiner dieser Herren wird z. B. in seiner Berufsgruppe sich zu einer derartigen Handlung hergeben. Diese Deklaration ist eine Verletzung der primitivsten moralischen Regeln, eine Verletzung der primitivsten Taktregeln und eine Geschmacklosigkeit sondergleichen. Sie ist schließlich auch eine Verletzung der primitivsten Klugheit. Das Groteske ist, daß diese Herren, die im Namen der Emanzipation sprechen, die einzigen sind, die noch im Ghetto stecken. Emanzipation ist nur primär eine politische Angelegenheit. Zur Emanzipation gehört auch ein bestimmtes Emanzipations-Erlebnis und ein Emanzipations-Bewußtsein. Seit 30 Jahren führen wir den Kampf um die wahre Emanzipation. Die Unterzeichner haben nie erlebt, was Emanzipation ist. Sie haben es nicht als Juden und nicht als Menschen erlebt. Der Sinn der Deklaration ist die Erklärung, daß der Zionismus die Emanzipation stört. Damit haben sich die Unterzeichner in das Ghetto versetzt. Sie laben auch als Glieder der deutschen Gemeinschaft nie begriffen, was Emanzipation ist. Das Ganze ist ein Rückfall in die schlimmste Zeit des Vorkrieges, da man von Staatswegen Gerinnungen vorschrieb. Zwischen dieser Deklaration und der antizionistischen Stellungnahme mancher Demokraten besteht ein kausaler Zusammenhang. Der weltanschauliche Kampf um die echte Emanzipation ist in Deutschland nicht nur gegen Hitler, sondern auch gegen gewisse demokratische Kreise zu führen. Wir sind nicht nur jüdisch die Fortgeschritteneren, sondern auch europäisch die in die Zukunft Weisenden. Welche Mittel haben wir, um diese letzten Reste des Ghettos zu beseitigen? Ein provisorisches, die Brandmarkung. Hinsichtlich dieser Kreise gibt es für uns nur eins: Distanzierung. Das zweite eigentliche Mittel ist die Verwirklichung Palästinas als Tatsache im jüdischen Leben. Wenn 300 000 bis 400000 y Juden in Palästina leben werden, dann wird niemand mehr den Mut haben, solche Deklarationen zu verfassen. Als die Unruhen in Palästina ausbrachen, waren wir auf verschiedene Schwierigkeiten und Aktionen gefaßt. Diesen peinlichen Epilog haben wir nicht erwartet (Stürmischer Beifall.) * Am 12. Oktober nahm Rabbiner Dr. Weisse (Berlin) im ,,Hamburger Israelitischen Famiüenblatt“ in maßvollen Worten Stellung gegen die ״Erklärung deutscher Juden“. In der Nummer vom 17. d. M. ist ein offener Brief des Kammergerichtsrats Wolf! an Rabbiner Weisse namens der Unterzeichner des Aufrufes gerichtet, worin die Erklärung zu rechtfertigen versucht wird. Zu diesem Briefe bemerkt die Redaktion des ״Israelitischen Familienblattes“ in einem Nachwort: ״Mit solchen Erklärungen sollte endlich Schluß gemacht werden. Für die allgemein jüdische Oeffentlichkeit spielt lediglich die Tatsache eine Rolle, daß hier ein Teil der deutschen Judenheit von einem anderen Teil in der nichtjüdischen Oeffentlichkeit angegriffen worden ist. Das, ist der Kernpunkt . . . Wir möchten den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß diese ,Erklärung deutscher Juden‘ die letzte ihrer Art sei . .“ In der Nummer vom 10. Oktober beschäftigt sich der Frankfurter ״Israelit“ gleichfalls mit der ״Erklärung der deutsehen Juden“. Er schreibt u. a.: ״Die Geschmacklosigkeit (der Erklärung, Red.) wird zu einer in der jüdischen Geschichte fast einzig dastehenden Lieblosigkeit Und Lieblosigkeit führt immer zur objektiven Verdrehung und Fälschung der Tatsachen.“ Wir erhalten ferner Kenntnis von nachstehendem interessanten Brief: Frankfurt a. M., den 16. Okt. 1929. An den ersten Vorsitzenden des ״Verbandes der jüdisehen Jugendvereine Deutschlands“, Herrn Rabbiner Dr. Hugo Hahn, Essen. Lieber Verbandsfreund! Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands ist bereits vor acht Jahren die erste große nichtzionistische Organisation Deutschlands gewesen, die sich begeistert für den Palästina-Gedanken eingesetzt hat; und dies zu einer Zeit, wo er noch nicht so populär war, wie heute. Getreu dieser heute schon traditionellen Palästina-Freundschaft und getreu dem Statut, das dem Verband vorschreibt, in ״gesamtjüdischem Denken und Wollen“ zu arbeiten, sind Sie, lieber Verbandsfreund, und zwei weitere Mitglieder der Verbandsleitung dem Initiativ- Komitee zur Erweiterung der Jewish Agency beigetreten, ein Schrittt, der im Lande wohl einmütige Zustimmung gefunden hat. Darüber hinaus aber hat die Verbandsleitung in den fetzten Wochen unter dem Eindruck der Vorgänge in Erez-Israel — die Aufforderung an unsere Freunde ergehen lassen, einen Hain der jüdischen Jugendvereine, im Einsteinwald des Keren Kajemeth Lejisrael zu pflanzen. Wir sind überzeugt, daß diese Aufforderung die nahezu einhellige Zustimmung aller Verbandsfreunde findet Indem wir dies alles feststellen, müssen wir unserer tiefen Beschämung darüber Ausdruck geben, daß es möglich war. daß, sich unter jener würdelosen ״Erklärung deutscher Juden“, die jüngst in Tageszeitungen veröffentlicht wurde, auch einige wenige Namen von Mitgliedern unseres Verbandes fanden, in der Ueberzeugung, daß diese Mitglieder hierdurch gröblich gegen Grundsätze, Geist und Arbeit unseres Verbandes verstoßen haben, richten wir an Sie, lieber Verbandsfreund, hiermit die Aufforderung, diesen Mitgliedern die Mißbilligung der Verbandsleitung in geeigneter Weise zum Ausdruck zu bringen. Die Unterzeichneten, von denen der eine tätig auf dem Boden des Zentral-Vereins steht, der andere aktiver Zionist ist, die sich stets für das Aufbauwerk, und nicht nur mit Worten, eingesetzt haben, die in jahrelanger gemeinsamer lokaler und überlokaler Arbeit im Interesse unseres Verbandes verbunden sind, stellen ferner den Antrag: Der Verband möge, über die bisherige Aufforderung an seine Mitglieder zu frei- Unsere Sukka Von Meier Chartiner. Seit wir im Dorfe wohnen, haben wir nie eine eigene Sukka gehabt und am Sukkothfest haben wir uns immer fremden Leuten anhängen müssen. Fremde Leute sind aber ungefällig, insbesondere bei Tisch. Erlaubt man sich einen guten Bissen — wird man beneidet; hat man ein bescheidenes Mahl — wird man verachtet. Der einzige Ausweg ist, sagt der Vater, eine eigene Sukka zii machen. Der liebe Vater hat leicht Pläne machen. Unsere Sukka müßten wir in unserem gemieteten Hofraum aufstellen. Und C r schwarze Petro, unser Hauswirt, ist ein schlechter hartnackiger ״Bauer“. Er kann es nicht erlauben, sagt er, daß man aus seinem Hof eine Judenschul macht. Er sei einmal am jüdisehen Hütten fest vor der Hütte des Rabbiners, im benachbarten Städtchen vorbeigefahren. Was war da für ein Lärm, har-har, har-har, ״vielleicht hundert Juden“, und dann ein Händeklatsehen und ein Singen, oj waj, tidli botn! Die Juden haben dort eine ״Schul“ gemacht. Petro wird in seinem Hause so was nicht erlauben. Diplomatische Verhandlungen begannen. Ein rundes Jahr und ein harter Bauer. Ja, was wird denn ״Väterchen“ (der Pfarrer) dazu sagen? Schon jetzt ist er auf den armen Petro nicht gut zu sprechen. Im Herbst, beim Rundgang durch das Dort, meidet er sein Haus, nimmt von ihm nichts an. Warum? Weil Petro einen Teil seines Hauses einem Juden vermietet hat. Jetzt wird man sagen, daß Petro schon ganz Jude geworden ist. ־- Nein, Panie Chajimku! ... Wir wissen, daß alles eitel Lüge ist. Der schwarze Petro ist ein bekannter Dieb, und durch Diebereien ist er reich geworden. Den Knechten unseres Pfarrers hat er jahrelang gestohlenes Out abgekauft, bis er ertappt wurde und ins Zuchthaus kam. Daher auch das getrübte Verhältnis zu unserem Dorfpfarrer. Wenn aber Petro ״nein!“ sagt, da kann nur ein Wunder helfen. Das alte, erprobte, jüdische Wundermittel: Draufzahlen! Petro bekam die Miete fürs nächste Jahr mit einer Draufgabe vorausbezahit, eine alte Schuld wurde aufgeschoben, d. h. aufgehoben, und der ״Branntwein“ ergoß sich in starken Strömen. Im Wirtshaus gab Petro eine öffentliche Erklärung ab. Von da an begannen wir Kinder für unsere Sukka eine neue Aera zu zählen. Schön wäre eine Sukka am Fenster, so wie es die Reichen machen. Man öffnet das Fenster und gibt die Speisen brühwarm in die Sukka. ... Da legt Petro schon scharfen Protest ein. Vor dem Fenster? An der Straßenseite? Muß alle Welt wissen, daß bei ihm ein Jude wohnt? — Aber, lieber, teuerer Petro!. .. Petro will von nichts wissen. Genug, wenn er den Hof, zur Gartenseite hin, verjuden läßt. Und so blieb es. Jetzt muß man endlich mit dem Aufbau beginnen. Baumaterial? Bretter? Hat ein Jud Bretter; außer die vier letzten, oder wenn er zufällig damit handelt? Wir Kinder waren naiv genug, den schwarzen Petro um Baumaterial anzugehen. Der arme Vater hat dazu bloß wehmütig geiächelt . . . — Eine Wand, Kinder, haben wir schon, Gott sei Dank! — Er zeigte auf die Wand des Hauses, an die man die Sukka anfügen wird. Es waren aber noch drei Wände nötig. In den weichen Boden des Hofes ritzte nun der Vater ein großes ״Cheth“ ein, daß mit seinen Füßen die Wand berührte, und in seinen äußeren Winkeln senkte er zwei alte Balken ein, die er einmal bei einem Nachbarn als ״Mezi’e“ gekauft hatte, zwei ״Säulen“, wie vor dem Tempel zu Jerusalem. . . Was jetzt kam, war ein Meisterstück. Das ehrwürdige, ״gekascherte“ Tischblatt für Peßach, groß und schwerfällig, mußte sich vom dunklen Boden herunterbemühen, nachdem es aut dem Wege fast alle Ostergefäße demoliert hatte, und es stellte sich gehorsamst auf seinen Posten an der Wand, mit fester Schnur angebunden. Zwischen dem ehrwürdigen Tischblatt und einer ״Säule“ war jedoch eine Bresche, die man ausfüllen mußte. Da nahm die Mutter alle Knoblauch-, Zwiebel- und Maiskolbenkränze von den zwei Stangen herunter, die im Hausflur hingen, brachte zu den zwei Stangen noch die zwei Strohmatten, die zwischen Bett und Wand sonst die Rolle von Wandteppichen spielten, und der Vater verarbeitete das alles kunstvoll in die klaffende Bresche hinein . . . Und es war Abend und es war Morgen — eine Wand! Und nun? . . . Nichts mehr eigenes. Unsere Nachbarn? Mögen sie auf keinen grünen Zweig kommen! Nicht einen Nagel wollen sie herborgen. Petro —, teuerer, o hilf doch! Und Petro ist manchmal auch ein guter Kerl. Was das gekostet, wird man natürlich niemals erfahren. Aber diese dritte Wand hat wirklich Petro gemacht . . . Verschiedenes Flechtwerk, Wagenseiten, Stangen, Stricke und die gewaltig schwere, lange, schwarze Diele aus der Krippe, in ihrer ganzen Höhe die Sukka doppelt überragend, wie Petro selbst, drohend . .. Also ward die dritte Wand. Eigentlich, nach dem Gesetz, muß keine vierte Wand da sein. Den Raum der vierten Wand kann man schlechtweg als ״Türöffnung“ erklären, und die Sukka ist koscher . . . Allein den Forderungen der Menschen muß man eher gerecht werden als denen des Himmels. Wie lächerlich würde so eine jüdische Sukka aussehen! Sogar der Bauer würde sie aus* lachen. Schon haben wir heute Erew Jontew. Und zugleich auch Erew Schabbes. Und überdies — eine Spätsommerhitze, nicht zum ertragen. Der Vater war schon heute bei allen Nachbarn, Er kam mit Schweiß und Schaum bedeckt zurück. . . Petro hat nicht, oder vielleicht will er nicht. Er ist heute total betrunken; ihn anzusprechen ist lebensgefährlich... Kommt die dicke Chane-Malke herangewackelt, will bei der Mutter ein wenig gemahlenen Zimt zu Jontewzwecken borgen. Ein ungebildetes Weib, schaut sich unsere Sukka an und lacht. Rrrr... Reb Chajim, was werdet ihr in dieses große Loch hineinstelien? Eine Kuh werden wir da hineinsteilen! — lautete die bissige Antwort. Der Vater hatte dabei an eine gewisse Gemara in Traktat Sukka gedacht. Die dicke Chane-Malke hat aber von der Gemara nichts gewußt. Nachmittag entschloß sich der Vater, zum — Dorfpfarrer zu gehen, ohne Hoffnung, ohne Glauben. Bald kehrte er treudestrahlend zurück, hinter ihm her schleppten zwei Knechte ein breites Tor, daran auch eine Tür, eine echte Tür auf Angeln, sogar ein Schloß an der Tür. Der Vater trägt dazu noch ein Fenster, als Oberlicht zur Tür. Auch den Türschlüssel trägt er. ״Die Gojim verlängern wirklich das Golus!....“ Um die Abendzeit jedoch begann sich der Himmel zu trüben und die Sonne verzog sich ins Gewölk. Womit bedecken wir nur unsere Sukka? Rohr, Schilf, Maisstauden — nichts ist da. Der schwarze Petro ist inzwischen ernüchtert, kommt heran und sieht sich die Gabe des Pfarrers an — und wird seelengut. Zwei Bünde guten, geraden Strohs, einige Haselnußstangen zu Dachträgern und eine ungemein lange Leiter von einem Bauernwagen, um das leichte Sukkadach zu beschweren. Alles unentgeltlich! Möge ״Väterchen“ wissen, daß Petro für heilige Sachen kein Geld nimmt... Der Vater steht oben und legt auf die Sukka mehr Stroh, als die Vorschrift zuläßt Der Himmel wird schwarz und schwärzer.

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