Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1929-10-18 · Heft 82 (18.10.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 82 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653062-2653136--21106-2679164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 546 JU EDI SCH E RUNDSCH AU Nr. 82, 18. X. 1929 nicht meine Absicht hier ein Bild des jüdischen Martyriums der Weltgeschichte zu zeichnen, dessen tiefster Grund die Heimatlosigkeit der Juden war. Selbst heute noch gibt es in der ganzen Welt eine Intensität jüdischen Leidens, von dem die öffentliche Meinung des zivilisierten Westens selten ein zusammenhängendes Bild erhält In ganz Osteuropa ist die Gefahr des persönlichen Angriffs auf den einzelnen Juden eine ständige. An die Stelle der erniedrigenden Zurücksetzungen der alten Zeit sind wirtschaftliche Beschränkungen getreten, während andererseits zurücksetzende Maßnahmen auf kulturellem Gebiet, wie der Numerus Clausus an den Universitäten, den Juden in der Sphäre des geistigen Lebens unterdrücken wollen. Ich glaube, es ist nicht' nötig, heute noch darauf hinzuweisen, daß es auch im Westen ein Judenproblem gibt. Wieviele Nichtjüden haben einen Einblick in das seelische Leid und die seefische Verkrüppelung, die Erniedrigung und seelische Zerrüttung, die durch die bioSe Tatsache der Heimatlosigkeit eines begabten und empfindlichen Volkes hervorgerufen wird? Wieviel schöpferische Energie wird durch den Mangel jener Organe eines normalen nationalen Ausdrucksvermögens vernichtet, die sich nur in einer erdgebundenen Kultur entwickeln können. Wieviele der oft belachten Mängel des heutigen Juden können auf die ständige Notwendigkeit übermäßiger psychologischer Anpassung zurückgeführt werden? Was all diesen Erscheinungen zugrunde liegt, ist die von den ersten Zionisten mit tiefer Intuition erfaßte Erkenntnis, daß die Judenfrage nicht durch die Assimilation des einzelnen Juden an seine Umgebung gelöst werden kann. Ke jüdische Eigenart ist eine zu starke, als daß sie sich durch eine solche Assimilation verwischen ließe, und eine zu bewußte, als daß sie sich hierzu bereit fände. Es ist natürlich klar, daß es nie möglich sein wird, in Palästina mehr als eine Minorität der Juden anzusiedeln. Aber seit langem ist es die tiefe Ueberzeugung derjenigen, die sich objektiv mit dem Problem befaßt haben, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, daß die Schaffung einer Nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina die Stellung und die Würde der in ihren Heimatländern verbleibenden heben und dadurch auch eine wesentliche Besserung in dem allgemeinen Verhältnis von Juden und Nichtjtiden herbeiführen wird. Der Zionismus wurzelt aber in einem noch tieferen Motiv als der Judennot Er wurzelt in einer jüdischen geistigen Tradition, deren Erhaltung und Fortbildung für die Juden der Sinn ihres Fortbestehens als Gemeinschaft ist. In der Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in seiner alten Heimat wo jüdische Geisteswerte wieder in einer jüdischen Atmosphäre würden fortentwickelt werden, sehen die bewußtesten Vertreter der jüdischen Eigenart eine wesentliche Vorbedingung für die Regeneration der jüdischen Gemeinschaft und die Befreiung ihrer geistigen Schöpferkraft In diesen Tendenzen und Bestrebungen wurzelt das jüdisehe Aufbauwerk in Palästina. Der Zionismus ist keine chauvinistische Bewegung, er entspringt keinem ״sacro egoismo". Ich bin überzeugt, daß die große Mehrzahl der Juden eine Bewegung von derartigem Charakter nicht unterstützen würden. Der Zionismus will auch niemanden in Palästina irgendwelcher Rechte oder irgendwelchen Besitzes berauben. Im Gegenteil, wir sind davon überzeugt, daß wir im- Sünde sein werden, mit den uns stammesverwandten Arabern ein freundschaftlichesundsehöpferisches Zu« sammenleben herbeizuführen, das materiell und geistig beiden Teilen der Bevölkerung des Landes zum Segen gereichen wird. Während des ganzen jüdischen Kolonisations- Werkes ist kein einziger Araber seines Besitzes beraubt worden; für jedes Stück Boden, das Juden erworben haben, ist der von Käufer und Verkäufer vereinbarte Preis gezahlt worden. Jeder Besucher des Landes hat Zeugnis abgelegt für die außerordentliche Hebung des wirtschaftlichen und sanitären Lebens- Standards der arabischen Bevölkerung, den die jüdische Kolonisation herbeigeführt hat Im ganzen Lande haben sich freundschaftliche Beziehungen zwischen den jüdischen Siedlungen und den benachbarten arabischen Dörfern entwickelt In den Oewerkschaften der palästinensischen Eisenbahner haben sich jüdische und arairische Arbeiter vereinigt, und der Lebensstandard der letzteren hat sich dadurch gehoben. In der großen Bibliothek der hebräischen Universität kann man arabische Gelehrte bei der Arbeit finden, während andererseits das Studium der arabischen Sprache und Kultur einen der Hauptlehrgegenstände der Hebräischen Universität bildet. An den am Jüdischen Technischen Institut In Haifa abgehaltenen Abendkursen haben sich arabische Arbeiter beteiligt. Die Landesbevölkerung hat in wachsendem Maße die Vorteile wirtschaftlicher, sanitärer und geistiger Natur erkannt, welche das jüdische Aufbauwerk dem Lande und allen seinen Einwohnern bringt. Einer der trostreichsten Züge der gegenwärtigen Krise waren die Berichte von den Fällen, in denen Araber ihre jüdischen Mitbürger gegen die Angriffe des verhetzten unwissenden Mobs beschützten. Die zionistische Bewegung ist im Namen ihrer höheren Ziele und auf Grund der ihr in feierlichster Form von der Kulturmenschheit zugesagten Unterstützung berechtigt zu fordem, daß ihr beispielloses Aufbauwerk, das sie in einem Lande durchführt, das zum großen Teil noch brach liegt und das, wenn es mit intensiven Methoden, wie die Juden sie angewandt haben, bearbeitet wird, Raum für die Ansiedlung von hunderttausenden neuen Siedlern ohne jede Schädigung der einheimischen Bevölkerung bietet, daß dieses Werk nieüt von einer kleinen CKque von Agitatoren durchkreuzt wird, selbst wenn sie den Mantel moslemischer Geistlichkeit tragen. Ist sich die englische öffentliehe Meinung der Tatsache bewußt, daß der Großmufti von Jerusalem, der im Mittelpunkt der ganzen Unruhen steht und so laut im Namen aller Mohammedaner spricht, ein junger, politischer Abenteurer von, ich höre, nicht vie! mehr als 30 Jahren ist, der im Jahre 1920 wegen seiner Mitschuld an den. damaligen Unruhen zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt und später unter einer Amnestie begnadigt wurde? Von der Geistesart dieses Mannes mag man sich aus der Tatsache ein Bild machen, daß er in einem Icürzlichen Interview ausgerechnet mich anklagte, den Wiederaufbau des Tempels an der Stelle der Omar-Moschee gefordert zu haben. Kann es gedultet werden, daß In einem Lande, wo der Fanatismus der Unwissenden so leicht von politischen Hetzern zu Raub und Mord aufgehetzt werden kann, ein so unverantwortlicher und Skrupelloser Politiker die Möglichkeit hat, seinen schlimmen Einfluß weiter auszuüben, umgeben von all der geistlichen Würde der Religion und ausgestattet mit all der weltlichen Macht, die diese im Orient in sich schließt? Ke Verwirklichung der großen Aufgaben des Palästina- Mandates hängt in sehr hohem Maße von der öffentlichen MeiiBung Englands, seiner Presse und seinen Staatsmännern ab. Pas jüdische Volk bat das Recht zu erwarten, daß sein Ede־ denswerk die tätige und wohlwolende Unter- Stützung der Mandatarmacht erfahre. Es hat das Recht zu verlangen, daß die an den kürzlichen Unruhen schuldig Befundenen in gebührender Weise bestraft und daß die Männer, in deren Hände die Verantwortung für die Verwaltung eines Landes von so einzigartiger Vergangenheit und so einzigartigen Zukunftsmöglichkeiten gelegt ist, so instruiert werden, daß der große Auftrag, den die Kulturmenschheit der Mandatarmacht anvertraut hat, mit Mut und Weitblick in die tägliche Praxis der laufenden Verwaltung umgesetzt wird. Ke Juden wollen nicht unter dem Schutz englischer Bajonette im Lande ihrer Väter wohnen. Sie kommen als Freunde des stammesverwandten arabischen Volkes. Was sie von England erwarten, Ist, daß es das Wachstum freundschaftlicher Beziehungen zwischen Juden und Arabern fördere, daß es keine vergiftete Propaganda dulde und daß es Organe des Schutzes im Lande schaffe, die das Leben und die friedliche Arbeit hinreichend sichern. Die Juden werden das Werk des Wiederaufbaus Palästinas, das sie unternommen haben, nie wieder aufgeben. Ke Reaktion aller Juden, gleichviel ob Zionisten oder Nichtzionisten, auf die Ereignisse der letzten Wochen, hat dies deutlich genug gezeigt. Die Durchführung des Werkes aber kann durch die Mandatarmacht bedeutend gefördert aber auch bedeutend gehemmt werden. Es ist von grundlegender Bedeutung, daß die englische öffentliche Meinung und die Regierungen Engiands und Palästinas sich diesem großen Werk verpflichtet fühlen, nicht deswegen, well England einmal diese VeTantwortung in juridischer Form auf sich genommen hat, sondern weil man von dem Sinn und dem Wert dieser Verpflichtung tief überzeugt ist und daran glaubt, daß ihre Erfüllung den Fortschritt und den Frieden der Menschheit zu fördern und ein großes historisches Unrecht gutzumachen bestimmt ist. Ich bin nicht gewillt zu glauben, daß die größte Kolonialmacht der Welt versagen sollte, wenn es gilt, ihre einzigartigen koionisatorischen Erfahrungen in den Dieiist des Wiederaufbaus der alten Heimstätte des Volkes der Bibel zu stellen. Mag die Aufgabe für die Mandatarmacht auch keine leichte sein, für den Erfolg, den sie erringt, darf sie der unvergänglichen Dankbarkeit nicht nur der Juden, sondern der Edelsten der ganzen Menschheit versichert sein. A. Einstein. * ,,Manchester Guardian“ nimmt zu Einsteins Brief in einem sehr warmen und zustimmenden Leitartikel Stellung, auf den wir noch zurückkommen werden. Dos Luke-Interview Wir haben bereits auf das angebliche Interview des Journalisten Pierre van Paasen mit dem_ Chefsekretär der Palästinaregierung Luke hingewiesen, das in einem Teil der deutschen Presse in einer offensichtlich entstellten Form als Telegramm aus Beinith verbreitet worden ist. Dieser Text legt dem Chefsekretär die Worte in den Mund: ״Die Araber haben ganz recht.“ Daß dieser Text jjefälscht sein mußte, lag auf der Hand. Wir haben in Nummer 78/79 dann ein« Zusammenfassung 4er Aeußerung wiedergegeben, soweit sie uns im englischen Wortlaut der JTA vorlag. Nach dieser Version hätte Luke in dem Gespräch sich bemüht, den Standpunkt der Araber und ihre Furcht vor dem jüdischen Vordringen zu erklären. Das Interview hat begreiflich in der ganzen Welt, insbesondere auch in Palästina, erhebliches Aufsehen verursacht. Nunmehr veröffentlicht die Palästinaregierong ein Dementi, in dem es u. a. heißt: Tatsächlich ist kein solches Interview gewährt worden. Der Chief Secretary hat Herrn van Paasen die üblichen Erleichterungen und Auskünfte gewährt, die ausländische Korrespondenten von der Regierung zu erhalten pflegen. Die Bemerkungen, die Mr. Luke zugeschrieben weiden, sind in einzelnen Punkten erfunden und im allgemeinen eine falsche Darstellung des wesentlichen Inhalts der Unterhaltung. Der Bericht ist durch seine Erfindungen und die willkürliche Betonung einzelner Stellen vollständig Irreführend. Der Journalist van Paasen veröffentlicht auf das Dementi der Regierung׳ einen Brief an das ״Palestine Bulletin'‘, in dem er energisch bestreitet, daß er die Unterhaltung mit dem Chief Secretary unrichtig wiedergegeben habe. Er stellt demgegenüber noch einmal mit allem Nachdruck fest, daß seine Ausführungen inhaltlich und formell in vollkommener Uebereinstimmung mit den Worten des Chief Secretary ständen. Ke Wahrheit dürfte, wie meist in solchen Fällen, in der Mitte liegen. Wie immer dem sein mag, das Eine muß jedem, dem das Land Palästina und die Sache des jüdischen Nationalheims teuer ist, klar sein: Daß es für alle Beteiligten besser wäre, wenn das Land weniger das Beutefeld geschäftiger, nach Sensationen um jeden Preis jagender ״Sonderkorrespondenten" wäre, die das arme ruhebedürftige Land heute überschwemmen. Durch die dauernde Ueberreizung aller Leidenschaften und Uebertreibungen werden alle sachlichen Entwimmgsversuche nur gefährdet. * Das englische Bulletin der JTA veröffentlicht auf mehrfache Anfragen eine Erklärung, daß die JTA (Jewish Telegraphic Agency, der auch das ״Palestine Bulletin“ gehört) eine rein private journalistische Unternehmung und keine offizielle Nachrichtenagentur der Zionistischen Organisation oder irgendeiner anderen Körperschaft ist. line englische Wochenschrift der Palästina-Exekntive Die Zionistische Exekutive hat, wie offiziell mitgeteilt wird, die in Jerusalem in englischer Sprache erscheinende Wochenschrlft ״Palestine Weefcly“, die bisher von Ithamar Ben Avi redigiert worden ist, erworben. Die Zeitung wird von jetzt ab unter der Kontrolle der Exekutive herausgegeben werden. Es ist sehr zu begrüßen, daß auf diese Weise die Zionistisehe Exekutive ein auch den Europäern zugängliches Sprachrohr in Palästina erhält, nachdem die Araber mit der englisehen Wochenausgabe von ״Falastin“ vorausgegangen sind. Die Paiestine Jewish Colonisation Association (PICA) hat Maßnahmen zur Ansiedlung von 15 früheren Legionären in der Kolonie R a b 1 a h getroffen. Der arabisdie Proteststreik Wie der ITA. unterm 17. d. M. aus Jerusalem telegraphiert wird, ist der für Mittwoch, den 16. d. M., angesagte arabische Proteststreik in Palästina teilweise durchgeftthrt worden und vollständig ruhig and ohne Zwischenfalle verlaufen. Der größte Teil der arabischen Geschäfte fn Jerusalem war geschlossen. Die arabischen Beamten haben gearbeitet. Ueber die Vorgeschichte des Streiks liegen folgende Meldüngen vor: Jerusalem, 15. Oktober. (J. T. A.) Ke Exekutive des arabischen Kongresses hat beschlossen, den für Montag, den 14. Oktober, angesagten Streik zum Proteste gegen die neuen Bestimmungen des Oberkommlssars für jüdische Gottesdienstliche Handlungen an der Klagemauer auf Mittwoch, den 16. Oktober, zu verschieben. Ke Regierung war bemüht, ihren Einfluß auf die arabischen Führer dahin geltend zu machen, daß die Streikparole zurückgezogen werde. Diese Verhandhingen haben zu keinem Resultat geführt. Heute erschien eine Abordnung der arabischen Exekutive, bestehend aus dem Präsidenten Musa Kazim Pascha und den drei Sekretären Jemal Hussein!, Maug Hanem und Abdul Hadi beim Oberkommissar Sir John Chancellor und ersuchte ihn, die Verfügungen bezüglich der Schließung des neuen Tores an der Klagemauer während der jüdischen Gottesdienste und das Verbot des Durchgangsverkehrs an der Mauer an Sonnabenden und jüdischen Feiertagen zurückzuziehen, wodann die Streikparole zurückgerufen wird. Als Chancellor erklärte, die neuen Verfügungen würden solange in Kraft bleiben, bis die Sonderkommission für die Heiligen Stätten eine neue Formel für die Beilegung des Klagemauerstreites gefunden haben wird, erklärte die arabische Abordnung, nu*• mehr an der Streikparole festhalten zu wollen. Die Exekutive beschloß, die Rechtsanwälte aufzufordern, trotz des Streiks die Verteidigung der zahlreichen arabischen Angeklagten fortzuführen, so daß anzunehmen ist, daß die Prozesse keine Unterbrechung erfahren werden. Es heißt, daß die Regierungsangesteliten, die Eisenbahn- und Postbeamten sich dem Streik nicht anschließen werden. Die arabische Exekutive hat an die moslemischen Körperschäften in Indien, Irak und Aegypten Telegramme geschickt, in denen diese ersucht werden, die palästinensisehen Moslems in ihrem Kampf um die Klagemauer, die die Juden in eine offene Synagoge umwandein wollen, zu unterstützen. Die arabisdie Exekutive hat in einem Telegramm an die britische Regierung Beschwerde gegen die Politik des Oberkommissars Sir John Chancellor erhoben und Chancellor als einen ungeeigneten Leiter der Palästina-Administration bezeichnet. Die Erregung über die Ermordung eines aus einem Dorfe in der Nähe von Hebron stammenden Arabers am Herodes-Tore in der Nacht zu Montag hat sich gelegt, nachdem drei Araber als die Mörder f e st gen omm en wurden. Es handelt sich offenbar um einen Mord aus politisehen Motiven; der Ermordete hat an der Propaganda gegen die Politik des Groß-Mufti teilgenommen. Der Groß־M«fH sandte ein Telegramm an König Georg, in dem er die Tatsache in Erinnerung bringt, daß vor 13 Jahrhunderten der mohammedanische Kalif Omar alle christlichen Heiligtümer in Palästina schützte, und erklärt: ״Im Namen von Millionen Mohammedanern unterbreite ich hier die mohammedanische Bitte, daß die Schuld der Christenheit beglichen wird, indem die mohammedanischen heiligen Stätten gegen den zionistischen Angriffsgeist geschützt weiden.“ Rösch Haschanah (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) AG Tel-Awiw, den 8. Oktober 1929. In Jerusalem hatte die Regierung für die Feiertage besondere Vorsorge getroffen. Noch am Vorabend des Festes verbreitete sich in Jerusalem und Tel-Awiw ein Gerücht, das auch in die Presse gelangte, daß die Sperrstunde in Jerusalem wieder auf 1/37 Uhr abends festgesetzt werden sollte. Jedoch blieb während der Feiertage die Sperrstunde von 9 Uhr abends bestehen. Für den Gottesdienst an der Klagemauer hatte der Gouverneur von Jerusalem eine Reihe von provisorischen Bestimmungen getroffen. Er verbot, während der Gebetsstunden Tiere an der Mauer vorbeizutreiben, ließ die Tür an der Südseite schließen und ein Verzeichnis der zum Gottesdienst notwendigen Geräte aufstellen. Dieses Verzeichnis wurde ganz genau angelegt und darin angeführt, wo jedes einzelne Gerät hin gestellt werden solle, welche Höhe, Breite und Länge gestattet sei. Eine gewisse Schwierigkeit erhob sich bei der Beleuchtungsfrage, die schon früher zu einer Kontroverse geführt hatte und auch diesmal erst nach einigen Komplikationen gelöst wurde. Die militärische Bewachung der Klagemauer war sehr stark. Offiziere der Polizei und des Militärs besuchten den Platz mehrmals im Laufe der Festtage. Außerdem war ein starker Aeroplandknst eingerichtet. An den Toren der alten Stadt wurden die Passanten auf Waffen durchsucht. Auch bei den Betenden an der Klagemauer wurden zuerst Durchsuchungen angestellt, bis Protest dagegen eingelegt wurde. Der Besuch an der Klagemauer war nicht so stark wie in normalen Zeiten. Ke beiden Tage von Rosch Haschanah gingen in Jerusalem und überhaupt im ganzen Lande ohne Jeden Zwischenfall vorüber. In Tel-Awiw hatte sich eine große Anzahl Gäste aus den umliegenden Kolonien, aus Haifa und besonders aus Jerus&lem zu den Feiertagen eingefunden. Zum Unterschied von anderen Jahren herrschte in der Stadt während der Rosch Haschanah-Tage eine gewisse Stille. Am Mittag des zweiten Tages erschienen plötzlich Anschläge in den Straßen, die die Aufhebung der Sperrstunde verkündigten. Ke wiedergewonnene ״Freiheit“ kam überraschend und erschien wie ein Neujahrsgeschenk. Am Abend spürte man einen starken Umschwung in der Stimmung. Die Straßen, die seit Wochen nach 9 Uhr abends völlig verlassen waren, wimmelten von Menschen, die Kinos waren überfüllt, in den Cafes kein Plätzchen zu finden. Man hörte nach langer Zeit wieder singen, sah eine Horrah tanzen, und fast jedes Hais war erleuchtet und beherbergte Gäste. Tel-Awiw hat diesen ersten Abend seiner Freiheit gründlich ausgenutzt Es ist jedoch die einzige Stadt, in der die Sperre vollständig aufgehoben ist. in Jerusalem und Haifa besteht sie weiter, und die starken Patrouillen überall beweisen, daß die Regierung ihre Wachsamkeit durchaus nicht herabmindert, sondern vielleicht noch verstärkt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.