Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 80-81 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JUEDISCHE RUNDSCHAü Seite 541 Hr. 80/81, 11.1. 1929 Gustav Loesser Die Jüdische Gemeinde za Berlin und besonders die Jttdische Volkspartei hat einen empfindlichen Verlust erlitten. Der Repräsentant Gustav Loesser ist am ersten Tage des Rosch Haachanah-Fesfcea plötzlich und unerwartet gestorben. Loesser war nicht bloß Repräsentant der Gemeinde. Er war ein Repräsentant des lebendigen Judentums im besten Sinne des Worte*. Ein stiller und unermüdlicher Arbeiter ist von uns gegangen. Er war trotz aller seiner Bescheidenheit ein sehr beachteter FtthreT der Juden, namentlich im Osten und Nordosten Berlins. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man sagt, daß Gustav Loessers Freunde und Gefolgschaft um den Prenzlauer Berg herum von ausschlaggebender Bedeutung für die Geltung der Volkspartei in Berlin geworden sind. Vor allem war Loesser einer der Veteranen des Neuen Jüdischen Gemeindevercins, von dem die Entwicklung der Gemeindearbeit zuerst ln dieser Richtung geführt worden ist. Dann aber ist er darüber hinausgewachsen. Loessers Grund׳ Charakter war ein strenges Pflichtbewußtsein gegenüber den übernommenen Aufgaben. Er fühlte sich ״im D i e n s t“. Im Dienst ist er auch gestorben. Bis zuletzt hat er die Arbeit«- pflichten, die ihm sein Amt als Vorsteher der Synagoge Ryke- Straße auferlegte, seine ehrenamtlichen Pflichten in der Chewra Kadiseha und vor allem das Vorsteheramt des Wohlfahrt«- amtes auf dem Prenalauer Berg, peinlich durchgeführt, und er ist mitten aus der Arbeit von hinnen gegangen. Ueberall, wo es auf tatkräftige Hilfe ankam, wo man ein weiches Herz und eine starke hilfreiche Hand mit einem besonderen Zartgefühle verbinden mußte, war Loesser an seiner Stelle. Das warsein ״Dienst“. Er war der Sohn des jüdischen Vorstehers in der westpreußischen Gemeinde Tütz und lange Zeit in führender Stellung der Gemeinde Filehne. Aus echtem Judentume kam er heraus und erzog sein Haus in diesem Sinne. Er verband die innige Anhänglichkeit an die historischen Ideale mit dem festen Willen der Zukunft. Darum hatte er so viel Liebe für Erez- Israel, so viel Hingabe für den Aufbau. So war I.oesser, der unermüdliche stille Arbeiter, eine der festesten Siiulen in der jüdischen Volksparlei. Auch in ihr und für sie in der Gemeinde leistete er dauernd alle Kleinarbeit auf Grund hervorragender Sachkenntnis und mit dem Blicke für das Große. Die allgemeine Verehrung, die er genoß, zeigte sich bei der Beerdigung. Rabbiner Dr. Link und Dr. Ellenbogen sprach für die Wohlfahrtsinstitute, Dr. Klee als Repräsentant der Volkspartei. Der Vorsteher des Wohlfahrtsamtes, Caspary, aber war so ergriffen, daß er seine Rede abbrechen mußte. Ein treuer Freund ist uns entrissen. In der Repräsentantenversammlung wird die Lücke schwer empfunden. In der Volkspartei ist sie kaum zu schließen. In der Wohl* fahrt wird man noch lange diese besondere Zartheit, verbunden mit niemals zögernder Hilfsbereitschaft, vermissen. Ehe es dort draußen ein Wohlfahrtsamt gab, hatte er seine Woh• nung freiwillig dazu, gestaltet. Nachher hat er das Wohlfahrtsamt fast za seiner Wohnstätte gemacht. Seinen Freunden und Verehrern, den Berliner Zionisten und zumal der Volkspartei bleibt Gustav Loesser unvergeßlich. II. L. Vorfrag Wilkansky In Berlin ״Dänemark ist für den palästinensischen Landwirt ein Märchcnland“, sagte Jizehak Wilkansky, der Direktor der landwirtschäftTichen versucnpslafföa ln Tel-Awiw, in seinem großen' Berliner Vortrag, den gr nach seiner Rückkehr von einer längeren Studienreise hielt. Die großzügige Kolonisation der Regierung, welche Böden expropriieren und den Siedlern ln Erbpacht geben kann, 55—70 Dunam Boden und 1000 Pfund pro Siedler, kennt alle die Schwierigkeiten nicht, die unser Versuch in Palästina vorfindet. Diese Schwierigkeiten und ihre planmäßige Ueberwindung skizzierte Wilkansky in seinem fesselnden Vortrag ״Bodenpolitik und Kolonisationspolitik“, der mit außerordentlichem Beifall aufgenommen wurde. Auch die friedliche Eroberung eines Landes hat ihre Strategie, Die nationalen Bodenkäufe geschehen nach einem bestimmten System. Für die ״Verkürzung der Front“, für eine Konzentration auf die geographisch und landwirtschaftlich wichtigsten Oebiete hat wilkansky jahrelang gekämpft. Maßgebend sind neben der Boden qualitat die Besitzverhaltnisse, die Erwerbung arrondierter Böden aus Großgrundbesitz ist ungleich leichter als die aus zersplittertem Einzelbesitz, ein Motiv, das beim Erwerb des Emek Jesreel und Emek Akko maßgebend war. Wir müssen uns sehr beeilen, die Bodenpreise steigen ungeheuer. Ein Jahr Verspätung im Bodenerwerb bedeutet ein Jahrzehnt Verzögerung in der Kolonisation. Der KKL muß jetzt im Einklang mit der Kolonisationspolitik die Gebiete kaufen, die-uns früher verloren gehen können. Die großen Käufe im Orangengebiet hatten ihren guten Sinn, der KKL darf den guten Boden nicht allein dem Privatkapital überlassen. Die nächsten Käufe müssen der Konsolidierung der bestehenden Kolonien und der Schaffung von Arbeitersiedlungen bei den Kolonien dienen. Dann erst kommen weitere Kaufe in Betracht. Der zweite Teil des fast zweistündigen Vortrages, der sich mit Kolonisationspolitik befaßte, führte ebenfalls an einer Fülle von plastischen Beispielen aus der Praxis gewonnene Thesen vor. ״Dem Tagelöhner von heute,“ schloß Wilkansky, ״muß durch Bereitstellung von nationalem Boden die Hoffnung gegeben werden, der freie Siedier von morgen zu sein!" An aer sehr Interessanten Diskussion beteiligten sich Fachmänner wie Professor Otto Warburg, Agronom Dyck, Dr. Nawratzky und Herr Ruppin. Die KKL-Kotnmission hat mit diesem Abend die Reihe großer Vorträge, die nun allmonatlich stattfinden sollen, eröffnet und hofft, .wie der Vorsitzende, Herr Dr. Albert Baer, in seinem Dank- und Schlußwort betonte, mit diesen Veranstaltungen einem starken Bedürfnis des zionistischen Publikums entgegenzukommen. Eingesandt Beiderjügendkundgebung, anläßlich der Palästina- Ereignisse in Haberlands Festsälen, haben Schutzpolizeibeamte in ungehöriger‘ Weise die auf der Straße Wartenden zum Weitergehen aufgefordert. Außerdem sind nicht mißzuversfehende Bemerkungen seitens einiger Beamten gefallen. Der diensthabende Hauptihaiin, dem auch andere Vorfälle gemeldet wurden, hat uns mit einer ironischen, antisemitischen Antwort abgewiesen. Auf unsere Beschwerde hin hat das Polizeipräsidium sofort eine durchgreifende Untersuchung eingfileitet- Wir bitten alle, denen das ungehörige Benehmen der Beamten vor Haberlands Festsälen auffiel, ihre Wahrnehmungen uns mitzuteile n. ׳ Biindesteitung des J. J, W. B., Artilieriestr. 911, Vandefveldes Paüstlnabuch, das zuerst fronzöslsch erschienen war, wird demnächst vom Verlag R e i ß n e r, Dresden, in deutsche! Uebertragung herausgegeben. Briefe an die Redaktion Liberalismus and Zionismus N Q r n b e r g, den 2. Oktober 1929. An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“, Berlin W15. ״in mehreren Kundgebungen der ״Vereinigung für das liberale Judentum“ wurde der Aufbau Palästinas abgelehnt. Diese Vereinigung, einst die Vertretung aller überalen Juden in Deutschland, führt diesen Namen heute zu Unrecht, da sich ein nicht geringer Teil der liberalen Juden dem Zionismus zugewandt hat und das Programm der liberalen Vereinigung in politischer Beziehung ablehnt. Besonders auf der liberalen Weltkonferenz in Berlin Kamen die Gegensätze deutlich zum Ausdruck, auch wenn sie unterdrückt wurden. Ich erwähne nur die Namen Reverend Perlzweig, London, und Rabbiner Dr. Max Wiener, Berlin. Um das Monopol der liberalen Verein!- gung zu brechen, ist ein Zusammenschluß der zionistisch-liberalen Kreise unbedingt erforderlich. Es soll keine neue Vereinigung gebildet, sondern lediglich eine Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen werden, die die Rechte aller iiberal-zionistisehen Mitglieder innerhalb der zionistischen Vereinigung wahrnimmt.“ Ich stelle diesen Vorschlag zur Diskussion und bitte alle religiös-liberalen Zionisten, sich durch Zustimmungserkiärung gegen den Terror der liberalen Vereinigung zu wenden. Mit Zionsgruß Gustav Kahn, Dipl.-Kfm., Kaulbachstr. 23. *!nochmals Ben Schemen Die Tatsache, daß z, B. eine Stelle im Briefwechsel lautet: ״Das ist ja die Tragik der Lage der Juden in Palästina, daß sie als Schutz die arabische Polizei haben, die i«n Falle der Not nicht objektiv sein kann“, zeigt, daß der Briefschreiber über der Notwendigkeit der jüdisch-arabischen Freundschaft die Notwendigkeit der Schaffung eines ausreichenden Schutzes nicht außer acht läßt. Was wäre geschehen, wenn die im Punkt 2 genannten Forderungen vom ganzen jüdischen Volk in Palästina erfüllt worden wären? Die Unruhen wären höchstwahrscheinlich — früher oder spater — auch gekommen. Sie hätten einen vielleicht etwas kleineren Umfang angenommen, weil der Einfluß der Hetzer nicht so überaus schnell im Volk gewirkt hätte. Es hätte mehr Hemmungen gegeben. Die Tatsache, daß eine größere Zahl von Fällen berichtet wurde, wo gute menschliche Be- Ziehungen die Unruhen verhütet und jüdisches Leben und Eigentum geschützt haben, spricht für diese Annahme. Aber nicht diese Verkleinerung des Umfangs der Kata- Strophe hatte die Lage soviel weniger verzweifelt gemacht. Nicht um dieses allein handelt es sich. Die Lage ist heute so überaus erschwert, weil die menschlichen Beziehungen zwischen großen Teilen der beiden Völker lange nicht im genügenden Maße vorhanden sind. Diese Beziehungen noch in ״Frlc'dcnszeiten“ zu schaffen, war die wichtige Aufgabe, die wir vernachlässigt haben. Heute, nach dem, was geschchen, ist die Annäherung der beiden Völker für lange Zeit erschwert. Wenn die Gedanken des aktiven Pazifismus stärker in unserem Jischuw Wurzel geschlagen hätten, ״dann wäre unsere Lage heute nicht so verzweifelt‘*. Ben Schemen, 29. September. Mit Zionsgruß Dr. Siegfried Lehmann. Die Publikation des Berichtes über die Unruhetage in Ben Schemen hat in der zionistischen ()Öffentlichkeit mehrfach Miß- Verständnisse hervoraerufen, auf die wir bereits in Nr. 75 der ,,Jüdischen Rundschau“ reagiert haben. Es wurde dort eingehend dargelegt, daß die Interpretation, als ob durch die Veröffentlichung des Berichts behauptet werden sollte, daß die Uoberfüllc anderswo durch schlechte Behandlung der Araber seitens der• überfallenen Juden verursacht worden seien, 11 n - sinnig ist. Insbesondere wissen wir, worauf ״Dawar“ hinweist, daß die Kolonisten von Beer Tobia, Getlorah u. n. mit ihren Nachbarn in freundschaftlichen Beziehungen gelebt haben. Auf der anderen Seite ist jedem Leser des Berichtes aus Ben Schemen klar geworden, daß nicht nur die guten nachbarlichen Beziehungen, sondern auch der Zufall wesent* lieh dazu beigetragen hat, daß die Siedlung verschont blieb. Es ist unseres Erachtens Ueberempfindlichkeit, wenn durch die Bemerkungen über den Wert guter nachbarlicher Beziehungea in dem Brie! aus Ben Schemen sich gerade solche jüdische Gruppen angegriffen fühlen, die nicht gemeint waren und die wissen konnten, daß sie nicht gemeint sind. Obwohl durch unseren Artikel in Nr. 75 der ״Jüdischen Rundschau“ diese Angelegenheit u. E. restlos klargestellt worden ist, können wir dennoch dem Leiter des Kinderdorles, Dr. Lehmann, da er im ״Dawar“ schwer angegriffen worden ist, die Aufnahme des nachstehenden Schreibens nicht versagen, bemerken jedoch, daß damit diese Angelegenheit für uns entgültig abgeschlossen sein muß. Red. An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“, Berlin. Nur das Fehlen genauer Nachrichten und Einzelheiten über die Vorgänge in Palästina in. der ersten Zeit und eine dadurch, verursachte Verwirrung in der Redaktion, kann mir den Abdruck der fettgedruckten Sätze als Einführung zu dem Bericht über die Unruhetage in Ben Schemen — auch dieser Bericht war natürlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt — verstandlieh machen, wie er in dieser Form in der ״Rundschau“ erschienen ist. Aus einem Privatbriefwechsel (nicht aus einem Begleitbrief zu einem Bericht an das Komitee der Anstalt) wurden ohne Zusammenhang einige Sätze herausgegrifien, die, besonders herausgehoben, als einzige Satze der ganzen Seite fett gedruckt wurden und so bei böswilliger Auslegung den Eindruck erwecken konnten, als ob in ihnen der Verfasser seine ganzen Schlußfolgerungen über die fürchterlichen Ereigflisse Tn Palästina hätte zum Ausdruck bringen wollen, Daß dieses nicht der Fall war, soll hiermit eindeutig klar betont werden. Wie die Sätze im Brief gemeint waren, sei nachfolgend erklärt: 1. ״Uns in Ben Schemen hat gerettet unsere auf nachbarliehe Freundschaft eingestellte Politik . , . Jede einzige gute Tat. . ״ ist in Erinnerung geblieben.“ Der Adressat des Briefes wußte, was der Schreiber darunter verstand: die Bestrebung, in unserer Jugend die Atmo- Sphäre des Vertrauens und der unbedingten menschlichen Achtung dem arabischen Volk, besonders den Bewohnern der Nachbarschaft gegenüber zu schaffen. Die pädagogische Bernühung, gegen die Kollektivurteile zu kämpfen, die ein Volk über da3 andere hat und deren Vorhandensein die menschliehe Annäherung der Völker so unendlich erschwert. Ferner das Bestreben, Gelegenheiten zu schaffen, um mit dem Araber auf den verschiedensten Lebensgebieten zusammenzutreffen, um auf diese Weise einander kennenzulernen und die Atmosphäre des Vertrauens zu stärken. Unsere Bereitwilligkeit, auch arabische Schüler aufzunehmen, die Hilfe- Ieistung durch unser Ambulatorium, die Hilfe in der Zeit des Erdbebens, das Einladen der Nachbarschaft zur Theateraufführung können nur als kleine Anfänge, wie sie natürlieh auch an anderen Orten gemacht wurden, In dieser Richtung betrachtet werden. Daß es sich auch bei den oben dargestellten erzieherischen Bemühungen um kleine Anfänge handelt, wußte der Adressat des Briefes. So brauchte der Schreiber nicht zu fürchten, daß die kurze Formulierung als Prahlerei aufgenommen werden würde, zumal Berichte über Rettung durch freundschaftliehe Beziehungen von verschiedenen anderen Orten ebenfalls geschickt wurden. In dem Augenblick, wo die Sätze in die Oeffentlichkeit gekommen sind, hält der Verfasser es für seine Pflicht, zu betonen, daß Bewohner von Ben Schemen, die schon längere Zelt am Orte sind als das Kfar hanoar, nicht wenig zur Schaffung friedlicher Beziehungen beigetragen haben, was dem Adressat des Briefes von früher her bekannt war. 2f ״Hätten alle Juden so gehandelt . . .“ Das heißt klar: Nicht alle Juden in Palästina haben so gehandelt. Nicht alle Juden haben sich bemüht, den Geist, der hier bezeichnet wurde, zu schaffen, und nicht alle Juden haben die Bereitwilligkeit bewiesen, bei den verschiedensten Geiegenheiten mit den Arabern zusammenzuarbeiten. Dieser Behauptung wird jeder, der die Verhältnisse wirklich kennt, zustimmen müssen. 3. ״. . . dann wäre unsere Lage heute nicht so verzweifelt . . Das heißt — und a.:s den Zusammenhängen des fangen Briefwechsels geht hervor, daß das ״heut e“ und das ״so“ betont ist — klar und deutlich nicht: Dann wäre hier alles glatt und gut, dann wären die Unruhen nicht gekommen, dann gäbe es überhaupt kein jüdisch-arabisch« Problem, Zionistische Korrespondenten Sehr geehrte Redaktion! Eine Feststellung, die nottut, ist die, daß die Unlnformiertheit der Weltpresse, sonderlich der deutschen und der polnisehen, über die Vorgänge in Palästina während der ersten zehn Tage geradezu beschämenden Umfang annahm. Die Frage nach der Ursache dieser Erscheinung ist ebenso notwendig. Eue Antwort daraut ist nicht schwer: Abgesehen von den phantastischen geographischen Unrichtigkeiten vieler Berichte (die jeden normalen Oymnasiasten stutzig machen mußten), welche in den Redaktionen aus zumeist aus London oder Kairo stammenden Telegrammen hergestellt wurden, abgesehen von mancher aus Gehässigkeit verübten Unterschlagung jener paar Worte eines Telegramme?, die für die Darstellung der Lage weit wesentlicher sind als der gesamte Rest der Depesche, abgesehen von diesen in Europa verübten Ungehörigkeiten ist die Ursache der völlig verzerrten Berichterstattung in Palästina zu suchen. Dies ist festzustellcn und für die Zukunft tesfzuhalten. Das tagelange Versagen des Nachrichtendienstes eines Teiles der deutschen und polnischen Presse ist nicht allein auf die palästinensische Zensur zurückzuführen, die, wie ich an der Hand meiner Telegramme nachzuweisen imstande bin, weit weniger gefährlich war, als sie sich gab, sondern auf die Berichterstatter — Ausnahmen gibt es auch hier — die von Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa aus telegraphierten. Es ist in aller Kürze festzustellen, daß das Bedürfnis, Sensationsmeldungen hinauszugeben, In großem Maß jenes Verantwortungsgefühl überwog, das von einem seiner In diesen Tagen überaus wichtigen Stellung bewußten Pressemann zu verlangen ist. Viele von den Vertretern der Weltpresse, die ln Palästina akkreditiert sind, sind •Jude«■ Trotz dieser; in• dieser Zeit überaus verpflichtenden Volkszugehörigkeit wurde schier schrankenlos der Sensationslust nachgegeben, gleichviel ob die hinausgegebenen Meldungen Gerüchten entstammten oder nicht, ob das Echo dieser Meldungen — ich erinnere an die fünfhundert Toten von Tel-Awiw — Schaden anzurichten befähigt war oder aber — unwillentlich natürlich — die Politik der Feinde unserer Positionen stärken mußten. Es ist festzustellen, daß das von Einzelnen vorgeschlagene konforme Vorgehen der in Jerusalem anwesenden Berichterstatter stets an der Weigerung jener Kollegen scheiterte, denen der Wunsch, mit einer Meldung den Andern zuvorzukommen, wesentlicher war als die Notwendigkeit, durch gleichlaufende Berichterstattung — die keineswegs die individuelle Freiheit des Nachrichtendienstes tangiert hätte — die Darstellung der Ereignisse zu einem wirklieh nachhaltigen Appell an das Wettgewissen zu machen. Das nationale, das rein menschliche Gewissen hat vor der Sensation versagt, die wahrlich auch dann nicht zu kurz gekommen wäre, wenn Herr A. und Herr B. Im gleichen Sinn, der Wahrheit die Ehre gebend, telegraphiert hätten, denn die Grauenhaftlgkelt der Ereignisse an sich war Sensation genug. Keinesfalls hätte ein f* .. Blatt in der Welt, das nicht von Halunken redigiert wird, konnte ein Sonderinteresse daran finden, durch falsche Meldüngen über das Unglück in Palästina mit den Nerven von soundso vielen an Palästina interessierter» Lesern zu spielen. Es gibt in Jerusalem eine ״Association of Foreign Press Correspondents“, aber es gibt in dem jüdischen Land, in dem beinahe jeder Hosenträgerverkäufer seine Fachorganisation hat, keine Vereinigung jüdischer Pressekorrespondenten. Hätte es eine solche gegeben, dann wäre vielleicht manche Unsinnigkelt und auch Gewissenlosigkeit verhütet worden, die an jenes berühmte Telegramm ״Mames fressen seire Kinder“ grenzt, das seinerzeit eine amerikanisch-jüdische Zeitung von ihrem Wiener Korrespondenten erhielt. M. Y. Ben-Gavriül, Jerusalem. Zur ״Erklärung der deutschen Juden“ erhalten wir vom Vorsitzenden der ״Vereinigung für das liberale Judentum“, Herrn Heinrich Stern, eine Zuschrift, in welcher er dagegen Verwahrung einlegt, daß in der Notiz in Nr. 77 der ״Jüdischen Rundschau“ die ״Vereinigung für das liberale Judentum“ als Initiatorin der Erklärung bezeichnet wird. Die ״Vereinigung für das liberale Judentum“ habe eine eigene Ent- Schließung angenommen, und Herr Stern habe in einem iängeren Aufsatz eine geistige Auseinandersetzung mit dem Zionismus versucht. Herr Stern erklärt ferner, daß er die Erklärung, obgleich er persönlich mit dem materiellen Inhalt einverstanden sei, nicht unterzeichnet hat, weil er als Vorsitzender der ״Vereinigung für das liberale Judentum“ durch seine Unterschrift diese Vereinigung nicht verpflichten wollte. — Aus dieser Mitteilung geht hervor, daß nicht die ״Vereinigung für das liberale Judentum“ als solche die ״Erklärung deutscher Juden“ veranlaßt hat, sondern daß es nur Angehörige der ״Vereinigung für das liberale Judentum“ sind, die man mit aer Verantwortung für die schmachvolle Erklärung belasten muß. Immerhin ist es bemerkenswert, daß der private Herr Stern den offiziellen Herrn Stern durch eine Unterschrift nicht binden wollte. Ob auch die privaten Herren O ra et z und Kleemann, die die Erklärung unterschrieben haben, als offizielle Vorstandsmitglieder des ״Ort“, der doch jüdischnationale Aufbauarbeit im besten Sinne leistet, eine so neinliehe Unterscheidung von Privatem und Offiziellem in ihrer ״Ort״tätigkeit vornehmen werden, bleibt abzuwarten.