Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 80-81 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 540 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80/81, 11. X. 1928 Innerzionistischer Kampf Von Dr. A. Barth, Berlin. Die letzten Nummern der ״Jüdischen Rundschau“ bringen vo!1 verschiedenen Seiten und von verschiedenen Standpunkten her Ankündigungen einer innerzionistischen Auseinander- Setzung, die, wie es scheint, in den kommenden Wochen die deutschen Zionisten stark beschäftigen wird. Es dürfte dabei einem Außenstehenden, der in diesem Augenblick nach Deutschland kommt und hiervon hört, im ersten Augenblick so gehen, wie es Blumenfeld in seiner Einleitung zu diesen Diskussionen in der Rundschau ansah, daß nämlich die Zeit für die Austragung solcher Differenzen schlecht gewählt wäre. Alles in der zionistischen Weltorganisation drängt im Augenblick aus vielfacher» Gründen auf Zusammenfassung der Kräfte, auf Vereinheitlichung und Stärkung der Front. Es müssen deshalb gewichtige Gründe vorliegen, wenn wirklieh die jetzige Zeit nicht nur für die geistige Behandlung der Frage, sondern auch für ihre parlamentarische Austragung, wie sie die Einberufung eines Delegiertentages darstellt, gewählt werden soll. Wenn man den Blumenfeldschen Artikel liest, bat man den Eindruck, daß er von dieser Notwendigkeit nicht überzeugt ist, obgleich er selbst sich zu denjenigen rechnet, die den Delegiertentag beantragen wollen. Der Geschäftsführende Ausschuß hat sich in seiner letzten Sitzung diesem von verschiedenen Seiten gestellten Antrag angeschlossen und tatsächlich ist ja auch eine andere Möglichkeit nicht gcgeben. Die Haltung, die die Leitung der Z. V. f. D. und ihr offizielles Organ in den letzten Wochen eingenommen haben, wird von so vielen Seiten gemißbilligt, daß auf diesem einzig möglichen Wege Klarheit darüber geschaffen werden muß, ob diese Haltung dem Standpunkt der deutschen Zionisten entspricht. Dabei kommt für diejenigen, die eine grundlegende Aenderung fordern zur Beseitigung der eingangs erwähnten Hemmungen, hinzu, daß sie die Ueberzeugung haben, gerade durch eine Aenderung der Politik der Z. V. f. D. und ihres Blattes die Einheitsfront der zionistischen Gesamtweit nicht zu schwächen, sondern zu stärken. Bhmienfeld meint zwar in seiner Antwort an Kollenscher, daß die Z. V. f. D. in ihren Versammlungen die Beschlüsse des A.-C. vorweggenommen hätte, tatsächlich stellen, wie unten noch zu zeigen sein wird, diese Beschlüsse etwas vollkommen anderes dar als die Resolutionen der Z. V. f. D. und gerade das Wesentlichste des Gegensatzes iit Deutschland besteht darin, ob man sich auf den Boden der Beschlüsse des A.-C. oder auf denjenigen der Resolutionen der Z. V. f. D. stellen will. Schon danach ist klar, daß unsere Front eine andere ist als die der Revisionisten. Ihre Ideologie wird von der weitaus überwiegenden Mehrheit des Misrachi abgelehnt, ihr Erziehungswerk ist dem Geiste des unsrigen diametral entgegengesetzt und ihre Taktik, wie sie sich in dem offiziellen Commtmique ihres Zentral-Büros darstellt, wird von uns aufs stärkste gemißbilligt. _ Falsch wäre es aber, heute die Antithese aufzustellen, Revisionisten auf der einen Seite, übrige Zionistische Weltorganisation auf der anderen Seite. Hier steht vielmehr der Revisionismus auf einem Flügel, die weitaus überwiegende Mehrheit der Zionistischen Organisation, einschließlich Exekutive und A.-C., in der Mitte, und kleine Gruppen, zu denen vor allem Prag und Berlin gehören, am anderen FlügeL Weltsch in seinem letzten Artikel ist sich in gewissem Maße hierüber klar. Er drückt das so aus ״unsere Kundgebungen in fast allln Ländern waren völlig nach dem Rezept von Dr. Kollenscher aufgezogen“. ״Er hat mit seiner Feststellung, daß die Leitung der Z. V. f. D. und die J. R. in diesem Punkte etwas aus der Reihe tanzen“, durchaus recht. Weltsch sieht diesen Gegensatz allerdings nur in der Art der Betonung des Araber-Problems, während die Gegensätze mindestens ebenso stark in der (mit dieser Frage in innigem Zusammenhang stehenden) Behandlung des politischen Problems in England liegen. Um dieses letztere einzusehen, bedarf es nur einer Vergleichung der von der Leitung der Z. V. f. D. empfohlenen und in den deutschen Kundgebungen angenommenen Resolutionen mit denen des A.-C. und ferner einer Prüfung des Echos, die diese Resolutionen in unserem offiziellen deutsehen Organ gefunden hat. Das A.-C. ging von dem Standpunkt aus, daß nach den furchtbaren Ereignissen der letzten Wochen das Tempo der Aufbauarbeit grundlegend geändert werden muß. Es macht sich mit Recht klar, daß, wenn für die Zukunft Ereignisse dieser Art vermieden werden sollen, das wirksamste Mittel dagegen eine wesentlich verstärkte Ein- Wanderung und die damit notwendig zusammenhängende Steigerung des Tempos unserer Kolonisationsarbeit ist. Es ist ihm auch klar, daß hierfür in noch wesentlich verstärktem Maße an die Mitarbeit des jüdischen Volkes appelliert werden muß, daß aber für eine so veränderte Arbeit die bisher schmerzlich vermißte aktive Unterstützung durch die Mandatarmacht auf die wir auf Grund des Mandats einen Anspruch haben, unerläßlich ist. Dem tragen die unter VI. zusammengefaßten Resolutionen des A.-C. in deutlicher Weise Rechnung. Dagegen fehlt dieser letzte Gesichtspunkt in den Resolutionen der Z. V. f. D., die sich wieder wie bisher mit dem Anspruch auf Schaffung der notwendigen ״Vorbedingungen“ durch die Mandatarmacht begnügen wollen, und in den Aufsätzen der Rundschau fast vollkommen. Bei einer der offiziellen Gelegenheiten fiel 7, B. von maßgebender Seite das Wort, das jüdische Volk hätte durch zehn Jahre immer nur alles von außen her erwartet es müsse einsehen, daß die Verwirkliebung unserer Ziele an ihm selbst läge. Tatsächlich muß doch jeder Objektive sagen, daß das Gegenteil des ersten Teiles dieses Satzes richtig ist. Das jüdische Volk hat von außen her seit der Balfour-Deklaration, oder wenn man will, seit ihrer Konsequenz, dem Mandat, nichts mehr von außen her erwartet und von außen her bekommen. Es sollen und müssen auch vom jüdischen Volk jetzt doppelte und dreifache Anstrengungen gemacht werden, und jeder von uns wird zu den Mitarbeitern gehören, wenn es darum geht, dieses zu erreichen. Aber das jüdische Volk erwartet jetzt seinerseits mit vollem Recht Und mit absoluter^ Festigkeit endlich auch einmal eine aktive Mitarbeit von außen her. wie sie uns durch die Bestimmungen des Mandats gewährleistet ist Vor und auf dem Delegiertentag wird es Zeit sein, Details zu behandeln. In diesem einleitenden Aufsatz kann nur der unbefangene Leser gebeten werden, sich selbst das Material def letzten Wochen zur Hand zu nehmen. Er wird dann bedauernd feststellen, daß die Leitung der Z. V. f. D, und die ״J. R.“ auch in diesem Punkte ,,aus der Reihe tanzen“. Der zweite Punkt, in dem dieses geschieht und in dem es Weltsch selbst anerkannt, ist die Araberfrage. Auch hier gibt es in einem starken Ausmaße heute eine Einheitsfront: verstärkte Erziehung unserer Führer und unserer sejbst zum Verständnis des Arabertums, seiner Psyche und seines Problems werden von allen gefordert. Praktische Maßnahmen, durch die die Solidarität der Interessen eines großen TPedls der palästincnsischen Araber mit unseren Interessen den Arabern immer wieder klar zum Bewußtsein gebracht werden soll, werden gleichfalls fast von der gesamten Zionistischen Organisation für notwendig gehalten. Die Differenz, in der sich das ״aus der Reihe tanzen“ zeigt, besteht im wesentlichen in folgenden Fragen. Der Brith Schalom glaubt, und das Echo hiervon finden wir in der Rundschau und bei den Führern der Z. V. f. D., daß heute oder in naher Zukunft schon die MV! hkeit gegeben sei, Verhandlungen mit den Arabern in Richtung einer Verständigung 2» ffflwm, Wir glauben, daß jetzt noch Fast zwei Millionen DoUar Iflr den Palästina ^־ Hilfsfonds New York, 7. Oktober. (J.T.A.) Bis zum jüdischen Neujahrsfest wurden zugunsten des Palästina-Nothilfsfonds in den Vereinigten Staaten 1 806 000 Dollar gespendet. Während der hohen jüdischen Feiertage dürfte die Summe von zwei Millionen erreicht sein, in Kanada wurden zugunsten des Paläsfina-Nothilfsfonds bisher 100 000 Dollar gespendet. Kanada liir den Keren Ka|emeth Jerusalem, 30. September. (J.T.A.) Das Hauptbüro des Keren Kajemeth in Jerusalem erhielt von den kanadischen Zionisten eine Summe von 100000 Dollar auf Konto der von ihnen übernommenen Verpflichtung zur Aufbringung von einer Million Dollar überwiesen. Bis jetzt wurden auf diese Quote bereits 400 000 Dollar eingezahlt. Die jetzt gesandten 100000 IOollar wären erst in sechs Monaten fällig gewesen, aber im Hinblick auf die letzten Ereignisse in Palästina erfolgte die Ueberweisung schon jetzt. 1111111n11111111111111111n11nnun1n1n111n1n1n11M111111H11nn1n11111nm11111111nffl1111n111nn111111[1!111n1n1111111n1111nm11111111nn1 nicht der Zeitpunkt zu solchen Verhandlungen gekommen ist, und zwar nicht nur um deswillen, weil der Partner für eine solche Verhandlung fehlt, sondern vor allem deshalb, weil wir in denjenigen Fragen, die die wesentlichsten Streitpunkte zwischen den Arabern und uns bilden —, Balfour-Deklaration, Einwanderung, Prinzip der jüdischen Arbeit —, zu Konzessionen nicht in der Lage sind und Verhandlungen, von denen man dieses von vornherein weiß, nicht nützlich, sondern schädlich sind. Auch hier muß eine Fülle von Detailfragen den späteren Auseinandersetzungen Vorbehalten bleiben, die Herausbebung dient auch hier nur dem Streben nach Oricntierung. Wesentlich vertieft wird dieser Gegensatz zwischen ״Rundschau“ und uns, aber vor allem durch die Art und Weise, mit der sie auf die Ereignisse reagiert hat. Aus Weltsch’s Aufsatz ergibt sich klar, was derjenige, der ihn kennt, auch bis ciahin schon gefühlt hatte. Er hält es für seine Aufgabe, auch in dieser Zeit und bei diesen Ereignissen ״ruhiges Blut zu bewahren“ und die von ihm als richtig angesehene Linie der Politik nicht durch eine, seiner Meinung nach, falsche Reaktion seiner Leser zu gefährden. Das aber ist dasjenige, was von weiten Kreisen innerhalb aller Parteien des deutschen Zionismus nicht verstanden und nicht gebilligt worden ist. Es gibt Gelegenheiten, in denen es unmöglich ist, ״ruhiges Blut zu bewahren“ und in denen selbst ein in begreiflicher Empörung und Erregung unterlaufender Fehler weit weniger schwer wiegt als die jede Erregung künstlich (jeder von uns versteht, daß es künstlich war) unterdrückende Kühle. Dabei übersah die Rundschau noch eines: wer in Berlin ist, hat in gewissen Grenzen immer die Möglichkeiten, sich zu orientieren. Unsere. Freunde außerhalb sind zum allergrößten Teil ausschließlich auf die Berichterstattung in der Rundschau angewiesen und in einem solchen Falle ist vor allem eines publizistische. Pflicht: die reine Darstellung der Tatsachen. Soll die zionistische öffentliche Meinung sich ein Urteil über die Ereignisse bilden, dann muß sie vor allen Dingen in die Lage versetzt werden, sie kennen zu lernen. Es geht nicht an, daß auch aus den lautersten Motiven heraus beispielsweise über die Ereignisse in Hebron berichtet wird, daß die englischen Zeitungen diese Vorfälle mit allen Greueln wiedergeben und dann das nun Kommende aus diesen Blättern zitiert, das vorher Stehende aber ausgelassen wird*). Das ist nur ein Beispiel für viele. Selbst wenn die Rundschau, wie sie schreibt, vermeiden wollte, durch ״Detailmalerei ... die Nerven der Leser aufzupeitschen“, so konnte und durfte sie als das einzig offizielle zionistische Blatt in Deutschland nicht daran vorübergehen, die Tatsache, ihre schreckliche Sprache reden zu lassen. Die Z. V. f. D. hat bei früheren ganz andersartigen Gelegenheiten öfter betont, daß es ihr Stolz sei, nichts zu verschweigen und gerade dadurch einen moralischen Rückhalt zu haben, die von ihr für richtig gehaltene Politik umso energischer zu vertreten. Hier hätte man ebenso Vorgehen müssen. Es kann auch hier nicht auf Vollständigkeit An- Spruch erhoben werden. Die von vielen Seiten gemißbilligte Hervorkehrung der Einleitungssätze des Briefes aus Ben Schemen, die traurige Einstellung, die sich in der Aufnahme der Notiz ״Gedanken über Hebron“ (der überwiegend auch falsche Tatsachen zugrunde liegen) zeigt, sind wenige andere Beispiele. Die Stellungnahme zur Klagemauerfrage in der letzten Nummer der Rundschau ist ein weiterer Beleg für den Riß, der zwischen der intellektuellen Auskliigelung der Probleme durch die Rundschau und dem unmittelbaren Fühlen eines großen Teiles des jüdischen Volkes klafft. Es werden wenige von uns verstehen, daß man in einer Frage, die nicht *) Zur Unterstützung des Gedächtnisses unserer Leser für die von Dr. Barth beanstandete Notiz hier wiederholt. Sie lautete: ״Der Korrespondent der Reuter-Agentur in Palästina gibt vom 1. September eine ausführliche Schilderung eines Besuches io Ilchron, wohin er den Cbofsekretär der Palästina-Regierung, Mr. Duke, begleitet bat. Die Kommission hat sämtliche Plätze besichtigt, wo Mordtaten an Juden vorgekommen sind, und Einzelheiten darüber gesammelt. Eine Anzahl solcher grauenhaften Einzelheiten gibt nun der Korrespondent wieder, und die Darstellung wird von der englischen Presse abgednickt. LJ. a. wird geschildert, wie am 24. August ein arabischer Haufen von etwa 4000 Menschen, darunter viele Frauen, sich durch die Stadt ergoß, zuerst zwei jüdische Knaben ermordete und dann alle jüdischen Häuser überfiel. Die arabische Polizei stand völlig untätig dabei. Mr. Cafferata allein hielt mit großer Kühnheit den Haufen eine Zeitlang auf. Als später Cafferata in das Ghetto kam, von wo er Hilferufe hörte, erschoß er einen Mann, den er morden sah und beobachtete einen anderen Araber, deT gerade gegiert ein bereits blutendes Mädchen den Säbel erhob. Er wollte den Mann niederschießen, da rief dieser: Ich bin ein Polizist. Cafferata zögerte eine Weile und schoß dann trotzdem und verwundete den Mann an der Hüfte. Es stellte sich heraus, daß es ein arabischer Polizist war, der gerade von Jaffa auf Urlaub war. In der Synagoge in Hebron ist kein Stück ganz geblieben. Die Thorarollen liegen zerrissen umher.“ Die ״Jüdische Rundschau“ hat als einzige deutschgeschriebene Zeitung aus der Fülle des täglich von zehn oder mehr englischen Tageszeitungen gebrachten Materials über die Unruhen in Palästina charakteristische Stellen und Aeußerungen wiedergegeben. Natürlich kam es dabei vor allem auf politisch relevante Details an. Alles abzudrucken war ia unmöglich und auch unnötig, da ja die Dinge sich wiederholten. Unsere Notiz gibt keineswegs, wie Dr. Barth anninunt, das ..nun Kommende“ wieder, sondern faßt kurz den Inhalt des Ganzen zusammett. Wir nahmen an, daß das Motiv, warum dabei gerade dieses Detaü zitiert wurde (an Stelle der übrigen in der Meidüng enthaltenen Einzelheiten über Tötung von Menschen hzw. Rettung anderer durch Araber), jedem Leser klar ist: es handelt sich um eine Beleuchtung der Haltung einzelner arabischer Polizisten. — Daß hier die Absicht, etwas zu verschweigen, bestand, kann nur übermäßiges Mißtrauen annehmen. Wenn jemand verstehen will, was wir mit unserer Ablehnung ״nervenaufpeitschender Detailmalerei" meinten, dann werfe er einen Blick auf manche jiddische Zeitungen in Polen und auch auf manche andere. Red. ״J. R.“ von uns, sondern von der Gegenseite zu einem Politikum gcmacht wurde, in einer Frage, die das einzige uns verbliebene Recht an einer ״heiligen Stätte“, behandelt, anfängt, Fragen der ״Rangordnung“ zu diskutieren. Die zionistische, ja man kann sagen, die jüdische Welf in Deutschland erwartete eine völlig andersartige Haltung des Blattes der Z. V. f. D. Vielleicht wird Blumenfeld auch hier finden, daß die Ausführungen schwache Unterlagen in den tatsächlichen Vorgängen finden. Was man nach allen diesen Ausführungen verstehen wird, ist daß die Auseinandersetzung über die Haltung Z. V. f. D. und ihres Organs unaufschiebbar ist, und daß, wenn sie in dem Sinne erfolgt, in dem sie von unseren Freunden angestrebt wird, das Ergebnis nicht eine Schwächung, sondern eine Stärkung der zionistischen Einheitsfront wäre. Kundgebung des ״Britfi Schalom“ Dio Vereinigung ״Bri th S chal om" übersandte der Presse eine Erklärung über ihre Stellungnahme zu den Ereignissen in Palästina, in der es u. a. heißt: 1. Was wir befürchtet haben, ist eingetreten. Binnen weniger Tage wurde ein ruhiges und sowohl wirtschaftlich wie kulturell vorwärtsschreitendes Land in ein Schlachtfeld verwandelt. Das Blut unschuldiger Menschen ist vergossen worden, und ein wichtiger Teil des Aufbauwerkes, an dem so viel Miihe und Schweiß hängt, wurde zerstört. Alle Beziehungen zwischen den beiden Völkern Palästinas wurden im Augenblick unterbrochen; überall lauern Feindschaft und Nachstellung. Die Sicherheit des Lebens und des Eigentums ist gefährdet und nur dank der jüdischen Selbstwehr konnte das Unglück in gewissen Grenzen gehalten und eine noch schwerere Krise vermieden vverden. Infolge der Anstrengungen der Regierung, die freilieh sehr verspätet einsetzten, darf man hoffen, daß nun Ruhe und Ordnung ins Land zurückkehren werden. 2. Im Lichte dieser Ereignisse offenbarte sich ein dreifach es Versagen: des englischen Administrativ-Systems in Palästina, der arabischen Politik und der zionistischen Politik. Versagt hat die Beamtenschaft Palästinas, die ein enges kolonisatorisches Regime führte, die größtenteils der historischen Aufgabe Englands in Palästina fremd blieb und die andererseits weder Willen noch Initiative zeigte, um Juden und Araber einander zu nähern und sie zu gemeinsamer Arbeit zum Besten des ganzen Landes und auf der Grundlage völliger nationaler Rechtsgleichheit beider Völker anzuregen. Auch darin hat diese Beamtenschaft versagt, daß sie es zum Ausbruch der Unruhen kommen ließ und sie auch nicht gleich nach ihrem Ausbruch beenden konnte. Versagt hat die arabische Politik, die die jüdischen Anstrengungen aufs neue in ihrem alten Heimatland Wurzel zu fassen, als nicht vorhanden betrachtete und die es noch immer für möglich hält, die Tore Palästinas vor den Juden zu schließen, die in Aufhetzung und blutigen Ueberfällen die Lösung des Problems eines Jüdischen Nationalheimes in Palästina erblickten. Die Opfer, die die Juden für ihre Stellung im Lande gt acht haben, beweisen klar den Grad ihrer Verbundenheit mit ihm. Aber auch die zionistische Politik hat versagt, die weder Aktivität noch Verständnis für Hie arabische Frage zeigte, ja, sie gar nicht in ihrer lebenswichtigen Bedeutung für den Aufbau und die Zukunft des Landes erkannte, die in den letzten Jahren keine einzige Gelegenheit ausnützte, um eine aktive Politik der Klärung und der Ausgleichung der bestehenden Gegensätze zwischen den beiden Völkern zu beginnen, im Geist der zahlreichen Deklarationen, die immer wieder von der zionistischen Tribüne verlautbart wurden. Eine Sünde aber haben alle Einwohner des Landes begangen: daß sie die elementare Pflicht vernachlässigten, in der Erziehungsarbeit eine Atmosphäre gegenseitigen Verständnisses zu schaffen. Auch die Frjichte dieses geineinsamen Versagens haben wir in diesen bitteren Tagen gekostet. 3. Was ist zu tun? In bezug auf das Vergangene wollen wir hoffen, daß die Untersuchungskommission in den inneren Zusammenhang der Dinge dringt, alle Anlässe und Ursachen der furchtbaren Ereignisse aufdeckt und alle Schuldigen einem gerechten Urteil überliefert. Bei dieser Gelegenheit sei derjenigen einzelnen Araber und derjenigen arabischen Gemeinschäften dankbar gedacht, die sich standhaft gegen die Hetzwelle stellten und jüdisches Leben vor den Angriffen ihrer barbarischen Rassegenossen retteten. Auch heute schon sei mit aller Klarheit ausgesprochen: die Hauptschuld trägt nicht dieser oder jener Einzelne, sondern der Mangel an Verständnis dafür, daß es unmöglich ist, die Palästinafragedurch Unruhen zu lösen. Nur in gegenseitigem Verständnis und durch sorgfältige Beachtung der berechtigten Ansprüche der Juden und Araber ist sie lösbar. Gerade aus dieser Erkenntnis heraus sind wir dazu gekommen, unsere Forderungen zu formulieren. Der ״Brith Schalom“ wurde seinerzeit aus der Befürchtung heraus gegründet, daß der Gegensatz zwischen den beiden Völkern des Landes einmal die unkontrollierten Instinkte der Zerstörung ausbreehen lassen könne. Es ist klar, daß weder die Juden noch die Araber in diesem kleinen Lande gleichsam auf verschiedenen Inseln leben können. Wir haben deshalb immer danach gestrebt, eine Brücke der Verständigung und gemeinsamen Lebens zu finden. Und auch jetzt, noch mitten in den Tagen der Verhetzung und Zerstörung, rufen wir alle Einwohner des Landes, vor allem aber die verantwortlichen Institutionen und Männer auf, über die auch uns in dieser Stunde verständlichen seelischen Schwierigkeiten Herr zu werden und von sich aus alles zu tun, um wieder friedliche Beziehungen herzustelien, um mit der Arbeit der Aufklärung und Klärung der Probleme zu beginnen und so den Boden vorzubereiten für direkte, aktive Verhandlungen, die, zu günstiger Stunde, von dem autorisierten Vertreter über die Bedingungen künftigen gemeinsamen Lebens zu führen sind. Eines Lebens, das dem Lande zugute kommen soll, welches beiden Völkern gleich teuer ist und ihnen beiden gehört, sowohl aut Grund von Geschichte und Tradition, wie auf Grund schöpferischer Bemühungen um den Aufbau seiner Zukunft. Jedes der beiden Völker möge seine Wege prüfen und seine Gedanken untersuchen, bis auf den heutigen Tag, damit es lerne, so schnell als möglich unserem Lande wieder andere Tage zu bringen. Tage des Friedens. Persönliches. Unser Gesinnungsgenosse Dr. Georg Wo 11־ stein ist nach mehr als vierjähriger Tätigkeit als stellvertretender Leiter der Organisaiionsabteilung im Hauptbüro des Keren Kajemeth Lejisrael in Jerusalem am 1. Oktober d. J. von seinem Posten zuriiekgetreten und hat seinen Wohnsitz wieder in Deutschland genommen. Wir begrüßen Herrn Dr. Wc’.stein, der in den letzten Wochen bereits außerordentlich gute Organisationsarbeit in Berlin, Königsberg, Bremen, Erfurt uwd anderen Orten geleistet hat, aufs herzlichste wieder in den Reihen der Z. V. f. D., für die er eine wertvolle Verstärkung bedeutet.