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Jüdische Rundschau · 1929-10-11 · Heft 80-81 (11.10.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 80-81 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 80/81, 11. X. 1929 JUED1SCHE RUNDSCHAU Sei«! 599 t Aus den Schreckenstagen Persönliche Dokumente Die Stimmung In Tel-Awiw Einem uns für Verfügung gestellten Privatbrief aus lei- Awiw, der unmittelbar nach den Unruhen abgesandt wurde und in seinem Hauptteil eine Schilderung des inzwischen allgemein bekannten Verlaufes der Kämpfe enthält, entnehmen wir folgende charakteristische Stellen: Ich danke dem Schicksal, das mich zum Zeugen dieser furchtbaren Tage gemacht hat, anstatt mich als untätigen A11hörer furchtbarer Nachrichten außerhalb der Ereignisse zu stellen. Wohl niemals hat sich dies Zusamengehörig־ keits- und Heimatsgefühl, das ich Dir beschrieb, so ausgeprägt fühlbar gemacht als in dieser Zeit in Erez-Israel, mehr als je lebt in allen, die diese Tage hier erleben mußten, der glühende Wunsch, dies Land zu ihrer Heimat zu machen, und niemand ist trotz allem Furchtbaren auch nur einen Moment verzweifelt oder verzagt! Dies mußte ich Euch vor allem sagen. Und nun zu den Ereignissen! Als ich Dir letzte Woche schrieb, dachten nur die wenigsten an irgendwelche ernsten Ereignisse. Die Lage schien so ruhig, daß Herr M. am Mittwoch voriger Woche nach Europa fuhr. Am Donnerstag kamen die ersten beunruhigenden Nachrichten aus Jerusalem. Zum ersten Male griffen Araber außerhalb der Mauer jüdische Quartiere an. Die Regierung war immer noch blind, hatte keinen Schimmer von der Tragweite der Sache und glaubte, daß es sich um eine lokale Angelegenheit handele, die auf religiösen Fanatismus zurückzuführen sei. Keinerlei militärische Schutzmaßnahmen wurden ergriffen. Die Juden dagegen erkannten den Ernst der Situation und organisierten schnell wirksame Abwehrtrupps, die die Araber mit großen Verlusten heimschickten. Von jüdischer Seite ging man trotzdem mit größter Zurückhai־ tung vor und kein einziger arabischer Angriff wurde durch irgendeine Provokation von jüdischer Seite veranlaßt. Die Verluste auf jüdischer Seite waren Gott sei Dank sehr gering. Aber leider überfielen die Araber plötzlich Vorstädte und Stellen, an denen man keinerlei Gefahr vermutete, und die Araber haben dort entsetzlich gehaust... Das Leben in Tel-Awiw während der kritischen läge wird wie folgt geschildert: In Jaffa sind sämtliche Läden und die meisten Banken geschlossen. Der Verkehr zwischen Jaffa und Tel-Awiw hat nahezu vollkommen aufgehört, und Autos fahren nur unter militärischem Schutz. In Tel-Awiw dagegen sind sämtliche Geschäfte geöffnet, die Arbeit ist nirgends unterbrochen, soweit nicht die Arbeitskräfte für die Haganah in Anspruch genommen werden. Die Straßen sind tagsüber natürlich voll von Menschen, überall bilden sich Gruppen, entweder um die Anschläge zu studieren oder um die Lage zu diskutieren. Das Bild einer ungewöhnlichen Aufregung und Nervosität, das lebhaft an die Kriegszeit im Anfang in Deutschland erinnert. In Jaffa zeigen die Araber gegen dort passierende Juden wenigstens offen keine feindselige Haltung. Auch hier gibt es zwei Parteien, von denen die friedlich gesinnte, welche eine Schädigung der Wirtschaftliehen Existenz erleidet, die Ueberhand hat. Die Stimmung unter ejen Jud$n ist angesichts c|er Opfer natürlich,äußerst aufgeregt, aber keineswegs gedrückt. Ehe Telegraphenämter sind umlagert und überlastet. Jeder will seine Angehörigen im Ausland benachrichtigen, oder empfängt besorgte Telegramme von seinen Verwandten... Ueber die Haltung der Regierung heißt es in dem Brief: Bis unmittelbar vor der Ausdehnung des Aufstandes haben sich diese Beamten eingeredet, daß es sich um Demonstrationen der Araber im Zusammenhang mit der Klagemauer handele. Anstatt einen klaren Standpunkt einzunehmen, lavierten sie zwischen Arabern und Juden hin und her. Der Vertreter des High Commissioners, Luke, entblödete sich nicht, an den Rabbiner Kuk ein Schreiben zu richten, in dem er die Juden zur Zurückhaltung und Vorsicht mahnte und ihn ersuchte, einen entsprechenden Einfluß auf die Juden auszuüben. Daß er ein ähnliches Schreiben an die Araber gerichtet hätte, davon hat man nichts gehört. Kuk hat ihm in würdigster Weise geantwortet und die Zumutung zurückgewiesen, indem er energisch betonte, eine solche Mahnung an die Juden, die nur friedliche Absichten bisher bekundet hätten, wäre unnötig, dagegen kämen alle Unruhen und Provokationen nur von arabischer Seite, die durch den ungenügenden Schutz seitens der Polizei geradezu ermutigt würde. — Bei den letzten Unruhen an der Klagemauer war ein jüdisches Opfer — Misrachi — zu beklagen, die Regierung forderte von den Juden, die Beerdigung nachts vorzunehmen, was naturgemäß entrüstet zurückgewiesen wurde. Bei der in früher Morgenstunde vorgenommenen Beerdigung kamen Zu- ׳Sammenstöße zwischen Polizei und Juden vor, da die Polizei den Juden den üblichen Weg durchs Jaffator verboten hatte, diese aber trotzdem dort passieren wollten. Die Polizei schlug in rohester Weise auf die Trauernden ein. Früher hatte man sich nicht geschämt, bei dieser Beerdigung arabische Polizisten fungieren zu lassen, welche erst auf energischen Protest der Juden entfernt wurden. Diese Beerdigung scheint für die Araber das Zeichen zum Beginn des Aufstandes gewesen zu sein, der noch in der gleichen Nacht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß dieser Aufstand auf die Hetze der Muftis zurückzufiihren ist, die dazu von syrischen Agitatoren angestiftet wurden... Die englische Beamtenschaft hat niemals den Juden positive Unterstützung gewährt und sich stets als Hemmschuh gegen die jüdische Entwicklung erwiesen, sie zeigte gegenüber den arabischen Bemühungen zur Hinderung und womöglich Vernichtung jüdischen Vorwärtskommens eine mehr als wohlwollende Neutralität. Manche Beamte hatten offenbar antisemitisehen Charakter, so waren sie geradezu blind gegenüber den politischen Machenschaften der Araber, wenn es auch wohl nicht richtig ist, daß sie diese sogar unterstützt hatten. Es ist nicht zu leugnen, daß in gewissem Sinne auch den Juden ein Teil der Schuld am Verhalteil dieser Beamten zufällt, und zwar deshalb, weil sie es absolut nicht verstanden haben, mit der englischen Beamtenschaft einen gesellschaftlichen Kontakt persönlicher Art. über den rein offiziellen Verkehr lünauSj herzustellen. Die Araber dagegen haben es verstanden, die einzelnen Beamten zu sich heranzuziehen, gesellschaftlichen Anschluß zu finden, wobei intime Diners und Whisky nicht die kleinste Rolle spielten. Die Araber haben es so verstanden, in privater Fühlung die englischen Beamten für ihre vorgeblich rein friedliehen Bestrebungen zu interessieren und sie über ihre wahren Gesinnungen und Absichten zu täuschen. So mag cs leicht gewesen sein, diese Beamten unterer Kategorien zu überzeugen, daß die Juden sich in alte arabische Besitzrechte hincindrängen wollten usw. und so das inaktive Verhalten den jüdischen Be- Strebungen gegenüber, sowie die versteckten Widerstände seitens der englischen Beamtenschaft zu erreichen ... Alle Verluste auf englischer Seite sind auf das Konto der Araber zu schreiben und keinerlei Verdrehung oder Vertuschung kann auch nur im geringsten dem jüdischen Jischuw irgendwelche Provokation vorwerfen. Die Juden haben sich geradezu musterhaft benommen, und ihre Unternehmungen beschränkten sich ausschließlich auf Abwehr und Verteidigung. Die jüdische Bevölkerung Palästinas hat eine geradezu bewundernswerte Ruhe und Haltung gezeigt. So unendlich traurig die Opfer sind, welche die Unruhen gefordert haben, so werden sie doch nicht umsonst gewesen sein, wenn sie eine klare unzweideutige Politik der Mandatarmacht zur Folge haben, die eine gesunde Basis für den jüdischen Aufbau und eine Konsolidierung der jüdischen Arbeit ergibt... A. Wolf. Der Pogrom in Safed Was die Regierung iai ln der ,,Frankfurter Zeitung“ gibt ein Augenjeuge, selbst Hotelier in Sa f ed, eine beklemmende Schilderung der Vorgänge, der wir Nachstehendes entnehmen: Nicht die Metzelei war das schlimmste, o nein. Schlimnier war es vorher und am schlimmsten war es nachher. Fast eine Woche lang lebten wir in der Qual der Erwartung, Mein Hotel war mit Kurgästen überfüllt, in ganz Safed war kein Bett mehr zu haben. Als die ersten Nachrichten von arabischen Ueberfällen im Lande kamen, wollte natürlich alles Wegreisen, aber da machte die Regierung Schwierigkeiten, Der Weg sei unsicher, sie könne keine Verantwortung übernehmen. Die Chauffeure wurden ängstlich und wollten nicht mehr fahren. Die Regierung erklärte, Polizei zum Schutze nicht mitgeben zu können, und untersagte am Ende den ganzen Verkehr. Dann kam das Verbot des Telephonverkehrs, und so waren wir schon von Montag ab vom ganzen übrigen Lande abgeschnitten. Sie können sich die Stimmung meiner Gäste denken. Inzwischen begann sich in Safed allerhand vorzubereiten. Jeden Tag sahen wir von der Höhe meines Hauses herab Umzüge in der Araberstadt. Reiter kamen und gingen. Das Trommelgerassel hörte nicht auf, die Erwartung wurde immer unerträglicher. Jeden Tag sprach ein anderer von uns mit der R ej i e r u ת g, aber da war gar nichts zu machen. Der Zivilgouverneur ging In seinem Büro auf und ab und rang die Hände. (Der Gouverneur von Safed war ein Jude, er hieß Kuppermann. — Anm. d. Red. ״J. R.“.) Wir baten den Polizeichef, die lokale Polizei, die fast nur aus Arabern bestand, durch einige englische Polizisten verstärken zu lassen. Er hatte nur die Antwort: das sei nicht nötig. Aber was tat er? Er ordnete an, daß alle jüdischen Einwohner sich strikte in ihren Häusern zu halten hätten. So war die Judenstadt ausgestorben, und jetzt dehnten die Araber ihre Prozessionen bis auf die Judenstadt aus. Tag für Tag kamen die lärmenden Demonstrationen näher, wurden die fanatisierfen Banden kühner und zuchtloser. Es galt schon als lebensgefährlich, von meinem Hotel in die Stadt zu gehen oder zu fahren, sei es auch nur, um Lebensmittel einzukaufen, oder ein bißchen Verbindung mit den Freunden in der Stadt aufrechtzuerhalten. Wir setzten unser Haus in. Verteidigungszustand. Da keiner der Gäste eine Waffe hatte, sammelten wir Steine, die Fenster und Türen wurden verstellt, nachts herrschte ein richtiger Wachtdienst, und so lebten wir von Montag bis Donnerstag, und es wurde uns immer klarer, daß wir verloren waren. Können Sie sich diese Zeit vorstellen? Von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten, einem Mob ausgeliefert, der von Tag zu Tag rasender wurde, in den Händen einer Regierung, die unfähig oder machtlos war — es war eine schöne Sommerfrische für meine Gäste. Am Donnerstag mittag wollte der Zeichenlehrer S. aus Haifa, einer meiner Stammgäste, in das Hadassah-Hospital herunterfahren, um Informationen zu holen und einen neuen Versuch zu machen, sich mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen. In diesem Moment klingelte das Telephon der Hadassah: Alles zu Hause bleiben! Es sind Unruhen im Gange! S. kam zurück, eine furchtbare Aufregung brach los. In wenigen Minuten hatten die Gäste mein ganzes Haus demoliert. Was nicht niet- und nagelfest war, diente als Barrikade, wurde hinter die Türen und Fenster gestellt, und da hörten wir auch schon das Schreien aus der Judenstadt. Ich wollte noch einen letzten Versuch machen, mich mit der Stadt in Verbindung zu setzen. Als ich mit einem Begleiter auf den Hof hinaustrat, sahen wir den Brand von Safed, hörten wir das Gebrüll der Araber, die von allen Seiten in die Judenstadt eindrangen, das schreckliche Geschrei der Opfer, die Detonationen der explodierenden Benzinkanister und Petroleumfässer. Kein Gedanke, in die Stadt zu kommen. Die letzte Tür verrammelt. Drum ans Telephon. Eine halbe Stunde die Kurbel gedreht. Kein« Antwort. Schließlich erreiche ich den Gouverneur. ״I c 11 kann nichts machen, bleiben Sie ruhig in Ihrem Hause!“ Neuer Versuch, die Hadassah zu bekommen. Keine Antwort. Nach einer Stunde endlich meldet sich das Amt. Meine Nerven halten nicht mehr stand, ich brülle die Telephonistin an. Das ebenso überreizte Mädel brüllt zurück: ״Wenn Sie schimpfen, gebe ich Ihnen überhaupt keine Verbindung.“ Schluß. So saßen wir von 4 bis 8 Uhr. Das Geschrei hörte nicht auf, Brandgeruch und der unerträgliche Gestank des brennenden Petroleums nahmen uns fast den Atem. Dann Schüsse. Erst dachten wir, es sei Militär da, später erfuhren wir, daß um die Zeit der Polizeichef ein bißchen eingegriffen hatte, indem er seine Polizisten in die Luft feuern ließ. Tatsächlich hörte damit sofort das Morden auf. Nicht aber die Plünderung. Das Geschrei der Opfer, das Geheul der plündernden Menge ging weiter. Um 8 Uhr kriege ich endlieh wieder den Gouverneur ans Telephon. ,,Ich schicke Ihnen zwei Leute, die können Sie ins Regierungsgebäude bringen.“ Zwei Polizisten kamen, und wir alle verließen das Haus und zogen ins Regierungsgebäude, wo wir uns todmüde, krank, zerbrochen in einem leeren Zimmer auf die Erde legten. Da, um 11 Uhr, kommt näher und näher ein erneutes Geheul, Gejammer, Geweine, und mit einem Male dringt das ganze jüdische Safed in den Hof des Regierungsgebäudes. Irgendwie war das Gerücht entstanden, daß Araber aus den umliegenden Dörfern im Anmarsch *uf Safed seien. Der Polizeichef, der wußte, daß er vor morgen kaum aut militärischen Schutz rechnen konnte, hatte die Räumung der Judenstadt anbefohlen. Und so kamen sie alle nachts uni 11 Uhr aus den Gassen und Gäßchen, aus den Winkeln und Löchern unserer Bergstadt. Eben noch waren die Araber brüllend, brennend, mordend durch die Straßen gezogen, jetzt wurden die Opfer mit Polizeigewalt aus ihren Häusern gerissen und von denselben arabischen Polizisten, die untätig dem Gemetzel zugesehen hatten, den Berg hinaufgeführt, durch die brennende Stadt an den Mörderbanden vorbei. Jeder war überzeugt, daß man sie zur Schlachtbank trieb. So kamen sie in den Hof des Regierungsgebäudes, Im Dunkeln, nur von ein paar Fackeln beleuchtet, 3000 Mensehen, Greise, Frauen, Kinder, Kranke, Verwundete. Im Hof war nichts als nackte Erde, und lange nicht Platz genug für die Menge. Sie drängten ins Haus, sie wurden hinausgejagt. Sie schrien nach Brot, cs war keins da. Sie verlangten Wasser, der Hahn war abgebrochen. Sie saßen, sie standen und sagten Sterbegebete. Der Morgen kam, eine kleine Truppe Militär erschien. Aber nichts änderte sich. Die Judenstadt brannte, einen Tag und zwei Nächte dauerte der Brand. Die verlassene Stadt war den Arabern preisgegeben, drei Tage dauerte die Plünderung. Das Militär hatte Befehl, nur in die Luft zu schießen, nur die Hauptstraße freizuhalten. Alles andere war dem arabischen Mob ausgeliefert. Die Sonne brannte auf den Hof. Die Juden schrien nach Brot, die Kinder jammerten nach Wasser und Milch. Der Gouverneu r ging in seinem Zimmer aut und ab und raiig die Hände. Eine Deputation kam zu ihm: ״Wir wollen in unsere Häuser^ wir wollen Essen holen.“ ״Geht, wenn ihr wollt, aber ich kann euch nicht schützen.“ Schroffer, barscher noch der Polizeichef. Ein einziger Abort war da für 3000 Menschen. Wie der ausgesehen hat, davon können Sie sich keinen Beriff machen. Da war ein langer Gang, und durch diesen Gang rann der stinkende _ Ablauf der Kloake. Ich zum Gouverneur: ״Geben Sie mir ein paar Leute, wir wollen den Abort säubern, wir wollen die Wasserleitung reparieren.“ Er stand da und rang die Hände: ״Wenden Sie sich an den Polizeichef.“ Der war nicht zu finden, und als er kam, hatte er keine Leute zur Hand. Nachmittags endlich kam etwas Brot, das die Juden aus Tiberias schickten. Wir versuchten die Verteilung zu orgamsiereri. Im Nu waren wir überrannt. Wie die Wilden stürzten sie sich auf die Brotkörbe, balgten sich, schlugen sich. Es war nicht zu helfen. Wasser war immer noch nicht da, und die Sonne brannte. So kam die zweite Nacht. Wir Bevorzugten, die wir ein Zimmer hatten, lagen auf der nackten Erde und versuchten, ein wenig zur Ruhe zu kommen. ־ Ich wußte genau, das war unsere letzte Nacht. Die arabische Polizei fraternisiert mit dem Mob, eine Handvoll Militär, dem aber streng verboten ist, auf die Araber zu schießen, eine tatenlose Lokalregierung, und wir alle 3000 Juden eingesperrt in den Käfig des einen Hofes ohne Waffen. Was war einfacher für die Araber als den Hof zu überfallen, tim uns alle mit einem Male abzutun? Ich lag und lag in der Dunkelheit und wartete auf das Ende. Da, es mag 4 Uhr sein, geht es los. Ein Schuß, ein zweiter, ein wildes Geknatter aus Gewehren und Maschinengewehren setzt ein. 3000 Menschen schreien, heulen, weinen in der Finsternis. Die Scheiben klirren, die Kugeln schlagen ins Zimmer, jetzt ist das Ende da! Ich habe nur einen Gedanken, — wenigstens aus dem Zimmer heraus, ins Freie. Im Zimmer ist es totenstill, wahrscheinlich äind meine Kameraden schon geflüchtet Die Kugeln sausen durch das Zimmer, so wage ich nicht aufzustehen. Auf der Erde wälze ich mich bis zur Tür, ich öffne die Tiir, rolle mich auf den Gang und bleibe liegen. Das Geschieße dauert an, mehr als eine Viertelstunde ist ein ununterbrochenes Geknatter der Gewehr«. Dann hört man die wütende Stimme des Polizeichefs, der Einstellung des Feuers befiehlt. Es war ein blinder Lärm gewesen. Aber das Geschieße der Polizei hat zwei Juden das Leben gekostet. Ich wage nicht zu atmen. Werden jetzt die Araber hereinkommen, werden sie uns schlachten? Dann merke ich Feuchtigkeit um mich herum, — ich liege mitten in dem eklen Sod. der aus dem Abort herausläuft. Nichts hält mich mehr, doch als ich aufspringe und hinauslaufen will, ist der Weg versperrt. Alles hat sich aus dem Hof in diesen Gang gedrängt. Hunderte von Menschen liegen durcheinander, übereinander und um sie herum, über sie, zwischen ihnen fließt die Jauche der Kloake. Am Morgen haben wir dem Polizeichef erklärt, daß wir nicht länger im Regierungsgebäude bleiben. Wohl oder übel gab er uns eine Kohorte mit, die uns bis in die Haupt- Straße brachte, und dort haben wir uns dann auf einzelne Häuser verteilt und haben angefangen die Ordnung zu machen, die die Regierung zu schaffen versäumt hatte. Im zweiten Morgenblatt vorn 8. d. M. bringt die ״Frankfurter Zeitung“ noch einen ״Klagebrief aus Pa- 1 ä s 11' n a“, und zwar aus Haifa, Berg Karmel; auch darin wird die Schuld der englischen Beamten mit Nachdruck betont. Arabisch« Anwälte gegen Kollektivstralen Jerusalem, 4. Oktober. (J. T. A.) Das Gericht in Jerusalem tagt gegenwärtig unter dem Vorsitz des Kommissars für Böden, Herrn Abramsohn, um zu entscheiden, welche Dörfer in der Nachbarschaft der jüdischen Kolonie Artuft in der Nähe von Jerusalem wegen der Ausplünderung und Niederbrennung dieser Kolonie kollektiv zu strafen sind. Die arabischen Anwälte beantragten, daß gegen solche Dörfer, in denen Einzelpersonen bereits wegen Plünderung abgeurteilt sind, nicht mehr vorgegangen werden soll. Als das Gericht diesen Antrag ablehnte, verließen alle arabischen Anwälte demonstrativ das Gerichts- Zimmer. Das Gericht beschloß trotzdem, die Verhand- Iung weiterzuführen. Bodenkommissar Abramsohn, der frühere Gouverneur des Norddistrikts, wurde wegen seines jüdisch klingenden Namens oft von arabischen Nationalisten und Araberfreunden in London angegriffen, er ist aber Nichtjude. Der Distriktskommissar von Jerusalem, Major Keith Roach, hat sich entschlossen, gegen Boykottagitatoren persönlich zu judizieren. Für jeden Fall einer Bovkottpropaganda vor jüdischen Geschäftsläden legt er eine Geldbuße von 25 Pf. auf. Der Vater eines in Hebron getöteten amerikanischen Jeschiwah-Studierenden erhebt als Schadenersatz einen Anspruch von 250000 Dollar. ״Normal.“ Wir haben bereits mehrfach über die unglückselige Kontroverse berichtet, die sich in Palästina über die Frage der Verstümmelungen in Hebron entsponnen hat. Charakteristisch für die geschaffene Situation ist eine kleine Begeben■ heit, die uns ein Freund aus Palästina mitteilt. Als nach den Unruhen ein jüdischer Beamter wieder in das Büro kam, in dem er arbeitet, sagte ihm ein arabischer Kollege: ״I don’t know what the Jews want. All the Jews in Hebron have been no rm a 11 y kille d.“ (Ich weiß nicht, was die Juden wollen. Alk die Juden in Hebron sind ganz normal getötet worden.)

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