Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 80-81 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653135--21096-2679153- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 80 81, 11. X. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 537 Das polnische Judentum und die Ereignisse in Palästina Begeisterung und Opferbereitschaft — Hilfsaktion und chaiurische Alijah. — Tagung der ״Oordoniah“. — Agudah und Jewish Agency. — Antizionistischer Feldzug des Bund. (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, 3. Oktober. Die Haltung des polnischen Judentums während und nach den Unruhen in Palästina muß als ausgezeichnet bezeichnet werden. Eine tiefe Bewegung der Teilnahme und Mitverant- Wartung ging durch das ganze Volk in allen seinen Schattieriingcn. Die starke Verbundenheit der jüdischen Massen mitdem lande ihrer Zukunft kam klar zum Vorschein; eine freudige Ucherraschung für so nfanche Pessimisten unter uns, ein vielsagendes Zeichen für unsere Gegner. Es war nicht nur Sorge uni die vielen Freunde und Verwandten, die man im Erez-fsracf bedroht fühlte, es war vielmehr Kummer und Pein infolge des bedrohten W e r k e s , und in vielen Massenkundgebungen, in Gesprächen einzelner sah man die starke Beunruhigung der polnischen Juden wegen der Gefahren, die dem Nationalen Heim, ihrem Nationalen Heim drohen. Zugleich merkte man feste Zuversicht und ungebrochenen Willen, den Leidenden und dem Lande nach besten Kräften schnellstens zu helfen. Spontan waren die Manifestationen für Palästina in allen Teilen der Republik, ungerufen kamen die ersten Spender. Die Sammlungen für die Notleidenden sind noch nicht beendet, aber es ist vorauszusehen, daß sie eine Höhe erreichen werden, welche dem Enthusiasmus und den gegenwärtigen materiellen Möglichkeiten der polnischen Juden entsprechen werden. An dieser Hilfsaktion beteiligen sich samtliehe Schichten der Bevölkerung und sämtliche Parteien mit Ausnähme des ״Bund“, Die jüdischen Gemeinden gingen mit ihrem Beispiel voran, manche, wie z. B. in Warschau und in Lodz unterstützten tatkräftig die Hilfskomitees. Die ״Agudah“ hat, noch vor Zusammentritt der Kneßio in Wien, die Stimmung des Volkes herausgefühlt und wagte cs kaum, dieser Stimmung entgegenzutreten. Ja, in vielen Orten bcieiligte sie sich an den Sammlungen, wenn sie auch Reservationen formeller Natur vorbrachte. Dem ist cs vielleicht auch zuzuschreiben, daß die Delegierten der Agudah aus Polen, den Gefühlen und Meinungen der jüdischen orthodoxen Massen in Polen Rechnung tragend, entschieden in Wien für den Eintritt in die Jewish Agency plädierten. Der negative Wiener Beschluß findet kaum Verständnis bei der breiten Masse in Polen, welche trotz der Erklärungen der Parteiführer stark palästinensisch denkt und fühlt und sicherlich für eine Einheitsfront zu haben ist. Die Stärkung der palästinensischen Einheitstront durch die Züricher Tagung der Jewish Agency machte sich in ihren Auswirkungen, wenn auch bisher nur mittelbar, in Polen ebenfalls stark bemerkbar. Es wird sicherlich Sache aller kompetenten Faktoren sein, schon in der nächsten Zukunft den polnischen Teil der Jewish Agency zu aktivisicren und nach vorhandenen Möglichkeiten zu erweitern. Wenn auch das verarmte polnische Judentum nicht imstande ist, dem Hilfsfonds für Palästina diejenigen Geldsummen zuzuführen, die adiquat seiner Begeisterung wären, gibt es aber sei.1 kostbarstes Gut weg, das doch mit keinem Gelde gemessen werden kann, seine beste Jugend. Ein unaufhörlicher Strom von C h a 1 u z i m aus Polen ergießt sich in den letzten Wochen nach Palästina. Alle verfügbaren Zertifikate werden voll ausgenutzt, leider reichen sie kaum aus, um auch nur einen Bruchteil der ausgebildeten und marschbereiten Pioniere zu befördern. Wollte man in diesen Wochen Trost finden im Golus, man brauchte nur die Chaluzgruppcn zu besuchen, am Warschauer Bahnhof die Abreise der bereits glücklich ihre Fahrt Antretenden, beobachten. ln Lodz fand gerade die erste Landestagung der Jugend- Organisation ״G o r d on i a b“ aus Kongreßpolen und den Randgebieten statt. Wahrlich, es konnte keine bessere Antwort auf die Ereignisse in Palästina gegeben werden, als diese imposante Tagung. Jugendbegeisterung, gepaart mit reifem Emst, riehdige Würdigung des Geschehenen, tiefer Einblick in die Probleme Erez-Israeis, persönliches Verantwortungsgefühl, ungebrochener Wille zur Verwirklichung; all dies kam bei dieser Jugendtagung so stark zum Vorschein, daß die dabei anwesenden palästinensischen Chawerim Ncscha und Schmetterling aus Daganiah wohl fühlen mußten, daß die Ideale A. D. Gordons tiefe Wurzeln in diesen Jugendseefen schlugen. Man rückte bewußt und entschlossen bei dieser Tagung von den die Konjunktur und die Begeisterung der Jugend ausnutzenden ״starken“ Ideologien und ״konsequenten“ Richtungen ab und beschloß auf die einzig mögliche Weise in die Fußstapfen Trumpeldors zu gehen: die Alijah zu stärken. Die ersten Gordoniahgruppen werden bereits cingeschifft, während diese Zeilen in Druck kommen. * Es war vorauszusehen, daß der ״Bund“ absolut keine Teilnähme an diesem heroischen Kapitel unserer Schicksals-Geschichte bekunden werde. Daß e r aber, genau so wie die Konimunisten, sich derart skandaliös benehmen, so unverschämt zynisch auftreten werde — dies hat niemand vorauszusehen gewagt, sich selbst als revolutionäre, freiheitliche, vor keinen Blutopfern zurückschreckende Bewegung immer und überall zu bezeichnen und zugleich die sich wehrenden und_ opfernden, für ihre Freiheit kämpfenden Menschen der Arbeit in Palästina zu beschimpfen — das konnte man von keiner proletarischen Partei, sogar vom ״Bund“ erwarten. Und es geschah doch, ln seiner Presse, aut Versammlungen, in seinen jiddischistischen Schulen treibt der ״Bund“ in den letzten Wochen eine unverblümte Propaganda gegen Palästina und gegen den Zionismus, wie man sie nur bei den Kommunisten beobachtet. Kein Mittel der Demagogie ist ihnen schlecht genug. Diese verleumderische Hetze ist des ״Bund“ Antwort auf Zürich. Es regt sich überall in Polen eine Entrüstung gegen die Führer des ״Bund“ (denn die Masse wird von ihnen nur genasführt), und diese Reaktion des Volkes kann fruchtbringend sein. Man war gegen die Schul- und Kulturinstitutionen des ״Rund“ bisher neutral, nunmehr ist ihnen ein starker Kampf angekündigt worden. Die Stimmen der Histadruthführer aus Palästina, die von Schalom Asch werden hoffentlich die Unwissenden und die Irregeführten belehren. Ein geeinigtes Auftreten der Zionisten in Polen wird endlich helfen, dem ״Bund“ seine Maske herunterzureißen. Die Vergiftung der jüdischen Jugend beginnt bereits der Bund“ in den unter seiner Aegide stehenden jiddischen Schulen der Zentralen Jiddischen Schulorganisation (Zischo), für die doch der ״Bund“ auch im Auslande unter den nichtswissenden, gutgläubigen bürgerlichen und nationalen Juden Geld und Sympathien wirbt. Hierzulande wird der arme, aber nationalgesinnte kleinbürgerliche Jude mit allerhand Mitfein bewegen, sein Kind diesen Erziehern zu übergeben. Damit muß es ein Ende nehmen. Man geht hier daran, dem ״Bund“ seine verräterische Arbeit unmöglich zu machen. Bundeskanzler Schober empfing Baurat Robert Stricker in längerer Audienz, in deren Verlauf eine Anzahl die Interessen und Wünsche der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs betreffende Fragen zur Erörterung gelangten. Frankreich und die Vorgänge in Palästina Von unserem Korrespondenten. ar. Paris, 7. Oktober 1929. In einem früheren Bericht wurde auf das ungewöhnlich starke Interesse der französischen Oeffentlichkeit an den Vorgangen in Palästina hingewiesen. Heute kann diese Feststellung dahin ergänzt werden, daß dieses Interesse — was bei der Vielseitigkeit der politischen Inanspruchnahme ungemein bedeutungsvoll ist — auch gegenwärtig noch fortbcstcht. Als Syrnptom in diesem Sinne mag gedeutet werden, wenn der ״Matin*‘, eines der meist gelesenen Blätter des Landes, gleich zwei Sonderbcrichtcrstatter zum Studium der jüdischen Frage aussendet, den einen nach Palästina, den anderen nach Polen, dem ״Quellgebiet der Geschehnisse“, und durch zwei Wochen fast täglich auf der ersten Seite einen Artikel über die jüdische Frage bringt. In dem ersten Bericht wurde das französische Interesse auf eine sehr positive Ursache zurückgeführt: den Wunsch nach Aufrechterhaltung der Ruhe in Palästina, in dem Gefühl, daß jede nationale arabische Bewegung in Palästina unfehlbar ihre Rückwirkung auf das syrische Nachbarland ausüben müsse, zumal dieses stets einen Herd der Gärung bildet, und weiters, daß jedes Aufflammen einer Unabhängigkeitsbewegung unter den farbigen Völkern bei dem zunehmenden nationalen Selbstbewußtsein dieser Völker für alle koloniale Herrschaft wie eine Zündschnür unter einem Pulverfaß wirken müsse. Doch wie für den Einzelnen neben dem Streben nach eigenem Nutzen der Wunsch nach dem Schaden des Rivalen oft eine übergroße Rolle spielt, so gilt dies auch für das politische Leben der Völker. Es wäre unsachlich, in dem Empfindungskomplex, der sich in Frankreich als Reaktion der Vorgänge in Palästina ergab, die negative Quelle zu übersehen: eine gewisse Genugtuung über die Schwierigkeiten Englands. — Neben den Gründen, die der allgemeinen kolonialen Rivalität entspringen, kommen hier für Frankreich besondere Ursachen hinzu: die Schwierigkeiten, die Frankreich in Syrien zu bestehen hatte, wurden von beträchtlichen Teilen der französisehen Oeffentlichkeit stets auf mehr oder minder greifbare englische Intrigen zurückgeführt. Die interessierten Kreise können nicht vergessen, daß überdies in England und vielfach anderwärts die relative Ruhe in Palästina den Wirren in Syrien gegenübergestellt und mit der Ueberlegenheit der britischen Kolonisationsmethodc erklärt wurde. Dies alles macht cs verständlich, wenn sich in der französischen Oeffentlichkeit neben entgegengesetzten Einflüssen auch eine Tendenz zeigt, die Schwierigkeiten Englands möglichst zu unterstreichen. In diesem Sinn sind gerade die beiden Artikelreihen des ״Mat in" beachtenswert, die im wesentlichen darauf hinzielen, Intensität und Berechtigung der jüdischen wie der arabischen Wünsche zu betonen, die jedoch, weil auf den gleichen Gegenstand gerichtet, unvereinbar sind und daher die mit der Lösung der Frage beauftragte Macht, England, in eine ungemein schwierige Lage vor der Gesamtheit der Juden, wie vor der Gesamtheit der Muselmanen, beides internationale Faktoren von grundlegender Bedeutung für das britische Weltreich, bringen müssen. Wenn auch die Berichte der beiden Mitarbeiter des ״Matin“ nicht durch Sachkenntnis, Gründlichkeit der Untersuchung oder Scharfblick sich auszeichnen, so sind sie doch für die zionistische Oeffentlichkeit beachtenswert, weil sie bedeutungsvoll sind für die Bildung der öffentlichen Meinung in einem Lande, das in internationalen Fragen den Einfluß Frankreichs besitzt. Aus Warschau berichtet der Mitarbeiter des ״Matin“ .zunächst die Auffassung Farbsteins: ״Seit langen Jahren haben wir unsere Politik, wenn man unsere Bewegung sozialer und religiöser Solidarität so nennen kann, auf ein restloses Vertrauen zu England aufgebaut. Dieses Vertrauen, das muß gesagt werden, wurde ungeheuer erschüttert, wenn nicht völlig zerstört. Wir begreifen noch nicht recht, warum England die r>inge soweit kommen ließ; doch sind wir sicher, daß cs nichts getan hat, um den Pogrom zu verhindern.“ Ein zweiter Artikel ist einer Besprechung mit G rii n ba u m gewidmet. ״Stets hat er“, so meldet der Berichterstatter, ״vorausgesagt, daß eine Politik der Unterwerfung und des Kompromisses England gegenüber, dem jüdischen Volk bitterste Schande bringen müsse.“ — Der verhängnisvolle Einfluß Englands für die zionistische Bewegung wird nach dem Bericht am unmittelbarsten deutlich in der Einwanderungsfrage. ״Wenn Sie mir hunderttausend Pässe für Palästina gehen“, erklärte der Präsident des Hechaluz, ״so brauche ich nicht lange, um sie zur Verteilung zu bringen. Heute schon stehen mir dreißigtausend junge Leute mit besonderer Schulung zur Verfügung, die ich sofort nach Jaffa senden könnte. Wir sind doch durch die Einwanderungsbeschränkungen, die mindest ebenso streng sind wie jene der Vereinigten Staaten, wenn nicht noch strenger, unterbunden. Palästina leidet unter Arbeitermangel. Die Arbeiter sind noch nicht ausgeschifft und schon reißt man sich um sie. Die Einwanderungsbeschränkungen stammen aus der Zeit der Wirtschaftskrise von 1927; man läßt sie fortbestehen, um die Juden auf eine Minderheit zu beschränken.“ — in einer jüdischen Schulfarm sucht der Berichterstatter die Wirkung der Vorgänge in Palästina festzustellen: ״Jetzt erst beginnt der Zionismus“, erklärt ihm einer der anwesenden Chaluzim, Und ein anderer setzt fort: ״Mit oder gegen England!“ Der Sonderberichterstatter des ״Matin“ in Palästina, Jean Rodes, stellt als erstes Ergebnis seiner Umfrage fest, ״daß beide Teile in gleicher Weise mit den englischen Behörden unzufrieden sind.“ ״Gewisse Juden“, so wird weiter hervorgehoben, ״beschuldigen die Beamten der Kolonialverwaltung und des Intelligence Service nicht nur der Begünstigung der Araber; sie behaupten auch, daß jene zur Vorbereitung der letzten Ereignisse beigetragen haben.“ — Aus einer Unterredung mit dem Präsidenten des arabischen Exekutivkomitees, Mussa Käsern Pascha, hebt Rodes die Erklärung hervor: ״Man kann cs uns nicht zum Vorwurf machen, wenn wir es ablehnen, uns der Herrschaft Eingewanderter zu beugen.“ — Rodes findet, man könne die Wirkungskraft dieser Argumentation nicht leugnen. Er kommt zur Ansicht, daß das gespannte Verhältnis in Palästina auf die besonders lebhafte Tätigkeit der zionistischen Bewegung in diesem Jahr, namentlich auf die Vorgänge in Zürich, zurückzuführen sei. Aus den jüdischen Aeußerungen glaubt er, die Erwartung auf einen jüdischen Staat zu erkennen. Der geheime Gedanke aller sei: Ueberzahl und Uebermacht zu erlangen. Die beiden Artikelreihen sind nicht abgeschlossen. Es wird möglicherweise Anlaß sein, auf die weiteren Berichte zurückzukommen. Hie Heimwehr, hie Sozialdemokratie Prügelknabe - die Juden (Von unserem Wiener Korrespondenten.) W. H. Wien, Anfang Oktober. Die innerpolitischen Vorgänge der letzten Wochen, die in der Auslandspresse vielfach diskutiert werden, berühren auch das Schicksal der österreichischen Juden. Kein Einsichtiger täuscht sich hier darüber, daß der Angriff der ״Heimwehren“ auf die Sozialdemokratie seine tiefste Nahrung aus dem Antisemitismus zieht. ״Austromarxismus“ sagt man und meint die jüdischen Führer, vor allem Otto Bauer, Breitner, Austerlitz, und Julius Deutsch, während Karl Renner, der Kanzler des Verträges von St. Germain, ja selbst der , rote“ Bürgermeister von Wien, Karl Seitz, lange nicht so sehr Gegenstand der wütenden Haßausbrüche sind. Es wird das lange Sündenregister der österreichischen Sozialdemokratie aufgeziihlt, von der Steuerpolitik Breitners bis zu der wüsten Hetze auf den früheren Polizeipräsidenten und jetzigen Bundeskanzler Schober, der zwei Jahre hindurch als ״Arbeitermörder“ und ״Bluthund“ apostrophiert wurde. Die Wiener Sozialdemokratie, deren taktische und inte!• lektueile Führung fast völlig in jüdischen Händen liegt, hat die Heimwehr mit billigem Hohn abzutun geglaubt. Diese aber machte sich mit Erfolg die elementare Ablehnung von Theorien zunutze, die darum als volksfremd und volksfeindlich bezeichnet werden, weil sie von Juden stammen und von Juden getragen «׳erden. Alle Verdienste der Sozialdemokratie um Oesterreich und besonders um Wien, gelten nicht, da Juden im Vordergrund stehen und sich immer wieder in den Vordergrund drangen. Die österreichische Provinz, die in der Habsburgerzeit ein geschichtsloses Dasein geführt hat, durch die Qualen der Nachkriegszeit hindurchgegangen ist und eben jetzt mitten in einer schweren landwirtschaftlichen Absatzkrise steht, macht für alle ihre Leiden den Marxismus, das heißt für sie, die Juden, verantwortlich. Dieser Haß verzerrt alle Taten der Sozialdemokratie ins Ungeheure und übersieht wissentlich alle Fehler, die andererseits von den Bürgerlichen begangen worden sind. Noch sind sich die Heimwehrführer nicht einig, ob die Bewogung offiziell und programmatisch antisemitisch sei oder nicht; noch behauptet man, nur auf die ,,sozialdemokratischen“ Juden und ihre ״Ueberheblichkeit“ zu zielen, hat man doch sogar Im Heimatbund eine Art Formation für Nichtkombattanten gegründet, die sich herbeiläßt, Juden aufzunehmen und in deren Ver- Sammlungen auch Juden für den Eintritt werben. Aber die wahre Gesinnung zeigte sich bereits im heurigen Frühjahr in einer Kontroverse zwischen der radikalen steirischen Richtung und der gemäßigteren tirolischen, die in die Erklärung auslief, daß man von Juden Geld nehme und sie daher in Ruhe lassen müsse. Der Ursprung der finanziellen Mittel der Heimwehr ist begreiflicherweise in Dunkel gehüllt. Doch wird man kaum fehlgehen, wenn man die deutsche Schwerindustrie und vor allem Flügenberg als Hauptgeldgeber bezeichnet. Die schweren wirtschaftlichen Verwüstungen, die der latente Bürgerkrieg verursachen mußte, hat das Ministerium Schober ans Ruder gerufen. Die Heimwehr hat Schober aus ganz anderen Beweggründen gefordert, denn ihr war er ״der Mann mit der starken Hand“. Es ist zweifelhaft, ob Schober, den wir Juden als ehrlichen und unparteiischen Mann in recht kritischen Situationen der Nachkriegszeit kennengelernt haben, und der auch Mitglied des Pro Palästina-Komitees ist, seine Auftraggeber, die Heimwehrleute, wird befriedigen können. Noch zweifelhafter aber ist es, ob die sozialdemokratische Führung einen geeigneten Rückzug wird nehmen können. Nicht wenige Arbeiter dürften von den nichtmarxistischen Gewerkschaften eingefangen werden, so daß ein numerischer Rückgang kaum vermeidbar erscheint. Dieses Moment aber wird von den Massen den jüdischen Führern an ge kreidet werden und die antisemitischen Instinkte, denen die ״Arbeiterzeitung“ des Juden Austerlitz schon längst gelegentlich Rechnung getragen hat, werden zweifellos durchbrechen, ohne allerdings diese Führer stürzen zu können. Je länger aber die Sozialdemokratie die einmal errungenen Positionen zu behaupten versuchen wird, um so heftiger wird die Heimwehr den schwächsten Punkt dieser Position, nämlich den bei Deutschen auf die Dauer nie versagenden Judenpunkt angreifen. Schobers Kabinett hat ja gleich zu Anfang den ursprünglich in Vorschlag gebrachten, längst getauften Professor Josef Redlich, einen selbst in England hoch angesehenen Kenner der englischen Verwaltung und des Parlamentarismus auf Wunsch der Großdeutschen fallen lassen müssen. Die Juden Oesterreichs gehen stürmischen Zeiten entgegen. Ihre wirtschaftliche Situation ist durch diesen latenten Kriegszustand zu allererst bedroht, während ihre politische Stellung dadurch aufs äußerste belastet wird, daß sic auch selbst zum großen Teil aktiv oder auch nur als Wähler im sozialdemokratischcn Lager stellen. Nur die Zionisten haben das Alibi zu erbringen versucht, daß Sozialdemokratie und Judentum weder gegensätzlich noch identisch ist, weil sie auf verschiedenen Ebenen liegen. Die Angst, möglicherweise ohne Anlehnung an eine politische Partei dazustenen, hat sehr viele den Sozialdemokraten zugefiihrt, die es in geschickter Weise verstanden haben, diese Angst auszunützen und sogar zu steigern. Gerade in diesem Augenblick müßten die Zionisten eine stärkere Aktivität entfalten, müßten auf die Tragik der jüdischen Führer in der Sozialdemokratie hinweisen und die nationaljüdisehe Parole der Selbstbesinnung und Selbstbestimmung propagieren. Selten war ein Zeitpunkt hierfür mehr geeignet. Diese Aufgabe aber trifft die Zionistische Organisation in dem nun schon Jahre dauernden desolaten Zustand innerer Kämpfe tmd verantwortungsloser Indolenz an. Dazu hat der Präsident des Landeskomitees, Dr. Leo Gold hammer, vor kurzem seine Demission gegeben. Drei Jahre hat dieser tapfere Mann in beispielloser Selbstaufopferung die Verantwortung und fast auch die ganze Last der Leitung getragen, bis er im Drange der Vorgänge in Palästina unter dieser Last zusammenbrach. Was er für unsere Idee in Wien getan, darf nie vergessen werden. Ein außerordentlicher Delegiertentag im November wird eine neue Leitung wählen, die dann, dazu ist Hoffnung vorhanden, wenigstens eine geeinte Organisation hinter sich haben wird. Der Antisemitismus der Beamten Unter der Ueberschrift ״So weit haben wir es gebracht“ berichtet der ״D a w a r“ vom 29. Sept. über eine kaum glaubliche Begebenheit, die ein deutliches Licht wirft, auf den in der englischen Beamtenschaft Palästinas heute herrschenden antisemitischen Geist. Nach den Unruhen, so wird dort erzählt, kam aus den Kreisen der englischen Beamtenschaft die Anregung einer Spende für die britische Polizei als Anerkennung für ihre gute Haltung. Es wurde ein Damenkomitee aus den Frauen der hohen Beamten gebildet unter der Leitung der Frau des bereits häufig als antisemitisch bezeichneten Leiters des Gesundheitsdepartements Heron. Das Komitee sandte Aufforderungen nur an christliche Beamte. Als ein hoher britischer Beamter, der Jude ist, eine Spende einsandte, wurde ihm das Geld zurüekgeschickt, da das Komitee beschlossen hatte, von Juden kein Geld anzunehmen. Wie ״Dawar“ weiter berichtet, kam die Angelegenheit zur Kenntnis des Oberkommissärs, der darüber außerordentlich zornig war, die Führer des Komilees zu sich bestellte und die Weiterführung der Aktion verbot!