Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 80-81 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 534 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80/81, ll.X. 1929 (um fortwirken und daß es uns gelingt, sie zu wecken, wo Befürchtungen verschiedenster Art bewirkt haben, daß inan ihren Intuitionen nicht folgt. Der Idealismus der luden der Welt wird Palästina aufbauen und unsere Aufgabe ist es, mit allen unseren Kräften, mit unserer ganzen Persönlichkeit, für die Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina einzustehen." Am Schluß der Rede von Oscar Wassermann erhob sich spontaner Beifall der ganzen Versammlung, der das Schlußwort von Rechtsanwalt Salinger übertönte. Man ging mit dem Gefühl fort, daß diese Rede eine historische Rede in der Geschichte der Jewish Agency in Deutschland sein wird und daß sie nicht nur an die Dresdner Juden gerichtet ist. MacDonald in New York Er empfängt am 11. Oktober eine Abordnung der Jewish Agency New York, 4. Oktober. (J. T. A.) Der britische Prernierminister Ramsay MacDonald, der heute im Hafen von New York eintraf, wurde durch ein vom Bürgermeister James Walker ernanntes Ehrenkomitee an Bord der ״Berengerla“ empfangen, dem von jüdischen Persönlichkeiten Bernard Baruch, Paul Bloch, Bernard Glmbel, Edmund Guggenheim, Henry Morgenthau, Adolph S. Ochs, Mortimer Schiff, Jesse Strauß, B. C. Viadeck, Felix M. Warburg u. a. m. angehörten. Von Bord der ״Berengeria“ hat Ramsay MacDonald am 3. Oktober ein drahtloses Telegramm an Herrn Felix M. Warbürg gesandt, in welchem er mitteilt, daß er bereit sei, am 11. Oktober Im Hotel Weylln eine repräsentative jüdische Ab- Ordnung zu empfangen. Felix M. W a r b u r g hat die folgenden Mitglieder des Administrative Committee der Jewish Agency eingeladen, an der Delegation teilzunehmen: Dr. Cyrus Adler, Präsident des Jüdischen Theologischen Seminars von Amerika; Bernard Flexner, Präsident der Palestine Econo- «nie Corporation; Dr. Lee K. Frankel, Mitglied der Palestine Joint Survey Commission; Richter William M. Lewis, Präsident des United Palestine Appeal; Louis Llpsky, Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas; Morris Rothenberg, Präsident des Keren Hajessod in Amerika. Herr Ramsay MacDonald erklärte einem Vertreter der J. T. A., der ihn nach seiner Ankunft in New York besuchte, er wolle es sich heute versagen, auf die Lage in Palästina im Detail einzugehen, das Kabinett der Arbeiterpartei habe bereits klar kundgetan, daß eine Abweichung von der Balfour-Deklaration nicht in Frage komme. ״Hier in den Vereinigten Staaten," fuhr MacDonald fort, ״befasse ich mich mit den englisch-amerikanischen Beziehungen; die Palästinafrage wird vom Minister des Auswärtigen Henderson Und vom Kolonienminister Lord Passfield behandelt. Am 11. Oktober empfange ich in New York eine Abordnung der Jewish Agency, wobei ich Gelegenheit haben werde, mehr über die Sache zu sagen.“ Dr. Lee K. Frankel, Mitglied der Joint Palestine Survey Commission und der Jewish Agency, der zugleich mit Ramsay MacDonald an Bord der ״Berengeria“ in New York eintraf, erklärte, er habe sich mit MacDonald an Bord über Palästina unterhalten und habe die Ueberzeugung gewonnen, daß England zu dem Palästinaproblem einen sehr festen und auch für die Zukunft unverrückbaren Standpunkt einnimmt. Dr. Lee K. Frankel betonte von neuem die Notwendigkeit, auf eine Verständigung zwischen Juden und Arabern in Palästina energisch hinzuarbeiten. Leider beeinträchtigen von unverantwortlicher Seite kommende Statements die Verständigung. Er sei überzeugt, daß die Araber zu der Einsicht kommen werden, daß das Wiederaufbauwerk ihnen die gleichen Vorteile wie den Juden bringt. Wenn erst die Arbeit auf den geschäftlichen Richtlinien geführt werden wird, werde eine Verständigung mit Arabern nicht mehr schwierig sein. Die Aktion der Jewish Agency in Deutschland Einzelergebnisse: Die von Herrn Eduard Gillis in Beuthen geleitete und von ihm zum großen Teil selbst durehgeführte Aktion brachte bisher ein Barergebnis von mehr als 5000 M. Aus Frankfurt a. O. wurden als Ergebnis der unter Führung von Herrn Rabbiner Dr. Maybaum und unter Teilnähme hervorragender Mitglieder der Gemeinde, insbesondere von Herrn Max Struck, durchgeführten Sammlung bisher 3000 M. überwiesen. Die von Herrn Dr. Sluczewer geleitete Aktion in Chem■ nitz hat bisher ein Ergebnis von über 2000 M. gebracht. Als erstes Ergebnis der unter Führung von Herrn Max Gumpel eingeleiteten Aktion in Bern bürg wurden 1500 M. aufgebracht. Die von Herrn Rabbiner Dr. Krakauer in Osnabrück geleitete Aktion ergab über 2000 M. München überwies im September 11000 M., Köln 10 800 Mark, Hamburg 26300 M., Leipzig 16200 M. Weitere Beiträge Jüdischer Gemeinden: Für die Sonderaktion der Jewish Agency und des Keren Hajessod bewilligten die indischen Gemeinden in Hamm 250 M., Dessau 250 M., Neustadt a. S. 100 M. Die Jüdische Gemeinde Breslau hat für die notleidende jüdische Bevölkerung in Palästina 3000 M. zur Verfügung gestellt, die Jüdische Gemcinde M ii n c 11 e n - ü 1 a d b a c h 300 M. für den Keren Hajessod und 1000 M. als Ergebnis einer Sammlung für die Hinterbliebenen der Opfer in Palästjha. 32 Thorarollen in Hebron sichergestellt. Das Polizeiamt von Hebron teilte dem Oberrabbinat von Jerusalem mit, daß cs der Polizei gelungen ist, 32 Sifre Thora (Gesetzesrollen), die am Tage der Massacres in den jüdischen Synagogen von den angreifenden Arabern geraubt worden, waren, sicnerzustellen. Die Thorarollen befinden sich im Gewahrsam der Polizei. Aus Anlaß der Feiertage erscheint die heutige Nummer der״JüdischenRundschau“ als Doppelnumxner in verstärktem Umfange. Die Dienstagnummer am 15. d. M. fällt aus. Die nächste Nummer erscheint am Freitag, dem 18. Oktober. Ehrengericht Bialik-Brainin Die Angriffe Bialiks auf Brainin werden als berechtigt erkannt, aber die Schärfe des Tones wird mißbilligt Vor einem zionistischen Ehrengericht, das sich aus Rechtsanvvalt S. Gronemann als Vorsitzenden, Dr. Oskar Cohn, und Dr. Oskar W 01 f sbe r g als Beisitzer zusammensetzt, wurde am 7. Oktober abends im Hause der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in der Ehrensache des Schriftstellers Rcuben Brainin gegen Chaim Nachmari Bialik öffentlieh verhandelt. Als Ersatzrichter war R.-A. Kozower und als Ehrengerichtsanwalt R.-A. Dr. Barth anwesend. ZurVerhandlung 111 Berlin hatten sich als Zuhörer zahlreiche hebräische Schriftsteller und führende zionistische Persönlichkeiten, sowie weitere Kreise der Hebraisten eingefunden, die den Verbandlungsraum und einen großen Nebenraum bis auf den letzten Platz füllten. Die Klage hatte die folgende Vorgeschichte; Am 21. Mai ds. Js. erschien in der hebräischen Presse ein von Chaim Nachman Bialik Unterzeichneter Aufruf des Verbandes hebräischer Schriftsteller Palästinas, in welchem die jüdische Welt aufgefordert wurde, gegen die Vernichtung des Zionismus und der hebräischen Sprache in Rußland mit aller Schärfe vor der ÖeffentÜchkeit der gesamten Kulturwelt zu protestieren. Zum Schluß wurde eine lebhafte Anklage gegen Re üben Brainin gerichtet, von dem gesagt wurde, daß er, ein Altmeister der hebräischen Literatur, einer der ältesten Zionisten, durch seine Schilderung der Verhältnisse Rußlands den Feinden Waffen geschmiedet hat zur Vernichtung des Judentums. Er sei zum ״Verräter und Fälscher“ geworden, der Empörung und Abscheu verdient. Reubcn Brainin hat in einem offenen Schreiben Bialik und den Schriftstellerverband aufgefordert, vor einem Ehren* gericht ihre Anklage gegen ihn zu begründen. Da nun Brainin wie Bialik sich gegenwärtig in Berlin befinden, hat Bialik Reuben Brainin brieflich aufgefordert, die Sache vor einem Zionistischen Ehrengericht in Berlin auszutragen. Brainin hatte sich hiermit einverstanden erklärt. Rechtsanwalt Gronemam! eröffnete unter ungeheurer Spannung der Kopf an Kopf gedrängten Zuhörerschaft die Verhandlung und gab dem Kläger das Wort zur Begründung seiner Anklage. Im Namen Reuben Bralnins, der sich körperlieb schwach fühlt, verlas sein Sohn Joseph Brainin die Anklage, die die erwähnten Stellen ln dem Aufruf des hebräischen Schriftstellerverbandes inkrimlniert und die als ״schmachn volle Besudelung“ der Ehre eines alten Kämpfers für Zionismus und hebräische Sprache bezeichnet, eines Mannes, der seit _ 45 Jahren für Palästina kämpft und das hebräische Schrifttum durch Werke bereichert hat. Brainin erklärt, er habe im Jahre 1926 einige Zeit in Rußland verbracht und die dortige Lage studiert, er sehe in dem russischen Kolonisationswerk nicht nur eine Rettung des jüdischen Volkes, sondern auch des jüdischen Geistes in Rußland; er betrachte seine Tätigkeit für die russische Kolonisation als logische Folgerung seiner zionistischen Ideologie. Vom Gesichtswinkel einer weitherzigeren zionistischen Auffassung sei kein Unterschied zwischen der Arbeit in Rußland und der iü'Palästina; er seinerseits habe niemals eine Gelegenheit vorübergehen lassen, für Palästina zu werben; die offiziellen zionistischen Führer Amerikas haben seine Tätigkeit anerkannt und in ihm eine Art Verbindungsoffizier zwischen dem zionistischen Lager und dem Lager des Joint Distribution Committee gesehen. In Anerkennung seiner Verdienste wurde er —nachdem er vorher Vizepräsident der Zionistischen Organisation war — zum Ehrenvizepräsidenten des United Palestine Appeal gewählt. Er habe sich während seiner Anwesenheit in Rußland der verfolgten hebräischen Sprache angenommen. Die Angriffe des Schriftstellerverbandes und Bialiks gegen Brainin seien unmenschlich und unjüdisch, er habe in Südafrika nicht für Biro-Bidschan Propaganda gemacht; er habe im Namen von Agro-Joint, der ja an Biro-Bidschan nicht interessiert ist, eine Werbeaktion durchgeführt. Wenn man ihn als Verräter bezeichnet, 80 müßte man Louis Marshall, Felix M. Warburg und andere große Führer des Judentums ebenso als Verräter bezeichnen. Bialiks Rede. Bialik erwiderte in einer längeren Rede auf die Klage. Brainins Name, sagte er, war mir teuer gewesen, und niemand wird sich mehr freuen wie ich, wenn es ihm gelingt, sich zu rehabilitieren. Bialik stellte fest, daß infolge eines Mißverständnisses seitens des Setzers aus den Worten ״Beged utnaal“ (Verrat und Fälschung) in dem von ihm unterzeichneten Aufruf die Worte ״Boged umoel“ (Verräter und Fälscher) geworden waren; dies bedeute eine Unbeabsichtigte Verschärfung. Es haben glaubwürdige Informationen und beglaubigte Dokumente Vorgelegen, die Brainins Schuld erwiesen, der zu den Schandtaten der Vernichtung der he* briischen Kultur und des Zionismus, über die er 51 Rußland von den Abgesandten der Leidenden und Bedrängten unterrichtet worden war, geschwiegen und — als er außerhalb Rußlands darüber befragt wurde — die Verfolgungen leugnete oder sie dadurch zu beschönigen suchte, daß er behauptete, in Palästina werde die jiddische Sprache eben* falls verfolgt. Das drei Millionen Seelen zählende russische Judentum ist heute verstummt. Alle hebräischen Druckereien sind vernichtet, kein hebräisches Werk darf nach Rußland kommen, die Bibliotheken weigern sich, ein hebräisches Buch herauszugeben, hebräischer Unterricht ist verboten, Lehrer werden nach Sibirien verbannt. Die drei Millionen russischer Juden werden atomisiert, sie sind dem sicheren Untergang geweiht. Warum hat Brainin geschwiegen, warum hat er nicht die Wahrheit in die weit hinausgeschrien. man hat ihn in Rußland richtig informiert, ihm Materialien in die Hände gegeben. Er hat versprochen, das Material im Auslande zu verwerten, er hat es nicht getan; statt dessen sang er Lobeshymnen auf die Zerstörer des russisehen Judentums. Damit deckte er das am Judentum begangene Verbrechen, und so ist der gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er den Vernichtern des Judentums die Waffen geschärft habe, nur zu berechtigt. Die Ankläger der Tscheka haben sich im ihren Anklagen gegen die Hebraisten und Zionisten in zwei Fällen auf sein günstiges Urteil über das Sowjetregime berufen. Keiner ist gegen die Kolonisation in Rußland, wohl aber dagegen, daß diese Kolonisierung als politische Waffe gegen Zionismus und Palästina ausgenutzt wird. Diesen Mißbrauch unterstützen, heißt Verrat begehen. Brainins Antwort. Reuben Brainin erwiderte in längeren Ausführungen, die er mit bewegten Worten vortrug. Er habe, sagte er, mit der Wahrheit über Rußland nicht zurückgehalten, in einer Ver* Sammlung im Schalom Aleichem-KIub zu Berlin habe er die Kommunisten so scharf angegriffen, daß der Vorsitzende einen Skandal seitens der anwesenden Kommunisten befürchtete. Nach seinem Rußland-Besuch habe er in Berlin eine begeisterte Rede Aber die Eindrücke während seines vorangegangptea Palästina-Besuches gehalten. Es sei aber seine Ueberzeugung, daß in keinem Lande der Welt das jüdische nackte Leben gegen Pogrome so geschützt ist wie in Rußland, in keinem Lande der Welt kämpft die Regierung so sehr für Ehre und Sicherheit des Judentums wie in Rußland. Er habe bei dem Vizevorsitzenden des Rates der Volkskommissare Smidowitsch wegen der Verfolgung des Zionismus interveniert und habe, als er aus Rußland kam. auch über die Verfolgungen des Zionismus und des Hebraismus nicht geschwiegen, es sei aber seine Ueberzeugung, daß man mit lauten Protesten gegen Rußland nichts erreichen wird, man könne das russische Judentum nur durch konstruktive Hilfe retten. Die Beweisaufnahme. Nach einer kurzen Pause stellte Bialik zum Beweis, daß erstens Brainins Schilderung der russischen Zustände und sein Verschweigen der wirklichen Zustände den russischen Zionisten Schaden zufügte; zweitens daß Brainin in einer Ver- Sammlung erklärt hat, die Beschuldigungen gegen Rußland seien Verleumdungen. Es wurden dann als Zeugen Herr Dr. Mase der Sohn des verstorbenen Moskauer Oberrabbiners, und der aus Rußland entkommene hebräische Lehrer J e h u d a vernommen. Während Mase Brainins ganzes Verhalten in Moskau sachlich darlegtc, dabei nicht verschwieg, daß die russischen Zionisten dieses Verhalten mißbilligten, schleuderte Jehuda schwere Anklagen gegen Brainin, der das ihm übergebene Material unterschlug und dessen Loblieder auf die russischen Zustände von der kommunistischen Presse in Rußland und Amerika zur Propaganda gegen den Zionismus aus genutzt wurden. Die Aussagen beider Zeugen summierten sich zu einem erschütternden Bild der Verfolgungen in Rußland, wo die Angehörigkeit zum Zionismus und die Arbeit für Hebräisch mit dreijähriger Verbannung nach Sibirien geahndet wird. Brainin, sagten die Zeugen aus, habe auch die Mitteilungen der kommunistischen Presse über seine Reden und Telegramme, die gegen den Zionismus und die Zionisten ausge• wertet wurden, nicht dementiert. Die Plädoyers. Brainin erwiderte auf die Zeugenaussagen in längeren Ausführungen und erklärte, die kommunistische Presse habe seine Reden und Telegramme unrichtig wiedergegeben. Er habe der Isvestija, die mitgeteilt hatte, er habe die Lage in Palästina als schlecht geschildert, an Dementi geschickt, diese Zeitung bringe aber keine Dementis; so habe er dann dieses Dementi der Jüdischen Tetegraphen-Agentur zur Ver• breitung außerhalb Rußlands übergeben. Den entstellenden Bericht der New Yorker ״Freiheit“ über seine New Yorker Versammlung habe er auf Anraten von Freunden nicht dementiert, weil die anderen jüdischen Zeitungen zutreffend berichtet hatten, Wohl aber habe er auf eine an ihn in der New Yörker Versammlung gerichtete Frage* ob Hebräisch in Rußland verfolgt wird, geantwortet, er sei gegen jede Verfolgung, auch z. B, gegen die Verfolgung von Jiddisch in Palästina. Er habe zugegeben, daß Ziomsten-Verfolgunge״ Vorkommen, habe aber hinzugefügt, dies dürfe die Arbeit für das russische Kolonisationswerk nicht hindern. In seinem Schlußwort führte Brainin aus, der Vorwurf, er sei ein Verräter, sei für ihn, der seit 45 Jahren Arbeit für Palästina tut, schwer verletzend. Mein Zionismus ist weitherziger und weltlicher als der Bialiks, ich will die Erhaltung des jüdischen Volkskörpers für den ewigen jüdischen Geist Ich weiß nicht, wie lange ich noch leben werde, den Vorwurf darf ich nicht lange auf mir sitzen lassen, ich fordere Gerechtigkeit. Ich bin stolz auf meine Arbeit für die Juden in Rußland, wie auf meine Arbeit für den Zionismus. Der Ehrengerichtsanwalt Dr. Barth trat in seinem Plädoyer ein für Freispruch Bialiks, aber Anerkennung der lauteren Motive Brainins. Bialik legte im Schlußwort nochmals den Standpunkt der Zionisten in der Frage der Krimkolonisation dar und sagte, Brainin, der zu den Verbrechen ln Rußland schwieg, habe damit selbst ein Verbrechen begangen; er nehme seine Worts nicht zurück. Das Urten. Nach einer längeren Beratung der Ehrenrichter verkündete Herr Gronemann gegen 5 Uhr morgens das folgende Urteil: Das Ehrengericht hat die Angriffe des Beklagten gegen den Kläger als sachlich berechtigt angesehen, mißbilligt aber einzelne Wendungen in dem Aufruf. Zu den Gerichtskosten haben Brainin als der Kläger neun Zehntel, Bialik als der Bcklagte ein Zehntel beizutragen. In der Begründung des Urteils wird ausgeführt, Brainins Verhalten müsse von jedem verantwortlichen Zionisten mißbilligt werden. Von einem alten Zionisten, der noch dem ersten Kongreß beiwohnte, von einem hervorragenden Vertreter des Hebraismus sollte man erwarten, daß er furchtlas die ihm mitgeteilten Klagen ln die Welt hinaustragen werde. Obwohl er, wie zugegeben wird, die Verfolgungen schmerzlich empfunden hat, hat er geschwiegen, hat das m Ihn gesetzte Vertrauen getäuscht, hat mindestens einen wesentlichen Teil verschwiegen, andererseits durch enthusiastisches Hervorheben anderer Momente ein falsches Bild entstehen lassen. So hat er wirklich, den Gegnern, die sich auf Ihn berufen konnten, Waffen geliefert. Er hat zugegeben, daß er Verfolgungen des Jiddischen in Rußland ins Treffen führte, diesen Vergleich durfte er nicht ziehen. * Wir erhalten von Herrn Jehuda, der in der Ehrengerichts Verhandlung Brainin—Bialik als Zeuge behauptete, daß Brainit es unterlassen habe, für den während Brainins Anwesenheit in Rußland verhafteten Prof. Salomon Feldmann, einen persön liehen Freund Brainins, zu intervenieren, eine Zuschrift, in det u. a. ausgeführt ist: ,,Herr Brainin behauptete in Beantwortung meiner Angaben, daß er keinen Anlaß hatte, für Prof. Feldmann zu intervenieren, weil dieser sich in Freiheit befand und wohlbehalten von ihm, Brainin, Abschied genommen habe, als er Rußlarid verließ, wie aus den Angaben des ״Haarez“ vom 26. Mai 1929 und der ״Ketuwim“ vom 18. Juli 1929 hervorgeht, kann diese Behauptung Brainins nur aut einem Gdächtnisfehler beruhen, denn Prof. Feldmann wurde in der Zeit, da Brainin in der Krim weilte, von der G. P. U. verhaftet und Brainin wurde nach seiner Rückkehr aus der Krim nach Moskau gebeten, für Prof. Feldmann zu intervenieren, was er jedoch nicht tat.“ — Die Verabschiedung Feldmanns von Brainin schein! sich nach Brainins Abreise in die Krim abgespielt zu haben, wodurch die Differenz ln den Angaben erklärlich wird.