Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 78/79, 4. X. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 527 Der deutsche Keren Kafemeih im neuen Jahr 2200 Pfund mehr als im Vorjahre nach Jerusalem überwiesen; das Kontingent des Jahres 5689 überschritten: Diese Feststellung einer Rohbilanz ist nicht nur ziffernmäßig erfreulieh. Ein energischer Versuch zur Rationalisierung der Arbeit, zur Steigerung der Leistung bei gleichzeitiger Einschränkung des Apparates hat die absteigende Kurve, die den deutschen Keren Kajemeth in den letzten Jahren kennzeichnete, wieder aufwärts geführt. Nach 270000 Mark im Jahre 5686, 263 000 Mark und 257 000 Mark in den folgenden Jahren ist in diesem Jahr ein Ergebnis von 274 000 Mark erreicht worden. Wer die Kleinarbeit des Keren Kajemeth kennt, wird verstehen, daß dieses Resultat über den Erfolg organisatorischer Maßnahmen hinaus ein starkes Anwachsen des zionistischen Interesses und der freiwilligen zionistischen Mit#>eit bedeutet, die zum Abschluß dieses guten Jahres freudig anerkannt werden soll. So treten wir in das neue Jahr mit der Hoffnung und dem Willen, diesen wichtigen zionistischen Arbeitszweig weiter aufblühen zu sehen. Die Erweiterung der Agency eröffnet, wie verschiedene Anzeichen schon heute zeigen, nicht nur dem Keren Hajessod neue Möglichkeiten. Oscar Wassermanns Rede in Zürich und andere Aeußerungcn unserer neuen Freunde haben die im wahrsten Sinne grundlegende Bedeutung der Boden-Auf gaben hervorgehoben. Das erste Manifest der Jewish Agency hat die Wichtigkeit der beiden nationalen Fonds betont, Einzelpersonen und große neutrale Verbände beginnen sich in die KKL-Arbeit einzugliedern. Vor den August-Ereignissen, die die Frage der politischen Sicherung des Aufbau-Werkes aufrollten, haben die Verhandlungen auf dem Kongresse den Zionisten mit nicht zu überbietender; Deutlichkeit eingeschärft, daß das zweite brennendste Problem die Sicherung des Bodens ist. Die Befriedigung über die Erwerbung des Geländes an der Haifa Bay und des Gebietes von Wadi ei Chawarith haben der Arbeit überall einen neuen Antrieb gegeben. Es besteht kein Zweifel, daß der KKL. auch in Deutschland, wenn einige hindernde Faktoren von den Zionisten überwunden werden, einen selbst für erfahrene Mitarbeiter unerwarteten Aufschwung nehmen kann. Der ״N. F.“ war in den letzten Jahren bei den Zionisten in eine Art Minderbewertung geraten. Der Aufstieg des*Keren Hajessod hatte den alten Fonds in den Schatten gestellt, die wachsende Durchsetzung der grandiosen Parole der Selbstbe- Steuerung hatte die Beibehaltung der ״kleinzügigen“ Spenden- Sammlung in Frage gestellt. Die wichtigsten zionistischen Kräfte hatten sich auf Keren Hajessod-Arbeit konzentriert. Der gleichzeitig eintretende Rückgang im KKL hatte ein Sinken seiner Popularität zur Folge. Ein Ausgleich in der Verteilung der Arbeitskräfte beginnt erst jetzt wieder einzusetzen, una zugleich setzt sich der Gedanke durch, daß neben der Methode des Keren Hajessod, die hoffentlich zu immer weiteren großen Erfolgen führen wird, die Methoden des Keren Kajemeth weiter sehr gut verwendbar, ja unentbehrlich sind. Die 20000 Büchseninhaber sind ja doch der größte Kreis organisierter Spender, über den Palästina in Deutschland verfügt. Die Erweiterung der Peripherie auf dem Wege der großen, uns näherkommenden Verbände ist am aussichtsreichsten auf dem Wege über den Keren Kajemeth. Der vorhandene freiwillige Mitarbeiterstab ist ein zionistischer Machtfaktor von allergrößter Bedeutung. Es wird also Sache der Ortsgruppen sein, im neuen Jahre eine kräftige Aufklärungs-Kampagne durchzuführen und Mißverständnisse zu beseitigen: der ״National“- Fonds ist nicht ein zionistischer Parteifonds; er ist der Fonds der gelegentlichen und nicht der Bagatell-Spende; seine Arbeit ist nicht bloße Sanunel-Propaganaa sondern eine wichtige Erziehungs-Arbeit. V j ־•■■־•׳-..׳ ׳*:י. Der Jahresanfang muß für jedes Mitglied der zionlstisehen Ortsgruppen und Vereine ein Anlaß für die Frage sein, wie die Nationalfonds-Kommission verstärkt und wie Palästina- Information und Palästina-Willen durch sie stärker verbreitet werden kann. Das neue Jahr muß im Zeichen der Er weiterung stehen. Erweiterung — vor allem des Kreises der Büchseninhaber, 1ÖO00 neue Büchsen in Deutschland ist die wichtigste Aufgabe des neuen Jahres, restlose Durchführungen'der Leerimgen, d. h. der Nachweis eines glänzend klappenden Apparates ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Propaganda. An die große N e u j a h r s - A k t i 0 n, die ein Erfolg von bisher unbekanntem Ausmaß sein wird, wenn sie wirklich alle Büchseninhaber erreicht, wird sich in diesem Jahr nur eine zweite geschlossene Sammelaktion anschließen, zu Purim. Zu Chanukah wird wahrscheinlich eine interessante Pubiikation des KKL zum Verkauf in Umlauf gesetzt werden. Für die traditionelle Herzl-Aktion dürfte ebenfalls eine neue Form gefunden werden. Die Aktion für den Einstein- Wald soll zu Ende geführt werden. Fünf Haine von 1000 Bäumen sind vollendet, der sechste und siebente, der ״Hain der Jüdischen Gemeinden Deutschlands“ sind im Entstehen beder Jüdischen Gemeinden Deutschlands‘ sind im Entstehen begriffen. In der Baumspende ist weiter bemerkenswert die Aktion des M a k k a b i: Ein Makkabi-Hain wurde begründet, für welchen jeweils statt der Sportpreise bei den verschiedenen Wettkämpfen Bäume auf den Namen des Siegers gestiftet werden, eine vorbildliche Maßnahme unserer jüdischen Turnerschaft Welche Ausmaße die ,.Jugendaktion für den KKL“ annehmen wird, die auf Initiative des Kadimah in die Wege geleitet wurde, ist noch nicht abzusehen. Unter allen diesen Gruppen, die ihre Aktivität verstärken, werden sicherlich die Frauen, wie schon bei der Neujahrsaktion wichtige und wachsende Bedeutung haben. Die größte erzieherische Rotte spielt der KKL durch die Gelegenheitsspende, die Verknüpfung des Familienereignisses und besonderer Anlässe des privaten Lebens der Zionisten mit Palästina. Die Baumspende und die Eintragung in das Goldene Buch wird sicherlich auch im neuen Jahr bei unaufhörlicher stiller Propaganda immer weitere Fortschritte machen. Drei gänzlich neue Arbeitszweige, die in anderen Ländern, besonders in Amerika, von Jahr zu Jahr wichtiger wurden, sollen auch in Deutschland in Angriff genommen werden: Testamente, Versicherungen und Stiftungen zugunsten des KKL. Bezüglich der zwei ersten haben wir fast keine Erfahrungen hier, wir sehen aber in ihnen bedeutungsvolle Aufgaben. Stiftungen von größerer Höhe hat auch aer deutsche KKL schon empfangen, wie z. B. die Isaac- und Eva Schocken-Stiftung, für die als Einleitung der Arbeit im neuen Jahre ein neuer Betrag von ungewöhnlicher Höhe zugesagt ist. Neben Imi und Materialien, die besonders in Jugendkreisen gepflegt werden, wird auch der Film, der bisher in 70 Städten gezeigt wurde und einen Reingewinn von über 7000 Mark gebracht hat, noch in 50 kleineren Orten ein Propaganda- und Einnahmemittel sein. Wenn dieses Programm des Keren Kajemeth, das hier nur kurz skizziert werden konnte, mit Ernst und jener Liebe zum Detail durchgeführt wird, die das Kennzeichen eines guten KKL-Arbeiters ist, so kann zweifellos unser neues Ziel erreicht werden: stärkere Verbreitung einer zionistischen Grundidee, und, zu ihrer Verwirklichung, die Aufbringung eines Kontingents von 300 000 Mark. Dr. Ernst Mechner. Antworten an Prof. Hellpach Von Rechtsanwalt Dr. Alfred Lehmann Berlin. Professor Hellpach hat ln der Breslauer Zeitung׳ und an anderen Stellen die Befürchtung ausgesprochen, daß die Bildung der Jewish Agency die Zustimmung der ganzen , udenheit zur zionistischen Urldee bedeute, und daß diese Zustimmung den Kampf gegen den Antisemitismus erschwere. Das ״Israelitische Familien matt“ widerlegt in seiner Nummer vom 26. September 1929 in zwei sachlichen und würdigen Artikeln von Rabbiner Dr. Baeck und von ״Politicus“ diese Befürchtung. Leider fügt es noch eine redaktion eile Nachbemerkung hinzu,' in der dargetan wird, daß nur ein relativ geringer Teil der deutschen Juden hinter der Agency steht Zunächst zwei allgemeine Bemerkungen: eine innerjüdische und eine außenpolitische. 1. Die jüdische Geschichte ist reich an Unglücks- und Trauertagen und arm an Lichtblicken und freudigen Ereignissen. Wenn nun einmal in 2000 Jahren ein Ereignis eintritt wie die Zusammenfassung des weitaus größten Teils der Gesamtjudenheit der Welt für den Aufbau des Heiligen Landes, muß dann dieses Ereignis unbedingt in der neutralen jüdischen Presse verkleinert werden? In dem der redaktionellen Nachbemerkung vorhergehenden Artikel des Politicus wird ausgeführt, wie durch den Antisemitismus viele Juden dazu gekommen sind, ihre jüdischen Eigenschaften zu bekritteln. Dort wird von einer Art Selbsthaß gesprochen. Diese Worte hätte sich die Redaktion zu Herzen nehmen sollen. 2. Die Verteidigung des ״Israelitischen Familienblattes“ erinnert an die Anfangszeit des Antisemitismus, die mit der Hochflut der Assimilation in Deutschland zusammenfällt. Damals sagte man: Ihr mögt ja mit Euren Angriffen gegen die Juden Recht haben, aber es gibt doch auch anständige Juden. So ungefähr sagt das Familienblatt. Die Agency mag ja so böse sein, wie Professor Hellpach sagt, aber es gehören ja nicht alle Juden zu ihr. Im einzelnen ist die Darstellung der Redaktion von der Beteiligung der deutschen Juden an der Agency durchaus einseitig. Das Familienblatt sagt, die beiden großen religiösen Parteien sind die Liberalen und die Orthodoxie. Die Vereinigung für das liberale Judentum hat ihre Mitwirkung in der Agency abgelehnt und von den beiden Hauptrichtungen innerhalb aer Orthodoxie hat die Aguda Jisroel erklärt, an der Agency nicht teilnehmen zu können. Es gibt außer den beiden religiösen Hauptrichtungen zunächst noch eine sehr große Menge (wohl die Mehrheit der deutschen Juden) Stammjuden, die weder liberal noch orthodox sind. Ferner gehört nur der geringste Teii der liberalen Juden zu der genannten Vereinigung. Bei der Orthodoxie gibt es außer den beiden Hauptrichtungen (gemeint ist wohl außer der genannten Aguda Jisroel der Misrachi, der als Teil der Zionistischen Organisation der zionistischen Hälfte der Agency angehört) eine große Menge gesetzestreuer nichtzionistischer Juden, die der Aguda nicht angehören. Es gibt ferner ein falsches Bild, wenn für die Frage der Beteiligung der deutschen Juden an der Agency der Beschluß der Weltorganisation der Aguda Jisroel herangezogen wird, der doch gerade durch den Einfluß der tschechoslowakischen und ungarischen Mitglieder herbeigeführt ist, während wenigstens ein Teil der deutschen Delegation sich ln Wort und Schrift für den Anschluß an die Agency ausgesprochen hat. Der Redaktion des Familienblattes ist es ferner bekannt, daß für den Beschluß der Aguda nur religiöse und separatistische Gründe maßgebend waren, lind daß sich die Aguda zur Teilnahme an der Agency bereit erklärt hat, wenn diese sich auf wirtschaftliche Aufgaben beschränkt und kulturelle Aufgaben ausschelden will, was haben diese innerjüdischep Auseinandersetzungen mit dem^Artlkel ‘Professor fMlpwhs zu tsmy^^Ä־::dfe Ageney-ideitt^unsA der Aguda nachkommt, ist der!Redaktion des Familienblattes das Konzept verdorben. Das Familienblatt verweist auf den Beschluß des Zentral- Vereins, ohne zu erwähnen, daß dieser eine Teilnahme nur abgelehnt hat, weil er hierfür nicht zuständig Ist ׳und daß er seinen Mitgliedern freie Hand gelassen hat. Die Nachbemerkung bemängelt ferner, daß bei den Großgemeinden, die dem Initiativ-Koniitee zur Bildung der Jewish Agency beigetreten sind, teilweise der Beschluß durch den Vorstand ohne Anhörung der Repräsentanten erfolgt ist und daß bei dem Fehlen eigentlicher Urwahlen die Stellungnahme der einzelnen Mitglieder nicht feststellbar ist. Haben denn bei der liberalen Vereinigung und bei dem Zentralverein Urabstimmungen stattgefunden, haben nicht vielmehr auch dort ebenfalls der Vorstand oder Hauptvorstand den Beschluß gefaßt? Warum müssen alle Punkte, die das Ansehen der Agency stärken, verschwiegen werden und die Punkte, die das Ansehen der Agency schwächen können, hervorgehoben werden? Soll die Wirkung der beiden genannten Artikel «furch die Nachbemerkung der Redaktion abgeschwächt werden? Presse-Sehan Im Oktoberheft der ״Neuen Rundschau“ (S.Fischer Verlag) kommt Samuel Singer in einem bemerkenswerten Aufsatz auf das Ihm unlösbar scheinende Dilemma zwischen Juden- und Arabeipolitik Englands zu sprechen. Auf der einen Seite die Versprechungen Churchills, die er 1916 den Arabern gibt, die abenteuerliche Wühlarbeit Lawrences (dessen Buch Aufstand in der Wüste noch viel zu wenig unter den Zionisten gelesen wird), bis zu der versteckt una offen antijüdischen Verwaltungspraxis der Mandatsadministration; auf der anderen Seite die Balfour-Deklaration, die Bestätigung durch den Völkerbund usw. Sehr interessant, was Sänger aus einem Geheimdokument mitteilt, in dem Vertrauensleute Wilsons während der Versailler Konferenz seine Bedenken über die Auswirkungen der Balfour-Deklaration kundgeben; Thesen, die auf den Bericht einer speziellen amerikanischen Kommission zurückgehen, die in jenen Tagen Syrien und Palästina bereist hat und mit einer Deutlichkeit, die dem Großteil der Zionisten erst durch die letzten blutigen Ereignisse offenbar geworden ist, die Diskrepanz zwischen unseren nationalen Ansprüchen und dem Willen der gewaltigen arabischen Masse aufzeigt Müssen die Zio,nisten, fragt Sänger, darum diese ihre Ansprüche aufgeben? Einer klaren Antwort auf diese Frage geht er aus dem Wege, er warnt natürlich den Zionismus davor, sich ln das Gestrüpp eines unverantwörtlichen Nationalismus zu verirren. Immerhin erkennt er an, daß sich jene Ansprüche aus einer höheren Kategorie der Gerechtigkeit ahleiten lassen, wie es Lloyd George ß seinem am 9. Juli 1923 veröffentlichten Artikel in überzeugtester Weise begründet hat. Und die stärkste Begründung: die Erfüllung des von Balfour geförderten ״Befähigungsnachweises“, die nach Sängers Worten ״alle Erwartungen auf erstaunliche Weise übertrifft. Was immer aus dem zionistischen Siedlungswerk in Palästina wird: diese Tatsache darf nicht verdunkelt werden... die Erfahrung («fieser Leistungen) ist köstlich und geeignet, das jüdische SelbstbewaBtsein zu steigern . . .“ Der Aufsatz ist geeignet, den für uns alle heilsamen Prozeß der Desillusionierung zu fördern: Abbau der Illusionen, die wir uns über England machen und über Arabien. Aber was hieraus für uns und unsere Arbeit resultiert, gehört nicht in den Rahmen dieser Besprechung. Dr. Walter Katz. Emil Levy fünfzig Jahre Ein Berliner Rabbiner wird 50 Jahre alt. Uebrigens ist das auch erst an Ssimchath-Thora der Fall. Was gibt es da Besonderes? Freilich, wenn das ein Gleichgültiger wäre. — Wenn das jemand wäre, der nichts zu sagen hat, und von dem man nichts zu sagen weiß! Aber es Ist Emil Levyl Und von dem ist gar vieles zu sagen. Und er hat uns und allen seinen Verehrern noch sehr fiel zu sagen, sehr vieles, was in dem Zusammenhänge dessen steht, was er schon so oft sagen mußte, und wiederum sehr viel Neues, noch nicht Gesagtes. Und wenn wir schon heute zum Rosch-ha-Schanahfeste die Glückwünsche zum fünfzigsten Geburtstage mitaussprechen, so geschieht das darum, weil wir nicht daran , vorbeigehen können, daß dies der Jubiläumstag ist, an dem Emil . e v y 25 Jahre Rabbiner ist, und weil an diesem Tage sich 10 Jahre vollenden, seitdem er Rabbiner an der Berliner Gemeindesynagoge io der Pestaiozzistraße ist. Emil Levy ist wie bereits gesagt, keine gleichgültige Person. Er geht an nichts gleichgültig vorbei, und man kann an ihm nicht gleichgültig vorübergehen. Er hat zu allem etwas zu sagen, was uns wichtig ist, was uns als Juden interessiert. Und die Art und Weise, wie er es sagt, Ist originell und packend, so originell, daß seine zahlreichen Hörer, sich erst an ihn gewöhnen mußten, es sich dann aber nicht wieder abgewöhnen konnten, ihn hören zu müssen, weil es ihnen zu einem geistigen und moralischen Bedürfnisse geworden ist Und wenn Emil Levy der jüdischen Gesamtheit und der Berliner jüdischen Gemeinde etwas bedeutet, so ist er für uns noch viel mehr. Er ist tätiger Zionist, und ist das von der Zeit an, wo in ganz jungen Menschen zuerst Verständnis für Fragen der Allgemeinncit und menschliche und jüdische Ideale entstehen. Sehr jung hat er die Universität bezogen, und sich sehr schnell dem damals verfehmten und an Kaboinersehulen verpönten Zionismus ohne Scheu angeschlossen. Seitdem ist er einer der Führer im Kampfe um die Renaissance des jüdischen Volkstum es in Deutschland geworden, und seither hat er sich bemüht, ein Volkserzieher zu werden, und ist es in höchstem Maße geworden. Emil Levy hat nicht das Bedürfnis, sich bemitleiden zu lassen. Deshalb wollen wir nicht weiter davon erzählen, wie er seinen Zionismus büßen mußte, und auch daß er gelegentlieh im Zionismus leiden mußte. Das ist so der Gang «kr Welt. Und es hat ihm auch endgültig nichts geschadet, daß er nach seinem freiwilligen Fortgange aus Straßburg nicht wußte, was aus ihm und seiner Familie werden sollte, wenn man dem Zionisten weiter die Anstellung verweigerte. Und er hat es ebenfalls leicht überwunden, wenn er mal von befreundeter Seite mißverstanden wurde. Wir alle wissen, daß er in der ersten Reihe der Kämpfer für das jüdische, für das zionistische Ideal steht, und wir werden den lieben Freund jahrzehntelang in derselben Frische und Fröhlichkeit in seinem Kampfe für Judentum und menschliche Ideale vorangehen sehen. Emil Levy ist ein Elsässer. Er steht von Geburt an an der Grenze der beiden Kulturen, die sich im Elsaß und um das Elsaß bekämpfen, die aber auch Zusammengehen können, wenn auf beiden Seiten das Verständnis aufgehen wird, daß man in mehreren Kulturen voll wurzeln kann, ohne einer von ihnen untreu zu werden. Emil Levy, der von Jugend auf an beiden Kulturen teilgenommen hat, steht aber vor allem mit beiden Füßen auf dem Boden der aus der Bibel und ihren jüdischen Abkömmlingen erwachsenen Kultur. Er ist ein Vertreter der jüdischen Kultur, wie sie aus alten Wurzeln erwachsen, aus den Kulturen aller Völker und aller .Zeiten sich .nette .Nanrung nimmt, steh , 'an»4ha«»«ufha«1ty#^»־iBl«ht4n.41««-;׳v«rltet; •Emil tevy*!M־f so recht eine charakteristische Figur für jenes Judentum, das im unzerstörten Zusammenhänge mit dem Alten das Neue aufbaut, für jenes Judentum, das alt und neu, das alt und jung Ist. Ohne die Entwicklung zum Neuen und zur Zukunft wäre der strenge Konservatismus Emil Levvs weder vollständig n«xh zu verstehen. Er baut auf den uralten Ueberlieferungen des ewigen Stammes auf, er hängt mit der Vergangenheit zusammen, wie man an Vater und Mutter hängt. Aber er wiederholt nicht bloß, was einmal gewesen ist, sondern er geht mitten auf dem Wege, auf dem man zu neuen Regungen alter Ideale, zu einer besseren Zukunft und zum Fortschritt die Bahn findet. Darum war er einer der ersten, die mit vollem Bewußtsein die neue Sprache, die doch die alte ist, in ihr Haus führten. Emil Levy ist kein Alter, aber ein alter Zionist. Er ist einer der Besten unter uns, und es ist eine Freude und eine Ehre, ihm namens einer großen Zahl von Freunden zu seinem zehnjährigen Jubiläum in unserer Gemeinde, zu seinem 25jährigen Rabbinerjubelfeste und gleichzeitig zum fünfzigsten Geburtstage zu gratulieren. Unsere alte hebräische Literatur enthält ein Lied, das gesungen wurde, wenn man nach Jerusalem zum Feste hinauf zog: ״Glücklich ie«ler, der Gott fürchtet, der auf seinen Wegen geht. Wenn du den Ertrag deiner Mühe genießt, heil dir und wohl dir! Dein Weib wie ein fruchttragender Weinstock in den Gemächern deines Hauses. Deine Kinder wie die Sprossen von Oelbäumen rings um deinen Tisch. Siehe, ja so ist der Mann gesegnet, der Gott fürchtet. Dich segne Gott von Zion her, daß du in Glück Jerusalem siehst, alle Tage deines Lebens. Und sieh Kinder zu deinen Kindern, Frieden über Israel!“ Solchen Segen wünschen wir Emil Levy von Herzen und weiter alles Gute; — und uns. daß er bis nundertundzwanzig weiter für uns und unser Judentum wirken möge. HeinrichLoewe. Chalazim - Wanderung nach Palästina Das Büro des Weltverbandes Hechaluz in Warschau erhielt aus Triest die Nachricht, daß in den letzten Tagen über Triest mehr als MO Chaluzim nach Palästina gereist seien, unter ihnen 93 aus Kongreßpolen, 40 aus Galizien, 28 aus Deutschland und 26 aus der Tschechoslowakei. Im Verlauf des September haben sich 540 Chaluzim nach Palästina begeben. 1m Verlauf des Oktober werden €40 Chaluzim nach Palästina reisen, davon 450 über den rumänischen Hafen Konstanza, der Rest über Triest. Aus Oesterreich begaben sich am 27. September 40 Chaluzim nach Palästina. Eine zahlreiche jüdische Bevölkerung fand sich am Bahnhof zum Abschied ein. Im ״Evangelischen Gemeindeblatt Düren“ vom 15. September schreibt ein Doktor der Theologie Johannsen aus Essen unter dem Titel ״Zum Verständnis der Lage in Palästina“ einen Aufsatz, der ein Musterbeispiel von Unwissenheit und feindseliger Einstellung zu Zionismus und Judentum ist. Der Theologiedoktor ist ein Viertelwisser, er hat Statlstiken gelesen, er ist in Palästina gewesen, hat die Statistiken nicht verstanden und Palästina nicht kennen gelernt und kommt natürlich, sich auf den Standpunkt fanatisch religföser Araber und orthodoxester Juden schwärzester Observanz stellend, zu einer Verurteilung des neuen Jischuw, dessen Mitglieder er als Kulturträger in Gänsefüßchen bezeichnet. Es ist bedauerlich, daß in einer evangelisch-religiösen Zeitung die Leser so unsachlich informiert werden.