Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 78 79, 4. X. 1929 JUED1SCHE RUNDSCHAU Sette 525 Literatur-Blatt Aus der Memoiren ״ Literatur (Mein Weg von Ost nach West. Erinnerungen von Jehudo Epstein. Verlag J. Engelhorns Nacht., Stuttgart.) Von Sch. Qorellk. Das Leidensbuch des jüdischen Volkes wurde um ein Blatt, das Hebron heißt, vermehrt. An den Gefallenen hingen die Gedanken, an dem Matmid, der im Beth hamidrasch erschlagen wurde, während er vielleicht gerade über die Worte nachdachte: Kol hakoes keilu ewed awoda sara (jeder, der in Zorn gerät, ist, als treibe er Götzendienst). In solchen Tagen der Bedrängnis und der Prüfung ist es natürlich schwer, sich mit Literatur und Kunst zu beschäftigen. Uebrigens gedeiht die Kunst nur in der Atmosphäre der Stabilität kleiner alltäglicher Begebenheiten, in Zeiten, wenn nichts Außerordentliches geschieht, also in langweiligen, sozusagen uninteressanten Zeiten . . . Inzwischen tritt allmählich normales Leben ein, die Läden werden wieder geöffnet, sicherlich auch die Buchläden, und der Rezensent beginnt sich zu erinnern, daß auch er immerhin gewisse Pflichten hat, und er greift zu den Büchern, die schon längst besprochen sein sollten. Diesmal sind es die Erinnerungen des vortrefflichen Wiener Malers Jehudo Epstein, die, je mehr man in ihnen liest, zu desto uneingeschränkterem Lob herausfordern. Eine ausführliche Besprechung dieses Buches ist somit nicht nur Pflicht des Rezensenten, sondern vielmehr ein Tribut der Dankbarkeit des Lesers. In der Tat, seiten hat mir ein Buch derart angenehme Ueberraschungen bereitet. Was konnte man sich denn unter den Erinnerungen eines jüdischen Malers, der über seinen Weg von Ost nach West berichten will, vorstellen? Armut, Ghetto-Enge, Kampf mit der Umgebung, das glückliche Auftauchen eines Mäzens, der dem jungen Künstler unter die Arme greift und endlich, endlich den Sieg, die Aufnahme in eine Kunstakademie usw. Dies alles nimmt natürlich einen Platz in Epsteins Buch ein, aber es ist nicht die Hauptsache, es bildet nur .einen geringen Bestandteil des Ganzen; das Ganze, das Wesentliche ist auf etwas anderes gerichtet. Der Autor, der seinen Weg von Ost nach West scMWera wollte, wird seiner Absicht eigentlieh untreu, indem er den Bericht über ein einzelnes Künstlerschicksal zum Vorwand, zum Ausgangspunkt nimmt für eine großzügige, großartige Chronik des jüdischen Lebens vor 60 Jahren im russischen Siedlungsrayon. Das Persönliehe bildet nur den Rahmen für ein ergreifendes Gemälde. Das jüdische Leben ln Sluzk, Hömel und Orscha, wo Epstein seine Kindheit und seine frühe Jugend verlebte, wird mit fesselnder Ausführlichkeit erzählt. Wenn er z. B. sagt, daß seine Großmutter in Sluzk einen Lad»! hatte und sein Vater ein Melamed war, 80 folgt danach eine ausführliche Schilderung der ganzen ökonomischen Struktur des jüdischen Städtchens, der Leser wird über jüdische Pamosses, über die Armut, über die Bedürfnislosigkeit und die Genügsamkeit auf das anschaulichste unterrichtet. Das jüdische Leben in allen seinen Manifestationen, die sorgenvollen Werktage, die Glückseligkeit, die auch der Aermste empfand, wenn er die Festtage nahen sah, haben In Epstein den nachdenklichsten und anmutigsten Erzähler gefunden. Man spürt, daß diese Fülle von Einzelheiten, diese Kleinmalerei, nicht bloß der reinen Freude am Malen entspringt, sondern daß es dem alternden Mann, der lange schon Westler geworden ist, ein Herzensbedürfnis wurde, sich des Ostens zu erinnern, und über dieses Sluzk, Hornel und Orscha von vor 60 Jahren zu erzählen. Und je mehr er erzählt, desto wärmer, gerührter wird er. ״Man soll immer nur von dem schreiben, was man liebt“, sagte einst Renan in der Einleitung zu seinen Jugenderinnerungen, nur die Liebe zum Vergangenen kann diese Fülle der Einzelheiten, aus der sich soviel Schönes ergibt, erklären. Jehudo Epstein liebt jene Welt seiner Kindheit, jene jüdische Welt des Ostens, die es verstanden hat, auf die Drangsalierungen des Lebens in der damals einzig möglichen Art zu reagieren. Entblößt von jedem äußeren Wohlleben, versuchte sie, sich aus geistigen, seelischen Freuden, aus religiöser Inbrunst einen kostbaren Ersatz zu schaffen. * Epsteins Erinnerungen, in denen wir manchmal feinsinnigen Betrachtungen über die Welt und die Dinge begegnen, enthalten nirgends eine Stelle über die jüdische Gegenwart, aus der wir über seine Beziehungen zu den Bewegungen und Strömungen der Judenheit von heute hätten schließen können. Wir bekommen keine Auskunft darüber, ob er z. B. die moderne jüdische Literatur kennt. Daß er sich in den alten Kulturschätzen gut auskennt, beweisen die vielen Zitate aus dem Talmud, aus den alten weisen Sprüchen, die er anführt, aber niemals begegnen wir dem Namen eines jüdisehen Schriftstellers, niemals erwähnt er eine moderne jüdische Bewegung. Fast sieht es so aus, als wäre unserem Autor die Tatsache unbekannt, daß es so etwas wie eine jüdische Literatur, klassische Werke gibt, in denen vergangenes jüdisches Leben von bedeutenden Meistern gestaltet wurde. Vielleicht gar schwebte ihm dank dieser Unkenntnis eine Pflicht vor, diese entschwundene jüdische Welt von tiefer Eigenart der Vergessenheit zu entreißen und sie darzustellen. Nun, diese Darstellung ist ihm in so hohem Maße gelungen, daß er mit Recht den Anspruch erheben kann, als Schriftsteller, als Dichter zu gelten. Da aber Jehudo Epstein derartige Prätentionen nicht zu erkennen gibt und es ihm gewiß genügt, als anerkannter Maler zu leben, so muß ihm das Prädikat Dichter sozusagen aufgezwungen werden, denn es gibt wirklich viele Seiten in diesem Buche voll von poetischetn Reiz und von bezwingender Schönheit, die unser Herz bewegen. Ich will nur auf die Schilderung des. Sabbath hinweisen, die getrost zu dem Schönsten, was in unserer Literatur darüber geschrieben und gedichtet wurde, gerechnet werden kann. Epsteins Sabbath-Schilderung ist breit, ausführlich, denn er will nicht nur einen Ausschnitt, sondern das ganze Festbild geben, und in diesem Festbild mit seinen Stufungen, Steigerungen, ist alles gleich wichtig, das Nahen, das Vorgefühl und Rüsten zum holden Fest wie der in tiefer Zufriedenheit und Glückseligkeit erschallende Ruf ״Gut Schabbes“, mit dem auch der Aermste unter den Armen die Schwelle seines Hauses betritt. Wunderbar ist die Schilderung des Sabbath-Nachmittags, die stille, verhaltene Ruhe, die innere Freude und fromme Nachdenklichkeit, die dann herrscht, wenn nach althergebrachter Sitte alt und jung die Pirke Awoth, — die Sprüche der Väter — studiert und seelische Erbauung in all den Weisheiten von Rabbi ben Asai, Rabbi ben Soma, Rabbi Jochanan, Rabbi Eleaser findet. Und wie versteht er es, jene melancholische wehmütige Stimmung wiederzugeben, die beim Abklingen des Feiertages alle erfaßt, jenes etwas bange, unsichere ״A gut Woch“, das man sich nach der Hawdalah wünscht. Alle diese Momente haben in Epstein den köstlichsten Erzähler gefunden, ln derselben breiten Art schildert er die großen Feste und die Tage der nationalen Trauer. Man wird hier wieder in dem Gedanken bestärkt, daß die Juden das historischste Volk der Welt sind, und daß das Ostjudentum ein geradezu phänomenales Gedächtnis aufweist. Tatsache ist, daß nicht der Zar, nicht seine großen und kleinen Beamten, jene fremde Gegenwart darsteilen, die die Phantasie des jüdischen Städtchens beherrschte, sondern Hadrian, Vespasian und Titus Horoscho. Die Geschichte von der Belagerung Jerusalems durch Sancherib, die die jüdischen Fuhrleute, Wasser- und Lastträger in der stimmungsvollen Stunde zwischen Mincha und M’aariw aus dem Munde eines Talmudkundigen vernahmen, wurde als Realität empfunden. Lebendig war der Spott dieser von Mühsal gebeugten Juden, die durch das Erleben der Vergangenheit als Gegenwart sich aufrichteten, über diesen Sancherib lachten, der in seiner Vermessenheit zum Feldherm sagt: ״Dieses Städtchen werden wir gleich morgen stürmen“. ״Unter den Zuhörern — lesen wir in Epsteins Erinnerungen — brach große Heiterkeit aus. Sie stießen sich gegenseitig vergnügt mit den Ellenbogen an, strichen sich die Bärte und belustigten sich über diesen einfältigen Sancherib, der Jerusalem, man denke Jerusalem, die Weltstadt als ein Städtchen bezeichnete. Es war wahrhaftig als ob alles erst gestern passiert wäre, als seien soeben die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz angelangt.“ Die historische Verbundenheit mit Palästina kann nicht besser als in dieser stillen Szene ausgedrückt werden. * Von Reb Lewik Berditschewer wird folgendes erzählt: Am Jom Kippur, als er auf eine Weile das Bethaus verließ, um etwas frische Luft zu atmen, sah er gerade, wie Graf Branitzki, der reichste Gutsbesitzer des Landes, dem übrigens auch die Stadt Berditschew gehörte, in einem prachtvollen Wagen vorbeifuhr. Großes Mitleid mit dem Grafen erfaßte Reb Lewik. Daß er nichts von den unaussprechlichen Wonnen eines Jom Kippur kennt, ist zu begreifen, weil er nur den Juden, dem auserwähltea Volke zuteil wurde, aber dennoch, dennoch .... Und dem Wagen nachschauend und immer stärker vom Mitleid erfaßt, rief Reb Lewik in großer Bestürzung: ״Ribeim schel Aulom, auch er ist doch dein Geschöpf. Mit wie Geringem hast du ihn abgefertigt.“ In dieser ©pjiMung;ein Eid von der großartigen inbrünstigen Persönlichkeit des Reb Lewik Berditschewer gegeben, wir bekommet( auch einen Einblick in die Lebensphilosophie des Ostjudentums von ehedem. Außerstände, das äußere, materielle und politische Leben für sich anders zu gestalten, konnte es sich nur dadurch von Verkommenheit retten, indem es Verzicht leistete, diesen Verzieht veredelte, aus der Not eine große, hohe Tugend machte. Es hätte in den Hunderten von Jahren der Ohnmacht untergehen müssen, hätte es gleich anderen mit gierigen Händen nach dem Glück des diesseitigen Lebens gegriffen. Der Verricht kann verheerend wirken, kann unglückliche, verbitterte Menschen schaffen, wenn er nicht durch Freiwilligkeit geadelt ist. Man gab sich der ehrlichen Täuschung hin, daß man freiwillig etwas aufgäbe, was man eigentlich nie besessen hatte. Man verzichtete sozusagen freudig, und man hatte Mitleid mit dem armen Grafen, dem es beschieden war, nur Aulom haseh zu genießen. Der heißeste Wunsch des guten Senderl in Mendeles wunderschönem Roman war . . . keinen Magen zu haben. Daß auch sein Magen die allgemein geltenden Rechte beanspruchte, wollte ihm nicht eingehen. Die Senderl der späteren Generation urteilten über diese Dinge anders. Aus den Verzichtern sind Empörer geworden. Auch in Jehudo Epsteins Chronik des jüdischen Lebens kommt diese Philosophie des Verzichtens stark zum Ausdruck. Wie unerträglich wäre denn auch das Dasein all der Sluzker, Orscher Luftmenschen und Melamdim ohne diese Fähigkeit, das gering zu schätzen, was für andere den Hauptreiz, den Hauptsinn des Lebens darstellt. Diese Art und Weise, mit den Dingen der Welt fertig zu werden, bewahrte sie auch in den bittersten Zeiten davor, der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung anheimzufallen, und niemals passierte es früher, daß ein Jude aus Nahrungssorgen oder wegen schlechter Geschäfte sich das Leben nahm. Wenn doch eine Stunde Beschäftigung mit der Thora alle Genüsse dieser Welt überwiegt, so können Nahrungssorgen keinen triftigen Vorwand für Lebensüberdruß bilden. Ueberdies verstand man sich glänzend auf die Kunst, zu hungern, man leistete auf diesem Gebiet einfach Wunder, und man blieb stets bei guter Laune, man lachte über den Prahlhans Sancherib, der es mit dem Erstürmen von Jerusalem so leicht zu haben glaubte, man lachte aber auch über einen Grafen Branitzki, den man am Jom Kippur in einem prächtigen Wagen vorbeifahren sah. So war dieses Ostjudentum von ehedem beschaffen. Traumhaft und von Bildern der Vergangenheit umgaukelt, verzaubert, führte cs ein Dasein, das einzig in seiner Art war. Der Maler Jehudo Epstein, der• im Herbst des Lebens über seine Kindheit und Jugend Erinnerungen schrieb, wurde von der Einzigartigkeit, von der düsteren Schönheit des jüdischen Städtchens, des ostjüdischen Lebens von ehedem dermaßen ergriffen, daß er sie zum Hauptgegenstand seiner Memoiren und seiner Betrachtungen machte. In diesen Tagen erscheint im ״Jüd. Verlag“ Berlin als erster Band des ״Zionistischen Bücherbundes“ eine deutsche Auswahl von Aufsätzen des hebräischen Denkers und Arbeiterführers A. D. Gordon. Das Buch führt den Titel ״Erlösung durch Arbeit“, die Uebersetzung besorgte Dr. Victor Kellner. Ein hebräischer Musterkaftalog Hebraica. Systematischer Katalog der neuhebräischeu Literatur Mit Geleitwort von Dr. Simon Bernfeld. Mit Autoren- und Titelregister. Buchhandlung Rubin Maß, Berlin-Charlottenbürg, Kantstr. 46. 126 Seiten. Preis: 1 M. Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, fast täglich mündlich und schriftlich Fragen vorgeiegt bekommt, etwa dieser Art: ״Welches hebräische Lehrbuch empfehlen Sie meinem x-jährigen Kinde?“ oder: ״Was gibt es auf dem Gebiete der hebräischen dramatischen Literatur, das sich für eine Liebhaberaufführung zu Chanukkah eignet?“ oder: ״Was raten Sie mir als erste vollständig unpunktierte Lektüre nach dem Stand meiner gegenwärtigen hebräischen Kenntnisse?“ oder: Welche billige Einzelausgabe des Werkes dieses oder jenes Schriftstellers gibt es?“ oder: ״Kann man dies (ältere) werk noch heute käuflich erwerben?“. — Wer, sage ich, mit solchen Fragen tagtäglich bombardiert wird, versteht den besonderen Wert des soeben von der Buchhandlung R u b i n M a ß vorgelegten ״Systemstischen Katalogs der neuhebräischen Literatur“*), der geradezu als eine Tat für die praktische Propaganda und Verbreitung des hebräischen Buches gewertet werden muß. Simon B e r n f e 1 d, der der Veröffentlichung ein Geleitwort vorausschickt, sagt dort, daß ״dieser Katalog als Muster für eine zukünftige hebräische Bibliographie dienen kann“. Sämtliche Werke der hebräischen Literatur, seit den Tagen der ״Haskalah“, soweit sie heutenoch auf dem Büchermarkte vorhanden sind, werden hier nach Übersichtliehen Gesichtspunkten geordnet. In den Katalog sind auch die neuesten Erscheinungenbisinsletziejahr autgenommen, ein Vorzug, den naturgemäß keine ähnliche Publl- Kation der letzten Zeit aufweist, was den praktischen Gebrauch des Katalogs besonders erleichtert, Ist, daß auch die gegenwärtlgen Marktpreise sämtlicher aufgeführten Werke angegeben sind. Aus der folgenden Auswahl von Namen der Abteilungen, aus denen sich der Katalog aufbaut, geht bereits die ausgezeichnete Systematik hervor, nach der er geordnet ist. Es gibt u. a. folgende Rubriken: Kunst, Palästina, Bibliographie, Bio- ■־'־ ' ' -־*־ " ־”■ " " ■ ־ ... ,.§ gogik, Chassidismus und Kabbala, Theaterstücke. Jüdische Wissensehaft, Allgemeine Wissenschaft, Wörterbücher und Nach- Schlagewerke, Reisebeschreibungen, Publizistik, Philosophie und Psychologie, Folklore, Zionismus und Nationalismus, Poesie, Literaturgeschichte und Kritik, Lehrbücher, Musik usw. Die einzelnen Abteilungen sind je nach dem Stoff zumeist untergeteilt (in ״jüdisch“ und allgemein“ oder Original und Uebersetzung usw.). Besonders liebevoll ist dabei die Abteilung Lehrbücher nach Einzelfächern geordnet. Auch die Rubriken Jüdische und Allgemeine Wissenschaft erfahren weitgehende Gliederung in Einzeldisriplinen. Die Werke innerhalb einer Rubrik sind alphabetisch nach Autorennamen geordnet. Für Werke ohne bestimmten Autornamen ist am Ende ein besonderes Titel-Register eingerichtet. Ebenso ist durch besonderen Index dafür Sorge ־־tragen, daß die unter die verschiedenen Rubriken aufgeführten erke eines Autors rasch zusammenstellbar sind. Das Material ist gewissenhaft gesammelt. Hat doch der schon aus den bibliographischen Veröffentlichungen der Jerusalemer Universität«- und Nationalbibliothek (Klrjath-Sefer“) wohlbekannte Bibliograph M. P r o b s t in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber die Sammlung und Anordnung des Stoffes unternommen. Auch die äußere Ausstattung des handlichen Büchleins ist von ausgezeichneter Wirkung. Es hieße die Bedeutung des Kataloges mißverstehen, wenn man ihn etwa nur als geschäftliche Reklameschrift der heraus- " ' י'"'' ■ ״ . .§ Wirkungen. Wir stimmen ihm vollauf zu, wenn er sich aus der praktischen Benutzung des Verzeichnisses zugleich ein Bekanntwerden der Fülle neuhebräischer Literaturerzeugnisse und eine Förderung der Verbreitung des hebräischen Buches verspricht. (Er stellt uns weitere Kataloge der talmudisch-rabbinischen und nidaistjschen Literatur in Aussicht.) Sein Bestreben schon seit Jahren ist es, ,,in Mitteleuropa einen Konzentrationspunkt und eine Zufluchtstätte für das hebräische Buch zu schaffen“. Wir glauben, daß er durch Publikationen solcher Art auf dem besten Wege dazu ist. Dr. Max Mayer. Felix A. Theilhaber: Goethe. Sexus und Eros. Hören-Verlag, Berlin-Grunewald. Ein neues Goethe-Buch, das bedeutsam genug erscheint, um erwähnt zu werden. Die bekanntesten Biographen Goethes waren Juden. Und wieder unternimmt es hier ein Jude, die Gestalt dieses größten Deutschen darzustellen. Aber er tat es ln anderer Weise und in anderer Absicht. Unser Freund T h e i 1־ h a b e r, Arzt und Sexualforscher, als Schriftsteller längst bekannt, zeigt uns Goethe in völlig neuem Lichte. Sein Buch, gut fundiert, wissenschaftlich zuverlässig und überzeugend, läßt nichts von Aktenstaub und Stubenhockergelehrsamkeit merken; es liest sich wie ein spannender Roman. Die Literaturhistoriker schildern Goethe als den Olympier, seine Persönlichkeit als durchgängig überragendes Genie, seinen Lebensweg als sonnendurchflutete, sorgenlose Bahn. Theilhaber zeigt die Naivität dieser Auffassung; er weist die Problematik seiner Persönlichkeit nach, sein vom Schicksal bedingtes Werden, sein Werk nicht als Ausfluß einer ״Gelegenheitsdichtung“, sondern als logisch und zwangsmäßig von innen her entstehende Schöpfung. Wie durch eine große Tragödie werden wir geleitet: der Dichterfürst, der auf den Honen des Lebens wandelt, erkämpft sich seinen Weg, Seelenqualen und Konflikte sind es gerade, die sich in die Energieform der Dichtung umsetzen. Das Liebesieben Goethes ist von frühester Jugend bis ins späte Alter jene Sphäre, der Theilhaber die entscheidende Bedeutung im Ablaut seines Lebens und Wirkens beimißt. In dem ״wundervollen Wechselspiel von Körper und Geist, Eros und Sexus“ löst sich das Rätsel seiner Persönlichkeit auf. Die Spaltung des seelischen und leiblichen Seins läßt die Liebesperioden (Frau von Stein und Christiane Vuipius) nicht als willkürlich und zufällig, son dern als zuinnerst notwendig erscheinen. Und über diesen biologischen Betrachtungen wird Theilhaber zum Deuter und Erklarer Goethescher Werke: nicht schulmeisterlich, und nicht mit philologischer Weisheit, sondern mit klarem Blick zeigt er die Schönheit der Sprache, die wahre Größe der Dichtungen aut — überraschend, wie er seinen Goethe kennt — und indem er die Schwächen des Mannes, der seinen Verehrern bisher als unantastbar galt, ans Licht holt und sie grell beleuchtet, läßt er im Kontrast seine Größe wachsen: ״Goethe, der Faust, ist im Leben und im Werk der erste Vorkämpfer für die absolute Anerkennung der sexuellen Freiheit, der Betonung des Wertes der Sexualität“ Werner Bab.