Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 522 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78/79, 4. X.!929 Die Lage der Industrie in Palästina Ein GesprSch mit dem Vorsitzenden des Industriellen-Verbandes Im Zusammenhang mit den Vorgängen in Palästina Ist selbstverständlich mehrfach die Frage aufgeworfen worden, welche unmittelbaren Folgen sich für das Wirtschaftsleben ergeben werden. Was die direkten Schäden betrifft, so hat sich herausgestellt, daß kein größeres Wirtschaftlieh es Unternehmen ernstlich gelitten hat. Die geplünderten Geschäfte waren meist kleine Läden, und so empfindlich auch für die Besitzer der entstandene Schaden ist, so wird doch das Wirtschaftsleben im ganzen davon nur wenig tangiert. Wichtiger ist die Frage des Boykotts, der nach den letzten Meldungen um sich zu greifen scheint. Wir haben die Gelegenheit der Anwesenheit des Vorsitzenden des palästinensischen Industriellenverbandes, Herrn Arjeh Schenkar in Berlin benützt, um ihn über seine Meinung zu befragen. Her!• Schenkar ist der Eigentümer eines der wichtigsten industriellen Unternehmungen im Lande, der Spinnerei und Strumpfwirkerei ״Lodz i a“ in Tel-Awiw. Er ist gegenwärtig durch Krankheit in Berlin festgehalten, begibt sich aber bald wieder nach Palästina. Nach meiner Meinung, so führte Herr Schenkar aus, kann der Boykott nicht lange dauern denn er geht gegen alle ökonomische Raison, und die ökonomischen Gesetze haben sich stets noch als stärker erwiesen als politisehe Versuche, sie zu stören. Die palästinensische Industrie ist heute so gefestigt, daß ihre Artikel um 20 bis 25 «/« billiger sind als Importartikel, was schon begreiflich wird, wenn man bedenkt, daß die Importware eine ganze Reihe von Zwischenhändlern passieren muß, bevor sie zum Käufer gelangt. Ein armes Volk wie das palästinensische kann sich aber nicht erlauben, Waren mit 25 e/0 zu überzahlen. Dazu kommt noch, daß bekanntlich die aus Europa kommende Exportware recht minderwertig ist, während die palästinensische Industrie auf beste Qualität bedacht ist. Man kann sagen, daß das Land von dem jüdischen Kapital und der jüdischen Arbeit, die sich in der Industrie ausgewirkt haben, erhebliche Vorteile hatte, keineswegs daß die Industrie etwa die Bevölkerung ausgebeutet hat. Die Industrie hat Heute die Kinderkrankheiten bereits hinter sich und steht auf festen Füßen. Der Export beträgt heute ungefähr 25 0/0, und zwar nicht nur in arabische Länder; der Handel in Syrien ist so gut entwickelt, daß nicht anzunehmen ist, daß er nach politisehen Instruktionen handeln wird, sondern er wird auch der jüdischen Industrie Palästinas gegenüber nach ökonomischem Vorteil handeln. Auch die ernsten Araber Palästinas verstehen ganz gut, daß eine Schwächung der Industrie und eine Stei- §erung des Imports für das ganze Land verhängnisvoll wäre, a hierdurch eine Verschlechterung der Handelsb i I a n z erzeugt würde, worunter alle Landesbewohner zu leiden hätten. Was die allgemeine Lage der Industrie betrifft, so wäre vor allem zu betonen, daß ihre Entwicklung unter dem Mangel eines ausreichenden Kredits außerordentlich leidet. Die Anglo-Palestine Company hat alles getan, was in Ihren Kräften steht. Aber die Industrie ist mit ihren Bedürfnissen bereits über die Möglichkeiten der A. P. C. hinausgewachsen. Barclay’s Bank interessiert sich sehr wenig für die Industrie und beteiligt sich höchstens indirekt durch die Vermittlung anderer Institute. In letzter Zeit haben der Economic Board und Palestlne Corporation etwas nachgeholfen. Aber langfristiger Investitionskredit ist noch so gut wie gar nicht zu haben. Er aber ist die Forderung der Stunde. Daher Bat die Industrie die Mitteilung bei der Züricher Agency-Konferenz, daß für ein neues Institut bereits sine , Million Dollar gezeichnet worden sind, mit großer k.Wt!iWfr>mA .H<#pngef1 begrüßt, £»>wireeine ,große Enttäuschung, wenn die Schaffung dieses Institutes wieder verzögert würde. Bisher hat noch kein Institut etwas bei der Industrie verloren. Die Kosten der ersten Experimente hat die Industrie selbst getragen. Sie hat seit 1924 viel zugelernt, man hat sich an die orientalischen Verhältnisse angepaßt, und vor altem verfugt die Industrie heute über eine gelernte Arbeiterschaft, zu der etwa 90 % aller beschäftigten jüdischen Arbeiter zu zählen sind, und die mit Interesse und Liebe an der Arbeit hängen, weil sie verstehen, welche Bedeutung die Industrie für die Entwicklung des Landes hat. Diese Arbeiter- Schaft ist auch ein wichtiges Kapital, auf das wir uns stützen können. Ich bin auch überzeugt, fährt Herr Schenkar fort, daß die Frage des kollektiven Arbeitsvertrages, über den Verhandlungen zwischen dem Industriellenverband und der Arbeiterorganisation schweben, zur beiderseitigen Zufriedenheit erledigt werden wird. Weser Vertrag wird dem Fabrikanten die Möglichkeit geben, ruhiger zu arbeiten. Ich selbst habe übrigens in diesen fünf Jahren niemals Schwierigkeiten gehabt. Es ist kein einziger Konflikt vorgekommen. In manchen Kreisen bestehen darüber falsche Darstellungen. Ich möchte noch bemerken, daß von der Gesamtzahl der Arbeiter, welche sich schon im Lande befinden, >/« in der jüdischen Industrie beschäftigt sind. Herr Schenkar betont weiter, daß nach seiner Meinung besonders für die Ausbreitung der Textilindustrie noch viele Möglichkeiten in Palästina sind. Leider beteiligten sich bisher die jüdischen Kreise, die dafür in Betracht kommen, nicht genügend an dieser Entwicklung. Große Hoffnungen wurden verbunden mit dem Besuch des Fabrikanten Oskar K o h n aus Lodz, der die Verhältnisse im Lande eingehend studiert hat. Herr Kohn hat mir sein Wort gegeben, daß er sich an einer großen Unternehmung in Palästina beteiligen wird, und es würde mir sehr leid tun, wenn er sein Versprechen, im Oktober ins Land zu kommen, nicht halten würde. Ich denke, auf einen energischen Mann wie Kohn werden zweifellos Zwischenfälle wie die letzten Ereignisse keine abschreckende Wirkung haben. Ich hoffe, auf richtige jüdische Unternehmer wird die augenblickliche Lage wenig wirken. Inzwischen muß die Frage der Erleichterung des Kredits erledigt werden, um die Industrie zu verstärken, welche schon im Lande existiert. Zum Schluß betonte Herr Schenkar noch, daß mit Fertigstellung des großen Ruthenberg-Stauwerkes die Kraft wesentlich verbilligt werden dürfte, was für die Industrie von größter Bedeuhmg ist. Ueber den Brand in der Fabrik ״Lodzia“, der kürzlich gemeldet wurde, erklärte Herr Schenkar, es sei nur ein Teil der Spinnerei abgebrannt, dies werde jedoch auf die Sockenfabrik wenig Einfluß haben. Er habe nach Palästina telegraphische Weisung erteilt, daß der Betrieb in der Fabrik unvermindert aufrecht erhalten wird und keine Einschränkungen eintreten sollen. Der Berichterstatter der ״Times“ meldet aus Jerusalem vom 27. September, daß die Bestimmung, die Shaw-Kommission müsse bei ihren Untersuchungen grundsätzliche politische Fragen ausschalten, von beiden mit Unzufriedenheit aufgenommen wird. Die J u d e n, so fährt der Korrespondent fort, lehnen es ab, das Churchill-Memorandum von 1922 zu akzeptieren, das sie als Verminderung der Balfour-Deklaration betrachten, in die sie eine Bedeutung hineinlesen, die von Churchill ausdrücklich zurückgewiesen wurde. Die Araber dagegen sind der Meinung, daß die Deklaration sich als undurchführbar und widerspruchsvoll erwiesen hat, und glauben, daß die Regierung die weitestgehende jüdische Interpretation der Deklaration begünstigt. Palästina und der Sozialismus Vandervelde ln Frankfurt Ans der sozialistischen Presse Die ״Frankfurter Zeitung“ berichtet; Die Frankfurter Zionistische Vereinigung, das Frankfurter Keren Hajessod-Komitee und die beiden Frankfurter Mitglieder der Jewish Agency hatten zu Sonntag abend zu einer Kundgebung für den Aufbau Palästinas in den großen Saal des ״Frankfurter Hofs“ eingeladen, bei der nach Begrüßungsansprachen von Ernst Kahn, Stadtkämmerer Asch und Dr. Arthur R o s e n b 1 a 11. der ehemalige belgische Staatsminister Emile Vandervelde und seine Frau über ihre Studienreise nach Palästina berichteten und dabei auch zur Frage Palästinas als Problem Stellung nahmen. Zuerst schilderte Frau Dr. Vandervelde ihre guten Eindrücke von den sozialen und sanitären Einrichtungen in Palästina, worauf Minister Vandervelde in einem längeren, von warmer Begeisterung und mitreißendem französischen Temperament getragenen Vortrag ausführte, wie er auch als Sozialist sich zum jüdischen Nationalismus bekennen könne, da dieser kein gewöhnlicher Nationalismus sei, sondern einen Sonderfall in der Weltgeschichte darstelle. Er setzte sich mit starkem Nachdruck für das Recht der Juden auf Palästina als Nationale Heimstätte «in und schilderte, welche tiefen und gewaltigen Eindrücke er bei seiner Reise durch Palästina vom jüdischen Aufbauwerk erhalten habe. Trotz aller Schwierigkeiten schreite die Entwicklung in jeder Bezielrung hoffnungsvoll voran. Für die arabischen Ausschreitungen seien seiner Meinung nach nicht so sehr die religiösen als vielmehr die materiellen Momente ausschlaggebend gewesen. Die Beduinen, die als Nomadenvolk mit ihren Herden jährlich nach dem Jordan zu kommen pflegen, fühlen sich in diesem Rechte bedroht, die Latifundienbesitzer sind über die jüdische Konkurrenz erbost und die niedere arabische Bourgeoisie der Städte, die Händler, die Geistlichkeit, die Angestellten und die niederen Beamten fürchten die Ueberlegenheii des jüdischen Volkes und fühlen sich deshalb in ihrer Lage bedroht. Vandervelde bat dann um Vertrauen für die englische Labour-Regierung, die sich streng an die Balfour- Deklaration halten werde und schon weitgehend eingegriffen habe. Die Ordnung sei wieder hergestellt, wenn auch die nächste Zukunft noch voller Drohungen bleibe. Er müsse aber hinzufügen, so fuhr Vandervelde fort, daß auch den Juden bei diesem Versöhnungswerk eine große und wichtige Aufgabe zufalle. Sie müßten erkennen, daß «licht die Bajonette ihrem Werke die Zukunft sichern können, sondern daß sie nur zum Ziele kommen können, wenn sie sich von den großen Idealen des Friedens und der Verständigung leiten lassen. Die sozialistischen Zionisten müssen dm Arbeitern und Bauern in Palästina zeigen tmd durch die Tatsache beweisen, daß die Solidarität des Proletariats stärker sein muß als die Religions- und Rassenunterschiede und daß die wirklichen Feinde nicht die andersgläubigen Arbeitsgenossen, sondern die ausbeutenden Feudalherren sind. Nach diesem begeistert auf gen ommenen Vortrag sprachen noch Alfred Leonhard Tietz-Köln und Rechtsanwalt Dr. Landsberg -Wiesbaden, die Vanderveldes Worte unterstrichen, daß der Kampf um das jüdische Recht in Palästina ohne Gewalt und ohne Waffen ausgetragen werden müsse. Die Palästina; Die Palästina-Frage auf der Labour-Konferenz. Brighton, 1. Oktober. (J.T.A.1 ln der Eröffnungs- Sitzung der Jahreskonferenz der britischen Arbeiterpartei, aie in Brighton stattgefunden hat, hielt Herbert Morrison, Vorsitzender der Arbeiterpartei und Verkehrsminister der Regierung MacDanalds, eine Ansprache, in der er mit Bezug auf Palästina ausführte: In Palästina ist Blut geflossen. Wir sprechen jenen, die zu leiden hatten, und den Angehörigen jener, die ihr Leben gelassen haben, unsere tiefe Sympathie aus und bekräftigen nochmalsunsere Politik hinsichtlieh des Palästina-Mandates und der Verpflichtengen, die wir mit diesem Mandat gegenüber dem jüdischen Volke, den jüdischen und arabischen Einwohnern Palästinas und gegenüber dem Völkerbunde übernommen haben. Wir stimmen nicht mit jenen überein, die behaupten, daß zwischen der jüdischen und der arabischen arbeitenden Bevölkerung Palästinas eine dauernde Interessen-Zwietracht besteht. Raum für beide ist im Lande; gutes Einvernehmen und Zusammenarbeit zwischen beiden Rassen ist wesentlich für eine friedliche Entwicklung des Landes. Die gerechten Ansprüche und die Beschwerden beider Gemeinschaften müssen In Betracht gezogen werden. Die Föderation der jüdischen Arbeiter Palästinas (Histadruth) und die jüdischen Arbeiterorganisationen Amerikas sandten der Jahreskonferenz ihre Glückwünsche. Außenminister Henderson erklärte, die Regierung beabsichtige keineswegs, die Frage des Palästina-Mandates neu aufzurouen; die stehe zur Halfourdekiaration von 1917, die die Errichtung eines Nationalheims des jüdischen Volkes in Palästina verkündet hatte, wobei die bürgerlichen und religiösen Rechte der anderen Bewohner zu schützen sind. In Palästina ist der Friede hergestellt. * London, 27. September. (J.T.A.) In einer zugunsten des Palästina-Arbeiterfonds im Pavillon Theatre stattgefundenen Kundgebung führte Ben Tillet, Mitglied des Unterhauses und Vorsitzender des Generalrates des Gewerkschaftskongresses, in einer Ansprache ungefähr aus: Ich interessierte mich jederzeit für Fragen der Judenheit, besonders im Zusammenhang mit Palästina; ich erachte die Errichtung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina als eines der bedeutungsvollsten Ergebnisse des Weltkrieges. Wir alle können aus dem jüdischen Aufbau in Palästina viel lernen, und ich habe das Gefühl, daß es ein Vorzug für die britische Nation ist, mit der Aufgabe betraut worden zu sein, Palästina dem jüdischin Volke wiederzugeben. Die jüngsten Ereignisse in Palästina werden der Wettjudenheit die Leime gebe», daß sie die zentrale Konzeption einer Nation, die ihre eigene Rettung bewerkstelligen will, zu stärken habe. Ich bin überzeugt, daß die Arbeiterregierung alles, was in ihrer Macht steht, tun wird, um die jüdischen Aspirationen verwirkliehen zu helfen und gleichzeitig den Arabern volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Union der Gewerkschaften wird sich bemühen, eine Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern, die zu einer Freundschaft führen wird, zu fördern. Zum Schluß erzählte Ben Tillet, daß er in jungen Jahren Zeuge eines Pogroms auf Juden in Riga gewesen ist. Er hoffe, daß sich solche Scheußlichkeiten nicht mehr wiederholen werden und appelliere an das jüdische Volk, sich nicht in einen Zustand der Panik bringen zu lassen. Es sei sein innerster Glaube, daß die Arbeit in Palästina reiche Früchte, der Menschheit zum Segen, bringen werde. Zu den Ereignissen in Palästina ergriff in der Wiener ״Arbeiterzeitung“ unter dem Titel ״Die Aussichten des Zionismus“ auch Karl Kautsky das Wort. Naturgemäß wurde dieser Aufsatz von einer ganzen Reihe deutscher Arbeiterblätter übernommen. Kautsky wendet sich in erster Linie gegen den englischen Imperialismus, den er für den Hauptschuldigen an den Wirren in Palästina betrachtet. Hinsichtlich des Zionismus verweist er auf seine Schrift ״Rasse und Judentum“, die er im Jahre 1921 herausgegeben hat Dort schon hatte er behauptet, daß die Zeit gegen die Verwirklichung der zionistischen Pläne wirken werde. Die sichten des Zionismus noch verschlechtert. Zum Glück wird es den Zionisten nicht gelingen, meint er, viele Juden in Palästina anzusiedeln, so daß die unausbleibliche Katastrophe nur eine kleine Zahl von jüdischen Menschen treffen wird. Bei aller Hochachtung von Karl Kautsky muß man zu seinem Aufsatz folgendes bemerken: Es ist immer eine mißliehe Sache, von einem, vorgefaßten Dogma herab, Dinge zu betrachten. Was Kautsky vom Palästina-Werk schreibt, beweist, daß er dessen Charakter gar nicht kennt Die zionistische Kolonisation jeder Imperialistischen Kolonisation?leichzusetzen, ist abwegig. Was er vom arabischen Selbstoestimmungsrecht sagt, bewegt sich in denselben Allgemeinheiten, wie sie Gerlacn in der ״Welt am Montag“ vertreten hat Man kann ein bedeutender Marxist sein, und doch von einem realen Werke und seine« tatsächlichen Bedingungen nur sehr wenig wissen. Die Autorität Karl Kautskys in Ehren, aber wenn er von romantisch-reaktionärer Utopie in Bezug auf den Zionismus spricht, so beweist er damit völlige Ahnungslosigkeit Ein anderer führender Sozialdemokrat, Ernst Reinhard, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei der Schweiz beschäftigt sich in der ״Berliner Tagwacht“ vom 4. September gleichfalls mit dem Zionismus. Auch er wendet sien zunächst gegen den englischen Imperialismus, den er für den Hauptschuldigen an den letzten Ereignissen in Palästina hält Im übrigen beweist Reinhard durch seine tatsächlichen Angaben, •daß er nur sehr oberflächlich mit der Materie vertraut ist Nach ihm ist der Zionismus gegenwärtig ein großkapitalistisch-jüdisches Unternehmen. Gegen Reinhard wendet sich JuliusKaliskiin der Septembernummer der ״Sozi alistischen Monatshefte“. Was Kaliski über das Problem zu sagen hat, ist in manchen Punkten überaus gut formuliert. Als Sozialist erhebt er die ״pr 0 d u k t i o n sethische Forderung“, das Werk der Zionisten zu fördem. Er schreibt: ״Sieb der Erschließung des Bodens und seiner Produktivstärke entgegenzustellen, nur damit die gegenwärtige, in keinem Verhältnis zu «Jen Produktionsmöglichkeiten stehende kleine Schicht nicht in ihren Herrschaftsrechten gestört wird, sollte dem, der das Schaffenspostulai aner• kennt, unmöglich sein. Erst wenn der palästinensische Boden wirklich die Bevölkerung hat, die sich als das Optimum für die Produktionsmöglichkeiten auf ihm darstellt, kann man mit Recht von einer Mehrheit und einer Minderheit sprechen. Bis dahin bedeuten solche Berufungen auf das SelbstbestinmUungsrecht nur eine Degradierung dieses Rechtes, das in sein Gegenteil, in Selbstbestimmung ausschließende Willkür verkehrt wird.“ Gegenüber Reinhard und dessen Verurteilung des eng- £isÄTO'Ttn»eriaffi1nBi:׳S<jhrei6t;Ki1UÄj,'Bd vielfacher Erifritü- 4i#»rf^enoÄe“1ahhärd^ Jet» Zu fälsche! Schlüssen in dem Augenblick, da er aus dem Ziel und der Praxis Englands das Recht der Araber herleitet, dem jüdischen Volk das Recht auf palästinensischen Boden zu nehmen.“ Reinhard, so meint Kallski, identifiziert offenbar ohne innere Schwierigkeit jüdisches Kapital und jüdisches Volk ״getreu einem Banalsozialismus, dem es dann auch nichts ausmacht, das Arabertum in Palästina als das betrogene Volk, die Palästina erschließenden luden aber als die von den Arabern mit gutem Recht zu beseitigenden Werkzeuge britischer Welt- Politik zu behandeln“. Ferner schreibt Kaliski: ״Daß jüdisches Kapital das Kolonisationswerk der Juden in Palästina unterstützt, mag unserem Schweizer Parteigenossen Reinhard unverständlich sein, er wird sich deshalb doch einige Mühe geben müssen, die nationalen Schaffenskräfte des jüdischen Volkes in dem Kampf um die Wiedergewinnung ihres Landes verstehen zu lernen; denn Unkenntnis von Tatsachen, die man kennen lerne« kann, ist gerade für den Sozialisten eine besonders schwere Sünde.“ Die Polemik gegen Reinhard ist aber nur ein geringer Teil des Aufsatzes von Kaliski, der das Problem ״Palästina und der Sozialismus“ untersucht. Und gerade als Sozialist, der die Materie gründlich beherrscht, kommt er zum Schluß, daß durch_״die letzten Ereignisse die Besiedlung des Landes ‘ irch Arbeit schlimmstenwerden könne.“ 4t Die ״Volkswacht für Schlesien“, das Breslauer sozialdemokratische Organ, berichtet über ein Schreiben, das der Breslauer sozialdemokratische Parteivorstand an die Breslauer Ortsgruppe der Poale Zion gesandt hat und in dem es u. a. heißt: ״Die Ausführung der Balfour-Deklaration, der Beginn de« Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina hat zugleich den bewundernswerten Versuch der jüdischen Arbeiterschaft gebracht, in dieser neuen Heimstätte sozialistische Kampfziele zu verwirklichen. Die Ent- Stellung jüdischer Gewerkschafts- und Parteiorganisationen, die Leistung von Kolonisten, die mit unerhörten Schwierigkeiten sozialistische Ziele in de« kapitalistischen Umwelt zu verwirkliehen trachten, haben immer aufs neue der gesamten Internationale Respekt abgenötigt. Führende Sozialisten der ganzen Welt haben der jüdischen Arbeiterschaft für ihre Leistungen in den Nachkriegsjahren immer wieder den Dank der gesamten Bewegung ausgesprochen. Unter diesen Umständen haben die letzten Ereignissein Palästina die besondere Aufmerksamkeit auch der deutschen Sozialdemokratie hervorgerufen. Mit tiefer Genugtuung haben wir in den vergangenen Jahren konstatiert, daß die nationalen Gegensätze zvvischen arabischen und jüdischen Arbeitern sich zu überbrücken schienen. Offenbar hat die Furcht hiervor die Vertreter des noch herrschenden feudalen Systems, die Latifundienbesitzer Vorderasiens bewogen, alte nationale und religiöse Gegensätze zu schüren und unter Ausnutzung des so entstandenen wilden Hasses beklagenswertes Blutvergießen herbeizuführen. Die Ereignisse der letzten Woeben werden eine Mahnung sein, dafür zu sorgen, daß Wirtschaftliehe und politische Freiheit in Palästina gesichert werde. Was die Internationale und insbesondere die deutsche Sozialdemokratie dazu tun kann, um nicht nur weiteres Blutvergießen zu verhindern, sondern darüber hinaus den Freiheitskampf der jüdisehen Arbeiterschaft des Landes zu unterstützen, muß geschehen. Damit wird auch den wahren Interessen der arabischen Bevölkerung gedient.“ _ Die Verleihung einer königlichen Auszeichnung an den Hebroner Polizeikommandanten Cafferata wird von dem Jischuw als unverdient betrachtet, da die Rolle Cafferatas wahrend der letzten Unruhen sehr umstritten ist