Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 520 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78/70,4.X. 1929 Eine Kundgebung der Arbeiterschaft Gemeinsame Erklärung der Arbeiterparteien ״Achduth Haawodah“ und ״Hapoäl- HazaTr“ zu den Ereignissen in Erez-Israei. <Oekürzt.) 1. Der mörderische Ueberfall über die jüdische Ansiedhing im Lande wurde zunächst und vor allem kraft des jüdischen Selbstschutzes zurückgeschlagen. Ohne diesen Selbstschütz, der in der ganzen ersten Zeit der Ueberfälle dem Jischuw zur Seite stand, wäre es dem nach einiger Zeit eintreffenden Heer vielleicht nicht gelungen, den Jischuw vor dem Untergang zu bewahren. ln dieser schrecklichen Prüfungsstunde zeigte sich die treue Heldenhaftigkeit des jüdischen Selbstschutzes und seine elementare und tragische Notwendigkeit. Selbstverteidigung ist unser Recht und unsere Pflicht. Mit unserer ganzen Kraft werden wir an ihr fest halten, solange sie notwendig sein wird — und gleichzeitig werden wir über ihre Reinheit und ihre Rechtfertigung wachen. Jeder Mißbrauch dieses unseres Rechtes bedeutet ein Rütteln an Heiligem und macht den Selbstschutz zu einer Fälschung. 2. Die Verantwortung für die furchtbaren Ereignisse im Lande fällt ganz — außer den direkt an Mord und Raub schuldigen Banden und den blutdürstigen Hetzern — auf die Administration des Landes. Es gab Beamte, die an den schrecklichen Tagen ihre schwere Pflicht treu erfüllten. Manche oberste Beamte der Administration, darunter der Oberkommissar, waren nicht im Lande, als die Ueberfälle losbrachen. Doch Ihre Stellvertreter, in deren Händen sich die ganze Macht befand, zeigten vor und während der Ereignisse ihre ganze Verantwortungslosigkeit, sei es aus bösem Willen oder aus Unfähigkeit. Die oberste Leitung der Administration ließ ungestört die offene Aufhetzung zu, beruhigte den Jischuw durch falsche Versprechungen und Erklärungen, tat nichts für den Frieden im Lande, tat nichts, um Mord und Zerstörung zu verhindern, stellte Pogromisten und Verteidiger auf ein Niveau und stärkte durch ihre Untätigkeit die Mörder und UebeltSter. 3. Wir sind davon überzeugt und möchten hervorheben, daß die englische Regierung in London sofort nach dem Ausbruch der Ereignisse, die sie anscheinend überrascht hatten, den guten und bestimmten Willen zeigte, sofort und mit aller Energie die Ueberfälle auf den jüdischen Jischuw zfi unterdrücken und nach Möglichkeit gutzumachen, was ihre Beamten im Lande angerichtet hatten. Doch gerade weil wir sicher sind, daß die englische Regierung bemüht Ist, das zu tun, was ihr auferlegt kt, fühlen wir uns heute verpflichtet, nachdrücldkhst zu betonen, daß es der englischen Regierung nicht gelingen wird, ihre menschliche und internationale Pflicht zu erfüllen, wenn sie nicht sofort gründliche Veränderungen in der administrativen Verwaltung des Landes vornlmmt. 4. Die bittere Erfahrung unserer zehnjährigen Arbeit unter dem Mandat zeigte uns schon häufig, wie groß der Abstand ist zwischen den feierlichen Versprechungen von London und den tagtäglichen Geschehnissen der administrativen Praxis in Jerusalem. Der best» •Wille der engHsche» Regierung 2» London wird in Jerusalem illusorisch, solange sich Im Lande eine Beamtenschaft befindet, die nicht gewillt ist, die Verpflichtungen des Mandates zu erfüllen, die an der Balfoiir- Deklaration nicht festhält, die der ihr auferlegten schweren Verantwortung nicht würdig ist, und die ihre elementarste Pflicht nicht zu erfüllen weiß: dem Lande den Frieden und seinen Bewohnern das Leben zu sichern. 5. Die Ereignisse haben aufs neue in aller Schärfe die Frage der Sicherheit des Landes aufgerollt. Nicht nur der jüdische Jischuw und das jüdische Volk, sondern die ganze zivilisierte Welt fordern jetzt von der englischen Regierung die Wiederherstellung völliger Ruhe und absolute Sicherung des Friedens im Lande. Die englische Regierung erkannte nicht als letzte diese ihre oberste und dringendste Pflicht und sie hat bis heute energische Mittel ergriffen, um das Land zu beruhigen. Doch nicht eine zeitweilige Beruhigung tut uns not. Oe Regierung hat eine absolute und ständige Sicherheit zu schaffen und das ist unmöglich ohne eine gründliche Reor* ganisierung der Verteidigungskräfte des Landes, die eine genügende Anzahl von Juden in die Verteidlgungs- Kräfte einreiht, die vor allem eine gleiche Anteilnahme von Juden und Arabern an den Grenzkorps und der Landespolizei vorsieht. 6. Der von der Partei des Mufti in Jerusalem organisierte Ueberfall über den Jischuw war nicht nur das Werk von Effendi-Oruppen, die den Obersten Muselmanisehen Rat und das moslemisch-christliche Komitee beherrschen. An den Ueberfällen beteiligten sich Massen aus Dorf und Stadt, insbesondere Beduinen. Raub- und Mordgier ergriff einen großen Teil der Araber des Landes. Jede Verkleinerung der furchtbaren Gefahr, in der der Jischuw schwebte, ist ein gefährlicher Selbstbetrug. Wir standen vor dem Ausbruch dar fürchterlichsten Instinkte eines wilden Volkes: religiöser Fanatismus, Raubgier, Zerstörungswut und Blutdurst, und das Ziel war klar und fürchterlich: Vernichtung des gesamten jüdischen Jischuw und Zerstörung seiner Werke im Lande. Doch müssen wir die Tatsache hervorheben, daß viele arabische Siedlungen, darunter die meisten unseren Kolonien und Wirtschaften benachbarten, sich an den U e b e r - fällen nicht beteiligten. Die meisten arabischen Dörfer gingen trotz der teuflischen Propaganda und der ununterbrochenen Hetzereien, trotz der immer wieder an sie gerichteten Aufforderungen, ihre jüdischen Nachbarn zu überfallen, nicht mit den Mördern und Räubern. Ja es gab unter ihnen auch solche, die mit wirklicher Treue und Hingebung ihre jüdischen Nachbarn verteidigten, mitunter unter eigener Lebensgefahr 7. Die direkt an Raub und Mord Schuldigen sollen ihre Strafe erhalten — nach der ganzen Strenge des Gesetzes, nach dem Ausmaß ihres Verbrechens und nach der Größe des Schadens. Doch die direkt Schuldigen sind nicht nur diejenigen, die mit eigener Hand mordeten und plünderten, sondern ebenso — und insbesondere — die Hetzer und Aufwie gl er, die die erregten Massen durch lügnerische BeschiMguogea der Juden aufhetzten, die sie glauben machten, daß Raub und Mord an den Juden nicht bestraft würden; denn ״die Regierung ist mit uns“. Damit solche fürchterlichen Ereignisse sich nicht wiederholen, Ist es nötig, aus den Herzen der Uebeltäter den Glauben zu reißen, das Leben und die Habe der Juden seien vogelfrei. 8. Mittlerweile geht die Aufhetzung weiter und die Gefahr ist nicht vorüber. Doch wollen wir für die Ereignisse keineswegs das arabische Volk verantwörtlich machen. Wir fordern die Bestrafung der Schuldigen, Einzelner oder Gruppen, aber ausschließlich der Schuldigen. In der Stunde, in der wir bereit stehen, unser Leben gegen aufgehetzte, blut- und raubgierige Massen zu verteidigen, müssen wir gleichzeitig mit der ganzen uns zur Verfügung stehenden Kraft uns gegen jede nationale Aufhetzung und die Ausstreuung von nationalern Ha ß von unserer Seite wenden. Wir werden uns gegen jeden Versuch wehren, die Scheidewand zwischen uns und den Arabern zu vertiefen. Ke Sorge um friedliche Beziehungen — ob sie nahe sind oder ferne — zwischen uns und unseren Nachbarn, muß nicht weniger wie diejenige um die Wieder- Herstellung der Ruhe und der absoluten Sicherheit unsere Schritte lenken. Alles was wir tun können, um normale nachbarliche Beziehungen hemtstellen, muß von uns sofort und mit Ausdauer getan werden. 9. Wir werden in nichts auf unsere zionlstischeu Bestrebungen verzichten. Wir werden auch rieht für einen Moment von der Weiterführung und Verstärkung unseres Werkes zurückschrecken, und mit größerem Nachdruck weiden wir weiter für die Stärkung des Jischuw durch die Beherrschung der jüdischen Arbeit in der Jüdisehen Wirtschaft in Stadt und Land und für die mutige Entwicklung unserer Selbstversorgung kämpfen. Doch werden wir niemals unsere Hand für nationale Rache oder nationalen Boykott reichen. Wir führen keinen Krieg mit dem arabischen Volke. Wir kehren in unser Land zurück, um es mit eigener Kraft und selbständig aufzubauen, doch niemals auf Rechnung von anderen oder zu deren Schaden. Wir wünschen und sind interessiert an der Entwicklung des Landes für alle seine Bewohner. Wenn wir das Land aufbauen, kommt dies all seinen Bewohnern zugute. Unsere zum Frieden ausgestreckte Hand soll auch nicht vor Mördermessern zurückschrecken. Wie bisher sind wir bereit zu gemeinsamer Tätigkeit mit den arabischen Arbeitem zum Zwecke des Arbdterschützes und der Hebung seiner Arbeitslage‘, wir werden jeden Beginn und jeden Versuch des arabischen Arbeiters, für die Besserung seiner Lage und fflt selde Organisierung einzutreten, treu unterstützen. 10. Gerade jetzt müssen wir uns davor hüten, daß nicht unter uns eine chauvinistische Gesinnung entfacht werde. Wie eine faule Pflanze, die von unreinen Quellen sich nährt, ist der Revisionismus imstande, sich jetzt im Jischuw auszubreiten. Die Maul- und Federhelden, die sich bisher von Hetzereien und Verleumdungen gegen die Arbeiter nährten, wenden sich jetzt nach draußen und mit hohlem und krankhaftem Siegesgeschrei reizen sie die Leidenschäften der Feinde und entweihen unsere reine und tiefe Erbitterung. Mit all unserer moralischen Kraft wollen wir uns gegen diesen gefälschten nationalen Fanatismus wenden, gegen diese Nichtigkeiten der Helden der Pöse, die imstande sind, die moralische Reinheit unserer nationalen Bewegung zu verdunkeln und den erlösenden und menschlichen Inhalt des zionistischen Gedankens zu verfälschen. 11. Unsere besondere Lage im Lande verpflichtet uns, jeden unserer Schritte, insbesondere in unseren Be- Ziehungen nach außen, mit größtem Verantwortungsgefühl zu bedenken. Wir müssen in uns vereinen eine starke und eigensinnige Haltung und ehie Verteidigung ohne Zurückweichen unserer Rechte und unserer Stellungen — mit einer sorgfaltigen, peinlichen und klugen Inbetrachtziehung der Rechte und der Gefühle der ander«. In der Frage der Klagemauer verstand es der Jischuw nicht, sich vor der Falle zu hüten, die uns unsere Feinde gestellt hatten, deren Ränke darauf ausgingen, Im Lande einen blutigen Religionskrieg zu entfachen. Es gab keinerlei zionistische Rechtfertigung, es gab keine politische oder kolonisatorische Notwendigkeit, die Frage der Klagemauer im vergangenen Jahre zu unserer zentralen Frage zu machen. Nicht wir, sondern unsere Feinde waren an der Entfachung dieses Streites interessiert. Die Demonstration unreifer Jungen vom ״Brith Trumpeldor“ am 9. Ab zeigte nicht nur die Verantwortungsloslgkeit der Demonstranten, sie enthüllte auch die gefährliche Schwäche unserer nationalen Organisation. Der Waad Haleumi, die zionistische Leitung und die verantwortliehen Kreise des Jischuw, die alle gegen diese Detnonstration waren, waren doch nicht imstande, einige Dutzend Jungen® und Mädchen von diesem armseligen und beschämenden Abenteuer abzuhalten, das zwar die Ereignisse njpht beeinflußte, aber den Hetzern Stoff gegeben hat. Nicht die Frage der Klagemauer, sondern die Erstarkung und Vergrößerung des Jischuw ist unser zentrales Problem. Wir werden gegen jede Antastung unserer Rechte kämpfen, aber wir werden uns nicht durch Provokationen beeinflussen lassen, wir werden nicht das Nebensächliche mit der Hauptsache verwechseln und wir werden es keinem erlauben, unseren Feinden und den Hetzern Vorwände zu liefern. 12. Die Ereignisse haben uns in fataler Einfachheit die Frage gestellt: Sein oder Nichtsein. Doch nicht unsere Nachbarn, auch nicht die Regierung werden uns eine bejahende Antwort geben. Unser Schicksalsschlüssel ist an einer anderen Front, an der Front unserer Fronten, beim jüdischen Volk. Was sich ln unserem Leben jetzt ereignet hat, wird nur dann überwunden sein, wenn eine erneuerte starke und ausdauernde Volksbewegung unser Werk in Palästina verstärkt und beschleunigt. 13. Die Kämpfe haben den Jischuw nicht entzweit und nicht zertrümmert. Im Gegenteil. Aus der Prüfung ging der Jischuw ehrenvoll hervor. Nicht Einzelne, der ganze Jischuw ist den Ueberfällen mit Hingebung und Heldenhaftigkeit entgegengetreten. Ein heimliches Licht, dessen Vorhandensein wir nicht ahnten, ging plötzlich in dem von Gefahr umstellten Jischuw auf. Nicht weniger aufricliDud war die Wirkung auf das Volk im Gallith. Kein jüdisches Ereignis hat in unserer Zeit das Volk so erschüttert, wie das Unglück, das über den Jischuw in Erez-Isracl hereingebrochen war. Das Volk fühlte, daß nicht irgendeine jüdische Gemeinde oder Ansiedlung In der Welt berührt, sondern daß die Heimat angegriffen ist, daß nicht das Blut Einzelner vergossen wird, sondern daß Herzblut entströmt. Der Jischuw und das Volk schreckten nicht zurück vor Mord- und Zerstörungsrinken. Das Unglück, das uns betroffen hat, erneuerte um! heiligte den ewigen Bund des Volkes Israel mit Erez-Israel, 14, Diese erneuerte Stimmung des Volkes soll in planvolle Bahnen gelenkt werden. Nicht Unterstützung den Betroffenen, nicht Hilfeleistung an die Leidenden, nicht Hilfe beim Wiederaufbau des Zerstörten. All dies obliegt der Regierung. Die freiwilligen Leistungen des Volkes sollen ausschließlich für neuen Aufbau verwendet werden, zur Festigung und Erweiterung unseres Werkes. Eine rasche Mobilisierung von Menschen und Geld für Erez-Israel, neue Kolonisation, die tausende Familien aufnehmen kann, eine Mauer von Arbeitersiedlungen um jede jüdische Kolonie und Stadt, Boden* und Menschenbrücken, die die zerstreuten Siedlungen miteinander verbinden, Erweiterung der jüdischen Arbeit, die die bestehende Wirtschaft in Stadt und Land festigt, die Entwicklung des Landes für alle seine Bewohner — diese Antwort auf die blutigen Ereignisse fordern wir vom jüdischen Volke. Neues Land! Von M, J. ben Oawrief, Jerusalem. Welt ist die Ebene Scharon, doppelt weit und dreifach weit erscheint sie, wenn man aus den Bergen Judäas herabkommt; fruchtbare, heiße Ebene Scharon. Nicht mehr die wilden Klüfte, die steil ansteigenden Straßen, nicht mehr die mühseligen Terrassen und nicht mehr die in ihrer Erhabenheit mitunter erdrückende Eintönigkeit des heroischen Berglandes — es ist, als wäre es ein anderes Land, ein durchaus anderes Land, diese Ebene am Meer Palästinas, deren nördlicher, etwa 30 000 Dunam umfassender Teil soeben in den Besitz des Keren Kajemeth, des jüdischen Volkes also, überging. Wir verlassen Chedera. Ke riesigen Eukalyptushaine dieses jüdischen Großdorfes, seine Orangenplantagen, Durrhafelder und Melonenländereien liegen hinter uns, una wir betreten, eine schnurgerade Mimosenallee durchfahrend, die Landschaft El Chawarith, die zu besichtigen der Nationalfonds einigt Korrespondenten der europäischen Presse eingeladen hat. Ein für uns Palästinenser unbegreiflich flaches Land liegt vor uns, zum Teil jungfräuliches Land, aus dem nur ein, zwei kleine Hügel, einer von einem muslimischen Helligengrab — Schech Muhammad — gekrönt, herausragen. Wir fahren — weglos — in die sonnetolle Hitze hinein. Sand, fruchtbarer Dünensand unter uns (drei- oder viermal müssen wir das Auto ausgraben), kein Baum, kein Haus, soweit das Auge reicht, gelb in gelb, und nur hie und da ein paar schwarze Beduinen• zelte. Mühselig kommen wir vorwärts, immer wieder staut sich der Sand um die Räder, bis wir endlich zu einem einsamen, riesigen Johannisbrotbaum gelangen, dessen reife braune Frucht• schoten uns, im wahrsten Sinne aes Wortes, in den Mund hängen. Zu unseren Füßen d« Fluß Iskanderune, der dieses Willenlahd zunt Drangeoparadles «achen wird(,;Schilf, Binsen, PapyrUiMäUdeit; $M$enpr R|,ndertL' ^itzdrnde Schlangen huschet! in aas Wasser lind tausend grüne, wie Saphire glänzende Prö• sehe. Weiter geht die Fahrt: rechts und links unermeßlich die Ebene. Am Rande des Horizontes Zehn Kamele in langer Reihe Nicht Baum, nicht Strauch. Wir verlassen den Fluß, der, ein grünes Bana, die Ebene in zwei Teile schneidet und augenblick■ lieh ändert sich die Szenerie. Hohe, wie mit Messern aus den! Horizont geschnittene Flugsandberge — als wären sie aus de! arabischen Wüste hierher versetzt — begrenzen mit einem der Ausblick nach Westen. Beinweiß liegen sie Ln der kochenden flimmernden Hitze vor uns, Gebirge vortäuschend, das abe! kein Fuß berühren kann, ohne augenblicklich einzusinken in der nachrieselnden Tod. Karges, dorniges Mastixgebüsch, über den Boden hinkriechend, wie Aussatzflecken auf dem gelben Fel! eines räudigen Hundes. Wildes und dennoch liebliches Land: Wieder taucht vor uns der Fluß auf. Breit und träge dahin• fließend, ohne Ränder, als wäre sein Wasser auf die gelb« Fläche nfngelegt. Jäh bricht plötzlich das Flugsandgebirge ab o größtes Wunder — mit einem geht die Landschaft, geht Fluß, wüste, Düne, Flugsand, mit einem geht alles in das Meer über, das in schier unwirklicher Bläue, schaumgekrönt, sich weil draußen mit einem ebenso blauen Himmel vereinigt. Wir machen den Versuch, die Küste, jenseits der Flugsand• berge, entlangzufahren. Aussichtsloser Versuch. Als würde diese vollendete Einsamkeit, die keine Spuren auch nur des erlngsten menschlichen Wirkens aufweist, sich gegen das Einringen des Menschen wehren. Der schmale Streifen Flach* küste, der zwischen dem Meer, das Millionen Muscheln artgeschwemmt hat, und einer merkwürdig geschieferten, aus dünnsten, zerbrechlichen Platten bestehenden Bergbarriere liegt, ist für das Auto unpassierbar. Träge nachrieselnd legt sich der Sand, der glühend heiße, gelbe Sand vor die Räder, und jeder Versuch, weiterzukommen, wird sinnlos. Der Körper gibt den letzten Rest von Schweiß an diese Arbeit, bis er erkennt, daß er zu schwach ist, diese Urweltlandschaft zu bezwingen. Plötzlieh hängt über uns ein riesiger Adler, wie ein gut und anständig gezeichnetes Wappentier sieht er aus, vereinigt sich mit zwei anderen, die uns beobachten und in weiten Kreisen unsere ßewegungen verfolgen, bis sie sich schließlich ernst und gravitätisch auf den Rand der Feldbarriere postieren. Sie sind nicht neugierig, aber sie nehmen an, daß wir in sehr absehbarer Zeit ihnen als seltene Mahlzeit dienen werden. Vorsichtig fahren wir über den Steppenboden, ängstlich den Immer seltener werdenden Flugsandnarben ausweichend, zurück, halten wieder unter dem Johannisbrotbaum an, dem einzigen schattigen Ort in dieser brennenden Landschaft, und überblicken noch einmal das Chawarithland. Weites, heißes, fruchtbares Land der Zukunft. Noch einmal nehmen wir dieses unvergeßlich große Bild In uns auf und wissen, daß, wenn wir wieder hierherkommen werden, ein durchaus anderes Bild uns empfangen wird. Schon warten die Arbeitspioniere auf den Ruf, der das Letzte an Auf• Opferungsfähigkeit von ihnen verlangen wird, Wo heute Scliakale, Fischreiher und Schlangen ihr Jagdrevier haben, wird ülnr kurz oder lang Dorf neben Dqrf sich erheben — zehn Dörfer mit etwa 2000 Familien stehen im Aufbauplan dieses Landes — und wo heute karges Steppengebüsch wuchert, werden Melonen, Orangen, Durrha und Bananen diesem heißen Sandboden entkeimen. Wieder wird ein Stück Urweltromantik verschwinden, um die es vielleicht schade ist. Romantik aber ist int Aufbauwerk eines Volkes ein Feiertagsereignis. Und Feiertage müssen in schwerer Arbeit erkämpft werden, über die eine Generation wohl zugrunde geht, die aber durch ihr Vergehen eine neue Art von Romantik gebiert