Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 77 (1.10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 77, 1.X.1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 513 C-V. und Agency Die ״C. ־ V. - Z e i t u n g“ ־teilt mit, daß in einer Sitzung des Arbeitsausschusses des C.-V, vom 22. September folgender Be- Schluß gefaßt worden ist; Dia deutschen Mitglieder der Jewiah Agency für Palästina» de* Initiativ-Komitees für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutsch- ]and, und das Präsidium des Keren Hajessod veröffentlichen in der Tagespresse einen Aufruf, in welchem behauptet ist, ״daß die Repräscntanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder sich verpflichtet hätten, mit aller Kraft an der Errichtung der jüdischnationalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeilen". Hierzu erklärt der Arbeitsausschuß des C. V. zur Vermeidung von Mißdeutungen folgendes: x. Am 24■ März 1929 hat der Hauptvorstand des C. V. ausdrücklich beschlossen, von der Entsendung von Vertretern in die Jewish Agency abzusetzen. Die obige Behauptung trifft also nicht zu. 3. In den zahlreichen Entschließungen unserer Hauptversammlung und des Hauptvorstandes, die unverändert in Kraft sind, hat der C. V. unbeschadet seiner Stellung zu Kolonisationsfragen, gegen alle jüdisch-nationalen Bestrebungen Stellung genommen. In einem leitartikcf, der diese Entschließung begründet, führt Dr. Holländer aus, daß durch den Verlauf der Agency- Konferenz in Zürich und durch die Kundgebungen in Berlin der Anschein erweckt worden sei, als ob keine weltanschaulichen Unterschiede zwischen den Zionisten und den Nichtzionisten innerhalb der Agency bestünden. Insbesondere entstehe der Eindruck, als ob auch die Nichtzionisten die jüdisch-nationalen Anschauungen akzeptiert hätten. Darum sei es für den C.-V. notwendig gewesen, seine schon in früheren Resolutionen kundgegebene Stellungnahme neuerlich zu bekräftigen. Es scheint uns, daß Dr. Holländer von unrichtigen Voraussetzungen ausgeht. Falls wirklich solche klentifizierung von Zionisten und Nichtzionisten nicht nur bezüglich der praktischen Palästina-Arbeit, sondern bezüglich der grundsätzhehen Auffassung der Judenfrage stattgefunden hat. dann bedauern wir Zionisten dies nicht minder als Dr. Holländer. Denn wir haben kein Interesse daran, Anschauungen als zionistisch zu charakterisieren, die es nicht sind. Der ganze Gedanke der Jewish Agency — muß es immer wiederholt werden? — beruht darauf, daß Zionisten und Nichtzionisten sich für die praktische Arbeit zusammenschließen, in vollem Bewußtsein des Trennenden und unter voller Respektierung ihrer gegenseitigen prinzipiellen Einstellung. Dies bedeutet natürlich nicht, daß wir darauf verzichten, Nichtzionisten von der Richtigkeit der zionistischen Anschauung zu überzeugen; gerade die wertvollsten Persönlichkeiten wollen wir für den Zionismus gewinnen, ganz unabhängig davon, ob sie in der Agency sind oder nicht. Wir begreifen aber, daß die Macht althergebrachter Vorstellungen, die Macht der Erziehung und des Milieus bei vielen so stark ist, daß ihnen sehr schwer fällt, ihre Anschauung über Grundfragen des Judentums zu ändern, während sie trotzdem mit vollem Herzen bei dem lebendigen Werk des Palästina-Aufbaus dabei sind. Gerade die letzten Wochen haben gezeigt, daß dieses Palästina-Werk etwas grundsätzlich Neues im Judentum darstellt, eine Rea li t ä t, um die Menschen ringen, allen Konflikten des Lebens ausgesetzt und dennoch treu Festhaltend an dem einmal gewählten Weg. Diesem jüdischen Palästina beizustehen, seine Entwicklung zu fördern, bedeutet aber noch nicht Zionist sein. Und solange ein Nichtzionist den Gangweg in der Agency nicht gekreuzt hat, wird er von uns gewiß niemals als Zionist reklamiert werden. Es ist auch niemals behauptet worden, daß der C.-V. sich der Jewish Agency angeschlossen hat. Es gibt eine Minorität im C.-V., die das Palästina-Werk bejaht. Wir hoffen, daß diese Minorität wachsen wird und daß ihre Menschen immer inniger mit dem Werk verknüpft seift werden. Gerade Mitglieder des C.-V. haben in der Berliner Kundgebung Wert daran! gelegt zu betonen, daß sie nicht etwa nur mit halbem Herzen bei der Sache sind, sondern als vollwertige Genossen mittun wollen. Die Erfahrung zeigt, daß die außerordentliche Kraft, die Erez- Israel darstellt, die Menschen, die sie ergriffen hat, immer stärker in ihren Bann zieht Wir begreifen, daß die Situation im C.-V. schwierig ist und daß die heutige Majorität Wert darauf legt, immer wieder von der Minderheit abzurücken. Vielleicht ist sogar die Vermutung berechtigt, daß manches Mitglied der Mehrheit nur unter dem Druck des radikaleren Flügels diesen Beschlüssen zustimmt, denn in jeder Organisation ist es schließlieh so, daß radikale Resolutionen Annahme finden, weil niemand sich dem Vorwurf aussetzen will, weniger gesinnungstreu zu sein. Vielleicht werden sich die Mchrheitsverhältnisse im C.-V. einmal ändern. Solange das nicht der Fall ist, liegt es uns — und auch der Agency — fern, den C.-V. als solchen für uns zu reklamieren. Dagegen hoffen und wünschen wir, daß wir mit jenen Persönlichkeiten, die sich, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zum C.-V., der Agency angeschlossen haben, zu einer immer engeren und verständnisvolleren Zusammenarbeit kommen werden. Wir wissen — und auch der C.-V. weiß —, daß diese Freunde uns nicht mehr entfremdet werden können. Der Palästina-Gedanke ist kein Reservat der zionistischen Partei. Der Zionismus hat ihn nur in eine besonders konkrete Form gebracht, aber die Idee ist älter als diese oder jene Organisationsform. Die Verbundenheit mit Erez-Israel ist eine uralte Tatsache, auf der der Zionismus fußt. Diese Macht hat ihre Gewalt über die jüdischen Herzen, unabhängig von der wechselnden Parteistruktur dieser oder jener Geschicntsperiode. Wir sind überzeugt, daß trotz allen Gegenkräften auch im deutsehen Judentum diese Macht wirksam ist. In ihrem Namen appelliert die Jewish Agency an alle Juden und fordert sie auf, sich an dem Werk zu beteiligen. Wenn sich manche Juden diesem Rufe entziehen, so ist damit nichts gegen die allgemeine Gültigkeit des Appells bewiesen. Auch durch die Resolution des C.-V, und durch die Unterschriftenaktion der Liberalen Ver- Einigung wird dieser Prozeß nicht aufgehalten. Eine liberale Unterechriften-AkUoa Ein Zufall läßt uns das folgende Zirkularschreiben auf den KedaktioMlisch fliegen: Sehr geehrter Herr! Am 19. d. M. hat im Hotel Kaiserhof zu Berlin eine vertrauliche Besprechung von etwa 75 führenden jüdischen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kunst, Wissenschaff und freien Berufen stattgefunden. Einmütig kam die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß es Pflicht aller verantwort* liehen Juden sei, gegen die immer stärker und gefährlicher sich auswirkende Agitation des Nationaljudentums Stellung zu nehmen. Es wurde der Beschluß gefaßt, eine Resolution in führenden Zeitungen politischer Richtungen zu veröffentliehen, um die deutschen Juden im Widerstande gegen die nationaljüdische Agitation zu bestärken und die nichtjüdische OeffentÜchkeit zu uberzeugen, daß die Majorität der deutschen Juden sich unbeirrt zum deutschen Volke bekennt. In der Gewißheit, daß Sie die Bedeutung um! Notwendigkeit dieser Proklamation mit uns erkennen, bitten wir Sie, Uns postwendend mittels anliegender Karte Ihre Unterschrift zu geben. jn vorzüglicher Hochachtung Der vorbereitende Ausschuß i. A.: Hugo Ostberg. Enfed11ie$111>g In einer Zeit, in der die Befriedung der Welt als das vor- «ehmste Ziel der gesamtea Menschheit erkannt wird, kam« men aus Pallstina Nachrichten Ober blutige Kämpfe zwischen Arabern und Juden. In tiefem Schmerz betrauern wir mit allen Teilen der Kulturwelt die Opfer dieser Vorgänge. Aut das entschiedenste aber legen wir dagegen Verwahrung ein, daß die tiefbetrüblichen Vorkommnisse in Palästina ln schärfstem Gegensatz zu der deutlichen Sprache der Tat- Sachen zu einer verstärkten Agitation für das zionistische, d. h. jüdisch-nationale Parteiwerk ausgenutzt werden. Die öffentliche Meinung Deutschlands wird irregeführt durch Kundgebungen der Zionisten und der Jewish Agency. Die nichtzionistischen Mitglieder dieser Körperschaft naben keine Vollmacht und kein Recht, sich als Vertreter der nichtzionistischen Juden Deutschlands zu bezeichnen. Die Unterzeichneten, den verschiedensten politischen und religiösen Parteien und Richtungen angehftrigen deutschen Juden erklären: Wir bekennen uns zum Judentum, lehnen aber jeden jüdischen Nationalismus ab. Wir betrachten uns mit der Uberwiegenden Mehrheit der deutschen Juden als Glieder des deutsehen, nicht eines jüdischen Volkes. In der Errichtung einer Jüdisch-nationalen Heimstätte sehen wir einen Irrweg, der das Emanzipationswerk der Vorkämpfer des deutschen Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums in der Menschheit gefährden muß. Die ״Liberalen“ halten also den Zeitpunkt für gekommen, um Unterschriften gegen Palästina zu sammeln. Es wird ihnen gewiß nicht schwer fallen, solche Unterschriften zu bekommen. Aber die Palästina-Aktion wird dadurch ebensowenig aufgehalten werden wie durch ähnliche Angriffe in früherer Zeit. Im Gegenteil: der Kreis der Palästina-Freunde ist heute größer, und er wird den Kampf nur als Ansporn zu aktiverer Arbeit auffassen. Die gerichtliche Untersuchung in Hebron Dramatische Szenen Hebron, 26. September. (J. T. A.) Die Vernehmung׳ der dreizehnjährigen Judith Reizmann und ihres zwölfjährigen Bruders durch das Gericht in Hebron war sehr reich an dramatischen Momenten. Judith Reizmann schilderte in schlichten Worten, wie ein heulender arabischer Pöbel ihren Vater, ihre Mutter und ihren Onkel verfolgte und wie sie nachher die Leichen der Eltern und des Onkels im Rinnstein fand. Colonel M a x 10 n von der walisischen Garde und andere hohe britische Offiziere und der Gouverneur von Hebron, Baiiey, wohnten persönlich der Vernehmung bei. Judith Reizmann erkannte unter den ihr vorgeführten arabischen Gefangenen sofort die Mörder und wies auf Ibrahim Abd ei Assiz, einen jungen arabischen Kaufmann aus Hebron, der ein Nachbar ihres Vaters war, als auf den Rädelsführer hin. Sie sprach den Mörder an und fragte ihn: ״Ibrahim, wie konntest du das tun, wo du doch in meinem Vater einen Freund hattest?“ Der junge Araber senkte voll Scham das Haupt. Mr. Baiiey, der neue Gouverneur von Hebron, hatte bei dieser Szene Tränen in den Augen, viele andere Anwesende schluchzten laut auf, auch General Maxton»wurde von Rührung übermannt, ging zum Fenster und starrte hinaus. Judith erzählte weiter; als die Araber an die Vordertüre ihres Hauses hämmerten und sie schließlich einbrachen, habe ihr der Vater zugerufen, sofort einen Baum im Garten zu erklettern und sich in den Zweigen zu iverbefgen. Das gleiche tat *seit Ihr ,Binder.* Von der Baumkrone aus sah sie, wie die eingedrungenen Araber Vater, Mutter und Onkel verfolgten, die sich durch Ueberklettern des Gartenzaunes zu retten versuchten. Ibrahim Abd el Assiz war mit einem gezückten Messer dicht hinter ihnen her und schrie ebenso wie die anderen Verfolger: ״Wir werden euch die Kehlen durchschneiden!“ Was hinter dein Gartenzaune geschah, sah sie nicht mehr. Aber als sie dann auf die Straße trat, sah sie die Eltern und den Onkel leblos im Rinnstein liegen, alle drei wiesen zahlreiche Messer- und Dolchstiche auf. Dem Vater war der Kopf fast vom Rumpfe abgetrennt. Der zwölfjährige Knabe Reizmann machte seine Aussagen in einem vollendeten Englisch, Arabisch und Hebräisch. Er schilderte die Vorgänge bei der Ermordung seiner Angehörigen eindringlich aber ruhig. Nach Beendigung seiner Aussagen sah sich der Richter im Kreise der Juristen, Beamten und Militärs um und sagte: ״Ich glaube nicht, daß irgend jemand anderer hier über gleiche sprachliche Talente verfügt.“ Die arabischen Anwälte, die die Verteidigung der aiigeklagten Araber innehatten, versuchten, den Knaben durch ein Kreuzverhör zu verwirren, was ihnen aber nicht gelang. Der Richter beendete das Kreuzverhör mit der Bemerkung: ״Es ist nutzlos, diesen im Talmud geübten Knaben in seinem Denken zu erschüttern; er spricht die volle Wahrheit. Dieser Knabe ist überhaupt nicht fähig, eine Lüge zu sagen; sie ist seinem Wesen fremd.“ Von den Aussagen wurden drei Protokolle, in englischer, arabischer und hebrälscher Sprache, angefertigt und dem Knaben zur Unterschritt vorgelegt. Der Knabe bestand darauf, alle drei Protokolle zuerst durchzulesen, bevor er seine Unterschrift darunter setzt. Die arabischen Angeklagten bekräftigten ihrerseits die Protokolle durch Daumenabdruck. Die beiden Kinder Reizmann machten durch ihre außerordentliche körperliche Schönheit Eindruck auf die Anwesenden. Die Sitzungen des Gerichtes wurden vertagt bis zur Einvernähme mehrerer wichtiger jüdischer Zeugen, die an ihren Wunden im Spitaie darniederliegen und noch nicht vemehmungsfähig sind. Der Streit mn die Verstfimmehuigen Jerusalem, 26. September. (J.T.A.) Der Leiter des Hadassah-Hospitals in Hebron, Dr. Kittain (der auch in Berlin wohlbekannt ist — A. d. R.), veröffentlicht heute ein offenes Schreiben, in welchem er das Statement des Polizei- Inspektors von Hebron, Cafferata, und des Engländers McQueen, In welchem erklärt wird, daß bei den Metzeleien in Hebron Verstümmelungen an lebenden Personen, Peinigungen und Schädigungen nicht vorgekommen seien, einer scharfen K ritik unterzieht Cafferata, erklärt Dr. Kittain, war nicht Zeuge der Metzeleien, McQueen hat die ausgegrabenen Leichen nicht untersucht Zahlreiche Wunden weisen auf Verstümmelungen und Peinigungen hin, die an noch Lebenden begangen wurden. Niemand, schließt Dr. Kittain, wird verstehen können, daß solche Befunde nicht als Verstümmelungen festzustellen wären, Araber ans Hebron in Tel-Awiw Jerusalem, 27. September. (J.T.A.) Drei Araber aus Hebron, die unter Gefahr des eigenen Lebens 14 Juden, unter ihnen Rabbi Frank, während der Massaker in ihren Häusein verborgen hielten und sie dadurch vor dem Tode retteten, waren einige Tage lang Gäste der Stadt Tel-Awiw. Vor der Diskussion Von unserem palästinensischen Korrespondenten. A.O. Tel-Awiw, 21. September 1929. Bis zu dem Moment, wo Palästina die unmittelbare Gefahr hinter sich hatte, handelte der gesamte Jischuw unter dem einzigen und entscheidenden Gebot der Selbstverteidigung. Außer dieser Aufgabe gab es keine Fragen. Der Moment diktierte die Entscheidungen und alle Kräfte waren angespannt, um die Angriffe abzuwehren. Mit dem Moment, wo die Juden im Lande sich unter dem Schutze des Militärs sicher wußten, änderte sich das gesamte Bild. Die ״Normalisierung“ macht Fortschritte, man sieht die Lage klarer, man wird sich dessen bewußt, daß hier nicht mehr die unmittelbare Gefahr das Entscheidende und Wichtige ist, sondern daß es auf die wettere Entwicklung, auf die Folgen dieser Gefahr ankommt, daß also der Kampf jetzt auf politischem Gebiete auszutragen ist. Und mit dieser äußerlich ruhigeren Atmosphäre treten Stimmungen auf, werden Stimmen laut, beginnen sich im Jischuw langsam verschiedene Beurteilungen der Lage und ihrer Perspektiven herauszuschälen. Und erst jetzt, wo die unmittelbare Gefahr vorüber ist, wird der ganze große Fragenkomplex sichtbar, in den Palästina durch die letzten Ereignisse hinein-!*schleudert worden ist. Und es ist nur natürlich, daß sich im usammenhang damit eine starke Verwirrung bemerkbar macht Palästina beginnt heute von neuem Fragen zu diskutieren, die zwar gelegentlich im Brennpunkt des zionistischen Interesscs standen, aber in ״normalen Zeiten“ an die Peripherie gedrängt wurden. Und viele, sehr viele im Lande, beginnen erst jetzt zu verstehen, wie außerordentlich kompliziert, wie vielfältig und vielseitigdiese alt-neuen Probleme sind. Und vielleicht ist auch vielen erst jetzt klar geworden, wie wenig die Judenheit Palästinas für die Lösung dieser Fragen vorbereitet ist, und wie lange und schwierige Arbeit es erfordern wird, um ihnen gerecht zu werden. Es gibt heute — abgesehen von den Deklarationen des Waad Leumi, die im direkten Zusammenhang mit den Unruhen stehen —- keine offizielle Stellungnahme des Jischuw, die einen Weg für die künftige Politik zeigt. Und auch die Presse der verschiedenen Richtungen und die Aeußerungen der Parteien, soweit sie bis heute vorliegen — bisher sind die Arbeiterorganisation und die beiden großen Arbeiterparteien mit einer Würdigung der Ereignisse hervorgetreten — zeigen nur geringe Andeutungen, was in Zukunft geschehen soll. Die Revisionisten sind vielleicht heute die einzige Gruppe in Palästina, die einen klaren Aktionsplan besitzt, ihr altes Programm des ״Kolonisationsregimes“. Und es ist naheliegend, daß ein Teil des Jischuw heute für diese Argumentation psychologisch offener ist als früher. Dabei kommt es auf Einzelheiten und Nuancen wenig an. Entscheidend ist für viele, daß sie nun den Beweis zu haben glauben, daß ohne eine starke Hand Englands der Zionismus nicht weiterkommt und daß die Zionistische Exekutive durch energischeres Fordern diese Haltung Englands hätte erzwingen können. Dieser revisionistischen Anschauung gegenüber steht als ideologischer Gegensatz der Brith Schalom, der einen Ausgleich mit den Arabern für unumgänglich hält. Von dieser Gruppe, die sich seit Jahren mit der Klärung der arabischen Fragen beschäftigt, erwartet ein Teil des Jischuw aus ideologisehen und praktisch-politischen Motiven heraus nun Vorschläge für die zukünftige Politik. Es ist charakteristisch für die gesamte geistige Verfassung des jüdischen Palästina im Moment, daß es eine Menge von Stimmungen gibt, eine große Anzahl von Nuancen in der Einstellung zu England, zur Regierung, zur Administration, der arabischen Fragen, dal sich aber — abgesehen von den beiden genannten Flügelgruppen — noch kein« rechte Stellungnahme . berauskristallMert,,... ״ialj, überhaupt die politische Diskussion noch nicht richtig begönnen hat. Es gibt ein paar grundlegende Fragen, in denen man sich einig ist und die man daher nicht zu berühren braucht. Dahin gehört Verstärkung der zionistischen Tätigkeit, die bekannten Forderungen der Exekutive an die Regierung, Vorbereitung des Materials für die Untersuchungskommission. Weiter aber ist man noch nicht gekommen. Und doch ist es allen klar, daß mit dem Moment, wo der Bericht der Untersuchungskommission vorliegt und die Regierung daran geht, die neuen Verwaltungsmethoden auszuarbeiten, die eine glatte Durchführung der Balfour-Deklaration hier verbürgen sollen, klare Vorschläge von zionistischer Seite vorliegen müssen. Die Ausarbeitung und Diskussion solcher Vorschläge stößt aber auf große Schwierigkeiten. Der Jischuw fühlt sich nicht frei genug und spürt unüberwindliche geistige Hindernisse, die Dinge obiektiv gegeneinander abzuwägen. Es ist wie eine Art geistiger Belagerungszustand. Heute, einige Wochen vor Ankunft der Untersuchungskommission, sind wir hier ebenso auf die Verteidi gung unserer politischen Rechte eingestellt, wie wir es vor vier Wochen für die Verteidigung von Leben und Besitz waren. Alles konzentriert sich auf diesen Punkt, auf die Verteidigung unserer Angeklagten, auf die Abwehr und Entkräftung aller Art von falschen und schiefen Darstellungen, auf das Herausschälen der Wahrheit. Und es ist äußerst schwer, in dieser Situation weiter hinauszusehen als über die nächsten Wochen hinweg. Aeußerst schwer, eine innere Auseinander- Setzung der verschiedenen Anschauungen im jüdischen Lager einzuleiten. Man spürt, wie der politische und zionistische uedanke sich neue Wege sucht und erst einmal alle Kraft sammelt, um sie sich zu bahnen. Gegen den Boykott Jerusalem, 26. September. (J. T. A.) Die jüdische Kautmannschaft der Stadt Jerusalem bereitet eine Proklamation vor, in der die Angehörigen aller Rassen und Glaubensbekenntnisse in der Heiligen Stadt aufgerufen werden, den Agitatoren desBoykotts kein Gehör zu schenken, sondern für die Freiheit des Handels einzutreten. Daraufhin lud der Gouverneur von Jerusalem, Major Keith- Roach eine Abordnung der moslemischen Kaufmannschaff Jerusalems zu sich ein und teilte ihr den Entwurf der jüdischen Kaufmannschaft mit. Die moslemischen Kaufleute lehnten es ab, die Proklamation ihrerseits zu unterzeichnen und erklärten, sie können nicht vom nationalen Pfade abweichen. Wie die J.T.A, erfährt, haben die Leiter der palästinensisehen Banken eine Beratung abgehalten, in der erwogen wurde, mit einer Krediteinscnränkung gegen jene Kreise vorzugehen, die an dem Boykott festhalten. Boykott gegen Rothenberg Jerusalem, 26. September. (J.T.A.) Zahlreiche mos- Iemische und christliche Ladeninhaber in Jaffa haben beschlossen, dem Beispiel der Araber in Haifa zu folgen und von dem Ruthenberg-Werke (Elektrizitätswerke der Palestine Electric Corporation) keinen Strom mehr zu beziehen. Talpioth wieder bewohnt Jerusalem, 28. September. (J.T.A.) 45 lOdbdie Fantillcn der in den ersten Tagen der Unruhen evakuierten Jerusalemer Vilienvorstadt Talpioth sind in ihr« Heime zuifickgekebit•