Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 76 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653132--21059-2679113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 76, 27. IX. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 503 Vor der Untersuchung London, 24. September. (J.T. A.) Die Untersuchungsknmmission für Palästina hielt heute im Hause des britischen Kolonialamtes ihre erste Sitzung ab, in der beschlossen wurde, daß sich die Kommission am 3. Oktober nach Palästina begeben soll. Der Vertreter der J. T. A. erfährt, daß sich diese erste Beratung der parlamentarischen Palästina-Kommission auf die Erörterung der Methoden des Verfahrens beschränkte, und daß Fragen der Politik nicht zur Behandlung gelangten. Es zeigte sich während dieser ersten Erörterung, daß die Frage der von der Kommission arizuwendenden Prozedur reichlich verwickelt ist. Schließlich einigte man sich ungefähr auf die folgende Prozedur: Britische Beamte in Palästina sammeln und sichten das Bcweismatcrial und legen es der Kommission bei ihrer Ankunft in Jerusalem vor. Es sei notwendig, das Beweismaterial aus eirstcr Hand zu erhalten und Informationen zu verwerten, die noch unter dem frischen Eindruck der Geschehnisse gesammelt wurden. Sobald die Kommission dieses erste Material geprüft haben wird, wird sie dazu übergehen, Beweismaterial sowohl aus jüdischen als auch aus arabischen Quellen entgegenzunehmen. Die Sitzungen der Kommission werden nicht öffentlich sein, aber sie wird von Zeit zu Zeit C o m muniqncs veröffentlichen. Sie wird noch während ihrer Funktion in Palästina Gelegenheit nehmen, di׳' Oeffcntlichkeit durch Deklarationen aufzuklären. Ihre Aufgabe beschränkt sich notwendigerweise auf die Untersiiclitmg der unmätelhnren Ursachen der jüdischen Ereignisse. Die Kommission wird aber, wie verlautet, in dem späteren Stadium ihrer Arbeiten auch die entfernteren Aspekte des jüdisch-arabischcn Problems in den Kreis ihrer Beobachtung ziehen und die tieferen Gründe des jüngsten Aufruhrs darzuloggn suchen. Im Zusammenhang mit dem ersten Zusammentreten der parlamentarischen Palästina-Kommission erklärten Londoner offizielle Kreise gegenüber dem J. T. A.-Vertreter, daß die britische Regierung, immer die Bestimmungen der Balfour-Deklaration hochhalfen und sie durchführen wird, und daß von irgendeinem Verlassen dieser Position auf keinen Fall die Rede sein kann. Alle in der letzten Zeit in der Presse aufgetauchten Gerächte über angebliche Absichten, das Mandat an Itali en, die Vereinigten Staaten oder Polen abzutret e n , seien absurd und als nichts anderes denn als grundloses Gerede zu beurteilen. 220 Araber verhaltet - Araber und Joden verurteilt Jerusalem, 23. September. (J.T.A.) Unter der Beschuldigung, an den Plünderungen und Brandstiftungen in Safed teilgenommen zu haben, wurden 150 Araber aus Safed, unter ihnen mehrere Scheichs und Schriftsteller, sowie etwa 70 Araber aus den Dörfern der Umgegend von Safed verhaftet Gegen zehn der Verhafteten wird die Anklage wegen Mordes erhoben. Heute wurden 18 der Verhafteten, die des Raubes und der Brandstiftung beschuldigt sind, verhört. In einigen Fällen zögern die angegriffenen und beraubten Juden, aus Furcht vor Racheakten, gegen die beschuldigten Araber aus- Zusagen und ihr Beweismaterial auszuliefern. Der Scheich von Tlialit, einem Dorfe in der Nähe der angegriffenen und ausgeraubten jüdischen Kolonie Jessod Hamaalah, der die Angriffe organisiert hatte, Ist, als ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde, geflüchtet. Sein Sohn und sein Bruder wurden wegen Mitschuld an der Organisierung des Raubzuges gegen Jessod Hamaalah verhaftet Unter der Judenheit von Haifa herrscht große Erregung wegen des Umstandes, daß mehr als 40 Haifaer Juden, die an der Selbstverteidigung teilnahmen, in der Zitadelle von Acco noch immer eingekerkert sind und trotz des Angebotes eßier angemessenen "Bürgschaft nicht freigelassen werden. Bekanntlieh stehe« die Behörden dieses Distrikts auf dem Standpunkt, daß Waffenbesitz gleich versuchtem Morde zu ahnden ist, wobei kein Unterschied zu machen ist, ob die Waffe Zwecken des Angriffs oder der Verteidigung dienen sollte. Das Gericht in Jaffa verurteilte einen Araber aus J a w n e, der im Besitz von Waffen befunden wurde, zu 18 Monaten Gefängnis. Ein zweiter Araber, der zum Angriff auf Tel-Awiw gehetzt hat, wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der jüdische Kaufmann Kvasso wurde auf Grund der Aussage eines Arabers, daß er bei der Verteidigung der von Arabern angegriffenen jüdischen Villenvorstadt Bajith Wegan einen der Angreifer getötet hat, verhaftet Der Jerusalemer Jude Rabinowitz, bei dem eine Waffe gefunden wurde, erhielt eine Geldstrafe von 15 Pfund zudiktiert. * In der ״Vossisehen Zeitung" vom aS. schreibt Dr. W. H. Edwards unter dem Titel ״Englands Stellung in Pa- 1;i s t i n a“ über die Probleme,!die in Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen die öffentliche Meinung tangieren. Trotz mancher Ein- .Eiligkeiten des Aufsatzes halten wir es für angebracht, ihn unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen. Red. Die Ereignisse m Palästina, die fn der ganzen zivilisiertes» Welt ein mitleidsvolles Entsetzen über das Schicksal der niedergemetzelten Juden hervorgerufen haben, haben durch diesen begreiflichen gefühlsmäßigen Einschlag einige wichtige Völkerrechtliche Probleme von ausschlaggebender Bedeutung für die Funktionen des Völkerbundes in den Hintergrund treten lassen. Als Jude mag man Zionist oder Gegner des Zionismus sein, als Politiker oder Wirtschaftspolitiker mag man einander in der Auffassung bekämpfen, ob die Jüdische Heimstätte eine zweckmäßige und lebensfähige Gründung oder ein verfehltes Experiment ist. Diese Fragen sind es nicht, die hier angeschnitten werden sollen, sondern wir wollen versuchen, einmal klarzulegen, inwiefern die Vorgänge in Palästina und die politischen Folgerungen, die die englische Regierung bisher aus ihnen gezogen hat, völkerrechtliche Probleme zur Diskussion stellen, die gerade für Deutschland von erheblicher Bedeutung sind. Um diese Probleme richtig würdigen zu können, muß daran erinnert werden, daß die Friedensverträge dadurch, daß sie Eng- Lands Erklärungen in der Balfour-Deklaration sanktionierten, künstlich in Palästina politische und wirtschaftliche Lebensformen für eine Minderheit der lokalen Bevölkerung schufen. Das Mandat über dieses Gebiet, das ursprünglich Amerika zugedacht war, wurde England übertragen, obwohl dieses Land mit ausgedehnten Wohngebieten von Mohammedanern und seit 1017 auch als Protektor eines arabischen Nationalismus in Gestalt des Hedsehas-Königtums an sich nicht dazu berufen erschien, den gerechten Ausgleich zwischen Juden und Arabern liei bei zuführen. Hier entsteht bereits die erste Frage: soll der Völkerbund, sobald erst einmal wieder Ruhe und Ordnung in Palästina hergestellt worden ist, die in Palästina geschaffene Minderheit dem Schutze eines Landes überlassen, das, auf lange Sicht gesehen, größere Gemeinsamkeit mit den Interessen und Aspirationen der Mehrheit der Bevölkerung aufweist? ln England selbst besteht eine starke Neigung, sobald die Unruhen unterdrückt und die moralische Schlappe ausgewetzt ist, die Frage ernsthaft zu prüfen, ob das Mandat auch weiterhin von England ausgeübt werden soll. Die europäische Oeffentlichkeit sollte diesen Vorgang nicht unbeachtet den Zufällen englischer Parteipolitik überlassen, sondern sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob es den! Ansehen des Völkerbundes dienlich ist, wenn ein Mandat von einem Lande ausgeübt werden muß. das bei der Wahrung voller Unparteilichkeit zwischen Mehrheit und Minderheit der Mandatsbevölkerung in schwere Interessenkonflikte geraten muß. Das andere völkerrechtliche Problem, das eine Bedeutung besitzt, die über den besonderen palästinensischen Fall hinausragt, läßt sich in der Frage zusammenfassen: wenn eine Mandatsmacht oder ihre Organe eingestandenermaßen in erhebliebem Umfange versagen, sind dann die Staatsangehörigen dieser Mandatsmacht die geeigneten Persönlichkeiten, um festzustellen, wer das Versagen verschuldet hat und wie in Zukunft ein ähnliches Versagen vermieden werden kann? Als die Ereignissc in Palästina in England bekannt w urden, verlangte man in allen politischen Lagern die Einsetzung einer Enqucte-Kommission von Persönlichkeiten, die in der europäischen Oeffentlichkeit Ruf und Ansehen besitzen. Das Mandat einer solchen Kommission sollte zeitlich und begrifflich unbeschränkt sein, d. h. die Kommission sollte festeteilen, wie England die Baifour-Deklaration ausgeführt hat, welche tieferliegenden Ur- Sachen und äußeren Anlässe zusammengewirkt haben, um die blutigen Ereignisse der zweiten Augusthälfte hervorzurufen, und welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, eventuell unter Abänderung der gesamten Palästinapolilik der englischen Regierung, um die Probleme des Landes einer endgültigen Lösung näherzubringen. Eine solche Untersuchung, an der auch Nichtengländer wie z. B. Frühjof Nansen, ein Amerikaner und ein Russe hätten teilnehmen können, hätte zweifellos sehr wesentliches Material beigebracht über die Konflikte, die in England durch die Uebernähme des Mandats und den Fortbestand seiner mohammedänischen Interessen geraten ist. Als die europäische Oeffentlichkeit die völkerrechtliche Bedeutung der Vorgänge in Palästina, insbesondere für den Minderheitenschutz erkannte, gelang es den leitenden Persönlichkeiten im englischen Kolonialministerium, die eigentlich als Angeklagte vor dem Forum eines ״großen Ausschusses“ hätten erscheinen müssen, sich Gerichtshof, Gerichtsverfahren und Richter nach Belieben zusammenzustellen, Ke Befugnisse der Kommission wurden zum Schluß dahin eingeschränkt, nur ״die unmittelbaren Anlässe“ der Vorgänge in Palästina festzustellen, und es ist der Kommission ausdrücklich untersagt worden, ״zu irgendwelchen wesentlichen politischen Fragen, die mit der Ausübung des Mandates Zusammenhängen“, Stellung zu nehmen. Es entsprach diesem beschränkten Mandat, daß alle Engländer und Pariamentarier, die man als Orientkenner bezeichnen konnte, rundweg ablehnten, in der Kommission mitzuarbeiten. Ein emeritierter Richter, der in Singapore als Angestellter der Kolonialverwaltung tätig war und noch heute von ihr seine Pension erhält, ist Vorsitzender der Kommission, Die Konservative Partei wird durch den reaktionärsten Gegner des Arbeiterschutzes, einen Anwalt, dem man mindestens Reine Sympathien für die Jüdische Heimstätte nachsagt, vertreten. Die Liberale Partei ist offiziell im Ausschuß eigentlich überhaupt nicht vertreten, da der überale Abgeordnete, den man endlich gewonnen hat, jahrelang weder als Mitglied in die Fraktion noch in das Hospitantenverhältnis aufgenommen wurde. Von dem ״liberalen Vertreter“ weiß man nur, daß er ebenso haltlose wie übertriebene und ehrenrührige Angriffe gegen Lloyd George, Reading und Samuel gerichtet hat. Der persönlich sympathischste Abgeordnete im Ausschuß ist der Abgeordnete Snell, der sich in der Arbeiter- Partei vom landwirtschaftlichen Arbeiter zu einem Spezialisten für Volkswohlfahrt heraufgearbeitet hat und zuerst als Methodist, dann als Mitbegründer einer christlichen Monisten orgarisation sich auch religionspolitisch betätigt hat. Sämtliche Aus- Schußmitglieder sollen keine Kenntnis orientalischer Sprachen besitzen, sondern darauf angewiesen sein, daß ihnen etwaige Zeugenaussagen der Eingeborenen von den Dolmetschern übersetzt werden, die ausgerechnet von der Regierung Palästinas gestellt werden müssen. Wenn man• :zugunsten des Ausschusses annehmen will, daß er, soweit sein eigenes Wolle*ln;:!rage kommt, alles .tun wird, unf die׳ j,un»dttelbsren AnläsM^anparteiisch aufzuklären, wird man doch die Frage nicht unterdrücken können, ob seine Mitglieder die innere Selbständigkeit und die Sachkenntnis besitzen, um das Arbeitsergebnis zu liefern, auf das der Völkerbund und die europäische Oeffcntlichkeit ein Anrecht haben, nämlich die Frage zu beantworten: ob eine schutzbedürftige Minderheit, die einem starken Lande anvertraut worden war, den Schutz erhalten hat, den sie in einer Aera der Völkerbund- Politik und des Minderheitenschutzes moralisch und Völkerrechtlich beanspruchen kann. Gibt sich die europäische Oeffentlichkeit mit dieser Untersuchung und diesen Untersuchenden zufrieden, so wird damit der Präzedenzfall geschaffen, daß jedes Land, das ein Mandat innehat oder innerhalb seiner Grenzen eine Minderheit zn schützen hat, selbst festste!!!, ob es seinen Aufgaben nachgekommen ist, und daß es diese Feststellung Personen überlassen kann, die jedenfalls außerhalb ihres Landes niemandem eine Gewähr dafür geben, daß sie gegen die eigene Regierung Front machen können und über die nötige Sachkenntnis verfügen, um die besonderen Probleme des Falles erschöpfend zu prüfen. Der Minderheitenschutz muß in der ganzen Welt entweder in die Realpolitik übersetzt oder abgeschafft werden. Nimmt man es ernst mit ihm, dann muß die Ueberwachung seiner Ausführung internationalen und nicht national-interessierten Charakter haben. Die flöhe der Schäden Jerusalem, 24. September. (J.T. A.) Die Ansprüche, die die Jeschiwah von Hebron als Ersatz der Schäden an Leben und Eigentum der Jeschiwah-Angehörigen erhebt, betreffen eine Summe von 60300 Pfund; darin sind als Schadenersatz für die Angehörigen jedes der Getöteten 2000 Pfund enthalten, mit Ausnahme der getöteten amerikanischen und litauischen Staatsbürger, deren Angehörige durch ihre Staaten individuelle Ansprüche erheben. Der Schadenersatz, der von geschädigten Juden in Haifa insgesamt beansprucht wird, beläuft sich auf rund 50 000 Pfund. Das Komitee der Geschädigten der Kolonie Artuff überreichte dem Oberkommissar ein Memorandum, in welchem die einzelnen Schäden genau verzeichnet und die Gesamtsumme des beanspruchten Schadenersatzes genannt wird. Die Kolonie fordert von der Regierung Möglichkeit des Wiederaufbaues und Sicherheit für die Zukunft * Laut dem in Palästina früher zur Anwendung gebrachten ottomanischen Religions- und Zivilrecht hätte man für einen Getöteten 250 Pfund und für den Verlust eines Gliedes einen vom Gericht zu ermessenden Betrag bis zur Maximalhöhe von 250 Pfund zu beanspruchen. Es hat den Anschein, daß sich die Rechtssachverständigen der Regierung auf dieses Gesetz stützen wollen, obwohl dafür keine Grundlage mehr besteht. Jerusalem, 25. September. (J. T. A.) Die arabische Presse teilt mit, daß gegenwärtig in Hebron 65 Araber unter der Beschuldigung, an der Abschlachtung der Juden teilgenommen zu haben, sich in Haft befinden. 28 von ihnen wurden bereits abgeurteilt; sie erhielten Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis zu einem Jahr. 32 Araber aus Hebron wurden wegen Mangels an beweisen aus der Haft entlassen. Das J a f f a e r Distriktsgericht hat einen Araber, bei dem Waffen gefunden wurden, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ein Schreiben des Obermuftis Jerusalem, 24. September. (J.T. A.) Emin Al Hu 5sei n i richtete ein Schreiben an den Sonder-Korrcspundcnten der J.T. A., Pierre van Paasscn, dem er vor einigen Tagen ein Interview gegeben hatte. 111 diesem Schreiben macht der Großmufti Professor Albert Einstein und Lord M eich elf für die Ereignisse in Palästina verantwortlich, indem er ihnen unterschiebt, sie hätten durch ihre Aeußcrungeu die Absichten der Juden, sich in den Besitz des Moschee-Gebietes zu setzen, enthüllt. Laut dem Mufti soll Lord Molchett gesagt haben: ״Ich will den Rest meines Lebens dem Wiederaufbau des jjüdisehen Tempels weihen“. Einstein hätte, schreibt der Mufti, gesagt: ״Palästina ohne Tempel ist wie ein Körper ohne Kopf“. Der Mufti erklärt in dem Schreiben, daß der Entschluß die Juden durch einen panislamitisehen Boykott abzudrängen, unerschütterlich ist. Der Mufti erklärt weiter, daß Beamte der Regierung in privaten Gesprächen den moslemischen Behörden den Dank dafür ausgesprochen haben, daß sie ihnen gehelfen haben, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Col. Kisch antwortet dem Obermutti Col. Kisch hat als Antwort auf durch Reuter verbreitete Ausführungen des Mufti von Jerusalem dem Vertreter des Reuterbüros folgende Erklärung übergeben: ״Die Darstellung des Großmufti über djjr letzten Ereignisse ist in der Hauptsache bereits durch das Communiquc des Waad Leumi (Nationalrat) der Juden von Palästina vom 9. September beantwortet worden. Eine noch schlagendere, definitive Autklärung findet sie in der Geschichte der Tätigkeit des Mufti, angefangen von seiner Rückkehr aus der Verbannung Ende 19®, die er gewählt hatte, um der Verurteilung zu Zwangsarbeit durch das englische Militärgericht zu entgehen, das ihn wegen seiner Verantwortung für die Unruhen iin April 1920 in Jerusalem zu Zwangsarbeit bestraft hätte. Getreu seiner Vergangenheit hat der Mufti die große Macht seines Amtes, zu dem er nur durch die Gnade der palästinensischen Regierung gelangt ist, unablässig dazu benutzt, um systematisch die Atmospnäre in Palästina zu vergiften und unter den moslemischen Massen Beschuldigungen gegen die Juden zu verbreiten, die an sich lächerlich wären, wenn sie nicht unter einer unwissenden und fanatischen Bevölkerung Glauben fänden. Diese Propaganda konnte mehrere Jahre unbehindert durch die palästinensische Regierung fortgeführt werden, obwohl die betreffenden Beschuldigungen, wie etwa die, daß die Juden die Moscheen innerhalb des Haramgebietes bedrohen oder gar an griffen, falls sie währ gewesen wären, nicht nur auf die Juden, sondern auch auf die Regierung selbst schlechtes Licht geworfen hätten. Erst als Auszüge aus den notorischen Fälschungen der ״Weisen von Zion“ im Organ des obersten moslemischen Rates veröffentlicht wurden, griff die palästinensische Regierung ein, und zwar viele Monate vor dem Zwischenfall vom 15. August, den der Mufti als den Ursprung der letzten Unruhen bezeichnet. Worin bestand dieser Zwischenfall? Seit Jahrhunderten Ist es in Jerusalem jüdischer Brauch, am Tischa ’Aw in großer Zahl zur Klagemauer zu ziehen und dort in stiller Betrachtung der Zerstörung des Tempels zu gedenken. Bei dieser Gelegenheit versammelte sich dieses Jahr, provoziert durch eine Reihe von Ereignissen im Zusammenhang mit der Klagemauer, eine Anzahl jüdischer junger Leute und zog mit Wissen und Zu- Stimmung der Regierung und unter Polizeibegleitung zur Klagemauer, um dort Protest gegen die von ihnen empfundene fortgesetzte Demütigung der jüdischen Religion und der Judenheit zu erheben. Die Erklärung des Mufti ignoriert charakteristisch genug die mohammedanische Prozession, die durch ihn und seine Helfer für den nächsten Tag vorbereitet wurden, vollständig. Am 16» August wurde diese Demonstration nicht etwa auf einem mohammedanischen Gebetsptatz, sondern •vor der Klagemauer abgehalten, wo eine Kollision mit jüdischen Betern unvermeidbar war. Sie trat auch tatsächlich ein: Die wenigen jüdischen Beter, die anwesend waren, sahen sich gezwungen, zu fliehen, der Diener wurde tatsächlich angegriffen und hebräische Gebetbücher wurden verbrannt. Wese Akte der Entweihung und Ungesetzlichkeit bildeten tatsächlich den Beginn der Unruhen, und kein unparteiischer Geist wird sie mit dem unbedeutenden jugendlichen Aufzug des vorhergehenden Tages rechtfertigen. Es soll hier erwähnt werden, daß das Vorgehen der Behörden, eine mohammedanische Massendemonstration aut dem jüdischen Gebetsplatz vor der Klagemauer zu erlauben, ohne Beispiel in der Geschichte Jerusalems ist. Während der folgenden Tage ereigneten sich eine Reihe von agressiven Akten von seiten der Araber, durch die eine Anzahl von Juden verwundet wurden, darunter einer tödlich. Schließlich begannen am 23. August arabische Angriffe auf die jüdische Bevölkerung von Jerusalem in verschiedenen Teilen der Stadt Auf die Beschuldigungen, die im letzten Teil der Erklärung des Mufti enthalten sind, beabsichtige ich nicht zu antworten. Es muß jedoch ein nicht unwichtiger Gesichtspunkt hervorgehoben werden. Es ist wahr, daß am 25.!und 26. August in einer Moschee im Viertel Sichren Moscheh, die mohammedanische Gräber enthält, bedauerlicherweise einiger Schaden angerichtet wurde. Dieser Akt fand aber erst nach der Niederbrennung einer Synagoge in der Nähe statt, erst nachdem am 23. August in Jerusalem und am 24. August in Hebron Ueberfälle und Morde an Juden vorausgingen, die an Verwundeten und Toten 187 jüdische Opfer forderten. Der Zwischenfall an der Moschee, den jeder Jude gewiß bedauert, war das Vorgehen einer aufgeregten Menge, das durch die vorhergehenden Ereignisse provoziert war und durch die jüdischen Behörden in dein Augenblick unterbrochen wurde, in dem sie davon hörten. Ein jüdischer Wächter wurde daraufhin sofort an der Moschee postiert, bis der Platz durch die Polizei gesichert wurde. Der wahre Charakter der Ausschreitungen ist durch die Proklamation des High Commissioners klargemacht worden, ln ihr werden sie als schändliche Akte, begangen durch blutdürstige und ruchlose Verbrecher, als wilde Morde an schutzlosen Angehörigen der jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied des Alters und Geschlechts gekennzeichnet. Diese Ereignisse haben jedoch den Glauben des jüdischen Volkes, daß kein fundamentaler Gegensatz zwischen Arabern und Juden besteht und daß die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims in Palästina beiden Vorteile bringen kann und wird, nicht erschüttert. Wir sind überzeugt, daß die Araber Palästinas ihre friedlichen Beziehungen mit ihren jüdischen Nachbarn fortgesetzt hätten, wenn nicht offensichtlich falsche Berichte zur Aufstachelung ihrer religiösen Gefühle und insbesondere die Behauptung, daß die Omar-Moschee bombardiert, beraubt und in Brand gesteckt worden sei, verbreitet worden wären. Wir glauben, daß solche friedlichen Beziehungen noch heute der Wunsch der überwiegenden Majorität der arabischen Bevölkcrung sind.“ (Ziko.) Die arabische Propaganda in den Palästina benachbarten Ländern scheint im Abflauen begriffen zu sein- In Damaskus z. B., wo in den Tagen der palästinensischen Unruhen Massendemonstrationen für die Araber in Palästina stattgefunden hatten, wurde bis heute für den Fonds zugunsten der palästimusischen Araber im ganzen ein Pfund aufgebracht. Bis zum 23. September waren in Palästina 328 Araber und 64 Juden im Zusammenhang mit den blutigen Ereignissen verhaftet