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Jüdische Rundschau · 1929-09-20 · Heft 74 (20.9.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 74 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 490 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 ,74־. IX. 1929 B. Stoica (Rumänien): ״Ich habe mit großem Interesse den Bericht über die Arbeiten der Mandatskommission angehört und beglückwünsche die Kommission für ihr so wertvolles und alle Nationen interessierendes Werk. Die öffentliche Meinung in Rumänien nahm mit schmerzlicher Ueberraschung die Nachrichten über die Unruhen in Palästina auf. Wese Unruhen haben zahlreiche Opfer unter den jüdischen Kolonisten zur Folge gehabt, unter diesen jüdischen Kolonisten, die mit großer Hingabe einen der ältesten Herde der menschliehen Zivilisation zu neuem Leben erwecken und seinen Boden fruchtbar machen. Das Mitgefühl der rumänischen Bevölkerung war um so lebhafter, als ein kleiner Teil der erwähnten Kolonien durch eine Bevölkerung gegründet wurde, die während ihrer unglückseligen Wanderungen auch für gewisse Zeit auf rumänischem Boden eine Heimat gefunden hat und mit ihm weiter mannigfaltige Beziehungen pflegt. Von den 18 Millionen Einwohnern Rumäniens sind beinahe 1 Million Juden. Die rumänische Regierung, wie es schon Herr Minister Titulesco vor dem Rate erklärt hat, hat lebhaft bedauert, daß solche Exzesse in einem Mandatsgebiet Vorkommen konnten. Sie freute sich jedoch aus den Erklärungen der Mandatarmacht zu erfahren, daß es sich nicht um einen Rassenkonflikt, sondern um verbrecherische Machenschaften gewisser mehr oder weniger organisierter Gruppen von Missetätern handelt. Ich zweifle nicht daran, daß die Mandatarmacht nach Wiederherstellung der Ordnung alle notwendigen Beruhigungsmittel ergreifen wird, um den Frieden, die Arbeit und die Ent- Wicklung der Zivilisation in diesem Lande zu sichern und einem wegen historischen Mißgeschicken unglücklichen Volke ein friedliches Sein auf dem Boden seiner Vorfahren zu ermöglichen. Ich wünsche diese vollkommene Pazifikation und die Wiederherstellung der Ordnung in Palästina um $0 lebhafter, als dies in gleicher Weise auch die christliche Welt angeht. Wie Zeitungen berichten, hätte der Heilige Vater angesichts der jetzigen Lage die Pilgerschaften nach dem Heiligen Lande unterbrechen lassen. Seine Heiligkeit der Patriarch Rumäniens hat denselben Ratschlag den rumänischen Pilgern erteilt. Ich lege deshalb Nachdruck auf diesen Punkt: die christliche Welt hat ein tiefes Interesse daran, daß Frieden und Eintracht an jenen Stätten herrschen, wo der Erlöser ge* predigt hat und wo jetzt ach die allerverehrtesten Heiligtümer befinden. Die Mandatarmacht wird auf diese Weise sowohl den von ihr übernommenen Verpflichtungen, wie auch der ihr einmütig von allen zivilisierten Staaten übertragenen Mission nachkommen. L. Palacios (Spanien, Mitglied der Mandatskommission) schließt sich den Aeußerungen Prof. Rappards an, glaubt jedoch nicht an die Mitverantwortlichkeit der Mandatskom* mission für die Entwaffnung Palästinas. Das Palästinaprohlem ist kein militärisches, sondern ein bedeutend komplizierteres Problem. Es handelt sich darum, die Balfour-Deklaration mit den Bestimmungen des Axt. 22 der Satzung des Völkerbundes in Einklang zu bringen. Eine solche Uebereinstimmung ist vollkommen möglich. Prof. Palacios erinnert weiter die Kommission daran, daß die durch Art 14 des Palästina* mandates vorgesehene Kommission für Heilige Stätten bisher noch nicht ernannt worden, was allerdings nicht die Schuld der Mandatarmacht, sondern die Schuld der katholisehen Mächte, die sich über die Zusammensetzung dieser Kommission untereinander nicht einigen konnten, ist. Diese Lücke ist sehr bedauerlich. Andarghe Massai (Abessinien): ״Ich spreche zu den Ereignissen m Palästina im Namen einer christlichen Macht Afrikas und direkter Nachkommen des Königs Salomon. In Palästina leben Christen, Juden und Mohammedaner, aber Konflikte gibt es nur zwischen den zwei letzteren. Die Christen, die in Wirklichkeit dem Erlöser am nächsten stehen, begünstigen einmal die eine und ein anderes Mal die andere der im Kampfe stehenden Gemeinschaften und es kommt sogar vor, daß sie an Demonstrationen teilnehmen, die einen schmerzlichen Ausgang haben. Hat denn Christus nicht Eintracht und Liebe gepredigt? Es ist bedauerlich, daß die Christen Palästinas, und besonders die Geistlichen, den Antagonismus verschärfen, anstatt die Rolle der unparteiischen Schlichter zu übernehmen. Warum ermutigen sie diesen unmenschlichen Kampf? Man wird mir vielleicht antworten, daß sie Gründe haben so zu handeln. Ich sage jedoch, daß sie Unrecht tun und von der Lehre Christi abweichen. Hat Er denn nicht gesagt: ,Ich will keine Armeen, ich bin gekommen, um den Menschensohn zu retten und nicht um zu vernichten!‘ Angesichts dessen, daß der Friede in Palästina jetzt unsicherer ist als in anderen Ländern der Welt, richte ich einen Appell an die Kommission, an die kompetenten Kirchenhäupter die Bitte zu richten, daß sie ihren Vertretern in Palästina genaue Weisungen zwecks Aufrechterhaltung der Disziplin geben. Man wird auf diese Weise die Aufgabe der Mandatarmacht in Palästina sehr erleichtern. Es wäre auch angezeigt, die Mandatarmacht zu bitten, daß sie den Christen Palästinas empfiehlt, eine zumindest korrekte Stellung gegenüber den beiden sich befehdenden Parteien anzunenmen und dies im Interesse des Friedens, also im Interesse der ganzen Welt. Ich beglückwünsche übrigens die Regierung für die energischen Maßnahmen, zu welchen sie gegriffen hat, um Ordnung in Palästina zu schaffen und drücke den Wunsch aus, daß ein Schema gefunden wird, um Ruhe im Lande zu schaffen und die Wiederkehr der Unruhen, die die ganze Welt schmerzlieh berührt haben, zu vereiteln.׳‘ Graf Apponyi (Ungarn): ״Auch Ungarn hat viele israelitische Bürger, die durch die Gefahren, denen ihre Glaubensbrüder in Palästina ausgesetzt waren, natürlich beunruhigt sind. Ich will hier nicht in Einzelheiten eingehen über die Vereinbarungen, die man über Palästina gemacht hat, da auch die Ansichten meiner Mitbürger darüber geteilt sind, ich bin jedoch der Ansicht, daß im Moment, diese Kolonie in Palästina schon existiert, eine Ehrenpflicht der Menschheit und jener Mächte, die die Vereinbarungen über Palästina unterstützt haben, zu erfüllen ist und alles getan werden muß, um dieser Kolonie Schutz und Frieden angedeihen zu lassen. Auch die christliche Welt hat großes Interesse daran, daß im Lande, wo sich ihre größten Heiligtümer befinden, Ordnung und Frieden herrschen.“ Der Vorsitzende der 6. Kommission, Janson (Belgien), die Debatte der Kommission schließend: ....״Ein wichtiges Charakteristikum unserer Debatte war die Erregung, der viele Redner ihren Ausdruck verliehen haben — und die sicher in gleichem Maße auch von jenen, die das Wort nicht ergriffen, geteilt wird — wegen der Unruhen in Palästina. Alle Redner haben die Erklärungen der Mandatarmacht mit Zufriedenheit entgegengenommen und die Hoffnung ausgedrückt, daß diese Unruhen, die die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Bestürzung aufgenotntnen hat, sich nicht mehr wiederholen werden. Ich bin sicher, daß unser Berichterstatter diesen Gefühlen der Kommission in seinem Bericht an die Versammlung wird Rechnung tragen wollen.“ Der Distriktsoffizier Kupperman, ein Jude, wurde dem Distriktskommissariat von Jaffa zugeteilt. Kupperinans Aufgabe wird es sein, die Verbindung des Distriktskommissariats mit Tel-Awiw und den jüdischen Kolonien aufrecht zu erhalten. Eia Labour ־ Abgeordneter zum Palästina - Problem Eine Unterredung mit Rennie Smith in Karlsruhe. (Sonderbericht für die ״Jüdische Rundschau".) Die Anwesenheit von RennieSmith, ehemaliger Unter- Staatssekretär im britischen Außenministerium, Mitglied des Unterhauses und der Labour Party, bot mir die Gelegenheit, ihn über die Stellung der englischen Arbeiterregierung zu den letzten Ereignissen in Palästina zu befragen. Herr Smith hatte die Liebenswürdigkeit, meine Fragen folgendermaßen zu beantworten: ״Das Problem der jüdisch-arabischen Beziehungen erheischt einige Bemerkungen. Die Araber konzentrieren ihre Kräfte, um die Balfour-Deklaration zu beseitigen. Mit der Einwanderung der Juden nach Palästina, die sich auch zum Vorteile der arbeitenden arabischen Bevölkerung auswirkte, entstand die Hetze der arabischen Großgrundbesitzer. Sie fühlten sich bedroht und gelobten einig zusammenzustehen im Kampfe gegen den Zionismus. Es kann uns keinesfalls gleichgültig lassen, wenn die Juden in der Verwirklichung ihrer historischen Rechte gestört werden. Kann noch erst bezweifelt werden, daß das Wachstum des arbeitenden Judentums in Palästina, daß ihre vereinzelt dastehenden heroischen und konstruktiven Glanzleistungen das Ansehen der internationalen Arbeiterschaft erhöht? Die jüdische Arbeiterschaft mag das stolze Gefühl stützen, daß ihre Forderungen nicht nur erfüllbar und gerecht sind, sondern daß hinter ihr die englische Bruderpartei steht Von Anbeginn stehen wir zur Erfüllung der gegebenen Baflöur-Deklaration. Alles was in Palästina in wirtschaftlicher und kultureller Beziehitng erreicht wurde, ist ein unbestreitbares Verdienst des modernen Zionismus. Das arbeitende Palästina dient dem gemeinsamen Ziel der Befreiung beider Nationen. Diese Tatsacke würde sicherlich dazu führen, daß die jüdischen und arabischen Massen den Weg zur kameradschaftlicher Arbeit finden, wenn nicht Hetzer am Werke wären, die den notwendigen Frieden gefährden.“ Bezüglich meiner Vorwürfe, daß die englische Administration in Palästina für die Ordnung im Lande gar keine Gewähr bietet, antwortete Smith folgendes: ״Vielleicht ist mancher Vorwurf berechtigt, aber daß die englische Administration direkt oder indirekt gegen Juden gehetzt hat, liegt im Bereich der Unmöglichkeit. Wir brauchen nicht erst zu betonen, daß die Arbeiterregierung so rasch wie nur möglich mit der ganzen Mißwirtschaft aufräumen wird. Wir sind erst eine kurze Zelt an der Macht und hatten während dieser Zeit kaum Gelegenheit, radikale Aewkrungen vorzunehmen.“ Josef Zucker-Holländer. Angriffe gegen den Mnfti Jerusalem, 16. September. (J.T.A.) Ke Araber des Dorfes Liftain der Nahe von Jerusalem, die als die ersten den Angriff auf die Juden von Jerusalem, Moza und anderen Orten, am 23. August vollführten, hielten, wie aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird, am vergangenen Freitag eine Beratung ab, in der beschlossen wurde, den Großmufti von Jerusalem aufzufordern, den Dorfbewohnern Geld für den Unterhalt oder Beschäftigung zu verschaffen, da sie durch ihn ins U n - lück gestürzt worden sind. Es verlautet, daß die Liftaauern, die seinerzeit von dem Mufti die Aufforderung erhalten haben, den Angriff auf Jerusalem zu beschleunigen, ihn nunmehr für das Mißlingen des Angriffes verantwortlich machen. Die Führer der Moslems im Distrikt Gaza bereiten ein Memorandum an die Regierung* vor, in welchem sie ihre Gegnerschaft gegen den Jerusalemer Großmufti und seine den Frieden störende Politik zum Ausdruck bringen. Diese Stimmung hat auch auf Aegypten ii bergegriffen. Wi<^ aus Kairo nach Jerusalem telegraphiert wird, haben 200 prominente Araber Aegyptens beschlossen, nach Palästina zu gehen, um eine Versöhnung zwischen Juden und Arabern herbeiführen zu helfen. Es wird ferner berichtet, daß in Aegypten schon von früher her ein allgemeines Mißtrauen gegen den Jerusalemer Mufti Platz gegriffen hat, da er der Aufforderung, über die von ihm in den verschiedenen arabischen Ländern gesammelten Fonds für die Restaurierung der Omar-Moschee volle Rechnung abzulegen, nicht nachgekommen ist. Mordanklage gegen Juden Jerusalem, 18. September. (J. T. A.) Von den 51 in Haifa verhafteten Juden, die an der Selbstverteidigung gegen arabische Angriffe teilgenommen haben, werden 45 wegen beabsichtigten oder versuchten Mordes angeklagt. Die Beschuldigten werden alle in Haft behalten, jede für ihre Haftentlassung angebotene Bürgschaft wird zurückgewiesen. Die Gerichtsbehörden erheben gegen jede Person, bei der eine Schußwaffe gefunden wurde, die Anklage wegen Mordes, ohne dabei einen Unterschied zu machen zwischen Personen, die sich der Waffe zu Zwecken der Verteidigung bedienen wollten und denjenigen, die die Waffe zu Zwecken des Angriffes benutzten. In Tel-Awiw wurden 22 Personen verhaftet, von denen zwei des Mordes angeklagt werden. In einem einzigen Hause, in welchem zwei Gewehre gefunden wurden, wurden 15 Personen, unter ihnen eine alleinstehende Frau und drei Kinder, verhaftet, ln der jüdischen Kolonie Rechoboth wurden drei jemenitische Juden, die an der Bewachung der Kolonie teilnanmen, verhaftet. Ein Engländer hält 1500 Beduinen auf Englische Zeitungen berichten von der mutigen Tat des englischen Polizeioffiziers Partridge, Uriterkommandanten von Gaza, der allein und ohne Waffen, nur in Begleitung eines befreundeten Arabers, den aus dem Berscheba-Distrikt heranziehenden 1500 Beduinen entgegengefahren ist, um sie zu beruhigen. Die Beduinen zogen in großer Erregung nach Jerusalem, weil man ihnen gesagt hatte, die Juden machen einen Sturm auf die Omar- Moschee und entweihen auch andere moslemisehe heilige Plätze. ״Aus diesem Grund“, so erzählte Partridge, ״schworen die Beduinen, den beleidigten Islam zu rächen. Ich kannte diese Beduinen seit Jahren und war überzeugt, die Scheichs würden mir Glauben schenken, wenn ich nur an sie herankommen kann. Sobald ich ihnen sagte, daß an all den Gerüchten kein wahres Wort sei, glaubten sie mir und kehrten um. Ich versprach ihnen auch, daß ihre Scheichs die Schwerter, die ihnen die Militärbehörde abgenommen hatte —eine tödliche Beleidigung für einen Beduinen — wiederbekommen werden. Ich bin überzeugt, daß von diesen Beduinen des Süddistriktes keine Gefahr mehr droht.“ Die gegenseitigen Beschuldigungen kristallisieren sich, wie ״Times“ schreibt, um drei Punkte: Der erste ist die Frage der verübten Grausamkeiten, der zweite der ungenügende Schutz durch britische Kräfte (die jüdische Presse Beschuldigt britische und arabische Beamte und Polizei des vorsätzlichen Versagens), der dritte Punkt ist die Beschwerde der Araber, daß den Juaen der Besitz von Waffen in großem Umfang gestattet sei. Politisches Erbe und geistige Freiheit Von Dr. Fritz Baer. Durch berechtigte Ablehnung jedes theologisch gefärbten (das heißt nicht: religiös gesehenen) Geschichtsbildes der jiidisehen Vergangenheit ist mau unter uns Zionisten vielfach zu der Auffassung gekommen, daß ein zweitausendjähriges Chaos hinter uns liege, ln das uns irgendein Zufall geschleudert hat und aus dem uns unsere Willkür befreien wird, ln Wahrheit hat, wo nicht bewußter Wille, so doch eine tief in unserem Wesen begründete Tendenz unser Schicksal gestaltet und in organischer Folge jeden Tag unseres Daseins gezeugt. In dieser Tendenz, die einer begrifflichen Erfassung vielleicht gar nicht zugänglich ist, ist ״die politische Idee des Judentums“ zu suchen, und der Gegenwart bleibt nichts anderes übrig, als an ihrer Fruchtbarmachung mit mehr oder weniger glücklichem Instinkt mitzuarbeiten. Eue Geschichte macht keinen Schritt umsonst und verlangt, daß jede von ihr geschenkte Situation mit historischer Verantwortung im Dienste der Menschheit ausgenutzt wird. Unsere politischen Aufgaben sind andere als die anderer Völker, und wir dürfen uns darüber nicht beklagen; denn Mannigfaltigkeit der Bedingungen ist die beste Garantie des allgemeinen Fortschritts. Unsere Vergangenheit ist das Erbe, das den Juden aller Richtungen, ob sie es wollen oder nicht, gemeinsam ist, — vielen vielleicht ein elendes Gepäck, aber der einzige Besitz, den uns niemand streitig machen kann. In ihr liegen alle unsere Zukunftsmöglichkeiten beschlossen. Die Mission des Zionismus ist cs, die in unserem gemeinsamen Erbe ruhenden Kräfte lebendig zu machen, das Judentum unter Respektierung seines inneren Gesetzes zur größtmöglichen Freiheit, die ״politische Idee des Judentums“ zu größerer Aktivität und Bewußtheit zu führen. Es ist die allererste Pflicht einer politischen Leitung in Palästina, die dort wirksamen Faktoren in einer Weise zu lenken, die unserer schwierigen und labilen, historisch bedingten Stellung im Lande und in der Diaspora gerecht wird. Wenn irgend etwas in aller Welt eindeutig ist an unserer Aufgäbe, so ist es, daß wir auch nicht auf dem winzigsten Flecken der Erde, auch nicht dem Anschein nach, anstatt des Amboß, dessen Rolle wir bisher spielen mußten, zum Hammer werden dürfen. Dieser (Notwendigkeit Rechnung zu tragen, ist die Pflicht aller, die von unserer Vergangenheit noch etwas anderes zu sagen haben als: תם ונשלם ולא שבח והודאה לאל בורא עולם Es würde insbesondere eine große Enttäuschung für die Freunde des Misrachi sein, wenn er nicht endlich von jedem materialistischen Nationalismus in aller Entschiedenheit abrücken wollte. Nebenbei wäre es längst seine Pflicht gewesen, über die mit der Klagemauer zusammenhängenden Fragen eindeutige halachische Gutachten einzufordern und dadurch klarzustellen, daß die religiöse Tradition an Demonstrationen und an der Opferung von Menschenleben ״lemaan hakotel“ keineswegs interessiert ist. Zur Aktivierung unseres politischen Erbes gehört eine unablässige Kritik unserer politischen Theorien und unserer pelitisehen Praxis. Es wäre dabei manchmal gut, zu bedenken, daß das Judentum nicht vor 50 Jahren geboren ist und daß In der gegenwärtigen zionistischen Politik wohl oder übel (manchmal ewiß mehr als nötig) mehr mittelalterliche Bestandteile entalten sind, als man zugeben will. Keinesfalls aber lassen wir uns von Leuten, die keinen Funken von Tradition und keinen Funken von geistiger Freiheit in den Knochen haben, auf politische Formeln festnageln, die in den unreifen Anfängen der zionistischen Bewegung geprägt worden sind. Die politischhistorischen Voraussetzungen, die innerhalb und außerhalb der Zionisten heute lebendig sind, bestehen häufig aus einem Gemisch von uralten Instinkten, die früher einmal in einer religiös gebundenen Welt ihren Platz hatten, und einer mehr oder weniger erfreulichen Aufklärung; neuerdings kommen außerdem noch allerlei anderswoher entlehnte Elemente hinzu. Schon bisher stieß man in gesinnungstreuen“ Kreisen aut Empfindlichkeit, wenn man sien über gewisse Dinge unserer Vergangenheit in einem anderen Sinn äußerte, als es ״unserer nationalen Auffassung“ entsprach. Man kann sich denken, wohin das jetzt führen wird. In der mir!Lebenswürdigst übersandten Sondernummer des ״Hed-Bethar“ wendet sich Richard Licht heim gegen den Direktor der jüd. Nationalbibliothek, ״der vom Keren Hajessod bezahlt wird“, wegen seiner an der gegenwärtigen Situation geübten Kritik. Das wagt man im Zeichen einer aneblichen nationalen Regeneration zu schreiben! Die Lehrer er Hebräischen Universität werden doch auch von irgend jemand aus der jüdischen Oeffentlichkeit ״bezahlt“, und wenn sie — das kann z. B. dem Historiker alle Tage passieren — irgendeinen Bestandteil unseres Kulturguts in einer Weise analysieren, die mit oder ohne Absicht eine Kritik gegenwärtig beliebter Dinge enthält, wie werden dann all diese grobklötzigen antiken und modernen Instinkte reagieren? Für zionistische Diskussion Helmuth v. Gerlachs Artikel in seiner ״Welt am Montag“ Fiber den Zionismus hat nicht nur in der Jüdischen Rundschau“ Behandlung gefunden, sondern auch vielen Zionisten Veranlassung gegeben, an Gerlach Zuschriften zu richten. In der letzten Nummer der ״Welt am Montag“ nimmt Gerlach aut die zionistischen Aeußerungen Bezug und schlägt vor, einen ״wissenschaftlichen“ Diskussionsabend über den Zionismus zu veranstalten mit zwei Referenten aus entgegengesetzten Lagern. Dieser Vorschlag beweist, daß Gerlach bereit ist, nachdem er alle seine Gründe gegen den Zionismus angeführt hat, auch Argumente für den Zionismus kennenzulernen. 111 einer Zu- Schrift an uns bemerkt ein Einsender, der auch an Gerlach einen Brief gerichtet hatte, daß diese Frage nicht Gegenstand einer ״wissenschaftlichen“ Diskussion sein kann, sondern daß sie als eine eminent politische Frage von Menschen behandelt werden muß, die das Gesamtproblem auf Grund lebendiger Erfahrung zu behandeln vermögen. Eine Ansicht, der wir uns ansclilicßen, ebenso wie dem Vorschläge, Diskussionsabende über das zionistische Problem zu veranstalten. Große Keren Hajessod •Kampagne in allen Ländern London. 17. September. (J.T.A.) Die Leitung des Keren Hajessod, des Finanzinstruments der Jewish Agency für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims gab heute eine Mit• teilung heraus, die besagt: Ehe Ereignisse in Palästina haben in zahlreichen Ländern spontane Hilfsaktionen ausgelöst, die zur Folge haben, daß die eigentliche Keren Hajessod-Arbeit in den Hintergrund getreten ist. Es tritt darum an uns die gebieterische Notwendigkeit heran, unverzüglich eine Kampagne für den Keren Hajessod in Gang zu bringen. Die Fortführung der normalen Aufbauarbeit muli mit allen Mitteln gesichert werden. Die Exekutive und das Direktorium des Keren Hajessod bevollmächtigten den Generalsekretär, Herrn Leo Herrmann, von London aus, und zwar in intimem Kontakt mit der Exekutive in Jerusalem, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die Arbeit für den Keren Hajessod in dem erforderlichen Umfange zu organisieren. Die Keren Hajessod- Komitees in den verschiedenen Ländern werden ersucht, bis zum Erhalt einer weiteren direkten Benachrichtigung mit dem Büro in London in Verbindung zu treten. Herr Leib J a f f e, der ücschäftsführcnde Direktor des Keren Hajessod in Jerusalem, ist heute aus Palästina abgereist, um an den Aktionen zugunsten des Keren Hajessod in den europäischen Ländern teilzunehmen.

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