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Jüdische Rundschau · 1929-09-17 · Heft 73 (17.9.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 73 (17.9.1929)
Date
1929-09-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 484 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73, 17. IX. 1929 Aus der englischen Presse Die englische Pre»!e aller Schattiernn gm fährt fort, in ihren Kommentaren zu den Ereignissen in Palästina und in der Veröffentlichung von Zuschriften aus allen Kreisen der Leserschafl. Die Haltung der gemäßigten konservativen und liberalen Presse scheint dabei sich immer mehr auf eine bestimmte Linie hin zu bewegen, die vielleicht am besten charakterisiert wird durch die Stellungnahme der kolonialpolitischen Wochenschrift ״The Near East und India“, die in ihrem Artikel der letzten Nummer verschiedene Gedankengänge darlegt, die — natürlich in verschiedener Nuancierung — auch in der übrigen Presse zu finden sind. Wir geben daher im folgenden zur Information unserer Leser den ersten Teil dieses bemerkenswerten Artikels wieder. ״Near East and I n d i a“ schreibt in der letzten Nummer an leitender Stelle: Die Ankündigung des Kolonientnlnisteriums in der letzten Woche, daß eine Untersuchungskommission zur Erforschung der unmittelbaren Ursachen der letzten Ereignisse in Palästina bestellt sei, erfolgte In einer Form, die manche Kreise mit Un- Zufriedenheit erfüllte. Die jüdische Meinung, welche bewunderungswürdig oder wenigstens sehr gründlich organisiert ist, drückte die Hoffnung aus, daß die Kommission nicht nur von einem Nichtbeamten geleitet werden, sondern auch die Oesamtlage in Palästina behandeln soll, insbesondere die Führung und die Haltung der Palästina-Verwaltung in Angelegenheit der Errichtung eines Jüdischen Nationalheims. Diese Hoffnung ist grausam erschüttert worden. Was die Araber, deren Propaganda viel weniger gut organisiert ist als die der Juden, über die Kommission denken, ist noch nicht klar ersichtlich. Andere weniger direkt interessierte Kreise scheinen es für wünschen«- wert zu halten, daß die Oesamtpolitik der Regierung in Palästlna einer Behandlung unterzogen werden soll; es ist vielfach geglaubt worden, daß neues Licht auf die Frage geworfen werden müsse, ob die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina in Wirklichkeit durchführbar ist. Aber, wie wir schon in der letzten Woche bemerkt haben, dafür bestand keinerlei Möglichkeit: man konnte zunächst als sicherstehend annehmen, daß keine fundamentale Aenderung in dem britisehen Mandate in Erwägung genommen ist. Die Linien von dem, was ״höhere Politik" genannt wird, sind unwiderruflich niedergelegt. Die charakteristische Stelle jedoch in der Ankündigung über die Bildung einer Untersuehungskommission liegt in folgenden Worten: ״Wenn ihr (der Kommission) Bericht vorliegen wird, wird es Gegenstand ernster Erwägung für die Regierung sein, nach welchen Richtlinien innerhalb der Bestimmungen des Mandats die zukünftige Politik geführt werden soll.“ Diese Worte können sich beziehen auf einen Ausbau der a r a b I - schenSelb st Verwaltung oder auf die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims oder auf beide. Ueber den ersten Punkt wäre es unangebracht, in diesem Augenblicke zu schreiben, was aber das zweite anbelangt, ist es gut, daran zu erinnern, daß bisher die einzigen Beschränkungen (außer denjenigen, die durch das Mandat selbst gegeben sind) bei der Errichtung eines jüdischen Nationalheims ökonomischer Art waren. Ob diesen Beschränkungen, die aus der beschränkten Aufnahmefähigkeit des Heiligen Landes kommen, sich noch politischeBeschränkungen gesellen werden, als eine Folge der arabischen Feindseligkeit und der daraus fließenden Notwendigkeit, eine britische Oarnision in Palästina zu unterhalten, bleibt abzuwarten, Ein weiteres unberechenbares Ekment In der Situation entspringt aus der Hä 11 ung der Judenselbst. Werde« Zionisten und Nichtzionisten einen noch stärkeren Wunsch haben, Immigranten nach Palästina zu schicken und zu unterstützen, und werden solche Immigranten in steigendem Maß den Wunsch haben, nach Palästina zu gehen? in dieser Frage sind zwei gegensätzliche Meinungen gehört worden. Alles, was im Augenblick mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, daß die Zionisten anscheinend die fcritische Situation nicht zum Anlaß eines Erlahmens ihrer Anstrengungen genommen haben, sondern eher als einen Anstoß, um die Mandatarmacht zu weiteren Maßnahmen zu ihren Gunsten zu zwingen. Ein weniger wichtiger Punkt, der jedoch gerade für die Öffentlichkeit wichtig ist, ist die Tatsache, daß so viele Nachrichten, die während der Unruhen aus Palästina tele- § rapliiert wurden, sich als unzuverlässig erwiesen a ben. Um nur ein paar solcher Geschichten zu erwähnen: ״Heftige Kämpfe nördlich von Beisan“ erwiesen sich als unbedeutendes Geplänkel mit ein paar Beduinen; ein ״schwerer Zusammenstoß bei Berscheba, bei welchem britische Truppen froße Verluste hatten“, fand überhaupt nicht statt; von aen erstümmelungen und anderen Greueltaten, welche die Juden den Arabern zuschrieben, konnten die britischen Aerzte keine Spur finden; und wer hat jemals davon gehört, daß ein Araber Gift in Kaffee schütten könnte? Einige dieser Phantasien konnten von einem informierten Leser sofort als solche erkannt werden, aber andere schienen glaubhaft und daher alarmierend. Die unparteiischen Nachrichtenquellen in Palästina haben eine foße Verantwortung, denn falsche Nachrichten wirken auf die einung der Welt viel stärker als das darauffolgende Dementi. Es ist klar, daß alle Feinde Großbritanniens mit Schadenfreu de auf die Lage in Palästina blicken. Diese Schadenfreude ist nicht einmal auf die Feinde der Mandatarmacht beschränkt. Auch unter ihren Freunden gibt es Anzeichen der Freude, daß die Dinge im heiligen Land in diese Klemme geraten sind. Dies ist nur ein Grund mehr, nur wahre Nachrichten aus Palästina herauszulassen. Die militärische Situation in Palästina scheint ruhig geworden zu sein, eine bedeutende Leistung der militärischen Behörden, und wenn der Schein nicht trügt^eo ist jetzt die Zeit gekommen, wo die wirkliche Saat einer Freundschaft mit der Mehrheit der Bevölkerung Palästinas von neuem aus-?esäet werden kann. Eine Zeitung, die in diesem Moment air piay für die Araber fordert, wird wahrscheinlich als pro-arabisch verdammt werden. Aber die Bezeichnung pro-dies oder pro-das ist nichtssagend. Es ist ein entschiedenes britisches Interesse, die gegenwärtige Situation so zu meistern, daß das arabische Volk nicht auf Tod und Leben beleidigt wird; und wenn man noch so sehr die Möglichkeit eines panarabischenTraumes leugnet, man kann doch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß allenthalben die lebhafte Sympathie der Araber mit ihren Glaubensgenossen in Palästina ist. Es ist daher im Interesse des britisehen Reiches, wenn wir raten, daß der Ausbruch in Palästina in der weitblickendsten Weise behandelt wird. Dasselbe wie von den Arabern würden wir bezüglich der Juden sagen, wenn nicht die Tatsache in die Augen spränge, daß sie selbst in hohem Maße sich Gehör bei der Regierung zu verschaffen wissen; welche Aktion die Mandatarmacht auch unternehmen wird, sie wird zweifellos nicht ohne Kenntnis der jüdischen Betrachtungsweise der Sache erfolgen. Die Aufgabe von Sir Walter Shaw und seiner Kollegen wird zunächst sein, durch die Masse von Uebertreibungen auf beiden Seiten durchzudringen, und es ist zu hoffen, daß ihr Bericht ni:ht nur in England befriedigen wird, sondern auch bei unparteiischen ausländischen Beobachtern als ein Muster gerechter britischer Denkungsart anerkannt werden wird. Denn nach der Art, in welcher der arabisch-jüdische Konflikt in Palästina behandelt wird, wird die Staatskunst der britischen Regierung, deren Erfolg in anderen Angelegenheiten offen anerkannt wurde, beurteilt werden. Die Reihenfolge ist jetzt: 1. die Wiederherstellung der Ordnung, 2. der Bericht über die Ursachen des Ausbruches, insbesondere ob er vorberettet war und 3. die von der Mandatarmacht zu ergreifenden Schritte, zur Heilung der Krankheit, deren Diagnose die Kommission aufstellt. Denn man darf nicht vergessen, daß Großbritanniens erste Pflicht in Palästina jetzt dieHeilungdesBrucheszwisehen Arabern und Juden ist, nicht die Betonung des Gegensatzes der beiden Völker, von denen sie noch immer hofft, daß sie eines Tages zu ,einem einheitlichen Ganzen verschmolzen werden. * Di« ״Time8“ vom!4. d. M. bringt eine atisffihrlirho zusammenhingende Darstellung der Vorfälle in Palästina seit dem 15. August. Die Darstellung entspricht ungefähr den unseren Losem schon bekannten Tatsachen. Der Verfasser des Artikels kommt sodann zu folgenden Konklusionen: Er ist nicht der Zweck dieses Artikels, hinsichtlich der Verantwortlichkeit für die Unruhen eine Untersuchung anzustellen, ob angemessene Vorsorgemaßnahmen ergriffen wurden oder ob die Behörden genügend starke Maßnahmen ergriffen, als es zum Ausbruch gekommen war, um diesen sofort zu bekämpfen. Das ist die Angelegenheit der Untersuchungskommission. Doch gibt es ein oder zwei Punkte, auf die zurückgekommen werden muß. Zunächst benutzten die Aufrührer die Urlaubsabwesenheit des größten Teiles der höheren Beamten. Angesichts der Spannung, die in Palästina während des letzten Jahres herrschte, hätte dieser Zustand niemals gestattet werden dürfen. Denn ohne die wunderbare Leistung einer Handvoll Engländer, die am Freitag und Sonnabend aie Lage meistern mußten, wäre die Heilige Stadt in die Hände des arabischen Pöbels und bis zu dem Augenblick, wo Hilfe von Aegypten kam, das gesamte Land in Revolte gefallen. Man kann nur mit Stolz von der Leistung dieser Männer sprechen, die zu zweit oder dritt, manchmai auch ganz allein, ohne Unterbrechung mehr als 24 Stunden hindurch durch die Stadt und die Distrikte eilten und überall, wohin sie kamen, die Autorität aufrecht erhielten. Wenn auch sie sämtlich aufs höchste Ihre Pflicht getan, so ist es doch wert, einige Züge besonders zu erwähnen. Die eigenen Kämeraden werden sicher die ersten seht, um dis höchste Lob Mr. Cafarata, dem britischen PoHzeloffizier von Hebron, zu spenden, dessen 50 Mann nicht In Frage kamen und der ganz allein den Mörder in die einzelnen Häuser folgte ׳und sie hinaustrieb, ebenso wie Mr. Best, der sein Leben opferte, um das eines verwundeten Wycliffe-Studenten zu retten; schließlich auch den anderen drei Wycliffe-Studenten, die Talpioth mehrere Stunden hielten, bis ihnen Hilfe gesandt wurde. Die Moslems versuchen, den Eindruck zu erwecken, daß der Ausbruch der Unruhen spontan gewesen und durch die Vor- 5änge von Zürich, sowie die provokatorische Haltung der uden herbeigeführt worden sei. Gewiß hat cs zionistische Provokation gegeben. Aber was auch die Juden gesagt oder getan haben, nichts kann die ungeheuerliche Brutalität rechtfertigen, mit der sie angegriffen wurden. Wenn man weiß, was in Aegypten während der Revolte 1919 sich ereignete, wird die Geschwindigkeit, mit der den Ereignissen von Jerusalem Unruhen an anderen Stellen folgten und wie bewaffnete Moslems am Vorabend der Ereignisse die Stadt überschwemmten, mehr als einen Verdacht erregen, daß es einen wohl vorbereiteten Plan gegeben hat. Die Tätigkeit einiger sehr prominenter Moslems und darunter wohlgemerkt eines der Ulemas, können diesen Eindruck verstärken. Es scheint, daß die Kooperation der Beduinen aus dem Süden einen Teil der Verschwörung bildete, aber sie warenzu wenig bei der Sache. Entgegen den Gerüchten blieben die transjordanischen Stämme ruhig. Zur Entwaffnung der kämpfenden Parteien waren die der Regierung zur Verfügung stehenden Kräfte gänzlich ungenügend. Bei Wiederkehr normaler Zustände muß eine allgemeine und durchgreifende Entwaffnung eine der ersten Maßnahmen sein. Aber vor allem ist der Ausbruch der Unruhen eine Verurteilung der Politik, Palästina von britischen Kräften zu entbloßen. Bei Ausbruch der Unruhen betrug die Stärke der Polizei im ganzen Lande 1400 Offiziere und Mannschaften. Hiervon waren etwa 160 Engländer, der Rest Palästinenser, und zwar hauptsächlich Araber. Wenn man bedenkt, daß die politische Atmosphäre in Palästina und besonders in Jerusalem seit langem elektrisch geladen war und daß rassenmäßige und religiöse Gegensätze die Bevölkerung in einem anderswo unbekannten Ausmaße trennen, so ist es klar, daß es geradezu zu Unruhen herausforderte, die öffentliche Sicherhett hauptsächlich den Händen einer parteiischen und leicht aufhetzenden Gruppe anzuvertrauen, unterdessen Ist der Gegensatz zwischen Juden und Moslem schärfer als je, und der wirtschaftliche und soziale Fortschritt des Landes hat einen schweren Rückschlag erlitten. * Die bekannte linksstehende Wochenschrift ״The New Statesman“ nimmt in ihrer Nummer vom 7. September in einem ungezeichneten redaktionellen Artikel zu der Lage in Palästina in bemerkenswert unfreundlicher Weise Stellung. Das Blatt protestiert, — wie übrigens mehrere linksstehende Organe — dagegen, daß Lord Balfour in seinem Brief an Weizmann seine Deklaration nochmals bestätigt, da er keinerlei Legitimation dazu besitze, es sei die persönliche Meinung eines alten, allgemein geachteten Mannes. Schon seine erste Deklaration sei ein gefährlicher Sprung ins Dunkle gewesen, einer der größten Mißgriffe, den Balfour in seinem politischen Leben gemacht habe. Im weiteren Verlauf nimmt der Artikel entschieden gegen den Zionismus Stellung und erklärt, England könne nicht ln alle Ewigkeit die gegenwärtige Politik In Palästina führen und die palästinensischen Juden müßten sich darauf vorbereiten, ihre Sache selbst zu führen. ״Jüdischer finanzieller Einfluß in der Zeitungswelt verhindert eine wirklich unbeeinflußte Behandlung dieses Problems.“ England könne nicht alle seine Kriegsversprechungen einhOalten. Die meisten von uns, so erklärt das Blatt, sympathisieren mit dem zionistischen Ideal, aber wir haben weder das Geld noch Lust, uns in weitere idealistische Abenteuer im Orient einzulassen. Die Vorgänge in Hebron, ln einer der letzten Nummern brachten wir einen Bericht des Reuter-Korrespondenten über die Vorgänge in Hebron, wobei auch die Taten des Mr. Cafferata erwähnt werden, der allein lange Zelt hindurch das jüdische Viertel verteidigt hat. Auf verschiedene Anfragen teilen wir mit, daß Mr. Cafferata ein englischer Polizeioffizier ist, Sohn eines Advokaten aus Liverpool. Cafferata Hegt jetzt mit einer leichten Verwundung im Spital ln Jerusalem. Eine andere interessante Episode wird gleichfalls von Reuter aus Hebron berichtet. Der Militärarzt Dr. Abd ei Al, ein Aegypter, rettete eine große Zahl von Juden, indem er sie in ein Caffliaus führte, wo moslemische Notabein Kaffee tranken. Er erklärte diesen Moslems: ״Ich lasse diese Juden in euer Obhut, ihr seid jetzt für sie verantwortlich. Ich gehe noch andere holen, die ich gleichfalls ln eure Obhut bringen werde.“ Auf diese!Weise wurden die Juden gerettet. Vor der Untersudiung (Von unserem palästinensischen Korrespondenten ) Dieter mit der Pott eingetroffene Bericht unseres palästinensischen Korrespondenten ist zum, Teil bereits überholt und bringt ferner eine Reihe »05 Tatsachen, die unseren Lesern bereits auf Grumt von telegraphischen Berichten bekannt sind. Trotzdem glauben wir, daß eine nochmalige Wiedergabe am Platze ist, weil daiurch die in Palästina herrschende Stimmung zum Ausdruck kommt. Red. A. G. T e 1 - A w i w, den 5. Sept. 1929. Mit dem Moment, wo die englischen Truppen sich über das Land verteilt hatten und mit ihren Operationen begannen, hat Palästina das Stadium der Anarchie, in das es durch die Ereignisse des 23. August gestürzt worden war, überwunden. Jetzt zum ersten Male seit zwei Wochen kann die Regierung mit einiger Berechtigung das erklären, was sie unmittelbar vor und während der Unruhen mehrmals wiederholt hat: ״daß sie die Lage beherrsche“. Das Leben im Lande beginnt sich — wenn auch sehr langsam — zu normalisieren. Tel- Awiw, das am wenigsten gelitten hat und daher auch am wenigsten aus dem Gleis geraten ist, hat es dabei am leichtesten, ln Haifa und Jerusalem, wo noch heute ganze Straßenzüge als nicht ungefährlich gelten, viele Familien ihre Wohnungeti verlassen mußten und nicht so bald wieder zurückkehren können oder wollen, liegen die Dinge viel schwieriger. Und in den meisten Siedlungen stehen die Bewohner noch heute auf der Wacht vor dem Ueberfall dieses oder jenes beutelustigen Dorfes, dieser oder jener räuberischen Beduinenhorde. Vorgestern erst wurde über einen schweren Zusammenstoß englischer Truppen mit einem großen Beduinenschwärm bei Zemach berichtet, zugleich mit einem Ueberfall auf Kfar Tabor. Und gestern brachte das offizielle Regierungsbulletin die Nachricht eines Ueberfalles Berittener auf eine der Vorstädte von Jerusalem. Es gibt also immer von neuem kleinere Zwischenfälle, die ein energisches Eingreifen notwendig machen und eine dauernde Wachsamkeit der überall verteilten Militärkräfte verlangen, im allgemeinen jedoch darf man heute bereits feststellen, daß sich das Gefühl der öffentlichen Sicherheit stark befestigt hat und daß die Regierung in ihrer Bemühung, mit den herangeschafften Verteidigungskräften die Ordnung wiederherzusteüen, Erfolge aufzuweisen hat. Neben diesen militärischen Bemühungen gehen die poiitischen. Die erste Woche hindurch, also bis zur Ankunft Chancellors, war vorn einer politischen Stellungnahme der Regierung zu den Ereignissen überhaupt kaum die Rede. Heute, wo man die Verhältnisse bereits klarer übersehen kann, wo sich das tausendfältige Mosaik der Details bereits zu einem einigermaßen klaren Bilde zusammenzufügen beginnt, versteht man warum. Die palästinensische Administra- Son hatte in Fahrlässigkeit und Mangel an Voraussicht die Anzeichen des kommenden Ausbruchs übersehen oder falsch gewürdigt. Sie hatte, besonders in den letzten zwei Tagen, vor den Unruhen in Jerusalem, die Leitung aus den Händen verloren, dem immer stärker werdenden Drucke nachgegeben, hatte durch die Zulassung der letzten Demonstrationen, die ihr vielleicht als ein letztes verzweifeltes Sicherheitsventil erschienen, die Leidenschaften auf die Höhe getrieben und stand schließlich am 23. August mit einer Hand voll englischer Gendarmerie (weniger als 200 Mann) und einer durchaus unverläßlichen überwiegend arabischen Polizei machtlos den Ausbrüchen eines entfesselten Fanatismus gegenüber. Diese Machtlosigkeit, die eine Ratlosigkeit der Leitung zur Folge hatte, brachte cs dann dazu, daß die Regierung auch weiterhin, vermutlich aus der Besorgnis heraus, den Angriff zu verstärken und direkt gegen sich zu koken, jeder Forde- Tung von, ar abischer Seite naepgab. So erfpigte die Entwaffnung der englischen Juden, aie nicht nur die Erbitterung im Jischuw verschärfte, sondern auch einen klaren Beweis von der Kraftlosigkeit der Regierung gab. So folgte auf Jerusalem Hebron und auf Hebron Safed. Erst als das Militär einigermaßen imstande war, die Lage zu übersehen und zu beherrschen und erst als der High Commissioner die Leitung der Geschäfte wieder übernommen hatte, erfolgte eine politische Aktion der Regierung. Es erschien am 1. September die erste Proklamation Sir John Chancellors. Diese erste und bisher einzige scharfe Verurteihmg der begangenen Verbrechen, die. Stärke der Haltung, die daraus sprach und die klare Versicherung, daß die englische Regierung an ihrer Politik festhalten werde, bedeutete eine große Entlastung nach der schweren Spannung. Es war unter den bestehenden Verhältnissen zu erwarten, daß der Moslemische Rat und die arabische Exekutive sofort nach dieser Proklamation zu einem neuen Schlage ausholen würden. Und ihre Antwort erschien in der Tat sofort und begnügte sich nicht nur mit einer Präzisierung der arabischen politisehen Ziele, sondern verfehlte auch nicht, die Schuld wieder auf die Juden abzuwälzen. Daß dabei falsche Angaben gemacht wurden und die Autoren der Gegenproklamation sich dabei sogar auf Angaben von Regierungsprotokollen stützten, durfte nach der Hetzpropaganda der letzten Wochen nicht weiter wundernehmen. Die Antwort des Oberkommissariats auf diese Erklärung der arabischen Seite, dk gestern abend in einer zweiten Proklamation veröffentlicht wurde, ist ein Beweis dafür, daß auch der High Commissioner es mit einer Politik des Lavierens versucht, tiäe neue Aeußerung betont ausdrücklich und an erster Stelle, daß nicht nur ein Teil der Bevölkerung, also die Angreifer, inrer Strafe zugeführt werden sollen, sondern daß, ״da es erwiesen ist, daß Verbrechen verschiedener Art sowohl von Arabern wie von Juden begangen worden sind, alle Schuldigen ohne Ansehen der Rasse und des Glaubens vor Gericht gebracht werden sollen.“ Dieser Passus soll beruhigend wirken und die Unparteilichkeit der Regierung betonen. Er ist eine Konzession an den Mufti und seine Anhänger. Es ist aber jedem klar, daß es sich bei den vielen Prozessen, die jetzt kommen und die bereits an einigen Stellen begonnen haben, zum überwiegende Teil um die arabischen Angreifer handeln wird. Und wenn sich eine Anzahl Fälle finden, wo Juden für ״Verbrechen“ vor Gericht gestellt werden, weil sie zu ihrer Verteidigung Waffen gehabt haben, oder wenn vereinzelte jüdische Ueberf~ in 99 0/0 der Fälle sich nur mit dem einen Teile der Bevölkerung wird befassen müssen. In derselben Proklamation wird der palästinensischen Bevölkerung offiziell die Einsetzung der Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Shaw bekanntgegeben. Die Untersuchungskommission war der einzige Punkt, der von Juden und Arabern gleicherweise gefordert wurde und beide TeUe sehen der Ankunft der englischen Abgesandten, mit gleicher Spannung entgegen. Verschiedene Kommissionen der Exekutive sind damit beschäftigt, das riesige Material, das sich aus allen Gegenden des Landes ansammelt, zu prüfen und zu ordnen. Nach allem was Palästina in den letzten Wochen erlitten und erlebt hat, erwartet die jüdische Bevölkerung von dieser Untersuchung eine Klärung und Besserung der Verhältnisse. Die arabische Exekutive hat, auf Veranlassung der Regierung am 11. d. M. ein Manifest veröffentlicht, worin sie dem Gerücht, die Juden wollten die Omar-Moschee besetzen, entgegentritt und ihre Anhänger zur Ruhe mahnt.

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