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Jüdische Rundschau · 1929-09-17 · Heft 73 (17.9.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 73 (17.9.1929)
Date
1929-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 73, 17. IX. 1929 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 483 Schluß der A.-C.־ Sitzung Die politische Debatte Offizielles Communiqutf. Obwohl die Sitiung dt!« Aklions-Komiioes bereit* Donnerstag früh iu Ende war, ist der Bericht über die letzten Tage und die Beschlüsse bisher nicht eingetroffen. Da die Sitzung vertraulich war, stehen andere Informationen als die — begreiflicherweise oft nichtssagenden — Bulletins nicht zur Verfiigung. Die Teilnehmer der Sitzung mußten sich, wie uns mitgeteilt wird, ehrenwörtlich nir Geheimhaltung der ihnen gegebenen politischen Informationen verpflichten. Den weiteren bisher eingetroffenen Bulletins über die A.-C.* Sitzung ist folgendes zu entnehmen: Nach den Referaten von Weizmann, Sokolow und Sacher (s. vorige Nummer der ״J. R.“) wurde die politische Debatte eröffnet. Farbstein (Misrachi, Warschau) erklärt, die Einberufung des A.-C. sei nicht notwendig gewesen, da die Exekutive angesichts der kritischen Situation diktatorische Befugnisse hatte und nach Gutdünken handeln konnte. Wenn er aber schon Oeiegenheit habe, hier zu sprechen, so könne er nicht umhin, zu sagen, daß er mit Weizmann nicht übereinstimme, der sich über die Sympathie-Erklärungen von Mitgliedern der britischen Regierung befriedigt äußert. Leider ist das Vertrauen des jüdisehen Volkes in die britische Regierung angesichts der Haltung der Palästina-Administration während aer Ausschreitungen und seit den Ausschreitungen ernstlich erschüttert. Es ist sehr betrübiieh, daß Juden, die sich zu ihrem Schutz bewaffnet haben, verhaftet worden sind. Jene Beamten der Palästina-Administration, die für den Ausbruch des Aufruhrs verantwortlich sind, sowie jene Beamten, die Gegner der Politik des Jüdischen Nationalheims sind, müßten aus der Administration entfernt werden. Unbedingt notwendig ist es, daß die Juden innerhalb der Polizei entsprechend vertreten sein sollen. Das Problem der Klagemauer müsse baldigst einer befriedigenden Lösung zugeführt werden. Farbstein Fordert, daß in der nach Palästina gehenden Untersuchungskommission auch die Jewish Agency vertreten sein soll. Dr. Arlosoroff (Hitachduth) analysiert zunächst einige Tatsachen, die nach seiner Meinung zu dem Ausbruch geführt haben, und erklärt dann, die Frage der Klagemauer sollte nicht zu einer politischen Streitfrage gemacht werden und sollte beigelegt werden gemäß den Bedürfnissen der Freiheit des jüdisehen Gottesdienstes. Redner äußert sein Erstaunen darüber, daß die britische öffentliche Meinung so wenig aktive Sympathie für den Zionismus und die großen Leistungen der jüdischen Kolonisation an den Tag legt Warum, fragte er, ist der Jewish Agency bisher weder in Palästina noch in London der ihr gebührende konstitutionelle Status zuteil geworden. Die allgemeine Erklärung der britischen Regierung, daß sie die Politik der Balfour-Deklaration und des Nationalheims fortführen werde, sei nicht ausreichend. Es sei nötig, daß die Regierung eine definitive Versicherung hinsichtlich der Durchführung praktischer Maßnahmen zur Verwirklichung der Bestimmungen des Mandates abgibt. Außer den von der Exekutive aufgestellten Forderungen müsse eine Art Beamtenschule vorgeschlagen werden, die sicherstellt, daß nur entsprechend geschulte Beamte in den palästinensischen Verwaltungsdienst kommen. Erforderlich sei jetzt einerseits verstärkte Kolonisation und Einwanderung, andererseits Bemühungen zur "Lösung des jüdisch-arabischen Problems. Berf Locker'(Poale Zion): Möge man mit den jetzigen Maßnahmen der Regierung auch noch so unzufrieden sein, so müsse man gleichwohl anerkennen, daß die Palästina-Administration diesmal nicht wie nach dem Aufruhr im Jahre 1921 die jüdische Einwanderung gestoppt hat Die Einwanderung geht ununterbrochen! weiter. Wir. müssen uns mit dem/ arabi» sehen Problem ernsthaft befassen. Es gibt in der arablsehen nationalistischen Bewegung viele emstgesinnte Führer, denen es darum zu tun ist, ihr eigenes unterdrücktes Volk zu befreien. Mit diesen Führern sollten die Juden ein freundschaftliches Verständnis anbahnen. Die Bestrebungen, eine Verständigung mit den Arabern herbeizuführen, sollten sich aber nicht auf Palästina beschränken, sondern auch die anderen arabischen Länder, sowie die arabischen Kreise in Europa einbeziehen. Die Juden in Palästina werden immer mit den Arabern zusammen zu leben haben, daher sollten beide Völker eine gegenseitige Freundschaft herstellen im beiderseitigen Interesse. Meir Großmann (Revisionist): Die britische Regierung muß sich endlich auf ihre Pflicht besinnen, die Zionistische Organisation in der Errichtung des Jüdischen Nationalheims aktiv zu unterstützen, weil ein jüdisches Palästina in gleicher Weise im britischen wie im jüdischen Interesse liegt Weder die britische noch die Palästina-Regierung hat dem Status der Jewish Agency die gebührende Aufmerksamkeit gezollt. Es besteht jetzt das Bedürfnis nach einer vereinigten zionistischen Front; die Revisionisten waren die ersten, die die Initiative zur Schaffung einer vereinigten Front ergriffen haben, indem sie die Bildung eines politischen außerordentlichen Komitees, bestehend aus drei Mitgliedern der Exekutive und drei "Mitgliedern der Opposition, vorgeschlagen haben. Die Revisionisten sind aucli für die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses. Sie machen ferner den Vorschlag, reguläre jüdische militärische Einheiten in die britische Armee anzureihen, die unter britischer Kontrolle zu stehen hätten. Ebenso müssen die Juden in der Polizei entsprechend vertreten sein. Jacob F i s h m a n (Alig. Zionist, New York) erklärte, in dieser Zeit der nationalen Krise müsse die Exekutive von allen Parteien in gleicher Weise unterstützt werden. Die Revisionisten sollten nicht versuchen, aus der jetzigen Krise für ihre Partei Vorteile zu ziehen. Die gesamte jüdische Welt steht heute hinter Dr. Weizmann und seinen Forderungen. Es wäre eine unglückliche Situation, wenn Weizmann und Sokolow als Folge der Unzufriedenheit mit der britischen Regierung jetzt zurücktreten müßten. Die Haltung des sozialistischen ״Daily HeraJd“ hat sehr enttäuscht. Einen Lichtpunkt bildet die gegenwärtige Stimmung in Amerika, wo Regierung, Presse und öffentliche Meinung sich in der Sympathie für das jüdische Volk zusammenfinden. Dr. Max Soioweitschik (radikal) führte aus, die letzte Erklärung Dr. Weizmanns, daß er an seiner alten Politik festhält, erfordere eine Definition dieser Politik. Nicht das Vortrauen zu England war der Streitpunkt zwischen Exekutive und Opposition, sondern der Mangel einer systematischen Politik überhaupt. Unter dem Eindruck der Ereignisse habe Dr. Weizmann in seiner Albert Hall-Rede und Sacher in seinem Artikel im ״Manchester Guardian“ eine Sprache geführt, die noch auf dem XVI. Kongreß als ״unverantwortliche Opposition“ bezeichnet worden wäre. Redner fürchtet, diese neue Haltung werde von kurzer Dauer sein, daher möchte er die Exekutive aut diese Aeußerungen festnageln. Redner beantragt Entsendung einer Deputation des A.-C. zum Kolonialminister. Dr. Eder (Allg. Zionist, London) führte aus, eine endgiiltige Lösung der arabischen Frage sei nur zu erlangen, wenn in Palästina eine jüdische Majorität geschaffen wird. Er befürchte, daß die Ergebnisse der Shaw-Kommission die gleichen sein werden, wie die def Haycraft-Kommission vom Jahre 192t; er glaube nicht, daß diese Kommission Maßnahmen der für die Ausschreitungen verantwortlichen Beamten kritisieren werde. Für England Ist es eine Angelegenheit des Prestige, das Mandat za behalten; man müsse der britischen Regierung klar heraussagen, daß das jüdische Volk das Vertrauen 2» ihr nicht mehr habe und daß cs an ihr liege, dieses Vertrauen durch sofortige Taten wiederherzustelien. Es müßten sonst Weizmann und die Exekutive zurücktreten, weil sie nicht in der Lage sind, eine Bewegung zu führen, die zur Mandatarmacht kein Vertrauen hat Nicht die unwissenden Fellachen, sondern die arabischen Rädelsführer müssen bestraft werden. Die Jewish Agency müßte vor jeder Ernennung höherer Beamter um Rat gefragt werden, werden. Redner schlägt vor, es solle eine Gendarmerie geschaffen werden, die unter britischem Kommando steht und zu einem Drittel aus Engländern, zu einem Drittel aus Juden und zu einem Drittel aus Arabern besteht. Außerdem müssen wjr fordern, daß die Juden die Hälfte der Polizeimacht bilden sollen. Sachers Schlußrede Sacher erklärte, die Exekutive habe dem A.-C. alle Informationen gegeben, die sie selbst besitzt. Nur ein einziger von allen gemachten Vorschlägen wende sich an die Exekutive, und zwar der auf Bildung eines Politischen Komitees, ln Zürich hat das Administrative Committee der Agency bereits ein solches Politisches Komitee ernannt, und zwar bestehend aus vier Zionisten, vier Nichtzionisten und Dr. Weizmann. Wenn das A.-C. dies durchaus wünsche, könne diese Zahl vergrößert werden. Das Politische Komitee soll aber nur beratende, nicht ausführende Funktionen haben. Auf den Gegenstand selbst eingehend, sagte Sacher, er glaube nicht, daß ein Grund für übertriebene Depression bestehe. Seiner Meinung nach habe die jetzige Regierung alles getan, was in dem gegenwärtigen EntwicklungsStadium eine Regierung tun konnte. Aber was sie tut, ist erst ein Anfang dessen, was man von ihr erwartet, und es sei nun Sache der Regierung, ihre Worte in konkrete Tatsachen umzusetzen. Redner appellierte an die Kritiker, nicht der Verführung zu unterliegen, das jetzige Problem auf das internationale Gebiet hinübergleiten zu lassen. Leider hat die britische Regierung hinsichtlich des Palästinamandates nicht eine so starke Stütze der öffentlichen Meinung Englands, wie es für sie wünschenswert gewesen wäre, sonst würde sie viel energisch er Vorgehen. EHe Stimmung der Öffentlichkeit in England ist, soweit es sich um die Frage Palästinas und der Reichsinteressen im allgemeinen handelt, ungünstig beeinflußt durch die vorherrschende Gleichgültigkeit; diese Uninteressiertheit gegenüber weitergreifenden Fragen der Reichspolitik ist als eine Folge des Krieges aufzufassen; will man einer befriedigenden Durchführung des Mandates die Wege ebnen, so müsse man die britische öffentliche Meinung systematisch erziehen. Das arabische Problem sollte mit Ernst und Achtsamkeit behandelt werden; jeder palästinensische Jude sollte für sein Teil versuchen, in menschlich-freundschaftliche Beziehungen zu den Arabem zu gelangen, dies wäre die beste Methode zu einer befriedigenden Lösung des Problems. Sacher führte weiter aus, er hege keinen Zweifel, daß die britische Regierung entsprechende Maßnahmen ergreifen wird, um die Sicherheit in Palästina zu garantieren, und er hoffe, daß weitere Unruhen sich nicht mehr ereignen werden. Man dürfe aber nicht vergessen, daß man bei einem so heroischen Unternehmen wie es der Aufbau des Jüdischen Nationalheims ist, auch mit möglichen Opfern an Blut und Gut rechnen müsse. Wir müssen, sagte er, der Regierung klarmachen, daß wir bereit sind, einen großen Teil der Verantwortung für die Verteidigung des Landes auf uns zu nehmen. Meiner Meinung nach besteht aber der wirkliche Schutz des Jüdischen Nationalheims in dem Umfang und in der Qualität dieses Heimes; wir müssen deshalb unser Aeußerstes tun, um die Entwicklung der Kolonisationsarbeit zu beschleunigen. Es wäre ein Unglück, wenn die praktische Aufbauarbeitdufch den Klagemauerkonflikt, der ja rein religiöser Natur ist, verzögert werden sollte. Sacher schloß mit der Erklärung, die heutige Eexkutive, die vom XVL Zionisten-Kongzeß gewählt worden ist, sei erst wenige Wochen im Amte; aas Aktions-Comitö würde besser daran tun, die Exekutive zu unterstützen als sie in der schwierigen Aufgabe, mit der sie der gegenwärtigen Zeit fertig zu werden hat, zu kritisieren. Der Schreckemiag in Hebron (Bericht eines Augenzeugen.) Zwi Grünberg aus Tef-Awiw, 29 Jahre alt, seit einem Monat in Hebron zur Erholung, gibt in palästinensischen Zeitungen folgende Schilderung, die durch ihre nüchterne Sachlichkeit doppelt erschütternd wirkt: Von Vorbereitungen war fast nichts zu sehen. Bis Freitag, 23. August, nachmittags, war vollständige Ruhe. Um 41,׳. Utir begannen Gruppen von 15—16jährigen Burschen die jüdischen Häuser zu überfallen und sie mit Steinen zu bewerfen. Sie begannen auch in die Häuser einzudringen. Als sie zu unserem Hause kamen, stiegen wir auf das Dach und riefen um Hilfe. Es kam die Ortspolizei (eine andere außer ihr war nicht zur Stelle) und zerstreute sie. Bei dem Ueberfall an diesem Freitag wurde ein Schüler der Jeschiwah erschlagen, der einzige ״Matmid“, der sich in der Jeschiwah aufhielt. Bei unserem Hause wurde ein arabischer Polizist aufgestellt (die ganze Ortspolizei besteht bis auf einen Juden aus Arabern). Später kamen Schutzleute in jedes jüdische Haus und warnten die Juden, nicht auf die Straße zu gehen, Türen und Fenster zu schließen. Wer dringend über die Straße gehen mußte, erhielt eine Bewachungseskorte. Die ganze Nacht über war Ruhe. Durch die Stadt patroullierten Schutzleute und ließen niemand an die jüdischen Häuser heran. Sonnabend morgens kamen von allen Zugängen her Araber in die Stadt. Sie waren mit Knüppeln, Messern, Dolchen usw. bewaffnet. Um 1,49 Uhr sahen wir Automobile, die mit Arabern angefüllt waren, durch die Straßen fahren. Sie waren überfüllt, die Leute saßen teils sogar aut den Verdecken, alle bewaffnet und singend. Ich verstand das Lied nicht, aber das Wort ״Yahud“ (Jude) kehrte im Refrain in verschiedener Verbindung immer wieder. Die Wagen fuhren in der Richtung nach Jerusalem, und einige Minuten später begann das Morden. Mir ist nicht klar, ob sie nach Jerusalem fahren wollten, am Rand der Stadt aufgehalten wurden und daher in die Stadt zurückkehren mußten, oder ob cs ihre Absicht war, der Reihe nach zu beginnen, von Haus zu Haus, angefangen vom ersten Haus am Rand der Stadt, ihnen voran ging eine kleine Gruppe mit gezückten Schwertern und schrie: ״La Allah ill’Aliah.“ Wir waren neun im Hause, Männer und Frauen, als der Steinregen auf das Haus begann. Als wir sahen, wie sie sicii näherten und an die Tür klopften, stiegen wir auf das Dach (das Haus ist zweistöckig) und begannen um Hilfe zu rufen. Die Angreifer — viele Hunderte; im allgemeinen nimmt man an, daß an dem Morden 2—3000 Menschen teilgenommen haben — begannen, sobald sie uns erblickten, uns mit Steinen zu bewerfen, um uns zu zwingen, vom Dach herunter ins Haus hineinzugehen. Wir gingen herunter, stiegen dann wieder hinauf und riefen um Hilfe. Die Polizei kam wie am Freitag. Aber zu unserem großen Erstaunen wa r e n ih re e i n z igen Wa ffen Stöcke. Sie begannen mit großer Energie, die Menge zu zerstreuen, aber natürlich ohne Erfolg. Die Anzahl der Angreifenden war erdrückend größer ais die der Schutzleute. Auch sie wurden mit Steinen beworfen. Nachher wurde bekannt, daß der Ortskommandant, ein Araber, ihnen um 7 Uhr morgens die Schießwaffen abgenotnmen hatte. Im Augenblick war das Haus von Arabern voll, FeBachen, Beduinen und auch Bewohner von Hebron waren unter den Angreifcnden. , Was nachher geschah, weiß ich nicht. Ich wurde Im Nacken jetroffen und fiel. Wie lange meine Ohnmacht dauerte, weiß dj nicht Ais ich wieder zu mir kam, sah ich die Hausangehörigen neben mir in ihrem Blut liegen.... Wer von ihnen lebte und wer tot war, konnte ich nicht unterscheiden. Mit vieler Mühe kroch ich zum Abort und verbarg mich dort. Von Augenblick zu Augenblick hörte ich, wie neue Gruppen ins Haus kamen und sich gegenseitig sagten: ״Mafisch Yahud." (Kein Jude da.) Ich spähte durch ein kleines Fenster und sah, wie sie ihre Säcke mit allem Gut des Hauses füllten. Ich hörte das Klirren von zerbrochenen Scheiben. Einer der Plünderer fiel auf der Treppe mit einem Sacke voller Geschirr hin. Ich sah auch, was in den Häusern ringsum geschah. In einem von ihnen wohnte eine Rabbinerfrau mit ihrer 18jährigen Tochter und ihrem 15jährigen Sohn (Tel-Awiwcr, die zum Sommeraufenthalt in Hebron waren). Ich sah, wie sie alle drei auf das Dach stürmten und Araber hinter ihnen her. Plötzlich sprangen sie alle drei in den Hof hinunter. Später wurde bekannt, daß sie gerettet wurden und nur leichte Verwundungen erlitten. Die Araber wandten sich dem Raub zu und sahen vielleicht nicht, daß sie herabgesprungen waren. Später sah man einen jungen Mann auf dein Dach, der mit wunderbarem Mut mit acht Arabern rang. Selbst als er schon begann, das Gleichgewicht zu verlieren, erhob sich seine Hand mit einer Eisenstange noch von mal zu mal und schlug zu, bis ihn die acht überwältigten und alle wie ein Mann ihre Dolche in ihn bohrten, bis er tot hinfiel. Es dauerte fast 11,4 Stunden, bis Schüsse gehört wurden. Es waren dies Schüsse der Polizei, der die Waffen wieder ausgefolgt wurden. Die Schutzleute schossen in die Luft, und sofort leerte sich die Straße von den Angreifern. Ich hörte Klopfen an der Tür. Auf meine hebräische Frage, wer klopft? antwortete mir ein Greis von den Hausbewohnern, der wie durch ein Wunder gerettet worden war: Er und seine Frau hatten sich in einer Ecke des Daches zwischen altem Gerümpel verborgen gehalten. Ich konnte nicht gehen. Der Greis ging barfuß aus Angst, damit nicht bemerkt werde, daß im Haus noch ein Lebender ist. Er reichte mir Wasser. Das Haus war voller Blut. Wir konnten die Menschen nicht erkennen, denn ihre Gesichter und Kleider waren mit Blut befleckt. Erst nachdem wir das Blut weggewaschen hatten, erkannten wir: Der Hausherr, sein Sohn und seine Schwiegertochter waren ermordet, die anderen — vier an der Zahl — verwundet Sobald wir gehört hatten, daß die Straße ruhig sei, ging eine Frau hinaus und rief die Polizei. Es kam ein arabischer Polizist. Beim Anblick des Hauses brach er in Weinen aus. Sofort kam ein Automobil mit bewaffneten Schutzleuten (jetzt!) und brachte die Lebenden und leicht Verletzten fort. Für die Schwerverletzten gab es keinen Sammelplatz. Man sah keine Menschen auf der Straße, die Läden waren geschlossen, zerbrochenes Gerät lag auf dem Pflaster zerstreut. Im Polizeigebäude fanden wir viele Verletzte und den Arzt Dr. Kita in, der um sie bemüht war. Dort erfuhren wir, was geschehen war. Die britische Polizei kam um 4 Uhr nachmittags. Die Schwerverletzten brachte man in ein provisorisches Krankenhaus, das von der Behörde eingerichtet worden war. Da ich von meiner Beschäftigung mit den Ermordeten und Verletzten in unserem Haus her voll von Blut war, und weil ich stark fieberte, nahm man mich zu den Schwerverletzten, nachher aber wurde festgestellt, daß ich nicht verletzt war, und der Arzt überführte mich ins Polizeihaus. Vor meinen Augen hauchten viele von den Verwundeten unter schreckliehen Qualen ihre Seele aus. Vom Dach des Polizeihauses sahen wir die Automobil« mit den Leichen der Ermordeten vorbeifahren. Nur Schutzleute folgten ihnen. Unser Weinen erfüllte die ganze Stadt. Von der Zentralbehörde in Jerusalem kam niemand/ Es kam nur der Polizeikommandant von Gaza, Captain Part r i d g e. Am Sonntag kam dann der amerikanische Konsul. Er nahm Zeugenaussagen auf, wegen der amerikanischen Untertanen und photographierte die Ermordeten. Am Sonntag nachmittag wurden die Verwundeten nach Jerusalem überführt. Unser Zustand im Polizeigebäude war grauenhaft: Blut, Fetzen von Fleisch. Es gab kein Wasser. Ein Engländer erbarmte sich unserer und brachte uns eine Flasche Wasser. Es gab keinen Abort. Wir flehten, man möchte auch uns nach Jerusalem überführen, aber der Gouverneur sagte, daß auf den Wegen zehntausende von Menschen warteten, um uns zu überfallen. Wir wollten telephonieren, telegraphieren. Man erlaubte es uns nicht. Wir sagten, wir wollen nur telegraphieren, daß wir gesund sind, aber der Gouverneur wollte, daß wir schreiben ״In Hebron alles i n O r d n u n g“. Raw Slonim bat, mit Raw Kuk wegen der Bestattung der Toten sprechen zu dürfen. Man antwortete uns, der Raw sei am Karmel. Der Gouverneur schlug vor, Raw Slonim möge, was er zu sagen habe, Herrn Hyanson, dem Leiter des Emigrationsdepartements, schreiben, damit er Raw Kuk frage. Schließlich erhielt er die Erlaubnis, mit Hyamson zu sprechen (aber nur mit ihm um! mit keinerlei Institution). Auf seine Worte und die Schilderung des Zustandes der im Polizeihaus Internierten antwortete Herr Hyamson: ״Die Regierung weiß alles.“ Montag nachmittag wurden die Leichtverletzten, die Frauen und Kinder nach Jerusalem gebracht, und am Dienstag zogen alle Juden bis auf den letzten von Hebron fort. Nur der jüdische Schutzmann blieb zurück. Dreiviertel Stunden lang rangen wir mit dem Gouverneur, daß er auch ihm erlaube, mit uns fortzugehen, aber er erlaubte es nicht. Raw Slonim erzählte, daß er am Sonnabend morgen zum Gouverneur gegangen war, um mit ihm über den Sicher• heitszustand in der Stadt zu sprechen, und daß man ihn nicht vorgelassen habe. Die Schutzleute im Polizeihaus drängten ihn, nach Hause zu gehen: ״Gehen Sie nach Hause. Es wird Uebcrfälle geben“. Und unter polizeilichem Schutz ging der Raw nach Hause. Befragt, warum er nicht sofort den Befehl zur Benutzung der Schußwaffen gegeben habe, antwortet« der Gouverneur, er habe die ganze Zeit am Telephon gesessen, nach Jerusalem über die Lage berichtet und mit den dortigen Regierungsstellen verhandelt. Sobald er nur den Befehl bekommen habe, sich der Waffen zu bedienen, habe er die Polizei bewaffnet und zu schießen befohlen. Alle Bewohner von Hebron stimmen in der Meinung überein, daß, wenn die Polizei am Sonnabend morgen nicht entwaffnet worden wäre, sie in der Lage gewesen wäre, die Angreifer zu zerstreuen. Man sagt, daß die Regierung zur Polizei kein Vertrauen hatte, und ihr deshalb die Schußwaffen wegnahm. Was nicht geplündert worden ist» ist ganz geblieben. Britische Polizisten bewachten die Stadt. Die meisten geretteten Familien wurden durch die arabischen Hausherren gerettet. Es gab solche unter ihnen, die sich vors Haus stellten und sagten, daß es im Hause keine Juden gebe, oder die sagten: ״wir gestatten Euch nicht, die Juden anzurühren, es sei denn, Ihr geht über unsere Leichen.“ Vergewaltigungen kamen nicht vor. Ueber Leichen Schändungen habe ich nichts gehört. Einer der Ermordeten wurde an den Beinen vom Balkon nach der Straßenseite hängend aufgefunden.

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