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Jüdische Rundschau · 1929-09-13 · Heft 72 (13.9.1929) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 72 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 478 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 72, 13. IX. 1929 Rede von Dr. Halpern. die außerordentlichen Beifall fand, leitete zu der Abstimmung der Resolution über, die einstimmig angenommen wurde. Die Versammlung, die, wie auch die Tages- Zeitungen besonders hervorhoben, außerordentlich würdig verlief und von Herrn Rechtsanwalt David sehr geschickt geleitet wurde, wurde mit dem Absingen der Hatikwah geschlossen. Edgar Heinemann. Kassel. Sonntag־, den 8. September, fand in Kassel eine Massenversammlung aus Anlaß der Ereignisse in Erez-Israel statt. An die 500 Personen hatten sich eingefunden, eine für unsere Gemeinde außerordentliche Zahl, ein Zeugnis dafür, daß die Liebe zu Erez, die Sorge um den Jischmv heute Gemeingut fast aller Kreise des Judentums geworden sind. Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem, gab eine Dar- Stellung der Anlässe, Ursachen und Auswirkungen der Unruhen, die sich freihielt von jeder unangebrachten Sentimentalität, von unnütz erregenden Detailschilderungen, die sich dafür aber auszeichnctc durch Klarheit, Objektivität und wiirdige Haltung. Die Unruhen, führte Lüwenstcin aus, so beklagenswert und schmerzlich sie an sich sind, sind für uns im Grunde doch nur ein Zwi sc h e 11 f a 11. Die Klagemaueraffäre ist nur Anlaß, die Ursachen liegen tiefer. Sie sind freilich nicht zu suchen in der Stimmung der breiten Massen des arabischen Volkes, sondern in der Hetztätigkeit gewissenloser Führer. Die arabischen Massen führen ihr primitives Daseia, unberührt von allen politischen und wirtschaftlichen Problemen, so daß man von ihnen mit Bezug auf die Exzesse fast sagen kann: ״Sie wissen nicht, was sie tun.“ Aber die Führer, Geistlichkeit, städtische Intelligenz und reiche Großgrundbesitzer, fürchten für ihre politische oder wirtschaftliche Machtstellung; sie sind gegen die Aufklärung der arabischen Massen, die mit dem Zionismus notwendig eindringt. Daß das Unglück aber solche Ausmaße hat annehmen können, daran trägt die Unfähigkeit und teilweise Böswilligkeit der englischen Manciatsverwaltung ein gerüttelt Maß von Schuld. Nicht nur, daß sie, entgegen der ausdrücklich durch die Balfour-Deklaration übernommenen und kraft Völkerbundsmandat kodifizierten Verpflichtung, nichts tat zur Förderung der Nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes, empfand und behandelte sie die Juden geradezu als unbequemes, störendes Element, da sie sich nicht als Koloniale, ״natives“ regieren ließen. Nicht einmal die primäre Pflicht, Ruhe und Sicherheit dem Lande zu gewährleisten, ist von der Mandatsverwaltung erfüllt worden. Zur Lösung des Problems, wie die beiden Brudernationen in Palästina Zusammenleben können, hat sie wenig, ja weniger als wenig, weil Verkehrtes, getan. Der Zionismus hat zwar das Problem erkannt und bchandelt, die Kongresse haben jedesmal ihren Friedenswillen kundgegeben, aber das ist ebenfalls zu wenig gewesen. Jetzt müssen wir mit aller Entschiedenheit und Klarheit daran gehen, Möglichkeiten friedlichen Zusammenlebens zu finden, cs gibt Berührungspunkte, vor allem Gemeinsamkeiten wirtschaftlicher Interessen, es gibt, wenn auch ganz schwache, Ansätze zu praktischer Verwirklichung. Wenn die englische Politik im Lande sich ändert und, was nicht mehr angezweifelt werden kann, die Jewish Agency funktioniert, deren Inkrafttreten als überragendes historisches Ereignis wir auch jetzt nicht vergessen sollen, dann braucht auch die nächste Zukunft unseres Jischuw nicht mit Besorgnis betrachtet zu werden. Es liegt am meisten in unserer, der Zionisten, Hand, diese Zukunft zu sichern. {Starker Beifall.) Im Anschluß an diese Rede forderte der Vorsitzende der Kasseler Zionistischen Vereinigung, Dr. K u ge 1 m a n n, die Anwesenden auf, ihre ganze Kraft einzusetzen für die verstärkte Fortführung des Palästinawerkes, im Sinne des Aufrufes der deutschen Mitglieder der Agency. Dr. Kugelmann brachte eine Resolution zur Verlesung, die der von der Z. Vsl. D. in diesen Blättern verkündeten entsprach und von der Versammlung einmütig, unter lebhaftem Beifall, angenommen wurde. Mit dem Absingen der Hatikwah schloß die Kundgebung würdig und eindrucksvoll. Man hat inzwischen mit der Rösch- Haschanah-Aktion begonnen, die ein besonders gutes Ergebnis verspricht. Dr. Walter Katz. Köln. Der Einladung der Kölner Zionistischen Vereinigung an die Kölner Juden zu einer Kundgebung am Sonnabend, dem 7. September, anläßlich der Ereignisse in Palästina leisteten über 700 Personen Folge, die im überfüllten Saal der Burgergesellschaft Protest erhoben gegen die Morde und Zerstörangen, aber vor allem ihren Willen bezeugtes, das Aufbauwerk mit verstärkter Energie weiterzuführen. Der Versammlungsleiter, Rechtsanwalt Dr. Gidion, eröffnete den Abend mit Worten heißen Gedenkens an die Toten, zu deren Ehren sich die Versammlung erhob• Er gab der Entrüstung über das Geschehene Ausdruck, aber auch der zuversichtlichen Hoffnung, daß die Ereignisse unseren Eifer zur Fortsetzung unseres Werkes steigern werden. Nachdem Herr Jakob Schelling von der tiefen Trauer in den Kreisen des Misrachi über die Opfer gesprachen hatte, ergriff Herr Leo Kaufmann aus Tel- Awiw das Wort zu einem groß angelegten Referat über die Geschehnisse, ihre Ursachen, ihre Anlässe und die Kansequenzen, die für den Jischuw und für uns daraus zu ziehen sind. Gemeinderabbiner Dr. Kober sprach von dem Widerhall, den alles jüdische Leid im Herzen eines jeden Juden erwecke; um so größer sei der Schmerz, den wir alle, gleich welcher Richtung, bei den jetzigen Ereignissen in Erez-Israel empfinden, nachdem erst vor kurzen die Gesamtjudenheit durch Gründung der Jewish Agency ihren festen Willen zur gemeinsamen Arbeit im Lande unserer Väter kundgetan hat. Rechtsanwalt Dr. Bruno Nathan, der Vorsitzende der Kölner Zionistischen Vereinigung, Mitglied des Landesvorstandes der Z. V. f. D., betonte den besonderen Charakter der Ver- Sammlung: Es sei keine Trauerversammlung, sondern eine Kundgebung zur Rechenschaft über das, was^vir uns und der Welt m diesem Augenblick zu sagen hätten. Von jeder Panik- Stimmung, aber auch von jeder Kriegs- oder Völkerhaßpsychose müssen wir uns freimaehen. Das Volk Israel wird und kann sein Heim nur in Frieden bauen. Wir wissen, daß Reibungen und nationale Gegensätze nicht ausbleiben können, aber wir müssen Vorsorge treffen, daß in Zukunft diese unvermeidlichen Reibungserscheinungen nicht mehr zu blutigen Exzessen führen. Deshalb stellen wir bestimmte Forderungen an die britische Mandatarmacht, die gegen festgelegte Richtlinien des Mandats verstoßen hat und damit zur Verschärfung der Gegensätze zwischen Juden und Arabern beigetragen hat. Wenn wir die Schäden heilen wollen, die unser Werk erlitten hat, so soll auch hierbei unser Wille zum Aufbau Erez-lsraels seinen klaren Ausdruck finden in der Parole: ״Hilfe durch Aufbau“. Herr Dr. Nathan verlas dann die Resolution des Landes- Vorstandes der Z. V. f. D., veröffentlicht in Nummer 69 der Jüdischen Rundschau vom 3. 9., der die Versammlung durch Erheben von den Plätzen geschlossen zustimmte. Die eindrucksvolle Kundgebung schloß unter Absingung der Hatikwah. Leipzig. Am Mittwoch, dem 4. September, fand eine Trauerkunagebung in der Synagoge Ez Chaim statt, in welcher vor etwa 1000 Personen Herr Rabbiner Dr. Carlebach eine außerordentlich wirkungsvolle Gedenkrede zu Ehren der Toten in Palästina hielt. Umrahmt wurde die Feier von Gesängen der Herren Kantoren Schneider und Sivovicz, sowie des Synagogenchors. — Am Donnerstag, dem 5. September, fand eine öffentliche Kundgebung im überfüllten Saale des Central- Theaters statt, welche von ca. 1600 Personen — Angehörige aller Parteien — besucht war. Es sprach nach einleitenden Ge-. denkworten des 1. Vorsitzenden, Herrn Louis Tu mpowsky, welche die Versammlung tief ergriffen und stehend anhörte, Herr Dr. Fritz Loewenstein, Jerusalem, der mit großer Sachkenntnis und außerordentlicher Eindringlichkeit die äugenblicklichc Lage charakterisierte. Nach ihm sprach Herr Fritz Naftali, Berlin, welcher vor allem davor warnte, die Auscinandersctzung mit den Arabern auf das religiöse Gebiet abzustellen. Es wurden dann einstimmig von der Versammlung Resolutionen im Sinne der Resolution des Landesvorstandes angenommen. Die Mendelssohn-Gedenkfeier in Berlin Den Höhepunkt der Berliner Mendelssohn-Gedenkfeiern bildete die vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gemeinsam mit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltete Feier, die am Sonntag, dem 8. September, mittags, in der Singakademie abgehalten wurde und über die wir bereits kurz berichtet haben. Die prominentesten Vertreter der Berliner jüdischen Gesellschaft und Vertreter des sonstigen geistigen Berlin, sowie Vertreter großer Gemeinden aus dem Reiche, füllten den Saal und Emporen bis auf den letzten Platz. Der Vorsitzende des Vorstandes der Gemeinde, Direktor Georg K a r e s k i, hielt eine Ansprache, in der er die Vertreter der Reichs-, Staats- und Stadtbehörden und der Wissenschaftliehen Vereinigungen begrüßte und ausführte, es sei heute, angesichts der frischen Gräber im Lande unserer Väter, nicht die Gelegenheit, rauschende Feste zu feiern, aber cs gelte, eines Mannes zu gedenken, der über die Völker und Zeiten hinaus Wirkte, und der besonders seinen Glaubenshrüdern ein Lehrer und Befreier wurde. Tn der damals kleinen Jüdischen Gemeinde Berlin genoß er Ehrenbürgerrecht, und er, der universale Geist, verschmähte es nicht, innerhalb dieser bescheidenen Gemeinde Funktionen auszuüben. Möge sein Beispiel wirken auf die Generation von heute und die späteren Generationen. Hierauf ergriff Reichs Innenminister Severing im Namen der Reichs- und der preußischen Staatsregierung das Wort. Er gab einen Umriß der Mendelssohtischen Ideenweit, schilderte deren befreiende Wirkung im Judentum und Deutschtum seiner Zeit und beklagte es, daß die Nachwelt nicht genug den großen Lehrer würdigt und begreift Fast scheint es, als sei heute der Geisteskämpfer von dem Champion im Boxring und auf der Rennbahn verdrängt. Die gesunden Kräfte des deutschen Volkes werden jedoch diese unerfreuliche Ent- Wicklung überwinden und sich der Schöpfer friedlicher Kulturwerke erinnern. Mendelssohns Geist, gepaart mit dem durch ihn. angeregten Geist Lessings, dargestellt in ״Nathan der Weise“ muß das deutsche Volk führen. — Anknüpfend an die Worte Kareskis über die frischen Gräber in Palästina, erinnerte der Reichsinnenminister daran, daß sich auch Mendelssohn mit Plänen zur Aufrichtung einer jüdischen Gemeinschaft in Palästina beschäftigte. Diese frischen Gräber zeigen an, daß der Geist der Toleranz im Orient nicht weit und tief genug gedrangen ist. Europa braucht den Geist Nathans des Weisen, der Orient braucht den Geist des weisen Sultans Saladin. Mit dem Worte ״Mehr Nathan!“ schloß der Reichsinnenminister unter stürmischem Beifall der Versammlung seine Ansprache. Die Größe der Stadt Berlin überbrachte Oberbürgermeist er Böß. Mendelssohn und sein Kreis, führte er aus, legten den Grund zu dw gttetesgwdifclttffcften EntwickW0f(g־fon Berlin. Männer solchen Schlages braucht gerade die Gegenwart. Mendelssohn konnte zu seiner Zeit nicht das Bürgerrecht der Stadt erlangen. Erst nach Friedrich des Großen Tode wurde der •Familie Mendelssohn das Bürgerrecht verliehen. Mendelssohn beeinflußte die Epochen nach ihm; die Epochen der Rahel und des Biedermeier wären ohne Mendelssohn nicht zu denken. Mögen noch recht viele Männer dieser Art in unserer Stadt entstehen. Für die Kant-Gesellschaft sprach Privatdozent Dr. Baumg a r d t. Kant und Mendelssohn waren als Philosophen Gegner, aber von größter Achtung voreinander erfüllt. So lehrten sie auch durch ihr Beispiel, was Hochziel ihrer Systeme war: Toleranz. War zu ihrer Zeit die Gegnerschaft der Religionen das schwerste Hindernis der Toleranz, so gilt es heute, Toleranz im Verhältnis von Nationen, Rassen und politischen Parteien. Die Festrede hielt Rabb. Dr. Baeck: Mendelssohn war kein ״Genie“ im eigentlichen Sinne. Denn er gestaltete nicht in fanatischem Kämpfergeist und Wißen die Welt, sondern er ließ sich von seiner Zelt tragen, verband aber in sich die samtliehen Kulturströmungen seiner Zeit zu harmonischer Einheit Als Philosoph ist er von Kant überwunden. Wäre er nur Philosoph gewesen, hätte seine Wirkung seine Zeit nicht überdauert Dr. Baeck entwarf sodann ein Bild von den geistig-kulturellen Strömungen der Aufklärungs- und Revolutionszeit, deren Kind und Repräsentant Mendelssohn war. Von bleibender und überragender Bedeutung ist jedoch Mendelssohns Werk: ״Jerusafem“. Hier zeigt er, wie man nur dann der Allgemeinheit etwas sein kann, wenn man sein Besonderes pflegt. So kann erst ein ganzer Jude ein ganzer Deutscher und Europäer sein. ״Ganz man selbst sein!“ ist Mendelssohns Mahnung, die seine und die folgende Generation nicht verstand, die erst wir voll zu würdigen vermögen. So gab er den Juden hier im Siedlungsgebiet Berlin-Brandenburg, dem Schmelztiegef von Kulturen und Stämmen, geistig-moralisch ein Rückgrat für ihr Judesein und für ihr Europäertum. So arbeitet auch das deutsche Judentum heute, indem es seine eigene Geistigkeit, seine Wissenschaftliehen Institutionen pflegt, an der Erhöhung und Weltgeltung Deutschlands. Nur wer g'anz er selbst ist, kann und darf tolerant sein. Nur wer sich selbst begriffen, kann andere begreifen! Nur aus diesem Geiste heraus durfte Mendelssohn-Nathan tolerant sein. Der Redner setzte an den Schluß seiner Ausführungen die letzten Worte aus Mendelssohns jüdischem Hauptwerk ״Jerusalem“: ״Liebet die Wahrheit und liebet den Frieden!“ ln dem vom Philharmonischen Orchester unter Heinz Ungers Leitung vorgetragenen ״Tod und Verklärung“ von Richard Strauß klang die Feier aus. * Zu Beginn der Feier erklang unter ausgezeichneter Führung des Kapellmeisters Dr. Heinz Unger und unter'bewahrter Mitwirkung des Philharmonischen Orchesters ein Spätwerk von Felix Mendelssohn-Barth o! d y: die im Jahre 1843 komponierte Ouvertüre zu ״Athalie“ von Racine. In dieser Komposition verbindet sich das Streben nach klassischer Formschönheit mit Versuchen, Orientalisches durch koloristisch-instrumentale Maßnahmen zum Ausdruck zu bringen — nicht ganz unbeeinflußt von der etwas schablonenhaften Auffassung, die die europäischen Romantiker von orientalischer Musik hatten. Dadurch, daß an dieser Stelle nach dem großen Philosophen auch des bedeutenden Enkels gedacht wurde, erhielt die Veranstaltung einen würdigen und beziehungsreichen musikalischen Hintergrund ,JJPas der Ahne erkämpft hatte, war in dem Enkel organisch geworden: die fast restlose Auflösung in die deutsche Kultur. Nur wenige melodische Wendungen, klangliche Neigungen verraten die Herkunft; keineswegs aber darf man daraus das Recht herleiten, ihn zu den jüdischen Komponisten jüdischer Struktur m zählen. A. J.-i. Mendelssohn-Feier in Dessau .... Secher Lechorbon .... pflegten unsere Väter zu sagen, wenn sie mitten in aller Freude der Trümmer des Tempels gedachten. Secher Lechorbon! der Gedanke lag uns allen auf den Lippen, als wir uns rüsteten, um an dieser seltenen Feierstunde, die Stadt, Staat und Jüdische Gemeinde von Dessau dem großen Sohne weihten, teilzunehmen. ״Wer ein menschliches Herz hat und die Seinigen mit ihrer Tugend darben sieht.... mit welchen Augen kann ein solcher den Musen oder der Freundschaft unter die Augen treten und ihres freien und edlen Umgangs genießen?“ So hat Moses Mendelssohn selbst einmal ähnliche Stimmung, deren nähere Veranlassung wir nicht kennen, deren tiefer Grund aber sicherlich im Juaenschicksal seiner Zeit beschlossen war wie die unsere heute im Judenschicksale unserer Zeit, gekennzeichnet. So fühlten wir alle in diesen festlichen Tagen, deren Bedeutung ganz abgesehen von allem Reiz der alten Stadt und aller Gastlichkeit ihrer Bewohner darin lag, daß man fühlte: hier wird alte, edle Tradition mit Liebe gepflegt und in unserer zerrissenen Zeit zu glücklicher Harmonie mit neuem Geiste geführt. Geist vom Geiste Moses Mendelssohns schien über dieser Feier zu liegen. Wie schon erwähnt, hatten sich das Anhaitische Staatsministerium, der Magistrat der Stadt Dessau und die Israelitische Kultusgemeinde vereint, um Mendelssohn zu feiern. Schon diese Vereinigung, die ja auf der alten Tradition der judenfreundlichen Dessauer Fürsten aufgebaut war, ergab manch fruchtbaren Ausblick. Die Feier begann mit einer Nathan-Aufführung im Friedrich-Theater; Nathan der Weise trug Moses Mendelssohns scharfe Züge und wurde von einem klugen und warmherzigen, wenn auch etwas gewollt originellen Prolog von Arnold Zweig eingeleitet. Am Sabbat Morgen folgte dann die religiöse Feier in der Synagoge, die in einer schönen Feslpredigt des Landesrabbiners Dr. Walter gipfelte und Katholiken, Protestanten, Juden in seltener Harmonie vereinte. Gleiche Einheit des Strebens zeigte die Morgenfeier der Stadt Dessau, bei der zunächst der Bürgermeister der Stadt Dr. Hesse die Teilnehmer begrüßte, dann sprach der prachtvolle Staatsminister a. D. Dr. Müller, dem Dessau seit den Tagen der Umwälzung viel Dank schuldig ist, in einer Rede, die, wie er selbst sagte, ״fast ein Mosaik aus Mendelssohn-Worten“ war, über ״Mendelssohns deutsche Sendung“; schließlich stellte noch Prof. E1 b o g e n Mendelssohns jüdische Sendung klug und kenntnisreich dar. Daneben hatte man in einem Felix Mendelssohn-Bartholdy-Konzert auch des Mendelssohn-Enkels unvergängliche und gerade heut nach langer Mißachtung wieder melodisch ins Ohr klingende Melodien ertönen lassen; das unter der ausgezeichneten Leitung Artur Rothers stehende Dessauer Orchester hatte in üeorg Kulenkampff einen trefflichen Solisten für Mendelssohns Violinkonzert gewonnen — freilich hätte man statt der fast allzu bekannten Musik zum Sommemachtstraum lieber etwas aus Mendelssohns geistlicher Musik gehört, die ja noch viel ungehobene Schätze birgt. Schluß und für viele Krönung der Feier bildete am Sonntagnachmittag dann ein Ausflug in das herbstlieh schöne Wörlitz, ein Lustschloß des Dessauer Fürsten Friedrich Franz — des ״Vaters Franz“ wie ihn die Dessauer nannten — und ein Besuch der Synagoge im Park von Wörlitz, die Fürst Franz von seinem Hofbaumeister dem Freiherrn von JSrdtnaimsdorff gerade seinen Fenstern gegenüber für die Juden von Wörlitz und der Umgebung ־hatte batten lassen — vor 148 Jahren. Man konnte viel lernen bei dieser Feier —־ Erfreuliches und Nachdenkliches — wenn man die Aufklärungszeit des 18. Jahrhunderts mit der aufgeklärten Zeit des 20. Jahrhunderts verglich. — Ueber die sehr schöne Mendelssohn-Ausstellung der Anhaitischen Landesbücherei wird hier noch gesondert berichtet werden. Aber schon hier werde hingewiesen auf den bleibenden Gewinn, der für Dessau — und hoffentlich nicht nur für Dessau! — aus diesen Tagen erwachsen wird. Zunächst auf die Jubiläutns-Ausgabe der Werke und Briefe Mendelssohns von der schon zwei Bände erschienen sind. Dann aber haben die Nachkommen Mendelssohns eine Mendelssohn-Stiftung mit einem Anfangskapital von SO 000 M. ins Leben gerufen, deren Zinsen für junge Begabungen ohne Unterschied des Glaubens und für wissenschaftliche Unternehmungen aller Art bestimmt sind. So mag der Geist des Moscheh Dessau, den ein späteres Geschlecht so oft und so verhängnisvoll in Nähe und Feme mißverstanden hat, wenn er heut hemiederblickte, mit dem Geiste dieser Dessauer Gedächtnisfeier zufrieden gewesen sein. Bertha Badt-Strauss. Die F. A. P. setzt ihre Gmppenversammlungen!m Zeichen der Aktion ״Hüte durch Aufbau“ fort Für die Gru n e w a] d g r u pp e. findet Montag, den 16. September, nachm. 4l/a Ehr, ein Empfang zu Ehren v-on Lady Herbert Samuel und Frau Hadassah Samuel, im Hause von Frau Leo Simon, Wallotsfr. 5 statt, zu dem auch Vertreterinnen aller andern» Gruppen eingeladen werden. Das Hauptreferat wird Herr Kurt Blumenfeld halten. Die Jug endgruppe II unter Leitung von Dr. Nadja Stein trifft sich Dienstag, den 17. September, abends 83/י Uhr bei Frau Siegfried Weitzmann, Neslorstr. 4. — Edith Bloch wird über ihre Erfahrungen als berufstätige Frau in Palästina berichten. Die BezjrksgruppÄ Nord und Ost versammelt sich Mittwoch, den 18. September, abends 8*/2 Uhr im Gemeindehaus, Rosenstr. 2/4, Zimmer 23. Es werden sprechen: Frau Jenny Blumenfeld und Herr Josef Blumberg. Die Be zirksg ruppe Tempelhof hält ihre Zusammenkunft am Donnerstag, dem 19. September, abends 8Va Ulir im Hause von Frau Herrmann, Kaiserkorso 152 ab. Redner: Frau Edith Hirsch und Herr Dr. Georg Wollstein. Begrflfiong von Lady Herbert Samnel and Frau Hadassah Samnel durch die Berliner WIZO-Franen Zur Begrüßung von Lady Herbert Samuel und ihrer Schwiegertochter, Frau Hadassah Samuel, die für wenige Tage in Berlin sind, versammeln sich Vertreterinnen aller Gruppen der Frauen-Arbeitsgemeinschaft für Palästina und geladene Gäste nächsten Montag im Hause von Frau Leo Simon. Lady Herbert Samuel ist Ehrenpräsidentin dos Weltbundes Zionistischer Frauen (WIZO). Sie faßt aber ihr Amt nicht als einen bloßen Ehrentitel, sondern als verantwortungsvolle Verpflichtung auf. Während ihres mehrjährigen Aufenthaltes in Palästina nahm sio tätige!» Anteil an der Gründung und Entwicklung der WIZO- Institutionen. In London finden in ihrem Hause die Veranstaltungen der englischen WIZO statt, die die vornehmste Gesellschaft vereinigen und die größten finanziellen Erfolge zu verzeichnen haben. Bei den beiden letzten WIZQ-Konforenzen führte sie den Vorsitz und tat dies in einer Weise, die ihr die wärmste Sympathien und Verehrung aller Anwesenden erwarb.

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