Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 72 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 72, 13 IX. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 477 Die Aktionen haben begonnen Die Antwort der deutschen Zionisten auf die Ereignisse in Palästina war die Proklamation von zwei parallelen Aktionen für unsere Fonds, die in wenigen Tagen Ausmaße angenommen hat, wie sie in Deutschland bisher nicht bekannt waren. Zum ersten Male ist die Jewish Agency hervorgetreten und hat sich an die breiteste jüdische Oeffentlichkeit und Im besonderen an den engeren Kreis der Zeichner des Keren Hajessod gewandt. Der Keren Kajemeth hat seine traditionelle Neujahrsaktion ebenfalls unter die Parole ״Hilfe durch Aufbau“ gestellt und die Aufgabe übernommen, mit seinem Heer freiwilliger Mitarbeiter innerhalb kürzester Zeit den breitesten Kreis der organisierten Spender Deutschlands zu erreichen, sämtliche Büchseninhaber. Beide Aktionen rücken die Idee ln den Vorderrund, daß nicht eine Hilfs- oder Notstandsaktion, sondern onstruktive Aufbauarbeit der Weiterführung des Palästinawerkes Gewähr leisten. Die Aktionen können und müssen für beide Fonds so durchgeführt werden, daß die Arbeit in den einzelnen Ortsgruppen vollkommen reibungslos verläuft und den fräßtmöglichen moralischen und finanziellen Erfolg ergibt. Ein irkular der Z. V. f. D., das dieser Tage an alle Mitarbeiter ergangen ist. enthält genaue Ausführungsbestimmungen für diese ausgediente und organisatorisch schwierige Doppelaufgäbe. Tatsächlich haben bereits in den meisten Städten die Keren Hajessod-Komitees und die Keren Kajemeth-Kommlssionen sich untereinander über die Arbeitspläne verständigt und ihre Tätigkeit nach den beiden vorgezeichneten Richtungen in die Wege geleitet Der Landesvorstand hatte in seinen letzten Sitzungen die Richtlinien gegeben, daß dienormaleArbeit sofort und in verstärktem Maße einzusetzen habe. ״Hilfe durch Aufbau“, die Aktion, die einerseits der immer am Jahresbeginn üblichen Neuerfassung der Keren Hajessod* Zeichner dient, und andererseits die traditionelle Massenaktion des Keren Kajemeth bedeutet, ist die Verwirklichung dieser Anweisung. Alle Anzeichen sprechen aber dafür, daß die Aktion in ihren beiden Zweigen weit über das normale Maß hinausgeht und eine Wirkung haben wird, die die Schlagkraft und Energie des deutschen Sektors der Jewish Agency und der Zionistisehen Vereinigung für Deutschland in der stärksten Weise dartut. Der Protest der Indischen Moslems Reuter meldet aus Bombay, daß der Führer der indischen Moslem* Man] ana Mohammed Ali, Präsident der Kalifat- Organisation, eine lange Erklärung veröffentlicht, worin die Moslems aufgefordert werden, jedes Opfer für die Unantastbarkeit der Heiligen Stätten in Jerusalem ru bringen. Er fordert sie auf, gegen die Balfour- Deklaration Stellung zu nehmen. In der indischen gesetagebenden Versammlung wurde vor einigen Tagen eine Anfrage bezüglich! dar Vorgänge in Palästina gestellt, worauf Sir Denys Bray erklärte, daß die Regierung Truppen geschickt hat, um die Ordnung wiederherzustellen, und Leben, Ehre und Eigentum von Moslems, Juden und Christen in gleicher Weise «1 schützen. Die indische Regierung habe bereits der Londoner Regierung Mitteilung gemacht über die lebhafte Anteilnahme der indisehen moslemischen Gemeinde an dem bedauerlichen Konflikt um die Klagemauer und über deren Anschauung über die ganze Frage der Verwaltung Palästinas. Trotzdem werde auch die neuerliche Anfrage sowie die Antwort der Londoner Zentralregierung in Abschrift übermiltelt werden. Eröflnung der zweiten Knessio Gedanlo Wien, 10. September. (J. T. A.) Am Dienstag, den 10• September (5. Elul), nachmittag« wurde in Wiendie zweite Knessio Geaaulo (Kongreß der Weltorganisation Agudas Jisröel) bei Anwesenheit von hunderten Delegierten und zahlreichen Gästen feierlich eröffnet. Unter den Delegierten bcfinden sich etwa 150 Rabbiner, unter ihnen Autoritäten auf dem Gebiete des religiösen jüdischen Schrifttums, sowie eine Anzahl Rabbis, die nt der Chassidim-Welt hohe Verehrung genießen. Der Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel, Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, eröffnete den Weltkongreß mit einer feierlichen Ansprache, in der er die zweite Knessio Gedaulo und insbesondere die hohen religiösen Autoritäten begrüßte und in einem feierlichen ״Jiskor‘ der zahlreichen jüdischen Märtyrer gedachte, die in den letzten Wochen in Palästina gefallen sind(. Es folgte ein vom Vorbeter gesprochenes ״El mole rachamim“. Rabbi Lewin aus Rzeszow schilderte ausführlich die Vor- ׳gänge in Palästina. Es folgten Ansprachen des Rabbi von Czortkow und des ״Gerer Rebbe“, die die Versammlung segneten und ihr große Resultate wünschten. Hierauf hielt Dr. Nathan Birnbaum ein Referat über die religiöse Krise der heutigen Menschheit. Herr Jacob Rosenheim (Frankfurt a. M.) sprach über die Ziele der Weltorganisation Agudas Jisroel und deren Einheitsgedanken: ״Thora-Erez-Israel“. Die (Intersnehnngeo in Hebron Jerusalem, 9. September. (J.T. A.) Die Obersten Riehter McDonnel und Bentwich, sowie der Staatsanwalt Kermach begaben sich nach Hebron, um die Vorbereitungen zur Einleitung des Gerichtsverfahrens gegen die Hauptschuldigen an dem Pogrom in Hebron zu treffen. Dia konservative Londoner Tageszeitung ״Daily Telegraph" veröffentlicht am ך. September einen langen Bericht seines Spezialkorrespondenten aus Palästina, dem eine Reihe interessanter Einzelheiten zu entnehmen sind. Nach einer Darstellung der Verhältnisse im Lande schildert der Korrespondent die Haltung im jöcllsehen und arabischen Lager und erklärt, daß beide Teile sich in gegenseitigen Beschuldigungen ergehen und daß die Regierung unglücklicherweise wegen ihrer Unfähigkeit, die Ordnung aufrechtzuerhallen, viel von ihrem Prestige ver- 1 oren hat. Beide Teile bemühen sich jetzt, alle Schuld der britischen Regierung zuzuschieben. Die Proklamation des Oberkommissars vom 1. September habe unter den Arabern große Entrüstung hervorgerufen. Die zweite Proklamation, vom 5. September habe diesen Eindruck teilweise wiedergutgemacht, indem sie betont, daß Missetäter ohne Unterschied der Volkszugehörigkeit vor Gericht estellt werden sollen. Achtzehn der bedeutendsten arabischen Advoaten haben in einer Erklärung Stellung genommen gegen die Proklamalion dos Oberkommissärs und erbeben schwere Beschuldigungen gegen die britischen Truppen. Der Berichterstatter erwähnt dann ferner die Eingabe des Waad Leumi an den Oberkommissär, die wir an anderer Stelle der heutigen Nummer abdrucken und stellt fest, daß ״die Zionistische Vereinigung (? Vielleicht Exekutive? — Red. ״J.B.'j wegen der Veröffentlichung dieses Briefes sich mit dem Waad Leumi zerzanki bat". Ferner wird mitgeteill, daß der ן. arabische Kongreß, bestehend aus 48 prominenten Führern, sich in Jerusalem versammelt hat und beschlossen hat, sofort eine Deputation nach London zu schicken, um eine auf allgemeinem Wahlrecht beruhende demokratische parlamentarische Regierung zu fordern. Der Korrespondent erklärt: ״Solange die Balfour- Note die erklärte Politik der britischen Regierung bleibt und wenn nicht gewisse endgültige Garantien den Arabern gegeben werden können, wird es notwendig *ein, starke Garnisonen in Paltstina za halten.‘‘ Wohlmeinende Irrtümer Der tapfere, unerschrockene und wahrhaft freiheitliche Helmuth v. Gerlach beschäftigt sich in seiner ״Welt am Montag“ am 9. September mit dem Problem des Zlonismus. Anlaß hierzu gaben ihm die Ereignisse in Palästina. Helmuth v. Gerlach ist wohlmeinend, aber, um es gleich vorwegzunehmen, mit dem Gesamtkomplex der Probleme doch zu wenig vertraut, als daß seine Meinung merltorisch jenes Gewicht beanspruchen könnte, die sie als Aeußertmg eines vornehmen Menschen beanspruchen darf. Schon der Titel des Auf- Satzes beweist, daß Helmuth v. Gerlach im tiefsten Grunde der Materie femsteht. Er schreibt über ״Judenverfolgung und jüdischer Nationalismus“. Diese Zusammenstellung erweckt den Anschein, als ob zwischen beiden Phänomenen ein unlösbarer kausaler Zusammenhang bestehen würde. Das ist aber nicht der Fall. Beide Erscheinungen sind seit Jahrtausenden vorhanden. Judenverfolgung ist das äußere Schicksal der jüdischen Gemeinschaft, ihr Volksbewußtsein aber die seit dreitausend Jahren bestimmende innere Haltung, die aber mit dem Vulgämationalismus, wie er seit ungefähr hundert Jahren im Abendlande auftrat, nur wenig Gemeinsames hat. Ueber Gerlachs politische Feststellungen der Unvereinbarkeit eines großarabischen Reiches mit der Balfour-Deklaration können verschiedene Ansichten bestehen. Die Araber bcwohnen ein Gebiet, das viel größer ist als ganz Europa. Warum es da nicht möglich sein sollte, in einem kleinen Zipfel dieses Gebietes eine ethnisch anders geartete Gemeinschaft anzusiedeln, ist absolut nicht einzusehen. Was für die deutsche Sowjetrepublik an der Wolga recht Ist, sollte auch für das jüdische Nationalheim in Palästina billig sein. Und auch gibt es den Unterschied, daß in der Vorstellung der Juden und auch der ganzen Welt Palästina das ״Land der Juden“ ist. Die Araber bewohnen sozusagen ein sehr geräumiges uraltes Schloß, in dem es Hunderte von verwahrlosten Zimmern gibt. Es herrscht auf der Welt eine ungeheure Wohnungsnot, und nun stellt man die Behauptung auf, man dürfe niemanden in dieses Schloß einquartieren, weil die Araber darin wohnen. Um bei diesem Gleichnis zu bleiben, es ist ja nicht notwendig, daß der neue Mieter, meinetwegen Zwangsmieter, im selben Zimmer mit dem früheren Bewohner lebe, aber warum er nicht im Nachbarzimmer seine Bettstelle aufschlagen dürfe, kann kein gerecht Denkender in Frage stellen. Tatsächlich haben die Juden in Palästina Neuland geschaffen, d. h. — man denke an das Gleichnis mit dem Schloß — einige völlig verwahrloste Räume Instand gesetzt, mit großen Kosten wohnlich gemacht und außerdem noch die gemeinsamen Korridore, Vorhöfe usw. gesäubert. Entweder man steht auf dem Standpunkt der Welt- und Völkerverbundenheit oder nicht״ Es ist für einen wahrhaft fortschrittlichen Menschen unfaßbar, daß man den Gedanken der Votkssouveränität und des Selbstbestimmtaigsrechtes Im Interesse des Völkerbundes bis zu dem Maße übertreibt, wo Menschheitsinteressen tangiert werden. Nehmen wir ein anderes Beispiel! Gesetzt den Fall, Radium käme nur in Joachimsthal in Böhmen vor und die tschechoslowakische Republik erklärte, gestützt auf Souveränität und Selbstbestimmungsrecht, daß sie von diesem der ganzen Menschheit notwendigen Element niemandem etwas abgeben wolle. Wäre das nicht eine Ueberspitzung der Souveränität, die die übrige Menschheit einfach nicht dulden würde? Das Judenproblem ist nicht nur eine rein jüdische Angelegenheit- Estangiert in starker Weise die ganze Welt. Diese (und nicht nur die Juden!) braucht Palästina, damit dort ein jüdisches Nationalheim als Zentrum für alle Juden errichtet werde. Die Schaffung dieses Nationalheims stellt eine positive Aufgabe dar, die die schöpferischen jüdisehen Kräfte zu binden geeignet ist. Und das ist notwendig, denn nicht alle jüdischen Energien sind, durch die Emanzipation und die Assimilation entfesselt, konstruktiv. Man darf allerdings nicht nur die Juden Deutschlands oder Westeuropas im Auge haben, wie es Gerlach tut. Es gibt außer ״Rathenau, Mendelssohn und Karl Marx“ auch andere Juden, denen ein Lebensinhalt gegeben werden muß. Es ist nicht so, daß die Juden zwischen jüdischem Nationalismus, besser gesagt Volksbewußtsein, und Internationalismus zu wählen haben. Verzicht auf eigenes Volksbewußtsein bedeutet praktisch für die Juden Bekenntnis zu einem deutschen, französischen oder einem sonstigen Nationalismus, was in den meisten Fällen ein ״als ob“ für die betreffenden Juden und eine nicht allzu gern gesehene Erscheinung bei der Mehrheit der Wahlnationen ist. Bei der ganzen Frage ist zu untersuchen, ob das jüdische Aufbauwerk in Palästina objektiv geeignet ist, die Araber Palästinas zu schädigen. Der Wille einer dünnen Großgrund* besitzerschicht unter den Arabern kann da nicht maßgebend sein. Objektiv aber bedeutet das jüdische Aufbauwerk für das ganze Land einen Segen. Daran können I'ronunziamentos arabischer Nationalisten, die vorläufig erst die Phraseologie des primitivsten abendländischen Nationalismus erlernt haben, nicht irre machen. Gerlach setzt für die Juden als Strebziel den Völkerbund. Damit sind wir Zionisten vollkommen einverstanden. Völkerbund und Völkerfamilie, ganz recht. Dann aber fort mit den alten Begriffen restloser, selbstherrlicher Staatensouveränität und rücksichtslosem Selbstbestimmungsrecht, das nur sich und nicht die andern sieht; Raum für alle hat die Erde! Es muß nur jeder ein bißchen Rücksicht auf den Nachbar nehmen und darf nicht im staatlichen Leben gedankenlos die Begriffe Mehrheit und Minderheit mit allen bösen Konsequenzen zur Anwendung bringen. Im Namen des Welt ״Interesses am J udenprobl e m, im Namen der objektiven Leistungen in Palästina und im Geiste eines wahren Völkerbundes verlangen wir die unbehinderte Möglichkeit, in Palästina unser Nationalheim errichten zu dürfen. Die jüdischen Kantone Tel-Awiw und Emek sind keine Bedrohung der Araber, die nachfolgenden jüdischen Kantone werden es auch nicht sein und darum empfinden sie es als Unrecht, wenn man der Unduldsamkeit mancher arabischer Kreise durch Aufsätze zu Hilfe kommt, die in ihren Voraussetzungen und in ihrem Inhalte so falsch sind wie der Leitartikel des soweit durchaus wohlmeinenden Helmuth v. Gerlach. M. W. Rückkehr Leib Jaües Die ״Ziko“ teilt mit: Herr Leib J affe, der geschäftsführende Direktor des Keren Hajessod, ist am 5. September nach Jerusalem zurückgekehrt. Die ArbeitimHauptoürodes Keren Hajessod nimmt ihren ungestörten Fortgang. Kundgebungen im Reidie Bochum. Zu einer imposanten Kundgebung gestaltete sich eine für den 5. September von der Synagogengemeinde, der Zionistischen Vereinigung des Verbandes der Ostjuden, des Turn- und Sportvereins Hakoah, sowie des Laubheimvereins im Kaiserhof zu Bochum anberaumte Versammlung mit dem Thema: ״Die Ereignisse in Palästina". Trotz der drückenden Hitze war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, alles lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Ausführungen des Redners Herrn Leon Kaufmann aus Haifa. An Hand seiner genauen Kenntnis von Land und Menschen schildert Herr Kaufmann zunächst die Ereignisse als solche auf Grund eigener Berichte von Freunden und Angehörigen in Palistina, konstatiert, daß, wenn auch die Verluste groß genug, doch nicht diesen Umfang wie die sich widersprechenden machrichten der Presse haben fürchten lassen. Herr Kaufmann untersucht im zweiten Teil seiner Ausführungen objektiv als Bewohner Palästinas, die Ursachen der Unruhen, die leider hauptsächlich und zum größten Teil den alten Jischuw heimgesucht haben, der wehrlos in reiner arabischen Umgebung verstreut sei, während der überaus größte Teil der Angriffe auf den neuen Jischuw abgewchrt bzw. gehalten werden konnte, bis englische Verstärkung ankam. Er unterstreicht die Mitschuld der palästinensischen Verwaltung, die aus Kurz- Richtigkeit oder schlechtem Willen es so weit haben kommen lassen. Herr Kaufmann untersucht zum Schluß die Aussichten der Zukunft, die Haltung des Jischuw, stellt den festen Willen der jüdischen weit draußen und unserer Menschen im Lande fest, das mutwillig Zerstörte wieder aufzubauen, niemanden zu Schaden, dem jüdischen Volke zur Ehre. Nach einer Schlußansprache des Herrn Rabbiner Dr. Dawid, der den sachlichen und nüchternen Ausführungen des Redners Beifall zollte, ehrte die Versammlung die Gefallenen durch Aufstehen von ihren Plätzen, worauf Herr Dr. Dawid die imposante Kundgebung schloß. — Montag, den 2. September, versammelten sich die Ortsgruppen-Mitglieder und hörten aufmerksam den Bericht des Vorsitzenden, Herrn Klausner, an Hand der J. T. A.-Nachrichten tief ergriffen an• Es fand eine Aussprache statt, in der zum Ausdruck gebracht wurde, daß in dieser Situation die inneren Auseinandersetzungen zu ruhen haben, alle Kräfte müssen für den Wiederaufbau des mutwillig von unseren Feinden Zerstörten und weitere Arbeit Ver- Wendung finden. Mit der erneuten Bekenntnis zur tatkräftigen Unterstützung des gefährdeten Aufbaus und der Hoffnung auf schnellste normale Arbeitsmöglichkeit gingen wir auseinander. J. R. Essen. Am Dienstag, dem 3. September 1929, fand in Essen unter Beteiligung von 250 bis 300 Personen eine Palästina-Kundgebung statt. Herr Leo Kaufmann aus Palästina berichtete in überaus sympathischer Art über die Unruhen in Palästina. Nachdem er zunächst chronologisch die Folge der Ereignisse dargestellt hatte, zeigte er im zweiten Teil seines Referates die tieferen Ursachen, die zur Entstehung der Unruhen führten. Abschließend beleuchtete er dann <tie gegenwärtige politische Situation und setzte sich mit der Haltung der Mandatarmacht vor und während der Konfliktszeit auseinander. Die Versammlung, die von Dr. Pommeranz namens des Vorstandes mit einer kurzen, die Situation charakterisierenden Ansprache, eröffnet und geschlossen wurde, machte auch auf die anwesenden Nichtjuden einen starken Eindruck. Die gesamte Presse war der Einladung gefolgt und hat im Anschluß daran längere Ausführungen über den Konflikt gebracht. Mit dem Ergebnis und dem Verlauf der Veranstaltung waren wir zufrieden. Es ist Herrn Kaufmann durch seine sacMche, klare und unsentimentale Darstellung gehm$*n, unsere Stellung zu den Ereignissen in Palästina zu objektivieren. Alle Anwesenden gingen mit dem Bewußtsein auseinander, daß es nur eine Antwort geben darf: ״Verstärkte Arbeit für den Aufbau Palästinas!" Hamburg. Am Donnerstag, dem 5. September, wurde in Hamburg von der Zionistischen Ortsgruppe, dem Mlsrachi, der Ostjüdischen Vereinigung, der Poale Zion und dem Verein russischer Juden eine öffentliche jüdische Kundgebung einberufen, die zu den Ereignissen in Palästina Stellung nehmen sollte. Der Saal war überfüllt, über 1100 Personen nahmen an der Kundgebung teil, d. h. 6 « 0 aller Hamburger Juden, ein Zeichen dafür, daß die Ereignisse in Palästina weit über unseren zionistisehen Kreis hinaus die Juden aller Richtungen ergriffen haben. Die Form der Veranstaltung wurde so gewählt, daß lediglich zwei Referate gehalten wurden, von denen das eine zu der allgemeinen Situation Stellung zu nehmen hatte, während das zweite mehr die einzelnen Geschehnisse behandeln sollte. Als erster sprach der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung, Dr. Erich B u c h h 01 z. Sein Referat, sachlich und prägnant gehalten, behandelte die Anlässe und Ursachen, die zu den Kämpfen in Palästina geführt haben. Die Jewish Agency in Zürich hätte die Solidarität des jüdischen Volkes bewiesen, eine Solidarität, die dort aus einem freudigen Anlaß in Erscheinung getreten sei. Nunmehr habe sich diese Solidarität, die durch den Aufbau in Erez-Israel geschaffen worden sei, auch aus den traurigen Anlässen überall in der Welt bewiesen. Für uns aber handle es sich darum, die dauernde Form zu bestimmen, die diese Solidarität anzunehmen habe über momentane Proteste und Trauerkundgebungen hinaus. Diese Form könnte nur bestimmt werden, wenn man Ursachen und Anlässe der gegenwärtigen Vorgänge genau beurteile. Die Juden wären nach Palästina gegangen, um dort auf Grund ihrer alten Rechte in friedlicher Arbeit aas Land wieder aufzubauen. Die Balfour- Deklaration und das Mandat hätten diesem ungeschriebenen Rechtsanspruch das gültige Recht der Nationen gegeben. Die Palästina-Regierung habe durch ihre unentschiedene Haltung schuld an dem Anlaß der Unruhen; darüber hinaus habe aber auch die englische Mandatsregierung an den Ursachen der palästinensischen Kämpfe zweifellos schuld. Bei der Kritik an der englischen Regierung könnten wir uns auf die Aeußerungen bester englischer Bürger, eines Reading, eines Melchett, eines Wedgwood beziehen, und hätten diesen Kritiken nichts hinzuzufügen. Zweifellos hätte aber das Weltjudentum selbst auch gewiß einen Teil der Verantwortung an den Ursachen zu tragen. Wir dürfen nicht nur von Engländern und Arabern, sondern auch von den Juden in aller Welt mehr Festigkeit und Mäßigung zugleich in allen Maßnahmen des Aufbaues verlangen. Die dauernde Form der Solidarität müßte eine solche sein, daß einheitlich politisch wie wirtschaftlich das Westjudentum hinter dem Palästina-Aufbau stünde und durch gesteigerte Leistung, durch unbeirrbare Festigkeit in der Forderung des Jüdischen Nationalen Heimes und durch weitgehende Mäßigung in der täglichen Zusammenarbeit mit den Arabern den Aufbau verwirkliche. Dr. Ha Ipern, der zweite Redner, berichtete ausführlich in seiner temperamentvollen Rede die vier Proklamationen, die in der letzten Zeit bekannt geworden wären, die der arabischen Exekutive, des Colonial Office, des Oberkommissars Chancellor und des Premierministers MacDonald. Er unterzog die vier Kundgebungen einer eingehenden Kritik und wiederholte, daß zu keiner Zeit die Juden von der friedliehen Aufbautätigkeit abgewichen wären. Auch er unterstrich mit allem Nachdruck, daß wir von der englischen Regierung eindeutig die Verwirklichung und entschiedene Unterstützung der Balfour-Deklaration des Mandates zu verlangen hätten, und daß der Weg gefunden werden müßte, um bei unbeirrbarem Festhalten an aer Errichtung des Jüdischen Nationalen Heimes mit den Arabern in friedlicher Arbeit Palästina aufzubauen. Die