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Jüdische Rundschau · 1929-09-13 · Heft 72 (13.9.1929) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 72 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 478 JUEDISCH1 RUNDSCHAU Nr. 72, 13. IX. 1020 Welcher Art war der arabische Angriff? Von einem Palästinenser Bin im deutschen Zionismus bekannter Palästinenser sendet uns eine Denkschrift, in der er die Ereignisse in Palästina politisch zu analysieren sucht. Wir entnehmen mit Erlaubnis des Autors diesem, Schriftstück einige Abschnitte, Obwohl natürlich die Schilderungen der Vorgänge, die uns zukommen, auf persönliche Eindrücke zurückgehen und daher in Einzelheiten oftmals voneinander abweichen und obwohl auch die Kombinationen notwendig subjektiver Art sind, halten wir es doch für bedeutsam, daß die zionistische Oeffentlichkeil eine derartige nüchterne Beurteilung kennen lernt., ln den Konklutionen stimmen so gut wie alle Anschauungen überein ■’ daß die leitenden. Beamten der Palästina-Regierung ihren Aufgaben in keiner Weise gewachsen waren, und daß sie die Verantwortung für den akuten Ausbruch der Leidenschaften sowie für den Umfang des grauenhaften Morden $ in Hebron, Safed und anderen Orten trifft, lieber die Situation im, arabischen Lager *ehreibt H. Bf. folgendes: Bei der Erörterung der grundsätzlichen Haltung der Araber lasse ich vorläufig die Frage außer acht, inwieweit die Araber teilweise oder gänzlich atis eigener Initiative gehandelt haben, oder mißbrauchte Werkzeuge von Drahtziehern hinter den weltpolitischen Kulissen gewesen sind. {Daß solche Kulisseneinflüsse im wesentlichen Umfange mitgewirkt haben, scheint mir außer Zweifel.) An dieser Stelle beschränke ich mich auf die Tatsache, daß eine von Arabern getragene Aktion vorlag, und es erhebt sich dementsprechend als wichtigste Frage diejenige, ob es sich um einen organ isierten Aufstand des arabischen Nationalismus, sei es mit antijüdischer, sei es mit antienglischer Front gehandelt habe, oder ob es sporadische Ausbrüche von einzelnen Gruppen gewesen sind, die sich dann über das ganze Land ausgebreitet haben. Es besteht zunächst keinerlei Handhabe dafür, daß es sich um einen wirklich vorbereiteten und organisierten Aufstand der arabischen Nationalbewegung gehandelt hat. Wenn man die Geschehnisse chronologisch verfolgt, so kann man deutlich erkennen, wie die einzelnen Stadien voneinander getrennt waren und verschiedenen Charakter besaßen. 1. Das erste Stadium war lokal auf Jerusalem beschränkt und trug den Charakter einer mohammedanisch-re 11 giösen Aktion im Anschluß an die Klagemauer-Vorfälle. Diese Aktion ist offenkundig vom Mufti von Jerusalem vorbereitet worden, aber nur in der Form, daß er die Beduinen aus den umliegenden Dörfern nach Jerusalem kommen ließ, um die Moschee bzw. die Klagemauer zu verteidigen, d. h. um eine Verprügelung der Juden vorzunehmen. Es hat nicht den Anschein, als ob an dieser Steile und in diesem Moment darüber hinausgehende Konsequenzen ins Auge gefaßt worden wären. 2. Es besteht allerdings der dringende Verdacht, daß beim Mufti oder hinter ihm auch noch Ein flösse und Erwägungen ganz anderer Art vorhanden waren. Das Zusammentreffen der Vorkommnisse mit der Konstituierung der Jewish Agency muß zu denken geben. Es ist schon in den vergangenen Jahren, wenn offizielle Zionisten oder Regierungsvertreter die Ruhe und Friedlichkeit der Situa- Bon im Lande und des Verhältnisses zwischen Juden und Arabern bekundeten, 'Vötf mir und anderen darauf hingewiesen worden, daß dies eine gefährlich irreführende Darstellung sei Während der letzten Jahre haben sich die Araber einem scheinbar bankrotten Zionismus gegenübergeseben. Es war uns unzweideutig klar, — und hätte auch von anderen vorausgesehen werden müssen —, daß sich diese Haltung der Araber in dem Momente ändern muß, in dem sich der Zio* nismus wieder konsolidiert, geschlossen und machtvoll das Aufbauwerk in Angriff nimmt. An das Zustandekommen der Agency haben die Araber wahrscheinlich ebenso wenig geglaubt wie Grünbaum. Die Agency-Tagung mußte auf sie einen um so gewaltigere« und bedrohlicheren Eindruck mache«. Hierbei ist dieses ״auf sie" nicht so zu verstehen, als ob es wirklich in Palästina ein arabisches Volk gäbe, das diese Dinge mit Interesse und Verständnis verfolgen würde. Hingegen gibt es zweifellos ein Dutzend Männer unter den Arabern, die das ausgezeichnet tun, und diese gehören zur engsten Entou* rage des Mufti von Jerusalem. Der Wunsch, den Elan einer neuen Instanz, und insbesondere der neu hinzugekommenen Nichtzionisten (deren Ueberzeugungsstärke sowieso von vielen Zionisten immer als minimal dargestellt wurde) durch eine solche Aktion zu erschüttern und zu paralysieren, dürfte zweifeilos bei denjenigen Arabern die politisch denken, stark mitgewirkt haben. 3. Um so charakteristischer ist es, daß die Aktion nicht inszeniert wurde unter der Parole einer Bekämpfung des Zionismus oder der Balfour-Deklaration. Sie wunde — das darf nicht verwischt werden — in Jerusalem inszeniert nur auf Grund eines religiösen Appelis an die Beduinen, und das ist erneut ein deutlicher Beweis dafür, daß die arabisehen Drahtzieher das arabische Volk mit dem Schreckgespenst des Zionismus durchaus nicht aufzurütteln in der Lage sind. Das einzige Argument, weiches wirkt, ist das religiöse (Omar-Moschee, Klagemauer usw.) und selbst, wenn die Motive, die in Jerusalem vorhanden waren, die vorher dargestellten gewesen sind, nämlich eine A«tvrt>rt zu geben auf die Konstituierung der Jewish Agency, so hat man doch zu dem Deckmantel einer religiösen Propaganda greifen müssen. 4. Diese Auffassung wird durch verschiedene Tatsachen und Vorkommnisse bestätigt Es gab, soweit bekannt, nirgends im Lande wirkliche Demonstrationen gegen den Zionismus, die Jewish Agency oder die Balfour-Deklaration. Der Protest gegen die Balfour-Deklaration im Telegramm des Mufti an die englische Regierung kam verspätet und vereinzeit Freundlich gesinnte Araber brachten wiederholt laut die Meinung zum Ausdruck, daß das arabische Landvolk in Paüstina von Balfour-Deklaration, Agency usw. nichts versteht und nicht hinhört, daß hingegen die Aufrollung einer religiösen Frage das ganze Volk sofort in Bewegung setzen kann. Charakteristisch für den Stand der Angelegenheit in den ersten zwei Tagen war z. B. die beglaubigte Szene, wonach ein angesehener Araber mit seiner Familie durch die Karmel- Straße in Tel-Awiw ging, indem er ein großes Kreuz In der erhobenen Hand hielt, um damit zum Ausdruck zu bringen, daß er als christlicher Araber an dem Streit der Muslim mit den Juden nicht beteiligt sei. 5. Soweit aus den jeweilig eingegangenen (von Minute ZU Minute schriftlich protokollierten) telephonischen Meldungen und Berichten ein Bild gewonnen werden konnte, bestand das zweite Stadium der Ereignisse darin, daß Araber von ver- ScMedenen Zentren, wie Nablus, Hebron, Tulkerem, Bei־>an sich versammelten und versucht»!, ihren angeblich be• drohten und von den Juden überfallenen Brüdern in Jerusalem zu Hilfe zu kommen. Es wurden unter den Arabern Nachrichten verbreitet über viele Hunderte arabische Opfer, die in Jerusalem angeblich von den Juden ermordet sein sollten. Die Regierung verhinderte diesen Zuzug nach Jerusalem, und es kam hierbei zu Zusammenstößen. Jedenfalls habe ich auch in diesem Stadium noch nicht den Eindruck gehabt, daß diese Araber-Konzentriertmgen erfolgten, sei es als Glieder einer allgemeinen und organisierten arabischen Erhebung in Palästina, sei es als lokale Erhebung zwecks Ueberfällen der umliegenden jüdischen Punkte, sondern es schienen lediglich Ausläufer eines lokalen und auf Jerusalem begrenzten Konfliktes zu sein. 6. Als das Bestreben der Araber, nach Jerusalem zu ziehen, verhindert wurde, kam es immer noch nicht zu einem Ausbruch, der auf eine wirkliche Vorbereitu n g und Organisation hätte schließen lassen können, sondern es scheint so gewesen zu sein, daß die nunmehr am Zug nach Jerusalem verhinderten Araber ihrer Wut dadurch Ausdruck gaben, daß sie aufdlejeweilige Umgebung 1 o s g i n g e n. 7. Von diesem Punkte an ist deutlich und unzweifelhaft zu erkennen, daß sich die ganze arabische Aktion bereits hoffnungslos au f löst e in eine Fülle von Einzelaktionen von Räubern, Mördern und Plünderern. Nirgends Anzeichen einer geschlossenen Organisation, die dahinter steht, nirgends Anzeichen einer politischen Führung. Me Stadt Jaffa, welche nach der Unterdrückung der Unruhen in Jerusalem für zwei Tage das Zentrum aller Bewegungen wurde, blieb im großen ganzen ruhig. In Jaffa selbst gab es starke arabische Strömungen, die einem Zusammenstoß entgegenarbeiteten und ihn zu verhindern versuchten, bzw. an einer raschen Wiederherstellung normaler Beziehungen arbeitefen, nachdem die kritischen Tage vorüber waren. Augenzeugen berichten, daß die blutigen Zusammenstöße zwischen Jaffa und Tel-Awiw nicht zwangsläufig waren und hätten vermieden werden können. In jedem Falle war ihr Umfang im Rahmen der gesamten palästinensischen Ereignisse und gemessen an der Größe von Jaffa und Tel-Awiw sehr klein. Es ist wohl auch ohne Zweifel, daß die Jaffaer Bevölkerung Vor Tel-Awiw mindestens so große Angst gehabt hat wie umgekehrt, und daß die Zusammenstöße hauptsächlich auf beiderseifiger Angstnervosität basierten. Ein nennenswerter Zuzug von Beduinen nach Jaffa Ist nicht konstatiert worden. Haifa verhielt sich noch länger ruhig als Jaffa, und die Unruhen, die dort entstanden, sind hineingetragen worden von Horden aus der Nazareth-Gegend, und die Straße, die von dort nach dem Balmhof führt, Ist anscheinend der Hauptschauplatz der Ausschreitungen gewesen. In Tiberias haben Jude« und Araber noch tagelang in einem gemeinschaftlichen Friedenskomitee gesessen, um die Stadt vor Unruhen zu bewahren. Bis zum gegenwärtigen Moment sind auch Unruhen nicht aufgetreten, obwohl die Stadt von־ Militär entblößt ist. Die großen jüdischen Kolonien, deren Wehrhaftigkeit bekannt ist, sind wenig angegriffen worden. Fast ausnahmslos sämtliehe Ueberfälle charakterisieren rieh als Ueberfälle auf kl einere, exponierte, isolierte Positionen, deren Schwäche notorisch bekannt war, oder Punkte des alten JIschu w, wie Hebron ernsthaften «Widerstand ebenfalls rieht gerechnet wurde. Die arabischen Gruppen, die vorwiegend an den Unruhen 1921! beteiligt waren, beteiligten sich nicht. Die in der Nähe von Tulkerem und Kalküle (die Hauptangreifer von damals) gelegenen Kolonie« blieben völlig verschont Abu Kishik, der Anführer des seinerzeitigen Ueberfalles auf Petach Hkwah, ließ unverzüglich mitteilen, daß er seinem 1921' geleisteten Friedensschwur treu bleiben würde. Er ließ durch seine Leute isolierte Gnippen von Juden nach geschützten Orten bringen, verlassene Pardesrim bewachen, versorgte Petach Tikwah mit Gemüse und schickte Gaben auch für Krankenhäuser (siehe ״Haarez“ vom 2. 9.). Ein ähnfiches Verhalten wird von verschiedenen anderen Stellen berichtet Die A. P. C. in Jaffa wurde dauernd von arabischen Notabein besucht, die Ihr Bedauern über die Zuspitzung bekanntgaben und ihren Einfluß zugunsten einer Pazifierung einsetzten. Charakteristisch ist auch die im ״Haarez״ vom 2 9. enthaltene Lokalschilderang über die Wiedereröffnung der jüdischen Geschäfte in Jaffa und über die Freud e und Herzlichkeit, mit der die Araber die Juden wieder begrüßten. Es wäre durchaus falsch, solche Dinge nur als Falschheit und Hinterlist zu betrachten. Es steckt auch eine große Portion Aufrichtigkeit darin, *und überdies Schwäche, Abhängigkeit, wirtschaftliche Verbundenheit usw. 8. Die Auswahl von Hebron und Safed zeigt übrigens deirtlieh, daß hier, abgesehen von reinen Plündererinstinkten, auch die religiösen Instinkte im Anschluß an die Klagemauer-Affäre im Spiele waren, denn in sonstigen Fällen pflegten Araber Immer die guten Beziehungen zum alten Jischuw zu betonen. In der Tat dürfte die Bilanz der Zerstörungen darin bestehen, daß (abgesehen von dem ersten Zusammenstoß in Jerusalem) die Punkte des neuen Jischuw, die nur einigermaßen verteidigt werden konnten, nicht angegriffen wurden, daß der alte Jischuw in Safed und Hebron den weitaus größten Teil der Rechnung zu bezahlen hat, und daß die Kolonisation nur durch Plünderungen und Räubereien relativ begrenzten Umfanges geschädigt worden ist. 9. Es ist also meine Ueberzeugung, daß die ganzen Ereignisse eine ungeheure Schwäche der Araber in Palästina offenbart haben. Wenn man bedenkt, daß das, w׳as geschehen ist, sozusagen schon das Maximum ist, was Araber ln Palästina tun können, nämlich acht Tage lang mit ausgesprochener Duldüng seitens der Regierung und des Militärs, unter systematisch er und offiziell bekannt gegebener Entwaffnung der Juden durch die Regierung, Ueberfälle auf die Juden int ganzen Lande zu organisieren und überhaupt daraus einen großen antiponistischen Aufstand im Lande zu machen, so muß man rieh sagen, daß das, was die Araber aus dieser Möglichkeit gemacht haben, in keinem Verhältnis steht zu dem, was sie hätten tun können, und in keinem Verhältnis zu dem, was wir, die wir seit Jahren mit einer solchen Entwicklung gerechnet haben, für einen solchen Moment befürchten maßten. Es ist damit nach meinem Empfinden fast schon endgültig bewiesen, daß die arabische Nationalbewegung innerhalb der Grenzen Palästinas noch lange nicht zu fürchten ist, daß diejenigen Instanzen, die einen nationalen Abwehrkrieg zu organisieren versuchen, kein Echo in der Bevölkerung finden und nur bei der Landbevölkerung mit religiösen Vorspiegelungen eine gewisse Wirkung erzielen; daß ein von den obersten arabischen Instanzen organisierter Aufstand rieht gleichzeitig im ganzen Lande ausbricht, sondern sich wellenförmig fortpflanzt, so daß Städte wie Jaffa, Haifa, Tiberias zwei bis vier Tage verstreichen lassen, innerhalb weicher Zeit Juden und Regierung genügend Möglichkeit haben, sich zur Wehr zu setzen, daß schließlich ein Aufstand, wenn er sich schon über das ganze Land ausbreitet, sich vollständig anarchistisch auflöst in einzelne Aktionen von Plündererbanden, die nicht mit politischen, sondern mit kriminellen Maßstäben zu messen sind. Dies alles ist ein genügender Beweis für die Schwäche der arabischen Bewegung in Palästina. 10. In diesem Zusammenhang verdient Lukes Haltung in der Entwaffnungsfrage eine besondere Würdigung. Er hat offen zugegehenerweise die Entwaffnung der Juden veranlaßt auf Grund einer Forderung von seiten arabischer Notabeln, welche damit drohten, daß andernfalls ein jüdisches Blutbad Im ganzen Lande aiigerichtet werden würde. Luke hat, statt diese Notabein sofort als Landesverräter zu arrestieren, sich von ihnen so erschrecken und einschüchtem lassen, daß er (nach seiner Angabe ״im Interesse und zum Schutze der Juden״) die Entwaffnung der Juden anordnete und hierbei auch britisch-jüdische Soldaten und Offiziere einschloß. Der weitere Verlauf der Entwicklung, wie aus vorstehender Darstellung ersichtlich, hat gezeigt, daß Luke einem kindlichen Bluff zum Opfer gefallen ist. Me vom High Commissbner nach seiner Rückkehr am 1. September veröffentlichte Proklamation beweist, daß auch er nicht an das Vorhandensein einer ernstzunehmendet* arabisehen Bewegung glaubt, vielmehr spricht er dort ausschließlich von ״acts committed by bodies of ruthless and bloodthirsty evildoers of savage murders“, worauf er noch ausdrücklich hinzufügt, daß diese Taten begangen wurden an ״defenceless members of the Jewish population“. Unter diesen Umständen ist es schwer, (daran zu glauben, daß Luke sich tatsächlich hat einschüchtern lassen, vielmehr liegt die Vermutung nahe, daß er Gründe hatte, die arabische Bewegung in den Augen der englischen Regierung maßlos zu übertreiben. Und in jedem Falle ist es doch selbstverständlich, daß Luke zumindest nach• träglich die Tendenz haben muß, diese arabische Gefahr als so groß wie möglich hinzustellen, schon damit seine eigene Blamage eine geringere wird. lt. Me Konklusion ist also die, daß die Frage der Verhütung solcher Geschehnisse in der Zukunft lediglich eine solche der öffentlichen Sicherheit und der Verteidigung ist Es handelt sich im wesentlichen also darum, eine Regierung zu haben, die Schutz vor Räubern und Mördern gewährt. Nichts wäre irriger und gefährlicher, als diese Mskussion auf das politische Gebiet abzubiegen. H. ML Der wahre Schuldige Von Erich Cohn, Berlin Me Diskussion der Frage, wen die Schuld an den traurigen Ereignissen in Palästina trifft, hat begonnen und wird so bald nicht aufhören. Engländer, Araber, Juden — sie alle werden, in verschiedenem Maße, für verantwortlich am Ausbruch der Unruhen erklärt, und wohl mit Recht Wir würden der Situation aber nicht gerecht werden und uns selbst täuschen, wenn %1«rir an diesem Abschnitt tmseres Weges!ms rieht eingeständen, daß der Im geschichtlichen Sinne wahre Schuldige das jüdische Volk in seiner Totalität ist * Denn das jüdische Volk hat, als ihm die große Chance der Balfour-Deklaration gegeben wurde, von ihr, von Palästina, vom Zionismus nichts wissen wollen. Seine sogenannten Großen hatten Wichtigeres zutun. Uns, der kleinen Schar entschlossener Zionisten, blieb es überlassen, das Blankett auszufüllen, das England uns gab. Wir können uns keinen Vorwurf machen, wir haben das Menschenmögliche geleistet Aber das uns Mögliehe war eben zu wenig. Zwar war es genug, das können wir mit Beruhigung konstaderen, um Fundamente zu schaffen, die heute nicht mehr durch einen Araberaufstand zu zerstören sind. Eine Bartholomäus-Nacht wird die Juden in Erez-Israel nicht mehr vernichten. Aber das jüdische Volk hatte Zeft und nutzte sie nicht, um in Erez-Israel ein Nationalheim aufzubauen, das, wenn auch noch nicht vollendet, so doch allein schon durch seine Größe und sichtbare Festigkeit jedem Angriffe vorbeugt Dem, was wir bisher geschaffen haben, fehlt die überzeugende Sprache der vollendeten Tatsache. Weizmanns Ruf: Wo bist Du, jüdisches Volk? blieb ein Ruf in die Nacht, auf den keine Antwort erscholl. Bis jetzt! Vielleicht bedeutet die Erweiterung der Jewish Agency die Antwort, auf die wir so lange, so viele nicht wiederkehrende Jahre gewartet haben. Dana wollen wir uns darüber klar sein, daß auch sie erst gegeben wurde, nachdem wir bewiesen hatten, daß wir aus eigenen Kräften etwas zu schaffen imstande waren, was wenigstens nicht mehr übersehen werden konnte. Dürfen wir aber von England ein größeres Vertrauen zu unserem Werke, eine bereitwilligere Unterstützung erwarten, als sie uns von unseren eigenen Volksgenossen bisher zuteil wurde? (Vielleicht lag in Herbert Samuels Händen die Mög- Kchkeit, auch die anderen Juden zur rechten Zeit zu gewinnen, indem er dem Werke des Aufbaus Kräfte zuführte, die damals noch verfügbar waren. Aber er war nicht der Mann, sich von dieser nicht alltäglichen Aufgabe locken zu lassen; es genügte ihm, seine Aufgabe mit der Sorgfalt eines ordentlichen engfischen Verwaltungsbeamten zu erledigen.) Me Schuld des jüdischen Volkes wird gemindert durch die Zerstörung des russischen Judentums, die der Bolschewismus bewirkte. Was das Schicksal!ms mit der einen Hand gab, das nahm es uns zur selben Zeit zum größten Teile wieder mit der anderen. Das Blankett der Balfour-Deklaration wäre nicht so unzulänglich ausgefüllt worden, wenn ein ungebrochenes russisches Judentum die ganze Wucht seiner menschliehen und materiellen Kräfte hätte in die Wagschale werfen können. Aber wir sollten wohl nicht übermütig werden und wurden von der Geschichte deshalb auf den langsameren ■Weg verwiesen. Wir werden ihn gehen. Wir werden durch Zähigkeit erwerben müssen, was in einem großen Ansturm zu erobern uns versagt blieb. Wenn wir uns aber unter uns über die Frage der richtigen und der falschen zionistischen Politik auseinandersetzen, dann soll nicht vergessen werden, wo die wirkliche große Schuld liegt Kein Parteirezept konnte ersetzen, was das Volk nicht hergab, und unsere Auseinandersetzungen erinnern nur zu sehr an die gereizten Auseinandersetzungen am Familientisch, wenn nicht genug Geld im Hause ist.

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