Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 71 (10.9.1929)
- Date
- 1929-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 76, 10. IX. 1029 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 469 durch schikanös* Polizeiaktionen wahrhaft verbetitnil amgeBriffan. Pio Störung des höchsten jüdischen Feiertage» durch die Ponses im vorigen Jahre mußt* für die kampflustigen Araber gerader« ein Signal bedeuten, während die jüdische Bevölkerung »ich von der Mandalsgewalt verlassen und auf Selbsthilfe angewiesen fühlt*. Hier_ w!0 so oft hat die englische Politik, obgleich sie die Macht besaß, nichts nur Abrüstung der beiden Gegner unternommen, sie hat von der Feindschaft *wischen Arabern und Juden profitiert wie in Indien von dem Zwiespalt »wischen Hindus und Muselmanen. Ein altes Reaept. Doch hier in Palästina rutschten die Herren etwa» aus der fahrigen Indifferenz Sie wurden aktiv, wurden offen antijüdisch... Der Verfasser kritisiert dann Englands Kriegspolitik im Orient, die sowohl mit den Juden als auch mit den Arabern *u paktieren versuchte. In derselben Nummer der ,.Weltbühne", unmittelbar anschließend an den erwähnten Aufsatz steht ein Aufsatz ״Für das arbei* lende Palästina" von Arnold Zweig, worin über die Gründüng der gleichnamigen ״Liga“ berichtet wird. * Die ״Frankfurter Zeitung׳* widmet den Leitartikel ihres Abendblattes vom 3. d. M. der ״Tragödie ln Palästina“. Im ersten Teil ci.es Artikels wird gegen die (auch von der ״J. R.“ in der Nummer vom 3. September angefochteneO Züricher Rede Sokolows polemisiert. Im zweiten Teil des Artikels kritisiert das Blatt heftig die englische Politik in Palästina und bezeichnet die letzten Ereignisse als einen ״historisehen Skandal“. * An der Spitze der dieswöchige» Nummer der ״C. - V. - Zeitung“ schreibt Ludwig Holländer u. a.: ״In Palästina, auf das sich die Hoffnung so vieler Bedrängter und verfolgter Juden aus allen Ländern richtet, wüten Pogrome!.... Tiefstes Mitgefühl ergreift nicht nur jeden Juden, sondern jeden gerecht denkenden Menschen, der die Nachricht über diese Tötung friedlicher und arbeitsamer Menschen vernimmt. Wir bedauern auch diejenigen Araber, die, von verantwortungslosen Führern aufgehetzt, Opfer ihres fanatischen Vorgehens geworden sind, ... Man mag zu der Politik der Zionisten stehen wie man will: an diesem Blute sind sie unschuldig. Denn immer haben sie, bis auf ganz wenige Kreise, Frieden und Freundschaft mjt den Arabern gewünscht. ...Wir hoffen, daß bald den Juden überall auf der Welt und in Palästina der Frieden werden möge, den die Gesaratjudenheit stets als Ziel ihrer letzten Wünsche betrachtet hat.“ ln demselben Geist sind auch zwei weitere, den Vorfällen in Palästina gewidmete Artikel der C.־V.־Zeitung gehalten, von Dr. J. Stern und Artur Schweriner, welch letzterer ״Beobachtungen während einer Palästinareise“ veröffentlicht. Hille durch Anibau «mnntag, den 8. d. M. erschien in den großen Berliner Tageszeitungen ein Aufruf, der von allen in Deutschland lebenden Mitgliedern und Ersatzmitgliedern des Councils der Jewish Agency, ferner von den Mitgliedern des Zentralkomitees des Keren Hajessod und des Initiativkomitees für die Jewish Agency in Deutschland unterschrieben ist. In diesem Aufruf wird das deutsche Judentum auf gef ordert, im Hinblick auf die Ereignisse in Palästina die dem Aufbau der Jüdischen Nationalen Heimstätte gewidmeten Kräfte zu verstlr« k en. Die Arbeit des Keren Hajessod wird weitergeführt unter der Devise: Hilfe durch Aufbau. Nicht Hilfsaktionen in». Sinne der Wohltätigkeit sollen geführt weiden, sondern dadurch, daß die Arbeit in Palästina verstärkt weitergeht, wird allein die einzige wirksame Hilfe für das paläatlnensjscbe Judentum geleistet. Wir nehmen an, daß unsere Leser, denen der erwähnte Aufruf zu Gesicht gekommen ist, sich in den Dienst der erwähnten Aktion stellen werden. Der Palästina-Hilfsfonds. Das in Paris gebildete Hilfskomitee für Palästina hat bereits eine Summe von 15000 Pfund aufgebracht — Für Zwecke der Hilfe an die jüdischen Opfer in Palästina spendeten Baron Edmond de Rothschild 5000 Pfund, Robert de Rothschild 5000, Edouard de Rothschild 3000 Pfund. Die Antwort der Frauen aut die Ereignisse in Palästina Auch die Antwort der Frauen auf die Ereignisse in Palästina kann selbstverständlich nur eine erneute Bekundung ihrer unerschütterlichen Treue zum Palästinagedanken und ihrer tiefinnersten Ueberzeugung von der untrennbaren Zusammengehörigkeit des jüdischen Vol* kes zu seiner palästinensischen Heimat sein. Die Frauen-Arbeltsgemelnschaft für Palästina setzt in dieser Woche mit ihrer Arbeit wieder ein. Sie wird in allen ihren Bezirksgruppen innerhalb der nächsten Tage Stellung nehmen zu den Geschehnissen in Palästina und ihre freudige Arbeitsbereitschaft für die diesjährige Rosch Haschanah-Aktion des Keren Kajemeth: Hilfe durch Aufbau! Als Spenderinnen und Sammlerinnen werden die Frauen die Ergebnisse der Aktion verdoppeln helfen und durch den Anteil, der ihnen daraus vom KKL. zugesichert ist, gleichzeitig die Mittel gewinnen, um ihren besonderen Verpflichtungen gegenüber der Frauenarbeit in Palästina und den Wizo-lnstitutionen nachkommen zu können. Die F. A. P. erwartet von allen ihren Mitgliedern die verantwortungsvollste Pflichterfüllung und nicht nur ihre eigne Teilnahme an den Versammlungen der Bezirksgruppen, sondern auch die Interessierung aller noch nicht organisierten Frauen ihres Bekanntenkreises für eine Solidaritätserklärung mit dem jüdischen Palästinawerk iti diesem entscheidenden Augenblick. Die Versammlungen der einzelnen Gruppen finden statt: Lichterfelde: Mittwoch, dem II. September, nachm- 4V> Uhr i. Hs. von Frau Hans Herrmann, Wilhelmstr. 39; Redner: Frau Jenny Blumenfeld und Dr. Georg Wöllstein. Neukölln: Mittwoch, dem 11. September, abends 8Vs Uhr im Realgymnasium, Kaiser Friedrlchstr. 20910; Redner: Dr. Gertrud Zadik und Dr. Emst Mechner. Westen: Donnerstag, dem 12. September, nachm. 4 Uhr ira Saal des K. J. V,, Bleibtreustr, 50. Redner: Frau Esther Smoira (Jerusalem) und Dr. Fritz Loewenstein. Nordwesten: Donnerstag, dem 12. September, abends 8Vj Uhr in der Konditorei Lochau, Altonaer Str. 34; Redner: Frau Bergei Gronemann und Dr. Georg Wöllstein. Die Zusammenkünfte der anderen Gruppen werden in der nächsten Nummer bekannt gegeben. Die Degen-Aktion der Arobe Die Proklamation der arabischen Exekutive Die in unserer letzten Nummer bereits kurz erwähnte Antwort der arabischen Exekutive auf Chancellors Proklamation, auf die auch der in der vorigen Nummer vollabgedruckte Leitartikel der ״Times“ vom 4, September Bezug nimmt, lautet im vollen Wortlaut: Die palästinensischen Araber lesen mit Befremden und Bedauern die Proklamation Eurer Exzellenz vom 1. September. Niemand hat angenommen, daß die weithin bekannten, von der Regierung zugegebenen Tatsachen, daß die meisten Juden selbstbewaffnet sind, daß die Regierung viele Juden bewaffnet hat, daß unter den jüdischen Opfern selbst in Hebron keinerlei Verstümmelungen vorgekommen sind (wie die britischen Ge• sundheitsbehörden selbst erklären), daß verschiedene Araber von Juden verstümmelt wurden, daß jüdische Horden isolierte ara* bische Frauen und Kinder töteten, daß die ersten Morde an Frauen und Kindern von seiten der Juden gegen die Araber geschehen sind, daß sogar disziplinierte britische Soldaten ara* bische Männer, Frauen und Kinder in ihren Häusern und Betten in Surbahcr und anderswo erschossen haben, daß die Unruhen in Palästina früher und auch jetzt unmittelbar veranlaßt sind durch die britische zionistische Politik, welche darauf abzielt, die arabische Nation in ihrem Lande zu vernichten, um eine nichtexistierende jüdische Nation wieder aufzurichten, — daß diese Tatsachen durch eine übereilte und unangebrachte Proklamation verwischt werden würden. Eure Exzellenz weiß, daß die palästinensischen Araber bereits alles verloren haben, als daß sie noch irgend etwas zu verlieren fürchten sollten. Daher werden die britischen Truppen sie unbewaffnet jedem Gemetzel unterworfen finden. Wenn irgendein Gefühl für Gerechtigkeit noch geblieben ist, dann fordern die Araber, daß eine unparteiische Untersuchung von außenstehenden Persönlichkeiten durchgeführt wird, deren Gerechtigkeitsgefühl nicht von zionistischem Ein׳ fluß getrübt ist. In den beiden vorausgehenden Untersuchungen, die in ähnlichen Fällen vorgenommen wurden, wurden, wie die Araber dankend anerkennen, ihr politischer Verzweiflungskampf und ihre vornehmen nationalen Ziele aufgedeckt. Die Araber glauben mit aller Kraft, daß eine Untersuchung ähnlicher Art der Welt eine wahrhaftigere Darstellung ihrer Lage und ihrer Schwierigkeiten geben wird als sie in der Proklamation zum Ausdruck kam, die veröffentlicht wurde, bevor den Arabern irgendeine Gelegenheit, Gehör zu finden, gewährt wurde. Dann wird die Welt sehen, daß die Juden, deren Angriffe bereits über politische Ziele hinaus auf das religiöse Gebiet übergegriffen haben, deren Provokationen in der letzten Zeit unerträglich geworden sind, wie von der Regierung zugegeben wird, deren Grausamkeiten nicht weit Zurückbleiben hinter denen, deren die Araber in dieser Proklamation angeklagt werden, für die gegenwärtigen Unruhen verantwortlich sind, gemeinsam mit der Politik, die sie unterstützt. Die Proklamation des High Commlssloner hätte der unparteiischen Untersuchung nicht vorausgehen, sondern erst auf sie folgen sollen, und wir sind überzeugt, daß eine neuerliche Prüfung der Situation Eure Exellenz zu einem gerechten Urteil führen wird. Unterschrieben ist diese Erklärung von Musa Kasim eI Husseini, dem Präsidenten der arabischen Exekutive und den drei Sekretären Abdul Hadi, Dscheraal Husseini und Moranatn. 1 Der Groß-Mottl bet Chancellor Jerusalem, 6. September. (J.T.A.) Der Groß-Mufti von Jerusalem, Hadah Emln El Husseini, hatte heute eine Unterredung mit dem Oberkommissar von Pallstina, Sir John Robert Chancellor. Der Groß-Mufti unterbreltete dem Oberkommissar die folgenden Forderungen: 1, Politische Gleichheit der Araber mit den Juden; 2. gleiche wirtschaftliche Rechte fflr Araber und Juden; 3. Annullierung der bisher verliehenen Konzession fflr Errichtung von Stau- Kraftwerken zur Elektrifizierung Palästinas (Ruthenbergs Palästlne Electric Corporation) und anderer Konzessionen, Neu- Verleihung aller Palästina-Konzessionen durch die Mandatsreglerung auf der Basis des öffentlichen Wettbewerbes; 4. Status quo hinsichtlich der Benutzung der Heiligen Stltten bzw. des Status der einzelnen Religionen; 5. Einführung neuer Ein- Wanderungsbeschränkungen, bzW. Regelung der Einwanderung gemäß der sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landes. Es verlautet, daß der Groß-Mufti In seiner Unterredung mit Chancellor die Verantwortung für die Massakres gegen die Juden fflr seine Person abgelehnt hat. Die arabische Exekutive tagt Jerusalem, 6. September. (J.T.A.) Die Exekutive des Siebenten Palästinensisch-Arabischen Kongresses hielt heute eine Sitzung ab, der 40 Mitglieder der Exekutive beiwohnten. Musa Kasim Pascha, der Präsident des Kongresses und der Exekutlve, hielt eine Ansprache, in der er erklärte, er halte die Zeit fflr gekommen, daß die Araber Palästinas zu politischem wie strategischem Handeln übergehen. Die Verhandlung nahm auf Vorschlag Musa Kasim» den Be- Schluß an, eine Abordnung der pallstinentischen Araber nach London zu entsenden. Eine Abordnung der Exekutive soll sich zum High Commissioncr Sir Robert Chancellor begeben und von ihm die Zurückziehung seiner Proklamation fordern. bteiWBiioii ia Amerika Eine Delegation amerikanischer Araber besuchte, wie ״Times“ berichtet, den britischen Botschafter Sir Eame Howard in Washington und den amerikanischen Staatssekretär Mr. Sti m son und überreichte beiden Herren die Forderung, daß das Versprechen der Errichtung eines jüdischen Nationalheims fallen gelassen und in Palästina ein nationaler arabischer Staat errichtet werde. Sie betonten, daß der gegenwärtige Konflikt in Palästina kein religiöser oder Rassenkampf sei, sondern ein politischer Konflikt zwischen der arabischen Majoritat und der jüdischen Minorität. Pte Bamrbettea aa 4er Ungenauer Jerusalem, ö. September. <J.T.A.) Die vom Großmuftl vor einigen Tagen anbefohlenen Bau arbeiten an der Klagemauer werden trotz des formellen Protestes, den die Juden bei der Palästinaregierung eingelegt haben, ungehindert weitergeführt. Wie früher an der linken werden nun an der rechten Seite der Mauer 6 Schichten Steine gelegt. Die neuen Bauaufführungen erleichtern wesentlich die Verbindung zwischen der Omar-Moschee und der Klagemauer iiiwiiiiiiuiiiiHiiniuiiiiiimiBiiiHiiuiiiiiuiiiniiiniiiiiiiiiimiiMiiuiiiiiiiMiiiuiiiiiiiiiimiiMiiinn Eine zweite Proklamation des Oberkomrnlssärs Am 4. September hat Sir John Chancellor folgende Proklamation erlassen; Ich habe gestern als Dringlichkeitsmaßnahme die Verordnung erlassen, daß die Gerichtshöfe zur Behandlung der während der jüngsten Unruhen vorgekommenen Verbrechen aus britisehen Richtern bestehen soll. Es sind bei mir Vorstellungen erhoben worden, die darauf hindeuten, daß manche Leute glauben, die Aburteilung von Personen, die verbrecherischer Akte beschuldigt werden, sei beschränkt auf einen Teil der Bevölkerung. Diese Annahme ist keine richtige Auslegung der Absichten der Regierung, welche dahin gehen, daß, da Verbrechen verschiedener Art sowohl von Arabern als auch von Juden verübt worden sind, alle Missetäter ohne Unterschied des Volkstums oder der Religion, vor die Gerichtshöfe, diö gemäß der gestrigen Verordnung eingesetzt werden, gebracht werden sollen. Im Anschluß an diese Proklamation wird dann die Vcrfügung des Kolonialministers bezüglich Einsetzung einer Untersuchungskommission angeführt. Ein Schreiben l'anderveldes Paris, 6. September. (J.T. A.) Der Führer der Arbeiter- Internationale und frühere belgische Außenminister Emile Vandervelde hat an den Führer der belgischen Zionisten Jean Fischer ein.Schreiben gerichtet, welches im wesentliehen lautet: ״Während wir die Opfer der arabischen Angriffe beklagen und Maßnahmen ergreifen, um den Flüchtlingen zu helfen, müssen wir nach den Ursachen forschen, die das Jüdische Nationalheim in die heutige tragische Situation gebracht haben. Europa hat die moralische Verpflichtung übernommen, erstens allen Bewohnern Palästinas Schutz ihrer materiellen, moralisehe» und religiösen Interessen zu gewähren, zweitens die Sicherheit aller Einwohner des Landes, insbesondere der Juden, zu garantieren. Aufgabe des Völkerbundes wird cs nun sein, zu untersuchen, ob die Mandat arm acht ihrer oben ge• kennzeichneten Pflicht Genüge getan hat?8 sei absurd, fährt Vandervelde in seinem Schreiben fort, gegen die Labour-Regierung, die efst e'nlge Wochen an der Macht ist, Vorwürfe zu erheben. Es wäre rngerecht, nichtanerkennen zu wollen, daß die Handlungswci ׳: der britisehen Regierung für ihre Aufrichtigkeit zeugt, die Baifour- Deklaration zu verwirklichen. Andererseits darf man die Augen nicht verschließen vor der Tatsache, daß die lokale Adminlstration in der Klagemauer-Angelegenheit versagt hat. Wenn die Dinge eine kritische Wendung genommen haben, so ist dies auf die Schwäche und die pro-arabische Parteilichkeit der Administration, sowie auf das Fehlen von Maßnahmen zur Abwendung der Katastrophe zurückzuführen. Ich zweifle nicht, schließt Vandervelde, daß die Regierung MacDonalds, die eine starke Sympathie für den Zionismus an den Tag legt, diejenigen zur Verantwortung ziehen wird. die sich der Schwäche, Kurzsichtigkeit und Unfähigkeit schuldig gemacht haben. Schritte beim britischen Botschafter Das Präsidium der Z.V.f.D. hat dem britischen Botschafter in Berlin die vom Landesvorstand der Z.V. f. D. und von den Berliner Versammlungen beschlossene Resolution überreicht. Ebenso übersandte Direktor Wassermann den Botschafter die in der von den deutschen Mitgliedern der Jewish Agency einbemfenen Versammlung angenommene Resolution. Prof. E i n s t e i n hat gleichfalls in einem Brief an den englischen Botschafter zu den Ereignissen in Palästina Stellung genommen. Berliner Mendelssohn Feier Von der Berliner Jüdischen Gemeinde gemeinsam mit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesell• Schaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veran• staltete Feier des 200. Geburtstages von Moses Mendelssohn nahm einen überaus festlichen Verlauf. Der große Saal der Singakademie war bis auf den letzten Platz gefüllt, als nach einem musikalischen Vorspiel der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Herr Kareski, die Versammlung mit einer Ansprache einleitete, in welcher er der jüdischen Opfer der Unruhen in Palästina gedachte. Als erster Redner sprach namens der Reichsregierung Minister Severing, sodann Oberbürgermeister P ö ß namens der Stadt Berlin, und Doz. Dr. David Baumgart namens der Kantgesellschaft. Rabbiner Dr. Leo Baeck hielt die Festrede. Dr. Baeck verwies darauf, daß in Mendelssohn sich in seltener Weise ein ganzes Zeitalter verkörpert habe. Die große geistige Revolution, die zu Ende des 18. Jahrhunderts die Menschen mit glückspendendem Enthusiasmus erfüllte, fand in Berlin, das eigentlich Kolonialand war, den günstjgsten Ort und da das Schicksal Mendelssohn nach Berlin führte, so trafen alle Umstände zusammen, die Mendelssohn zum Ausgangspunkt einer neuen Epoche des Judentums machten, obwohl er weder ein Genie noch ein großer Philosoph war. Was ihn groß machte, waren nicht seine philosophischen Schriften, sondern sein Buch ״Jerusalem“, welches rum erstenmal dej> seiner Zeit weit vorauseilenden Gedanken vertritt, daß man als Jude nur dam ein guter Europäer und guter Deutscher sein kann, wenn man seine jüdische Eigenart mit aller Macht betont und pflegt. Dieser große Grundgedanke Mendelssohns ist freilich auch von der auf ihn folgenden jüdischen Generation, die seine Lehre mißverstanden hat, nicht erkannt worden. Baecks von großen historischen Perspektiven getragene und tiefe geistesgeschichtliche Aspekte auf zeigende Rede war eine würdige, jüdische Kundgebung anläßlich dieses von der großen deutschen Oeffentlichkeit mitgefeierten Jubiläums. Wir werden noch einen ausführlicheren Bericht über die interessante Feier nachtragen.