Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 71 (10.9.1929)
- Date
- 1929-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 466 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 71, 10. IX. 1929 fallen, man beklagt Beste und Herrlichste darunter, die im Kampf für die Eroberung ihres Landes das Leben gelassen haben. Und Juden verstanden wahrhaft zu klagen. Tief sind wir noch heute erschüttert, wenn wir jene Klagen kennen lernen. Noch tiefer berührt, wenn wir immer fühlen, daß dies Klagen Menschen nicht schwach machen kann, sondern sie stark erhalten hat in ihrem Glauben an ihre Aufgabe. Jedesmal erstrebte man ein Ziel: das Land. Erez-Fsrael für Am Israel. Sie fragen heute oft nach unserem Rechtstitel auf dieses Land. Nun, sogar heute, in unserer nüchternen Gegenwart, wird in der Präambel des Mandats von der ״historischen Verbundenheit“ des jüdischen Volkes mit Erez-Israel, mit Palästina, gesprochen. Und wir wissen, daß es sich hier nicht um eine äußerliche Verbindung handelt oder gehandelt hat. Es ist merkwürdig: Unser Volk entwickelt seine ganze Genialität immer nur dann, wenn ihm die Vermählung mit dem Lande gelang, mit dem ihm zugeschworenen Lande. Jedesmal, wie schon gesagt wurde, saßen andere in dem Lande. Es war n i e ein leeres Land, und wenn die Gegner der Palästina-Sache, die jüdischen Gegner, recht hätten, dann hätten weder Mosche noch Esra und Nehemia in dieses Land gehen dürfen. Und die Geschichte hat uns recht gegeben, weil Juden in diesem Lande es gelungen ist, in ungeheurer, eigenartiger Form ihr Wesen zu entwickeln und der Welt das Reinste und Edelste zu geben. Und so ging man in dieses Land immer verstrickt in die Politik des Tages, mußte fertig werden mit allen aktuellen Schwierigkeiten. Wenn• Sie fit unseren Ueberlieferungen lesen, so finden Sie alles Ewige und Zeitlose immer begleitet von aktueller Politik, vom Kaikül, von richtigen und falschen Maßnahmen, damals wie heute. Auch heute können wir behaupten, Ewiges zu erstreben, aber so wie Juden es immer taten: Es gab nie ein ״oberes Jerusalem“, losgetrennt von dem irdischen Jerusalem. Nach jüdieeher Auffassung gibt es eine Tateinheit zwischen dem, was Menschen in ihrer Zeit tun, und dem Ewigen, das sie über ihre Zeit hinaus erstreben. Und so gehen wir heute in dieses Land und legen uns jetzt Rechenschaft ab über das, was wir erlebt haben, in unseren Tagen und in dieser Zeit. Wir erlebten nach Jahrtausenden der Zersplitterung, der Atomisierung der jüdischen Welt, politische Taten, die Balfvur-Deklaration, die neue Einwanderung in dieses Land. Wir erlebten die kaum erhoffte Einigung des ganzen jüdischen Volkes, der ganzen Judenheit, die vor wenigen Wochen in Zürich stattfand, wo in feierlicher Form die Repräsentanten aller jüdischen Gemein* schäften gemeinsam mit der Zionistischen Organisation einen Bund schlossen für die Zukunft und wo wieder Erez-Israel das einigende Moment war im jüdischen Leben. Und wir erlebten vorher schon die sichtbaren Ergebnisse des Keren Hajessod. Und wir sehen alles, was durch diese Bewegung neu entstand: hebräische Sprache, jüdisches Leben, Chaluzim, Arbeiter. Das alles kann die Garantie dafür geben, daß etwas Neues geschaffen wird. Wir erlebten die Rückschläge, die Mai־Unrul1en vor acht Jahren, wo es Tote gab, und erlebten, was in diesen Tagen geschehen Ist. Wir fragen uns angesichts dieser Ereignisse; worauf kommt es an? Wir befragen unsere Geschichte und finden eine Antwort: Das Furchtbare, das wir erlebten, ist ein Prüfstein für uns und unser Werk. Für uns sind Juden gestorben. Ein Prüfstein ist unser Verhalten gegenüber diesen, die dort in der Verteidigung ihres Landes, ihrer Familie, ihrer alte« neuen Heimat, das Leben gelassen haben. Und in diesem Moment fühlen Wir, solche Zeiten offenbare« die schlechten und die guten Eigenschaften, sie offenbaren, was an Solidarität, Freundschaft, Brüderlichkeit, echter Hingabe vorhanden ist. Sie zeigen auch alles, was an Kleinmut, an Krämergeist, an Aengstlichkeit vorhanden ist. Und diese Prüfung, die wir heute vernehmen, sie zeigt uns mit Sicherheit: viele Faktoren sind für die Verwirklichung unseres Zieles wichtig, die veränderte Hai* tung der englischen Regierung, die Verbindung mit dem ara* bischen Volk, das in diesem Lande lebt und mit dem wir gerade in diesem Moment eine Verbindung erstreben, wo wir frei von Rachegefühl uns darum bemühen, nachzudenken, in welcher Form das Leben beider Völker sich in diesem Lande gestalten soll. Doch der wichtigste Faktor sind wir selbst. Die jüdische Welt, in sich gegründet, trägt in sich die Garantie für die Verwirklichung unseres Zieles. Wenn Juden etwas wo 11* ten, dann haben sie es in dieser Welt erreicht. Sie schrien oft aus tiefster Enge und sic waren oft am stärksten, wenn sie wenige waren, stark dann, wenn die unerschütterliche innere Sicherheit in ihnen lebte, wenn sie wußten, es gibt ein Juden• tum, das unzugänglich Ist aller Brutalität, das nicht vernichtet werden kann durch Angriffe. Dieses Judentum, um dessent• willen es sich überhaupt lohnt, daß wir Juden sind. Und in einem solchen Augenblick innerer Prüfung, da können wir nüt Sicherheit nicht nur den nächsten Tag, sondern die ganze Zu• kunft erwarten, wenn deutlich wird, daß die jüdische Welt sich zur Einheit zusammenschHeßt und nicht zur äußeren Einheit nur, sondern auch zur Einheit in dem Oedanken, daß in dieser Prüfung auch eine Reinigung erfolgt im Inneren. Schwere Zeiten waren immer Zeiten der Auslese und der Reinigung, und wir hoffen, diese Zeit so zu überstehen, daß in der Judenheit jetzt eine neue Auslese sich vollziehen wird, die sich mit uns verantwortlich fühlt für das schöne und starke Leben, verantwörtlich dafür, daß neue Tausende und Zehntausende in das Land kommen, verantwortlich auch für die Gesinnung und die Haltung der jüdischen Welt. Umgeben von Feinden stehen wir Juden, und alle Versuhe der Aufklärung und def Propaganda werden unerheblich sein gegenüber dem grdaen, ewig zu erneuendem Versuch, selbst etwas Neues und Unwiderlegliches zu schaffen. Gerade angesichts dieser Ereignisse, im Gedenken an unsere Toten, kommt es uns zu, jetzt aufs neue zu geloben, jeder für sich, daß wir heute die Judenheit in ihrer Reinheit zu repräsentieren haben gegenüber dem Werk, das in unseren Tagen vollendet werden muß, und wir können sagen, wir sind vermählt dem Lande Erez-Israel, Uns gehört dieses Land, wenn wir in dieses Land gehen mit unserer Arbeit, es durch unsere Arbeit erobern, wenn wir ungebrochen und unerschüttert unsere Kräfte vereinen, um dort in der Zuversicht zu leben, daß das neue Leben, der neue Zusammenhang der jüdischen Welt entsteht, daß wir alle gereinigt hervorgehen durch dieses Werk. Wir helfen durch Aufbau, nicht anderen, sondern uns selbst helfen wir in diesem Augenblick zu einem neuen, starken, schönen jüdischen Leben, das den echten Frieden der Weit herbeiführen vermag. (Stürmischer Beifall.) Prot Franz Oppenheimer: Freunde! Hütet euch vor dem Haß! Uns hat eine elementare Katastrophe betroffen: denn die im sozialen Projeß entbundenen Oewalten sind nicht weniger elementare Kräfte wie das Meer, der Sturm, das Feuer und die vom Erdbeben geschüttelte Veste. Nur sind die Verheerungen, die diese soziale Elementarkraft anzurichten imstande ist, unge• heuer viel größer und schrecklicher als alle Wut der unbriebten Elemente. Wir haben es in dem großen Kriege schaudernd erlebt: hat jemals eine Sturmflut, ein Teifun, eine Feuersbrunst, ein Erdbeben, ja, hat jemals die furchtbarste Pest so viele Menschenleben vernichtet wie diese soziale Elementarkataatrophe?! Und dennoch weiß heute in allen den Lindern, die so unendlich gelitten haben, jeder, der klaren Verstandes und guten Willens ist, daß hier von menschlicher Schuld nur in dem Sinne gesprochen werden kann, daß einzelne oder alle Leiter der Völker sich als unzulänglich, als leichtfertig, erwiesen haben: aber wer spricht noch von einer Schuld der Völker?! Was angesichts dieses ungeheuersten Weltbebens der ganzen Geschichte recht ist, muß auch recht sein gegenüber diesem kleinen Beben im Lande unserer Liebe und Mühe, so schmerzlich es immer unser Gefühl verletzt hat. Hütet euch vor dem Haß! Wenn er in uns aufwalien will, wenn er jähzornig nach Rache ruft für das kostbare vergossene Blut, so wißt, daß es die gleiche etementare Naturkraft ist, die sich in euch aufbäumt und aus Urmenschen-Instinkten heraus die Gesamtheit in jedem ihrer Olieder verantwortlich machen möchte für das, was andere einzelne aus ihrer Gesamtheit gesündigt haben. Aber uns Juden ist es geradezu als Sendung auferlegt, gegen diese furchtbarste aller Elementargewalten zu kämpfen, außer uns und noch härter und erbarmungsloser in uns selbst. Denn wir haben unter ihren Ausbrüchen gelitten wie kein anderes Volk der Erde seit zweitausend Jahren, den Anwohnern eines Vulkans gleich, die immer wieder ihre Häuser zerstört und ihre Fruchtfelder verwüstet sehe» müssen. Wir sind die Blutzeugen dieser diabolischen Macht, und, ich wiederhole es, es ist geradezu unsere geschichtliche Sendung, ihr zu widerstehen und alles daran zu setzen, daß die Menschheit auch diese ungeheuerste aller Kräfte in ihren [Menst einzuspannen lerne, wie sie das Meer, das Feuer, die Luft und die Erde sich unterworfen hat. Wenn wir ihr dienen, statt ihr zu widerstehen; wenn wir aus Urinstinkten heraus nach Rache schreien, ,dann rechtfertige« wir nachträglich alles, was die anderen uns in den zwei Jahrtausenden angetan haben. Verstehen wir uns recht: hier wird kein feiges Vergessen gepredigt. Wenn wir auch keine Rache wollen, wir wollen unser Recht! Unser Recht nach allen Seiten hin. Wenn ein Damm brach, und die Sturmflut die Dörfer zerstörte, dann hassen die Betroffenen das Meer nicht: aber sie untersuchen sehr genau, ob der Deichhauptmann seinem Amte gewachsen war oder nicht, ob er seiner Pflicht genügt hat oder nicht. Und ihn trifft die Strafe, wenn er als unzulänglich befunden wurde• Solche Untersuchung zü fordern, und zu fordern, daß aus ihrem Er• gebnls die notwendigen Folgerungen gezogen werden, ist unser Recht, und auf dem werden wir bestehe«, ״und wenn die Welt voll Teufel war’". Wir wollen auch Recht gegen die Mörder, an deren Händen das Blut der Unseren klebt. Nicht aus Rache, sondern, weil es Recht ist. Wenn der elementare Prozeß, der heute noch die menschliche Gesellschaft beherrscht, es mit sich bringt, daß hier um! da in Explosionen schreckliche Ge* walttaten geschehen, so bringt er es nicht jjündfr mit sich,;, daß die ■Titer 'dafür bestraft *erden,.;׳KÄ‘‘’aeisllschaft;:i«t< denkbar, in der nicht jeder für die Folgen seiner Handlungen einzustehen hat. Mag unser Mitleid mit den Opfern sein, die die Elementarkatastrophe nun auch in ihren letzten Folgen unter den raitgerisseaen Tätern fordern wird: die Majestät des Gesetzes fordert die Sühne, und wir fordern sie, nicht als unser, sondern als das Recht. Wir fordern schließlich, daß die Staatsgewalt, die uns nicht schützen konnte, uns nicht des Urrechts aller Menschen beraubt, uns selbst zu schützen: das einzige unverlierbare Recht des Individuums, das ihm sogar ein Hobbes zugestand. Bis das Land vollkommen befriedet ist, bis wir Juden mit den Arabern zu einem einzigen Volke verschmolzen sein werden, fordern wir das Recht der Waffe und der Selbstverteidigung. Vor allem in der Form, daß wir in der mobilen Macht des Landes, in dem Heere und der Polizei, in einer Stärke ver• treten sind, die die Wiederholung solcher Greuel unwahr• scheinüch macht: aber auch in der Form, daß älteren und be• währteren Bürgern das Recht des Waffenbesitzes und der Waffenübung unverkürzt gewährleistet werde und bleibe. Wir lassen uns nicht wehrlos dem Schlächter vorwerten, und wir betrachten cs als ein Gebot der Ehre, iins zu wehren, wenn wir angegriffen werden, gerade wie wir es als ein Gebot der Ehre betrachten, unsererseits nicht anzugreifen und jeden aus unserer Mitte, der ohne Herausforderung und eigene Gefahr zur Waffe greift, zur härtesten Verantwortung zu ziehen. All das fordern wir und geloben wir zu tun, weil es Recht ist. Aber es braucht mehr, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten und einen Staat aufzubauen, als nur das Recht: es braucht auch Liebe! Wir hüten uns vor allem Haß. Wir denken nicht daran, die Araber in Bausch und Bogen für das verantwortlich zu machen, was einige von ihnen als Anstifter und andere als deren viel mehr zu bedauernde Opfer verbrachen. Was ich immer vertreten habe, seit ich die Ehre und Freude habe, der zionistischen Sache und dem Aufbau des Heiligen Landes dienen zu dürfen, vertrete ich heute mit noch größerem Nachdruck, mit noch stärkerer Berechtigung, und bin von Herzen froh, daß ich damit die Ueberzeugung aller meiner Genossen an der großen Aufgabe ausdrücke: wir wollen mit den Arabern nicht bloß ln Frieden, wir wollen mit ihnen in Liebe im Lande hausen! Sie sind unsere Brüder, nicht bloß, weil das Arabische und das Hebräische die nächstverwandten Spraeben, und weil sie wie wir ״Semiten“ sind; sondern wir sind noch in einem viel näheren Sinne Brüder. Kein Zweifel daran, daß die Landbevölkerung Palästinas zum allergrößten Teile sitzen blieb, als der Römer die Honoratioren der Städte aus dem Lande trieb. Sie wurden isiamisiert, nahmen die arabische Sprache an, wie Sie schon früher einmal die aramäische angenommen hatten, und werden heute von Menschen, die wahrscheintich zumeist keinen Tropfen arabischen Blutes in ihren Adern haben, gegen uns gehetzt, als Araber gegen Hebräer, als Autochthonen gegen Eindringling«, und sind doch unsere nächsten Verwandten! Wären sie aber auch ganz sprach* und rassefremd, so geböte dennoch das Recht und die Liebe, sie als Brüder zu behandeln. Palästina kann nie etwas anderes werden ־und sein als eine levantinische Schweiz, in der im Genuß voller Freiheit verschiedene Sprachvölker als Brüder miteinander leben. Und könnte es selbst ein J uden« Staat werden, in dem eine Mehrheit von Juden die Araber als Minderheit niederhielte und unterdrückte, etwa wie Minoritäten in Europa heute von ungesetzlicher Gewalt unterdrückt werden: so fordern das Recht und die Liebe, daß wirsolchen Staat verwerfen, selbst wenn wir ihn haben könnten. Was wir itn Lande unserer Väter schaffen, das soll womöglich alles bisher Vorhandene an Gerechtigkeit, Schönheit und Reichtum übertreffen, aber wahrlich nicht hinter dem schon heute Verwirklichten, eben der Schweiz, so weit Zurückbleiben, wie es die Zerrbilder einer Gemeinschaft tun, die der Nationalismus heute überall in die Welt setzt. Wir wollen die wahre Demokratie, und die sagt nicht bloß, wie ein geistreicher Amerikaner es ausdrückte: ״ich bin so gut wie du“, sondern im gleichen Atem: ״Dubistsogutwieic h“. Das haben wir dem Araber zu sagen, der wie wir der Angehörige einer im höchste« Grade kulturfähigen, durch hohe Kulturleistungen berühmten Volkheit ist, den als minderwertige Minderheit behandeln zu wollen, geradezu eine lächerliche Anmaßung darstelit. Wenn niedrig geborene und schlecht erzogene, arme und daher begehrliche, Araber die Greuel begangen haben, die unser Blut gerinnen machen, so ist die einzige menschliche Folgerung, die wir zu ziehen haben, daß wir daran mitzuhelfen haben, diese Dinge zu bessern: wir haben mit daran zu arbeiten, daß die Araber besser gebildet, weniger fanatisierbar und wohlhabender werden. Als man uns das Land anvertraute, vertraute man uns auch das im Lande wohnende Volk an. Wir haben uns in dieser ersten Stunde redlich zu prüfen, ob wir alle diese Aufgabe immer richtig verstanden, und ob wir alle ihr richtig nachgelebt haben. Jedenfalls liegt hier der Weg unserer Zukunft; wenn wir ihn gehen in voller Liebe zu allem Menschliehen, auch wo es sich verirrt, dann ist mir um die Zukunft des Landes und des Volkes nicht bange, trotz alledem. Hütet euch vor dem Haß! (Langanhaltender Beifall.) Dr. Friedrich BrodnUz: Wir alle haben uns hier vereinigt, um unsere« Schmerz über die Opfer der schrecklichen Ereignisse in Palästina Ausdruck zu geben. Aber wichtiger als das ist für uns die Frage, was bleibt uns zu tun. Es ist ja auch immer jüdische Art gewesen, nach einem Unglück, das uns oft genug in unserer Geschichte getroffen hat, sich nicht lange mit Wagen aufzuhalten, sondern den Blick vorwärts zu wenden. Wenn das Haus abgebrannt ist, dann gilt es zu fragen, wo der erste Stein des neuen Hauses zu stehen hat. Alle müssen wir zusammenstehen, wenn wir diese, unsere Aufgabe erfüllen wollen, Solidarität, Konzentration «Her Kräfte Ist das Gebot dieser Stunde, Es ist ein bedeutsames Zusammentreffen, daß diese schwerste Stunde, die das Aufbauwerk seit vielen Jahren durchmacht, das Judentum in einem Augenblick findet, wo es sich zum Aufbau Palästinas zusammengeschlossen hat, und um so bedeutsamer empfindet es der Kreis, dem ich angehöre, daß er gerade in dieser Stunde das Bekenntnis zu dieser Solidarität aller Juden ab- 1 egen da r f. Dieser Kreis ist neu in seiner Zusammensetzung, neü sind auch wir j» diesem Kreise, aber nicht neu ist unser alter Wunsch, diesem Kreise anzugehören. Insbesondere die Jüngerfir u11fer?ens hlb# l®We? brtÄtrWe sehr sie es bedauern, durch die bisherige Gestaltung des Aufbauwerkes an der Mitarbeit verhindert zu sein. Wir haben den Ruf der Agency auf das freudigste begrüßt und sind ihm gefolgt. Wir haben uns nicht durch Bedenke» vieler unserer Freunde zurückhalten lasse», dem Ruf zu folgen, Bedenken, die darin bestanden, daß man glaubte, daß wir die Kräfte, die wir jetzt für das Aufbauwerk einsetzen werden, entziehen müßten für Aufgaben der deutschen Juden in ihrem Vaterlande. Es ist ein Gebot der Ehrlichkeit, hier zu sagen, daß wir diese Aufgaben auch weiterhin für wichtig und wesentlich halten, und niemand, der die Notschreie eines stillen, aber verzweifelten Kampfes hört, den deutsche Juden um ihre Existenz hier führen, darf sich der Beteiligung an diesen Aufgaben entziehen. Es hieße die Begeisterungsfähigkelt des menschlichen Herzens unterschätzen, wenn man ihm nicht die Ziele so weit steckt, wie es möglich ist. Deshalb betonen wir in dieser Stunde ausdrücklich: Wir stehen hier in diesem Kreise der Freunde des Aufbauwerkes nicht mit einer versteckten Rechentafel in der Tasche, auf der wir unsere Beteiligung ausrechnen. Wir kommen mit dem Wunsch und dem ehrlichen Willen, ganze Arbeit zu leisten. Wir könnten auch gar nicht anders handeln, denn das, was uns treibt, es ist rin ganz einfaches Gefühl, es ist die Liebe zu Erez-Israel. Es ist ein Gefühl, das durch alle Schichten und alle Kreise, insbesondere der jüdischen Jugend geht. Wer die Möglichkeit hat, sich über die Stimmungen unter der jüngeren Generation zu orientieren, der wird wissen, daß gerade diese einfache Liebe zu dem Aufbauwerk es ist, hinter der das Trennende aller Anschauungen zurücksteht. Es ist nicht unsere Absicht und nicht die Absicht dieses Kreises, die be* stehenden Differenzen zu verwischen. Auseinandersetzungen wird es immer geben müssen. Aber bei aller Verschiedenheit haben wir das tiefe Bedürfnis, eins zu betonen, was lange nicht betont worden ist: Die Einheit des Judentums. So wird uns dieses Aufbauwerk zu einem Symbol, das hin* auswächst über den ersten Zweck, die realen Leistungen für den Aufbau des Landes, es wird zum Symbol dafür, daß es noch nicht so ist, wie es manchmal scheinen mußte, daß das Judentum, sich aufgelöst hat in kleine Gemeinschaften mit Sonderinteresaen. Deshalb versprechen wir uns von dieser Arbeit eine Wirkung und Ausstrahlung, die weit über das hinausgehen wird, was real geschaffen wird. Insbesondere glauben wir, daß es auch hier, in unserer engen Gemeinschaft der deutsehen Juden zu einer Milderung der Gegensätze kommen wird. Nicht eine Verwischung der Gegensätze wollen wir, um es immer wieder zu betonen. Jeder soll seine ehrlich erworbene Anschauung vertreten. Aber müde sind wir der Schlagworte des Kampfes. Wir wollen keine Kompromisse. Einen Wunsch wollen wir aussprechen: schafft die Atmosphäre der jüdischen Ock'enflichkeit, in der das Werk, das wir hier beginnen wollen, das Werk der Jcwish Agency, gedeihen kann. Es ist wahrhaftig so, wie es in Zürich gesagt worden ist, daß das Aufbauwerk jenseits jeder Philosophie steht. Motto unserer gemeinsamen Arbeit wird das stolze Wort Marshalls sein: Ziel und Ende der Arbeit der Jewish Agency ist, daß Palästina erbaut wird. Unser erster Kampf wird aber gegen die Gleichgültigen gerichtet sein, an die kein Wort rührt, von dem, was hier gesprochen wird. Stresemann hat auf der Verfassungsfeier gesagt, das Widrigste ist die Behaglichkeit, mit der man den Geschicken de* Vater-