Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 70 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 456 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 6. IX. 1029 ringe Anzahl englischer Truppen, die im Lande waren, in Jetu־ salem und Jaffa gebraucht wurden, brachte auch dieser Hilfe• ruf keinen Nutzen. Im Oegenteil, er führte zu einer Verschlech• terung unserer Beziehungen cum Captain Button, der in unserer ständigen Forderung nach englische» Militär ein Zeichen des Mißtrauens gegen ihn erblickte. — Am späten Nachmittag wurde ein Abkommen zwischen mir und den Scheichs von B a h a n i n und Dar as Salami geschlossen, daß sie in dieser Nacht in Ben Schemen bleiben. Der Kaufmann Nassif sollte sich zuerst an einer Versammlung in Ludd beteiligen, und später Im Schutze der Nacht, nach Ben Schemen kommen, lnzwischen wurde es dunkel. — Als ganzer Schutz ist ein Polizist geblieben, allerdings ein Kerl von Format. Riesengroß, mit einem riesigen Maul, vor dem man Angst bekommen kann. Seiner Geschicklichkeit und seinem Mut verdanken wir viel. <Daß er eine hohe Belohnung bekommen würde, wenn alles gut abgehen sollte, war ihm bekannt.) — Es ist 9 Uhr und die Scheichs, der Polizist, zwei arabisch sprechende Moschawniks und ich sitzen vor dem Haus; wir letzteren haben die Aufgabe, die Araber abzulenken von den Maßnahmen, welche unsere Leute zur Verteidigung treffen. — Plötzlich ist der Polizist verschwunden. Nach einer Stunde erscheint er auf der Bildfläche, neben ihm, ebenfalls zu Pferde, ein Araber. Es war der Muchtar (Dorfältester) von dem uns feindlichen Dorf Chadite, den er höchst unfreiwillig als Geisel nach Ben Schemen gebracht hatte. Vor Chadite waren wir also gesichert. Um 111/3־ Uhr hören zuerst die Posten, danach der ganze Hof ein wildes Schreien. Da die Araber ihre Angriffe stets mit Geschrei zu begleiten pflegen, schien es klar, daß die Araber zum Angriff vorgehen. Es stellte sich bald heraus, daß die Araber nicht uns anzugreifen kamen, sondern um Ihren Muchtar zurückzufordern. Der Muchtar schwur, daß er das Dorf nicht angreifen würde, und der Polizist brachte ihn zurück. Nicht lange Zeit danach kam mit seinem Auto Captain Buston, durch seine Spitzei hatte er von dem beabsichtigten Angriff auf Ben Schemen gehört. Unter Begleitung eines Kommandos fuhr er in die Dörfer, ließ sich die Scheichs bzw. Muchtare rufen und erklärte Urnen folgendes: Alle Dörfer der Nachbarschaft sind für heute nacht verantwortlich für Ben Schemen. Geschieht Ben Schemen in dieser Nacht irgend etwas, so sind die Dörfer der Nachbarschaft der Regierung gegenüber verantwortlich mit ihrem ganzen Hab und Gut. 26. August. Wir dachten, nun ist die Gefahr vorüber und es herrschte am Morgen eine plötzliche optimistische Stimmung bei uns allen. Diese Stimmung wurde durch eine neue Nachricht aus Ludd getrübt. Man sollte am Nachmittag die in Jaffa getöteten Leute aus Ludd nach Ludd bringen und dort sollte die Beerdigung sein. Der Weg nach Jaffa war militärisch gesperrt und wieder rief man die Leute auf, nach Ben Schemen zu gehen und Rache zu nehmen. — Unser Freund Nassif versprach am Morgen zu kommen, kam aber nicht Es ist verständlich, daß dies von den Ben Sehernenern als schlimmes Zeichen gedeutet wurde und daß, vor allem unter den Koloniebewohnern, eine panikartige Stimmung entstand. Die Nachrichten, die wir inzwischen bekamen, verschlimmerten die Stimmung: In Hebron wurden 45 Schülern der ״Jesehiwah“ die Kehlen durchgeschnitten. Im Emek sind Kämpfe usw. (Noch heute weiß ich nicht, ob diese Nachrichten auf Wahrheit beruhen oder nicht.) — Am Mittag kam Njssif und brachte aus Ludd folgende Nachricht: Die Aelfestiih von Ludd haben die Verantwortung für die Sicherheit Ben Schemens übernommen. (Wie mir heute Mohamed, der Sohn des alten Chadsch, erzählte, erinnerten die Aeltesten die Bevölkerung von Ludd daran, daß während des Erdbebens Ben Schemen die erste ärztliche Hilfe geleistet hätte.) Nassif erklärte sich bereit, eine schriftliehe Garantie zu geben, daß Ludd Ben Schemen nicht angreifen wird. Nach diesen Stunden voller Spannung wirkte diese Versicherung von seiten eines Mannes, an dessen Treue wir nicht zweifelten, außerordentlich beruhigend. — Am Nachmittag sichteten wir mit unserem Fernrohr (Dank an Frau Fehr!) eine Abteilung englischer Matrosen auf dem Weg nach Ben Schemen. — Die Abteilung blieb einige Zeit bei uns und fuhr dann zurück. In der Nacht hielten wieder die Scheichs, ein Bruder eines Scheichs und Nassif Wache vor der Farm. Trotz des Vertrauens diesen Arabern gegenüber war es für beide Seiten klar, daß die Araber das Innere der Farm, die mittlerweile in einen guten Verteidigungszustand gebracht wurde, nicht betreten durften, ich dachte zuerst, daß diese Vorsichtsmaßnahme die Araber beleidigen würde, aber sie fanden das selbstverständlich. Ein Kolonist und ich blieben mit ihnen den größten Teil der Nacht zusammen. 27. August. Heute, Dienstag vormittags, kam Scheich Sahib, der am Morgen in sein Dorf zurückgekehrt war, nach Ben Schemen und erzählte folgendes: Er hatte einen Boten aus einer kleinen Stadt, nicht sehr weit von Ludd, vorgefunden, der sehr besorgt sich nach dem Ergehen seiner Leute erkundigte. In jener kleinen Stadt erzählten Leute, die aus unserer Gegend kamen, daß Ben Schemener Juden das Dorf des Scheichs angegriffen und alle getötet hätten. Er sei als Bote geschickt worden, um Einzelheiten zu erfahren. — Es war offensichtlich, man verbreitete diese Nachricht, um die Kampf- Stimmung gegen Ben Schemen zu steigern. — Ferner hörte der Scheich in seinem Dorf, daß die Dörfer Beth Babala, Chadite und Budrus auf ihn sehr schlecht zu sprechen sind, weil er auf seiten der Juden gestanden habe. Er könne jetzt nicht mehr allein in Ben Schemen über Nacht bleiben, Sondern nur zusammen mit den Leuten seines Dorfes. Uns riet er, besonders vorsichtig heute nacht zu sein, weil die feindlichen Dörfer Feuer an unsere Scheunen legen würden, wie in der in unserer Nähe gelegenen Kolonie Hulda. Gestern nacht sahen wir in der Richtung von Hulda ein großes Feuer. Wir ahnten, daß es Hulda sei, hatten aber keine Sicherheit. Heute erfuhren wir mit Bestimmtheit, daß die Araber Hulda in Brand gesteckt hatten. Der Gedanke, daß in dieser Nacht Ben Schemen drankommen würde, war nach der Warnung des Scheichs nahe- Hegend und die Stimmung in Ben Schemen, die schon recht zukunftsfroh war, sank wieder beträchtlich. — Trotzdem entschlossen wir uns, den Vorschlag des Scheichs, seine Leute für die Nacht nach Ben Schemen zu bringen, nicht anzunehmen. Am Nachmittag kamen Autos mit englischen Matrosen nach Ben Schemen; auf unsere Veranlassung fuhren die Autos in die Dörfer, um zu demonstrieren, daß bei einem Angriff Schutz in der Nähe sei. 28. August. Die Nacht von gestern zu heute ging ebenfalls ohne Störungen vorüber, wir haben heute den ersten Tag, wo wir das Gefühl haben, daß alles gut übersianden ist Nur *n ein Verlassen von Ben Schemen ist auch heute nicht zu denken. Wir haben durch Hoofien, der jetzt der Vertreter der Zionistischen Exekutive ist, gebeten, daß wir wenigstens für unseren Verkehr mit Tel-Awiw militärischen Schutz bekommen. Telephonisch besteht Verbindung mit Hoofien, der in den letzten Nichten in ständigem Verkehr mit uns Stand. Obgleich in militärischer Beziehung von diesen nächtlichen Gesprächen nicht viel ixt erwarten <var, waren wir Hoofiert für seine alle drei Stunden erfolgenden Anrufe dankbar. — Da zu ihm alle Offiziellen Nachrichten kamen, hörten wir durch ihn, was in unserer Umgebung vorging. Die Araber des Dorfes Naue schossen auf die Juden, die von der von uns nicht weit gelegenen Kolonie Ekron evakuiert und von Captain Buston nach Ramleh überführt wurden. Eine sofort einsetzende Strafexpedition aus 2 Flugzeugen tötete durch Bomben viele Mensehen in der Gegend von Naue. Buston holte sich die Scheichlm der Nachbardörfer, fuhr mit ihnen nach Naue, zeigte ihnen die Toten und warnte sie vor unüberlegten Handlungen. Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Methode der Aufstellung eines Exempels in diesem Ausmaß die richtige ist; es ist aber kein Zweifel, daß im Augenblick dem wilden Schießen auf Juden in unserer Gegend durch dieses Exempel ein Ende bereitet wird. Aber wer •weiß, wie lange Zeit die Erinnerung an Naue auf die Bevölkerung wirken wird. 29. August. Heute ist Donnerstag. Fenster und Türen sind noch verbarrikadiert oder verschlagen, aber das Leben beginnt schon etwas normaler zu werden. Viel können wir in diesen Tagen von Mitarbeitern und Schülern noch nicht fordern, da wir der Reaktion, die den Tagen der Spannung folgen mußte, Rechnung tragen müssen. Heute war seit Sonnabend die erste Nacht, wo wir verantwortlichen Mitarbeiter uns ausriehen konnten. Der arabische Verkehr auf unserer Straße beginnt lebhafter zu werden, und darin sehen wir ein gutes Zeichen. Zum Zeichen der Friedfertigkeit kam gestern ein arabisches Auto mit einer weißen Fahne atn Kühler bei uns vorüber. Heute abend versammelten wir uns das erste Mal, um über die Lage im Lande zu sprechen. Es war uns allen klar, daß die Ereignisse in der letzten Woche von ganz außerordentlich entscheidendem Einfluß auf die Zukunft Palästinas sein werden.... Belagerung in Beth Hakerem (Aus Privatbriefen von Frau Hilde Löwenstein, Jerusalem.) Am Mittwoch, dem 4. d.M. ist eine große Anzahl von Briefen aus Palästina in Deutschland eingetroffen, die erste Post, die nach Ausbruch der blutigen Kämpfe, also nach dem Unglücksfreitag vom 33. August, hier ankam. In den Briefen wird eine Schilderung der persönlichen Erlebnisse des Einzelnen gegeben, die natürlich keine weitgehenden Schlüsse erlauben, aber doch für die Stimmung dieser Tage bezeichnend sind. Wir verpichten hier auf Abdruck von Zuschriften, die nur dasselbe berichten, was schon in den von uns veröffentlichten Telegrammen enthalten war. Dagegen geben wir nachstehend einige Stellen aus Privatbriefen wieder, die man uns zur Verfügung gestellt hat. Red. Montag, 26. August 1929. . . . Freitag mittag, die Straße Beth Hakerem—Ain Karim unruhig, Gerüchte, Bombenexplosionen in der Stadt, da plötzlich knapp 100 m hinter unserem Hause, Gewehrschüsse, wir rein Ips., Haus, zugeschlossen. , Eine Viertelstunde später sehen wif Leute Igugn, «gfaen raus, Taufen 0hn”HuF, ׳hinein׳las Seminar. (päa» N#u|au des Jellinschen Lehrerseminar. — A. d. R.) Hier hausen wir seitdem in einer wahren Festung, mit Hauptquartier, Verpflegungskommission, Krankenzimmer, Post usw. Denselben Freitag abend kamen noch Haganah-Leute zu unserer Verteidigung, Beth Hakerem hat selbst eine ganze Menge Waffen. Trotzdem kann ich Dir kaum beschreiben, wie entsetzlieh die Nacht war. Ununterbrochen wurde geschossen, von allen Seiten. Die meisten Araber kamen aus der Richtung Bajith Wegan, der Angriff vollzog sich aber in einem großen Bogen, kurz und gut, wirklich in den letzten entscheidenden zehn Minuten kamen Polizisten aus der Stadt, telephonisch herbeigerufen und wir waren gerettet Sonnabend früh wurde es ruhiger, man bekam zwar schon Schreckensnachrichten aus dem ganzen Lande, doch auch die Botschaft, daß das englische Heer aus Aegypten unterwegs sei. Wirklich kamen am Nachmittag 50 Engländer in Flugzeugen und seitdem fühlen wir uns sicher. Im Augenblick, in dem ich dies schreibe, wurden gerade uns gegenüber 15 Araber im Tal nach Rechawjah zu umzingelt und mit Maschinengewehren erschossen oder gefangen genommen. Wir sind schon ans Schießen gewöhnt, bloß nachts Ist es furchtbar unheimlich. Zu einer Schlacht nach europäischem Geschmack kann es in unserer Gegend kaum kommen, stelle Dir das Gelände vor! Es sind kleine Ueberfälle aus dem Hinterhalt, die aber plötzlich und unvorbereitet kommen und nicht immer ganz angenehm sind. Trotzdem gibt es weder bei uns noch in Sch’chunath Montefiore Verwundete. Auf dem Dache unseres neuen Hauses (Seminar) stehen Maschinengewehre, ständige Wachen, sowohl des Militärs, wie der wunderbar mutigen Haganah, und man sagt, daß unsere Festung der bestgeschützteste Ort des. Landes sei. Auch das andere: sanitäre Bedingungen, Verpflegung usw. ist ganz gut organisiert und nicht sehr knapp; man macht Anschläge, wie 1917 ״Jetzt gibt’s Butter“. Wir haben uns mit Matratzen, Primus usw. ganz gut eingerichtet und — warten. Die Kinder sind wohl, verhältnismäßig vernünftig und leiden eigentlich kauin bisher, bis darauf, daß sie etwas nervös geworden sind und Rajah ununterbrochen fragt, warum ״unsere Brüder“ eigentlich auf uns schießen. Die Erziehung dieser Generation zum Pazifismus dürfte etwas schwierig werden, . . . Sogar Milch gibt’;s für Rafft, denn Igaels Kuhstall ist ins' Seminar übergesiedelt. ... Donnerstag, 28. August. . . . Wir hausen weiter Tag und Nacht in unserer Festung, gehen einmal am Tage zu Kabaks, in deren Wohnung wir uns waschen, denn da Ist es ganz ungefährlich. Sonst haben wir uns schon etwas besser eingerichtet, haben genügend Matratzen und Decken, Proviant vorläufig ausreichend, das heißt, Brot, Milch und Büchsenkonserven, 60 daß wir es eine Weile aushalten können. Außerdem glaube ich, daß es sich beruhigt oder auf andere Punkte konzentriert. Immerhin hausen wir von 7 Uhr an im Dunkeln und da noch jede Nacht geschossen wird, ist es meistens reichlich unheimlich. Trotz so starker Bewachung, drei Maschinengewehre, Leuchtkugeln usw., ist In der vergangenen Nacht ein Haus neben der Synagoge von A—Z geplündert worden. Ueberhaupt zeichnen sich die Araber durch Plündern und Brennen aus. Bäckerei Beerman arbeitet unter polizeilichem Schutz. ... Die Zionistische Exekutive hat zur Untersuchung der Vorfälle in Palästina eine juristische Kommission eingesetzt, zu deren Vorsitzenden Dr. Moses Sraoiw, der bekannte aus Deutschland stammende Zionist, berufen wurde. [״Harold M, Wiener | Mit Harold M. Wiener, de« in Jerusalem ln der vergangenen Woche getötet wurde, ist eine der edelsten Gestalten des Jischuw dahingegangen. Ueber seine wissenschaftliche Bedeutung Werden Fachmänner sprechen, hier sei nur soviel gesagt, daß er einer der ersten war, welcher mit modernen wissenschaftlichen Mitteln den Kampf gegen die Wellhausensche Bibelkritik auf genommen hat. Wiener war von Beruf Jurist und begann zunlchst von der juridischen Seite aus die kritische Zersetzung der Bibel zu bekämpfen. Seine Kritik der Bibelkritik und seine positiven Forschungen, nachdem sie jahrelang ignoriert worden waren, hatten in den letzten Jahren die Beachtung der wissenschaftlichen Welt gefunden und werden auch weiterhin ihre Wirkung tun. Wiener trug sich in den letzten Jahren mit dem Plan einer Geschichte des jüdischen Volkes in der biblischen Zelt; dieser Plan Ist aber wohl nicht mehr zur Ausführung gelangt. Hier sollen einige Worte über den großen Menschenfreund Wiener gesagt werden. Er kam vor etwa fünf Jahren nach Palästina, nicht eigentlich als ״Zionist“, sondern als religiöser, tief gläubiger Jude, der davon überzeugt war, daß Palästina noch eine große Rolle in der künftigen Ent- Wicklung der jüdischen Religion spielen wird. Den politischen Zionismus und jeden Nationalismus lehnte er ab, und sogar gegen die Einführung des Hebräischen als Sprache des täglichen Verkehrs, hatte er viele Einwendungen. In einem oder zwei Jahrhunderten, nicht früher, so pflegte er zu sagen, wird Palästina seine Bedeutung für die jüdische Religion wiedergewinnen, wir haben nur das Werte des Anfangs zu tun. Sein Bestreben war vor allem darauf gerichtet, das Selnige dazu beizutragen, damit die religiösen Gegen• sätze in Palästina gemildert werden und die gemeinsame Grundlage aller Religionen gestärkt werde. Er wirkte In diesem Sinne vor allem durch sein persönliches Beispiel. Am Sabbat stand sein Automobil den Nonnen von Bethlehem zur Verfügung, damit sie ihre Krankenbesuche in den umliegen• den arabischen Dörfern machen konnten. Ueberzeugt davon, daß der Boykott arabischer Arbeit, wie er vielfach den Juden Palästinas gepredigt wird, eine unglückselige Maßnahme sei, bemühte er sich, bei Arbeiten, die er zu vergeben hatte, Angehörige aller Stämme und Religionen heranzuziehen. Er ließ junge Araber auf seine Kosten studieren, unterstützte die Raudat el Muaref, die unter der Verwaltung des Moslemischen Obersten Rates stehende Schule (gerade weil sie eine autonome moslemische Schule war und nicht der Regierung unterstand), er förderte, ohne daß jemand davon erfuhr, durch freigebige Darlehen jüdische Studenten. Er bestellte bei einem christlichen arabischen Schriftsteller eine arabische Uebersetzung von Lessings ״Nathan“, welche in einem Jahr fertig werden sollte und die er im ganzen arabischen Orient verbreiten wollte. In hebräischer Sprache sollte demnächst ein Werk erscheinen, welches den Ideen des Friedens und der Menschheit gewidmet sein sollte und dessen Druckkosten er tragen wollte. Er hatte die Absicht, im nächsten Jahr unter den Zionisten dafür zu wirken, daß sie durch direkte finanzielle Unterstützung moslemischer Schulen ihre gute Gesinnung gegenüber den Arabern an den Tag legen. 1 Wie er seip ffaus in Jerusalem ״Haus der Menschheit“ nannte, so wollte er alles in seiner Macht Stehende tun, damit sich über den Gegensatz der Stämme und Religionen Palästinas ein allgemeines palästinensisches Heimatsbewußtsein erhebt. Die Araber würdigten seine Tätigkeit. Bei dem großen religiösen Feste, welches im letzten Frühjahr auf dem Platze der Omarmoschec abgehalten wurde, war Wiener der einzige jüdische Ehrengast. Möchte die Erinnerung dieses edlen Mannes unter Juden und Arabern Palästinas fortleben und uns helfen, die schwere Krise zu überwinden. * Hugo Bergmann. * Reuter meldet, daß der am 23. August von Arabern beim Damaskustor in Jerusalem ermordete jüdische Gelehrte Harold Wiener in seinem Testament 10000 Pfund für verschiedene moslemische Institutionen hinterlassen hat. Ueber den T od von Harold Wiener gibt Reuter eine eingehende Darstellung, der wir folgendes entnehmen: Am Morgen des 23. August ersuchte Wiener seinen Sekretär, Mr, Lionel Kenyon, sein Auto fertig zu machen, da er sehen wolle, was in der Stadt los sei. Der Sekretär versuchte durch allerlei Verzögerungen, ■Wiener davon abzubringen, bis dieser sagte: Wenn Sie nicht wollen, werde ich allein gehen. So fuhren sie um halb zwei ab. Wiener erklärte, er müsse zwei junge Juden, die gerade in seinem Hause arbeiteten, in ihre Wohnungen bringen. Unmittelbar vor dem Damaskustor begegneten sif einer arabischen Menge, die den Weg versperrte. Sie umdräng• teil das Auto, und ein Mann fragte auf arabisch Wiener: ״Was sind Sie?“ Wiener richtete sich auf, kreuzte seine Arme übet der Brust und antwortete arabisch: ״Ana Jahud“ (Ich bin ein Jude). Darauf der Araber: ״Dann nimm dieses!“ und schoß ihn in die Brust. Wiener vermochte nur noch das Wort ״Lionel I“ hervorzubringen und starb sofort. Mittlerweile erstachen andere Araber die beiden jungen Juden. Mr. Kenyon, der sein Leben dem Umstand verdankt, daß er einen Tarbusch trug, schlug zwei die Räder des Autos festhaltende Araber nieder, und gerade in diesem Moment erschien britische Polizei, worauf die Menge entfloh. Wiener war 55 Jahre alt und hatte in Cambridge seine Ausbildung genossen. Im Jahre 1901 wurde er in London als Advokat (Barrister) zugelassen. Der Korrespondent der Reuter-Agentur in Palästina gibt vom 1. September eine ausführliche Schilderung eines Besuches in Hebron, wohin er den Chefsekretär der Palästina- Regierung, Mr. Luke, begleitet hat. Die Kommission hat samtliehe Plätze besichtigt, wo Mordtaten an Juden vorgekommen sind, und Einzelheiten darüber gesammelt. Eine Anzahl solcher grauenhaften Einzelheiten gibt nun der Korrespondent wieder, und die Darstellung wird von der englischen Presse abgedruckt. U. a. wird geschildert, wie am 24. August ein arabischer Haufen von etwa 4000 Menschen, darunter viele Frauen, sich durch die Stadt ergoß, zuerst zwei jüdische Knaben ermordete und dann alle jüdischen Häuser überfiel. Die arabische Polizei stand völlig untätig dabei. Mr. Cafferata allein hielt mH großer Kühnheit den Haufen eine Zeitlang auf. Als später Cafferata in das Ghetto kam, von wo er Hilferufe hörte, erschoß er einen Mann, den er morden sah und beobachtete einen anderen Araber, der gerade gegen ein bereits blutendes Mädchen den Säbel erhob. Er wollte den Mann niederschießen, da rief dieser: Ich bin ein Polizist. Cafferata zögerte eine Weile und schoß dann trotzdem und verwundete den Mann an der Hüfte. Es stellte sich heraus, daß es ein arabischer Polizist war, der gerade von Jaffa auf Urlaub war. In der Synagoge in Hebroh ist kein Stück ganz geblieben. Die Thoraröllen liegen zerrissen umher. ft