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Jüdische Rundschau · 1929-09-06 · Heft 70 (6.9.1929) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 70 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 454 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 0. IX. 1929 Die Uniersudiung der Vorfälle Voraitz«nd«r der Kommission ernannt Die Untersuchung ist beschränkt auf die leisten Unruhen, und betriift nicht die Gesamtheit der Palästina- Politik Das Britische Kolonial&mt veröffentlicht Dienstag (3. September) abend folgende Erklärung: Die Regierung Palästinas hat vor einigen Tagen Instruktionen gegeben, daß sofort das Beweismaterial über Ursprung und Verlauf der letzten Unruhen gesammelt werde, bevor noch dieses Material verschwindet. Die Untersuchung soll sich darauf erstrecken, ob die Unruhen, die am 23. August begonnen haben, spontan ausgebrochen oder vorher verabredet waren. Während die Streitkräfte Seiner Majestät Hand in Hand mit der Palästina-Regierung aktiv an der Wiederherstellung der Ordnung arbeiten, werden seitens der zivilen Behörden energische Schritte unternommen, um die schuldigen Personen den Gerichten zu übergeben. Zahlreiche Verhaftungen wurden bereits vorgenommen, ein beträchtlicher Fortschritt wurde auch bei der Behandlung summarischer Fälle erzielt. Besondere Maßnahmen wurden ergriffen, um die Einsetzung unparteiischer Gerichte sichemistellen und um eine wahrscheinlich sehr große Zahl von Straffällen bewältigen zu können. Auf Ersuchen des Oberkommissars von Palästina hat der Staatssekretär für die Kolonien eine Untersuchungskommission ernannt, die sich noch im Verlauf des Monats September von London nach Palästina begibt. Aufgabe dieser Kommission wird es sein, die unmittelbaren Ursachen, die zu dem jungsten Ausbruch der Unruhen geführt haben, die Ausdehnung der Unruhen und die Frage, bis zu welchem Grade sie als vorher verabredet zu gelten haben und wieweit sie auf eine organisierte Aktion zurückzuführen sind, gründlich zu untersuchen. Präsident der Kommission •wird Sir Walter Shaw, ehemaliger Oberrichter der Straits Settlements (englische Kolonie in Hinterindien) sein; der Kommission gehören ferner drei Parlamentsmitgiieder am den drei politischen Parteien KonservativejjjyU1eralevund Afbeitgrpartjei^an.,; im tlmDlick auf Andeutungen,, Hie in gewissen ־ Kreisen hinsichtlich der britischen Politik in Palästina gemacht werden, legt der Staatssekretär für die Kolonien Gewicht darauf, klar herauszusagen, daß die Britische Regierung nicht die Absicht hat, die Frage der Verwaltung des Mandates für Palästina durch Großbritannien einer erneuten Erwägung zu unterzieh e n, und daß eine neuerliche Prüfung, die die Position des Landes in bezug auf das Mandat oder die in der Balfour-Deklaration vom Jahre 19x7 festgelegte und in dem Mandat zum Ausdruck gebrachte Politik der Errichtung eines Nationalheims für die Juden in Palästina ändern könnte, in keiner Weise in Betracht gezogen wird. Die jetzt eingeleitete Untersuchung ist deshalb auf die unmittelbare kritische Lage beschränkt und wird sich nicht auf Erwägungen höherer Politik erstrecken. Der Bericht der Untersuchungskommission wird — sobald er vorliegt — Angelegenheit einer ernstesten Erwägung seitens der Regierung Seiner Majestät sein und wird als Grundlage dienen für die Richtlinien, nach denen innerhalb der Bestimmungen des Mandates die zukünftige Politik in Palästina geleitet werden soll. Ke ״Times״ begleitet die Nachricht über die Ein- Setzung der Untersuchungskonimission mit folgendem Leitartikel: $ Die vom Kolanialministcrium gestern abend veröffentlichte Mitteilung, daß eine Untersuchungskommisston unter dem Vorsitz von Sir Walter Shaw sich im Laufe des Monats nach Palästina begibt, kann als Anzeichen dafür gedeutet werden, daß das Schlimmste des Ausbruchs vorbei ist. Es mögen noch kleinere Zusammenstöße kommen, aber der Gefahr 1einer Pöbelherrschaft über weite Teile des Landes wurde begegnet durch die sofortige Entsendung britischer Truppen, .während die Berichte von Einfällen aus dem französischen Syrien ganz unbegründet gewesen zu sein scheinen. Es ist daher zu hoffen, daß die Kommission im Stande sein wird, ihre Aufgabe — Untersuchung der unmittelbaren Ursachen des letzten Ausbruches — unter günstigen Bedingungen durchzuführen, ungestört durch Tumulte und deren militärische Unterdrückung. Die Landesbehörden sammeln bereits Maierlal, welches zeigen soll, ob die Unruhen spontan waren oder ob ihr gleichzeitiger Ausbruch an verschiedenen Punkten das Ergebnis eines überlegten Planes war. Das vollständige Versagen der politischen und religiösen Führer der arabischen Gemeinschaft in Palästina, die Unruhen im Keime zu ersticken und später die in Hebron an jüdischen Ein- ־wohuern, die keine Verbindung mit der zionistischen Bewegung haben und an amerikanischen Talmudschüiem be- {gWgprea Verbrechen zu verurteilen, hat in vielen Kreisen natürlich Bedenken und Verdacht erregt. Dieser Verdacht wird nicht beschwichtigt werden durch die Propaganda, welche nach dem Bericht unseres Jerusalemer Korrespondenten etzt von der arabischen Exekutive betrieben wird. Diese Körperschaft reagiert auf Sir John Chancellors entschiedene aber heilsame Warnungen, indem sie die britischen Truppen der Massaker anklagt und indem sie die Grausamkeiten von Hebron in einer Weise bagatellisiert und entschuldigt, die uns erwarten läßt, daß man uns nächstens versichern wird, die Juden hätten einander gegenseitig selbst abgeschlachtet. Ebenso unvernünftig ist Ihre offenbare Annähme, daß die Wage der britischen Gerechtigkeit in den bevorstehenden Prozessen gegen die Araber vorbelastet sein wird. Das Kolonialministerium kündet an, daß spezielle Maßnahmen getroffen werden, ״um unparteiische Gerichtshhöfe zu sichern“, während die Zusammensetzung der Kommission eine Garantie für ihre Unvoreingenommenheit sein sollte. Die Ankündigung der Shaw-Kommission ist von einer Erklärung begleitet, die man sich vielleicht in Palästina zu Herzen nehmen wird. Die Richtlinien für die Tätigkeit der Kommission, so heißt es, erstrecken sich nicht auf ״Erörterungen der höheren Politik“• Es besteht keine Frage irgendeiner Nm-Erwigung der britischen Inhaberscliaft des Mandates für Palästina oder irgendeiner Aenderung der in der Balfour-Deklaration niedergelegten und im Mandate eingesch10ssenen Politik der Errichtung eines Nationalheims in Palästina für die Juden. Die Bemerkungen des Prime-Ministers in Genf über diesen Gegenstand waren in gleieher Weise klar. Diese offizielle Versicherungen sollten schleunigst jede Ungewißheit oder Befürchtungen betreffend unserer Politik in Palästina zerstreuen. Eine britische Regierung wird von der Erfüllung ihrer internationalen Verpflichtungen nicht durch die Gewalttaten politischer Angreifer abgeschreekt werden. Es ist möglich, daß unsere Verwaltungsmethoden in Palästina innerhalb der Bestimmungen des Mandates und der Balfour-Deklaration schließlich abgeändert werden. A.ber das ist eine Frage, welche noch nicht aufgerollt ist und vielleicht gar nicht aufgerollt werden wird. Zunächst muß die Ordnung entgültig und vollständig wieder hergestellt werden und die unmittelbaren Faktoren der Unordnung entdeckt und ausgerottet. Alljüdische Kundgebung in Berlin Die v0| den deutschenMitgliedernderJewish Agency rinberufene Kundgebung wegen der Vorfälle in Palästina fand Donnerstag, am 5. d. M., im Bachsaal statt. Eine große Menge aus allen jüdischen Schichten hatte sich eiagefunden, darunter viele repräsentative Persönlichkeiten. Auch Prof. Einstein war anwesend. Den Vorsitz führte Dir. Oscar Wassermann. U eher den Verlauf der Versammlung werden wir noch berichten. Nach Reden der Herren Baeck, Blumenfeld, Friedrich Brodnitz, Dr. Klee, Lisser (Hamburg) und Prof. Oppenheimer wurde die nachstehende Resolution angenommen: ׳ Resolution Die ani 5. SeptemberinBerü». tagende,, van sehen Mitgliedern der ״Jewish Agency für Palästina“ einberufene Versammlung entbietet der palästinensischen judenheit In dieser schweren Stunde ihren brüderlichen Gruß und versichert sie ihrer Treue und unerschütterlichen Solidarität. Mit tiefem Schmerz beklagen wir die Opfer an Menschenleben und die Zerstörung von Werten, die von Juden in friedlicher Arbeit geschaffen wurden. Wir bedauern, daß die Palästina-Regierung sich von den Ereignissen hat überraschen lassen und nichts getan hat, um dem drohenden Ausbruch der Unruhen zu begegnen. Wir protestieren gegen die Zulassung der systematischen Hetze fanatischer kleiner Gruppen, die einer ahnungslosen Bevölkerung einredeten, daß die Juden die religiösen Rechte anderer bedrohen, während sie in Wahrheit nichts anderes verlangten, als die Aufrechterhaitung des alten geheiligten Rechts, an der Klagemauer zu beten. Angriffe und Gewalttaten waren niemals geeignet, das Judentum in seinen Wegen und Zielen zu beirren, und so fordern wir auch heute mit allem Nachdruck die Schaffung der notwendigen Vorbedingungen für eine Fortsetzung und Verstärkung der jüdischen Siedlungsarbeit fn Palästina durch klare Durchführung der Balfour-Deklaration und des Mandates. Die Jüdische Nationale Heimstätte in Palästina, zu deren Ausbau und Förderung sich die Judenheit der ganzen Welt soeben in feierlicher Form In der erweiterten Jewish Agency zusammengeschlossen hat, soll auf Recht und Gerechtigkeit begründet sein. In Erez-Israel soll es weder Bedrücker noch Unterdrückte geben. Deshalb erklären wir auch in dieser Stunde, daß die Formen für einfriedliches Zusammenleben des jüdischen unddesarabischenVoIkesin Palästina gefunden werden müssen, und wir verlangen hierfür ernstliche Mitwirkung der Mandatarmacht und des Völkerbundes. Was brutale Gewalt in Palästina zerstört hat, muß schnell wieder aufgebaut werden und darüber hinaus werden wir unser Werk mit unverminderter Energie fortführen und erweitern. Niehl Spenden und Almosen erwartet die palästinensische judenheit von ihren Brüdern in der ganzen Welt, sondern treue Pflichterfüllung und großzügige Förderung des begonnenen Werkes: Hilfe durch Aufbau! Abreise von Cbalnzim ans Polen oaeh Palästina Die Warschauer Blätter veröffentlichen Ankündigungen, denen zufolge am Montag, dem 9., Dienstag, dem 10. und Mittwoch, dem 11. September, drei Transporte Chaluzim aus Polen ihre Reise nach Palästina antretett. Die Montag-Oruppe reist über Konstanza, die Gruppen von Dienstag und Mittwoch über Triest. Eine Erklärung de* Pro Palästina «Komitees Graf Bernstorß hat in Genf am 4. d. M. der Presse die nachfolgende Erklärung übergeben. Das Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der jüdischen Palfistlnasledlung nimmt naturgemäß an dem Gang der Ereignisse in Palästina den lebhaftesten Anteil. Wir sind schmerzlich bewegt und tief betroffen durch den Verlust von Menschenleben und die Vernichtung jüdischer Siedlungen, die in friedlicher Arbeit geschaffen worden sind. Wir hoffen, daß alles geschehen wird, um Ruhe und Ordnung schnellstens wiederherzustellen. Die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte In Palästina darf durch die gegenwärtigen Unruhen in keiner Weise beeinträchtigt werden. Gerade ln den letzten Wochen ist die Erweiterung der Jewish Agency durch Verbindung det Vertreter der Judenschaften der ganzen Welt mit der Zionistischen Organisation zur Tatsache geworden. Damit hat so• wohl die politische wie die wirtschaftliche Basis des Siedlungswerks eine erhebliche Verstärkung erfahren, und es kann dahet keinem Zweifel unterliegen, daß alles geschehen wird, um den Fortschritt der Kolonisation in Zukunft zu beschleunigen. Es handelt sich, wie wir immer betont haben, um ein Werk der Gesittung und des Friedens, das unter der Garantie des Völkerbundes steht und die Sympathie der gesamten Kultur• weit genießt. Erfreulicherweise hat die Zionistische Organisation auch in diesem Augenblick ihren Willen zur Verständigung mit dem arabischen Volk deutlich zum Ausdruck gebracht; man dar! hoffen, daß. die Mandatarmacht und der Völkerbund, die zui Durchführung der Balfour-Deklaration verpflichtet sind, das Verständigungswerk aktiv fördern werden. Graf Bernstorff. Was zu fordern ist Von Moses Waldraann. Heute treten in London das Aktions-Comite der Zio• nistischen Organisation und das Administrativ-Komitee der Jewish Agency zu einer Tagung zusammen. Als Zionisten interessiert mich zunächst die Frage, was wi! von unserer Exekutive zu verlangen haben. In zahl• losen Resolutionen haben Juden in der ganzen Welt die Absetzung der schuldigen englischen Beamten und deren Bestrafung verlangt Man kann mit Nachdruck und Emsj diese Forderung nur dann vertreten, wenn man die gleiche Forderung hinsichtlich jener zionistischen Funktionäre aufstellt, die durch Leichtgläubigkeit oder Unfähigkeit nicht imstande waren, die wahre Situation im Lande 211 beurteilen und die sich restlos auf die An• gaben der britischen Verwaltung in Palästina bezüglich der Sicherheit für Leib und Out des Jischuw verlassen «haben, Die׳ zionistische^Welf!,‘wihd es ttffht verstehen; wieso:fiaa’’Üt NäcRÄck'^ön״der״ b'ffH sehe n- Bfeftf*'’■ tralregierung eine Reorganisation der Verwaltung in Palästina und eine Disziplinierung der dortigen Beamten verlangen kann, wenn man nicht sofort im eigenen Hause ähnliche Maßnahmen durchführt. Ferner muß man als Zionist verlangen, daß in der wichtigen Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen nicht nur Resolutionen beschlossen, sondern auch Maßnahmen ergriffen und Institutionen geschaffen werden, die eine Verständigung zwischen beiden Völkern vorbereiten. Zu solchen Maßnahmen gehört: die Einführung des arabischen Sprachunterrichts an allen von der Zionistischen Organisation erhaltenen Schulen, ferner die Schaffung eines speziellen Departements in der Palä• stina-Exekutive für den ganzen Komplex des jüdischarabischen Problems. Daneben müssen noch eine ganze Reihe anderer Schritte unternommen werden. Das sind die zionistischen Mindestforderungen, welche im gegenwärtigen Augenblick von der Zionistischen Organisation gegenüber der Zionistischen Exekutive erhoben werden müssen. Von den anderen äußerst dringenden Gegenständen, die das Aktions- Comite und das Administrativ-Komitee zu beschäftigen haben, soll hier nicht die Rede sein. MaeDonald ln Genf Uber Palästina Seine Rede im Völkerband In seiner Hede in der Völkerbunds-Versammlung am 3. d. M. sagte MaeDonald über Palästina ungefähr folgendes: Die Verwaltung eines Mandates legt dem betreffenden Staate eine internationale Verantwortung auf. Ich glaube, im Sinne jedes Mitgliedes des Völkerbundes zu sprechen, wenn ich alle die Opfer der letzten Ereignisse in Palästina bedaure und den Angehörigen dieser Opfer unsere Sympathie aus• drücke, sowie ihnen Unterstützung in der Zukunft zusichere. Unsere Pflicht wird es sein, in Palästina die Ordnung wiederherzustellen und ferner alle jene Umstände zu untersuchen, die zu solchen Ereignissen führen konnten, und ferner Vorkehrungen zu treffen, damit eine Wiederkehr ähnlicher Geschehnisse unmöglich gemacht wird. Die palästinensischen Ereignisse, sagte Ministerpräsident MaeDonald weiter, sind nicht als eia Ausfluß des Rassenkonfliktes zu betrachten, nicht als ein Streit zwischen Mo• hammedanern und Juden, sondern einfach als ein Ausbruch niedriger Instinkte der Unordnung und der Ungesetzlichkeit. Keine Regierung aber wird es erlauben, daß Verbrechen und Mord triumphieren. Ich bin sicher, daß die Führer der Moslems und der Juden mit mir einig sind, daß diese Verbrechen eine scharfe Verurteilung erfahren müssen. Unsere erste Pflicht wird es sein, die Situation wieder in unsere Hand zu bekommen; unsere zweite Pflicht wird es sein, einen dauernden Frie* den in unserem Mandatsland zu schaffen. Entgegen Nachrichten, die von Brandstiftungen in Ain Charod zu melden wußten, sind direkte NachMhten eingetroffen, daß die Kolonie vollkommen tnibeschä״ digt ist. *

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