Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 70 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0£S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5*75 Goldmark. Aualandaabonnainanl■ ward■■ in dar WSbnm* dar «taMlaM Uedar Kerachn«. Anzaicanpraia: 8 gaap. Nonparadraatl• OZW G.-M. S1a]len*aa11cie 0.25 0.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung! Jüdische Rundschau G.m.b.R, BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. AnxaiganactiluS: Pleaata* and Fralta» naabmiitaga 4 Ubr Brüssel 39433. Bodapeet 596*3. 1973, Hs•* 140 470, P»t 594 IQ, Scrasdlntr* 164 30, Wersdbao 190708. Wies 156030. Bank DametidtÄr tmd Niticraelbaiik, Depösriiss-ICea— BeeUst KurfürstendamsD 52; Bane« de Est, Cemmti (Rtns&sies); Aagl• Peleetiae O*. i3a Hall«,?erosalem, Tel-Aviv. Nummer 70 | Berlin, 6. IX« 1929 RedaktionssehluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. א׳ אלול׳ תרס״ס | xxxrv. Jahr*. Der Zionismus erstrebt fOr das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.*■ Heute A.-C.-Sttzung in London Die Sitzung des Aktion*-Comitds der Zionistischen Organisation, die zuerst für Mittwoch, den 4. September, nach Lausanne einberufen worden war, beginnt heute, Freitag, den 6. September In London. Die Mitglieder des Aktion* -Comit^s, die sich in Europa aufhalten, wurden telegraphisch für den 6. September nach London berufen. Die in Europa weilenden Mitglieder des Administrative Committee der Jewish Agency werden an dieser Sitzung teilnchmen. In Palästina herrscht weiter Ruhe - Eine britische Untersuchungskommission eingesetzt - Schilderungen aus Erez-Israel - Hilfe durch Aufbau Zur A.~C.~ Sitzung RW, Berlin, 5. September. Heute tritt in London das Aktions-Comite zusammen, in einer schweren und verantwortungsvollen Stunde. Es ist begreiflich, daß die leitenden Instanzen des Zionismus das Bedürfnis haben, die Verantwortung für Entscheidungen jetzt auf einen breiteren Kreis zu verteilen und man kann nur die Hoffnung aussprechen, daß das Aktions- Co'mite diesmal alle agitatorischen Phrasen, die Rücksichtnahm e auf den momentanen Eindruck in der Qasse, beiseite läßt, und sich dessen bewußt ist, daß die zionistische Welt, ׳to» TÄtn«W״j|esch¥ichHgttng0#׳aÄi*'soil«ra’ &1 rvö11e$ Erfassen des kritischen Moments. Die blutigen Vorfälle im Lande haben wenigstens Ei n e s klar gezeigt: daß es nicht angeht, wie bisher gedankenlos weiterzuwursteln und ,jede Sache, die das zionistische Bewußtsein irritieren könnte, Überiegen abzutun, sondern daß das zionistische Bewußtsein in diesen fünfzig Jahren national-jüdischer Entwicklung stark genug geworden sein muß, um jeder Wahrheit ins Auge zu sehen. Es kommt jetzt nicht darauf an, daß man der aufgeregten zionistischen Welt gegenüber den Schein erregt, die ״nationalen Belange“ in möglichst extremer Weise zu wahren, sondern es kommt darauf an, die gesamte zionistische Arbeit auf eine solche ideologische, politische, praktische und moralische Basis zu stellen, daß eine Verwirklichung des Zionismus in seinem wahren und wertvollen Kern möglich wird. * Die Stimmung im Zionismus, im Judentum, ist sehr erregt Was in Palästina geschah, und daß es in diesem Land des Nationalen Heimes geschah, ist ein schwerer Schlag, besonders schwer, weil er für die meisten völlig unerwartet kam. Mit Ausnahme der kleinen Gruppe, die durch fortgesetzte Betonung der Dringlichkeit einer Lösung des arabischen Problems sich im Zionismus unbeliebt machte, und der Revisionisten, die — freilich vom entgegengesetzten Standpunkt — die arabische Gefahr unterstrichen, hat wohl die Mehrheit der Zionisten nicht an die Möglichkeit blutiger Feindseligkeiten geglaubt. Heute scheint die Stimmung im Zionismus, vor allem in Palästina, stark der revisionistischen Anschauung zuzuneigen, die eine englische Politik der starken Hand gegen* über den Arabern für nötig hält. Aber das A.-C. darf sich von Stimmungen nicht beeinflussen lassen. Es hat die politischen Realitäten abzuwägen, insbesondere auch die Hauptfaktoren der britischen Politik, um zu erwägen, welche konkreten Forderungen in dieser Stunde gestellt werden können. * Die jetzt eingetroffenen genauen Schilderungen der Unglückswoche in Palästina stimmen im ganzen und großen in folgenden Punkten überein: 1. Die Regierung hat vollständig versagt, in einem Maße, das niemand für möglich gehalten hat Die leitenden Beamten haben nicht nur alle Warnungen in den Wind geschlagen, nicht nur das sich vor aller Augen vorbereitende Unglück gering geschätzt, sondern waren nach Ausbruch der Unruhen vollständig ratlos und mußten zumindest in den ersten Stunden den Dingen Ihren Lauf lassen. Die arabische Polizei hat vollständig versagt Sie hat sich sogar gelegentlich an Mordtaten beteiligt. Dagegen scheint das judenreine transjordanische Grenzkorps sich gut bewährt zu haben, bei Abwehr der an den Grenzen herankommenden Beduinenschwärme und auch bei Verteidigung jüdischer Kolonien. 2. Die Juden waren im ersten Moment ganz auf sich selbst angewiesen. Der jüdische Selbstschutz, gut organisiert, war sofort zur Stelle und hat zumindest in iiinhiHMiHliiiMwmiiBiiiiiiiiiiiiiiwinimiiiiiiyiiiwiiiiimimiwiiiiiimiiiMiiiiimiiiiiHftiiHmiiiiHHiiiiiHimHiB Hilfe durch Aufbau Die zentrale Palästina-Aktion der Jewish Agency in Deutsddand Die deutschen Mitglieder der Jewish Agency, die Mitglieder' dea^ltlatlv^pBiilies, Äff, dl« Rrw®iteru% ' der Agency׳"irf’Öeütsdhland und die 'Leitung' des deutschen Keren Hajessod wenden sich mit einem Aufruf an die •jüdische Oeffentlichkeit, der in den nächsten Tagen erscheinen wird. Die Parole dieses Aufrufs lautet: Hilfedurch Aufbau. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse in Palästina ist in London ein besonderer Hilfsfonds gegründet worden, dem erhebliche Summen zugeflossen sind. Die Exekutive war der Meinung, daß die Aktion für diesen Fonds nicht auf alle Länder ausgedehnt werden soll. Die Verantwortung für die zukünftige Entwicklung in Erez-Israel zwingt uns, gleichzeitig mit der Hilfeleistung für Geschädigte eine verstärkte Fortsetzung unseres Aufbau- Werkes durchzuführen. Die Jewish Agency ist die berufene Stelle zur Sammlung aller jüdischen Energien, die sich im gegenwärtigen Moment auf Erez- Israel vereinen lassen. Die Bedeutung des Beschlusses, Hilfe durch Aufbau zu leisten, wird dadurch offenbar, daß die deutschen Mitglieder der Jewish Agency, die Mitglieder des Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewish Agency und die Leitung des deutsehen Keren Hajessod sich in Uebereinstimmung mit den Londoner Zentralinstanzen einmütig entschlossen haben, dem Keren Hajessod, dem offiziellen Fonds der Jewish Agency, heute die Aufgabe zuzuweisen, mit aller Kraft für die Beschaffung neuer und großer Mittel für Erez-Israel tätig zu sein. Wir bitten unsere Freunde, sofort nach Erscheinen des Aufrufs die äußerste Energie anzuwenden, um die geplante Aktion in weiteste jüdische Kreise zu tragen. Von einer Beteiligung an anderen Sammlungen, die in der Form von allgemeinen Hilfsaktionen für Erez-Israel auftreten, bitten wir abzusehen. Selbstverständlich müssen alle Zionisten der großen Bosch Haschanah-Aktion des Keren Kajemeth, die unter der gleichen Parole ״Hilfe durch Aufbau“ erfolgt, Kräfte und Mittel zur Verfügung stellen. Weizraano bei MacDonald in Cent Genf, 5. September. (J.T.A.) Dr. Chaim Weltmann, der in des! letzten Tagen in Paris geweilt hat, fährt heute nach Genf, wo er mit MacDonald Zusammentreffen wird. Es wird dies das erste Zusammentreffen zwischen Welzmann und MacDonald seit den letzten Ereignissen in Palästina sein. Jerusalem am 23. August schweres Unheil verhüten können. Man kann sagen, daß^viele Jerusalemer Juden dem Selbstschutz ihr Leben danken. 3. Der arabische Aufstand war gut organisiert Er konnte jedoch nur dadurch in dieser Weise um sich greifen und die Fellachendörfer erfassen, weil die Araber sich von den Juden überfallen wähnten, weil man sie durch Gerüchte über jüdische Greueltaten aufreizte und weil sie im übrigen fest daran glaubten, die Juden wollten die Omar-Moschee rauben. Von einem Freunde wird uns eine arabische Aeußerung übermittelt, die besagt, die in Zürich gegründete Agency habe von England für 7ß Millio- ..,»«Bjhäyi’PaliÄna^kÄt’ uiÜLdie Juden nehmen es jetzt Ut'Besfe ■ Ma«־'ScM0f״'׳aus:yerschtede1׳t€tt KffÄhdS, dife der naiven arabischen Masse so kommentiert wurden, daß die Juden den Moment zum Losschlagen: jetzt für gekommen hielten. י 4. Es ist klar, daß es im Verlauf der weiteren Ereignisse zu verschiedenartigsten Zusammenstößen und Episoden kam, so daß es schwer ist, aus Einzelvorfällen Schlüsse zu ziehen, da auch Gegenbeispiele zu/ Verfügung stehen. Der Ueberfall auf die Juden war jedoch mit grauenerregenden Grausamkeiten verbunden. Am schlimmsten sind die Ereignisse in Hebron und Safed, die am meisten Opfer forderten. Es ist bemerkenswert, daß die große Mehrheit aller Gefallenen dem Typus des alten Jischuw angehörten, sowohl in der Jerusalemer Alt- Stadt als auch in Hebron und Safed. Besonders wurden auch die orientalischen Gemeinden und Sephardin mitgenommen, also ein Element, das den Arabern in Lebensweise und Sprache nicht so fernsteht wie der europäische Jude. Die Ermordung von Angehörigen alteingesessener Fähiilien, z. B. in Hebron, beweist jedenfalls die Tiefe der Haßgefühle, bzw. die erfolgreiche Verwertung des religiösen Moments in der Agitation. 5. Sehr viele Araber wurden getötet. In den Kämpfen um einzelne Siedlungspunkte, besonders wo Militär ein* griff, werden stets große Ziffern arabischer Toten gemeldet. Die großen Verluste scheinen die Araber ■—* wenigstens zum Teil — entmutigt zu haben. ■ * Die Regierung hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die die Ursachen der Unruhen zu prüfen hat. Die Untersuchung wird sich wohl nicht nur auf die einzelnen kriminellen Akte beschränken, sondern das Verhalten der verantwortlichen Personen mitumfassen. Es wird sehr schwer sein, dabei politische Momente auszuschalten, wie die Regierung möchte. Unabhängig von dieser Untersuchung muß aber die Jewish Agency von der Regierung geeignete Maßnahmen zur Sicherung des Schutzes für jüdisches Leben und Eigentum fordern. Ferner muß eine Reorganisierung der Verwaltung erfolgen, die Vertrauen auslöst. Es muß ein Zustand herbeigeiührt werden, auf Grund dessen das Programm des Weißbuches von 1922, da? heute die offizielle, mit Unterschrift akzeptierte Grund• läge der Kooperation zwischen England und den Juden bilden sollte, auch wirklich ausgeführt wird. Das A.-C. als solches ist keine politische Exekutiv•, Instanz. Aber es ist ein Gremium aus Zionisten aller Kreise und Länder und es kann sich ein großes Verdienst erwerben, wenn es versucht, die politischen Grundlagen des Zionismus zu klären und die Bewegung geistig reif zu machen für den schweren Uebergang aus rein ideölpgischer zu praktisch-politischer Betätigung. /