Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 69 (3.9.1929)
- Date
- 1929-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 60, 3. IX. 1929 IUEDISGHE RUNDSCHAU Seite 451 Jüdische Solidarität RW, 2. September. Nachdem sich in Zürich, unmittelbar vor Tischo b’Aw, Zionisten und Nichtzionisten zur gemeinsamen Verantwortung für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina verbunden hatten, bedeuteten die ernsten Unruhen, die, unmittelbar nach Tischo b’Aw in Palästina ausbrachen, die erste schwere Belastungsprobe des neuen Bündnisses. Nicht um des gemeinsamen Festefeierns willen, so war in Zürich gesagt worden, sondern um der noch kommenden schweren Zeiten willen tun wir uns zusammen. In kritischen Zeiten für die Idee einstehen, darauf kommt es an. Diese Zeiten kamen schneller als man erwartet hatte. Manche Zionisten fragten bedrückt: Was werden die neuen Freunde tun? Werden sie standzuhalten vermögen? Wir Juden sind ein seltsames Volk. Leiden und Un- . glück schrecken uns nicht ab, sondern schweißen uns zusammen. Erez-Israel, das wußten wir stets, steht dem Herzen jedes Juden nahe; das ganze Volk, weit über die Kreise der organisierten und organisierbaren Schekelzahler hinaus, hängt an dem Werke, das der Zionismus in Palästina begonnen und gerade jetzt, in den historischen Tagen von Zürich, in die Hände des — der Idee nach, wenn auch heute noch nicht tatsächlich — gesamten Judentums gelegt hat. Die Reaktion des gesamten Judentums auf die Ereignisse in Palästina, die Gefährdung von Menschen und Werk, war einheitlich. Niemand, sogar die extremen Antizionisten nicht, wagte in diesen Tagen eine Aeußerung der Schadenfreude. Die Versicherung der Treue zur Sache wurde erneuert. Die Haltung der extremen Flügelgruppen der parteimäßig zerklüfteten jüdischen Front, etwa der ״Agudas Isroel“ oder des ״Bund“, läßt erkennen, daß auch diese Gruppen sich innerlich schwer getroffen fühlten und daß — wenn auch vielleicht in verschiedenen Stilarten — die jüdische Solidarität voll zum Ausdruck kam. Das verletzte Gefühl reagierte oft leidenschaftlich und elementar, von Polen, ja vom streng abgeschiossenen Sowjetrußland, bis nach Amerika und Südafrika ging die Welle des Schmerzes und der Entrüstung. Nicht nur die Kreise der Agency, sondern das ganze Volk bekannte sich zu Erez-Israel. Die Einheitsfront, die in Zürich formell geschaffen wurde, ist in den Tagen des Unglücks eher erweitert als verkleinert worden. * Diese jüdische Solidarität ist eine große Kraft, und auch ein politischer Faktor ersten Ranges. Das Judentum fordert sein Recht und ist bereit, dafür einzustehen. Die Mächte, denen das Schicksal von Palästina anvertraut ist, müssen wissen, daß sie mit diesem Faktor zumindest eben so zu rechnen haben wie mit a n d e r e n Faktoren, die sie ins politische Kalkül einzuse&en pflegen. U?ber die ganze Erde zerstreut, dennoch in solchen Momenten ,eine Einheit des Gefühls und des Wollens, Ist das jüdische Volk eine Kraft, die für sich selbst einzustehen vermag. Soll sich diese Kraft aber politisch auswirken, dann darf sie nicht auf gefühlsmäßige Reaktion beschränkt sein, sondem muß geführt und gelenkt sein, und diese Führung muß auch in schwierigsten Momenten klaren Blick behalten. Die Erregung der jüdischen Welt ist berechtigt, wir alle sind von ihr ergriffen; aber in unserem eigenen Interesse darf nicht aus den Gefühlen ein Nebel entstehen, der uns den Blick für die Tatsachen verdunkelt. Und noch eins: Wir brauchen in dieser Situation nicht eine Aufpeitschung und Steigerung der Affekte. Die jüdische Welt ist fest in ihrem Willen, und es ist unnötig, durch fortgesetzte übertriebene Zeitungsmeldungen, durch Ausmalung fürchterlicher Details, durch hemmungslose Häufung von Superlativen eine exaltierte Stimmung zu schaffen. Wir sollen mit Würde und Entschiedenheit und unter genauer Kenntnis der wirklichen Sachlage und Probleme unsere jüdischen Forderungen vertreten, * Die Lage scheint sich etwas beruhigt zu haben. Die Proklamation des High Commissioners macht einen guten und entschlossenen Eindruck. Leider hat die vergangene Woche noch furchtbare Grausamkeiten und auch neue Ueberfälle und Plünderungen gebracht. Der Jischuw lebt nach wie vor in schwerster Besorgnis. Man weiß nicht, was kommen kann, und natürlich entstehen immer wieder wilde Gerüchte. Die Wirklichkeit ist schlimm genug, aber nach Ende der Unruhen wird man zweifellos feststellen, daß viele Nachrichten übertrieben waren (schon jetzt wird vieles dementiert). Der schwerste Schlag für den Jischuw war die Entwaffnung des jüdischen Selbst- Schutzes. Diese Maßnahme, deren politische Hintergründe (Beruhigung der Araber zur Vermeidung eines weiteren Umsichgreifens des Aufstands) evident sind, dürfte nur dann erfolgen, wenn die englischen Militärkräfte wirklich die Juden ausreichend schützen könnten. DiesistnichtderFall. An zahlreichen Orten haben wir dem jüdischen Selbstschutz die Rettung von kostbarem Leben und Gut zu danken. Diese Taten des Selbstschutzes sollen unvergessen bleiben. Und man muß fordern, daß die Regierung, solange der Notstand andauert, den Selbst־ schütz duldet, ja selbst fördert, und daß Sie die Bernchtigung dieser Maßnahme den Arabern mit aller Deutlichkeit klarmacht. Ebenso muß die Regierung dafür Sorge tragen, daß die Plünderungen evakuierter Kolonien und Häuser aufhören, und daß für die Geschädigten und für die Obdachlosen — etwa inSafed — aus öffentlichen Mitteln Notstandsaktionen erfolgen. Die Palästinaregierung hat viel gutzumachen. * Dies alles aber sind, trotz ihrer großen Wichtigkeit, Einzelfragen, Forderungen der heutigen Stunde der Ge• fahr, nicht zu übersehende Erfahrungen für die Zukunft. Aber im Hintergrund steht das wahre politisehe und menschliche Problem, um das es geht, das Problem der Verwirklichung des Zionismus, und das heißt, wie wir seit Jahren oft dargelegt haben: das Jüdisch-arabische Problem in Palästina. Mit allem Respekt vor Herrn Sokolow, den wir lieben und verehren, muß gesagt sein, daß die Art und Weise, wie er in einer Versammlung in Zürich — wofern die Berichte korrekt sind — diese Frage behandelt hat, bei der denkenden zionistischen Welt Befremden erregt. Herr Sokolow hat gesagt, es gebe in Wirklichkeit kein jüdisch-arabisches Problem, sondern nur verhetzte, irregeführte Massen usw. Wäre dies nur zur Beschwichtigung der aufgeregten Gemüter gemeint, so wäre es schon schlimm genug; denn die Außenwelt glaubt es nicht und die Zionisten, die sich freilich manchmal selbst Sand in die Augen streuen, sollen nicht so wie Kinder behandelt werden. Die zionistische Welt ist reif und stark genug, um der Wahrheit, auch einer bitteren Wahrheit, ins Auge zu sehen, und es wäre für sie fast beleidigend, wollte man sie mit so banalen Die deutsche Vertretung in der ״Jewlsh Agency for Palestine“ veranstaltet am Donnerstag, dem 5. Sept., im Bachsaal, Ltitzowstr. eine Kundgebung o o anläßlich der Ereignisse In Palästina Den Vorsitz wird führen: Direktor Oscar Wassermann Es werden u. a. sprechen: Rabbiner Dr. Baeck, Kort Blumenield, Dr. Friedrich Brodnitz, Dr. Allred Klee, Alfred Lisser-Hamburg, Professor Frans Oppenheimer Beruhigungsmitteln einlullen. Aber wir haben leider Grund zu der Annahme, daß die Sache in Wahrheit schlimmer steht; wir kennen diese Aettßerithg Sokolows auch von früheren Gelegenheiten, und man kann sie auch von anderen führenden Zionisten und Mitgliedern der Exekutive hören. Es scheint also ihre wirkliche Meinung zu sein. Und das ist in Wahrheit Verhängnisvoll. Vielleicht trägt diese Auffassung die Schuld daran, daß jahrelang auf dem Gebiet der arabischen Politik nicht das Geringste geschehen ist, ja daß man das früher bei der Exekutive bestehende sehr bescheidene Departement für arabische Angelegenheiten, das wenigstens eine gewisse Kenntnis da Vorgänge im arabischen Lager vermittelte, wegen Geldmangel schloß (obwohl für weit unwichtigere Dinge Geld da ist); vielleicht ist diese Auffassung auch die Erklärung dafür, daß bei Ausbruch der Unruhen kein Mitglied der Exekutive, kein akkreditierter politischer Vertreter, ja keine führende jüdische Persönlichkeit im Lande war und unbegreiflicherwelse auch heute, zwei bis drei Wochen nach dem Ausbruch, noch nicht im Lande ist, obwohl man genau die Stimmung kannte und z. B. Lufban in seinem am 9. August (eine Woche vor Tischo b’Aw!) im ״Hapoel Hazalr“ erschienenen prophetischen Artikel, der als publizistische Großtat in die Oeschlchte des jüdischen Journalismus einzugehen verdient, die Ent- Wicklung voraussagte. Offenbar meinten die Herren mit Herrn Sokolow, das jüdisch-arabische Problem existiere nicht. Und was das schlimmste ist: die Politik, die jetzt in London geführt zu werden scheint, die Reden die gehalten werden und die Stimmung, die geschaffen wird, scheint auch davon auszugehen, daß dieses Problem nicht existiert, oder aber daß seine Existenz von unserem Willen ab hängt. Hier muß Einspruch erhoben werden — nicht etwa aus außenpolitischen Motiven, obwohl auch diese beachtenswert genug sind, aber vor allem aus schwerer Sorge für den Geist und die Moral der zionistischen Bewegung. (Wir behalten dieses Wort bei, obwohl heute die Bewegung weit über die Grenzen der Zionistischen Organisation geht). Wir haben kein Interesse daran, uns selbst zu betrügen; das Erwachen ist dann um so tragischer. Die zionistische Welt muß wissen, daß es zwar darauf ankommt, die Kräfte des Judentums zu steigern, aber daß diese nicht da einzige Faktor da Politik in Palästina sind; und daß daher keine Lösung möglich sein wird, die nicht in dieser oder jena Weise — mit beiden Faktoren rechnet. Die sachliche Argumentation bleibe uns erspart, weil die ״Neue Züricher Zeitung“ in einem Artikel, den wir an anderer Stelle r.ג drucken, die Antwort auf Sokolows Aeußerung gegeben hat; es wird darin versucht, beide für Palästina wesentlichen Elemente gerecht abzuschätzen; das Problem sehen ist die erste Voraussetzung seiner Lösung. * Und weil wir es für unwürdig halten, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, darum stimmt uns auch die Art und Weise bedenklich, wie Teile der jüdisehen Welt die Vorgänge in Palästina beurteilen. Mit Recht haben bei den Berliner Versammlungen Dr. Klatzkiu und andere vor Kriegspsychose gewarnt, aber anderwärts war man keineswegs so besonnen. Nun ist das, was an Juden in Palästina geschah, fürchterlich, grauenhaft; die Massacres in Hebron und Safed, deren Opfer meist Juden des alten Jischuw und des sicherlieh nicht aggressiven orthodoxen Typs geworden sind, lassen jedem Hörer des Berichts das Blut erstarren. Daß niemand da war, um diese Bestialitäten zu verhindern, bleibt eine ewige Anklage gegen die Regierung des Landes und ihr ganzes System. Aber das Entsetzen über diese Ereignisse bringt uns nicht weiter, wenn das politische Problem zur Diskussion steht. Und dies ist das Primäre. Denn sind erst einmal offene Feindseligkeiten ausgebrochen, dann haben — wir haben es erlebt — selbst zivilisierte Völker keine Kontrolle über die tierischen Triebe und Leidenschaften, die sich dann austoben. Um wie viel mehr muß dies bei einem primitiven, fanatisierten Volk der Fall sein! Aber darum die ganze nationale Bewegung der Araber als eine Angelegenheit von ״Räubern und Mördern“ hinzustellen und kein Wort des Verständnisses für die wahre tragische Problematik des Zusammentreffens zweier teilweise kollidierender nationaler Aspirationen zu haben, das bringt uns nicht weiter, das wirft uns zurück, das verschlechtert unsere Aussichten und unsere Position. Denn wenn wir unsere Situation verkennen, dann täuschen wir uns naturgemäß über die Möglichkeiten politischer Erfolge, und das führt wieder nur zu schwaen Enttäuschungen, die die Bewegung erschüttern. Ja wir erzeugen uns selbst politische ״Niederlagen“, die in Wahreit keine Niederlagen sind, sondern mir so empfunden werden, weil vorher unsere Erwartungen, losgelöst von aller Wirklichkeit, andere waren. Dies muß nicht eintreten, kann aber leicht eintreten, wenn man z. B. bedenkt, welche übertriebenen Aeußerungen zionistischa Führer über unsere momentanen politischen Chancen heute kolportiert werden, was sicherlich unbeabsichtigt und nur auf Konto der unglückseligen journalistischen Sensationsjägerei zu setzen ist, aber da Schaden bleibt * Das jüdisch-arabische Problem hat eine politische Seite, aber auch eine unpolitische, alltägliche, menschliche. Wenn die letzten Ausbrüche uns etwas gelehrt haben, so dieses: es ist unmöglich, daß zwei Völker ln einem Lande in diesem Grad der Fremdheit nebenein־ ander leben. Jeden Besucher Palästinas verblüffte Immer wieder die völlige Isolation der beiden räumlich so eng beieinander wohnenden Welten. Die beiden Völka verstehen einander nicht weder in Uwer Kultur und Lebensart, noch auch nur in ihrer Sprache. Aus diesem Verhältnis entsteht die Atmosphäre von Mißtrauen und Furcht Furcht, Furcht ist das entscheidende Element dieses Zusammenlebens. So wie unter den Juden oft aus geringfügigen, harmlosen Anlässen eine Panik entsteht, so wie die Juden sich oft ausgeliefert fühlen, nach Waffen und Selbstschutz rufen usw. — genau so, ja noch viel mehr fühlen sich die Araber bedroht Sie haben Angst vor den Juden, und Angst ist ein schlecht» Berater. Und wenn das Moment des Losschlagens kommt, dann ist der von Angst Besessene zu allem fähig. Und darum ist die Versäumnis auf jüdischer Seite so groß. Man hat, unbekümmert um diese vor einem stehende Elementarkraft, so gehandelt, als ob man allein wäre oder als ob die innerzionistischen Konflikte das wichtigste wären. Wenn z. B. durch die arabischen Viertel Jerusalems uniformierte jüdische Jugend mit jüdischen Fahnen marschiert, sich an der Klagemauer unmittelbar am Rande des Tempelplatzes, wo Araber aus den Dörfern versammelt sind, postiert, dann wissen zwar wir Juden, daß das harmlose S0R datenspielerei und im Grunde ein innerzionistis c h e s Manöver ist, aber die Araber k ö n n e n das nicht wissen, zumal wenn eine gewisse Presse monatelang die Militärmusik dazu macht. Und da bekommen sie Angst; sie sind überzeugt, daß die Juden schwer bewaffnet sind, daß die Juden den Krieg wollen. Und da gehen die Dinge ihren Lauf. Niemals wäre es dem Mufti gelungen, die Araber aus Stadt und Dorf zu mobilisieren, wenn er ihnen nicht vorgestellt hätte, es sei ein Verteidigungskampf gegen die angreifenden Juden, vor allem natürlich Verteidigung des Haram esch. Scherif. Die Juden haben nichts gegen diese arabische Agitation unternommen, sie haben niemals direkt zu den Arabern gesprochen, die meisten verstehen nicht ihre Sprache, man ignoriert am liebsten diese unbequeme Zutat in Palästina, denn ״es gibt ja kein jüdisch-arabisches Problem“. Das muß anders werden. An Stelle der Atmosphäre der Furcht muß — wie unsere Berliner Resolution sagt — eine Atmosphäre des Vert r a u e n s treten. Dazu gehört zunächst das gegenseitige Kennenlernen und die Kooperation auf gemeinsamen Gebieten. Dies ist die einzige dauerhafte Garantie gegen derartige Entladung der Konflikte. :* Unsere schweren Anklagen gegen die Palästinaregiemng und unsere Forderungen nach Schutz und Sicherheit sowie nach deutlicher und aktiver Förderung der jüdischen Aufbauarbeit werden mit allem Nachdruck erhoben. Das ganze Judentum steht hinter ihnen. Aber wir müssen auch einen Weg finden, um das zentrale Problem zu lösen, das die Mandatarmacht nicht allein lösen kann. Sie muß wohlwollend mitwirken, ihre Beamten dürfen nicht Zwietracht säen, aber die wirkliche, aktive Bewältigung der gegebeneu Realitäten ist u n s e r e Aufgabe, und i h r ins Gesicht zu sehen, ist wahre zionistische Reife ttnd .Würde.