Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 68 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 442 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68. 30. VHI. 1029 Ans den ersten Schreckenslagen London, 28, August. (J.T.A.) Ueber die Vorgänge aus den ersten Sehreckenstagen wird weiter berichtet; tJnter den jüdischen Kolonien hatte Kaitinieh den schwersten Kampf zu bestehen. 3a Stunden lang wehrten die jüdischen Kolonisten die sich immer wiederholenden arabischen Angriffe ab. Die Verluste der Araber waren denn auch weit höher als die der Kolonisten. Man gibt die Zahl der in den Kämpfen um Kastinieh getöteten Araber mit!\1 (nicht, wie früher gemeldet rt») an. Von den jüdischen Kolonisten wurden vier getötet, aber zahlreiche verwundet. Schließlich iibersiedclte die gesamte Bevölkerung von Kastinieh ebenso wie die von Hulda und Artuff nach Tel-Awiw. In Jerusalem macht es einen guten Eindruck, daß die jüdische Jugend die arabisch» Moschee im jüdischen Viertel Sichrem Mosche bewachte. Die Jerusalemer Postanstalten sind Aberflutet von Menschen, die Nachrichten an ihre Angehörigen im Ausland aufgeben wollen. Das Jerusalemer Telegraphenamt hat täglich 3000 Depeschen zur "Weitergabe enlgegengennminen. Die wenigen Beamten konnten die Fülle der Briefe und Telegramme nicht bewältigen, so daß die Absendung nur mit großer Verzögerung vonstatten gehen konnte. lieber das Schicksal von Benjamin Ooldberg, dem Sohne des bekannten Zionisten Jizchak Goldberg, wird berichtet: Er war an dem kritischen Freitag in Jerusalem und half beim Ausbruch der Unruhen die gefälirrlclsten Punkte schützen. Als cs in Jerusalem ruhiger wurde, begab er sich nach Tcl-Awhv, um sich der dortigen Selbstwehr zur Verfügung zu stellen. Er wurde bei den Zusammenstoßen zwischen Tel-Awiw und Jaffa, während er versuchte, einem angegriffenen Juden beizuslehen, von einer Kugel tödlich getroffen. Die Liste der Toten \ Zu den bereits gemeldeten Namen der in Hebron getöteten Juden kommen noch folgende hinzu: Rabbi Orlanski und seine Frau, Rabbi Kastl, der auch das Amt eines Schächters ausübto, Rciseman, Elieser Slonim und Frau, Salman Wilenski, ferner die beiden Rabbiner der Jeschiwah Hassuun und Franko. Die Metzelei in Hebron geschah am Sabbat und dauerte eineinhalb Stunden. Vor! den ermordeten Studenten der ״Slabodkaer Jeschiwah" in Hebron sind folgende Namen bekannt: Aller Schar, Simcha Brauda, Mosche Ripcs, Israel Kaplantkv, Israel Kaplan, Schlomo Jungei, Israel Leiscrowitsch, Schmuei Rosenholz, Isaak Bernstein, Dov Lipin, Dov Chaikel, alle aus Litauen; ferner Abraham Schapiro, Mosche Reisman, aus Jerusalem, Isachar Senderow aus Petach Tikwah. Die Namen der getöteten amerikanischen Studenten der Jeschiwah in Hebron sind: Wechsler, Wolf Greenborg, Epstein, Bcrman, Horowitz, Shinberg, Krasner, Harry Frumen, die beiden Brüder Arbeter. Von den l»el den Unruhen in llaifa Getöteten sind die folgenden Namen bekannt: Mosche Rolhman, Jakob Paf, und der englische ßahnheamtc Sykes. In Jerusalem wurde eine dort lebende amerikanische Familie verwundet; verwundet wurden ferner David Winchester, Schmuei Sandes, die Brüder H. und 11. Carter, Abraham Friedei, Isaak Greenbcrg, Samuel Ganani, Isaak Shirizli, Nachman Sega!, Belior Slichioli, Zwi Abir, Pinchas Walman, Etiahu Reiter, Dr. von Weisl, David Bregman, Ben Jacow, Joseph Rosenberg, Menschern Sabloni, Eliahu Sasson, Fischermann und Segal, Lcf von der Selbstwchr. Dio oben genannten sind zum Teil sehr schwer verletzt. In Jerusalem wurde der bekannte englisch-jüdische Schriftsteiler Harold M. Wiener, ein besonderer Friedens- und Araberfreund, getötet. Jerusalem, 29. August. <J• T.A.) In der vergangenen Nacht ist in Haifa der Jude Mosche Mitovski aus Hebron seinen Wunden erlegen. Unter den!Verwundeten in Jerusalem befindet sich auch der sehr populäre sephardische Arzt Korkidi. In Haifa wurde in der Nacht zu Donnerstag ein 80 Jahre alter Jude erstochen. . Die Jerusalemer Kehillah veranstaltete unter militarischer Eskorte einen Transport von 40 Thoraroiten aus der Lubawitscher Jeschiwah zu dem Hause des Rabbi Kuk. Die Lage in Halb In Haifa kam es Mittwoch wieder zu einem Zusammenstoß zwischen Arabern und britischem Militär, wobei nach amtlicher Meldung dreißig Araber erschossen und zahlreiche verwundet wurden. Der englische Kommandant hat über Haifa den Belagerungszustand verhängt und das Stand, recht verkündet. In den von den Juden verlassenen Dörfern und Siedlungen plündern arabische Banden und brennen die Häuser nieder. In Haifa, wo zahlreiche Flüchtlinge konzentriert sind und wo die Läden, die zu einem großen Teil geplündert wurden, geschlossen sind, herrscht Lebensmittelmangei. Es werden Nahrungsmittel von draußen herangebracht, wobei die Transporte unter militärischer Eskorte stehen. Immer noch verweigert die Regierung die Erlaubnis zur Herausgabe von Zeitungen, was zur Beruhigung der Bevölkerung nicht gerade beiträgt. Denn die mageren offiziellen Kommuniques geben kein Bild der wirklichen Lage. Professor Türk gestorben Dieser Tage starb in Berlin der Führer der liberalen Fraktion in der jüdischen Gemeinde Berlin, Prof. Moritz Türk. Mit ihm verliert das jüdische Leben Deutschlands eine seiner markantesten Gestalten. Türk war zweifellos der führende Kopf der Liberalen innerhalb der Gemeinde-Arbeit. Er war ein überzeugter Gegner des Zionismus und des nationalen /udenturns, ein ausgesprochener Assimilant der alten Schule, der sich auch den meisten praktischen Forderungen der Zionisten und der Jüdischen Volkspartei leidenschaftlich widersetzte, vor allem z. B. der jüdischen Schule. Als alter Pädagoge war er ein leidenschaftlicher Vorkämpfer des alten Prinzips der Simultanschule. im Rahmen des Preußischen Landesverbandes, dessen Vizepräsident er war, widmete sich Türk vor allem der Wohlfahrtsarbeit# Der Verstorbene hat auch bei seinen politischen Gegnern hohe Achtung genossen. Er war ein guter Jude, der — abgesehen von seinen Berufspflichten — ausschließlich jüdischen Angelegenheiten seine Kraft widmete. Die Moses Mendelssohn-Ausstellung, die in der Anhaitisehen Gemäldegalerie am ך. September eröffnet wird, wird etwa vier Wochen für den Besuch des Publikums offen slehcn. Auch nachdem am Ende der ersten Aussleliungswocho eine Reihe von Objekten, die den Berliner staatlichen Stellen und der Berliner Jüdischen Gemeinde gehören, zwecks Vervollständigung der alsdann beginnenden Berliner Ausstellung ru rückgesandt sein werden, wird die Dessauer Ausstellung einen vollständigen Ucbcrblick über Lehen und Wirket! des Philosophen biclen und dazu noch viele interessante jüdische Denkwürdigkeiten aus allen Teilen Anhalts. Der Arbeitsausschuß steht unter dem Vorsitz des Leiters der Slaatsbücherc! Siaatsminisler a. D, I)r. Rammelt. Das Jndalstlsche Institut Zürich, 26. August 1929. Die siebente Sitzung des Verwaltungsrates des Judaist!- sehen Institutes an der Hebräischen Universität in Jerusalem fand am 22. und 23. August in Zürich statt. Es nahmen an ihr feil; Reichsrabbiner Dr. J. H. Hertz (London), Vorsitzender des Verwaltungsrates; Dr. J. L. Magnes, Kanzler der Universität (Jerusalem); Prof. M. Balaban (Warschau); Oberrabbiner Dr. H. Brody (Prag); Rektor Dr. A. Büch- Ier (London); Dr. Martin Bu be r (Heppenheim); Dr. Samuel Daiches (London); Prof. Dr. Israel Dablasohn (New York); Prof. Dr. j. Elbogen (Berlin); Prof. Dr. A. Freimaitn (Frankfurt a. M.); Rabbbincr Dr. M. Liber (Paris); Oberrabbiner J. Rubin stein (Wilna); Nahum S 0 k 01 o w (London); Dr. O. Thon (Krakau); M. M. Ussischkin (Jerusalem); David YeIiin (Jerusalem); Prof. Dr. S. Z e i 11 i n (Philadelphia); S. Ginzberg (Jerusalem), Registrar der Universität, und Dr. L. Kolm (London), Sekretär des Verwaltungsrates. Der Kanzler der Universität erstattete eingehenden Bericht über die Entwicklung des Institutes im vergangenen Jahr und unterbreitete die Vorschlage des Lehrerkollegiums für den Ausbau der Anstalt. Es wurde eine Kommission zur Beratung der mit dem Ausbau der Anstalt verbundenen Ernennungsfragen eingesetzt. Auf Grund des Berichtes der Kommission wurden mehrere Beschlüsse hinsichtlich der Besetzung des Bibelfaches sowie über die Ausgestaltung der talmudisch-rabbinischen Sektion angenommen. Der im letzten Jahr geschaffene Lehrstuhl für H al a c ha wird i in kommenden Wintersemester besetzt werden. Der Verwaltungsrat genehmigte die Vorschläge des Lehrerkollegiums bezüglich des an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu erteilenden Unterrichts in den am Judaistischen Institut gelehrten Fächern. Aut Orund dieser Vorschläge soll das talmudische Fach als Hauptfach und die bisher am Judaistischen Institut noch nicht voll besetzten anderen Disziplinen als Nebenfächer gelten. Die ersten Prüfungen sollen am Ende des akademischen Jahres 1930/31 stattfinden. Für das kommende akademische Jahr wurde ein Gesamtbudget von 10000 Pfund angenommen. Es wurde beschlossen, daß die nächstjährige Sitzung des Verwaltungsrates, wenn möglich, in Jerusalem stattfinden soll. Der Pogrom in Litauen Kowno, 21. August. Das Organ der litauischen Reglerung ״Lietüwas Aidas“ nimmt nun zum zweiten Male Stellung zu dem Pogrom in Siabadan (Slabodka) und gibt diesmal ©ften zu, daß die Regierungsbeamten nicht nur die Exzedenten gewähren ließen, sondern auch direkt an den Ueberfällen auf die Juden teilgenommen haben. Das offizielle Regierungsblatt schreibt u. a.: ״Es hat sich herausgestellt, daß an den Exzessen sogar Regierungsagenten teilgenommen haben, die, statt den Huligans entgegenzutreten, mit diesen Brüderschaft geschlossen haben. Aus dieser Tatsache ist zu ersehen, daß der Bürgerschutz-Apparat in manchen Orten noch nicht auf der wünschenswerten Höhe ist. Im Zusammenhang mit diesen Fehlern des Apparates hat sich der Direktor des Bürgerschutzdepartements vom Amte zurückgezogen.“ Die Zeitung fügt hinzu, in Litauen sei kein Platz für Antisemitismus; die litauischen Juden seien loyal und patriotisch gesinnt, und es sei Pflicht der Regierung, die Schuldigen an Exzessen gegen Juden strenge zu bestrafen. In jüdischen Kreisen hat der Artikel keinen besonderen Eindruck gemacht, da man weiß, daß der Artikel zu dem Zwecke geschrieben worden ist, die gegenwärtig in Litauen anwesende Abordnung der Föderation litauischer Juden in Amerika, die sich eingehend mit den Geschehnissen in Slabodka befaßt hat, zu versöhnen. Man befürchtet, daß es bei diesem Artikel sein Bewenden haben wird; denn bis heute ist noch kein an den Exzessen Schuldiger der verdienten Strafe zugeführt worden. Die Polizisten, die aktiv an den Pogromen in Siabadan und in anderen Orten teilgenommen haben, versehen ihren Dienst an den gewohnten Plätzen. ״Jeremias“ von Stefan Zweig In hebräischer Sprache. Das Schauspiel ״Jeremias“ von Stefan Zweig wurde am 11. August abends im Ausstellungs-Theater von Tel-Awiw von der Ar* beitertruppe ״Ohel“ zum erstenmal aufgeführt. Die Aufführung stellte einen außerordentlichen Erfolg dar. Die Regie, die M. Haie v.i führte, gab den einzelnen Szenen eine außerordentlich farbige und lebendige Wirkung. Das Schauspiel fand eine enthusiastische Aufnahme bei dem Publikum, das den großen Saal der Ausstellungshalle vollständig füllte. (Ziko.) Jewish Agency und Keren H&jessod Referat von Dr. Arthur Hantke, gehalten auf dem XVI. Zionistenkongreß in Zürich. (Gekürzte Wiedergabe.) Die Jahre zionistischer Arbeit vor dem Jahre 1914 waren eine Zeit tastender Versuche, eine Periode von Vorbereitung und innerer Gärung. Als wir unter der Führung Theodor Herzls die Zionistische Organisation aufbauten, hatten wir nur eine Vorstellung voll von Einfachheit und Klarheit. In jedem Erdteil, in jedem von Juden bewohnten Lande wollten wir dasselbe Gefäß schaffen, um das neue, palästinazentrisch orientierte nationale Judentum in sich aufzunehmen. Dem äußerlich vielgestalteten, aber innerlich so gleichförmigen Auflösungsprozeß bewußter und unbewußter Assimilation setzten wir die Einfachheit und die Einheitlichkeit einer nationalen Organisation entgegen. Den pittoresken Trümmern des mittelalterlichen Ghettolebens sollte der nüchterne Aufbau moderner Organisation folgen. Wir haben diese Ideen bald wesentlich modifizieren müssen. Es gelang, in heißer und aufopfernder Arbeit den stolzen Bau der Zionistischen Organisation aufzuführen. Im Weltkrieg blieb er als einzige interterritoriale Organisation der Kulturmenschheit bestehen. Was aber nicht möglich war — das war die Autrechterhaltung der reinen Form der urspriinglichen formalen Organisation und die Negierung des inneren Lebens der Diaspora mit seinen religiösen, sozialen und ökonomischen Problemen. Und so geht seit dem Jahre 1918 in der Zionistischen Organisation ein Differenzierungsprozeß vor sich, der zunächst einmal vielfach zu unerfreulichen Erscheinungen führt und mit den üblichen Uebertreibungen junger Entwicklungen das notwendige Maß von Einheitlichkeit zu erschüttern droht. In seiner endgültigen Gestaltung wird er aber nicht, wie manche Kritiker meinen, zu einer Erschütterung und Schwächung der Organisation führen. Er stellt vielmehr ihre Anpassung und Einordnung in die Vielgestaltigkeit des jüdischen Lebens dar. Die zionistische Bewegung zahlt damit der Anormalität der jüdischen Diaspora ihren Tribut. Sie sichert sich aber ihre Existenz und die Voraussetzungen einer ersprießlichen Arbeit,, indem sie ihren ursprünglich rein logisch aufgeführten Bau, der in bewußter Abweichung von dem passiv und initiativlos gewordenen Leben organisiert war, den nun einmal nicht zu umgehenden Notwendigkeiten des realen Lebens der Nation anpaßt. Gleichzeitig mußten wir erkennen, daß einer Organisation in der Erfassung eines ganzen Volkes überhaupt Schranken gesetzt sind. Auch wenn diese Organisation sich bemüht, allen Bedürfnissen des Volkslebens sich anzupassen, so kann es ihr nur gelingen, denjenigen Teil der Nation zu gewinnen, der überhaupt bereit ist, sich einer Organisation anzuschließen und sich in seinem Denken und in seinem Leben mit einer organisatorisch fest gefügten Bewegung zu indentifizieren. Für die anderen sehr umfangreichen Kreise mußten neben der Zionistischen Organisation andere losere, weniger verbindliche Formen geschaffen werden, wenn auch sic in die Phalanx der Bauleute für das nationale Heim in Palästina ein ge reiht werden sollten. Die Zionistische Organisation hatte auch 1'n 20jährigem Kampf entsprechend den jüdischen Verhältnissen in den einzeinen Ländern überall Kämpfe durchgefochten, zu Tagesfragen Stellung genommen. Nicht immer betrafen diese die zentralen Fragen der Bewegung. Sie erschienen aber unvermeidlich, teils infolge natürlichen Ungestüms einer in siegreichem Kampfe stehenden Gruppe, teils infolge unverständiger Haltung der Gegner, teils aus sachlichen Notwendigkeiten lokaler Verhältnisse. Und wenn auch unter den radikalen Umgestaltungen des Krieges die meisten der so geschaffenen Differenzpunkte in den Hintergrund traten, so blieb doch ein Bodensatz bitterer Gefühle zurück, der gerade nachdenkenden und feiner besaiteten Naturen den bedingungslosen Anschluß an die Zionistische Organisation ihres Landes außerordentlich erschwert. Vom organisatorischen Aufbau der Nation aus gesehen, bedeutete das Auftreten des Zionismus neben anderem vom Anfang an den Kampf einer neuen Schicht von Führern gegen eine seit Generationen herrscltend e Aristokratie, wie sie sich in den Gemeinden, Wohlfahrtsorganisationen und sozialen Verbänden entwickelt hatte. Es war gleichzeitig ein Kampf einer jüngeren Generation gegen eine ältere. Und so galt der Kampf nicht nur der Verschiedenheit der Programme, sondern auch der Auswechslung der Führer. Die Nachkriegsentwicklung hat in vielen Ländern und Kreisen die alten programmatischen Differenzierungen stark abgeschwächt Wohl sind links und rechts intransigente Gruppen geblieben, die unbelehrt durch die Ereignisse, teilweise unter dem Einfluß alter und neuer Entwicklungen der nichtjüdischen Welt und deswegen mit wechselnder Begründung ihren vollkommen ablehnenden Standpunkt noch heute vertreten. Die Masse des jüdischen Volkes, die große Mehrheit seiner Intellektuellen anerkennt aber heute die Grüße und Schünheit der Idee eines Jüdischen Nationalen Heims in Palästina und versteht, daß ein so schwieriger, aber auch so bezwingender Gedanke zu seiner Verwirklichung echte Pioniergesinnung braucht, wie sie nur auf dem Boden ideali^tischer Vergangenheit und Zukunft verbindender national-kultureller Bewegungen erwächst, und daß diese notwendigen Voraussetzungen im Zionismus ihre historisch gegebene Form gefunden haben. Ohne in kleinlicher Weise an Einzelheiten zu mäkeln, sind diese Menschen bereit, an diesem Palästina der Zukunft mitzuarbeiten. Zionismus ist dies noch nicht. Zionismus erfordert nicht nur Liebe zu Palästina und Bereitwilligkeit, an seinem Aufbau mitzuwirken. Zionismus bedeutet, sich In die Schar der verantwortungsbewußten Träger dieses Aufbaues einzureilien, sein Leben im Bewußtsein eigener Verantwortung soweit als Fähigkeiten, wirtsehaffliche Möglichkeiten, Gesundheit und Alter es gestatten, auf Palästina zu konzentrieren, sich dem Laude und seinem Aufbau, sei es direkt im Lande selbst, sei es in der Arbeit für das Land, zu widmen. Die Form der Zionistischen Organisation ist daher für diese philopalästinensischen Juden nicht die geeignete. Und so wurde es bald nach dem Kriege ein wichtiges Problem der zionistischen Führung, diese Ent- Wicklung, die sich neben der zionistischen Bewegung und unter ihrem Einfluß vollzog, vorzubereiten und ihr die adäquate Form zu sichern. Die erste dieser Formen ist der Keren Hajessod. Er gab zuerst einem Nichtzionisten die Möglichkeit, sich ohne formellen Anschluß an die Zionistische Organisation, ohne Verleugnung älterer Anschauungen und ohne Uebernahme so starker Verantwortungen, wie sie nur unter Zionisten gefordert werden konnten, aber in würdiger Form und in einem bisher im Judentum fast unbekannten Ausmaß finanziell und in seinen persönlichen Empfindungen an der Palästina-Aufbauarbeit zu beteiligen. Die Folgen beweisen die Richtigkeit der Idee. 125 000 Keren Hajessod-Zahler, die nicht der zionistischen Bewegung angehören, bedeuten eine Verdoppelung der finanziellen Kräfte der organisierten Palästina-Bewegung. Der Versuch, die pro- . in starkem Maße gelungen. Voraussetzung eines solchen Erfolges war der viel gescholtene ״neutrale“ Charakter des Keren Hajessod. Er Bedeutet aber, wie immer wieder hervorgehoben werden muß, nicht etwa eine Verleugnung nationaler oder jüdisch-politischer Elemente in der Propaganda oder gar in der Arbeit in Palästina, sondern: Freisein von innerjüdischem Parteikampf, Neutralität in der inneren Politik, Abstinenz von Galuth-Politik, Arbeit in Palästina auf der Grundlage der Balfour-Deklaration. Der Keien Hajessod wurde so der erste Meilenstein auf dem Wege zur jüdisch-politischen Neutralisierung der Palästina-Arbeit und zur aktiver Heran- Ziehung der Nichtzionisten. War und ist die Zionistische Organisation der feste und unzerbrechliche Ring, mit dem sich die Zionisten der ganzen Welt zusammengeschmiedet haben und zur Kämpferschar für die Wiederbelebung jüdischen Wesens geworden sind, so legt der Keren Hajessod den ersten Ring um eine ungefähr ebenso große Menge von Juden außerhalb der Zionistischen Organisation und faßt sie in einer ihren Bedürfnissen adäquaten Form für die aktive Palästina- Arbeit zusammen. Das letzte Wort der Entwicklung sollte damit natürlich nicht gesprochen sein. Im Gegenteil begannen bald nach der Gründung des Keren Hajessod die Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency durch Heran- Ziehung von Vertretern nichtzionistischer Juden. Diese Verhandlungen basierten von vornherein auf der Idee des Keren Hajessod. Sie hatten die Existenz des Keren Hajessod und seinen Aufbau in der Zukunft zur Voraussetzung. Wir stehen heute vor dem Abschluß dieser Entwicklung. Die jüdische Gesamtheit hat die Akzeptation der Balfour-Deklaration durch die zionistische Bewegung gegengezeichnet. Die Proteste doktrinärer Gruppen von links "und rechts können an dieser Tatsache nichts mehr ändern. Damit ist die Arbeit der Diaspora für das jüdische Nationale Heim aus einer Partei- 3״Gelegenheit zur Oesamtaufgabe der Juden geworden. Die Hindernisse, die in der historischen Entwicklung der Zionistischen Organisation lagen, sind überwunden. Die Führer der älteren Institutionen im Judentum, häufig genug gleichzeitig die Repräsentanten der älteren Generation, haben sich im Einverständnis mit der neu emporstrebenden demokratischen Volksbewegung ein Forum zu gemeinsamer Arbeit für Paiästina geschallen.