Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 68 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 440 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 30. Vm. 1929 Der Widerhall in der Presse Die gesamte Presse der Welt hat in über am starker Weise auf die Vorgänge in Palästina reagiert Abgesehen von amführliehen Nachrichten, bringen die meisten Zeitungen aller Länder Leitartikel, in denen zu den politischen Problemen Palästinas Stellung genommen wird. Das Verhalten der Palästina-Regierung wird von den meisten Zeitungen, insbesondere auch von englischen, scharf kritisiert auch von solchen, die in der Sache nicht restlos auf Seite der Juden stehen. Wir bringen nach־ stehend einige charakteristische Proben am dm Veröffentlichungen der Presse. Der konservative Londoner ״Daily Telegraph" schreibt am 86. August in einem Leitartikel, nachdem er zuerst die heutige Lage charakterisiert hat: ״Die Unruhe hat sich seit einiger Zeit vorbereitet. Das Vorgehen der Polizei im vergangenen Jahre am Versöhnungstage, als sie mit Gewalt eine zeitweilig errichtete Wand, die die Geschlechter voneinander trennte, an der Klagemauer entfernte, war offensichtlich im Interesse des Status quo, aber es war auch außerordentlich undiplomatisch. Seit diesem Tage haben die Mohammedaner von jedem Zeichen der Schwäche, welches die örtliche Behörde zeigte, Vorteil gezogen und haben die verschiedensten Mittel angewandt, um die Juden, die an der Mauer Zusammenkommen, um die vergangene Herrlichkeit Israels zu beklagen, zu reizen. Der Boden an dieser Stelle ist mohammedanisches Eigentum, aber die Juden sind bereit, ihn zu kaufen. Man hat kundgetan, daß sie wegen des Preises nicht handeln würden, denn sein gefühlsmäßiger Wert kann in Geld nicht errechnet werden, a dies alles ist, was von ihrem Tempel übrig blieb. Dieser Platz hat keinen Wert für die Moslems. Sie haben in ihrem Besitz den herrlichen Tempelplatz mit seinen Moscheen, Bäumen und Quellen. Aber sie wollen sich nicht trennen von den wenigen Metern der Straße außerhalb der Mauern, weil sie so kostbar in den Augen der Juden sind. Niemand weiß, seit welcher Zeit die Juden dorthin zu Gebeten und Klagen gekommen sind. Vielleicht sind es 1000 Jahre. Bis vor kurzem gab es dort keine Schwierigkeiten. Die türkische Regierung war in den Tagen ihrer Macht duldsam, ja sogar freundlich zu den Juden und es ist ein unseliger Zustand, daß unter britischer Verwaltung Erbitterung entstanden ist und so auf die Spitze getrieben wurde, daß sie in Blutvergießen endete. Es Ist ganz deutlich, daß die Behörden an Ort und Stelle — der High Commissionar Sir John Chancelor ist gegenwärtig nicht in Palästina — sich nichtdie starken Gefühle klar gemacht haben, die sofort hervorgerufen werden, wenn religiöse Rechte berührt werden, auch wenn es sich um kleinliche Dinge zu handeln scheint. Daß sie den Moslems erlaubt haben, einen neuen Eingang aus der Mauer heraus auf den Klageplatz hinaus zu machen^ war ein Stück schuld harter Schwäche, auf die wir bereits früher aufmerksam gemacht haben. Der gegenwärtige Konflikt entstand aus einer ungehinderten arabischen Demonstration an einem Ort, wo solche nur als eine Herausforderung angesehen werden könnte. & ist richtig, daß einige Tel-Awiwer Juden vorher dort demonstriert hatten gegen die zionistische Unfähigkeit, ihre Rechte durchzusetzen. Aber das war doch eine friedliche Demonstration. Der Ueberfail der Araber auf den Klageplatz v<:^'itifatli»ndig־;gfn»eiat-als1Ä'tetodBÄer 'Alt; Die ganze Angelegenheit ist beschämend. Palästina wird regiert unter einem Mandat, das ein Nationales Heim Mf: w Juden schaffen soll Jüdische Einwanderung und die Errichtung landwirtschaftlicher Kolonien in verschiedenen Teilen des Landes wurde ermutigt. Aber in der heiligen Stadt selber, mit ihrer bedeutenden Bevölkerung eingeborener jüdischer Familien waren die örtlichen Behörden nur mit halbem Herzen dabei, die bestehenden Rechte der Juden zu schützen. Englisches Prestige hat einen schweren Schlag erlitten durch die Vorkommnisse dieser Woche und es ist stark zu hoffen, daß alle mit der Regierung verbundenen Elemente sich iarüber klar werden, daß die Stadt in Zukunft unparteiisch rerwaltet werden muß. Es sollte doch nicht jenseits der Mög- / fchkeiten diplomatischer Sachverständiger sein, zu einer friedichen Erledigung der ganzen Streitfrage des Klagemaueralatzes zu kommen. Eine Wiederholung von Feindselig-!eiten kann in der Zukunft durch eine starke Regierung verhütet werden, aber am meisten notwendig ist eine allen geaehme Lösung der Probleme, die zu diesen Streitigkeiten geführt haben ״ * t In den letzten Nummern veröffentlicht die ״Time s“ täglich auf der Leitartikelseite eine Reihe von Zuschriften, die ach mit dem Problem der Klagemauer und den Vorgangen in Palästina beschäftigen. Wir erwähnen daraus folgende Aeußerungen: In der Nummer vom 26. August, die auch einen — heute durch die Verhältnisse teilweise überholten Leitartikel ״Jerusalem“ bringt, schreibt ein früherer Spezialkorrespondent des Blattes im Nahen Osten eine ausführliche Darstellung der Situation vor der Klagemauer, unter Zitierung der dort übliehen Gebete. Zugleich spricht der Schreiber die Meinung aus, man müsse verstehen, daß die Araber jeder Tendenz der Juden, den Platz, der den Waqf gehört, sich anzueignen, entgegentreten, zumal wenn der Platz nicht von frommen Betern in der Tracht ihrer Vorväter und der dementsprechenden Würde gefüllt wird, sondern von jungen Zionisten, die auf einem _ Ausflug aus Tel-Awiw in Sporttracht dort, erscheinen. Am nächsten Tag erschien in der ״Times“ eine Zuschrift von Sir Hermann GoIIancz, die darauf hinweist, daß die Situation der Juden in bezug auf die Klagemauer sich unter dem britischen Mandat verschlechtert, statt verbessert hat. Viele Juden, führt der Schreiber aus, werden jetzt die Anschauungen des ״Jewish Chronicle“ teilen, daß die Regierung die Balfour- Deklaration dauernd abbaut und so den Sinn ihres feierlichen Versprechens ändere. Die englische Regierung sollte statt Truppen zu senden, lieber ihren guten Willen und wahren humanitären Geist zeigen, dann könnte man die Klagemauerfrage lösen. In derselben Nummer veröffentlicht die ״Times“ eine Zuschrift des Großmufti von Jerusalem und Präsidenten des Obersten Moslemischen Rates Emin ei Husseini, der darauf hinweist, daß die Klagemauer, von den Mohammedanern der ״Burak“ genannt, die westliche Mauer der Omar-Moschee darstellt, die von den Moslems als eines ihrer höchsten Heiligtümer verehrt wird, auf Grund des Textes des Koran, dessen Kapitel 17 folgendermaßen beginnt: ״Ruhm sei Ihm, der Seinen Diener nächtlicherweile aus der Heiligen Moschee zu dem Feisendom sandte, dessen Vorraum gesegnet ist“ Dieser ״F e I s e n d o m" ist die Omar-Moschee und der erwähnte Segen über dieser Oertlichkeit wurde bewirkt durch die Ankunft Mohammeds in jener nächtlichen Reise auf seinem Pferd Burak, von dem der Platz den Namen empfing. Aus diesem Grunde sei der ganze Platz der Umfebung von den Moslems zum unveräußerlichen öffentlichen igentum für ewige Zeit gemacht worden. Man habe zwar den Juden sowie auch Angehörigen anderer Religionen stets den Zutritt gestattet, niemals aber erhielten sie die Erlaubnis, dort Gottesdienste abzuhalten. Der jüdische Versuch tm Jahre 1019, den Platz zu kaufen, wurde einmütig von den Moslems zurückgewiesen. Daraufhin haben die Juden versucht, sich auf andere Weise via facti in den Besitz des Platzes zu setzen, indem sie dort die Gebrauchsgegenstände ihres Gottesdienstes anbringen. Die Juden gingen sogar so weit, zu veranlassen, daß an bestimmten Tagen keine Touristen die Klagemauer besuchen dürfen, als ob der Platz ihnen gehörte. Auf diese Weise würde das moslemische Eigentum ein rein theoretisches werden. Am 28. d. M. veröffentlicht Chief Rabbi G a s t e r in der ״Times“ eine Zeitschrift, worin er gegen den Mufti polemisiert und nachweist, daß die Auslegung des Mutti unrichtig sein muß, da Mohammed 634 starb und Omar erst 637 Jerusalem eroberte. Aber all dies habe nichts mit der Frage der Klagemauer zu tun. Das Recht der Juden auf ihre Andacht dort is־t bereits seit dem frühen Mittelalter verbürgt. Unter anderen Zuschriften befindet sich in derselben Nummer auch ein Brief von Colonel Wedgwood, worin es heißt: Schon werden in Polen und anderwärts von den Juden antibritische Demonstrationen veranstaltet. Viele werden dies als endgültige Enttäuschung in bezug auf die britisch-jüdische Zusammenarbeit, welche die Seventh Dominion League unterstützen wollte, betrachten. Man muß jedoch abwarten, was die jetzige britische Regierung tun wird. Nur eine Kommission, die Palästina besucht, kann die Tatsachen feststellen und auch die künftigen Heilmittel. Zwei Dinge scheinen festzustehen: daß der arabische Aufstand vorbereitet war und daß die arabische Polizei ihre Pflicht nicht tat. Die Lage hat seit langer Zeit eine stärkere Beteiligung der Juden in der Polizei und im Grenzkorps verlangt. Auch die Frage des Schadenersatzes kann nicht durch einen Hinweis auf die Mittellosigkeit der Exzedenten abgetan werden. Von besonderem Interesse ist eine weitere auf derselben Hauptseite erschienene Zuschrift an die ״Time s“, die folgendermaßen lautet: ״Viele von uns Christen fühlen stets eine tiefe Beschämung in Anwesenheit von Juden, weil wir nicht vergessen können, welche Schandtaten an Israel von Christen begangen wurden durch viele Jahrhurtderte hindurch, und weil wir auch nicht die Gesinnung ihnen gegenüber übersehen können, die keineswegs noch ausgetilgt ist. In den jüngsten Fall der Klagemauer waren Christen nicht verwickelt, und es scheint, daß auf beiden Seiten Fehler gemacht wurden, wie stets in solchen Fällen. Die Juden haben sich bemüht, ihre alten Rechte zu erweitern. Aber wir sehen mit Grauen, daß unter britischer Herrschaft derartige Gewalttaten an einer der heiligsten Plätze Israel« vorgefallen sind Wir können nicht umhin zu fühlen, daß derartige Ereignisse hätten verhindert werden müssen, und Wir׳ haben den Wunsch, unsere Sympathien auszusprechen mit ־ J# ßlphlÄ:«:^ bekannten Israeliten ausgesprochen wurden. ׳•,.;••* '. Charles Gore.“ Zwei weitere Zuschriften tadeln die englische Regierung scharf, weil sie die Verletzung des status quo durch die Araher zugelassen hat * Aus London wird vom 28. ds. Mts, gemeldet: Bemerkenswert ist, daß heute eine Reihe führender Blätter wie ״Times“, ״Daily News“ und ״ Daily C h r o n i c I e“ gegen das Koioniafministerium und die b r i - tische Verwaltung in Palästina den Vorwurf erheben, sie hätten wiederholte Warnungen vor Unruhen nicht beachtet. Da die britische Regierung sowohl den Schutz der Araber wie der Juden und der anderen Ausländer in Palästina übernommen habe, müsse man gegen sie den Vorwurf erheben, daß sie ihren Verpflichtungen nicht nachgekontmen sei. Es müsse sofort eine Untersuchung eingeleitet werden, um festzustellen, wer für den Ausbruch der gegenwärtigen Unruhen verantwortlich sei, und warum di« Behörden in Paläsfina nicht in der Lage waren, sie zu verhindern. Die ״D a i 1 y M a i 1“ fährt fort zu fordern, daß England das Palästina-Mandatiriederlegt. Die dumme und verbrecherische Politik des jüdischen Nationalheims müsse Bquidiert werden. Das Blatt spricht die Hoffnung aus, daß Mac Donald ohne Zeitverlust die ganze Frage wieder aufrollcn wird. * Die ״Neue Freie Presse" (Wien), das Blatt, mit dem Theodor Herd einst seinen tragischen Kampf wegen seiner antizionistischen Todschweigepolitik auszufechten hatte, schreibt am 85. d. M. in einem Artikel, dessen erster Teil eine Darstellung des Konfliktes an der Klagemauer gibt: ״Die blutigen Vorfälle haben in der jüdischen Bevölkerung Palästinas begreiflicherweise die stärkste Empörung hervorgerufen und überall zittert noch die Aufregung nach. Erst vor wenigen Tagen wurde der Sechzehnte zionistische Kongreß in Zürich geschlossen und an die Konstituierung der erweiterten Jewish Agency geschritten. Damit war ein denkwürdiger Wendepunkt für die Bewegung erreicht, die Dr. Theodor Herzl in Fluß gebracht hatte und die vor mehr als drei Dezennien in Basel ihre Richtlinien erhielt. Aber während die zionistischen Ziele jahrzehntelang bei verschiedenen Gruppen der Judenheit auf heftigen Widerstand stießen, während die Aufbauarbeit in Palästina bisher vor allem als Sache des Zionismus galt, hat sich nun ein tiefgreifender Wandel vollzogen. Die jüdische Bevölkerung ist fast ohne Ausnahme gewillt, den Aus- und Aufbau der öffentlich-rechtlichen Heimstätte fürderhin mit vereinten Kräften zu betreiben. (Von uns gesperrt. — Red. ״J. R.״) Ein wahrer Taumel der Begeisterung erfüllte die vielhundertköpfige Versammlung in Zürich, als dieser Entschluß seine feierliche Sanktion erhielt, und neue Hoffnungen stärkten den Zukunftsglauben der opferbereiten Männer und Frauen, die in Palästina als Pioniere wirken. In den Freudenbecher sind jetzt aber plötzlich Wermutstropfen gefallen. Werden die Unruhestifter endlich von den englischen Behörden energisch zurückgewiesen und die fanatisierten Hetzapostel im Zaume gehalten werden? Gewiß, die jüdische Bewohnerschaft bildet vorläufig noch nicht zwanzig Prozent der gesamten Einwohner des Heiligen Landes, doch die Zahl allein macht es nicht aus. Ander Balfour- Deklaration kann nicht mehr gerüttelt werden, denn auf dem Wege, den sie gewiesen hat, gibt es kein Zurück. Nie und nimmer hätte deshalb geduldet werden dürfen, daß die Araber systematisch irregeleitet wurden, daß man ihnen einerseits Gefahren einredete, die für sie nicht bestehen, und daß man sie anderseits über die Kraft und Dauer der britischen Mandatspolitik täuschte. Nun ist über Jerusalem das Kriegsrecht verhängt, nun sieht man in London die unheilvollcn Versäumnisse ein. Augenblicklich gibt es nur eine Aufgabe: die Wiederherstellung und die Verankerung der Ruhe und Ordnung in Jerusalem. Die Klagemauer muß aufhören, das Schibbolet der Parteien zu sein; sie, die Jahrtausenden getrotzt hat, wird auch die Araberstürme überdauern und in stilleren Tagen, so wie einst, wieder friedvoll von den Schauern der Geschichte umwoben sein. In Palästina steht aber auch das Ansehen des britischen Weltreichs mit auf dem Spiel.“ * Das ״Berliner Tageblatt" vom 3a. d. M. veröffentlicht nachstehenden Artikel von Dr. Moritz Bileski, den wir vollinhaltlich hier wiedergeben, weil er unseres Erachtens den zionistisehen Anschauungen zu der durch die Vorgänge in Palästina geschaffenen politischen Lage in sehr klarer Form Ausdruck verleiht. Bileski schreibt: In einer bedauerlich häufigen Anzahl von Fällen hat die Mandatskommission des Völkerbundes die Zeit ihrer Sitzungen statt der aufbauenden Arbeit auf ihrem wichtigen und verwickelten Gebiet der Prüfung von Ursachen und Verlauf ernstbafter Unruhen in Mandatgebieten widmen müssen. Ueber Südwestafrika, Syrien, Samoa ist aus solchen Anlässen in den letzten Jahren vor diesem internationalen Forum verhandelt worden. Nunmehr wird Palästina dieser Kette angereiht, ein Land, dessen Verwaltung wegen der unter schwierigen Verhältnissen erreichten inneren Befriedung in den letzten Jahren in Genf stets gelobt wurde. In der Entwicklung der Beziehungen der Araber zu dem jüdischen Volksteil, dessen ruckweise, aber im Ergebnis schnelle Vermehrung eine völlige Verwandlung des Landes Palästina .eingeleitet hat, sind Perioden recht verschiedenen Charakters zu unterscheiden. 1920 und 1921 erbitterter Widerstand gegen die beginnende jüdische Einwanderung, der zu blutigen Ausschreitungen führte, ln den folgenden Jahren ein Abklingen dieser feindseligen Stimmung, gefördert durch das stetige Bemühen der britischen Regierung, den Arabern klar zu machen, daß die Errichtung der nationalen Heimstätte für die Juden keine Vertreibung oder Unterdrückung der Araber bedeuten solle, und durch die großen wirtschaftlichen Vorteile, die die jüdische Einwanderung den arabischen Bewohnern Palästinas brachte. So konnte gerade das Jahr der höchsten Einwanderungsziffer — 19» mit 35000 Einwanderern — im ersten Satz des Regierungsberichtes an den Völkerbund als ״ein Jahr der «nd des gesteigerten ' Wohlstandes״-!»zeichnet-werden״ Greifbare Aussichten für einen jüdisch-arabischen Ausgleich schienen sich zu eröffnen, als im Jahre 1928 die arabisch-nationale Bewegung den üblichen Protest beim Völkerbund gegen das Palästinamandat unterließ und statt dessen als ihr Ziel eine parlamentarische Landesvertretung verkündete, wobei sich die Möglichkeit einer Anerkennung des Mandates, also auch der Balfour-Erklärung und damit der jüdischen Heimstätte, mindestens als Gegenstand für Verhandlungen ergab. Aber da kam der ״Versöhnungstag“ im Herbst 192S. Eine von betenden Juden im religiösen Eifer vorgenommene, unwichtige Abweichung von dem berühmten Status quo an der Klagemauer, dem ehrwürdigen Heiligtum jüdischer Religion, wurde von einem Polizeioffizier mitten im Gebet so brutal korrigiert, daß die jüdisehen Gemeinden in der ganzen Welt erbittert Protest erhoben. Sogleich erblickten Führer der arabisch-nationalen Bewegung der schärferen Tonart eine neue Gelegenheit, die Stimmung des Kampfes und der Feindseligkeit im mohammedanischen Arabertum neu zu entfachen, die für ihren Einflpß wichtig waren. Sie benutzten ihre Stellung im obersten mohammedanischen Rat, einer formell religiösen, tatsächlich politischen Instanz, die über den Tempelplatz und damit über die Klagemauer zu verfügen hat, zu immer neuen Sticheleien gegen das jüdische religiöse Gefühl, das durch Protestkundgebungen und Verkündung jüdischer Ansprüche auf die heilige Stätte reagierte. Darauf kam in der letzten Woche die Antwort der Araber mit Messer und Gewehr. Der politische Inhalt dieser Ausschreitungen ist nicht mehr der Kampf um die Klagemauer. Hier ist offenbar vom extremen arabischen Nationalismus noch einmal ein Generalangriff auf die jüdische Heimstatte in Palästina unternommen worden. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, daß die Unruhen sich zeitlich unmittelbar anschließen an die Gründungstagung der erweiterten ״Jewish Agency“ in Zürich, die dem jüdischen Kolonisationswerk in Palästina einen starken Zuwachs an neuen Kräften aus dem nichtzionistischen Judentum gebracht hat. Die schnell entfachte Flamme des Aufruhrs sollte die neuen jüdischen Möglichkeiten und mit ihnen das schon Geschaffene verzehren. Indessen dürften solche Berechnungen von arabischer Seite die Kraft der jüdischen Palästinabewegung zu gering einschätzen. Es ist keinZweifel,daßsie,auchüberdiesebIutigen Augusttage hinweg, ihr Werk fortsetzen, Zerstörtes wieder aufbauen und Neues hinzufügen wird. Aber sie steht vor dem ernsten Problem, mit dem Arabertum Palästinas in irgendeiner Form fertig zu werden. Die simple Form militärischer Unterdrückung wird — soweit es sich nicht um akute und selbstverständliche Maßnahmen für Ordnung und Frieden handelt — keine Lösung bieten. Erhebliehe Teile der zionistischen Bewegung lehnen sie ab, und sie wird auch praktisch für die Dauer als eine zu große Belastung englischer Interessen nicht in Frage kommen. Daher muß Verständigung mit den Arabern nach wie vor als ein Ziel der jüdischen Palästina-Politik im Auge behalten werden. Die Geschichte der letzten Jahre zeigt, daß Möglichkeiten hierfür vorhanden sind. Es ist sicher schwer — und die neuen Ereignisse haben die Schwierigkeiten erschreckend vermehrt —, aber es ist nicht utopisch, eine Form staatsrechtlicher Organisation zu finden, die zwei Nationen in einem Lande friedlich nebeneinander leben läßt Das Thema ist dem des Minderheiten- | Kongresses in Genf recht verwandt. Gedanken, die gerade jetzt