Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 68 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 438 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 30. Vm. 1929 Die erste Woche der Unruhen Tischo b’Aw in Jerusalem Die Entwicklung bis zum 22. August Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Dieser uns mit der Post qugehende Bericht ist .7m 32. August abgesandt, also noch bevor der Konflikt die ungeheuren Dimensionen angenommen hatte, vor denen wir heute schaudernd stehen. Dies muß bei der Lektüre des Aufsatzes natürlich berücksichtigt werden. Dennach halten wir die Wiedergäbe auch der Schlußfolgerungen des Autors für gerechtfertigt. Red. Jerusalem, 22. August. Seit Tischo 1/Aw herrscht in Jerusalem eine Stimmung, wenigstens bei Teilen der Bevölkerung, die russische Zionisten den Vergleich mit Pogromtagen aussprechen läßt. Jeder Tag bringt ein kleineres oder größeres ״Ereignis", die Presse ist voller Mitteilungen, Proteste, offizieller Kundgebungen und teils aufhetzender, teils beschwichtigender Kommentare — ״Haaretz“ und ״Dawar“ üben eine bemerkens* und rühmenswerte Zurück- Haltung — kurz: es herrscht genau diejenige politische Situation, in der alles darauf ankommt, die Nerven nicht zu verlieren und Besonnenheit zu bewahren. Aus dem Gebot dieser grundsätzlichen Besonnenheit heraus seien in folgendem noch einmal kurz die Tatsachen rekapituliert, selbst auf die Gefahr hin, daß sie dem Leser sämtlich schon bekannt, bzw. noch in Erinnerung sind, und dann erst einige politische Folgerungen gezogen. Die Tür bei der fflagemavter Ende Juli wurde auch weiteren Kreisen des jüdischen Jerusalems bekannt, daß der moslemitische Rat, die oberste religiöse Behörde der mohammedanischen Araber Palästinas, außer an* deren kleineren Bauten in der Umgebung der Westmauer eine Tür an deren südlichem, zur Zeit nicht von Juden als Gebets■ statte benutzten Teile öffnen lassen wolle und dazu, wie wenige Tage später dem beschweideführenden Oberrabblnat\ mitgeteilt wurde, die gutachtliche ErlaubnisderLondonerKron- Juristen erhalten habe, da in der bloßen Oeffnung einer bereits vorhandenen Tür keine Verletzung des ״Status quo“ zu erblicken sei. Damit war eine direkte Verbindung zwischen dem Platz der Omar-Moschee und der engen Klagemauer-Gasse hergestellt. Zwar versicherten die englischen Behörden Jerusalems — der Oberkommlssar weilte leider bereits im Auslande — daß die Benutzung des neuen Durchganges administrativ auf diejenigen Stunden eingeschränkt werden solle, in denen keine Gefahr bestehe, die jüdischen Beter an der Westmatier zu stören, wußte aber auf den Hinweis, daß an der Klagemauer keine festgesetzten Gebetsstunden eingeführt sind, sondern sie Tag und Nacht von Juden aufgesucht wird, keine befriedigende Antwort zu geben. Auf den naheliegenden Einfall, die Angelegenheit nicht formaljuristisch, sondern baupolizeilich, unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Sicherheit, zu behandeln und die Oeffnung der Pforte überhaupt zu verbieten, scheint niemand gekommen zu sein. Dies war vor Tischo b’Aw, und Kenner des jüdischen und arabischen Jerusalems, Kenner der englischen Beamtenschaft und Polizei fürchteten bereits für den ruhigen Verlauf dieses kritisehen Tages. Die offiziellen Instanzen des Jischuw, die stellvertretende zionistische Leitung, das Oberrabbinat und der Waad Leumi zeigten keine sichtbare Tätigkeit. Wie diese Körperschäften schon während des letzten halben Jahres die Angelegenheit der Westmauer durchaus in vertraulichen Zirkeln begraben und dadurch den irrigen Eindruck hatten aufkommen lassen, als stehe ihre günstige Erledigung bevor — damit motivierte man auch ihre Nichterwähnung im zionistischen Bericht an den Völ• kerbund — so fehlte auch jetzt eine feste und autoritative Fühlungnahme mit der öffentlichen Meinung. Alles blieb durchaus der privaten Initiative verschiedener Organisationen und Gruppen überlassen, die sich natürlich im Grade ihrer Verantwortungsfreudigkeit und Verantwortungsfähigkeit sehr voneinander unterscheiden. Die wenigst verantwortliche unter diesen Gruppen ist vielleicht die ad hoc gegründete: der ״Waad lema’an Hakotel“. Man kann sie als eine Schöpfung der Revisionisten ansprechen, deren ״Doar Hajom“ sie als einzige der drei Tageszeitungen propagierte — ״Haaretz“ und ״Dawar“ lehnten scharf ab — die aber auch (bisher?) nichtrevisionistische Kreise zu gewinnen verstand, vor allem Prof. Dr. Klausner, der nun in seiner neuen Eigenschaft auch mehrmals von der Regierung empfangen wurde — offenbar in der Meinung, er vertrete, schon als Universitäts- Professor, die jüdische Intelligenz. Von dieser aber ließ der Aufruf des neuen ״Waad“ sehr wenig erkennen; er war im schönsten nationalistischen Phrasenstil abgefaßt, den in der Kriegszeit Professoren kleinerer und größerer Universitäten aller Länder so souverän und unheilvoll zu meistern wußten. Es hieß darin, man müsse ״Himmel und Erde erzittern lassen“ usw. Inwieweit dies, wenn auch nicht mit der ganze« Erde, so doch mit einem Teil der Jerusalemer Altstadt gelang, werden wir gleich berichten müssen. Der Verlauf des Tischo b'Aw^ Die Gottesdienste am Abend des Tischo b’Aw verliefen überall in der üblichen Form, auch an der Kiagemauer selbst, und nur die moderne, übrigens streng orthodoxe Synagoge ״Jeschurun“ führte insofern eine Neuerung durch, als sie zwei Redner, Raw Beermann und eben Prof. Klausner, über die Klagemaucr sprechen ließ. Danach bewegten sich die sehr zahlreichen Beter in geschlossenem, wohlgeordneten Zuge zur Westmauer. Es ist in Jerusalem bereits seit Jahren eingeführter, allgemein angenommener Brauch, am Tischo b’Avv der Klagemauer einen Besuch abzustatten. Diesmal aber war die Beteiligung der vielen Tausende — nicht etwa nur der Beter aus dem ״Jeschurun“ — wohl noch gewaltiger als sonst, die Ordnung, mit Hilfe von Polizei und zahlreichen freiwilligen jüdischen Ordnern, erheblich besser, und vor allem: kein Wort wurde gesprochen; in vollkommenem Schweigen, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, grüßten die Massen die nächtliche Mauer. Diese stille Demonstration war, so scheint mir, höchst legitim und höchst eindrucksvoll. Am nächsten Tage, dem Morgen des neunten Aw also, fand eine zweite Demonstration statt, die völlig illegitim, alles andere als still und allerdings auch, freilich in anderem Sinne, höchst eindrucksvoll war. Der revisionistische Jugendbund ״Brith Trumpeldor“, unterstützt von Anhängern anderer Jugendbünde und jugendlichen Mitgliedern der orientalischen Gemeinden, veranstaltete einen lärmenden Zug durch die Stadt, und zwar auch und gerade durch das reinarabische Viertel am Damaskustor, zur Westmauer, wo anklagende Reden gegen die britische Regierung und gegen die ״Entheiliger des Heiligtums“ gehalten wurden. Während des Zuges wurde die jüdische Fahne gezeigt. Alle Bemühungen von Vertretern der verantwortlichen jüdischen Instanzen sowie von Vertretern der Polizei, den Zug zu verhindern, schlugen fehl. Er setzte sich schließlich durch und erreichte sogar, daß seine Vertreter von einem hohen Regierungsbeamten empfangen wurden. Es ist übrigens nach dem äußeren Auftreten der jungen Leute kaum anzunehmen, daß auch nur einer von ihnen den Tag durch Fasten begangen hat — ein Symptom dafür, wie sehr hier aus einer religiös-nationalen Angelegenheit ein reines Politikum gemacht wurde. Der arabische Ueberfall Ziemlich unmittelbar nach diesem Ereignis kündigte der Mufti von Jerusalem, d. h. der Oberste mohammedanische geistliche Richter der Stadt, der Regierung offiziell eine Gegendemonstration an, die sich auf gleichem Wege wie die Juden, aber in umgekehrter Richtung, bewegen werde. also vom Platze der Omar -Moschee aus durch die neu geöffnete Tür zur Klagemauer, und dann weiter in die Altstadt. Regierung und Polizei, die dem ״Brith Trumpeldor“ schließlich den Weg freigegeben hatten, fühlten sich verpflichtet, den Mohammedanern dasselbe eitizuräumen, und am folgenden Tage, Freitagvormittag, bewegten sich viele Hunderte von Mohammedanern, die teilweise nicht aus Jerusalem stammen, sondern von den umliegenden Dörfern herbeigeeilt waren, durch die Pforte in die Straße vor der Klagemauer. Da die Juden rechtzeitig gewarnt worden waren, fanden sie — nach der rechtzeitigen Flucht der meisten Beter und der, beinahe unheilvoll verspäteten, zweier von ihnen — dort nur den irrtümlich zurückgebliebenen sephardisehen Schamasch vor, der beraubt und geschlagen wurde und wohl nur durch das Eingreifen eines jüdischen Pollzeioffiziers und seiner zwei arabischen Polizisten Schlimmerem entging. Wese Wachtmannschaften — mehr waren nicht anwesend! — konnten aber nicht hindern, daß ein Usch und ein Leuchter zerbrochen, Gebet- und Psabnbücher sowie Zettel mit persönlichen Bitten usw. verbrannt wurden. Am folgenden Tage — Schabbath Nachamu! — gab die Regierung ein offizielles Kommunique heraus, das erstens die Tatsachen zu vertuschen sucht — statt verbrannter ״Gebetbücher“ werden z. B. nur: ״Papiere, auf denen Gebete stehen“ erwähnt —, das zweitens die mohammedanische Demonstration lediglich als Folge der jüdischen hinstellt, was siewohl kaumist, und das drittens beide Demonstationen auf der gleichen Ebene behandelt, obwohl bei der jüdischen nur geschrien, aber weder geschlagen noch verbrannt wurde. Auf diese Darstellung antworteten die jüdischen Instanzen, diesmal einschließlich der Agudath Jisrael, mit einer wirkungsvollen Kundgebung. Die folgenden Tage waren von zahlreichen kleineren Zwischenfällen und von noch viel zahlreicheren, meist völlig grundlosen oder doch sehr übertriebenen Gerüchten angefüllt Aber in der Tat haben sich eine ganze Reihe von Raufereien in den letzten Tagen ereignet, bei denen die Frage, ״wer angefangen hat“, im Einzelfall schwer zu entscheiden sein dürfte, die aber im ganzen wohl häufiger auf arabische als auf jüdische PrövokatiQnsp ^ckzuffflu^ 4n.d,, . Das erste Todesopfer Dabei hat es auf beiden Seiten immer wieder schwerer und leichter Verwundete gegeben, vor allem durch Dolchstöße und Steinwürfe, und nun leider auch einen (jüdischen) Todesfall: ein kurdischer jüdischer Junge geriet am Samstag, dem 17. August, beim Fußballspielen, unabsichtlich oder absichtlich, auf das Gebiet des arabischen Fußballplatzes und wurde dort so schwer verletzt, daß er nach einigen Tagen Krankenhausbehandlung am Dienstag, dem 20. August, gestorben ist. Sein Begräbnis führte nun wieder zu einem Zwischenfall größeren Ausmaßes. Die Vorgänge bei der Beerdigung Die Behörden hatten erst den Versuch gemacht, die Beerdigung heimlich bei Nacht stattfinden zu lassen; dem waren die Eltern des Verstorbenen — wie mir scheißt, mit vollem Recht —, unterstützt von den Instanzen des Jischuw, erfolgreich entgegengetreten. Das Begräbnis sollte nun Mittwoch am frühen Morgen stattfinden; durch einen jener unseligen technischen Zufälle, die bei derartigen Katastrophen immer ihre Hand im Spiele haben und in Wahrheit doch nur auf mangelnde Sorgsamkeit und Pflichterfüllung schließen lassen, hatte das Krankenhaus (Regierungshospital!) keinen Befehl erhalten, die Leiche zu so früher Stunde herauszugeben, so daß sich die Sache bis in den hellen Vormittag hinein verzögerte. Eine größere Volksmenge fand sich auf dem Platze vor dem Krankenhaus ein, meist junge Leute aus den Kreisen des Verstorbenen, aber auch Erwachsene sowie Vertreter der verantwortlichen Instanzen des Jischuw und zahlreiche Potizisten, zunächst arabische, die dann, auf Drängen der Versammelten, durch christliche Engländer ersetzt wurden. Es wurden nun in wilder Unordnung, teilweise von mehreren Rednern zugleich, Klage- und Anklagereden gehalten, sowie mit der Polizei über den Weg verhandelt, den der Zug zu nehmen habe. Man setzte schließlich durch, durch die belebten Hauptstraßen gehen zu dürfen, traf aber ein Abkommen, wenigstens den kürzesten geraden Weg zu wählen und nicht etwa durch das Jaffator hindurch in die arabische Altstadt zu marschieren. Der Zug nahm nun, dauernd von Passanten angeschwellt, durch die belebte Jaffastraße seinen Weg bis zur Post, bog dort aber nicht, wie vereinbart, zum jüdischen Friedhof ab, sondern versucht«, durch einzelne Schreier immer wieder aufgehetzt, zum Jaffator, d. h. in die Altstadt vorzustoßen. Der starke Polizeikordon verhinderte dieses nicht nur, wie es seine Pflicht war, sondern hieb mit der übliehen polizeilichen Grausamkeit, die vielleicht im Orient gegenüber ״natives“ noch einer Steigerung fähig ist, auf die wehrlosen und sofort fliehenden Menschen ein. 24 Verwundete, darunter ein Schwervenvundeter, waren das Resultat. Der Zug zerstreute sich, die Bahre mit der Leiche blieb auf dem Pflaster liegen und wurde erst später, von einer kleineren Gefolgschaft, zu Grabe getragen. Zionistische Exekutive und Regierung Am Tage nach diesen traurigen Ereignissen, also am Donnerstag, dem 22. August, wurde der jüdischen Oeffentlichkeit durch die Tagespresse ein Briefwechsel bekannt, den einerseits die provisorische Zionistische Leitung und der Waad Leumi — in zwei getrennten, aber Im gleichen Geiste gehaltenen Schriftstücken — und andererseits Herr Luke , als Vertreter des Oberkommissara, geführt hatten. Die zionistischen Vertreter wiederholten in ihren Briefen noch einmal schriftlich alle Argumente, die bereits in einer Audienz mit Herrn Luke mündlich vorgebracht waren: sie protestieren vor allem dagegen, daß die Regierung die arabische Demonstration von der Klagemauer überhaupt zugelassen habe, daß sie, im Gegensatz zu der starken polizeilichen Bewachung der Brlth Trumpeldor-Leute, nicht für genügenden Schutz def Juden dabei sorgte, daß das Kommunique der Regierung unrichtige Angaben enthalte und die beiden Demonstrationen völlig gleich stelle, und daß schließlich der gefährliche Anschein bestärkt werde, als habe der Platz vor der Klagemauer nicht nur für die Juden, sondern auch für die Mohammedaner Irgendeine religiöse Bedeutung. Die Briefe gipfeln in den Forderungen nach Bestrafung der Schuldigen und nach Ergreifung aller Maßnahmen für die Sicherheit der Juden (Schließung der Pforte ln der Klagemauer), sowie in dem Versprechen, beruhigend auf die jüdische Bevölkerung einwirken zu wollen. Besonders Interessant ist je eine Einzelheit in den beiden Briefen: ein Hinweis in dem Schreiben der provisorischen Zionistischen Exekutive, daß sie nur eben provisorisch sei und daher keine endgültigen politischen Folgerungen ziehen wolle, und ein Hinweis in dem Brief des Waad Leumi, daß die Brith Trumpeldor-Dtmonstration, wie der Regierung bekannt gewesen sei, von den verantwortlichen jüdischen Instanzen nicht gebilligt wurde, trotzdem aber harmlos verlief, während die mohammedanische Demonstration von den offiziellen Spitzen der islamitischen Araber ausging und zu Gewalttätigkeiten führte. Die Antwort der Regierung ist überaus höflich, wenn auch kurz gehalten, dankt zweimal, zu Anfang und Ende des Briefes für das Versprechen beruhigender Einwirkung und äußert sich eigentlich nur zu der Frage des amtlichen Kommuniqufs, und dies mit einer recht unaufrichtig wirkenden Elastizität. Es wird nimlich behauptet, daß dieses Kommunique, das eilig habe herauskommen müssen, den augenblicklichen polizeilichen Berichten entspräche, die die Regierung empfangen habe, daß aber die Naehforschun• gen trotzdem fortgesetzt werden. Der gleiche Tag brachte Nachrichten von weiteren kleineren Zwischenfällen, bei deren einem auch der misrachistische Schulinspektor der Zionistischen Exekutive, Raw Hermann, leicht an der Hand verletzt worden ist Außerdem erschienen zwei offizielle Kommuniques: eines der Regierung über die Ausschreitungen der Polizei während des Begräbnisses, in dem die Schuld an den Ereignissen so verteilt ist, daß lediglich von ״unverantwortlichen jungen Juden“ — dief mit Recht! — gesprochen wird, die Untaten der Polizei aber — und dies mit Unrecht! — ohne ein Wort des Tadels in der Form einer nackten Mitteilung Über 24 Verwundete referiert werden. Das zweite Kommunique, gemeinsam von zionistischer Leitung und Waad Leumi unterschrieben, teilt eine Depesche der Londoner Exekutive mit, derzufolge das Kolonialamt die Frage der Kiagemauer energisch auf, gegriffen habe, und warnt vor unverantwortlichen Demonstrationen usw., welche die endgültige Lösung nur verzögern können. Im gleichen Sinne wirkt die verantwortliche Presse; Medzini Im ״Haaretz“, Beilinson in einem hervorragepden ■Aufsatz ,,Politische Rechnung“ im ״Dawar“ (siehe•• die Wiedergabe in der heutigen Nummer der ״J. R.“) und, schon vorher, Lufban, nicht minder hervorragend, an leitender Stelle seines ״Hapoel Hazair“. Dies sind, bis zum Abend des 22. August, die Ereignisse und die Reaktion auf sie in der jüdischen öffentliehen Meinung des Landes. Wie nun sind sie zu bewerten und was folgt aus ihnen? 1. Die Personalpolitik Herbert Samuels ist als gescheitert erwiesen. Er hat u. a. den heutigen Mufti von Jerusalem, einen der Hauptschuldigen an den Vorgangen, in sein Amt eingesetzt, obwohl er schon damals als der Pogromheld von 1920 bekannt war. Man kann eben nicht den Nationalismus des eigenen Volkes — den der Juden —'’ dämpfen, indem man dem des anderen Volkes schmeichelt und nachgibt. Sondern man muß jeden Nationalismus be« kämpfen: den drinnen wie den draußen. Aktuelle Bewertungen: 2. Die rein formal-juristische Entscheidung der Londoner Kronjuristen zeigt, wenn nicht schlechten Willen, so doch mangelndes Verständnis des palästinensisehen Problems. 3. Die zionistische Führung hätte versuchen müssen, den Ausfall dieser Entscheidung vor der letzten Sitzung der Mandatskommission in Erfahrung zu bringen, um nicht, wie sie es tat, vielleicht in einer optimistischen Selbsttäuschung über den Stand der Dinge, gerade über diesen Punkt in ihrem Bericht an die Mandatskommission völlig zu schweigen. 4. Die zionistische Geheimdiplomatie, mit der die entsprechenden Verhandlungen auch dem Jischuw gegenüber geführt wurden, wiegten diesen in Hoffnungen, so daß er nachher, beim unerwarteten Bekanntwerden der ungünstigen Wahrheit, zum Teil seil» Selbstbeherrschung verlor. 5. Die provisorische zionistische Leitung hat im allgemeinen überraschend geschickt operiert. Sie hat eigentlich nur einen, freilich schwerwiegenden Fehler gemacht: nachdem es ihr nicht gelungen warj die Brith- Trumpeldor-Demonstration zu verhindern, hätte sie der Polizei nahelegen sollen, diese im Interesse der öffentlichen Sicherhit zu verbieten, ebenso wie selbstverständlich auch jede moslemlti sehe Demonstration in dieser Sache und am Orte der Klagemauer. Ein gewisser Mangel an (falsch verstandener) ״nationaler Solidarität“, der freilich zu einer derartigen Anregung nötig gewesen wäre, hätte viel Blut und viel national-politischen Schaden erspart. 6. Es wäre auch nachträglich noch geboten gewesen, daß die verschiedenen jüdischen Aufrufe noch weit entschiedener, als sie es taten, vom ״Brith Trumpeldor“ abrückten. Nur dann hätte ihr (an und für sich zutreffender) Protest dagegen, daß die Regierung beide Demonstrationen einfach auf die gleiche Stufe stellte, volle Durchschlagskraft erhalten. Grundsätzliche Folgerungen 1. Es darf nie wieder Vorkommen, daß Palästina auch nur einen Tag von allen Mitgliedern der Zionistischen Exekutive völlig entblößt wird. Es handelt sich hier nicht darum, zwischen der vermutlichen Tätigkeit der eigentlichen Exekutive und der tatsächlichen der provisorischen Wertunter-