Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 68 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 68, 30. VÜI. 1929 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 437 .........■1.1111■ Zionistische Vereinigung für Deutschland Kundg ebung en am Sonnabend, 31. August, abends 9 Uhr in der Stadthalle idosterstra$e im Bach-(Blüthner)>$aal# (UniergrundbahmiaHon Klosienirage) Lütz0WStra|e 76 ״Die Ereignisse in Palästina“ Die f&r Dienstag, den 3. September, angekündigten Versammlungen sind an! diesen Tag gelegt worden. Die politischen Folgen Von Richard Lichtheim. Bürgenslock, 26. August Schon während des Kongresses waren sehr beunruhigende Nachrichten über die Lage an der Klagemauer eingelaufen. Der Kongreß faßte eine Protestresolution und beschloß die Entsendung einer Delegation nach London. Die revisionistische Fraktion hatte die Entsendung einer wirklichen Abordnung des Kongresses gefordert. Die Exekutive widersetzte sich dem und verlangte, daß die Aktion in ihrer Hand bleibe. So wurden Jellin und Kisch nach London geschickt Sie kamen mit der Mitteilung zurück, die Regierung habe die zionistische Auffassung geprüft und darüber ausführlich nach Jerusalem gekabelt. So kann also weder die Londoner noch die Jerusalemer Regierung behaupten, sie sei nicht auf den Ernst der Lage bin ge wiesen worden. Kein Zweifel, daß die britische Verwaltung für den Ausbrach der Unruhen direkt verantwortlich ist. Sie hat den status quo an der Klagemauer folgendermaßen ausgelegt; Die Juden dürfen eine transportable Wand dort nicht aufstellen; aber die Araber dürfen auf der Klagemauer bauen und vom Platz der Omar- Moschee ein« Tür durchbrechen, welche durch ein arabisches Haus den Arabern direkten Zugang zu der bekannten Sackgasse vor der Klagemauer schafft. Damit war den Arabern der Weg freigegeben. Sie betraten ihn, mit dem Messer in der Hand. * Der unmittelbare Anlaß zu den jüdisch-arabischen Kämpfen dieser Tage darf aber die tieferen Ur- Sachen des Konflikts nicht vergessen machen. Gegenüber der zionistischen Leitung, die unter dem Beifall ihrer Anhängerschaft das von Sir Herbert Samuel geschaffene System der ״Befreiung“ Palästinas und die dort herrsehende Ruhe und Ordnung zu preisen pflegte — hat Jabotinsky immer wieder in klassischer Formulierung auf die Gefahr der amtlichen Palästinapolitik hingewiesen. Die Einwanderung von Juden nach Palästina muß bei den Arabern trotz aller damit verbundenen Vorteile Gegnerschaft auslösen. Diese Gegnerschaft ist ungefährlich, wenn die Mandatarmacht die jüdische Kolonisation ernsthaft fördert und schützt. Diff Araber sind viel zu schwach, um gegen die Macht Englands aufzutreten, wenn diese Macht den Zionismus durchsetzen will. Dazu bedarf es keines Militärregimes, keiner dauernden Gewaltanwendung. Es genügt, wenn in der täglichen Arbeit der Verwaltung der Wille erkennbar wird, die jüdische Kolonisation zu unterstützen. Wir nennen dies das ״Kolonisationsregime“, dagegen wird die arabische Gegnerschaft zur Gefahr, wenn die Verwaltung im Sinne des SatnuePschen Systems den nur gelegentlich eingreifenden Unparteiischen zwischen zwei eingeborenen Rassen spielt und so den Arabern die Hoffnung laßt, durch Unruhen und Gewalttaten die jüdisehe Einwanderung abzuschrecken. Zur direkten, unmittelbaren, unvermeidbaren Gefahr wird die arabische Gegnerschaft, wenn die Verwaltung vor solchen arabisehen Ausbrüchen zurückschreckt (wie Samuel dies im Jahre 1922 tat), wenn englische Beamte offen oder versteckt die arabische Gegnerschaft schüren, wenn sie die Bestimmungen des Mandats zugunsten der Juden unbeachtet lassen, den Arabern aus den Mitteln des Landes viele, den Juden fast gar keine Vorteile zuwenden, wenn sie provokatorische Maßnahmen wie an der Klageifiauer treffen, wenn schließlich die militärischen und polizeiliehen Kräfte im wesentlichen aus Arabern bestehen. Die englische Presse meldet, daß zahlreiche englische Untertanen, darunter vierzig Studenten aus Oxford, als ״special Constables“ ausgerüstet wurden. Zwar wurde die gesamte Polizeimacht mit Panzerwagen aufgeboten, aber — so lautet das Telegramm — ״die Hauptarbeit entfiel auf die britischen Polizisten, die von acht jüdischen Polizisten unterstützt wurden. Die arabische Polizei verließ die Straßen“. * Die politischen Folgen der letzten Ereignisse werden von größter Tragweite sein. Der Zionismus stellt an einem Wendepunkt. Es ist jetzt nötig, alle politischen Energien zusammenzuraffen und zu handeln. Die Gefahr ist ungeheuer: die Verwaltung Palästinas wird, um sich von aller Schuld reinzuwaschen, eine ״Untersuchung“ vornehmen, die, genau wie im Jahre 1922, mit der Behauptung enden wird, daß die beiden eingeborenen Stämme, Juden und Araber, in gleichem Maße schuldig seien. Man wird zunächst mit dem Belagerungszustand regieren (englische Soldaten aus Aegyp. ten und Matrosen der Mittelmeerflotte mußten in größter Hast nach dem ״befriedeten“ Palästina entsandt werden), Zeitungen und Korrespondenten müssen schweigen, dann wird man die Uebeltäter bestrafen, Juden wie Araber, fifty — fifty — und dann wird alles beim Alten bleiben — oder es wird noch schlimmer werden. Das darf nicht sein. Das wäre die furchtbarste Schwächung des Zionismus. Wir müssen jetzt mit aller Macht auf grundlegender Aenderung des Systems bestehen. Die Verwaltung muß an Haupt und Gliedern reformiert, der feste Wille Englands zur Durchführung des Mandats muß deutlich gemacht, der Schutz der jüdischen Bevölkerung durch jüdisch-englische Polizei- oder Militärformationen gesichert werden. Wir fordern sofortigen Zusammentritt des Zionislischen Aktions-Conntes in London. Wenn auch gerade in diesem Moment die politische Verantwortung formell von der Zionistischen Organisation auf die erweiterte Jewish Agency übertragen worden ist, so besteht doch noch die Zionistische Exekutive. Diese ist verpflichtet, unter so außerordentlichen Umständen das Aktions- Comitd zusammenzurufen, welches die Tätigkeit der Exekutive zu kontrollieren hat Auf das jetzt formell zuständige Administrative Committee der Agency, das in sechs Monaten Zusammenkommen soll, können wir nicht warten. Da die Zionistische Exekutive auch als Exekutive der Agency fungiert, so kann sie sich mit den maßgebenden Mitgliedern des Administrative Committee in Verbindung setzen und nach Beratung mit dem Zionistischen Aktions-Comite die politischen Maßnahmen ergreifen, die der Moment fordert. Es steht zu viel auf dem Spiele, als daß jetzt gezaudert werden dürfte! ״Klare Pflichten in Palästina" Ein Leitartikel der ״Times“ vom 28. August 1929 Die ״Times" vom 28. August veröffentlicht einen Leitartikel unter obiger Uebersehrift, den wir wegen seiner Wichtigkeit in voller Uebersetzung wiedergeben: Die seit Sonntag aus Palästina empfangenen Nachrichten lassen die Lage bei weitem ernster erscheinen, als es die ersten Telegramme vermuten ließen und machen wahrscheinlieh, daß die bedauernswerten Vorfälle an der Klagemauer, auf die sich zuerst die Aufmerksamkeit richtete, eher den Anlaß, als die ganze Ursache der folgenden Ereignisse gewesen sind. Kämpfe zwischen bewaffneten arabischen und jüdischen Scharen haben in weitauseinandergelegenen Städten und Bezirken stattgefunden. Sie waren so zahlreich und einander so ähnlich, daß sie den Eindruck hervorrufen, das Ergebnis einer vorher geplanten und organisierten Bewegung zu sein. Das offizielle Bulletin meldet, daß bis Montag früh 93 Juden und 46 Araber getötet worden sind, während die Zahl der verwundeten Juden in Hospitälern sich auf 153 und die der verwundeten Araber auf 73 belief. Die Szenen in Tel-Awiw und vor allein in Hebron fallen auf als die grauenhaftesten Ereignisse bei dieser ganzen Unglücksgescnichte. Sie werden sich wahrscheinlich nicht wiederholen, und vermutlich wird die ganze Unruhe, was auch immer ihr wahrer Ursprung und ihre wahre Bedeutung sein möge, sich bald legen, nachdem jetzt die Regierung gezeigt hat, daß sie nicht zulassen wird, daß Massenmord und Gewalttaten ungestraft verübt werden, und nachdem sie genügende Streitkräfte für die volle Erfüllung ihrer Pflichten als Mandatarmacht nach Palästina gesandt hat. Gesetz und Ordnung wieder herzustellen und aufrecht zu halten, ist die erste und elementarste dieser Pflichten. Wir sind es Juden und Arabern in der gleichen Unparteilichkeit schuldig. Es ist der Grund und die Rechtfertigung unserer Anwesenheit in Palästina. Wir sind es auch unseren Landsleuten schuldig und den Bürgern aller Nationen, die das Mandatsgebiet besuchen oder dort wohnen. Besondere Trauer und Empörung erweckt der Berieht, daß eine Anzahl junger amerikanischer Studenten an der Talmudschule in Hebron massakriert wurden, wo sie wahrscheinlich für die Zwecke friedlichen Studiums sich aufhielten. Das Volk der Vereinigten Staaten mag versichert sein, daß alles in unserer Macht geschehen wird, um die Umstände dieses bedauernswerten Verbrechens zu untersuchen und seine Vollstrecker und Anstifter zu richten. Wir werden in jeder Weise so Vorgehen, als ob diese jungen Menschen unsere eigenen Mitbürger gewesen wären. Wir sind für den Schutz des Lebens und des Eigentums von Ausländern in Mandatsgebieten ebenso verantwortlich wie bei uns selbst. Aber mehr ist noch zu tun als Ordnung und Gesetz wiederherzustellen. Eine schnelle und eindringliche Untersuchung über die Verantwortung für die Unruhen muß durchgeführt werden, sowohl über die Täter selbst als auch üner diejenigen, die wir in Palästina als Behörden eingesetzt haben. Wie Die ״Jüdische Rundschau“ hat gestern, Donnerstag, eine Sonder-Ausgabe veranstaltet, in der die bis dahin eingetroffenen Nachrichten wiedergegeben worden. Die Sou• der• Ausgabe wird sämtlichen Abonnenten zu• gestellt; wir verzichten daher auf Wieder• holang dieser Nachrichten in unserer heutigen Nnauner. kommt es, daß die letzteren weder etwas vorausgesehen noch sich dafür gerüstet zu haben scheinen? Die Unruhestifter oder die Initiatoren des bewaffneten Aufstandes hätten schwerlieh einen besseren Augenblick für einen Aufstand wählen können. Die meisten Leiter der Departements waren auf Urlaub, aber die Urlaubsverhältnisse hätten keinen Unterschied in der Sicherheit des Landes machen dürfen. Die Drohung größerer oder geringerer Unruhen und Aufstände ist in Palästina chronisch. Sie ist seit Jahren bekannt und untersucht worden. Es wird behauptet, daß der Mangel genügender bewaffneter Kräfte in den ersten Stadien der Unruhen strengere Maßnahmen unmöglich machte. Wie kommt es, daß ungenügende Kräfte da waren, um den Frieden aufrechtzuerhalten, wo es doch bekannt war, daß in jedem Augenblicke Unruhen ausbrechen können? Es wird mit Recht oder Unrecht behauptet, daß Gründe für eine besondere Wachsamkeit seit einiger Zeit in Palästina bestanden. Es wäre interessant zu erfahren, ob und welche Vorstellungen der Londoner Regierung darüber gemacht wurden, und ob ihr u. a. nahegelegt wurde, daß die bewaffneten Kräfte im Lande nicht genügend sind, um den Frieden im Falle einer größeren Unruhe aufrecht zu erhalten. Es wäre noch interessanter zu erfahren, ob und welche Antworten darauf erteilt wurden. Kriegsschiffe und Truppen werden nun eilig entsandt, und die Araber zeigen eine allgemeine Abneigung ihnen gegenüberzutreten, aber es wäre besser gewesen, wenn die viel geringeren Streitkräfte, die notwendig waren, um die geplanten Uebeltaten im Zaun zu halten, im Lande gewesen wären, und bereit, wenn die ersten Zeichen der Unruhe sich gezeigt hätten. Das Coionial Office berichtet, daß die Regierung gegenwärtig die_ Lage fest in der Hand hat. Aber es gibt zu, daß noch mancher* Mord und Gewalttaten in verschiedenen Teilen des Landes Vorkommen, aber die Regierung hätte niemals aufhören dürfen, Herr der Lage zu sein. Das britische Publikum und das Publikum aller Nationen, die Bürger in Palästina haben, ein Recht, die unmittelbar und die ferner liegenden Ursachen der bedauernswerten Ereignisse der letzten Tage zu erfahren. Es braucht kaum gesagt zu werden — obwohl es unter den heutigen Umständen mit dem größten Nachdruck und größter Publizität gesagt werden sollte —, daß unsere Politik in Palästina feststeht. Sie wird ganz unbeeinflußt bleiben durch jeden Versuch eines der Völker, das andere zu verdrängen oder zu beherrschen. Die Wiederholung dieser Art traurigen und feigen Bürgerkriegs muß unmöglich gemacht werden. Dies ist notwendig, um unserer Ehre willen und notwendig für die ununterbrochene Ausführung dieser Politik. Es wird keine leichte Aufgabe sein, wie jeder weiß, der jemals mit Versuchen, derartige Völker vollständig zu entwaffnen, zu tun gehabt hat; aber es sollte nicht über die Kraft einer tüchtigen Polizei gehen, wenn erst einmal die Massen begreifen, daß die Regierung ernst macht. Abgesehen von Erwägungen der Gerechtigkeit und von unseren Verantwortlichkeiten als Mandatarmacht gibt es einen einfachen Grund politischer Natur, warum Festigkeit und Entschiedenheit in diesem Fall unerläßlich sind. Jeder, der den Orient kennt, weiß, wie Konzessionen, die man offenkundig der Gewaltanwendung gegenüber macht, auf das orientalische Bewußtsein wirken. Sie werden unabänderlich Schwäche oder Furcht zugeschrieben. Die Moslems von Pa- Iästina wenden sich bereits an die Moslems von Indien; die Juden Palästinas wenden sich an die Juden in den Vereinigten Staaten. Ihre Freunde und Glaubensgenossen jenseits der Ozeane warten nur auf Zeichen des Schwankens auf seiten der Mandatarmacht. Wenn sie auch nur im geringsten davon abweicht, ihre Pflicht in Palästina zu tun, würden sofort neue Versuche folgen, weitere Konzessionen von ihr zu erressen. Und diese würden nicht auf Palästina beschränkt leiben. Das Beispiel, das dann Palästina erfolgreich gesetzt hätte, würde in anderen Ländern von allen Unruhestiftern studiert und nachgeahmt werden. Palästina ist ein Prüfstein; wenn wir zaudern oder unsere einmal angenommene Politik dort ändern, dann werden wir bald größere Gefahren in anderen Ländern vor uns haben. Unsere einfache Pflicht und unser einfaches Interesse weisen uns auf den gleichen Weg. * Weitere PressesHmmen Seite 4*0 Die Lage io Haifa London, 29. August. (J. T. A.) Die Jerusalemer Exekutive teilt nach London mit, daß es in Haifa im Verlauf des Mittwoch wiederum zu Angriffen der Araber auf die Juden gekommen ist. Dabei wurden mehrere Juden getötet und zahlreiche andere verletzt. Die jüdischen Läden wurden geplündert. Mehrere gefährdete Teile der Stadt Haifa wurden von den jüdischen Bewohnern geräumt. Die jüdischen Bewohner konzentrierten sich in der Villenstadt Had a r Hakarmcl, die geschützt ist und bisher alle arabischen Angriffe leicht abwehren konnte. 53482348539053000148232353532348895323234848534848485348011802024823235353482348533153232323484823020200010118000001000202010101010102080703000201020202000001020002010201010101010101020002000001000123000101020089