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Jüdische Rundschau · 1929-08-23 · Heft 66 (23.8.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 66 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 60, 23. VIII. 1920 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 427 Volk, daß es nicht nur denken kann, sondern daß es sich auch am Leben erhalten will im Einklang mit seinem Gesetz. Es ist unmöglich, auf das Absolute, Normative zu ver* richten, das von der Halachah ausgeht. Lehren Sie das Ihre Kinder und vergessen Sie nicht, daß unsere Gegenwart reich ist an Demoralisierung auch in geistiger Hinsicht. Die moderne Qeisteslialtung, die Skepsis, nicht die des Philosophen, sondern die des modernen Menschen, der nicht selten aus Blasiertheit oder Selbstgefälligkeit diese Attitüde wählt, die Psychologisierung des Menschen ist eine Gefahr. Wir müssen die Ethisierung durchführen. Wir wissen, daß unser System das fertig gebracht hat, und es liegt an Ihnen und uns zu zeigen, daß dieses System heute noch imstande ist, jüdische Menschen auf die höchste ethische Höhe zu heben. Was die Agudah für die jüdische Dichtung bedeutet, brauche ich nicht auszuführen; ich kann mich da auf alle neuhebräischen Dichter berufen, denen gegenüber erst Bialik für Begriff und Wert der jüdischen Haladiah und jedes dieser verwandten Systeme eine Lanze brechen mußte. Man könnte auch im Agadischen wie bei der halachischen Literatur die verschiedenen Typen wiederfinden (Exegese ־־= Agadah s. str., Systeinatik Religionsphilosophie und systematischer Mussar, Kasuistik Spezialwerke der moralischen Literatur). Die Richtung und die Gruppe, die ich vertrete (und Sie sollen einmal vergessen, daß es auch politische Differenzen und Auseinandersetzungen gibt; wir sprechen von dem, was das wahre Fundament unserer Richtung ist, und was Sie anerkennen sollen), will die ungebrochene Fortsetzung der gewaltigen großen Tradition in Leben und Fortschritt des Judentums, will, daß diese jüdische Generation sich ihrer schöpferischen Kraft bewußt werde, ohne Verzicht auf die selbständigen Leistungen, die die Menschen unseres und Ihres Kreises auch erstreben. Wir wollen, daß Neues sich im Denken ergibt, aber daß die Grundlehre die alte bleibt Wir haben keine Thorah chadaschah, sondern eine ewige Thorah. Wie die Erneuerung möglich ist, ist nicht meine Sache hier zu sagen. Aber von diesen beiden Fundamenten aus, im Geiste und mit der hebräischen Sprache, muß sie geschaffen werden, und ich will nochmals betonen, daß ich mich schäme, vor Ihnen nicht hebräisch sprechen zu können. Die Sprache ist die dogmatische Voraussetzung jedes Zionismus und soll eine des Judentums werden. Aber wir werden nicht müde werden zu lehren, daß mit ihr sich paaren muß jüdische Tradition mit all ihrem Reichtum, um das jüdische Leben wirklich so reich zu machen, wie es potentiell ist, wie es war und wie es sein könnte. Die erzieherischen und kulturellen Dinge in der Galuth liegen nicht gut. Selbst in den Häusern von Zionisten in fast allen Ländern herrscht Unsicherheit und mangelndes Gelingen. Sowohl das Hebräische als auch die jüdische Kultur sind ohne Sicherung, fremde Sprachen und Lehren beherrschen die junge Generation, die oft in andere Lager strebt. Fraglos ist an dieser ernsten Situation der Umstana mitschuldig, dal man freiwillig und eigenmächtig den jüdischen Kulturbegriff einschränkt und eine Armut geistigen Besitzes dadurch vortäuscht, die abstößt. Vor allem aber ist der Verzicht auf die erzieherischen Werte der überlieferten Kultur eine Selbstamputation. Man darf die individuelle geistige Position eben nicht zur Norm machen. Wir haben im Elternhaus und in der Schule tief anzusetzen. Darauf wird allerdings zum erheblichen Teile das Schicksal des jüdischen Volkes beruhen. Wir Misrachisten können geltend machen, daß Schultypen Erez-Israels und mancher Städte der Galuth den Beweis dafür erbringen, daß unser Erziehungssystem nicht nur alle Kräfte der Tradition in sich trägt, sondern alle Forderungen der Gegenwart, nicht nur für das gewohnliche, alltägliche Leben, sondern für das geistige Leben eines modernen Menschen. Ich habe die Hoffnung auf eine immer höhere Entwicklung unserer Schultypen und auf die einst erfolgreiche Erziehung der 'Ihnen entwachsenen Schüler. Ich habe geglaubt, daß es besser ist, an die Stelle der Polemik einen kurzen grundsätzlichen Abriß zu setzen. Politisch habe ich Bedenken dagegen, den Vorschlag Grünbaums, einen neuen Fonds zu schaffen, anzunehmen. Nicht nur, weil es sich um eine Zersplitterung der Kräfte handelt, sondern weil dieser Fonds in vielen Ländern eine große Unruhe hervorbringen wird, in denen es Menschen gibt, die von den anderen Fonds nur deshalb erfaßt werden, weil der Keren Hatarbuth fehlt. Ich würde, wäre ich nicht Sprecher des Gesamtmisrachi, länger bei der Devise Thorah we Awodah verweilen, die die Zeire-Misrachi adoptiert haben. Nur hinweisen will ich auf die große Nähe, die dadurch zwischen werktätigem Leben und religiös-orientiertem Denken hergestellt wird. Gewiß ist diese geeignet, die Wiedergeburt günstig zu beeinflussen. — Mir liegt aber daran, daß Ihnen in Erinnerung bleibt, was ich versuchte zu zeigen: daß es möglich sein muß, eine gute, weitgehende Verständigung zwischen Zionisten und Juden der traditionellen Richtung zu finden. Moses Mendelssohn-Feier in Dessau Das Programm zur Dessauer zweihundertjährigen Gedenkfeier für Moses Mendelssohn ist folgendes: Am 0. September findet im Dessauer Friedrichs-Theater eine Festaufführung von Lessings ״Nathan der Weise" statt. Am 7. September folgen die religiösen Feiern in der Dessauer Synagoge und die Er- Öffnung der Moses Mendelssohn-Ausstellung in der anhaitischen Gemäldegalerie. Die Ausstellung wandert nach acht Tagen nach Berlin. Ein Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Konzert fm Friedrichs- Theater beschließt den zweiten Tag. Am 8. September folgt die anhaitische Staats- und Stadtfeier im Theater, aut der Bürgermeister Hesse (Dessau), Staatsminister Dr. Müller und Professor Dr. Elbogen (Berlin) sprechen werden. — Die Berliner Feier findet am 8. September in der Singakademie statt. Es sprechen Reichsminister Severing und Oberbürgermeister Dr. Boß. Die Feier soll durch Rundfunk verbreitet werden. Moses Mendelssohns-Stiftung. Anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns am 6. September d. J. haben die Nachkommen Moses Mendelssohns, an der Spitze der Berliner Handelskammerpräsident Franz von Mendelssohn, eine Moses Mendelssohns-Stiftung von 250000 Mark ins Leben gerufen. Die Zinsen sollen zur Förderung wissenschaftlicher Zwecke Verwendung finden. Der schweizerische Bundespräsident, Dr. Robert Ha ab, hat in einer Unterredung mit dem Vertreter der ״Jüdischen Preßzentralo Zürich“ seine Sympathie für die Bestrebungen der zionistischen Bewegung ausgedrückt. Ke ״J. P. Z.“ gibt dieses Interview in ihrer dritten Sondemummerr wieder, die der Jewish Agenoy gewidmet ist. Die Ausgabe enthält außerdem noch Beiträge von Louis Marshall, Lord Melchett, Interviews mit dem jugoslawischen Außenminister Dr. Marinkovitsch, dem Bürgermeister von Tel-Awiw, M. Dizengoff, über die Vorgeschichte des ersten Baseler Kongresses von Nationalrat Dr. D. Farbstein (Zürich), Unterredungen mit zionistischen Führern wie Dr. Alfred Klee, Rabb. Dr. Nurok, eine englische Beilage mit Artikeln über Jewish Agency vom Felix M. Warburg, Dr. Lee K. Frankel, Dr. Cyrus Adler, Herbert Lehmann, James N. Rosenberg und zahl- 1«Mi>ea HUutanri, «wie ek»» Aufsatz: ״Zehr» Jahr# J.T. A". Auf den Spuren unserer Geschichte Von Dr. Fritz Loewenstein, Jerusalem. In den letzten Jahren ist in Palästina große archäologische Arbeit geleistet worden. Fast alle Nationen sind an ihr beteiligt und auch wir selbst haben erfreulicherweise begönnen, der Erforschung unserer eigenen Vergangenheit und der Vergangenheit Unseres Landes mehr Interesse zu widmen. Ausgrabungsarbeit in Palästina wird freilich immer entsagungsvoll sein, und niemand darf sich zu großen Erwartungen über das Erreichbare hingeben. Wir wissen es längst, daß das alte Palästina kein Mittelpunkt materielier Kultur war. Wie politisch, so war Palästina auch kulturell abhängig von Aegypten und Babylonien, später von hellenistischer, römischer, byzantinischer Kultur. Kunstwerke von Ewigkeitswert sind aus dem Boden Palästinas kaum zu erwarten. Die Bibel ist das einzigartige Erbe unserer Vergangenheit: sie ist die geistige Leistung, die mit den Pyramiden wetteifern darf. Tempel aber und Bauwerke, Kirnstwerke und Geräte des täglichen Gebrauchs waren von primitiver Einfachheit, solange sie originelles Erzeugnis waren. Später finden wir freilich wertvollere UeberbleibscI der alten Mittelmeerkulturen, aber auch sie sind zweiten Ranges. Die griechischen Städte aut palästinensischem Boden waren eben nicht in der Lage, sich die großen Künstler für ihre Werke zu sichern, die in Alexandrien oder Antiochien, den Millionen- Städten der damaligen Zeit, lohnende Beschäftigung fanden. Tel Nasbeh heißt ein Hügel mit breiter Kappe, der nicht weit von Jerusalem zwischen dem Moschaw Ataroth und dem arabischen Städtchen Ramallah sich erhebt. Hier ist dem Amerikaner Professor Bade etwas gelungen, was seit langem vergeblich versucht wurde, nämlich das alte Mizpah zu entdecken, das in der Frühzeit unserer Geschichte eine so gewaltige Rolle gespielt hat und vor allem mit dem Propheten Samuel untrennbar verknüpft ist. Es gibt mehrere Stellen in der weiteren Umgebung Jerusalems, die für Mizpah gehalten wurden, zumal ein dort gefundenes Siegel die Buchstaben USä trägt, was wohl sicher als Mizpah zu deuten ist. Jetzt dürfte das Problem zugunsten Tel Nasbehs entschieden sein. Hier ist eine alte kanaanäische Stadt ausgegraben worden, wie sie etwa in der Epoche bestand, als die Israeliten das Land einnahmen. Wenn man am Fuße der gewaltigen, glatt getünchten Mauer steht, die teilweise noch gut erhalten ist, so kann man sich in die Seele der ersten Kundschafter hineinversetzen, die mit dem Gefühl zu ihren Stammesgenossen zurückkehrten, daß die Städte dieses Landes uneinnehmbar seien. Die schlecht bewaffneten Beduinen, die dann unter Josuahs Führung das Land einnahmen, vermochten ja in der Tat nicht, das Land völlig zu unterwerfen und lebten nachher mit den stammverwandten Kanaanem tried* lieh zusammen in den Städten, die diese gebaut hatten. Mizpah illustriert gut diese historische Situation. Etwas weiter nach Norden, zwischen Ramallah und Schchem (Nablus) liegt ein anderer Ort, der uns aus der Vorkönigszelt so bekannt ist: Schilo (Silo), der Ort, an dem die Bundeslade stand, die Heimat Elis una seiner Söhne, auch in der Samuelgeschichte neben Mizpah und Ramah bedeutungsvoll. Hier wird seit Jahren von einem dänischen Pro* fessor Schmidt wertvollste Ausgrabungsarbeit geleistet, über die bisher wenig bekannt geworden ist*), die aber, wie es scheint, zu den interessantesten Ergebnissen geführt hat. Der Ort liegt heute abseits von der großen Chaussee, die von Jerusalem nach Norden führt, und wird deshalb nur sehr selten aufgesucht. Aber es lohnt sich! Schon der Raum, auf dem sich hier die alten Siedlungen hinzogen, ist ungewohnlich groß. Man braucht viele Stunden, um auch nur oberflächlich sich einen Üeberbllck zu verschaffen. Es ist noch lange nicht alles erklärt, was dort gefunden wurde, und über viele interessante Kombinationen von Professor Schmidt mag man verschiedener Meinung sein. Es scheint, als ob dieser Ort in den verschiedensten Epochen besiedelt gewesen ist Im Osten, am weitesten von der Straße entfernt, ist die alte kanaanäisch-israelitische Stadt ausgegraben worden, die von den Philistern zerstört wurde. Mauerteile, Häuser, Brunnen zeigen in ähnlicher Weise wie in Mizpah die Art des damaligen Lebens. Man kann sogar den Fortschritt in der Steinbearbeitung verfolgen und etwa kombinieren, daß die rohbehauenen Steine der kanaanäischen, die etwas gefälliger bearbeiteten der israelitischen Epoche entstammen. Auf die Frage, wo das Heiligtum gestanden hat, gibt Professor Schmidt eine, wie es scheint, durchaus befriedigende Auskunft. Westlich von der eigentlichen Stadt hat er einen sogenannten ״Steinkreis“ entdeckt, eine Stelle, die immer als heilig galt und auf der später eine christliche Kirche gestanden hat, von deren Mosaikfußboden Ucberreste gefunden wurden. Die benachbarten Felder heißen bei den Arabern ״Handtrommelfelder“. Das Musikinstrument, auf das hier Bezug genommen wird, wurde von den Frauen gespielt, wenn die Männer im Heiligtum selbst beschäftigt waren. Namen halten sich ja im Orient oft viele Jahrtausende lang und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß dieser Name die Vermutung Professor Schmidts bekräftigt, daß hier die Bundeslade stand, ehe sie von David nach Jerusalem gebracht wurde. Noch weiter nach Westen steht eine Synagoge, wenigstens deutet alles darauf hin, daß es sich um ein jüdisches Gotteshaus römischer oder byzantinischer Zeit handelte. Dafür sprechen die Säulen und die Ornamente, unter denen eine schöne Amphora auffällt. Das Heiligtum ist nach Süden gerichtet, also nach Jerusalem. An dieser Südseite ist eine kleine halbkreisförmige Ausbuchtung zu sehen, wie sie in Synagogen vorkommt, wie sie sich aber auch in Moscheen als sogenannte Gebetsnische (Mihrab) findet. Ob die Vermutung Professor Schmidts, daß Juden und Mohammedaner dieses Gebäude gemeinsam benutzt haben, sich halten läßt, ist immerhin zweifelhaft. Interessant ist, daß, wie mir Prof. Schmidt erzählte, jüdische und christliche Reiseschriftsteller des 14. bis 16. Jahrhunderts den Ort erwähnen und davon sprechen, daß dort ein Eliasheiiigtum gewesen sei. Und noch heute gibt es dort ein altes Brunnenjoch, in das die Fellachen der Umgegend nicht hineinzugehen wagen, weil dort böse Geister hausten. Auch das ist ja eine Art von Heiligkeit. So scheint es, als wenn die fast 3000 Jahre alten Traditionen dieses Ortes bis zum heutigen Tage fortleben. Für mich war jedenfalls der Besuch In Schilo einer der interessantesten Eindrücke auf einer Fahrt durch das Land, die Stätten unserer alten Vergangenheit gewidmet war. Professor Sellins Ausgrabungen in B a 1 a t a , einem neben Nablus gelegenen Dorfe, war die dritte Station unserer Reise gewidmet. Hier war es, wo das alte Schechen! lag, der Mittelpunkt so vieler Ereignisse der israelitischen Geschichte. Auch hier die schmalen Straßen, die Grundmauern und Wände der Häuser aus altkanaanäiscber Zeit. Was diesen Ausgrabungen ihren Hauptwert verleiht, sind die Ueberreste des T e m p e I s , der für die damalige Zeit grandiose Ausmaße besaß und ein imponierendes Bauwerk gewesen sein muß. Ob es hier war, wo Abimelech seine Brüder schlachtete, während Jotham vom benachbarten Garisimberge aus seine Fabel von den Bäumen erzählte, die sich einen König wählten? Ob sich hier die Rache wegen des Raubs der Dina vollzog? Der Altar *) Gerade bei Abseadung dieses Artikels wird io der hiesitfen Presse die erste, seht vursicMis geholfene Nachricht ver* ÖÄmthcht F« L. ist jedenfalls noch zu sehen und die Rinne, durch die voreinst das Opferblut abfloß. Noch ein Ort sei hier erwähnt, der ebenfalls viel zu wenig bekannt ist. Er liegt an der von Hebron nach Gaza führenden Chaussee, die freilich von Touristen und palästinensischen Juden nur sehr selten befahren wird. Zwei Namen führt dieser Ort heute: Beth Djibrin heißt das große und reiche arabische Dorf, Santahanna heißen die Höhlen und Hügel, auf denen sich die alte Oeschichte dieses Ortes abspielte. Der letztere Name stammt natürlich von einer Kirche, die der heiligen Anna geweiht war, aber diese Herkunft des Namens ist längst vergessen und die Feilachen erzählen von einem Sultan Santahanna, der dort eine Burg gehabt haben soll. Auch hier kann man in einem Fluge Jahrtausende palästinensischer Geschichte überblicken. Es gibt in der Tat dort Ueberreste einer arabischen Festung, die aus dem 13. Jahrhundert stammen soll. Aber nicht sie macht diesen Ort'so interessant. In hellenistischer Zeit stand dort eine Griechenstadt, Eleutheropolis ,die Freiheitsstadt genannt. Man kennt sie wenig aus der Geschichte, sie war wohl eine kleine Provinzstadt. Aber um so gewaltiger sprechen die UeberbleibscI dieser Stadt davon, was einmal hellenische Kultur zu bedeuten hatte. Es ist nicht viel, was auf uns gekommen ist. Es ist die übliche Entdeckungsgeschichtc: Beim Bau eines Kellers stieß ein Araber auf einen Mosaikfußboden, der dann unter Aufsicht der Regierung bloßgelegt wurde. Das Mosaik ist völlig unbeschädigt, in frischen Farben, als wäre es erst gestern vollendet. Es gehört zum Schönsten, was der Vordere Orient aus griechischer Zeit zu zeigen hat. Die Figuren: Symbole der vier Jahreszeiten, Jagdszenen, Bilder von Tieren sind von einer Lebendigkeit und einem Geschmack, die einen tiefen Eindruck!unterlassen. Aus derselben Epoche wurden Gräber entdeckt. Man steigt eine guterhaltene Treppe herunter und befindet sich in einem unterirdischen Gewölbe, in dem ungefähr zwanzig Urnen gestanden haben mögen. Es war wohl etwa ein Erbbegräbnis einer Familie oder vielleicht der Priesterschaft eines Tempels. Die Wände sind bemalt und, wenn auch naturgemäß Zeichnung und Farben gelitten haben, so ist doch das, was geblieben Ist, genug, um die Schönheit zu ahnen. Auch hier sind die Motive der Tierwelt entnommen, aber der Stil Ist ganz anders, als auf den Mosaiken. Es fehlt die harmonische Einfachheit der übliehen griechischen Kunst, alles ist phantastischer und wilder, dabei nicht weniger schön. Sind es orientalische Einflüsse, die sich hier geltend machen? Aus der eigentlichen israelitischen Zelt ist vorläufig nichts in Beth Djibrin an den Tag gekommen, obwohl man weiß, daß der Ort besiedelt war, Marescha hieß und der Geburtsort des Propheten Micha war. Das große Rätsel von Beth Djibrin sind seine Höhlen. Es sind nicht Felsenlöcher, wie man sie überall in Palästina findet, und die mit Vorliebe zu Gräbern benutzt werden. Es sind vielmehr riesenhafte sich weite Strecken unter der Erde hinziehende Höhlen, die von oben Licht erhalten und ohne Zweifel zum Wohnen benutzt wunden. Es gibt dort Stellen, wo offenbar gekocht wurde, zahlreiche Löcher in der Wand werden für ein Columbarium ehalten, einen Platz also, wo man Tauben hielt. Die Wände er Höhlen sind offenbar künstlich geglättet worden, Verbindungswege von einer Höhle zur anderen wurden gezogen, alles Beweise einer Technik״ die nicht gering war. Bis heute hat die Wissenschaft das Problem nicht gelöst, in welcher Epoche und durch was für Menschen diese Höhlen einmal bewohnt waren. Es gibt eine Vermutung, daß es die Choriter waren, einer der Stämme, die zur Zeit der Einwanderung der Israeliten im Lande wohnten und deren Name (von Hebräisch chor Loch) eventuell mit diesem Wohnen in den Höhlen in Verbindung gebracht werden könnte. Ob nun diese Ver* mutung begründet ist, ob vielleicht in irgendeiner Epoche der an kriegerischen Verwicklungen so reichen Geschichte Palästinas Menschen dort ihre Zuflucht gesucht haben, ist vorläufig nicht auszumachen, da in den Höhlen bisher keinerlei Geräte gefunden wurden, die vielleicht Aufschluß geben könnten. Presse-Empfang in Zflrich Nach Beendigung der Konstituierenden Tagung des Council der Jewish Agency empfingen Dr. Weizmann und Felix W a r b u r g die Vertreter der Presse. Dr. Weizmann erklärte: Zum ersten Male seit zweitausend Jahren waren führende Juden in sehr großer Zahl vereinigt und einig in dem Willen, Palästina aufzubauen. Dieser große Tag wird fortleben in der Erinnerung nicht allein in seiner wirtschaftlichen, sondern auch in seiner moralischen Bedeutung. Wir Zionisten, die wir bisher eine Verhältnismäßig kleine Macht darstellen, haben nun Bundesgenossen erhalten. Es wird, hoffe ich, bald die Zelt kommen, wo es keine Unterschiede zwischen Zionisten und Nichtzionisten t' licher Sympathie zwischen den beiden Hälften im Council, Zionisten und Nichtzionisten, herausgebildet; diese ist die beste Garantie für den Erfolg unserer Sache. Wir wenden, schloß Dr. Weizmann, die britische Regierung von den Ergebnissen dieser unserer ersten Tagung informieren, wir werden sie davon überzeugen, daß die Juden bereit sind, ihrer Pflicht zum Aufbau des Nationalheims mit allen ihren Kräften zu genügen; wir werden der britischen Regierung sagen, daß wir ebenso von der Mandatarmacht erwarten, daß sie das Mandat dem Buchstaben nach und dem Geiste nach verwirklicht. Wir schaffen in Palästina ein Werk des Friedens, das niemand zum Schaden, aber eine Ehre für die Judenbeit und ein Beitrag zur Kultur der gcsamten Menschheit sein wird. Felix M. Warburg sagte: Wir wünschen nicht, neue Methoden der Arbeit in Palästina einzuführen, wir wollen im Gegenteil soviel wie möglich von jenen lernen, die in dieser Arbeit unsere Meister geworden sind, und im übrigen trachten, immer mehr Freunde für unsere Sache zu gewinnen. Wir denken nicht daran, die Rechte eines anderen Bevölkerungsteils in Palästina irgendwie zu verletzen. Die anderen Bevölkerungsteile werden auch in Zukunft aus unserer Arbeit nur Nutzen ziehen, wie dies in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Jeder Zoll Boden, den wir erworben haben oder den wir erwerben werden, dient auch den Interessen unserer Nachbarn. Es sollte doch als eine Selbstverständlichkeit gelten, daß, wenn z. B. Palästina von der Plage der Malaria befreit wird, dies für die Nichtjuden ebenso eine Wohltat Ist wie für die Juden. Ich sehe, schloß Herr Felix M. W a r b u r g, mit Freude und Hoffnung der Zusammenarbeit mit unseren neuen Kollegen entgegen. Icn hoffe, daß sich später eine Persönlichkeit finden wird, um diejenige Position einzunehmen, die mir unverdienterweise gegeben wurde. In den Vereinigten Staaten verfolgen wir das Prinzip, daß niemand allzulange die Führerschaft in einer Bewegung innehat, ohne daß er ständig darauf bedacht ist, Nachfolger, bessere Nachfolger za finden. Ich glaube, daß dies in meinem Falle niebt schwer sein wild.

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