Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1929-08-23 · Heft 66 (23.8.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 66 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653062-2653122--20969-2679012
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 426 JÜED1SCHE RUNDSCHAU Nf. 08, 23. Vm. 1929 Trotz der Bedeutung•, die diese Tatsache für die Entwlck- Iung der Frauenarbeit hat, wäre es unmöglich gewesen, eine Majorität für die Budgetübernahme zu erreichen, wenn diese Fragen nicht mit dem entscheidenden Problem, der Gründüng des Council in Palästina, eng verknüpft gewesen wären. Bekanntlich verlangten die Frauen in Palästina selbst, ebenso wie die zionistischen Frauen des Galuth seit Jahren dringend nach der Zusammenfassung der palästinensisehen Frauenorganisationen in einen gemeinsamen Rat, der die von den Frauen vorzunehmenden Arbeiten prüft und an die Wizo-Exekutive empfiehlt, einheitliche Informationen über Frauenfragen ins Ausland gibt und den Einfluß der Frauen innerhalb des gesamten palästinensischen Lebens verstärkt. Die Histadruth Naschim hatte sich mit einer Reihe anderer palästinensischer Frauenorganisationen von geringerem Ausmaß zu der Moazath Ha-Irgunim zusammengeschlossen. Diese Moazath konnte aber den gewünschten Einfluß nicht bekommen, da die Wizo-Arzith und die Moazath Hapoaloth ihr fernblieben. Trotz großer Bemühungen war es bisher nicht gclungen, den Council zu schaffen. Scheinbar zu Ende geführte Verhandlungen waren in letzter Minute vor der Züricher Konferenz wieder gescheitert. Die wesentlichen Träger der Couneil-idee waren auf der Konferenz Mrs. S i e f f und Gerda Arlosoroff. Sie wurden durch Mrs. F r e i m a n n , die Vorsitzende der kanadischen F6deration, und durch die deutschen Delegierten entscheidend unterstützt. Die Majorität der Exekutive wollte die Begründüng des Councils und die damit zusammenhängende Budget- Uebernahme für die Histadruth Naschim nur dann zugeben, wenn die Histadruth Naschim sich der Wizo als Föderation anschließt. (Auf Grund dieses Anschlusses sollte später der Weg gesucht werden, eine Vereinigung zwischen der Histadruth Naschim und der Wizo-Arzith herbeizuführen.) Die von der Gesamtexekutive eingebraclrtc Resolution, welche diesen Anschluß der Histadruth Naschim an die Wizo verlangte, wurde einstimmig angenommen. Es gelang aber nach großen Kämpfen innerhalb der Organisations-Kommission durchzusetzen, daß der Council innerhalb der nächsten vier Monate zusammenzutreten hat, unabhängig dayon, ob der Anschluß der Histadruth Naschim inzwischen vollzogen ist oder nicht. In dem Couneil sind die drei großen palästinensischen Frauen-Organisation en, Histadruth Arzith, Moazath Hapoaloth und Moazath Ha־lrgunim zu gleichen Teilen vertreten. Die Wizo-Zcntrale entsendet in ihn ein Mitglied zur Mitberatung ohne Stimmrecht. Es war notwendig, die Unabhängigkeit des Council-Be- Schlusses von der Resolution des Anschlusses durchzusetzen, da mit Sicherheit vorauszusehen ist, daß längere Zeit vergehen wird, bis der Anschluß der Histadruth Naschim an die Wizo erfolgen kann. Der Council mußte aber int Laufe der nachsten Monate ins Leben treten, wenn sein Zustandekommen nicht wieder ganz in Frage gestellt sein sollte. Falls sich die Histadruth Naschim innerhalb der nächsten zwei Jahre der Wizo nicht anschließt, müßte das gesamte Problem allerdings nochmals aufgerollt werden. Die Erweiterung der bisherigen Palästina- Exekutive der Wizo um vier neue Mitglied«•, die Be- Stimmung, daß die Wizo-Exekutive verantwortlieh für den Zusammentritt des Council ist, ebenso wie der Beschluß, daß die einzelnen im Council zusammengeschlossenen Gruppen berechtigt sind, eine Vertreterin als Expertin vor aie Wizo-Konferenz zu entsenden, gibt eine Sicherung dafür, daß der Council zusammentreten und arbeiten wird. Durch die Annahme des Council-Be- Schlusses ist die gesamte zionistische Frauen- Arbeit in ein neues Stadium getreten. Es ist jetzt für die Frauen Palästinas und für all diejenigen Frauen des Galuth, welche sich für das Palästina-Aufbauwerk verantwortlich fühlen, eine neue Möglichkeit zu einheitlicher und großzügiger Arbeit gegeben. Arbeitsgemeinschaft der europäischen Bnei Brith. An der in Zürich abgehaltenen Sitzung der europäischen Distrikte des U. O. B. B. nahmen neun Länder, und zwar Deutschland, Polen, Großbritannien, Holland, Tschechoslowakei, Oesterreich, Schweiz, Rumänien und die Vertreter der Logen ״Orient“ teil. Die Sitzung behandelte u. a. den Ausbau des Fürsorgewerkes für die zum Studium an Auslandsuniversitäten gezwungenen jüdischen Studenten, insbesondere aus Ungarn, Polen und Rumänien. In der Frage der Förderung des jüdischen Buches, die von Deutschland aufgeworfen wurde, wurde beschlossen, daß die Logen alljährlich vier bis fünf Bücher schwieriger Materie herausgeben werden und jedes Mitglied mindestens eines dieser Bücher erwerben muß. Zur Ausgabe werden auch hetjräische Bücher gelangen. Kulturarbeit im Galuth Referat von Dr. O. Wolfsberg. Wir geben nachstehend das Referat wieder, das Dr. Wolfsberg für de» Mi sr acht ist der Kulturdebatte des Kongresses gehalten hat. Red. Ich brauche bei Erörterung des Themas: Kulturarbeit nicht ausführlich auf die Punkte einzugehen, in denen eine Uebereinstimmung zwischen Zionisten und dem Misrachi besteht. Es ist selbstverständlich, daß das Hebräische uns ebenso lieb und teuer ist wie allen Zionisten, und daß es keine Kulturarbeit in Erez-lsrael oder in der Galuth geben darf, die nicht Hebräisch als Fundament anerkennt. Im übrigen scheiden uns viele Anschauungen, und es trennen sich oft unsere Wege. Ich will die EHnge nicht historisch, sondern systematisch, überzeitlich zu fassen versuchen. Es gibt zwei grundsätzliche Betrachtungsweisen: Die Prüfung dessen, was Kultur überhaupt sein soll, und was insbesondere jüdische Kultur sein muß für alle Zelten. Bei uns wird vielfach eine Selbstbeschränkung geübt, und wir glauben Kultur so interpretieren zu können, daß unsere Sprache ihr Wesen sei. Dem müssen wir widersprechen, nicht nur weil dabei die religiöse Tradition zu kurz kommt, sondern aus einer Bewertung der Kultur, wie man sie auch außerhalb jedes religiösen Systems üben muß. Uebrigens ist erst jetzt während unserer kulturellen Renaissance eine Selbstbcsinnung auf unsere Sprache erfolgt, man wird also auch historisch dem Begriff jüdische Kultur und ihrem Inhalte nicht gerecht. Man spricht vielfach davon, daß unser jüdisches Mittelalter noch nicht sehr lange beendet sei, und daß erst, seit wir in unsere Neuzeit eingetreten sind, wie einst in der europäischen Renaissance und der durch sie bedingten Emanzipation des freien Geistes und des Individuums, auch bei uns die Wissenschaft religiöse Tradition und Geistigkeit zu verdrängen berufen sei. — Ich glaube, daß in der Renaissance eines Volkes Wissenschaft nicht das höchste Ideal ist, jedenfalls aber nicht das einzige. Ich unterschätze die Wissenschaft gewiß nicht, trotzdem glaube ich, daß die Theorie einer nationalen Renaissance unmöglich ihren Schwerpunkt in der letzten wissenschaftlichen Mode haben kann. Denn um die Mode handelt es sich oft mehr als um die strengsten, ernstesten Richtlinien. Ich spreche von Mode, weil die meisten, die zu den Problemen der kulturellen Renaissance Stellung nehmen, nicht selbst am Bau der Forschung mitschaffen, sondern nur passiv den oft zeitbedingten Strömungen folgen und ohne innere letzte Befugnis hier das Wort führen. Sie lassen sich vom Strom treiben und machen den geistesgeschichtlich gewiß bedeutsamen und berechtigten Wandel der Theorien und Richtungen kritiklos und wankelmütig mit. Heute ist es die Psychoanalyse, morgen die Individual- Psychologie oder der Behaviorismus, denen man Gefolgschaft leistet, ohne daß man sie schaffen half. Die Sprache ist selbstverständliche Voraussetzung der Wiedergeburt. Aber man sollte einsehen, welch schöpferische Kräfte in denjenigen Dingen liegen, welche unserem Volke eine Sonder- Stellung unter den Völkern gegeben haben. Kein Mensch kann mit gutem Gewissen einen konkreten Nationalismus verteidigen, wenn er sich nicht darauf beruft, daß dieses Volk Wesentliches der Welt gegeben hat. Und ich glaube, es wäre nicht richtig zu sagen, daß wir nur durch unsere Sprache zum ewigen Volk, zum Am Olam geworden sind. In der Kultur der Gegenwart steigen, noch mehr aber werden in der Kultur der Zukunft viele verschüttete, seelische und geistige Werte wieder emporsteigen, die zu erfassen die Methoden der Wissenschaft viel zu grob sind. Dennoch sagt uns unsere Ueberzeugung, daß diese Werte existent sind, und daß sie als gemeinschaftsbildende Faktoren bedeutsamer sind als Wissenschaft und Technik. Kein einziges Volk kamt geltend machen, daß es eine Geistesgeschichte solcher Kontinuität besitzt wie wir. Bei keinem Volk läßt sich zeigen, daß seine Geschichte so abhängig ist von seiner besonderen Tradition, dessen besonderes Kenn- Zeichen die Religion ist, wie bei uns. Mit diesem System, mit diesem Gebäude ist unser Volk durch die Geschichte gezogen; und nun sollen .im Zeitalter der nationalen Renaissance mit einemmal alle diese Dinge belanglos geworden sein? Sie sind nicht belanglos geworden. Es gibt einen großen Teil des Volkes, der in der Tradition beharrt, einfach weil er in ihr seine wesensgemäße Lebensform gefunden hat. Aber es gibt andere Mensehen, welche bei aller Anerkennung, die sie der Analyse der Wirklichkeit durch die Wissenschaft zuteil werden lassen, die religiösen Institutionen als ewiges und nicht zu vernichtendes Ferment erkennen, und welche zu einem Erziehungs- und Kultursystem hinstreben, das objektiv identisch ist mit dem traditionellen. Eine dritte Gruppe ist so glücklich, die dogmatischreligiösen Ueberzeugungen und die mit ihnen zur Einheit verknüpften Institutionen mit dem durch moderne Auffassung bedingten Weltbild in eine feste Relation bringen zu können. Diese Unterscheidung zwischen dem Erlebnismäßigen und Institutionellen gibt es auch anderswo. Und es ist ein großer Irrtum unserer Freunde im allgemeinen Zionismus, wenn sie betonen, daß nur das, was erlebnishaft sei, verpflichtende Kraft haben könne, daß sie aber alles andere, was Institutionell geworden ist, ablehnen müssen, wofern es nicht absolut einleuchtend sei im rationalen Sinne. Diese Ansicht ist ein bedauerlicher Irrtum. Auch wenn das Erlebnis fehlt, dürfen die Institutionen nicht preis gegeben werde«, weil die Existenz des Volkes dadurch unmittelbar bedroht Ist, Wir haben zwei große Typen in der jüdischen Religions- Philosophie, den nationalen und den rationalen Religionsphilosophen. Wenn sich unsere zionistischen Freunde für einen jüdischen Rcligionsphilosophen zu entscheiden, hätten, so täten sie es wohl meist, entsprechend ihrer Mentalität, für Maimonides, den rationalen Philosophen. Der Philosoph der nationalen Wiedergeburt ist aber Jehuda Halevi, und von dieser Philosophie wird einfach akzeptiert, was unser Volk in seinem Dasein sichert. (Ich will dieses Thema hier nicht in seiner ganzen Schwierigkeit durchdenken. Es gibt sehr viele — ich gehöre dazu — die nur durch einen synthetischen Typ der Religions- Philosophie befriedigt würden. Daß aber bei Maimonides — und das ist hier der entscheidende Gesichtspunkt — das Problem des Nationalismus zi! kurz kommt, steht außer Frage.) Bei der Erziehung muß man sich für eine Anschauung entscheiden, welche die Existenz des Volkes sichert. Wir sind nicht verpflichtet, als Zionisten am Neubau der jüdischen Philosophie mitzuarbeiten. Wir haben lediglich das Maximum und Optimum einer Theorie zu leisten, welche die Gewähr bietet, daß das Volk fortdauern kann in der Geschichte. Wenn wir andererseits In unserer modernen hebräischen Literatur so fruchtbar sind, so muß festgestellt werden, daß fast alle ihre Schöpfer Sprößlinge des alten Beth Hamidrasch und der alten Jescniwah sind, und daß der Reichtum unseres alten jüdischen Lebens und Denkens das Fluidum, die Voraussetzung und oft auch die Krönung ihres Werkes ist. Wissen wir, ob die zweite Generation aucn so reich sein wird? Wir haben die Pflicht, daran zu bauen, daß die nächste Generation nicht vom Judentum abkomme, sondern noch tiefer ins Judentum eindringe. Die hebräische Sprache wäre leichter in unserem Leben zu verankern, wenn es im jüdischen Hause eine religiöse Tradition, wenigstens eine objektive religiöse Tradition gäbe. Wir fordern ja nicht, daß Sie alle zu unserem Programm stehen, wir wollen Sie nur zur Besinnung rufen. Halten Sie fest, was Sie halten können, seien Sie Pädagogen, vergessen Sie nicht, daß es ein Verhängnis ist, wenn in der Kindererziehung allzu früh der Intellektualismus Platz greift. Man darf die Gemütswerte der Erziehung nicht vernachlässigen. Versagt man dem Kind die religiöse Erziehung, So raubt man ihm «och mehr, als wenn man die Märchenwelt ihm nähme; mir liegt eine Identifizierung dieser beiden Gebiete natürlich sehr fern, es ist nur ein Vergleich, und ich denke hier lediglich für einen Augenblick im Geiste der pädagogischen Kategorien jener, die selbst die Welt der Frömmigkeit ablehnen, ihre erzieherische Bedeutung aber mindestens als Durchgangsstadium anerkennen müßten. Wer in den religiösen Formen und Institutionen lebt, die ungezählte Millionen durch Jahrtausende geübt haben, findet so nicht nur zum Volke und zur Wiedergeburt den Weg, sondern auch zu seiner Individuellen Religion und Gläubigkeit. Das ist doch auch ein nationales Ideal, Vergessen Sie nicht, daß viele Schritte notwendig sind, bis wir wieder in unserem Lande verankert sind. Die Tradition ist ein Weg zur Repatriierung und die Repatriierung ist ein Weg zur Tradition. So unterstützen sie sich gegenseitig. Es gißt da zwei Gesichtspunkte: Vollendung und Fortschritt. Vollendung besitzt jüdische Tradition gewiß; Fortschritt erstreben die, welche sich von ihr unabhängig machen wollen. Beharren wir bei der Vollendung, und suchen wir Fortschritt von der Vollendung aus, geben wir aber einem scheinbaren Fortschritt zuliebe die Vollendung nicht auf, die wir hatten. Denn nicht selten schlägt das Fortschrittsstreben zu allererst die tragenden Pfeiler des Baues der Vollendung ein. Das, was für uns charakteristisch ist und bleiben muß, ist die Hai ach ah als der Zentralpunkt, der unser Leben führt, normiert und formt. Und dies ist auch ein Gebiet, auf dem wir uns treffen können, selbst von verschiedener Weltanschauung aus. Auch wenn man einen Augenblick vom dogmatischen Unterbau abstrahiert, bleibt die Halachah ein unendliches, gewaltlges System für Leben, Fühlen, Denken und geistiges Schaffen, wie bei keinem anderen Volk. Die Halachah hat uns groß gemacht und hat unseren Geist geschärft, daß er fähig wurde, auch auf anderen Gebieten Hervorragendes zu leisten. Die Halachah ist gleichzeitig der Träger der großen hebräischen Literatur, die das Beste ist, was wir besitzen, und hat alle Typen der Literatur hervorgebracht, sowohl die halachische Exegese als die Systematik, als auch das kasuistische Schrifttum. Die erste Stufe war die Exegese (halachische Midraschim). Daraus ergab sich allmählich schon in der Mischnah und im Talmud die Systematik, die in den großen Werken der Dezisoren zur Vollendung gelangt. Und schätzen Sie nicht gering die Schaloth und Teschuboth, denn dieser Zweig der Literatur zeigt das wahre und ungetrübte Leben des Volkes; hier zeigt das Alle Unterschriften sind unter den Text der Verfassung gesetzt. Die der Zionisten in hebräischer Schrift von rechts nach links. Die der anderen, ausgenommen Aisenstadt aus Bsthland und Mejuchas aus Palästina, irr Schriftzeichen von links nach rechts. Auch darin liegt Symbol und Hinweis, das noch viel zu tun übrig bleibt. Drei Elemente haben unser Volkstum geschmiedet: Lehre, Land, Sprache. Zuerst verloren wir das Land und dann die Sprache. Als alle Verbindendes blieb nur die Lehre. Das Land wollen wir mm wieder erwerben, und der jüdische Friedenspakt von Zürich ist die Voraussetzung dafür. Bleibt noch, damit wir wirklich Volk und einig werden, die Gewinnung aller Juden für die Sprache. * / Die Jevvish Agency in neuer Form ist Wirklichkeit. Für uns, die wir seit Jahrzehnten den Gedanken der jüdischen Einheit vorweggenommen hatten, ist die Festlegung dieser Tatsache in einem feierlichem Dokument, verbrieft durch Siegel und Unterschrift, die Erfüllung einer vorausgeahnten Gewißheit. Wir empfinden Genugtuung aber keine Erschütterung. Wir wußten: stärker als Worte und Theorien wirkt die Tat. Vor Realitäten beugt sich die Welt; die Realität der weitumspannenden Zionistischen Organisation, die Wirklichkeit des in seinen Fundamenten bereits gewordenen neuen Palästina waren Magnete, und unentrinnbar mußte alles Jüdische davon angezogen werden. Für die anderen jedoch, die erst jetzt hinzugekommen sind, waren die Tagung der Agency, der Aufmarsch der Redner in der Eröffnungssitzung und die feierliche Unterzeichnung des Friedenspaktes stärkstes jüdisches Erlebnis, und ich verstehe, warum einem der Männer, der seine Unterschrift unter das Dokument setzte, vor innerer Ergriffenheit das Herz Stillstand, so daß er kein Wort hervorzubringen vermochte und hilflos in die Arme der Umstehenden sank. Keine Sieger und keine Besiegten, in bezug aut einander. Das muß festgehalten werden. Zwang ist kein Garant eines Vertrages. Nur was freiwillig angenommen wird, hat Bestand. Die Vereinigung ganz Israels ist aus freien Stücken Wahrheit geworden. Ein Gott, ein Volk, ein Land! * Wenn man mich frage« würde, was die ganze Zeremonie am letzt«! Sitzungstage des ersten Zusammenseins des Agency Councils zum Ausdruck brachte, so könnte ich nur folgende Antwort geben: alle hatten sie sich vereinigt, die Zionisten und Nichtzionisten, um sich vor dem Manne zu beugen, dessen Bildnis von der Stirnwand des Saales in der Züricher Tonhalle auf die große Versammlung niederblickte. Es war nur ein Sieger, über Nichtzionisten und auch Zionisten, in dieser Versammlung: Der Geist Theodor Herzls. Züricher Tage Von Theodor M 0 z k i n. Nachstehend geben wir den Eindrücken eines Jugend* liehen, der als Zuschauer dem Kongreß beigewohnt hat, Raum. Wir glauben, daß gerade aus diesen Zeilen etwas von dem Rhythmus der Züricher 7age herausgefühlt werden kann. Red. Es bedarf einer besonderen Anstrengung, um im Fluß der Ereignisso stehen zu bleiben, aber es reizt und gewährt Genuß, gerade den spannendsten Augenblick festzuhalten. Rahmen der Erlebnisse ist die Natur mit ihrer Schönheit. Wieviel Glück ließe sich aus den Bildern saugen, die sich mir boten! Sonnenaufgang vom Rigi 1 Ein vollendeter Rundblick, geheimnisvolle Schwebangen und Tönungon der wagerecht aufleuchtenden Farbstreifen des Himmels, erinnernd an einst Erträumtes, längst Vergessenes. Und wie in Wirklichkeit, so war auch in bezug auf den Inhalt an sinnensättigondor Umgebung dies nur das höchste unter vielem anderen. Um zum wirklichen Verständnis, zur engeren Beziehung mit der hier an Reichtum überströmenden Welt von Wald und See zu gelangen, hätte es mehr Alleinseins bedurft , . . Eingebottet in eine unvergleichliche Veieiaigung von allem Schömen liegt Zürich. Größte Sauberkeit drückt allen anderen bemerkbaren Eigenschaften der Einwohner, der ,,Lüt", ihren Stempel auf. Straßen, Menschen, Häuser, Verkehrsmittel, alles peinlich sauber. Regsamkeit und große Gelassenheit erzeugt eine seltsame Mischung von Well- und Kleinstadt. Die ohnedies in dieser Jahreszeit fremdenreiche Stadt wurde durch den noch bei keinem der bisherigen 15 zionistischen Kongresse dagewesenen Zustrom von 3000 Menschen zum Platzen voll. Dio Jugend, der die infolge der eigenartigen schweizerischen Dienstpflichtverhält- «risse freie Kaserne zur Verfügung gestellt wurde, und die mit sein beschränkten Geldmitteln kam, ist zum großen Teil vorzeitig wieder abgereist. Ausflüge wurden veranstaltet, Bekanntschaften geschlossen und erneuert, Fäden zwischen Zürich und Wilna, von Hollywood nach Jerusalem gesponnen, zahllose Gespräche in allen Sprachen geführt, mit Ekstase Lieder gesungen und Ilorra getanzt. Ein Strom von Leben, Aufregung, Begeisterung elektrisierte auch die Fernerstehenden, die mit ihm in Berührung kamen. Menschen aller Sorten (nur lauter Juden), östliche, westliche, mit den entgegengesetztesten Erlebnissen vom Krieg, von der Liebe, wirbeln durcheinander, die Anderen mehr oder weniger sehend, der Umwelt Oberflächlicheres oder Tieferes zeigend. Jugend, die jüdische Kunstwelt — Habimah, die bekanntesten. Dichter, Gemäldeausstellungen —, Presse, alles ist hier vereinigt auf dom Schauplatz der Selbstbesinnung und -Verantwortung des jüdischen Volkes, dem Kongreß. Der materialistische Zweifel an der Möglichkeit und Wirkungskraft der Selbslbccinflussung und Lenkung des eigenen Schicksals ist gegenüber einer Gruppe von Menschen nicht mehr und nicht weniger als dem Einzelnen gegenüber berechtigt; wer jedoch bei sich selbst auf Zusanimenahang und Charakterstärke Wert legt, wird dasselbe auch bei jeder anderen vom Geschick gebildeten Einheit verstehen. Schwer ist es, klug zu werden aus dem Gedröhn und Getöse, das sich vermehrt, je mehr man sich diesen» Wasserfall des Geschehens und der Wechselwirkung nähert. Fülle der Ablenkung: Räume mit Schreibmaschinen, Telephon, Plakaten, Zeitungen, gedruckten Vor- Schlägen und Entschlössen, Fahrstühle, Säle, Buffets, hastende, lachende, schreiende Zuschauer und Delegierte, Ordner, Polizisten, Verkaufsstände, Vielsprachigkeit. Alle Eindrücke sind hier wie diese Aufzählung verwirrend und unvollständig. Dauernd ward man ann" " zurück, vom Erlauschten ״hinter den Kulissen“ zu trotzigem Schweigen mit Amtsgeheimnissen Beladener. Im überfüllten Plenum Krämpfe, Theater, Eilen von und zu den Konimissionssitzungen, Eitelkeit, Op- Position, Fairness, Bloßstellung, Langeweile, Toben, Präsidentenhammer, Abstimmung. Die wichtigste ist die Schlußabstimmung des Verfassungsentwurfs der Agency ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.