Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 64 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 64, 16. VH!. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 413 die der Erweiterung zugestimmt hat, würde gar mancher das Commercium einem Connubium vorziehen. Die Braut bringt aber neben der Mitgift, die man von ihr erwartet, auch noch etwas Schönheit und Tugend mit: Wir bringen viel mehr mit als Geld; wir bringen unser moralisches Gewicht, wir bringen Ihnen die Einheit und die Einigkeit des Judentums. (Beifall.) Es ist nicht gleichgültig, ob politische oder materielle Forderungen vom Jischuw und der Zionistischen Organisation oder aber von der Judenheit der Welt erhoben werden. Ob Sir Herbert Samuel oder Lord Melchett in der Beurteilung der politischen Lage rech thaben, das eine ist sicher: Wenn die Judenheit zusammensteht, so beginnt sie, über die hinweg jahrtausendelang Geschichte gemacht worden ist, selbst Subjekt derGescnichte zu sein. (Beifall). Es sind kleine Anfänge, aoer endlich Geschichte statt politischen Zwists. (Beifall.) Wir nichtzionistische Delegierte bringen auch viel mehr Verständnis mit, als manche Zionisten uns heute noch Zutrauen für das, was Ihnen, was uns und was namentlich Erez-lsrael nottut. Wir wissen ebensogut wie Sie, daß Fortschritte nur erzielt werden können, wenn uns die Jugend gewonnen, der Enthusiasmus erhalten bleibt und immer wieder erweckt wird. Wir werden also nichts tun und nichts zulassen, das um die Jugend abspenstig macht und den Enthusiasmus dämpft. (Beifall.) und wir wissen endlich ganz genau, daß der Jischuw in Erez-lsrael nicht Objekt, sondern Subjekt unserer Tätigkeit ist. Nicht gegen ihn und nicht über ihn, sondern für ihn und mit ihm wollen wir arbeiten. (Lebhafter Beifall.) Nur so kann unserer Mühe Erfolg beschieden sein, nur so können wir etwas aufbauen, was dem Judentum zur Ehre und der Welt zum Nutzen gereicht. Sch sehe der Zukunft mit vollstem Vertrauen entgegen und hoffe, daß die horte noch Zaudernden von beiden Seiten sich uns bald anschiießen werden, wenn man sieht:וילכו שניהם יחדיו (Lebhafter, andauernder Beifall.) Felix Warburg mahnt zur Einigkeit Felix Warburg (spricht englisch): Ich bin froh, daß mein Name an das Ende der Liste gesetzt wurde. So kann ich mich kurzfassen. Als wir daran gingen, die Agency-Konstitution zu entwerfen, verstanden wir wohl die Schwierigkeiten und kannten die Besorgnisse, die von allen Seiten zum Ausdruck kommen würden. Ich habe Erfahrung mit Komitees, die für das Wohl der Menschheit arbeiten, und ich fand immer, daß die Juden aller Schattierungen ihre Differenzen beiseite ließen und gut zusammenarbeiteten. Ich bin sicher, daß dies auch In der Jewish Agency der Fall sein wird. Das wichtigste ist für uns, was der Dichter dem Manne in den Mund legt, der dieses schöne Land verkörpert, dessen Vertreter uns heute begrüßte: ״Seid einig, einig einig!“ Sir Herbert Samuel hat eine herrliehe Rede gehalten, in der ich jedes Wort unterstreiche. Aber etwas hat er gesagt, was ich nicht Hebe. Er sprach von Mensehen, die beobachten. Ich glaube, man hat zu viel beobachtet und zu viel kritisiert, und ich hoffe, daß, wenn unser Werk gelingt, im Council weniger Beobachter und mehr Arbeiter sein werden. Das ist das Geheimnis des Erfolges. Daß die Agency zustande kam, danken wir dem Takt und der Weisheit Dr. Welzmanns und Marsballs und der MSnner hier (zeigt auf die Bank der Zionistischen Exekutive), die die schwere Arbeit der Ver- Handlungen führten. Nup ist der Tag gekommen, an dem die Agency ins Leben tritt. Ich empfinde das als ein Glück und als den schönsten Oeburtstag, den Ich jemals erlebt habe. Ich verspreche, alles zum Erfolg der Sache zu tun, damit Welzmann und Marshall, meine Adoptiveltern, zufrieden sind. Hoffentlich wird es aber nicht zu viele Nachtsitzungen geben. (Lebhafter Beifall.) .׳ * 1 ׳־ ״. SAailram A■rli.;■•־-< j’ymt-k Schalotn Asch (spricht jiddisch): Es fet notwendig, hier heute vor allem einen Namen zu erwähnen, der uns feilt, den Namen unseres nationalen Dichters Biaifk. (Lebhafter Belfall.) In einer Stunde schwerer Not haben Sie, geehrter Herr Präsident, in eine über alle vier Winde verstreute Masse voll Verzweiflung gerufen: ״Wo bist du, jüdisches Volk?“ Die Ver- Sammlung, aie heute tagt, sie hat, so glaube Ich, die Antwort fegeben: Hier sind wir! (Beifall.) Auch alle die, zu denen er Ruf noch nicht gedrungen ist, auch sie sind hier. Doch nicht nur wir, das jüdische Volk der heutigen Generation, sind in diesem Saale versammelt, sondern auch das jüdische Volk aller Generationen. Das große Martyrium der jüdischen Geschichte weilt heute hier mit uns und ruft nach Lösung. Der neue Aufbau von Erez-lsrael wird wie ein Lichtstrahl auf unsere lange blutige Vergangenheit zurückgeworfen und er wird unseren Leiden einen Sinn geben. Unser uralter Trotz gegen eine ganze Welt wird nunmehr verstanden werden und seine Berechtigung erhalten. Unsere Tat wird unserer Märtyrer Tod noch einmal heiligen. der größten Kohlenmacht und vielleicht der beste Kopt der eng- Iischen liberalen Partei ist, so würde man glauben, man hätte einen äußerst sympathischen Rechtsanwalt vor sich, wie er in dieser Art in Rumänien und Deutschland, in Ungarn oder Oesterreich zu finden ist. D'Avigdor Goldsmid wirkt rassisch noch jüdischer. In seinem Tonfall und Ausdruck aber war er der englichste von allen Dreien. Dem Lord Melchett glaubt man es auf den ersten Blick, daß er Englands Chemie-König ist und daß er den Ehrgeiz hat, dem weltbeherrschenden Marxismus seinen Mondismus entgegenzustellen. Daß dieser Mann Zionist wurde — er bekannte sich ausdrücklich dazu und ist als Präsident der englisch-zionistischen Organisation zu einer derartigen Erklärung voll legitimiert — beweist die Allgewalt der zionistischen Idee und die Kunst des großen Zauberers der Menschengewinnung, Chaim Weizmanns. Daß sich Melchetts Ehrgeiz in der Richtung bewegt, ein Führer der Juden zu werden, nachdem er längst ein politischer und Wirtschaftsführer in seinem Lande gewesen war, ist ein Zeichen, daß dieser Melchett mehr ist als ein Politikaster, mehr als ein Wirtschaftsorganisator und mehr als ein Geldverdiener. Und damit ist er sogar mehr als ein politischer Zionist — nämlich ein Jude sans phrase. Die zwei Rabbiner, der greise L i p s z y c aus Polen und der gravitätische Uziel aus Tel-Awiw. Man meint fälschlich, dies wären die Vertreter eines alten ehemaligen Judentums; man sollte mit derartigen Urteilen nicht so leichtfertig bei der Hand sein. Keiner kann in die Zukunft sehen imd es ist denkbar, ja mehr als das, es ist wahrscheinlich, daß der tiefste Sinn des gesamten Palästinawerks, die geheimste Absicht der jüdischen Renaissance, der Wiederanschluß ist an das, was in diesen zwei Rabbinern repräsentiert ist. Es muß ja nicht eine Wiederkehr der alten Formen sein, man darf sich auch nicht den Volljuden, den vollendeten Juden der Zukunft, äußerlich so vorsteflen wie einen orthodoxen . Raw einer agudistischen Gemeinde, aber der von uns allen ersehnte Zuktumsjude wird Geist vom Geiste des Rabbi Lipczyc sein. Und schließlich die zionistischen Führer, die zu Worte kamen. Weizmann, Sokolow, Ussischkin — was soll man über die sagen? Ich glaube, man ehrt diese Männer, die schon Hingst ihren Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte haben, indem man feststellt, daß sie die Gastgeber waren. In ihrem Hause haben sich all die anderen versammelt, in ihrem Lager ist das Judentum, sie waren daheim und empfingen voller Liebe die heimgekehrten Brüder mit offenen Armen. Das Wunder der Vereinigung des ganzen jüdischen Volkes konnte nur durch die Kraft der alten Heimat Israels geschehen. Wir sind ein Volk, verbunden durch die Kette der Leiden. Erez- Israel jedoch ist die erste Freude, die uns eint. (Beifall.) So seien denn die Hände gesegnet, welche diese Freude schufen, bedankt die Kräfte, die uns diesen Trost gebracht! Mir ist die Ehre zugefallen, in dieser historischen Versamm- (ung Fürsprecher für aeti elendsten und ärmsten Teil des jüdischen Volkes zu sein — für die jüdische Armut in Polen. Für andere kann Erez-lsrael vielleicht geistigen Luxus bedeuten, für die Juden Polens ist es blutige Notwendigkeit. (Lebhafte Zustimmung.) Mit Hungeraugen blicken sie auf uns, die wir hier versammelt sind, in bebender Erwartung, daß wir ihnen ein Stück Boden unter den Füßen schaffen, mit pochendem Herzen horchen sie dem, was in diesem Saale geschieht. Wenn ich meiner Meinung Ausdruck geben darf, so muß diese Ver- Sammlung nicht nur des Landes gedenken, sondern — find das in erster Linie - des Volkes. Es geht nicht bloß um den Aufbau von Erez-lsrael, sondern um den Aufbau des jüdischen Volkes durch Erez-lsrael. (Beifall.) In diesem Augenblick großen Geschehens wollen wir die Unterschiede der Klassen, der Parteien und Gruppen, in die wir geteilt sind, vergessen und einzig und allein vor Augen haben eine arme jüdische Masse, welche nach dem Quelle lechzt, nach dem Boden von Erez-lsrael strebt, und das verdorrte Land, das sehnsüchtig nach seinen Juden ruft! Ussisdtkiiit Mahnung H. M. Ussischkin (spricht deutsch): Heute fängt die dritte Epoche in unserer Renaissance-Bewegung an. Die erste Epoche war die der Chowewe-Zion und ihr Schöpfer war Pinsker. Sie hat sechzehn Jahre gedauert. Die zweite Epoche war die des Zionismus, ihr Schöpfer war Herzl. Sie hat zweiunddreißig Jahre gedauert. Heute beginnt die Epoche, die den Namen Alljudentum trägt, ihr Schöpfer ist Chaim Weizmann. (Langandauernde Ovationen.) Wie iang'C wird diese Epoche dauern? Ich will unseren neuen Partnern, die nun mit der dritten Epoche anfangen, einen WunStih zum Ausdruck bringen. Wir haben ihnen die Arbeit erleichtert, wir haben das Fundament des dritten Tempels angefangen, wir bringen ihnen jetzt die Balfour-Deklaration, die Chaluz-Bewegung,־ über ,eine Million Dunam jüdischen Bodens, über hundert Kolonien J« unserm Lande, eine lebende hebräische Sprache, die hebräische Universität, den Enthusiasmus der jüdischen Welt. Das äße« bringen wir ihnen und sie sollen jetzt bauen. Die schwere Arfr'M in der Atmosphäre der Feindschaft, des Totschweigens liegt tief im Boden begraben. Wir haben geschaffen, um Ihnen den Weg zu erleichtern. Jetzt sage ich Ihnen: Wir haben das Fundament gelegt, mögen Sie die Wände und das Dach des dritten Tempel® auen. Sie sollen schnell bauen.wir haben keine. Zeit zu warten und wir wollen nicht warten. Unsere Vorväter sind von Mizrajim nach Erez-lsrael vierzig Jahre gegangen und wir machen diese Reise jetzt in vierzehn Stunden. Ich wünsche Ihnen, die Sie hier sitzen, besonders den Menschen mit grauen Haaren, daß Sie mit Ihren eigenen Augen die Vollendung der Arbeit schauen, die Zeit, da Palästina authört, Palästina zu sein und Erez-lsrael wird. (Stürmischer, sich immer wiederholender Beifall.) Sokolowt Schlußrede Nahum Sokolow (spricht deutsch): Ich bin kein so schlechter Psychologe, um nicht zu verstehen, daß Sie hergekommen sind, um die Blum zu hören, die Sir Herbert Samuel und die andern. Ich weiß nicht, ob es Nichtzionisten oder Zionisten sind. Wh betrachten dl« Nichtzionisten als Zionisten (lebhafter Beifall). Ich habe hier Reden gehört von Nichtzionisten, die;;%df ftzbllttit'. amfKongreßgehalten •vferden י v׳(-fzf.it”»’'!?'Xfz׳“:a'x■''ו!«_ ‘ ״ ״ ׳״»vl■(!'!#׳'1ס׳';'.• ,י ״ ׳־:AÄÄr.ttwW׳Mftft:5־werien׳sich vielleicht einer׳alten* Sitte hinter den Juden erinnern. Unsere Eltern haben nach dem Versöhnungstag, nachdem man das Fasten, die Kasteiungen, die Zerknirschung und die langen Gebete dieses Tages überstanden hatte, einen bescheidenen Bissen zu sich genommen und sind dann in den Hof hinausgegangen, um die Pflöcke für die Sukkah einzuschlagen. Ich hatte diesen Eindruck heute, nach dem gestrigen Tag und der gestrigen oder der heutigen Nacht. VVir schlagen tatsächlich die Pflöcke ein, um die Sukkah zu .machin, und die Sukkah begrüßt man mit ״Sukkath Scha- 10m“; sie ist das Symbol des Friedens, wie diese große Sukkah hier, die Sukkah des Friedens. Die Sukkah schafft nicht den Jom Kippur ab, der Jom Kippur bleibt Jom Kippur. Man feiert nur dann auch Sukkotli. Die Rede des sogenannten Nichtzionisten, meines verehrten Freundes Marshall, war vielleicht eine zionistischere Rede als die der Zionisten. Er hat uns gesagt, daß wir unsere Kongresse naben und daß nur noch eine Organisation dazu gekommen sei. Das Wort, daß diese Versammlung eine historische sei, ist mir unangenehm. Aut einer historischen Versammlung sagte man nie früher : das ist eine historische Versammlung. Der zukünftige Historiker wird es, so hoffe ich, sagen. Wir haben uns unter der Fahne von Erez-lsrael vereinigt. Wir Zionisten sind hierher gekommen nicht gegen Herzl, sondern mit Herzl. Unsere Organisation ist in die Jewish Agency eingetreten mit all dem, was Ussischkin so schön dargestellt hat. Wir bringen eine Mitgift mit und ein großes Vermögen in dem Symbol Herzl. Aber wir vereinigen uns hier unter der Fahne von Erez-lsrael. Erez-lsrael ist immer im jüdischen Volk ein einigendes Moment gewesen. Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht unsere alte Religion auch ein einigendes Moment ist und_daß es nicht wichtig ist, sie zu *kräftigen. Aber das allein genügt nicht. Erez-lsrael ist ein großes Moment. Und als solches wird es im ganzen Judentum von den Falaschas in Abessinien bis zu den Marannen in Portugal, von den extremen Reformrabbinern Amerikas bis zu den Wunderrabbis in Galizien anerkannt. Professor Josef Halevy, der Entdecker der Falaschas, erzählte einmal, daß, als er nach Abessinien kam, um zu versuchen, den jüdischen Ursprung der Falaschas nachzuweisen, er die Priester der Falaschas gefragt habe, ob sie etwas von Sabbat wüßten. Sie wußten; nichts. Ob sie etwas von Pcssach wußten — sie,wußten nichts. Zuletzt fragte er nach dem Jom Kippur; sie waren so assimiliert, daß sie auch davon nichts wußten. Er machte den letzten Versuch und sprach das Wort ״Jerusalem“ aus. ״Als ich dieses Wort aussprach“, erzählte er, ״strahlten die Augen der Priester; sie sagten: Jerusalem wissen wir alle,. wir sind doch aus Jerusalem gekommen.“ Das ist das große einigende Moment, die große Legende. Die Autgäbe unserer Freunde, der Nichtzionisten, ist es, Realitäten zu schaffen. Wir alle wollen es. Ein guter Anfang ist da. Aber vergessen wir nicht, die Realität allein genügt nicht. Erhalten wn• die große Legende Erez-lsrael. Der Galil ist ein Psalm, eine jüdische Kolonie ist ein Kapitel Ruth. Keren Hajessod und Keren Kajemeth sind das Buch Esra und Nehemia. Jerusalem^ist das Schir Haschirim, Die Bibel lebt, sie wird zur Realität, aber nicht nur Realität, sondern eine ideale Realität. Träumer wollen wir sein. Das ist das Schöne an uns. Wir, die wir Praktiker, Rechenmeister und Krämer geschimpft werden, sind die größten Idealisten der Welt geworden. Ich trage Sie: ist das nicht eine idealistische Bewegung? ich habe von den Juden in Amerika Opfer für Erez-lsrael verlangt. Profitieren sie von diesen Opfern? Ich habe ihnen nichts versprechen k״״<־en. Das ist Idealismus. Dieser Tag ist ein Tag, den Gott schafft. . Es gibt einzelne Tage, die mehr schaffen als lange Zeiten in der Geschichte der Menschheit. Das ist einer der großes Tage. Wir sollen uns freuen, wie Juden sich freuen. Wir haben eine besondere Art, uns zu freuen. Wir begeistern uns, dann werden wir nüchtern, dann zanken wir uns. Aber freuen wir uns unserer Einigkeit! (Stürmischer Beifall.) Mit dem Absingen der Hatikwah schließt die Sitzung um 18 Uhr 30 Minuten. ★ Der weitere Verlauf der Agency ״Tagung Montag früh wurden unter dem Vorsitz von Marshall, dem Lord M e 1 c h e 11 als Mitvorsitzender zur Seite steht, die eigentlichen Beratungen des Councils begonnen. Zunächst hält Dr. Weizmann ein ausführliches Referat über die Aufgaben der Jewish Agency. Er legt zunächst an Hand des Berichtes der Palestinc Survey Commission die politisehen Forderungen der Agency an die Mandatarmacht dar. Als kolonisatorisches Ziel bezeichnet er die Schaffung geschlossener Siedlungen, die Sicherung einer Bodenreserve und die Anlage von Arbeitersiedlungen in der Pflanzungszone. Die landwirtschaftliche Kolonisation ist die Grundlage des Nationalheims. Dr. Weizmann meint, daß das M i n i m a 1 z i e 1 die jährliche Ansiedlung von 1000 Familien auf dem Lande ist. Dies erfordere ein Kolonisationsbudget von £ 600 000. Nach Weizmann sprechen Frankel und Warburg, sodann Kisch. Nachmittags reden in der Debatte Dr. Schmarja Levin, Dr. Ariosorof f, Blumenfeld, Professor Li pm a n (Amerika), Ussischkin, Dr. Nahum Ooldraann, Oscar Wassermann, Ben Gurion, Hermann Struck u. a. Dann folgt ein Schlußwort von Weizmann. ln der Dienstag-Sitzung wird zuerst das Budget behandelt. Der Berichterstatter der Budget-Kommission, Oscar Wassermann, führt aus: Die zionistischen Mitglieder der Budjretkommission schlagen vor, die Ausgabenzusammen- Stellung, wie sie das Budget des Zionistenkongresses enthält, ohne sich im einzelnen damit zu identifizieren, als Grundlage für die Geschäftsbehandlung des nächsten Jahres anzunehmen, weil sich die nichtzionistischen Mitglieder bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit über die Angemessenheit und Notwendigkeit einiger Ausgabeposten bilden, während sich die zionistischen Mitglieder auf jahrelange Erfahrungen stützen können. Vor Ablauf des Jahres soll das Administrativ-Komitee ,jann auf Grund der gesammelten Erfahrungen ein eigenes Budget der Jewish Agency aus arbeiten. Die zionistisch«! Mitglieder der Budgetkommission schließen sich dem Anträge ihrer nichtzionistischen Kollegen an. ln die ,zukünftigen Budgets müssen, verteilt über die nächsten fünf Jahre, noch Ausgabeposten in der Gesamthöhe von zirka 450 000 Pfund auf genommen werden, die sich aus der Abwicklung bestehender Verpflichtungen ergeben. Die Budgetl#1™*8*«11 ist der Ansicht, daß die vorgesehenen Einnahmen iron 750 ööö Pfund für das Jaisr 5690 nicht nur erreicht, sondern überschritten werden können, wenn die Bedeutung des Aufbauwcftea in Pallstina für das ganze Judentum richtig erfaßt wird. Hierauf werden ohne weitere Debäif* dic Anträge der 1B3t",Ml10#.י— In der nächsten Sitzung, Mittwoch vormittag, werden dann die Resolutionen angenommen, die wir an anderer Stelle wiedergeben. Die Schlußsitzung Es war ein hartes Stück Arbeit, noch härter als in früheren Kongressen. Man sieht das schon daraus, daß die berühmte letzte Kongreßnacht nicht wie in Wien und in Basel bis %7 Uhr früh, sondern bis 1/29 Uhr dauerte. Es war ein zähes Ringen. Was daran imponieren mußte, war freilich nicht das Ziel dieses Kampfes; denn es war — sprechen wir offen — einfach ein Kampf um Macht, Kampf von Parteien und Menschen um ein möglichst großes Quantum von Einfluß. Das ist auch bei den andern so und wie in allem unterscheiden wir uns auch hier von den andern weniger im Inhalt unseres Wollens als in der Kraft der Durchführung und in der Konsequenz des Weges. Die Zähigkeit dieses Kampfes war zu bewundern. Wie man immer wieder neue Kombinationen versuchte und wieder verwarf und wie eine jede Partei ihre eigenen Nerven bis aufs Höchstmaß anzuspannen wußte, um die der andern abzuspannen. Und vor allem, wie der Kongreß ausharrte, die Exekutive, die Delegierten, die Gäste. Um 8 Uhr morgens war der Kongreß noch voll besetzt, die Galerien gefüllt Sokolow, der Präsident des Kongresses, saß frisch und rosig da und verhandelte und redete. Motzkin, der Vater des Kongresses, auch kein Jüngling mehr, war um 9 Uhr früh noch so frisch, daß er am Schlüsse des Kongresses eine lange Rede hielt, voll von überschäumendem Humor und Laune, und daß es ihm offenbar Mühe machte, seine Rede und damit den Kongreß wirklich zu schließen. Man war in dieser Nacht wohl verzweifelt über die schwere Geburt der Exekutive, aber dennoch in guter Laune. Als eine Pause zwischen den Wehen allzu lange dauerte, begann die Linke unter Führung des temperamentvollen Harzfeld chassidische Lieder zu singen — solches hatte das Züricher Stadttheater wohl noch nie in seinen Räumen gehört — Immer mehr Menschen beteiligten sich an dem Gesang, die Galerie klatschte den sich ekstatisch akzelerierenden Takt, und als Motzkin den Kongreß wieder eröffnen wollte, hatte er mit seinem Hammer viel zu tun, um den Kongreß von den chassfdischen Liedern zur ernsten Arbeit zurückzurufen. Man zeige uns das Parlament, in welchem nach schwerer, zwölfstündiger Nachtarbeit noch solche Lebenskraft vorhanden ist. Der Zionismus hat eben dieses alte Volk jung gemacht. Das kindlich naive Element bringen die Ostjuden herein. Es wirkt manchmal ganz eigenartig. Wie seltsam mischte sich in diesem Kongreß der Stolz auf seine Selbstherrlichkeit, die vor keinem der Groß-Juden Respekt hat, mit der kindlichen Begeisterung für diese Juden, wenn sie zum Volke kommen. In die letzte Sitzung des Kongresses blickte bereits ein wenig der Council der Jewish Agency herein. Es wohnten dieser Sitzung bereits einige Mitglieder des Councils bei, unter ihnen auch Lion Blum, der in der vordersten Loge saß. Als ihn Weizmann begrüßte, und als beide Männer sich Im Hintergründe der Loge küßten, da begann genau der Teil der Anwesenden, der von seinem Sitze aus diese Szene sehen konnte, zu applaudieren, was natürlich der übrige Teil des Kongresses nicht ganz verstand. Und als verkündet wurdCj daß Felix Warbörg die zio-