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Jüdische Rundschau · 1929-08-16 · Heft 64 (16.8.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 64 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 412 JUEDISCRE RUNDSCHAU Nr. 64, 16. m 1020 haben Ihn doch nicht verstanden, Denn nur ein kleines Häuflein von Männern hat sich um ihn geschart. Er sah, daß ein gemeinsames Werk nur möglich sei, wenn sich das Volk selbst jene Gemeinschaft schaffen kann, welche die Vereinsamung des Individuums aufzuheben imstande ist. Er sah auch mit dem sicheren Instinkt des politischen Geistes, daß dieses Werk nichts anderes sein konnte, als der Aufbau Palästinas. Fast alle von uns sahen das nicht. Fast alle Juden haben ihn bekämpft, in der Angst, ihre bescheidenen Positionen in ihren Wohnlandern zu verlieren oder zu gefährden. Herzl wußte, daß dem nicht so war, und fing mit einem kleinen Häuflein Getreuer das schwierige Werk an, welches zunächst vom politischen Gesichtspunkte unmöglich schien. In diesen Tagen aber sehen wir, daß er gesiegt hat. Wir sehen, daß alle Juden eingesehen haben, daß er die Erlösung gebracht hat. Und das wollen wir mit vollem Herzen anerkennen und uns vor ihm neigen. (Beifall.) Ebenso wollen wir anerkennen, daß ein Großteil der Schwierigkeiten, die sich auf dem Wege, den Herzl wies, türmten, unserem großen Führer Weizmann zu tiberwinden beschießen war. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß der Palästinaaufbau nicht nur eine große Aufgabe für alle Juden bedeutet, sondern daß diese Aufgabe auch ein großes Geschenk bedeutet. Das verdanken wir nicht nur den beiden großen Führern, sondern auch der tapferen und begeisterten Minorität, welche sich Zionisten nennt. Wir anderen müssen dessen eingedenk sein, daß wir diesen Männern unsere nationale Solidarität zu verdanken haben, und ich glaube, wir sollen dessen auch eingedenk sein, daß sie ein moralisches Recht haben, auch in Zukunft bedeutenden Einfluß auf die Arbeiten, die wir leisten wollen, zu üben. (Immer wieder sich erneuernde, begeisterte Beifallsstürme.) Lord Melchett kritisiert die Mandatarmacht Lord Melchett (spricht englisch): Als Präsident der englischen zionistischen Föderation bin ich glücklich, an dieser Konstituierung des Council der neuen Jewish Agency teilnehmen zu können, in welcher wir ein Versprechen für eine größere Zukunft sehen. Wie Sie wissen, wurde die Zionistische Organisation auf Grund des Mandates als Jewish Agency bestellt. Ich gestehe, daß es eine Enttäuschung für mich war, daß wir unter keiner Regierung und keinem High Cotnmissioner all das erhielten, worauf wir Anspruch' hatten. Ich sage das offen hier, und ich sage es offen in Palästina, daß das Mandat in dem Sinne, in dem es ursprünglich abgefaßt wurde, noch nicht verwirklicht worden ist. ich hoffe, ich spreche hier nicht nur die Ansichten einer Organisation aus, sondern die Meinung des ganzen Judentums. Ich hoffe, die erweiterte Agency wird einen stärkeren Einfluß üben können, als wir bisher hatten. Sir Herbert Samuel wird es mir hoffentlich nicht übelnehmen, wenn ich sage, daß ich seinen Optimismus in bezug auf die politische Lage in Palästina nicht teilen kann. Machen wir uns keine Illusionen: das Jüdische Nationale Heim hängt von niemand ab als von uns selbst. (Beifall.) Wenn ich endlose Diskussionen zwischen unseren verschiedenen Gruppen von Zionisten und Nichtzionisten sehe, denke ich an unsere vielen Feinde, die sich vergnügt die Hände reiben, wenn wir unsere Kräfte zersplittern. Hoffentlich wird uns die Jewish Agency die nötige Einigkeit bringen. Wir haben hier nicht nur mit der wirtschaftlichen, sondern auch mit einer sehr komplizierten politischen Situation zu tun. Das Land gehört noch nicht uns, auch wenn wir genug Geld und Einwanderer haben. Die Aufgabe ist wohl die schwerste, die je ein Volk vor sich hatte, und nur das jüdische Volk kann sie vollbringen. Und wir werden sie vollbringen. Eine Reihe von Umstanden hat uns bis an diesen Punkt gebracht, die weder Herzi noch sonst jemand voraussehen konnte: ein großer Krieg, mit dem Palästina nichts zu tun hatte und mit dem es nur spät in Berührung kam. Aus dem großen Krieg ergab sich ein Wunder, die Möglichkeit, Erez-Israei wieder zu schaffen. Halten Sie das für einen bloßen Zufall?? Glauben Sie, daß das keine Bedeutung hat? Ich glaube es nicht, ich sehe die Hand Gottes, der auf uns blickt, der uns von Aegypten nach Palästina zurückgeführt hat. Ich wurde im Jahre 1921 zum Zionisten. Und ich bin ein Zionist geblieben und will alles, was ich nur kann, für die Sache tun. Ich hoffe, wir werden Zusammenarbeiten und werden so rasch als möglich diese überholten und unnützen Redensarten von ״zionistisch" und ״nichtzionistisch" fallen fassen. Wer für Erez-Israei ist, ist für mich. Und wer für Palästina arbeitet, mit dem will ich arbeiten, was immer er ist und in der Vergangenheit gewesen sein mag. Wer den Ruf Erez-Israels gehört hat, der kann nicht mehr los. Dieses Land, das unsere Geschichte ist, das in jedem Stein die Oeschichte unseres Volkes enthält, dieses Land ruft uns. Es ruft mir zu, daß Ich mit ihm eins bin. Und wenn wir in Komitees und Konferenzen sitzen, so werden wir diese Probleme nicht überschätzen, wenn wir Palästina kennen und lieben. Wie viele hundert Jahre waren es von der Zer- Störung des Tempels bis zu der Balfour-Deklaration! Wir hatten nur zehn Jahre, um Erez-Israei aufzubauen. Es ist erst ein Anfang. Aber es wird ein Tempel werden, von wo wieder einmal wie schon dereinst die großen kulturellen und ethischen Ideen entspringen, die die Welt gewonnen haben und die Grundlage moderner Sittlichkeit geworden sind. (Lebhafter Beifall.) L£on Blum: Sozialismus und Zionismus L60n Blum (spricht französisch): Sie werden sehr erstaunt sein, auf der Tagung der Agency einen Mann zu sehen, dessen ganze öffentliche Tätigkeit und persönliche Arbeit der Sache des internationalen Sozialismus gewidmet ist, einen Mann, von dem Ich ehrlicherweise erklären muß, daß er niemals seinen Ur- Sprung und seine Religion verleugnet hat, sondern im Gegenteil bei allen Gelegenheiten und in allen Kämpfen mit Stolz auf sie hinwies. Und doch muß ich zugeben, daß ich von jedem Glauben und jeder Rcligionsübung losgelöst bin. — Es gibt Menschen, die in dem zionistischen Werk nichts sehen wollen als den Ausdruck vor! jüdischem Nationalismus und Fanatismus. Wenn dem so wäre, hätte ein Sozialist nichts dabei zu tun. Der internationale Sozialismus sucht die Originalität aller Nationen zu wahren, die Integrität aller Sprachen, aller Kulturen und Rassen, aber er versucht■ auch, sie in einer höheren Menschlichkeitzuvereinigen, er versucht, aus ihnen eine Harmonie zu schaffen, die alle höheren Gedanken des gemeinsamen Lebens umfaßt. Es geschieht, daß durch eine Art Wunder der Geschichte das jüdische Heim in Palästina, diese Heimstätte, bestimmt, die leidenden und verfolgten, aber auch die heimwehkranken Juden aufzunehmen, aufgebaut wird, laurfcs hat dieses jüdische Volk einmal das große Opfer der Geschichte genannt. Aber durch alle Zerstreuung und durch alle Wechselfälle des Lebens ist der Geist der Nation intakt geblieben. Der Judenstaat in Palästina, das jüdische Volk in Palästina sondert sich nicht von allen anderen Nationen ab, sie beide stehen unter dem Schutze aller anderen Nationen und des Völkerbundes. Sie müssen den Weg des Friedens und der Ornung gehen, sie sind weit entfernt von einem nationalistischen Staat. Das jüdische Palästina ist die Antizipation der internationalen Nation. (Beifall.) Die Mitarbeit von Sozialisten, wie wir sind, am jüdischen Werke in Palästina hat noch eine andere Bedeutung. Sie bedeutet, daß das Werk in Palästina sich von selbst in einem neuen Geist entwickelt. Wir wollen nicht behaupten, daß Palästina durch einen Zauberstab in einen kollektivistischen Mik.rokosmos verwandelt werden kann. Wir hängen keiner solchen Doktrin, keiner solchen Schimäre nach. Wir wissen, daß sich unsere Theorie nicht in einem Organismus verwirklichen läßt der von der Welt abgeschnitten ist, aber wir glauben, daß Palästina ein wunderbares Versuchslaboratorium sein kann für alle Reformen, die heute den Weg der Revolution der Welt- Wirtschaft bezeichnen. Es hat das Ideal des Friedens, aber eines Friedens, deraufGIeiehheitundGerechtigkeit aufgebaut ist. (Beifall.) Wir wünschen nicht ein Palästina, weiches die alte Theokratie bleibt, welche wir ablehnen, und die mehr oder weniger aus der antiken Konzeption stammt. Die Administration Palästinas wird immer mehr vom demokratischen Prinzip geleitet werden; ich denke an eine moderne Konzeption des Staates, in der eine intensive Zusammenarbeit der politischen Organe mit allen Organisationen, mit den Arbeiterorganisationen, die die Arbeiter in- und außerhalb der Gewerkschaft umfassen, möglich ist, und wir erwarten die Fortentwicklung dieser Arbeiterorganisationen in ihrer politischen Machtstellung. Ich glaube, meine lieben Freunde, daß diese Bedingungen unserem werke nicht fehlen, in dessen Oeschichte der Iwwig* Tag ein so bedeutsamer Wendepunkt ist. Ich gebe zu, daß es vielleicht nützlich ist, gewisse Formen des modernen Kapitalismus in Palästina für sich zu haben. (Heiterkeit) Aber ich glaube, daß es etwas gibt, was noch wertvoller und nötiger ist, nämlich die öffentliche Meinung auf seiner Seite zu haben. Und die öffentliche Meinung wird von zweierlei Menschen gemacht, von denen, die denken, und von denen, die arbeiten. (Beifall.) Um Erfolge zu haben, muß man alle großen Mensehen der Welt um sich sammeln und deshalb der Stolz, mit dem wir hier (auf Einstein weisend) den größten der heute lebenden Menschen begrüßen. (Beifall.) Man muß aber auch die breiten Massen des Proletariats für sich gewinnen. Und ich begrüße es als ein wertvolles Zeichen, daß im intemationalen Sozialismus die Arbeiterbewegung Palästinas vertreten ist. (Beifall.) Die Aufgabe der Agency wird sehr schwer sein, wenn man sie an sich betrachtet, aber relativ sehr leicht im Vergleich zur Arbeit derer, auf denen sie geruht hat, ehe wir kamen. Die Tatsache der Konstituierung der Agency bedeutet, daß die heroische Periode des Palästina-Aufbaues vorüber ist, und daß wir in ein normales und reales Stadium der Entwicklung treten. Wir sind. glücklich, daß an unserer Spitze ein Mann wie Weizmann steht und andere Minner, die in den letzten zehn Jahren das Werk geführt haben, das man und das zunächst wohl auch Sie selbst für unmöglich hielten, ein Werk, das die Bewunderung nicht nur des Judentums, sondern der ganzen Menschheit verdient (Stürmischer, lang andauernder Beifall.) Der Vertreter der englisdien Juden Mr. O. E. D’Avigdor-aoldsmid (spricht englisch): Ich möchte im Namen der britischen Delegation sagen, wie hoch ich es einschätze, das Recht und die Möglichkeit zu haben, In dieser großen und bedeutungsvollen Versammlung zu sprechen. Ich muß meine höchste Anerkennung für die Weisheit und Groß- Zügigkeit der Zionistischen Organisation und ihrer führenden Mitglieder ausdrücken. Die Arbeit, die sie durch so viele gchwierige fahre geleistet haben, findet endlich Anerkennung und jetzt, wo die Aussichten für die weitere Entwicklung so ausgezeichnet sind, kommen sie zur jüdischen Gesamtheit und sagen: ״Kommt herein“ — ohne Bedingungen zu stellen. Eine großzügige und vornehme Geste, die Dr. Weizmann und da־ Organisation zw höchsten Ehre gereicht. Diese heutige Versammlung ist die Antwort auf die Geste. Sie wissen wahrscheinlich alle, daß auf einer von dem britischen Board of Deputies für den 21. April einberufenen reprisentativen Konferenz einstimmig beschlossen wurde, an der Agency teilzunehmen. Die Konferenz verpflichtete sich alles zu tun, um die jüdische Wiederaufbauarbeit in Palästina zu fördern. Jede Schicht und Gruppierung der britischen Gemeinschaft hatte die Möglichkeit, dort vertreten zu sein und ich habe daher das Recht, Ihnen zu sagen, daß die erweiterte Jewish Agency, da der Beschluß einstimmig gefaßt wurde, die Förderung des überwältigenden Großteils der englisch-jüdischen Gemeinschaft hinter sich hat. Ich halte es für wünschenswert, ganz klar zu sagen, was diese Resolutionen der englisch-jüdischen Konferenz bedeuteten. Zunächst die Anerkennung, daß wir als Staatsbürger der Mandatarmacht verstehen, daß wir eine besondere Verantwortung dafür haben, dem Mandatar bei der von ihm übernommenen Aufgabe zu helfen. Zweitens ein Versprechen, die jüdische Wiederaufbauarbeit in Palästina zu fördern. Die Konferenz glaubte, daß man vor allem Fragen der praktischen Arbeit berücksichtigen solle. Sie übersah nicht die Frage des Nation a- Iismus, verstand aber, daß die Lösung dieses Problems klinftigen Generationen Vorbehalten ist, und daß inzwischen der Aufbau Palästinas zu seiner Lösung beitragen würde. Wir möchten nicht zu viel Zeit auf die Erörterung theoretischer Differenzen verwenden, wenn praktische Fragen der Kolonisation und Entwicklung dringende Arbeit heischen. Wir vertrauen darauf, daß der Geist der Einigkeit, den wir hierher mitbringen, diese Versammlung erfüllen wird. Gegenseitiges Verstänanis wird die Arbeit sehr erleichtern und wird die beste Methode sein, um der Zionistischen Organisation zu zeigen, daß wir würdigen, was sie geleistet hat, und der Welt im allgemeinen beweisen, daß wir einen tiefen Sinn für unsere Verantwortung haben und aus Palästina nicht ein Asyl machen wollen, sondern ein Zentrum für das Judentum, jüdische Kolonisation und Kultur, die in der Zukunft einen mächtigen Ein* fluß im Sinne von Frieden und Duldsamkeit in der ganzen Welt ausüben mögen. (Lebhafter Beifall.) Oscar Wassermann spricht für die deutschen Juden Oscar Wassermann (spricht deutsch): Ina Namen der nichtzionistischen deutschen Delegierten habe ich die Ehre und die große Freude, die Versammlung des Council of the Jewish Agency for ^a^|din%"«ler«jrlL#'mrh*'iu1td hoff ent lieh für alle Zelt Zeugnis für die Einheit des Judentumsunader lud enh eit ablegt, herzlich zu begrüßen. Es Ist keine Kleinigkeit, wenn heute zum erstenmal Abgeordnete von Juden aus aller Welt ohne Unterschied der Partei hier Zusammenkommen. Ich begrüße namens der deutschen nichtzionistischen Delegation vor allem unseren verehrten Präsidenten Dr. Weizmann; wir sehen voll Bewunderung aut seine Person. Herr Blum sprach die Vermutung aus, der ich mich anschtießen muß, daß dieses Werk Weizmanns — die Her- Stellung der Einheit des Judentums —■ so groß ist, daß er selbst sicher gar nicht an ein solches Gelingen geglaubt hat. Hinter uns deutschen Delegierten stehen heute noch nicht alle deutschen Juden, aber ihr größter Teil. Es muß unsere Aufgabe und wird unser erstes Bestreben sein, auch d i e n 0 c h Abseitsstehenden von der Größe des Zieles und von der Notwendigkeit gemeinsamer, einträchtiger Arbeit zu überzeugen. Aber auch in der zionistischen Partei besteht noch keine volle Einmütigkeit. Eine Minderheit will von dem Eintritt von Nichtzionisten in die Agency überhaupt nichts wissen und von der großen Mehrheit, weiterer großer Summen eine neue große Synagoge zu errichten. Die reichen Züricher Juden mögen mir verzeihen, wenn ich der Meinung Ausdruck gebe, daß ihr Bedürfnis nach Synagogenbesuch keineswegs im gleichen Verhältnis zu den Geldbeträgen steht, die auszugeben für die kommende große Synagoge sie sich bereit erklärt haben. Den Frommen jedoch in Zürich, die ein tatsächliches Bedürfnis nach Synagogenbesuch empfingen, wird, wenn die große Synagoge einmal erbaut ist, Gelegenheit gegeben sein, ihr Bedürfnis zu befriedigen. Sie haben eine Chance. Alle diejenigen, denen Zion und das neue Palästina Lebens* inhalt sind, haben eine neue Chance. Aber nur dann, wenn sie sie auszunutzen verstehen. Vielleicht ist dies zunächst das Ergebnis der Agency-Tagung von 1929. Vielleicht wird das Resultat noch größer sein. Ich kann nur wiederholen: Distanz! Distanz! Damit man abzuschätzen vermag, was man gestern und heute hier in Zürich erlebt hat. II. Die Parade der Großen Zürich, den 13. August 1929. Die Spannung, die einen in den letzten Tagen gefangen hielt, und in der Gründungsversammlung der Jewish Agency ihren Höchstgrad erreicht hatte, läßt nach. Die Einzelheiten des großen Spektakels beginnen sich zu ordnen; das Unwesentliehe tritt zurück, das Ewige ragt hoch über dem Untergrund des Belanglosen. Noch einmal sieht man vor seinem geistigen Auge den Aufmarsch der Männer, die als repräsentative men der zeitgenössischen Judenheit im Bewußtsein der Gegenwart leben, und hört ihre Worte. Hierbei fällt einem die Sage von König Midas ein. Was dieser berührte, wurde Gold, und so wird jeder, der in die Geschichte des jüdischen Volkes eingreift, erst dadurch ein Anwärter auf das Gold der Unsterblichkcit. Das galt für alle diese Minner, die am 11. August auf der Tribüne der erweiterten Jewish Agency standen und so in die Höhen ewigen Geschehens gesteift waren. Das galt für alle — bis auf einen. Von allen Persönlichkeiten, die in der Gründungsversammlung zu Worte kamen, mögen sie noch so berühmt, geachtet und mächtig sein, kann das neue Palästina sagen: ״Ihr habet nicht meinem Ruhme gefehlt, aber ich dem Eurigen.“ Erst dadurch, daß General Allenby Jerusalem eroberte, erlangte er Unsterblichkeit, sonst wäre sein Name untergetaucht in der ungeheuren Schar der vielen Generale, die im Kriege befehligt, gesiegt haben oder besiegt wurden. Und auch Louis Marshall, Ldon Bhan, Herbert Samuel und wie sie sonst heißen mögen, haben erst dadurch, daß sie sich einem Ewigen attachiert haben, Rang von historischen Größen erlangt. Nur Einstein bedurfte dessen nicht. Von ihm allein kann man sagen: ״Wir haben seinem Ruhme nicht gefehlt, sondern er dem unsrigen.“ Und es ehrte die Riesenversammlung in der Züricher Tonnalle, daß sie mit stärkstem Jubel und In hinerissener Ekstase nicht den großen Bankiers und nicht den edeutenden Politikern, sondern Einstein, dem Mann des Geistes, dem Mann der ewigen Wissenschaft gehuldigt hat. Ob es nun einfache Juden aus dem Osten, Businesmen aus Amerika, Intellektuelle aus West-Europa waren — einmütig waren sie darin, sich vor dem Geist zu beugen, der in Albert Einstein repräsentiert war. Und Einstein selbst! Er stand da, ein Sinnbild der Einfachheit und der Klarheit. Wie er den Manen Theodor Herzls huldigte und Chaim Weizmann, dem Initiator der einzigartigen Versammlung der so mannigfaltigen Vertreter der Gesamtjudenheit dankte, war dies Tun die höchste Ehrung, die dem toten Theodor Herzl und dem kämpfenden Chaim Weizmann in Worten bezeugt werden konnte. Jedes Wort Einsteins trug den Stempel der Natürlichkeit, der Selbstverständlichkeit una Schlichtheit. Wiewohl das, was er zum Ausdruck brachte, fern war von jedem Blinken und Glänzen und in keiner Weise aut Blendung berechnet, wirkte es mit einer Wucht, als ob es eine Formulierung höchster Stilkunst gewesen wäre. Man erinnerte sich an einen Ausspruch Herzls: ״Die Dinge, von denen ich sprechen will, sind so groß, daß ich nur einfache Worte gebrauchen kann.“ Albert Einstein gebrauchte einfache Worte; denn sein Bekenntnis zur jüdischen Renaissance, die Motivierung, warum er den Anschluß an das um seine geistige und volkliche Freiheit ringende Judentum gefunden habe, waren gerade durch ihre Simplizität wirksamer als bombastische Theorien aus Soziologie und Seelenkunde. * Die großen Bankiers, die zu Worte kamen, die Männer des Geldes, die Allgewaltigen der Finanz. Sie sprachen wie Lyriker und Träumende. Man hat sonst von Bankiers ganz andere Vorstellungen. Sie gelten als Verkörperung der Niichternheit, als unerbittliche Rechenmeister von Zins und Zinseszins. In der Versammlung der Agency merkte man wenig von diesen angeblichen immanenten Eigenschaften des Geld-Menschentums. In ihren Worten äußerte sich genau so viel Gefühl und genau so tiefe Sehnsucht nach ewigen Worten, die fern sind von Geld und Geldeswert, wie in den Ausführungen von Schalom Asch, den sein Beruf verpflichtete, über dem Alltag und über den praktischen Dingen zu stehen und in das Reich der Gedanken zu greifen. Oscar Wassermann und Felix M. W a r b u r g machten auf der Versammlung gar nicht den Eindruck selbstherrlicher Finanzgrößen, sondern vielmehr den nur geistiger Menschen, die die irdischen Güter von sich getan und bescheiden Ihren Platz an der Tafel der Geistigen beanspruchen. Die innere Ergriffenheit kam am stärksten bei zwei Männern zum Ausdruck, die im Namen des jüdischen Volkes die neue Epoche proklamierten: Bei Chaim Weizmann und Schalom Asch. Bei Chaim Weizmann, wie es seiner Art entspricht, verhalten; äußerlich ruhig, innerlich ein Vulkan; ein ekstatischer Chasid im Gewand eines Misnagid. Bei Schalom Asch auch äußerlich sichtbar. Er war der einzige, in dessen Hand die Manuskriptblätter bebten, dessen Stimme unsicher schwankte, der aussah, wie ein Taumelnder. Der holde Wahnsinn seines Dichtertums prägte sich in seiner Haltung aus. Er sprach davon, daß zum ersten Male Juden im Zeichen der Freude und nicht zum Zwecke der Abwehr zusammen seien, er stellte test, daß das jüdische Volk beisammen sei, und schließlich machte er sich zum Anwalt der Aermsten der Armen, denen kein Gott gegeben hat, zu sagen, was sie fühlen und sehnen. Der einzige Polterer war Louis Mars ha H. Er polterte nicht in dem, was er sagte, sondern damit, wie er es sagte. Eruptiv, in Stößen kamen die einzelnen Sätze aus seinem Munde. Jeder Satz ein Faustschlag auf den Tisch. Der Körper massig, unbewegt; keine Handbewegung, kein Nicket! des Koptes, kein Zurflckwerfen der Gestalt; selbstsicher, eisern, so brachte er das vor, was er zu sagen hatte. Man muß’ nicht erst die Geschichte dieses Mannes studieren, um zu begreifen, daß die Bekehrung zum Palästinagedanken bei ihm keine Sache eines plötzlichen Einfalls gewesen ist. Jahrelange Einwirkung, stetig und mit gleicher Intensität, waren nötig, um diesen Mann zu bewegen, dafür aber hat man das Bewußtsein, daß Marshalls Bekehrung echt und nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die drei Engländer, die zu Worte kamen, Herbert Samuel, D’Avigdor Goldsmid und auch Lord Melchett, waren in Wort und Klang soignierte Vertreter ihres englischen Vaterlands. Im Aussehen aber waren sie typisch jüdis! h, das fiel zuerst auf bei Herbert Samuel. Er hinterließ einen bezaubernden Eindruck; aber wüßte man nicht, daß er gewesener englischer Minister, ehemaliger britischer Pro-Konsul, KoMemchiedsrichter

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