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Jüdische Rundschau · 1929-08-16 · Heft 64 (16.8.1929) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 64 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 64, 16. VH! 1629 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 411 unserer Mitte fehlen, der Weg zum Anschluß geebnet und die Türe weit geöffnet wird, wir müssen zugeben, daß die Gruppen, von denen die Rede ist, in ihrer Liebe und Sehnsucht nach Erez-Israel eigentlich viel älter sind, als viele andere, die aber aus religiösen Gründen ihren Drang nach Erez-Israel bis heute noch unterdrücken zu müssen glauben. Es ist wahr, daß das Judentum eine Feuerprobe seiner unerschütterlichen Lebenskraft geliefert hat; aber welches Judentum hat diese Probe bestanden? Das Judentum der Propheten und Kanaiten, ein Judentum von Rabbi Jochanan ben Sakkai und Rabbi Akiba, von Maimonides und Gcrundi, ein Judentum von Thora und Sabbat. Daß es aber noch tausende Jahre wird fortleben können, wenn man ihm Thora und Mizwah wegnimmt und ihm nur ein Bündel von abstrakten Nationalideen läßt, dafür haben wir keine Probe und keine Garantie! Nach diesen Erwägungen sind wohl die Bedenken jener orthodoxen Kreise nicht mit leichter Hand abzuweisen. Die Agency aber kann und soll Mittel finden, auch jene Bedenken zu zerstreuen, und die Brücke bilden, die auch jene Brüder zu uns herüberführt. Ein Gott, ein Volk und ein Geist soll unsere Losung sein! (Lebhafter Beifall.) Rabbi Uzlel hält eine lange verzückte hebräische Anspräche, worin er die Bedeutung dieser Versammlung würdigt. Er fährt dann fort: Ich möchte einige Worte im Namen der Knesseth Israel in Erez-Israel übermitteln. Die Knesseth Israel in Erez-Israel, die sich vor kurzem gebildet hat, freut sich zu sehen, wie auch die Knesseth Israel aes Galuth sich bildet und wünscht ihr vollen Erfolg bei ihrer Arbeit. Und ich bete zum ewigen Gott Israels, daß er vom Himmel auf sein Volk schaue und seinen Weg zu seinem Lande segne und das Volk Israel in allen Ländern der Zerstreuung errette. Und wir werden noch in unseren Tagen erleben, daß das Volk Israels in sein Land zurückkehrt, das du, Gott, für uns erwählt hast. (Beifall.) Herbert Samuels Rede Sir Herbert Samuel (mit großen Ovationen empfangen, spricht englisch): Wir treffen uns in einem Augenblick höchster Bedeutung für die Geschichte Palästinas und damit für die Geschichte des jüdischen Volkes. Wir, die wir mit der Abfassung des Palästina-Mandates zu tun hatten, mußten drei Elemente miteinander in Einklang bringen: Palästina, Großbritannien und die Juden der Welt. Nicht nur einen Teil der Juden, sondern alle Juden. Wir hielten es für wesentlich, daß das ganze Judentum an dem Wiederaufbau des Heiligen Landes teilnehmen soll. Daher fügten wir dem Palästina-Mandat den Artikel über die Jewish Agency ein. Zehn Jahre sind seither vergangen und heute wird die Jewish Agency geboren. Das jüdische Volk war Jahrtausende lang über die Welt verstreut Es ist heute größer an Zahl als jemals in der Geschichte. Aber heute, in diesem Saale, treffen sich zum ersten Male seit Tausenden von Jahren Vertreter des gesamten Judentums zu gemeinsamem Zweck. Es ist das Land, das sie einigt, wie es in den Tagen des Altertums die zehn Stämme vereinigte. Bringen wir heute unsere Anerkennung dar der Arbeit, die von der Zionistischen Organisation geleistet wurde. Sie trug all die Jahre die Last, im politischen, im wirtschaftlichen, im administrativen Sinne, aber#sie versteht heute, daß die Zionistische Organisation nicht nur um ihrer selbst willen besteht, sondern um des Zieles willen. Die Zusammenarbeit wird sie nicht schwächen, sondern ihre Kräfte verdoppeln. Sie wird ihre besondere Existenz nicht aufgeben. Sie wira weiter ihre Konresse, ihren Idealismus, ihre Krisen und ihre Nachtsitzungen aben (Heiterkeit) und ihre eigene ursprüngliche Kraft, die Begeisterung der Massen des jüdischen Volkes hervorzurufen. Und das ist von entscheidender Bedeutung. Wenn Sie den Zionismus offiziell machen, bringen Sie ihn um. (Beifall.) י‘ י’ s"!ch möchte5 einem ljtejneh■' V&rfäll; "'־etWafinenj ־־־ der'־׳' :ifhet׳ Nichte von mir, 'Mrs. Kisch, widerfuhr, als sie mit ihrem ausgezeichneten Gatten in Südafrika reiste. Sie kamen eines Tages durch einen abgelegenen Teil des Landes und ein altes jüdisches Ehepaar kam an den Zug. Es waren die einzigen Juden im Dorfe. Die alte Frau nahm meine Nichte beiseite und sagte ihr: ״Ich getraue mich nicht, es meinem Manne zu sagen, aber ich habe hier eine kleine goldene Kette. Es ist mein einziges Schmuckstück. Er soll nicht erfahren, daß ich es dem Keren Hajessod gebe/' Mrs. Kisch lehnte ab, aber die Frau gab nicht nach. Sie ließ die Kette in ihrer Hand und ging fort, der Zug fuhr ab und die Kette wurde dem Keren Hajessod übergeben. Wir brauchen Opfer dieser Art. Palästina ist dankbar für die Hunderttausende von Pfunden und Dollars, die von Wohlhabenden gegeben werden; aber diese kleine goldene Kette brauchen wir noch viel mehr. Dieser Opfergeist der Massen des jüdischen Volkes in allen Ländern hat die Stärke der zionistischen Bewegung bedeutet. Die Zionistische Organisation hat mit weitblickender Staatsmännischkeit die Hälfte der Sitze in der Jewish Agency denen, die mitarbeiten sollen, übergeben. Das ist richtig, aber es ist auch richtig, daß die Zionistische Organisation die Präsidentschaft der Jewish Agency behält. Da der Präsident der Zionistischen Organisation Dr. Weizmann ist, ist ja auch etwas anderes gar nicht vorstellbar. Er hat im höchsten Maße die Achtung und das Vertrauen der Staatsmänner der Großmächte und die Liebe und Dankbarkeit der Juden der ganzen Welt gewonnen. (Beifall.) Wir wollen auch den amerikanischen Juden danken, die so viel für den Aufbau Palästinas getan haben und sich mit ganzem Herzen der neuen Entwicklung widmen. Sie sind in ein Land gegangen oder ihre Väter sind in ein Land gegangen, dessen Existenz den Juden des Altertums unbekannt war. Es geht ihnen dort gut. Und jetzt blicken sie zurück über den Ozean und über die Jahrhunderte und sehen das alte Land ihrer Väter und die alten Ideale. Die Ideale können den modernen Verhältnissen angepaßt werden, aber im Wesen bleiben sie gleich. Sie sind weniger stammesmäßig, mehr universalistisch, aber immer noch starke Ideale, die uns sagen, daß die sichtbare Welt nicht alles ist Dieser kleine Planet, auf dem wir wohnen, ist nicht die Welt Es gibt eine geistige Kraft die die Welt erfüllt und über sie hinausgeht Und wir arbeiten in Palästina, um jene idealistischen Bestrebungen zu verwirklichen, die die Menschheit erlösen wollen. (Lebhafter Beifall.) Unser Dank gebührt heute auch Lord Balfour. (Beifall! Er hat unsere Sache zu der seinigen gemacht. Wir haben das Glück, daß er die Verwirklichung eines Werkes erlebt, an dem er so tiefes Interesse nimmt. Und unser Dank gilt auch Lord Melchett, dem Vorsitzenden der Palästina-Studienkommission, die diese größere Entwicklung möglich gemacht hat Die Aussichten für die Zukunft Palästinas sind jetzt günstig. Die wirtschaftliche Lage ist gut, die Depression ist vorüber. Auf der festen Grundlage der hebräischen Sprache sind die Anfänge einer neuen jüdischen Kultur bereits erbaut Politisch ist die Situation in Palästina schwieriger aber keineswegs ungünstig. Und die jüdische Palästina- Sache ist sicher, in Großbritannien die Förderung jeder Regierung und jeder Partei zu finden. Die Jewish Agency wird vielleicht mehr Innere als äußere Schwierigkeiten haben. Wir sind überzeugt, daß diese Schwierigkeiten überwunden werden. Sie enthält sehr verschiedene Elemente. Menschen aus vielen Ländern und von vielen Temperamenten. Sie wissen: Wo es drei Juden gibt, gibt es vier Meinungen. (Heiterkeit.) Aber jene, denen wir die Arbeit der Jewish Agency anvertrauen, werden eine ernste, eine persönliche Verantwortung für ihren Erfolg fühlen. Sie arbeiten unter den Augen der Geschichte. Ihre Namen werden auf die Nachwelt kommen mit Lob oder mit Tadel, je nachdem, ob ihnen das Werk gelingt oder mißlingt Aber nicht nur die Geschichte beobachtet sie, sondern auch die Pioniere in Palästina, die Chaluzim und Chaluzoth, die ihr Leben für die Erlösung des Bodens und der Seele Palästinas geben. Auch die hunderttausend Juden, die in den letzten zehn Jahren nach Palästina gegangen sind, blicken auf sie und vor unserem eistigen Auge sehen wir die Hunderttausende, die noch nach alästina gehen sollen. Lasset uns beten für den Erfolg dieser großen Sache! Jahr für Jahr geben jüdische Gemeinden große Summen für den Bau von Bethäusern. Manche von uns aber glauben, daß Palästina das Bethaus des Judentums der ganzen Welt sein soll. König Salomo baute einen Tempel. Nehemia baute einen Tempel. Herodes baute einen Tempel. Aber auch wir bauen heute aus lebenden Menschen einen Tempel, der vielleicht noch größer sein wird. (Stürmischer ßeifall) Marshalls Rede Marshall (spricht ־,eaglisdt): Di» jst die außeröidentlichste Versanuniunfg, an ,der •Ich je teilgenommen habe. Hier sind Juden versammelt von vier Weltteilen, aus vielen Ländern una von jeder Anschauung, zu der sich der Menscheneist nur bekennen kann. Wir sind zusammengekommen, um ie Vereinigung der Zionisten und Nichtzionisten für den Aufbau Palästinas zu sehen. Wir haben verschiedene Ideen und Ideale, wir haben verschiedene Auffassungen davon, was getan und was nicht getan werden soll, aber von einem bin ich überzeugt: als Ergebnis der Organisation der Erweiterten Jewish Agency wird Palästina erbaut werden. (Tosender Beifall.) Niemand soll seine Ueberzeugung verleugnen, jeder soll die Möglichkeit haben, sein Aeußerstes zu tun, um zu helfen, so gut er kann, und die Träume jener zu verwirkliehen und lebendig zu machen, die seit Jahrhunderten sich danach sehnten, wieder im Land ihrer Väter zu wohnen. Wenn ich zu den Mitgliedern des Councils spreche und auch zu denen, die keine Mitglieder sind, und insbesondere zu der großen Zahl von Zionisten in diesem Saale, möchte ich sagen, daß alles von der Art abhängen wird, wie man an die zu behandelnden Probleme herantritt. Wir sollen nicht mit der Vorstellung beginnen, daß wir ein Verzeichnis all unserer Differenzen aufstellen sollen. Laßt uns sehen, wie weit wir übereinstimmen, und dann vertraue ich auf den Verstand, den unsere Feinde uns zuschreiben, daß das Ergebnis zufriedenstellend sein wird. Viele Leute sind in diese Agency mit Mißtrauen hineingegangen. Das kommt daher, daß wir einander noch nicht kannten. Wir Amerikaner sprechen eine andere Sprache, haben andere Ideen, andere Traditionen, andere Methoden. Und Ihr habt eure Methoden. Ihr habt recht, wenn Ihr auf eure Art arbeiten wollt, und wir haben recht, wenn wir auf unsere Art arbeiten wollen. Und wenn wir jetzt beide in richtiger Weise zu arbeiten beginnen, muß das Ergebnis gut sein. Ich hoffe daher, daß wir alle, Zionisten und Nichtzionisten, uns vermengen werden, sobald unsere Beratungen beginnen. Wir werden das tun, was für die Arbeit notwendig ist Schließlieh ist die Zeit des Träumens vorüber. Wir brauchen Ideale, aber wir sind an den Punkt gekommen, vvo wir praktisch arbeiten müssen. Wir sind jetzt so weit, daß Reden manchmal nötig ist, Arbeiten aber immer. Menschen, die einander nicht kennen, haben eine Abneigung gegen einander. Versuchen wir also, einander kennen zu lernen und zu verstellen. Setzen wir uns zusammen, aber nicht um zu reden, sondern um praktisch zu denken. Das ist mein Programm und das wird zum Erfolg führen. Erwarten wir nicht allzuviel auf einmal. Daß Zionisten und Nichtzionisten sich geeinigt haben, ändert nicht die Naturesetze. Erwarten wir keine Wunder, außer jenen, ie durch klares Denken und ehrliche Arbeit vollbracht werden können. Ein Land, das nicht fruchtbar ist, kann nicht mit einem Schlage fruchtbar gemacht werden. Aus einem Acre Land kann man nicht zwei Acres machen. Die großen vor uns liegenden Probleme müssen in großzügiger, praktischer, geschäftsmäßiger Weise gelöst werden. Wenn man von Palästina spricht, soll man geschäftsmäßig sprechen. Ich denke natürlich nicht an einen Geldjäger der Großstadt, aber an den Durchschnittsmenschen, der vorwärts kommen will; und wir alle wollen vorwärts kommen. Was von dem einzelnen gilt, gilt auch von einem Lande. Geld kann nicht alles tun. Man hat uns Amerikanern die Ehre angetan, uns für Geldsäcke zu halten. Ich kann Ihnen versichern, daß wir keine sind. Wir sind Fleisch und Blut, menschliche Wesen. Wir sind ebensowenig Geldsäcke wie Leute aus anderen Ländern. Aber Gott hat uns Wohlstand gegeben und darum halten wir es für unsere heilige Pflicht als Juden, von dem unsrigen unseren Brüdern in der Welt mitzuteilen. Das haben wir in Osteuropa getan und tun es weiter; wir werden es in Palästina tun, wenn Sie es gestatten. Wir stehen Schulter an Schulter mitden Zionisten. Wir werden durch das gleiche Ideal der Pflicht geleitet Wir waren mit ihnen früher nicht einig aus Gründen, die ich nicht zu wiederholen brauche. Wir wurden geeint durch die staatsmännische Kunst Dr. Weizmanns, der das Problem und das amerikanische Volk verstand. (Beifall.) Er weiß, daß wir Ideen haben. Wir sind praktische Leute und werden immer unsere Arbeit praktisch zu machen suchen, aber das verringert nicht unseren Anteil an dem Aufbau Palästinas. Und heute, wenn ich hier stehe, empfinde ich das ernster als jemals und zwar auf Grund eines Be- Schlusses, den Ihr Kongreß dieser Tage angenommen hat und in dem er die Bedeutung unserer heiligen und unsterblichen Religion für den Juden unterstrichen hat Damit ist das Programm vollkommen. Jetzt wollen wir an die Arbeit denken und gemeinsam wirken. Verstehen wir einander, und alles wird leicht sein. י In wenigen Tagen begehen wir den neunten Ab. Dies war ein Tag der Klage und Trauer wegen der Zerstörung des Tempels und unserer Vertreibung aus Palästina, Möge ei« anderer Tag kommen, ein Tag der Freude, ein Tag des Glücks, ein Tag, der Trauer und Klagen vertreibt und uns alle größer, besser und edler macht und uns dazu führt, daß wir alle verstehen, daß wir einen Gott haben, daß wir e i n Volk sind, und daß wir in einem Geiste uns vereinen. (Stürmischer Beifall.) Ovationen für Einstein Prof. Albert Einstein (spricht englisch): Wir alle fühlen, daß wir heute einen großen Tag erleben, und ich möchte versuchen zu sagen, worin ich die Größe dieses Tages sehe. Ich sehe die Tragik des modernen Juden darin, daß er wohl eine Nation repräsentiert, aber eine Nation, welche atomisiert ist. Der einzelne Jude ist vereinsamt und er leidet die Not der Vereinsamten. Diese Not hat sich zu einer tragischen Situation gestaltet. Wie sollte aber ein Ausweg geschaffen sein, ohne zur Errichtung eines eigenen Heims zu kommen? Der Mann, welcher dies mit voller Klarheit gesehen hat, war Herzl. (Stürmischer Beifall.) Was er gesehen hat war so einfach una wir Agency - Impressionen Von Moses Waldmann. I. Weizmanns Tag Zürich, den 12. August 1929. Distanz! . . . Distanz! Einer der feinsten Journalisten polnischer Zunge antwortete mir gestern nach der Inaugurationssitzung des Agency- Councils auf meine Frage, ob er nach Hause ginge, seinen Zeitungsbericht zu schreiben; ״Ich will lieber einen Tag warten; ich möchte den Bericht mit dem Kopfe und nicht mit dem Herzen schreiben. Jetzt aber müßte ich zu sehr ekstatisch werden. Und das möchte ich vermeiden.“ Es ist ein voller Tag seit der Eröffnungs-Sitzung des Agency-Councils vergangen. Und ich befinde mich in der gleichen Situation wie der jüdische Journalist aus Polen, kurz nachdem die letzten Töne der Hatikwah im großen Saale der Züricher Tonhalle verklungen waren. Ich kann nicht mit dem Kopfe schreiben. Und irgend etwas Undefinierbares, im Unbewußtsein Liegendes hält mich davon zurück, mein Herz sprechen zu lassen. Distanz! Distanz möchte ich haben, Mm abschätzen zu können, wovon ich gestern Augen- und Ohrenzeuge gewesen bin! * Die große Versammlung war zu Ende. Auf der Tribüne ein Fluten zu den Ausgängen. Chaim Weizmann stand da strahlenden Gesichtes; die Augen glückleuchtend in dem durch Krankheit schmal gewordenen Antlitz. Hand um Hand streckte sich ihm entgegen und stumme und beredte Glück- Wunsche wurden ihm dargebracht. Sicherlich wußte Weizmann nicht, wer all die Leute waren, die sich zu ihm hindrängten. Einer von ihnen, ein Jude aus dem Osten, fand das richtige Wort. Krampfhaft drückte er des Führers Hand und sagte im Mutterlaut: ״Herr Professor! Dos is Eier Tog!“ Damit glaube ich, war die Charakteristik der großen Monstre- Versammlung zureichend gegeben. Es war vor allem ein Tag Chaim Weizmanns. Und dann ein Tag der jüdischen Einheit. Und schließlich, ein Tag Palästinas. Sichtbar ist zunächst gewesen, daß die führenden amerikanischen und englischen Juden in erster Linie bemüht waren, Weizmann ihre Referenz zu erweisen. Und da sie in einem Saale mit Juden aus aller Welt und aus allen Schichten zusammen saßen, so siegte wenigstens in dieser Versammlung der Geist der jüdischen Gemeinsamkeit und überflutete sie mit seinen Gefühlswellen. Etwas ähnliches mag auf den ersten Zionistenkongressen erlebt worden sein. Aber dort erreichte die Schwingungsweite des jüdischen Bewußtseins eine kleinere, wenn auch durch Schwung, Gefühlstiefe und Hoffnungsbereitschaft erlesenere Schar. Basel war das natürliche Ergebnis der Kattowitzer Konferenz. Was Moses Heß erträumt, Pinsker zuerst formuliert, die Chowewe Zion von Romantik getrieben, versucht haben, das trat in Basel in das helle Tageslicht der ganzen Welt. Der Stammbaum von Moses Heß bis zum ersten Basler Zionistenkongreß ist lückenlos, natürlich. Ist nun Zürich das Ergebnis einer organischen Entwicklung von Basel über Balfour-Deklaration und San Remo? Fast will es so scheinen. Unverrückbar sicher ist es noch nicht Zweifellos bleibt jedoch der große persönliche Erfolg Chaim Weizmanns. Ein Erfolg, der nicht nur durch die Ansprachen Marshalls, Warburgs, Einsteins und Leon Blums bezeugt wurde, sondern auch durch die Erklärung Ussischkins, der den Anbruch der Epoche ״All-Judentum“ nach den vorangegangenen Epochen Chowewe Zion und Zionismus ankündigte und als den Schöpfer dieser dritten Epoche Chaim Weizmann nannte. Heute vormittag formulierte Chaim Weizmann seine Eindrücke der Eröffnungsversammlung mit folgenden Worten: ״Es war ein Spektrum der Judenheit, das von Rabbi Lipszyc rechts bis L£on Blum nach links hiniiberleitcte. Wenn man farbige Strahlen in einer Linse vereinigt, so ist das Ergebnis ein leuchtender heller Lichtstrahl.“ Weizmann meinte, unter diesem Lichtstrahl die geeinigte jüdische Kraft der ganzere Welt im Dienste der Errichtung des Jüdischen Nationalheims. Sicherlich lag in dem Aufmarsch so vieler leuchtender Namen, die gestern auf der Estrade des Council-Saales vertreten waren, ein ungeheures Erlebnis. Aber man darf sich nicht täuschen. AU diese Namen und Richtungen, die durch diese Namen repräsentiert waren, kommen In erster Linie als Demonstration des alijüdischeti Einverständnisses mit dem Werke in Palästina in Betracht und nur ein Teil dieser Namen auch als aktive Mitarbeiter. Genauer ausgedrückt: Alle bekannten sich zu einer gemeinsamen jüdischen Aufgabe, al:e bekannten sich zu Palästina. Doch nicht für alle no־׳b ist Palästina Lebensaufgabe. Für die einen, neben ihren anderen vielfältigen Zielen und Aufgaben, die einzige jüdische Aufgäbe. Für die anderen eine jüdische Aufgabe gleichrangig mit anderen jüdischen Aufgaben. Und nur für einen kleinen Teil jüdische und menschliche Hauptaufgabe. Man muß sich über diese Gegebenheit freuen; denn niemals hat man hoffen können, daß alle Juden mit gleicher Intensität Palästina zum Zentrum ihres Denkens und Fühlens in jüdischer und menschlicher Hinsicht machen werden. Es genügt, wenn die Unentwegten von nun an bei ihrem Tun das Einverständnis und Wohlwollen aller derjenigen haben werden, die bei der Council- Tagung in Zürich vertreten sind, * Man überlegt. Einstein, Blum, Warbrerg, Sir Herbert Samuel, Rabbi Lipszyc, Louis Marshall, Dir. Wassermann, Rabbi Uziel, Chaim Weizmann, Ussischkin, Sokolow, D’Avigdor Goldsmid, — die Namen wirbeln im Kopfe, Erinnerungsfetzen ihrer Reden verweben sieh ineinander, man ist aufgewühlt und bang erwacht in einem die Frage: Was weiter? Der Zionistenkongreß hat mit erdrückender Mehrheit die Erweiterung der Agency beschlossen. Zwei Tage später trat diese erweiterte Agency zusammen, ln drei Tagen wird sie ihre Beratungen abgeschlossen haben. Und was weiter? Wird der verstärkte Ruf bis in die letztere Winkel der Judenheit hallen? Wird dieser helle Lichtstrahl, aus den Spektralfarben erwachsen, bis in das letzte jüdische Herz leuchten, wie Weizmann heute in seiner Rede wünschte? Wird von nun an das Werk in Palästina beschleunigt vor sich gehen? Lauter Fragen, die man noch nicht beantworten kann. Eine Chance ist gegeben. Das steht fest Es gilt, sie m nützen. Wir sind in Zürich. In dieser Stadt haben die reichen und mächtigen Juden vor einiger Zeit um viele hunderttausende Goldfrancs einen Bauplatz erworben, um unter Aufwendung

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