Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 62 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653118--20938-2678977- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 62» 9. Vm. 1929 JUE DIS CH E RUNDSCHAU Sehe 399 F. Invalidenversicherung. Der Kongreß beauftragt die Jewish Agency, In der allernächsten Zeit einen Plan für die Schaffung einer Invalidenkasse auszuarbeiten. Die Jewish Agency soll mit den betreffenden Faktoren in Verhandlung treten, damit die Invalidenkasse noch im Laufe des nächsten Jahres ins Leben tritt. G. Medizinisch-prophylaktische Arbeit. Der Kongreß begrüßt die Eröffnung des Gesundheits- Zentrums in Jerusalem sowie die Errichtung des zweiten Gesundheitszentrums in Tel-Awiw aus dem Nathan- und Lina Strauß-Fonds. Der Kongreß hält die medizinische Präventivtätigkeit für eine der Hauptaufgaben der Hadassah in den nächsten Jahren und drückt die Hoffnung aus, daß die Gesundheitszentren zur Erweiterung und Förderung dieser Tätigkeit sowie zu gemeinsamer Zusammenarbeit aller auf dem Gebiete der präventiven Medizin tätigen Faktoren beitragen werden. H. Soziale Fürsorge. Der Kongreß gibt der Meinung Ausdruck, daß der Mangel an einem geordneten sozialen Fürsorgewesen im Lande die Tätigkeit auf dem Gebiete des Gesundheitswesens sehr er- Schwert und beauftragt die Exekutive, im Einvernehmen mit den in Betracht kommenden Faktoren (Knesseth-Jisraei, Munizipalitäten, Gemeinden) Schritte zu unternehmen, um die Fürsorgeaibeit rationell auszubauen. Die Kla^emauer- Affäre Erregung der palästinensischen Judenhett Jerusalem, 30. Juli. (J.T. A.) Die Erregung der palästinensisclien Judenheit über den Entschluß der Palästina- Regierung, den Mohammedanern die Weiterf&hrung der Bauarbeiten Ober und an der Klagemauer und den Durchbruch eines Zuganges zur Omar-Moschee durch die Mauer zu gestatten, hält unvermindert an. Das Oberrabbinat hat sich telegraphisch an den britischen Premierminister Ramsay MacDonald, den Kolonienminister Lord Passfield, Lord Baifour, das Sekretariat des Völkerbundes und an den in Zürich tagenden Zionistenkongreß gewandt und gegen die Erneuerung der Bauarbeiten an der Mauer, die eine unzweideutige V e r - letzungdes Status quo darstellen und außerdem den jüdischen Gottesdienst an der Mauer stören, protestiert Das Oberrabbinat, die Vertreter der Zionistischen Exekutive and die Mitglieder des Waad Lcumi haben eine gemeinsame Beratung abgehalten nnd beschlossen, den stellvertrclenden Oberkommissar, Herrn Luke, aufzusuchen und ihm gegenüber in aller Form Verwahrung gegen den gesetzlich nicht zu rechtfertigenden Standpunkt der Regierung einzulegen. Der Waad Leumi und die jüdischen Gemeinden in Jerusalem nnd in Haifa, sowie die Stadtverwaltung von Tel-Awiw haben den Zionistenkongreß telegraphisch aufgefordert zu der Frage der Klagemauer öffentlich Stellung za nehmen. Die allgemeine Arbeiterföderation Palästinas (Histadruth) hat sich telegraphisch an die britische Arbeiterpartei um Intervention gewandt In allen Teilen des Landes werden Komitees zum Schutze der jüdischen Rechte an der Klagemauer gegründet Englische Zionisten bei Chancellor London, 30. Juli. (J.T.A.) Der Oberkommissar für Palästina, Sir John Chancellor, der jetzt seinen Urlaub in England verbringt, f!1npf«»g, eine «Ahpfdnpng der .l|öder ration der englischen Zionisten und erklärte ihnen folgendes: Die Verwaltung Palästinas wird sich stets von den in dem Mandat niedergelegten Prinzipien leiten lassen. Der Oberkommissar verbürgt sich dafür, daß die von der Abordnung vorgebrachten Ansichten betreffend Einwanderung, Beschäftigung jüdischer Arbeiter, Landesgesetz״ gebung, jüdisches Gemeindegesetz und eine Anzahl politischer Fragen sorgfältigster Beachtung seitens der kompetenten Faktoren teilhaftig werden würden und schloß: Ich treue mich darüber, daß im Verlauf des vergangenen Jahres beträchtliche Fortschritte in Palästina gemacht worden sind und daß in Palästina nunmehr ein Gefühl der Stabilität der Verhältnisse und der allgemeinen Sicherheit herrscht, wie es im Lande seit vielen Jahren nicht mehr bestanden > hat. ♦ Dazu wird der ״Jüdischen Rundschau“ von gut informierter Seite noch folgendes berichtet: Die Herren Paul Goodman und M. L. P e r f z w e i g, als Vertreter der English Zionist Federation, haben in ihrer Unterredung mit dem High Commissioner den erneuten Eindruck erhalten, daß er bemüht ist, seiner Aufgabe gerecht zu werden. In dem Gespräche, das «fieselben Herren mit Sir John Chancellor im Oktober vorigen Jahres vor seinem Amtsantritt hatten, drückte er in bestimmter Weise seinen Entschluß aus, die Mandatsbestimmungen dem Geiste sowie dem Buchstaben nach auszuführen. Nach seinen Erfahrungen in Palästina soll sich aber Sir John jetzt mit mehr Zurückhaltung zu den verschiedenen Fragen geäußert haben. Wie bekannt, haben seine Versuche die Araber zu einem versöhnlichen und verständnisvollen Entgegenkommen in betreff des Kotei Maarawi zu bewegen, zu keinem Resultat geführt. Diese heikle Frage scheint auf einem toten Punkt angelangt zu sein, und trotz den Beschwichtigungen, die in Genf gemacht worden sind, ist scheinbar für längere Zeit eine Besserung der Lage nicht zu erwarten. Die Frage der Staatsländereien scheint, trotz des guten Willens des Oberkommissärs, auch nicht weitergekommen zu sein. Die Untersuchung der Besitztitel ist sehr verwickelt und wird noch längere Zeit zu keinem Abschluß kommen. Andererseits gibt uns die vorsichtige Haltung der Regierung bezüglich einer gesetzgebenden oder beratenden Körperschaft in Palästina eine gewisse Ruhepause, die von den Juden zur Vorbereitung ihrer Haltung benützt werden sollte. Dagegen macht der Versuch, die Munizipaiitätsreglements auszubauen, Fortschritte, die hoffentlich auch den Juden zugute kommen werden, besonders da der High Commissioner für das aufstrebende Tel-Awiw ganz besondere Sympathien hegt. Wie Sir John Chancellor schon auf der Mandats-Kommissions-Sitzung in Genf hervorgehoben hat, sind die Be- Ziehungen zwischen Arabern und Juden während seiner Amts- Periode verhältnismäßig gut gewesen. Die Versuche der Verteilung der öffentlichen Arbeiten zwischen Juden und Arabern sind noch bei weitem nicht geglückt, aber es soll beim Bau des Haifa-Hafens durch Vergebung der verschiedenen Arbeiten an jüdische und arabische Unternehmer eine Lösung der Lohnschwierigkeiten nähergebracht werden. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß in diesem wie in anderen Punkten es an der Erfahrung und dem guten Willen des High Commissioner nicht fehlt. Auch in der Frage der I mm ig ration hat Sir John Chancellor bewiesen, daß er die Wichtigkeit der jüdischen Entwicklung in Palästina verständnisvoil zu würdigen weiß. Aber wenn er auch bereit ist, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, so muß unsererseits anerkannt werden, daß der Fortschritt von uns Selbst abhängi Boden und Siedlung in Palästina Ein neues Bach von Dr. Granovsky. Besprochen von Adolf Böhm. W'ir haben in Nr. 57/58 das (im Jüd. Verlag, Berlin erschienene) Buch angezeigt und ein Kapitel daraas auszugsweise abgedruckt. Red. Solange der Keren Kajemeth nicht praktisch in Palästina zu arbeiten hatte, konnte er sich den Luxus leisten, bloß mit der zündenden Idee: ״Den Boden Erez-Israels als Volkseigentum“ zu den Massen zu gehen. Er brauchte weder gegen Zweifel an der ״efficiency“ seiner bodenreformerischcn Gedanken theoretisch zu kämpfen, noch diese selbst zu brauchbaren Werkzeugen für die praktische Arbeit zu modeln. Deshalb war die gedankliche Ausrüstung des K. K.L. zur Zeit vor dem Weltkrieg eine sehr dürftige. Als im Jahre 1914 die K. K. L.-Leitung nach Haag verlegt werden mußte, trat an ihre Spitze Nehcmia de Lieme, ein Mann von großem nationalökonomischen Wissen, kritischem Blick und Originalität des Denkens. Eine seiner ersten Taten war es, an die Schmiedung der theoretischen Watten für den K. K. L. zu gehen. Er gründete eine K. K. L.-Revue ״ E r e z -1 s r a e l “, gab eine ״Nationalfondsbibfiothek“ heraus und engagierte einen jungen National* Ökonomen, Dr. A. Granovsky. Die Hefte von ״Erez- Israel“ sind zu einer Fundgrube theoretischer Belehrung geworden. Die Artikel von de Lieme, Ettingcr, Granovsky, Kaplansky, sowie der grundlegende über ״Das Kreditproblem bei der Erbpacht“ von Julius Simon (Heft3, Mai 1919) sind auch heute noch ganz aktuell. Dr. Granovsky selbst entwickelte sich seither zum Spezialisten der Bodentheorie. Schon als wir 1920 die Leitsatze der J. N. F.-Politik in London tormten, war Dr. Granovsky daran hervorragend beteiligt. In den Sitzungen des Direktoriums war er es, der dem Prinzip ״Erlösung des Bodens“ di« Erfordernisse einer nicht sentimental-nationalen, sondern ökonomisch begründeten Bodenpolitik verfocht, und in jahrelanger Arbeit ist es ihm gelungen, die Mehrheit des Direktoriums von der Notwendigkeit, auch eine städtische Bodenpolitik zu führen, zu überzeugen. So ist neben Schocken ihm das Verdienst zuzuschreiben, daß das K. K. L.־Direktorium den erst abgelehnten Kaut der Haifabay-Terrains im vorigen Jahr durchführte. Als Beamter blieb er dabei wie stets im Hintergrund, um so mehr tut es not, sein Verdienst einmal öffentlich fesizustellen. Trotz seiner unermüdlichen Arbeit im Hauptbüro, bei welcher ihm besonders die Finanztragen stets neue qualvolle Sorgen bereiten, hat Dr. Granovsky auch noch Zeit getunden, eine umfangreiche literarische Tätigkeit zu entwickeln. Seinen bekannten Werken über ״Probleme der Boden- Politik“ (1925) und ״Bodenbesteuerung in Palästina“ (1928) reiht er eben ein neues an, das unter dem Titel ״Boden und Siedlung in Palästina“ eine Sammlung von Aufsätzen darstellt, die vom Jahre 1927 an in der Zeitschrift ״Palästina“ (Wien) und an anderen Stellen erschienen sind und die der Autor up to date gebracht hat. Aus der reichen Fülle des gebotenen Materials kann hier nur einiges angeführt werden, ln einem Aufsatz über ״Nationales und privates Eigentum an Boden“ untersucht O., ob die Behauptung, daß der Privatbesitz am Boden stimulierend auf die Siedler wirkte, richtig sei. An Hand der Tatsachen in Palästina konstatiert G., daß ״das private Eigentum an Boden die Siedler in keiner Weise stärker, widerstandsfähiger oder glücklicher gemacht hat“. (S. 19.) Im Gegenteil: ״Der Gedanke der Ansiedlung aut nationalem Boden setzt sich in der Praxis der Kolonisation allmählich durch.“ (St 20.) Er untersucht dje Picawirtschäften — ein Gebiet, das von unserer Seite fast nicht erforscht ist — und konstatiert, daß es mit der Schuldenrückzahlung bei diesen Kolonien sehr schlecht bestellt ist. Der höheren Belastung der Siedler, die auch den Boden rückzuzahlen haben, gegenüber den Pächtern von K. K. L.-Boden, steht kaum eine geringere Vertragsbindung (Verbot des Verkauts und der Verwendung nichtjüdischer Arbeiter, solange nicht voll abgezahlt ist) gegenüber. Die Wirkungen des privaten Bodenbesitzes bei den Chowewe Zion-Kolonien zeigen sich besonders kraß in dem starken Besitzwechsel bei diesen, was die These, daß der Siedler aut Privatboden mit der Scholle mehr verwächst als ein Erbpächter, widerlegt. In Ber Tobia haben z. B. 17 Wirtschaften 281nal ihre Besitzer ewechselt (S. 31). Nicht privater oder nationaler Bodenesitz entscheiden über das Prosperieren der Kolonien, sondern die Bodenqualität, die Beschaffenheit des Menschenmaterials, der Standort der Siedlung usw. ln einer Tabelle (S. 39) zeigt der Verfasser, daß das Pachtsystem in allen Ländern der Welt stark verbreitet ist und in vielen sogar mehr als die Hälfte der Gesamtbetriebe umfaßt. (Jn Großbritannien sogar 87,80A.) Selbst im klassischen Lande des Privatkapitals, Amerika, machen sie 36,80/״ aus. ־ Über die Vorteile des Erbpachtsvstems in Palästina sagt G. folgendes: Es ermöglicht wenig bemittelten und unbemittelten Siedlern, in den Besitz einer Parzelle zu kommen, sichert den Bestand seiner Wirtschaft, ihren nationalen Charakter, sowie die jüdische Arbeit, ermöglicht eine gerechte Verteilung des Wertzuwachses und bekämpft Bodenspekulation und Bodenwucher (S. 53). In einem Artikel über ״Das Kreditproblem bei der Pacht“ führt G., gestützt auf die erwähnte Arbeit von Simon, dessen Gedankengänge weiter und zeigt an einer Reihe von Beispielen aus vielen Ländern, daß die Beleihung von Erbpacht- und Erbbaurecht in diesen auch juristisch möglieh ist. Diese beiden stellen gegenüber dem gebundenen Eigentum keine mindere Rechtsform dar. (S. 98.) In einem Aufsatz über ״Boden- und Siedlungspolitik“ (der in diesem Blatte Nr. 57/58 auszugsweise wiedergegeben wurde) entwickelt ü. seine bekannten Ansichten über dieses Thema und verlangt, daß der K. K. L. Bodenreserven schaffe, was unter dem Gesichtspunkt der Ansiedlungspolitik geschehen müsse (S. 66). im Hinblick aut diese seien die Reserven nötig in der Nähe von: Städten mit jüdischer und gemischter Bevölkerung, von rein arabisehen Städten, von jüdischen Kolonien und von neuentstehenden jüdischen Zentren. Die nationale Siedlungspojitik erfordert auch eine nationale Finanzpolitik. G. weist auf die diesbezüglichen Thesen der Londoner Konferenz von 1929 hin, verlangt in ihrem Sinne eine Zusammenarbeit der Banken mit den kolonisatorischen Institutionen und eine im Interesse der nationalen Siedlungspolitik geführte Politik der Finanzinstitute. (S. 76.) Eine Reihe weiterer Artikel befaßt sich mit der jüngsten Entwicklung in Palästina. G. sieht eine Periode erneuter lebhafter Tätigkeit auf dem Bodenmarkt voraus und will den K. K. L. sowie die zionistischen Institutionen dafür gerüstet sehen. Sein Artikel über ״Die bodenpolitische Bedeutung der Haifa-Bay“ ist aus der letzten Sondernummer ״Haifa“ der Zeitschrift ״Palästina‘‘ noch in frischer Erinnerung. Gleichfalls in das Gebiet städtischer Bodenpolitik gehören seine Vorschläge zur Einführung einer Bodenwertzuwachssteuer und zur Schaffung eines Grundstückfonds in Tel-Awiw, aus dem Ertrag der Bodensteuern, damit die Stadt eine Bodenreserve erwerben könne. Weitere Aufsätze behandeln die Reformbedürftigkeit der veraiteten Boden gesetzgebting des Landes, sowie die Werksteuerreform. Granovskys Kritik an dem diesbezüglichen Gesetzes- Vorschlag ist inzwischen von der Regierung in vielen Punkten berücksichtigt worden. Ein Schlußartikel beleuchtet kurz den ״Weg des Keren Kajemeth“. Heute sei der K. K. L. der wichtigste Faktor auf dem Bodenmarkt geworden. Aber G. betont, daß seine bisherigen Leistungen im Vergleich zu den bevorstehenden Aufgaben verschwindend klein sind, da er nur 1,1 ״/o des Bodens von Palästina besitzt. (S. 193.) Ein ausführliches Register erleichtert den Gebrauch des Buches sehr. Dies sind einige wenige aus dem 204 Seiten starken Buch entnommene Gesichtspunkte. Granovsky hat die von de Lieme intendierte Schmiedung von Waffen für den Kampf um die K. K. L.-Prinzipien zu seinem Gewerbe gemacht und der K. K. L. kann mit seinem Waffenschmied zufrieden sein. In den Vorverhandlungen zur Bildung der erweiterten Jewish Agency hat es sich als notwendig erwiesen, die Prinzipien des K. K. L. vor Minderwertung zu schützen. Jetzt, wo die praktische Arbeit der erweiterten Agency beginnen wird, bedarf es eines dauernden Kampfes um sic. in diesem werden die theoretischen Arbeiten von Granovsky, die alle die praktischen Verhältnisse im Lande zum Ausgangspunkt haben, das Rüstzeug der Verfechter der Nationalfondsidee sein. ad. bm. Pogrom in Slobodka K o w n o, 4. August (J. T. A.) Der am 1. August abends in Slobodka, der Vorstadt der Regierungsresidenz Kowno, begonnene Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung erreichte seinen Höhepunkt in der Nacht vom 2. zum 3. August. Am 1. August, 11 Uhr abends, postierte sich eine große Gruppe bewaffneter sogenannter Patisane (litauische Fasasten) im Zentrum des Ortes und forderte alle Vorübergehenden auf, sich zu legitimieren. Stellte es sich heraus, daß der Passant ein Jude war, wurde er fürchterlich mißhandelt, oft einer längeren Folter unterworfen. Einige Leute versuchten, die Polizei zu einem Einschreiten zu bewegen, die Polizisten aber beantworteten solche Aufforderungen mit Schimpfworten und Schlägen und sahen im übrigen dem Wüten der Faszistenbande untätig zu. 65 Juden wurden in dieser Nacht von den Faszisten mißhandelt, eine größere Zahl von ihnen mußte in schwerverletztem Zustande in das Krankenhaus übergeführt werden. Unter den Verletzten befinden sich mehrere Zöglinge der weltberühmten Siobodkaer Jeschiwah (Talmud- Hochschule). Der Kownoer Presse war es verboten worden, etwas über die Geschehnisse zu melden. Gleichzeitig wurden in einer zweiten Kownoer Vorstadt Schanz, 40 jüdische Bürger von Faszisten und Polizisten schwer mißhandelt. Die Ortspolizei hieb auf jeden vorbeigehenden Juden ein. Die Polizisten erklärten, die Juden müssen gezüchtigt werden, weil sie eine kommunistische Demonstration vorbereitet hätten. Die Mißhandelten aber waren meist angesehene jüdische Bürger, zum Teil Greise, die nie irgendeine Beziehung zum Kommunismus gehabt haben. Am 2. August abends stürmten in Slobodka bewaffnete Faszisten die Wohnungen von Juden und schlugen auf die anwesenden Familienmitglieder ein. Auch nach diesen Ausschreitungen, an denen sich Polizisten direkt beteiligten, zählte man mehrere Schwerverletzte. Einige bekannte jüdische Persönlichkeiten Kownos versuchten, bei hohen Regierungsstellen zu intervenieren und um Maßnahmen zur Herstellung der Ordnung zu hitten; sie wurden aber nicht empfangen. Das grofjc jüdische Sporimeeiiiig au%.L icottwiikOjadieEi «upek, jsia^dhjaii^ Leichtathletischer Klubkampf Hakoah-Wien—Hatfibör-Prag gegen Bar Kochba-Berlln um den Preis des Makkabi-Welt- Verbandes, Fußballkampf Makkabi-Paris gegen Hakoah- Berlin. Am kommenden Sonntag wird im Poststadion, nachmittags 3,30 Uhr, aus Anlaß des Deutschen Reichsverfassungstages das große jüdische Sportmeeting vonstatten gehen. Dank des Jugendpflege-Ausschusses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist es den beiden veranstaltenden jüdischen Sportvereinen Bar Kochba und Hakoah gelungen, erstklassige jüdische Sportmannschaften aus Frankreich, Oesterreich und der Tschechoslowakei nach Berlin einzuladen. Die preußische Regierung, der Berliner Magistrat sowie die Gesandten der beteiligten Länder werden am Fest teiinehmen. Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herr Dir. Kareski, wird durch das Mikrophon einige Begrüßungsworte halten. Es ist zum erstenmal, daß ein jüdisches Sportfest die Unter- Stützung der Regierung gefunden hat. Der Klubkampf, zu dem Hakoah-Wien und Hagibor-Prag gemeinsam eine Mannschaft entsenden, wird in neun Konkurrenzen ansgeiragen und erhält der Sieger des Einzelkampfes 4 Punkte, der Zweite 3 usw., die siegreiche Staffel 4, die unterliegende 2. Im 100-m-Lauf starten Pollak-Prag, Tichler Il-Wien und die Gebrüder Kurz-Berlin. Kurz I sollte zu einem sicheren . Siege in Abwesenheit von Lewin kommen. Gerber und Rosenthal vertreten gegen Metz! und Klein Berlins Farben und es wird einen schweren Kampf zwischen Metzl und Gerber geben. Nach dem glänzenden Abschneiden Bergmanns bei den Deutschen Meisterschaften dürfte er auch hier über 1030 m die Punkte für Berlin gewinnen. Leider fehlt der österreichische Meister Blödy, doch wird ihn kein Geringerer als der österreichische Juniorenmeister Spielmann vertreten. Janklowitz und Tichler III sollten um den dritten Platz kämpfen. Auch über 3000 m fehlt der österreichische Meister Frankl, der wie Blödy Oesterreich bei dem Länderkampf gegen die Schweiz am selben Tage vertritt und so sollte Katz zu einem sicheren Siege gelangen. Cohen-Berlin, Weiß-Prag und Beck-Wien sind die weiteren Teilnehmer. Während in den Laufkonkurrenzen die Berliner sichere Siege erringen sollten, werden die Kombinierten in den technischen Hebungen den Spieß umdrehen, fm Hochsprung gelang es Dr. Zander in Mährisch-Ostrau den Sieg, wenn auch sehr knapp, zu erringen. Auch der zweite Vertreter, Reach-Prag, wird ein schwerer Gegner für die beiden Berliner Simmenauer und Zimmring. Berlin muß hier, wie über 400 m, seinen tüchtigen Mehrkämpfer Jok! ersetzen, der in letzter Minute abgesagt hat. Im Weitsprung ist Dr. Zander-Prag vor Kurz II- Berlin, Dr. Hübsch-Wien und Berber-Berlin als Sieger zu erwarten. Einen sicheren Sieg und zweiten Platz werden die beiden Prager Klempfner und Friedmann über Koffler und Kurz I-Berlin im Kugelstoßen davontragen. Berlins 4xl00-m- Staffel, die bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften die glänzende Zeit von 42,2 Sek. lief, ist als sicherer Sieger in der Besetzung Gerber, Kurz t, Kurz 11 und Simmenauer vorauszusehen, während in der 3 x 1000-m-Staffef schwer ein Sieger zu nennen ist. Die siegreiche Mannschaft erringt den vom Makkabi-Weit-Verband gestifteten Ehrenpreis, zu den einzelnen Wettkämpfen selbst hat der Reichspräsident Piaketten und Ehrenurkunden gestiftet. Der Fußballkampf wird um 5 Uhr seinen Anfang nehmen, und die Pariser dürften in der Berliner Hakoah einen hartnäckigen Gegner finden. Das ״Berliner Tageblatt“ hat zu diesem Kampf einen Ehrenpreis gestiftet. J ud e n Be r I i n s! Erscheint am Sonntag im Poststadion und beweist euer Interesse an der jüdischen Sportbewegung. (Näheres s. Inserat.)