Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 62 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 400 JUEDISGHE RUNDSCHAU Nr. 02, 9. Ylll. 1929 Die Briefe von Mendele Mochcr S'forim Von Sch. Gorelik. In dem Sammelband ״Schriften“, herausgegeben von dem Katheder für jüdische Kultur der aliulcrainischen Akademie, sind, unter vielem anderen wertvollen Material, zum ersten Male 63 Briefe Mendele Mocher S'forims veröffentlicht worden. Von diesen Briefen, die im Jahre 1857 beginnen und mit dem Jahre 1910 schließen, sind 12, in russischer Sprache verfaßt, an seine Braut Pessie Pewin gerichtet und 42 Briefe an Scholem Aleichem. Ob es noch einmal zu einem Mendele-Buch ähnlich dem wundervollen Scholem Aleichem-Buch, das hier seinerzeit ausführlich besprochen wurde, kommen wird, in welchem sich die gesamte Korrespondenz Mendeles an seine Angehörigen, an jüdische Schriftsteller usw. befindet, ist sehr zweifelhaft. Zwar ist in der letzteren Zeit eine anze Schar junger literarischer Forscher entstanden, die mit leiß und großer Liebe alles sammelt, ordnet und erläutert, was das Leben und Schaffen unserer Klassiker betrifft. Aber es wird ihnen schwerlich glücken, besonders viel Material von dem ״Großvater“ Mendele aufzutreiben. Es ist anzunehmen, daß mit diesen 42 Briefen an Scholem Aleichem die Korrespondenz mit Schriftstellern fast erschöpft sein wird. Daß er mit der sonstigen Außenwelt in regem Briefwechsel gestanden haben soll, ist kaum anzunehmen, denn Mendele gab sich den Menschen nicht leicht. Sein Leben war ausgefüllt von seinem offiziellen Beruf als Lehrer, und sein künstlerisches Schaffen, arm an äußeren Begebenheiten, verlief monoton und geregelt. Nur ein schicksalschweres Abenteuer in seiner frühen Jugend, das allerdings fruchtbare Folgen für sein Schaffen hatte, konnte er aufweisen. Gemeint ist sein Wanderleben durch die jüdischen Siedhingen Wolhyniens, wozu ihn ein geriebener Schnorrer, der ihn dann ausbeutete und zu schnorren zwang, überredet hatte. Mendele, den ein glücklicher Zufall aus diesem Elend rettete, lernte auf diese weise die Welt der Bettler und Schnorrer kennen. Alles, was wir in seinem ״Fischke der Krumme“ lesen, ist aus eigenem bitteren Erlebnis entstanden. Von diesem Abenteuer abgesehen, führte er, wie gesagt, das geregelte Dasein eines Schullehrers in Kamenez Padolsk, Berdltschew,Schitomir; vom Jahre 1881 bis zu seinem Tode war er Leiter der Talmud Thora in Odessa, und in dieser Stadt, die er nur sehr selten verließ, verlief sein Leben, was äußere Erlebnisse anbetrifft, höchst eintönig. Seinem ganzen Naturell nach lag ihm wenig an Geselligkeit, es fiel ihm schwer, sich mit Menschen anzurreunden. Später, als der jüdische Leser, die jüdische Gesellschaft, sich für die jüdische Literatur etwas mehr zu interessieren anfing, war Mendele schon ein alter Mann. Er hing nur an dem kleinen Kreis Odessaer Schriftsteller und Dichter, zu dem Ben-Ami, Rawnicki, Lewinski und Bialik gehörte (von Achad Haam hielt er sich immer fern), und von den auswärtigen Schriftstellern fühlte er sich mir mit Scholem Aleichem innig verbunden, den er zu seinem ״Enkel“ ernannte. Mendele, mit einem Wort, war ein strenger, die Abgeschlassenheit liebender Mensch. Ganz im Gegensatz zu Scholem Aleichem führte er keine besonders ausgiebige Korrespondenz, fn seinen Briefen werden wir niemals jene Herzensergüsse, jene unvergleichliche Wärme der Gefühle finden, die wir in den Briefen Scholem Aleichems so bewundern. Scholem Aleiehern besaß überhaupt die große Kunst, Briefe zu schreiben, aber außerdem war ihm eine große Zärtlichkeit eigen, mit der er nicht nur seine Angehörigen, sondern auch Kollegen, Freunde, gute Bekannte, oft auch nur zufällige Bekannte, bedachte, wie er selbst einmal sagte, war er in vielem seinem Helden Tewje ähnlich, vor allem in der kostbaren Eigenschaft, zärtlich ZU sein. Die Briefe an seine Kinder legen Zeugnis daon ab, zu welcher rührenden Innigkeit er fähig war, Mendele, dem großen Meister des Wortes, fällt es dagegen schwer, sich in Briefen auszusprechen. Bevor er Scholem Aleichem persönlich kennen lernte, stand er mit ihm jahrelang in Briefwechsel. Seine Sympathie für ihn wächst, aber die Form, in der er die Sympathie ausdrückt, bleibt fast stets die gleiche. Er wiederholt nur immer die Worte: ״Ich weiß nicht, aber Sie gefallen mir irgendwie“ (״Ihr gefallt mir epes“). Zu größerer Wärme kann sich seine Feder, wenn er Briefe schreibt, nur selten aufschwingen, aber es ist auch nicht wenig, wenn Mendele zu jemandem sagt: ״Ihr gefallt mir epes“. Es dauert lange, bis er einen Menschen in seinem Herzen aufnimmt. * * Die Briefe Mendeles an Scholem Aleichem bieten auch interessantes Material, was die Entwicklung der jüdischen Literatur anbetrifft. Sie geben Aufschluß «her die Rolle Scholem Aleichems als Verleger und gewissermaßen Mäzen (denn das war er in den ersten Jahren seiner literarischen Karriere) und überhaupt über die jüdische literarische Atmosphäre der ersten Entwicklungszeit. Einige Betrachtungen darüber sind vielleicht angebracht, aber es ziemt sich zuerst, einer galanten Pflicht zu genügen und einige Worte über die Liebesbriefe Mendeles, über Mendele als verliebt«!! Bräutigam und Freier zu sagen. Dem Leser, der etwa erwartet, Ausbrüchen flammender Gefühle, leidenschaftlicher Beteuerungen zu begegnen, wie man sie in Briefen zarter romantischer Dichter findet, muß von vornherein gesagt werden, daß hier eine sehr bescheidene Liebesspräche geführt wird. Es ist immerhin zu beachten, daß diese Briefe, im Jahre 1857 geschrieben, vielleicht zu den ersten Liebesbriefen jüdischer Bräutigame gehören, die die Post in Rußland damals beförderte. Hätte Mendele mit seiner Braut hebräisch korrespondiert, die Sprache wäre wohl blumen- und farbenreicher gewesen — aus dem Schir Haschirim konnte man sich überdies die schönsten Stellen ansborgen — aber Mendele, aufgeklärt wie et war, hielt es für unbedingt notwendig, russisch zu schreiben, und da er diese Sprache nur sehr mangelhaft beherrschte, fehlten ihm Ausdrücke. Diese Tatsache führt er selbst als Grund für die Kürze seiner Briefe 30. Mendele faßte sich also möglichst kurz, und da er damals in Kamenez Padolsk als Lehrer lebte, die Braut aber in Berditschew wohnte, liegt es in der Natur der Dinge, daß er in seinen Briefen von Kamenez Padolsk als einem elenden Nest spricht und Berditschew, berühmt durch seinen Morast, zu einem Paradiesgarten erhoben wird. Die Gegenüberstellung von Kamenez und Berditschew kehrt immer wieder, und eine Stelle als Lehrer in Berditschew bildet das ersehnte Ideal des 22iährigen Mendele. Seine Braut aber, die Pessja heißt, verwandelte er in das romantisch erklingende Pawlina (״unvergleichliche Pawlina") und obwohl er irrtümlicherweise behauptet, daß romantische Stimmungen außer Mode gesetzt seien, wird er doch von solchen nach seiner Meinung unmodernen Gefühlen übermannt, der Sachlichkeit, dem kurzen Stil untreu und läßt auch einmal den verliebten Bräutigam zu Worte kommen. Nur 12 Liebesbriefe. Ein Romeo hat sie nicht geschrieben, aber auch keine Julia hat sie beantwortet. Im Gegenteil, Peßja-Pawlina, wie man ans einigen Briefen Mendeles ersehen kann, war eher bestrebt, noch sachlicher zu sein oder zu scheinen. Die Klagen des Bräutigams über seine Einsamkeit und Sehnsucht fand sie seltsamerweise stark übertriebe«, sie machte ihm sogar Vorwürfe darüber, daß er sich so gehen läßt. Sie ging noch weiter, sie bezeichnete derartige Briefe einfach als Kindereien, was den Bräutigam ganz aus der Fassung brachte. Aber Peßja-Pawlina war dennoch keine• herzlose Braut, sie war nur sachlich und wußte, hier gilt es, dem Bräutigam den ersehnten l^hrerposten in Berditschew zu verschaffen. Kurz vor dem Gelingen schrieb sie wortkarg wie immer: ״Bereite Dich vor.“ Das brachte den Bräutigam noch mehr aus der Fassung und er antwortete: ״Dein kurzer grüner Brief, den ich die Ehre hatte, heute zu bekommen, zerriß derart meine Geduld, daß ich nicht auf den Tag warten wollte, an welchem ich Dir gewöhnlich schreibe und zur Feder eile, um Dir zu antworten. Aber ich sehe, daß, so stark ich auch in meinen Briefen darum bitte, Deine Briefe — der einzige Trost in meiner Gefangenschaff — nicht nur nicht größer, sondern im Gegentett noch kleiner werden, und da ich Angst habe, daß, wenn ich Dich weiter mit meinen Briefen belästige, sie noch kleiner oder besser gesagt gleich Null werden könnten, so will ich nicht mehr bitten; ich will Dir nur Fragen vorlegen. Also meine liebe und teure Peßja, was sollen die Worte ״Bereite Dich vor“ bedeuten? Selbst kann ich mir das nicht erklären, denn wenn man es richtig zerlegen soll, entstehen eine Unmenge von Fragen; nämlich: Wohin? Und aus welchem Anlaß? Und auf wessen Verlangen? usw. usw. Deshalb, wenn Du mich nicht durch Zweifel peinigen willst, antworte mir gleich auf all diese Fragen. Damit wirst Du zu ewigem Dank verpflichten Deinen ergebenen, Dich von ganzem Herzen liebenden S. Abramowitsch.“ Diesmal aber antwortete Peßja-Pawlina wie eine zärtliche Braut. Es waren nicht nur streng-unromantische Worte, nein endlich einmal: ״Eile in die Arme der, die auf Dich wartet.“ Abramowitsch-Mendele bekam die Stelle in Berditschew, heiratete Peßja, wurde nach vielen Jahren nach Schitomir versetzt, und als er später einmal nach Berditschew zu Besuch kam, da sah er es mit ganz anderen Augen und er schrieb an seine Frau: ״Ich fand ganz Berditschew in Morast versunken. Ein echter Berditschewer jüdischer Morast, mit allen Wohlgerüchen und Annehmlichkeiten. Es war einfach unmöglieh, auf die Straße zu gehen . . . .“ * Und nun zurück zu den Briefen Mendeles an Scholem Aleichem. Sie sind nur zu einem ganz kleinen Teil Briefe eines älteren, bereits anerkannten Schriftstellers an einen viel jüngeren, auf den man zwar schon aufmerksam wurde, aber der noch um Anerkennung warb. Mendele steht in diesen Briefen an Scholem Aleichem in dem Verhältnis eines Autors zu einem Verleger, denn im Jahre 1888 wurde Scholem Aleiehern Redakteur und Herausgeber der ״Jüdischen Volksbibliothek“. Sehr wichtig in der Geschichte der jüdischen Literatur ist dieses Ereignis. Nicht nur wegen des verhältnismäßig hohen literarischen Niveaus der ״Jüdischen Volksbibliothek“, sondern auch deshalb, weil zum erstenmal für jüdische Literatur, für ״Jargon“ gut gezahlt wird. Scholem Aleichem, der noch weit davon entfernt war, selbst von Literatur zu leben, wurde zuerst ihr Mäzen. Er war durch reiche Heirat und durch erfolgreiche Geschäfte im Besitze eines sehr ansehnlichen Vermögens, und da er die Literatur sehr liebte und außerdem in seiner Bc- Ziehung zum Gelde wieder eine große Aehnlichkeit mit seinem Haupthelden Tewje hatte (d. h. er stand dem Gelde mit sorgloser Gleichgültigkeit und philosophischer Geringschätzung gegenüber, was sich besonders erwies, als er sein vermögen verlor), versandte er Einladungen an alle bekannten Schriftsteiler, vor allem natürlich an Mendele, lud sie zur Mitarbeit ein, gab Vorschüsse und zahlte für damalige Begriffe sehr hohe Honorare. Unter den jüdischen Schriftstellern raunte man von einem literarischen ״Gwir“ aus der Ukraine, der jüdische Schriftsteller glücklich machen kann und will. Linetzki, der berühmte Verfasser des ״Poilischen Ingels“, der unglückliche und verbitterte Rivale Mendeles, aber dennoch ein Klassiker, verspürte auf einmal eine unüberwindliche Sehnsucht, den Herausgeber persönlich kennenzulernen und bittet Scholem Aleichem, ihm Reisegeld zu diesem Zweck zu schicken. ״So, mein literarischer Bruder“ — schreibt Linetzki — schickt mir ohne Verspätung und Säumen die paar Rubel zur Reise, ich werde sofort zu Euch nach Kiew kommen und wir werden uns über alles ausführlich aussprechen. Für mich ist es sonnenklar, daß, nachdem wir uns äus#spit>che1frtlabeij #ir einen Bund zu unserer beiden Gunsten umf zum Nutzen unseres armen Volkes schließen werden.“ Scholem Aleichem schickte ihm natürlich sofort Geld und über diese Begegnung mit Linetzki weiß der Schwiegersohn Scholem Aleichems, Bercowitz, in seinem meisterhaften Essay ״ln der Familie der Schriftsteller“ (dem Scholem-Aleichem-ßuch) die ergötzlichsten Dinge zu erzählen. So u. a. auch von dem Bankett, dem ersten literarischen Bankett, das Scholem Aleichem im Jahre 1890 nach dem Erscheinen des zweiten Bandes der ״Jüdischen Volksbibliothek“ in Odessa zu Ehren Mendeles in dem größten, exklusivsten Hotel gab. Das Bankett dauerte die ganze Nacht, bis endlich Lilienblum, der Friedhofsbeamter war, mit den Worten ״Oh weh, es ist schon Tag, man muß schon Juden begraben gehen“ — die Tafel aufhob. Der weitaus größte Teil der Briefe Mendeles an Scholem Aleichem stammt aus diesen zwei Jahren 1888/1890, während welcher Scholem Aleichem Herausgeber der' ״Jüdischen Yolksbibliothek“ war. Dort wurde eines der besten Werke Mendeles ״Der Wunschring“ (auch in die deutsche Sprache übersetzt) gedruckt. Es konnte nicht ausbleiben, daß in diesen Briefen häufig von Honorar die Rede ist. Die Forderungen, die er stellte, sind erheblich. Mendele kennt den Platz, den er in der jüdischen Literatur einnimmt, ״denn Sie müssen wissen“, schreibt er ״daß ich sehr teuer bin, bei mir heißt es, entweder gar nichts oder sehr viel“. ״Ich verstehe wirklich nicht“, schreibt er ein andermal, ״weshalb Ihr mich bittet, die 20 Kopeken pro Zeile geheim zu halten. Vor wem soll ich und vor wem sollt Ihr Angst haben? Vielleicht sind andere da, die bereit sind, wie ich zu schreiben, für weniger Geld, o bitte schön, Mendele sagt Euch noch einmal, daß er Gott sei Dank, sein eigenes Wägelchen hat, und es liegt ihm nicht viel daran, in einem Wagen mit vielen anderen Personen, mögen sie auch noch so berühmt sein, zu fahren. Habt bitte keine Angst, sie werden sehen, daß ich bei anderen, mögen sie mich noch so sehr beglücken wollen, nicht schreiben werde.“ Diese Versicherungen gibt Mendele oft ab, und sie sind bei ihm keine Redensarten. Er arbeitet gern für die Zeitschrift Scholem Aleichems, ״weil Ihr mir irgendwie gefallt“, schreibt er ihm. Mitunter aber klagt Mendele darüber, wie schwer es ihm fällt zu schreiben. ״Wenn ich über mein unglückliches Volk schreibe, tropft mir dabei das Blut herab, lache Ich, so ist es ein bitteres Gelächter.“ Und in einem anderen Brief dieselben heftigen Beschwerden über die Unlust zum Schreiben: ״Es gibt gewisse Zetten, wo auf mir eine starke Schwermut lastet, und da sitze ich in Gedanken versunken, sorgenvoll allein, abgesondert von den Menschen und schweige. In solchen Zeiten darf — wie Chomez am Pessach — keine Tinte und Feder in meiner Umgebung sich befinden, in solchen Zeiten schlage ich ״al Cher‘, daß ich ein jüdischer Autor bin. Ich bin mir selbst böse und weiche der jüdischen Literatur aus wie . . . hier gebraucht Mendele ein sehr starkes Wort, aus dem die tiefe Aversion Mendeles gegen das jüdische literarische und geistige Leben von damals spricht. Immer hebt er hervor, daß er mit den anderen Schriftsteilem nichts zu tun haben will, daß er abgesondert sein will, daß er keineswegs geneigt ist, mit ihnen in einem Wagen zu sitzen. Ueberhaupt tritt in diesen Briefen die bekannte Eigenschaft Mendeles hervor, seine Liebe zum jüdischen Volke In scharfe, sarkastische Worte, sehr oft in bitteren Haß zu kleiden. Manchmal, wenn er Scholem Aleichem einen Vorwurf machen will, gebraucht er die Worte: ״Sie handeln gar ideschiach". Es gibt aber auch Briefe, in denen er von starker Schaffenslust berichtet. ״Ich schreibe in letzter Zeit mit viel Wonne.“ Die etwas prosaischen Stellen über Honorare, wie auch die langen Auseinandersetzungen über Aenderungen, die Scholem Aleichem als Herausgeber in Mendeles Romanen vornehmen wollte, wechseln mit herzlichen Worten wie die folgenden: ״Eure Photographie ist bei mir in Ehren, ich habe sie viel betrachtet und das in ihr gefunden, was ich suche: einen guten, klugen, ehrlichen Menschen. Mein Auge, mein Herz täuschen mich niemals in solchen Dengm Dank für ein solches Oeschenkt“ * Wie beurteilte Mendele die ersten Werke Scholem Aleichems, seines lieben ,,Enkels“? Ohne übermäßiges Lob, aber , sehr wohlwollend und zuversichtlich. Aus der Reihe der übri-i f".. ... * “ ' " . läufig noch nicht erhalten. Seien Sie sicher, ich werde si׳a lesen und meine Meinung darüber sagen. Vorläufig habe i ch im ״Hausfreund“ die Komödie ״Der Get“ gelesen und 6 de Es folgt eine Unterbrechung von acht Jahren in der Korrespondenz. Das Blatt hat sich inzwischen gewendet Schole m Aleichem war nur zwei Jahre Herausgeber und Mäzen. Durch unglückliche Geschäfte hatte er sein ganzes Vermögen verloren. Eine Zeitlang mußte er sogar vor seinen Gläubigem fliehen, und wir sehen ihn — übrigens nicht sonderlich ob des Schicksals Wendung bekümmert — in Paris. Von diesem finanziel len Zusammenbruch erhoite sich Scholem Aleichem nicht wieder, aber die Schrittstellerei als Beruf, von welchem er und seine Familie leben sollte, wählte er erst später. Erst im Jahre 1900 tritt er den Leidensweg eines jüdischen Schriftstellers an. Der Briefe Mendeles an Scholem Aleichem aus dieser Zeit sind nur wenige. Aber was man aus ihnen sieht, ist, daß die Freundschaft und die Anhänglichkeit zwischen diesen beiden größten jüdischen Schriftstellern niemals getrübt war, vielmehr gewann diese Freundschaft stets an Innigkeit, und Mendele nahm sich die Krankheit und die Sorgen seines ״Enkels“ sehr zu Herzen. Will man einen Vergleich zwischen den Briefen Mendeles und Scholem Aleichems ziehen, so ist folgendes zu sagen: Scholem Aleichems Briefe sind, unabhängig von seinem soostigen Schaffen, von großem poetischen und seelischen Wert während das Interesse für Mendeles Briefe hauptsächlich auf der Tatsache beruht, daß der Nestor der jüdischen Literatur sie geschrieben hat Möglich, daß die modernen jüdischen Schriftsteiler interessantere Briefe schreiben, aber ihre literarischen Leistungen können sich dafür mit denen unserer Klassiker nicht messen. Die geringen Leistungen der späteren literarischen Generation erklärten es, daß sich unsere Aufmerksamkeit immer wieder hauptsächlich den drei Großen: Mendele, Scholem Aleichem und Ptrez zuwendet Es geht uns mit unserer Literatur wie dem Schweizer Volk, das aus demselben Grunde auch immer auf seine drei großen Schriftsteller: Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer und Karl Spittler zurückkommt, weil es ihm an ebenbürtigen Kräften, die ablenkend wirken könnten, fehlt fRabbiner Pr. Heinrich Wiesel Wenige Tage nach der 25. Jahrzeit Theodor Herzis ist ein Freund von uns gegangen. Der Mann, der uns verließ, er war ein Zionist, seit er in jungen Jahren, da noch wenige daran dachten, ins Heilige Land gewandert war, wo er in einer Zeit der höchsten kulturellen Not vielleicht Tausende jüdischer Kinder vor den verheerenden Wirkungen der Er- Ziehung in Missionsschulen gerettet hat Diese Tat kündet ״kein Lied, kein Heldenbuch“, darum sei das Werk des schlichten Arbeiters heute der Vergessenheit entrissen. Was Heinrich Wiesel mit seiner ethischen Persönlichkeit, seiner großen talmudi sehen Gelehrsamkeit, was er mit seiner gründliehen Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur dem ״Misrachi“ gegeben hat, der so glücklich war, ihn am Orte seiner deutschen Zentrale wirken zu sehen, mögen Berufenere würdigen. Dem dankbaren Freunde aber sei es gestattet, diese liebenswerte Erscheinung in der Zeit der religiösen und nationalen Trauer zu würdigen im Sinne des Wortes: ״Schwer ist der Tod der Frommen, wie der Brand unseres Gotteshauses“. Die ernste Mahnung, die ein Leben voll schmerzlicher Schwere, das nur dem Heiligen Lande und der Heiligen Lehre geweiht war, jedem Zionisten geben kann, ist, sich darum zu mühen, zu seiner hohen Auffassung von der Arbeit und Verantwortung für das jüdische Volk zu gelangen. Rabb. I. Samuel Bernhard Baron | Am Morgen des 2. August ist nach kurzer Krankheit Herr Bernhard Baron, der große jüdische Philantrop, Im Alter von 78 Jahren verstorben. Bernhard Baron war 1850 in Rostow/Don geboren. Er arbeitete später in Amerika als Zigarettenarbeiter in der gleichen Werkstatt mit dem späteren Führer der amerikanischen Gewerkschäften Samuel Gompers. Er erfand eine Zigarettenfabrifcationsmaschine und erwarb später die große englische Zigarettenfabrik Carreras Ltd. Einer der reichsten Männer Englands geworden, blieb er dem Arbeiterstande treu. Enge Freundschaft verband ihn mit den Führern der englischen Arbeiterschaft Macdonald und Henderson. Seine Berufung ins Herrenhaus wurde erwartet. Er wendete Riesenbeträge der allgemeinen und der jüdischen Fürsorge zu und leistete auch namhafte Spenden für Keren Hajessod. Seine Zuwendungen belaufen sich auf weit mehr als ein Million Pfund. Vermischtes Herrn Professor Dr. Heinrich Loewe sind zu seinem 60c Geburtstage von so vielen Seiten Glückwünsche zugegangen und Aufmerksamkeiten erwiesen worden, daß es ihm unmöglich ist, auch nur zu einem erheblichen Teile sich direkt zu bedanken. Er spricht daher auf diesem Wege allen Freunden und Gesinnungsgenossen den herzlichsten Dank aus. , Anläßlich dar Verfassungsfeier finden am Sonnabend, dem 10. August, vorm. 10 Uhr, Festgottesdienste in der Neuen Synagoge Oranienburger Str. und Synagoge Fasanenstr. statt. — Sonntag, den 11. August, bleiben die Büros geschlossen. — Lediglich die Hauptkasse und das Plätzevermietungsbüro sind von 10 bis 13 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet. Das Büro der Friedhofs-Kommission ist zur Entgegennahme von Anmeldungen zur üblichen Zeit geöffnet. Vorstand der Jüdischen Gemeinde. K. J. V. Wir «ueben: Referendar oder Assessor als Hilfsarbeiter für Rechtsanwalt io Mitteldeutschland. — Vertreter für Allgemeinpraxis für Berlin und Provinz. — Für Zahnärztin Vertretung oder Assistenz. — Für Dipl.-Kaufmann geeignete Stellung. — Anstellung für Zainmedizinerin als Assistentin. — Es besteht: Niederlassungsmöglichkeit für Laryngologen mit Wohnung in Berlin. Niederhssungsmögiichkeit in Süd- und Mitteldeutschland für Allgemeinpraxis. — Wir können Stellungen naebweisen: Für Elektrotechniker als Betriebsassistenten, Korrespondenten der Textilbranche mit englischen und französischen Kenntnissen, Juristen in Baufirma, Mediziner-Assistentenstelle, Es bestehen Niederlassungsrnöglichkeite® in Mitteldeutschland für Frauenärzte, Chirurgen und Internisten. Es bestehen die verschiedenartigsten Niederlassungsmöglicbkeiten für Aerzte in Mitteldeutschland. — Auskunft erteilt das K. J. V., Charlottenburg, ßleibtreustr. 50.