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Jüdische Rundschau · 1929-08-07 · Heft 61 (7.8.1929) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 61 (7.8.1929)
Date
1929-08-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 61, 7. VIII. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 393 noch eine große und gewaltige Erziehungsarbeit im gesamten jüdischen Volk zu leisten haben. (Lebhafter Beifall.) Noch unter einem anderen Gesichtspunkt sehe ich die Jewish Agency als einen wertvollen Faktor an. Wir hoffen ja, daß von Palästina eine Art geistiger Erneuerung in die jüdische Gemeinschaft der ganzen Welt getragen werden wird. Hier liegen auch große Schwierigkeiten, wenn wir uns etwa vor• stellen, daß einem völlig hebräisierten Palästina ein assimiliertes Judentum in der Diaspora gegenüberstehen sollte. Es besteht die Gefahr, daß nicht nur faktisch, sondern geistig zwei Spra* ehen gesprochen werden, zwischen denen es Kaum Brücken der Verständigung gibt. Diese Gefahr kann bei zielbewußtcr Arbeit in der Jewish Agency vermieden werden, wenn es uns gelingt, die uichüionistischen Führer Im Judentum mit unserer Arbeit vertraut zu machen. So werden die Uebergänge gemildert und statt der schroffen Gegensätzlichkeit Verständnis hervorgerufen werden. Aus allen diesen Gründen, glaube ich, sollten wir am heutigen Tage an unsere neue Arbeit mit jenem Optimismus Herangehen, mit dem wir, als wir zum ersten Male zusammen• kamen, unser großes Ideal vor aller Welt deklarierten. (Leb• hafter Beifall.) ״ Es folgen dann die Antworten der Exekutive. Sachers Antwort Harry Sacher: Es gibt eine Theorie, daß diese Exekutive, besonders eine Person, ohne Enthusiasmus ist, und es wird gesagt, daß wir keinen Geist, kein Gefühl und kein Verstandnis für die Probleme Palästinas haben. Vielleicht ist das wahr, vielleicht auch nicht. Aber zu keiner Zeit hat die Exekutive gezögert, den Charakter, den Opfermut und die Arbeit derjenigen anzuerkennen, die in Palästina arbeiten. Herr Katzenelson hat der Palästina-Exekutive ein Sundenregister aufgezählt, ״und gesagt, daß wir unfähig seien, im Amte zu bleiben. Ich möchte die Linke fragen, oh Herr Kaznelson in seinem eigenen Namen oder im Namen der linken Parteien gesprochen hat. (Rufe links: im Naincn der vereinigten linken Parteien!) Dann möchte ich die linken Parteien ersuchen, daß sie die Konsequenz ziehen und mich von der Verfolgung befreien sollen, efer ich jetzt ausgesetzt bin. (Rufe: sehr richtig!) Herr Oroßmann hat dargestellt, wie unmöglich die Palästina-Exekutive die Geschäfte besonders in der politischen Arbeit geführt hat und Herr Jabotinsky hat ganz besonders auf mich hingewiesen als völlig unfähig für die politischen Geschäfte. Dieses Urteil kann ich nicht akzeptieren. Obgleich Herr Jabotinsky dieses Urteil Dienstag ausgesprochen hat, hat mir am Montag ein Mitglied der Revisionlstcm ein Portefeuille im Kabinett der Revisionisten angeboten (hört, hört)! Das Ist bezeichnend für die Art, wie die Dinge hier behandelt werden. Oeffentlich spricht man in einem anderen Tone als privat. Ich möchte bitten, daß Sie immer ganz aufrichtig sprechen. Ich glaube auch nicht, daß die Linken immer für ihre eigenen Reihen sprechen. Ich habe vielfach gefunden, daß die Mitglieder der linken Parteien in vielen Fragen der Methoden der Verwaltung mir näher stehen als ihren eigenen Führern (Lachen links). Wenn die Arbeiter in meinem Bureau sind, dann sprechen sie nicht immer, wie sie hier gesprochen haben oder in ihrer Presse schreiben. in bezug auf die politischen Probleme sind wir Immer gegen fruchtlose Demonstrationen, die zu nichts führen. Dagegen haben wir versucht, durch unsere Taten das Vertrauen der Regierung In unsere Fähigkeit zum Aufbau zu gewinneii. Ich möchte jeden, der objektiv die Arbeit In Palästina beobachtet hat. fragen, ob der politische Einfluß der Exekutive wahrend der letzten beiden Jahre größer oder geringer geworden ist. Jeder müßte zugeben, daß eine wirkliche Besserung zu verzeichnet» ist. Diese Aenderung hat sich in den Tagen der letzten Exekutive ereignet und ich möchte dies für diese Exekutive in Anspruch nehmen. Ich will einige Bei• spiele anführen: Die Möglichkeit, Zertifikate von der Regierung zu verlangen, hängt davon ab, in welcher Form wir unsere Vor• schlage der Regierung übermitteln. Und wenn wir der Regierung unsere Argumente beibringen konnten, so ist das auch als ein Erfolg der Exekutive zu verzeichnen. Ebenso in bezug auf die öffentlichen Arbeiten: Es ist uns in den letzten zwei Jahren gelungen, das Prinzip zu brechen, daß bei den öffentlichen Arbeiten keine jüdischen Arbeiter beschäftigt werden. In bezug auf die Finanzen wird niemand bestreiten, dab unsere finanzielle Situation sich gebessert hat. Vor zwei Jahren herrschte ein System, das immer zu Verlegenheiten führte. Es hätte vielleicht auch zu einem Bankrott geführt. Es war nicht leicht, dieses System zu ändern. Während der ersten Monate war es ständig Pflicht der neuen Exekutive, Geldforderungen abzulehnen. Und wenn man uns den Vorwurf macht, daß wir an Geistlosigkeit leiden, so meint man hierunter Geldlosigkeit. Wenn die Exekutive kein Geld hat oder für verschiedene Sachen kein Geld geben will, so sagt man, daß dies ein Mangel an Geist ist. Einige meiner Vorgänger haben tatsächlich Geld gegeben, aber sic haben es der jetzigen Exekutive überlassen, das Geld zu zsahlen. (Zuruf der Linken: Es fehlt an gutem Willen!) Was nützt der gute Wille, wenn man nicht imstande ist, das ausztiführen, was man ausführen möchte. Es ist keine Frage des guten Willens. Ich nehme an, daß bei allen Parteien guter Wille vorhanden ist. Aber ich fürchte, daß ein Unterschied an Urteilskra ft vorhanden ist. Es kann nicht bestritten werden, daß wir die Tendenz aufgehalten haben, die zu einem Zustand des Bankrotts geführt hätte. Wir haben die Lage bedeutend verbessert. Als wir unseren Posten übernommen haben, betrugen die Schulden des Keren Hajessod 219000 Pfund, die der Palästina-Exekutive 179(XX) Pfund. Das macht eine Gesamtsumme von 398 000 Pfund aus. Jetzt ist die Schuld um 145 000 Pfund reduziert worden. Itt gewisser Hinsicht wurde unsere Schuld vergrößert, aber Sie werden es mir verzeihen, wenn Ich auf die Details hier nicht eingehe. Diese neuen Schulden sind keine Resultate unserer Tätigkeit, aber wir mußten sie übernehmen. Auch eine andere Exekutive, eine Koalitionsexekutive, hätte dasselbe getan. Es wird gesagt, daß wir nichts geschaffen haben. Wir hatten kein Geld und sehr viele von den Forderungen, die aii uns gestellt wurden, standen mit der Tradition einer Verwaltung im Zusammenhang, die wir nicht anerkennen konnten. Es war die alte Theorie: je mehr Oeld man ausgibt, desto mehr Geld bekommt man. Wie falsch das ist, haben wir in den letzten Wochen erfahren. Jeder Zionist will eine größere Immigration; dieses Jahr haben wir die Möglichkeif gehabt, 2400 Zertifikate zu bekommen. Diese Iramigration hätte uns 20 000 Pfund gekostet. Wir hatten aber kein Geld. Wir haben diese Zertifikate angenommen und einen A״fruf an die Zionisten der ganzen Welt erlassen und finan- 7i״l!e Hilfe erbeten. Das Ergebnis sind 5000 Pfund, dieses Geld ist aus einem Lande gekommen, wo angeblich kein guter Zionist zu finden ist, aus England, Aus den anderen Ländern haben wir nichts bekommen. Wenn Sie ein Urteil über die Palästina-Exekutive fällen wollen, dann müssen Sie die Situation in Palästina, wie sie vor zwei Jahren bestanden hat, mit der jetzigen Lage vergleichen. Da muß man doch eingestehen, daß ein großer Wandel zum Besseren eingetreten ist. Und ich glaube, daß die Exekutive ein Recht hat, mindestens einen Teil hiervon für sich in Anspruch zu nehmen. Freilich wird gesagt, daß diese Verbesserung trotz der jetzigen Exekutive eingetreten ist. Nun ich sehe nicht die Kräfte in Palästina oder hier, welche dies gegen den Willen der dortigen Exekutive hätten durchführen können. Nun will ich auf einige Details eingehen. Vorerst über die Infiat-Böden bei Chederah. Ich möchte Sie bitten, einzusehen, daß es gewisse Fragen gibt, die für eine Erörterung im Plenum des Kongresses nicht geeignet sind. Es ist eine Frage des Privateigentums der Kolonisten in Chederah. Ich weiß viel mehr über die Sache als Herr Jabotinsky; ich möchte aber hier diese Frage nicht zur Diskussion stellen. Ich nehme da lieber Rücksicht auf die Kolonisten in Chederah. Ich bin bereit, zu jeder Zeit ausführlich und offen die Frage der Beziehungen von Keren Kajemeth und Palästma-Exekutive zu erörtern. Wenn man die Verwaltung des Keren Kajemeth kritisiert, ist das kein Beweis dafür, daß man sein Gegner ist. Nur wenn man ihn ganz ernst nimmt, kritisiert man ihn, und (Jas ist meine Stellungnahme. Das Direktorium ist auf Grund von Parteienvertretungen zusammengesetzt, und dieses System der Verwaltung ist nicht geeignet, große Projekte von Landankäufen zu verwirklichen, sondern eher dazu, kleinliche Forderungen der einen oder anderen Gruppe zu befriedigen. Sie müssen sich entscheiden, ob die Zionistische Exekutive, natürlich stets unter der Kontrolle des Kongresses, das höchste autoritative Organ der Zionistischen Organisation sein soll. Das ist eine fundamentale Frage. Wenn es so ist, dann muß die Exekutive auch in bezug auf Kolonisationsfragen und Landkauf souverän sein. Es ist die Pflicht der Exekutive, zu versuchen, zu einem Einvernehmen mit dem Keren Kajemeth zu gelangen. Wenn dies aber nicht möglich ist, dann muß die Exekutive das letzte Wort haben. Die Exekutive wird aber vom Keren Kajemeth wie eine außenstehende Körperschaft betrachtet und der Keren Kajemeth selbst betrachtet sich als unabhängig. Es gibt auch Fälle, in denen der K. IC L. ein Recht selbständiger Entscheidung in Kolonisationsfragen für sieh beansprucht. Diese Frage ist jetzt akut geworden. Jede Exekutive, auch eine Koalition, wird vor diesem Problem stehen. Herr Großmann hat behauptet, die Exekutive habe der Regierung gewisse Herren als vertrauensunwürdig bezeichnet, um sie für den Fall eines Wechsels der Exekutive zu diskreditieren. An dieser Aeußerung ist kein wahres Wort und ich bin vom Präsidenten der Organisation beauftragt, dies hier auch in seinem Namen zu erklären. Bestimmend für die Frage, ob ein Mitglied für die Exekutive passend ist oder nicht, ist nur der Kongreß. Vielleicht wird der Tag kommen, wo der Kongreß Mitglieder der Opposition ersuchen wird, ein Amt zu übernehmen. Und es ist wichtig, daß die Möglichkeit zu einer solchen Alternative offen bleibt. Aber bis jetzt hat die Opposition keine besonderen Eigenschaften dafür an den Tag gelegt. Herr Kaznelson hat gewisse Missetaten der Exekutive in bezug aut Tel-Awiw aufgezählt. Ich war erstaunt, daß ein Mann wie er nicht einsieht, daß das Beispiel schlecht gewählt war. Wir haben uns bezüglich Td-Awiws während der letzten Zeit hauptsächlich mit zwei Fragen beschäftigt: 1. mit einem Gesetzentwurf, welchen die Regierung mit der Absicht herausgeben wollte, die Rechte der lokalen Verwaltung zu beschränken. Einige Mitglieder wollten demonstrieren und haben mit ihrer Resignation gedroht. Das Resultat wäre gewesen, daß die Regierung einen Beamten ernannt hätte, mit der Aufgabe, Tel-Awiw zu verwaltenich habe den Herren von Tel* Awiw abgeraten, einen solchen Schritt zu tun. Ich hatte jedoch eine ausführliche Unterredung mit dem High Commissianer, und das Resultat war, daß der High Commissioner dem Rat von Tel* Awiw erklärte, daß er mit ihm im ganzen zufrieden sei, und daß eine besonder« Gesetzgebung für Tel-Awiw nicht notwendig sei. Das Gesetz werde fallen gelassen. Nicht ich habe die Fi* nanzen von Tel*Awiw in Unordnung gebracht. Ich habe mich im Gegenteil intensiv mit der Regelung dieser Frage beschäftigt. Wir haben erreicht, daß die Regierung £ 74000 von den Schulden Tel-Awivvs gestrichen hat. Da es kein anderer tat, so nehme ich selbst hier Gelegenheit, der Regierung dafür den Dank auszusprecfien. Ich gehe nun über zur Frage der Jewish Agency. Es wurde gesagt, daß wenn ich ein unabhängiges Mitglied des Kongresses wäre, ich nicht für, sondern gegen die Agency wäre. Ich kann nicht verstehen, wie diese Legende entstanden ist, sie ist vollkommen unbegründet. Ich habe vor der Uebernahme meines Amtes wenig Interesse für die Agency gehabt. Nachdem ich mein Amt angetreten hatte, bin ich ein besonderer Befür- Wörter der Sache geworden. Es besteht für mich nicht der geringste Zweifel, daß die Agency das zweite große Ereignis im Aufbau Erez-fsraels werden wird. Aber ich möchte bitten, daß diejenigen, die für die Agency stimmen werden, nicht für solche Bedingungen stimmen sollen, die die Ausführung des Planes unmöglich machen würden. (Beifall.) * Nach Sachers Rede verliest Sokofow den an anderer Stelle abgedruckten Protest der Exekutive in Angelegenheit der Klagemauer. Nach einer kurzen Unterbrechung folgen dann die Schlußworte von Brodetsky und Sokolow ,ein kurzes Schlußwort von Ru pp in und eine persönliche Bemerkung Blumenfelds gegen die Rede von Usslschkin, Hierauf wird vor Eintritt des Sabbats die Sitzung geschlossen. Samstag abend und Sonntag vormittag tagen die Kommissionen. Nachstehend geben wir eine vollständige Liste der Vorsitzenden der Kommissionen: Die Kommissionen 1. Permanenzausschuß: Vorsitzender: Dr. Mos s ins oh n; Stellvertr. Vors.: Ooldberg, Bublik, Brudny. 2. Politische Kommission: Vors.: Dr. Ringel; Steliverir. Vors.: Dr. Nurok, Dr. Arlosoroff. 3. Jewish Agency-Kommission: Vors.: Dr. Hafpern; Stellv. Vors.: Sprinzak, Rabb. Dr. Mark. 4. Organisations-Kommission: Vors.: Dr. Barth; Stellvertr. Vors.: Dr. S. Moses, Dr. Hellmann. 5. Budget-Kommission: Vors.: Dizengof f; Stellvertr. Vors.: Gesundheit. 6. Finanz-Kom mission: Vors.: Dr. R u f e i s e n; Stellvertr. Vors.: Schiff. 7. Landwirtschaftliche Kolonisation: Vors.: Kapfansky; Stellvertr. Vors.: Sehapira, Schocken. 8. Städtische Kolonisation: Vors.: Suprasky, 9. Immigration: Vors.: Dr. Tartakower; Stellvertr. Vors.: Schecnter, Untermann. 10. Erziehung!-Kommission: Vo's.: Jawnleli; Stellvertr. Vors.: Raw Ostrowald, Frau Perftz. 11. Gesundheits-Kommission: Vor».: Dr. Brutzkus; Stellv. Vors.: Frau Freeman, Frau Jacobs. 12. Resolutions-Kommission: Vors.: Dr. Ringel. In Zürich lesen alle.׳ Dr. a. GranowsKy Boden und Siedlung Soeben erschienen im Jüdischen Verlag Bi« Buchseasatiou des Koagrtcae* — uiesthelirlkli and! Ifir Sie! Die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden Ruppins Referat Wir holen heute das Referat von Dr. Ruppin aus der zweiten Sitzung des Kongresses nach. Dr. Arthur Ruppin: Zum erstenmal, seitdem ich an zionistischen Kongressen teilnehme, werde ich nicht über Einzeifragen des Palästina-Aufbaues, sondern über seine Bedetitung im ganzen für die Zukunft der Juden sprechen. Ich halte cs für notwendig, daß wir in einer Arbeit, in der wir in eine neue Phase unserer Palästina-Arbeit eintreten, uns von neuem Zweck und Ziel der zionistischen Tätigkeit ins Gedächtnis rufen. Es scheint mir, daß es seit der Zerstörung des jüdischen Staates in Palästina kaum eine Zeit gegeben hat, die für das Schicksal des jüdischen Volkes von so folgenschwerer Bedeutung war wie die letzten drei Jahrzehnte, In diese Zeit fallen sowohl positive wie negative Erscheinungen von großer Tragweite. Die Zahl der Juden ist in dieser Zeit von 10% Millionen auf fast 16 Millionen gestiegen. Sie ist damit weit höher als jemals zuvor. Auch die Verteilung der Juden in der Welt hat in den letzten drei Jahrzehnten große Veränderungen erfahren. Bald drei Millionen Juden sind in dieser Zeit aus den Ländern Osteuropas nach Mittel- und Westeuropa, nach den Vereinigten Staaten und anderen überseeischen Ländern ausgewandert und sind zum größten Teil aus der Not zum Wohlstände aufgestiegen. In den Vereinigten Staaten, in denen um 1900 nur etwa eine Million Juden wohnten, leben heute 4(4 Millionen. Die Rechtsbeschrünkungen und unerhörten Bedrückungen, denen die sechs Millionen Juden in Rußland vor dem Weltkriege ausgesetzt waren, haben aufgehört. Die gesetzliehe Gleichberechtigung der Juden ist nach 1500 Jahren rechtlicher Zurücksetzung in der ganzen Welt durchgeführt. In den meisten Ländern Osteuropas sind die Juden seit dem Weltkriege durch die völkerrechtlichen Verträge zum Schutze der nationalen Minderheiten als nationale Minderheit anerkqnnt und haben dadurch das Recht erhalten, ihr kulturelles Leben nach eigenem Willen zu gestalten. Die jahrhundertealte Sehnsucht der Juden nach Palästina hat durch die Baifour-Deklaraticn und durch das Palästina-Mandat eine Völkerrechtliche Grundlage zu ihrer Verwirklichung bekommen, die uns vor 15 Jahren noch als ein Traum erschien. Unter diesem Gesichtspunkte gesehen, steht der Bau der Judenheit heute imposanter da als jemals zuvor. Aber hinter der glänzenden Fassade sind zerstörende Kräfte am Werke. Sie untergraben den Grundpfeiler des Baues, nämlich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden, das auf ihr« Religions-, Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaff gegründet war. Wir sind gewohnt, diese Erscheinung als Assimilation zu bezeichnen. Wir verstehen darunter, daß Juden sich von der traditionellen jüdischen Kultur, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts allen Juden gemeinsam war, loslösen und in das Herrschaftsgebiet einer anderen Kultur gelangen, die ihnen höher 31s die eigene erscheint. Der Redner schildert sodann ausführlich den Prozeß der Zerbröckelung des Judentums in den einzelnen Ländern und fahrt dann fort: Das Judentum hat heute auf einer viel längeren Front und mit viel stärkeren Feinden zu kämpfen als früher. Die Mittel, die es früher zur Verteidigung benutzte, wie z. B. die Sorge für Religionsunterricht der Kinder und für geordneten Gottesdienst, genügen in dem heutigen Kampfe nicht mehr. Die Juden der ganzen Welt haben im, letzten Jahrhundert von den Energien gelebt, die die osteuropäische Judenheit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert durch Konzentration ihres Geistes auf die jüdische Literatur und durch Heiraten innerhalb des eigenen Kreises in sich aufgespeichert hattte. Die jüdischen Auswanderer aus Osteuropa brachten diese jüdischen Energien in die Auswanderungsländer mit. Mit der Sperrung der Einwanderungsländer und mit der drohenden Erschöpfung des Kräfteservoirs in Osteuropa ist die Judenheit außerhalb Osteuropas auf ihre eigenen Kräfte zu ihrer Verteidigung angewiesen. Und es scheint, als ob diese Kräfte zur Abwendnng der Gefahren nicht ausreichen, als ob das Judentum sich auf einer abschüssigen Bahn bewegte, an deren Ende der Untergang steht. Wem dies nichts sagt, wer der Auflösung der Juden als einer besonderen ethnischen Gruppe und in ihrem Aufsehen in der übrigen Menschheit teilnahmslos zu- Sieht, mit dem ist freilich nicht zu rechten. Aber er zeigt Mangel an Verständnis für das, was die Judenheit jetzt und in Zukunft für die Menschheitskultur bedeutet und für das, was der einzelne Jude von heute der Judenheit schuldet. Hätten die Juden nicht durch ihren engen Zusammenschluß alle in ihnen enthaltenen natürlichen Anlagen konserviert und immer höher in der Richtung der Oeistigkettt gezüchtet, so hätten sie der Menschheit viel weniger bedeutende Männer auf dem Gebiete von Wissenschaft und Wirtschaft gestellt und sie selbst wären nicht auf die kulturelle und Wirtschaftliehe Höhe gelangt, die sie inne haben. Tatsächlich ist die Zahl der Juden, denen das Verschwinden der Juden gleichgültig ist, gering. Viel größer ist die Zahl derjenigen, die die Größe der Gefahr nicht sehen, weil man Zeit hat, sich an diese Erscheinungen zu gewöhnen und sich damit zu trösten, daß das, was in der Vergangenheit dem Judentum keinen tödlichen Streich versetzt hat, es auch ln der Zukunft nicht tödlich treffen kann. Aber die Oefahr hat eben heute einen ganz anderen Umfang und Charakter angenommen als früher. Was können wir zur Abwehr dieser Gefahr tun? Für uns Zionisten ist es klar, daß die Diaspora aus sich heraus nicht die Antitoxine schallen kann, die gegen die Einwirkungen der Assimilation schützen können. Nur abseits von der großen Heerstraße der christlichen Kuitur, in einem Lande, mit dem wir uns historisch verbunden fühlen und das alle ins Unterbewußtsein gesunkenen jüdischen Gefühle wieder aktiviert, in einem Lande, in dem unsere Kinder von frühester Jugend an die Sprache der Bibel sprechen und ihren Geist durch sie formen, kann ein jüdisches Leben ent- Stehen, das stark genug ist, die Wirkungen fremder Kulturen zu überwinden una darüber hinaus warmes jüdisches Blut auch, In die Adern der Diaspora zu fördern. Aber damit, daß wir Zionisten die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina als den einzigen Ausweg aus den Gefahren ansehen, ist das Problem praktisch «een nicht gelöst Die Zahl der Juden in Palästina beträgt heute nur 160000, d. h. nur ein Prozent aller Juden der Weit. Wir können zwar mit Stolz sagen, daß Palästina, das vor drei Jahrzehnten bei den Juden der Welt nur als Chalukkahland bekannt war, das nur zu nehmen, aber nichts zu geben bereit war, inzwischen eine andere Einschätzung erfahren hat. Aber es ist klar, daß die Leistungen Palästinas nicht die notwendige große Resonanz und Wirkungsbreite haben können, wenn sie itur von einem Häuflein von 160000 Juden getragen werden. ich habe seit zehn Jahren wiederholt meiner Ueberzeugung Ausdruck, gegeben, daß es bei einer ernsthaften Kraftanstrengung der ganzen Judenheit möglich ist, die Zahl der Juden in Palästina in den nächsten 10—15 Jahren auf eine halbe Million und in weiteren 10—15 Jahren auf eine Million zu bringen.!Wenn et

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